Die Lagune

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Die Lagune

Nur noch eine letzte Fahrt mit dem Nachtbus trennte mich noch von den Stränden Goas. Dort würde meine Reise vorläufig enden. Ich hatte mir in der Einsamkeit und Beklemmung in den Bergen Kaschmirs geschworen, an Weihnachten im Kreis meiner Familie zu sein und meine Freunde zu besuchen, bevor ich meine Reise fortsetzte.

Auf der Fahrt fielen mir schwere Steine vom Herzen; eine wahre Odyssee lag hinter mir. Meine Reise hatte nicht gerade unter beson­ders günstigen Sternen gestanden: Waldbrände und Bombenanschlag in Athen, schwere Überschwemmungen in Istanbul, Paranoia in den Bergen von Kaschmir, windige Mafiosi in Rajasthan, Zyklon über Bombay. Die hekti­sche Stadt hatte ich am Rande des Nervenzusammenbruchs erlebt. Es schien mir fast, als wolle mich Bombay mit Haut und Haaren verschlu­cken. Nun sehnte ich das Erreichen der letzten Station meiner Indienreise herbei. Ich war davon­ge­kommen und trug zugleich viele Entdeckungen in meinem Herzen. Es fühlte sich an, als hätte ich eine schwere Prüfung bestanden.

Unterwegs kam ich in den zweifel­haften Genuss, mir ein 80 Zentimeter breites Doppelbett mit einem Unbekannten zu teilen. Der angehende indische Geschäftsmann, der zu meinem unfrei­wil­ligen Gefährten geworden war, blickte mich entsetzt an, als er sein Dilemma erkannte. Er befand sich auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitsplatz in Goa und konnte sich offen­sicht­lich Besseres vorstellen, als sein Bett mit einem bärtigen Hippie zu teilen. Stammelnd fragte er mich, ob ich schwul sei. Doch ich wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen.

Nach langer Fahrt erreichte ich einen belebten Strand im Süden Goas. Der Bundesstaat zieht sich über 100 Kilometer in einem schmalen Streifen am Arabischen Meer entlang. Ich blickte über eine sichel­för­mige Bucht, die an beiden Enden von Felsen einge­rahmt war. Palmen, Holzhütten, Bars, Restaurants und kleine Läden säumten die Strandpromenade. Ich setzte mich in den Sand, lauschte dem beruhi­genden Rauschen des Meeres, sog den Salzgeruch tief in mich auf, ignorierte die Schlepper und wollte bleiben.

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Eine halbe Stunde später bezog ich die erste Kokoshütte meines Lebens. Es war das erste Mal seit Istanbul, dass ich mich wieder am Meer befand. Seitdem hatte ich 3000 Kilometer in Indien zurück­ge­legt. Den ersten Vollmond sah ich im Himalaja, den zweiten in der Wüste, beim dritten lag ich im Ozean.

Am Anfang fiel es mir schwer, Kontakte zu knüpfen und die Einsamkeit zu durch­bre­chen, die meine Reise oft geprägt hatte. Zunächst beschränkte ich mich auf einsame Wanderungen an den Stränden der Umgebung. Ich hatte kaum Zeit zum Luftholen gefunden, wenige Häfen, in denen ich zur Ruhe kam. Eigentlich war ich aufge­bro­chen, um mich von den anstren­genden Jahren, die hinter mir lagen, zu erholen. Stattdessen war meine Reise zu einer Tortur verkommen. Statt zu relaxen, hatte ich mich mit immer neuen Herausforderungen konfron­tiert und mich mit einer beacht­li­chen Zielsicherheit in unange­nehme Situationen gebracht. Auf der anderen Seite war mein Kopf voll von Eindrücken und ich war ein wenig stolz, dass ich trotz aller Widrigkeiten nicht aufge­geben und es bis hierhin geschafft hatte. In einer der wenigen ruhigen Minuten in meiner Zelle in Bombay hatte ich noch einmal die Indienkarte zur Hand genommen und meine Route nachvoll­zogen. Erst da war mir richtig klarge­worden, welch riesige Strecken ich in Windeseile zurück­ge­legt hatte. Nun wollte ich zur Ruhe kommen.

Und es war an der Zeit mich wieder FÜR etwas zu entscheiden. Und so folgte ich der Einladung zu einem „Eastern/Western-Konzert“. Ich hoffte an dem Abend Kontakte zu knüpfen. Als ich ankam, blieb mir jedoch zu meiner Enttäuschung nur ein einsamer Tisch direkt vor dem Musikensemble. So vertiefte ich mich ganz in die Musik und nach kurzer Zeit war meine Schwermut wegge­blasen. Die Sängerin vor mir hatte eine phantas­ti­sche Stimme, sang auf Französisch, Englisch und Hindi; sie war sinnlich, strahlte Energie und Hingabe aus und wurde von einem indischen Tablaspieler und einem Querflötenspieler begleitet, der seinem Instrument Jazz entlockte. Das Trio harmo­nierte perfekt.

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Auch die Texte sprachen mich an. The warrior walks alone schien ein Sinnbild für meine Reise zu sein. It doesn’t really matter, where we go sang sie – entschei­dend war die innere Haltung. Bald setzt sich Thomas zu mir, ein langhaa­riger, aufge­kratzter, musku­löser Typ. Durch seine mitrei­ßende und offene Art fühlte ich mich sofort mit ihm verbunden und wir teilten mein letztes Charras aus Manali. Ihm gefiel die Odyssee des langbär­tigen Reisenden, der seinen Weg in Bussen und Bahnen von Kaschmir über Himayal Pradesh, Rajasthan, Gujarat und Bombay hierher gemacht hatte und es war ihm ein Spaß, mich den Anderen als positiv-verrückten Einzelkämpfer vorzu­stellen. Bald bezog ich einer der Strandhütten.

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Am Vormittag hörten wir nepale­si­sche Musik und genossen die Ruhe, bevor die ersten Gäste von außer­halb eintru­delten. Dann waren meist ein paar inter­es­sante Typen angekommen, mit denen es sich lohnte, Geschichten auszu­tau­schen.

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Die natür­liche Meeresbucht in der unser Domizil lag, erinnerte an eine Lagune. Sie ist von einem Felsen geprägt, der die Bucht in zwei Bereiche teilt. Von seiner Spitze hat man ein wunder­volles Panorama über die ganze Bucht. Rechts vom Felsen blickt man auf die Fischerboote der Einheimischen. Gerne betrach­tete ich von dort oben aus den magischen Sonnenuntergang und die goldene Welle, die sich bei Flut im letzten Glanz der Abendsonne in der Bucht bricht.

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Die Bucht ist der einzige Ort in der näheren Umgebung, an dem die Einheimischen noch nicht vollständig vom Strand verdrängt worden sind. Viele vermieten ihre Häuser an Langzeitgäste und schlafen selbst auf den Veranden der Häuser. Nach wie vor gibt es auch Fischer, doch viele Bootsbesitzer sind dazu überge­gangen, ihre Boote für Touren zu versteckten Buchten oder für die Besichtigung von Delphinen anzubieten.

Die Lagune liegt zwischen zwei beliebten Stränden und hat doch eine ganz eigene Atmosphäre. Es ist erstaun­lich, dass sich verhält­nis­mäßig wenige Touristen hierher verirren. In die Bucht zieht es vor allem Menschen, die sich länger nieder­lassen wollen.

Wichtiger als die pure Schönheit der Lagune war für mich die Besatzung meines kleinen Paradieses:

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Noah war der Chef des Restaurants. Seine natür­liche Herzlichkeit sprang sofort auf mich über und ich schloss ihn auf Anhieb in mein Herz. Er stammt aus Nepal und war schon als Jugendlicher in den Hotelbetrieb seines Vaters in Kathmandu einge­stiegen. Er hatte früh gelernt, sich auf die Bedürfnisse von auslän­di­schen Gästen einzu­stellen, deren indivi­du­elle Sichtweise sich grund­le­gend von der asiati­schen unter­scheidet, die sich viel stärker auf das Familiensystem oder das Kollektiv bezieht. Gerade volljährig, hatte es ihn nach Südindien gezogen. Zunächst war er ein einfa­cher Angestellter in einem kleinen Resort. Dabei erwies er sich als so geschickt, geschäfts­tüchtig und kreativ, dass er bereits im zweiten Jahr zum Partner eines Engländers in einem Restaurant mit Strandhütten aufstieg. Nachdem der sich ein Jahr später vollständig aus dem Geschäft zurückzog, übernahm er den Laden und machte ihn schnell zu einer beliebten Adresse am zuneh­mend umkämpften Hauptstrand.

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Dort hatte er Axelle kennen gelernt. Sie war jene Sängerin, deren Performance mir die Magie des Ortes eröffnet hatte. Der künst­le­ri­sche Ausdruck war ein zentrales Element in ihrem Leben. Sie studierte seit Jahren indische Musik. Ihre künst­le­ri­sche Ader bewirkte, dass sich viele andere Kreative angezogen fühlten. Das war von Anfang an Teil des Konzepts – einen Ort zu schaffen, an dem Raum für Inspiration und Begegnung von Künstlern entstand. Sie hatte klare Vorstellungen von ihrem Leben, doch eines war ihr noch wichtiger: dass sie immer einen offenen Raum vor sich fand, den sie gestalten konnte.

Nach der Geburt ihrer gemein­samen Tochter June hatten sie gemeinsam das neue Restaurant in der ruhigeren Bucht aufge­baut. June ist ein unglaub­lich fröhli­ches Kind mit einer unbän­digen Kraft und einer Ausstrahlung, die jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

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Thomas managte die sechs Hütten neben dem Restaurant. Wer seine kräftige Statur und sein jugend­li­ches Wesen erlebte, glaubte kaum, dass er bald 50 werden würde. Seit einigen Jahren zog es ihn für die Hälfte des Jahres nach Goa. Er ließ sich durch nichts verbiegen, beschritt konse­quent seinen eigenen Weg und lebte seine Träume. Für mich war er der „high-powered mutant“ – too weird to live, to rare to die – aus „Fear and Loathing in Las Vegas“, ein Hightech-Hippie, Musikproduzent, ein Lebemann im Hier und Jetzt. Er hatte seine Schlachten auf Jamaika, in San Francisco, Paris, Goa und anderen Orten geschlagen. Ich stand noch am Anfang meiner asiati­schen Jahre.

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Wir erlebten grandiose Abende, doch im Gegensatz zu mir saß er nach einer durch­zechten Nacht wie eine Eins am Frühstückstisch und verbrei­tete schon wieder gute Stimmung. Frauen zog er magisch an. Gerne präsen­tierte er mir neue weibliche Gäste mit den Worten „it is a present for you!“ Er war gerne ein Spaßvogel, aber niemals ein Leichtgewicht. Wenn es drauf ankam stand er wie ein Fels. Er bespielte auch die Bar und bis heute erklingen Perlen von diesem Erbe aus meinen Boxen.

Besonders viel Freiheit empfand ich durch meine Erkundungsfahrten mit dem Scooter. Es waren meine ersten Erfahrungen mit einem fahrbaren Untersatz, seit ich führer­scheinlos einen geparkten Mazda gerammt hatte. Am Anfang war ich etwas unsicher, schließ­lich hatte ich keine Fahrerfahrung und der indische Verkehr ist gewöh­nungs­be­dürftig: Man kommt nicht umhin, sich die Straßen mit verrückten Verkehrsteilnehmern, törichten Hunden und den stoisch vor sich hin trottenden Kühen zu teilen, die sich durch nichts beein­dru­cken lassen. Man sollte eine Kollision mit den ehren­werten Tieren in jedem Fall vermeiden, wenn man es nicht darauf anlegt, von einem wütenden Mob nieder­ge­knüp­pelt zu werden. Dazu kamen die Busse, die ohne Rücksicht auf Verluste durch die Gegend rasen. Die Straßen sind zum Teil sehr gut, andere Abschnitte präsen­tieren sich in katastro­phalem Zustand und voller Schlaglöcher. Nachts kann man in Erfahrung bringen, dass viele Scooter entweder ausschließ­lich Fern- oder gar kein Licht besitzen. Man muss immer auf der Hut sein. Doch schnell fand ich Sicherheit und genoss die Fahrten durch phantas­ti­sche Dschungellandschaften, an den wenigen abgele­genen Stränden entlang und durch kleine Dörfer hindurch. Wilde Felsen, raue Brandung, das Rauschen der Wellen, goldene Sonne, die Weite des arabi­schen Meers, versteckte Buchten. Freiheit pur!

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Mein Lieblingsplatz war einer der letzten einsamen Strände im Süden. Er wurde zu meinem persön­li­chen Kraftort. Steile Klippen überragen den perfekten Palmenstrand.

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Abgesehen von Wellengang und Wind war es dort vollkommen still. Nach einem ausge­dehnten Bad stand ich wieder auf den Felsen und blickte über eine kilome­ter­lange Bucht, sah dem Farbenspiel des Sonnenuntergangs zu, bis ich in vollkom­mener Dunkelheit die Rückfahrt antrat. Ein Ort, an den ich fuhr, wann immer ich auftanken wollte.

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Eine Abwechslung waren die seltenen Ausflüge ins Landesinnere. Das hügelige Hinterland ist mit Bambus und Farnen bewachsen, und in Lagen von über 500 Metern erstre­cken sich immer­grüne Feuchtwälder.

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Das Tiefland ist stärker vom Ackerbau geprägt.

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Gerne fuhr ich auch an den Mangrovenwäldern der Flussmndungen und an kaum besuchten Stränden zu Joseph, dem immer lächelnden Chef einer Strandbar. Hier lockten Wellen, Hängematten und frische Seefrüchte aller Art.

Noah, Junkerry und Thomas waren ein einge­spieltes Team und so gelang es ihnen fast spiele­risch eine Atmosphäre zu schaffen, in der ich mich sofort wohlfühlte. Es war für sie ein Zuhause, das spürte ich auf Anhieb. Auch andere Aussteiger wurden von diesem Ort magisch angezogen. Die Begegnungen mit denen, die sich wie ich auf die Suche nach einem anderen Leben gemacht hatten, berei­cherten mich enorm. Manche hatten dieses Leben schon gefunden. Sie folgten ihrer Intuition, einer inneren Überzeugung, die zur Bestimmung geworden war. Sie hatten aufge­hört, ihre Ziele zu stark zu hinter­fragen. Eines ergab sich aus dem anderen. Das wollte auch ich lernen. Meistens waren es sehr einfühl­same Menschen, die für andere ein offenes Ohr hatten. Es war für sie eine Selbstverständlichkeit, die Einheimischen mit dem gebotenen Respekt zu behan­deln. Seit Langem hatte ich wieder das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das war mein Tribe.

Natürlich mussten die Drei mit ihrem Geschäft genug verdienen, um im Sommer in Europa über die Runden zu kommen. Freitags zur Live-Music war es wichtig, dass der Laden voll war. Es war der Höhepunkt der Woche und ich wurde nie müde den vertrauten Liedern zu lauschen, Bekanntschaften aufzu­fri­schen und mich an „Wodka Melon“ zu laben. Alles war gut, solange ich mich nicht an dem „Old Monk“ vergriff, einem heimtü­cki­schen indischen Rum, vom goani­schen „Feni“ ganz zu schweigen. Am besten gefiel mir, wenn der Strom ausfiel und nur Kerzen das Restaurant beleuch­teten. Manchmal zelebrierte einer der Nepali eine Feuershow am winzigen Sandstrand vor dem Felsen.

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Im Wesentlichen standen aber eine relaxte, angenehme Atmosphäre und persön­li­cher Kontakt im Vordergrund. Die richtigen Menschen fanden automa­tisch hierher und verbrei­teten über Mundpropaganda das Wort. Sicher gab es auch die, die ihre Individualität so stark auslebten, dass sie anderen den Raum nahmen. Es kam durchaus vor, dass solche Gäste freund­lich gebeten wurden, sich nach einer anderen Unterkunft umzusehen.

Noah wählte jedes Jahr in Nepal die Angestellten für die Saison aus und brachte ihnen alles bei, was sie über das Geschäft wissen mussten. Über mehrere Saisons hinweg konnte ich beobachten, wie inner­halb kurzer Zeit aus schüch­ternen Jungs gestan­dene Männer wurden, die genau wussten, worauf es ankam. Sie legten großen Arbeitseifer in der Küche und im Service an den Tag. Es war ihre Chance, Fuß im Tourismus zu fassen, und sie gaben alles dafür. Weltklasse, wie sie mit beschei­denen Mitteln phantas­ti­sche Speisen auf den Tisch zauberten. Im Gegensatz zu vielen Restaurants am Strand war das Ziel nicht, alle Küchen der Welt anzubieten und davon nur einen Bruchteil zu beherr­schen; alles, was auf der Menükarte stand, war eine Köstlichkeit. Es gab Momos und aufwen­dige Thali-Varianten, frisch gefan­genen Fisch, Krebse und Garnelen und allerlei andere Delikatessen. Gerne gesellte ich mich zu ihnen, um zu plaudern, mir von Nepal erzählen zu lassen oder ihnen bei der Arbeit zuzusehen.

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Zweimal am Tag konnten wir das Spiel von Ebbe und Flut beobachten. Der Wasserstand variiert um gut einen Meter, was den Blick auf die Bucht fortwäh­rend verän­dert.

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Bei Vollmond strömt das Meer bis vor die neben dem Restaurant gelegenen Hütten. Vom gemüt­li­chen Chill-Out-Bereich inmitten des Restaurants, unserem Wohnzimmer, hatten wir die Bucht direkt vor Augen. Ich ruhte immer stärker in mir selbst, zugleich fühlte ich mich, als würde ich ein wenig schweben. Es erleich­terte mich sehr, dass ich meine Reise doch noch zu so einem runden Ende bringen konnte.

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Möglicherweise waren es gerade die schwie­rigen Phasen meiner Reise, die mich hierher geführt hatten. Hier hatte ich endlich die richtigen Menschen um mich herum entdeckt und ich genoss es sehr, die letzten Wochen meiner Reise gemein­schaft­lich mit ihnen zu teilen.

 

Goa war meine erste richtige Begegnung mit dem Hippie-Trail. In den 60er- und 70er-Jahren waren die Hippies von Istanbul aus über den Iran und Afghanistan bis nach Indien, Nepal, Ceylon (Sri Lanka) oder Thailand gereist. Goa war einer der Sehnsuchtsorte ihrer langen Reise, die in Nordamerika und Europa begonnen hatte. Sie fanden ein Paradies vor. Sie stießen auf kleine Fischerdörfer und einsame Strände. Der Tourismus spielte eine Nebenrolle und öffent­liche Verkehrsmittel fuhren selten. Die Aussteiger flüch­teten vor den zuneh­mend anonymen, karriere- und geldori­en­tierten westli­chen Gesellschaften und waren voller Hoffnung im mystisch aufge­la­denen Osten nach ihren Vorstellungen leben zu können. Mithilfe von Yoga, Meditation und Drogenerfahrungen versuchten sie, den Verstand als Werkzeug einzu­setzen und nicht mehr von ihm beherrscht zu werden, frei nach Timothy Learys Slogan „turn on, tune in, drop out“. Sie suchten nach kreativem Ausdruck, Magie und einem neuen Lebenssinn. Für viele war Goa nicht in erster Linie ein physi­ka­li­scher Ort, sondern ein state of mind. Viele Hippies übernach­teten draußen unter dem Sternenhimmel. Sie lebten oft in kleinen Gruppen, wie in selbst­ge­wählten Familien. Viele Kinder wurden in Goa geboren. Die Dropouts blieben für Monate oder Jahre. Manche fühlten sich so wohl, dass sie niemals wieder weggingen. Die Goaner waren weltoffen und gastfreund­lich. Die Aussteiger fanden frucht­baren Boden vor.

Goa war 450 Jahre lang portu­gie­si­sche Kolonie und wurde erst 1961 von Indien in einem Handstreich annek­tiert. Viele Goaner waren davon wenig begeis­tert. Die verfal­lene Hauptstadt Old Goa war zu ihrer größten Blütezeit mit 300 000 Einwohnern deutlich größer als London. Von hier aus verwal­teten die Portugiesen ihre Kolonien in Asien. Die Terrassen und Säulenhallen alter Häuser mit ihren bunten Fenstern sind neben den weißen Kirchen und den portu­gie­si­schen Orts- und Familiennamen Zeugen dieser Vergangenheit. Auch die einhei­mi­sche Sprache Konkani ist durch­setzt von portu­gie­si­schen Wörtern.

Der große Zustrom von Touristen setzte in den 80er- und 90er-Jahren ein, als Raver in Scharen nach Goa kamen. Zwischen 1982 und 1985 legten viele DJ›s in Goa nicht mehr Reggae und Psychedelic Rock auf, sondern verlegten sich auf elektro­ni­sche Musik. Der „Goa-Trance“ wurde in Europa und Goa weiter­ent­wi­ckelt. Viele der Aussteiger, die bisher auf Ibiza einen rechts- und normen­freien Platz für ihren Lifestyle gefunden hatten, suchten nun in Goa ihr Glück. Die Einflüsse von Acid- und Gegenkultur der 60er-Jahre blieben unver­kennbar. Die DJ›s versuchten, die Effekte von LSD mithilfe dem Stakkato einer großen Trommel, indischen Musikeinflüssen, „außer­welt­li­chen“ Klängen und hypno­ti­schen Klangfarben zu simulieren. So waren die Partys eine Art moderne Initiation.

Die von Rucksacktouristen und den während der 1960er-Jahre ausge­wan­derten und noch heute in Indien ansäs­sigen Hippies beein­flusste Goa-Kultur propa­giert eine lebens­be­ja­hende Sichtweise, und ist stark mit den Ideen und Symbolen der 68er-Bewegung, buddhis­ti­scher Philosophie und Schamanismus verbunden. Weiter entfernt von den protes­tan­tisch geprägten Vereinigten Staaten von Amerika und seinen Puritanern oder dem konser­va­tiven Europa der Nachkriegszeit konnten sie sich kaum positio­nieren.

Der Begriff „Goa-Trance“ hat sich ins kollek­tive Gedächtnis gebrannt. In seiner Hochphase zwischen 1994 und 1998 wurden wilde »Full Moon Partys« gefeiert, die nur noch wenig mit den Lagerfeuern der Hippies am Strand gemein hatten. Goa war längst zu einer Marke mutiert und begann aus allen Nähten zu platzen.

Doch nachdem die indische Regierung Reformen beschloss, die die Freiheiten der Aussteiger deutlich einschränkten und sich zuneh­mend der Pauschaltourismus etablierte, kehrten viele Dropouts Goa den Rücken. Auch die Full Moon Partys fanden im Jahr 2000 ein jähes Ende, als man laute Musik nach 22.00 Uhr verboten hat. Danach verla­gerten sich die Partys nach Thailand, und mit ihnen zogen viele Raver und Partybegeisterte weiter. Die Partys wurden selten, denn abgesehen von der Silvesternacht sind die meisten illegal. Zum Bruch kam es wohl auch, weil die Drogen sich verän­derten. Aus Marihuana und Opium wurden Kokain und Heroin, die Musik wurde immer schneller getaktet und das Gemeinschaftsgefühl ging den Bach hinunter.

Trotz allem blieb der Ansturm auf Goa ungebro­chen. Überall wurden Resorts aus dem Boden gestampft. Pauschaltouristen begannen, die Strände zu belagern. Einsame Strände muss man inzwi­schen mit der Lupe suchen. 200 000 auslän­di­sche Touristen und zwei Millionen Inder zieht es jedes Jahr nach Goa. Dem stehen 1,5 Millionen Goaner gegen­über.

Doch es gibt auch heute noch Orte, an denen sich Goa etwas von seinem einstigen Flair bewahrt hat. Dort herrscht noch immer eine sehr relaxte Atmosphäre. Manchmal fühlte ich mich wie in einem »Global Village«, in dem sich westliche und indische Kultur begegnen konnten und sich vermischten. Dabei öffnen sich spannungs­ge­la­dene inter­kul­tu­relle Räume. Sinnsuchende, Hippies, Technofans, Künstler, Rebellen, Yogabegeisterte, Sonnenanbeter, Trinker, Junkies, geschei­terte Existenzen und Träumer werden von diesem Goa noch immer magisch angezogen.

Manche verwirk­li­chen den Traum von der Selbstständigkeit im Paradies. Das funktio­niert aber nur mit einem indischen Strohmann, da Ausländern inzwi­schen der Kauf von Land unter­sagt ist, nachdem Goa der Ausverkauf gedroht hatte. Der Wettbewerb ist immer härter geworden. Die Lizenzen für ein Restaurant, den Alkoholausschank und die Vermietung von Hütten sind inzwi­schen so teuer, dass sich ein Geschäft oft nur in der Illegalität und mit der Zahlung von Schmiergeldern lohnt. Dadurch besteht ständig die Gefahr, alles zu verlieren. Jedes Jahr wurden Exempel statu­iert und illegale Resorts mit dem Bulldozer nieder­ge­walzt.

Trotzdem dachte auch ich öfter daran, mich länger nieder­zu­lassen und meinen eigenen Wohlfühlort für mich und andere zu schaffen. Allerdings hatte meine absurd zustande gekom­mene Aushilfstätigkeit an der Bar den Schluss nahege­legt, dass ich damit noch etwas warten sollte. Ich war eigent­lich kein schlechter Barkeeper, wenn man berück­sich­tigt, dass nachher alle Kunden im Koma lagen.

Und noch etwas stieß mir auf. Es war die Selbstgefälligkeit, die manche Aussteiger ausstrahlten, die sich schon (zu) lange nur in ihrer eigenen Filterblase befanden. Die von nichts anderem als von „Peace & Happiness“ schwa­dro­nierten, die längst vergessen hatten, dass sie in Indien lebten und von einer Welt profi­tierten, die ihnen den Platz an der Sonne beschert hatte. Ich hatte nicht vergessen, was außer­halb dieses Paradieses vor sich ging. Es war unmög­lich, nachdem ich gerade hautnah erlebt hatte, wie die Lebensrealität hunderter von Millionen Inder aussieht.

Außerdem bin ich davon überzeugt, dass der Glanz verblasst, wenn man sich ausschließ­lich auf das Licht starrt und die Schatten ignoriert. Natürlich ist es wunderbar sein eigener Herr zu sein und einen Traum zu verwirk­li­chen, aber man sollte sich nicht so verdammt moralisch überlegen fühlen, sondern dem Schicksal für so viel Glück danken und nicht die Menschen vergessen, die nie so viel errei­chen können. Sonst droht das Paradies zur Hölle zu werden. Wie könnte man Glück empfinden, wenn man nicht wüsste was Leiden bedeutet?

Zu Beginn der neunziger Jahre war der Süden Goas ein Geheimtipp. Der Lonely Planet hat das solange beschworen und die Welt hinaus­po­saunt, bis es nicht mehr stimmte. Seit kurzem stehen die Geldautomaten direkt am Strand. Die einstigen Fischerdörfer im Hinterland der Strände wimmeln heute von Geschäften, die jegliche Art von Souvenirs feilbieten. Es springt schon lange nicht mehr genug für alle heraus, die sich mühen, ein Stückchen vom Kuchen abzukriegen. Die meisten der fliegenden Händler, die Tücher, Kettchen, Räucherstäbchen und ähnliche Kleinigkeiten anbieten, stammen aus den umlie­genden Bundesstaaten und versu­chen der bitteren Armut zu entkommen.

Erfreulich ist hingegen, dass eine ökolo­gisch-nachhal­tige Form des Tourismus einen Boom erlebt. Gerade die vielen Aussteiger, die ein eigenes Geschäft auf die Beine gestellt haben, verschreiben sich einer neuen Umweltverträglichkeit, die auch von immer mehr Touristen einge­for­dert wird. Das betrifft den Aufbau von Restaurants und Hütten ganz aus Sperrholz, den Umgang mit Abwässern oder das Bereitstellen von Wasserfiltern. Andererseits sind die Strände im Zentrum Goas um Neujahr mit Müll übersät und der Wasserverbrauch durch den Tourismus ist enorm. Goa ist die Projektionsfläche für viel zu viele Träume geworden.

Yoga kann man in Goa auch heute nicht entkommen Der esote­ri­sche Schnickschnack, dem vor allem Yogalehrer und Einsteiger erliegen, ist bisweilen kaum zu ertragen. Nicht überall, wo Shanti drauf­steht, ist auch Shanti drin! Man kann alles übertreiben.

Das ändert nichts daran, dass ich Yoga als eine sehr anregende körper­liche und sinnliche Erfahrung erlebt habe. Gerade die Unterrichtsstunden bei dem nahezu blinden Yogi, der zehn Jahre alleine in einer Höhle verbracht hatte, beein­druckten mich nachhaltig und zeigten mir einen Einblick in die spiri­tu­elle Dimension der Yoga-Philosophie. Dieser Art des Yoga mit Gebet, inten­siven Atemübungen und Meditationsphasen bringe ich großen Respekt entgegen. Der Versuch, Yoga westli­chen Bedürfnissen anzupassen, gelingt dagegen oft nicht. Power-Yoga ist für mich nichts anderes als die Verkehrung des eigent­li­chen Gedankens, ein bewusstes Leben zu führen. Yoga ist eine uralte Philosophie und keine Gymnastik.

Eines Abends, an dem es mal wieder keine Elektrizität gab, genossen wir im kleinen Kreis ein „Candlelight-Dinner“ in der liebge­wonnen Bar. Wir beschlossen, den schnei­digen Yogafreaks etwas hoch Sportliches entgegen zu halten. Ich hatte in Manali eine rauch­bare Kokosnuss erstanden. Der schrul­lige Verkäufer, ein Landsmann, hatte sie an den Stränden Goas gesam­melt und in Manali bearbeitet. Ich hatte sie nun zurück­ge­bracht und es schien mir standes­gemäß, sie dort einzu­weihen, wo sie einst von der Palme gefallen war.

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Als wir gerade erste Atemübungen mit dem neuen Sportgerät durch­führten, kam Boris, der Stammgast schlechthin, von seiner ersten Yogastunde zurück. Er irittierte unfrei­willig die Einheimischen damit, dass er tatsäch­lich Rikschafahrer in München war. Er war völlig überdreht und strahlte eine befremd­liche Begeisterung aus, wo wir doch gerade dabei waren, tiefen­ent­spannt in unsere Sessel zu versinken. Ich murmelte: »Yoga is dange­rous for Boris. Soon he will become a warrior and destroy every­thing«.

In dieser Stimmung nahm Boris ein paar Züge durch die Kokosnuss und intonierte: »Yoga gives Power«. Erst jetzt bemerkten wir, dass auch wir Yoga betrieben, eben Coconutyoga. An diesem Abend wurde Mr. Coconutyoga geboren – mein Alter Ego. Der geschätzte Herr Coconutyoga wurde zu einer Visitenkarte, zu einer Marke, nicht zu kontrol­lieren, geschweige denn zu vermarkten. Er musste fortan für meine Fehltritte einstehen. Denn er ist eindeutig der Verrückte in meinem Kopf, dafür ist sein Leben auch um einiges inter­es­santer. Und ohne ihn wäre ich wohl ein unerträg­li­cher Moralapostel. Wenn er die Kontrolle übernimmt, schaut der Analytiker und Vernünftige dumm aus der Wäsche – aber selbst er kann sich ein Lächeln nicht verkneifen angesichts der puren Sorglosigkeit, mit der dieser Unbelehrbare ins Fettnäpfchen tritt. Er hat keine Zeit zum Grübeln, ist getrieben und muss eher zusehen, dass er nicht alles in den Sand setzt – wobei ihm das in seiner Manie bisweilen erschre­ckend egal ist.

Doch ich war hier nicht allein mit meinem Wahnsinn. Beim Vergleich mit Südostasien erscheint mir der Anteil der Sinnsuchenden in Indien deutlich größer. Zugleich findet man aber auch die mit Abstand verrück­testen Typen. Der Grat zwischen Heiligen und Wahnsinnigen ist nirgendwo so schmal wie in Indien – auch einer der Gründe, warum ich begann, das Land so zu lieben.

Da war zum Beispiel „Italian Baba“; wir hatten ihn so getauft, weil er die Kokosnuss wie kein anderer rauchte. Er sprach ausschließ­lich Italienisch und scherte sich nicht darum, ob man ihn verstand oder nicht. Ich habe selten einen härteren Raucher, Trinker und Kiffer gesehen. Mit seinem massigen Körper steckte er fast alles weg. Zum Morgen ein Bier und einen Joint, der mich ins nächste Eck geschleu­dert hätte. Endgültig zum Unikat wurde er, als er sich eines Morgens dem Restaurant mit einem Kajak von der Bucht aus näherte. Noch beim Einlaufen orderte er einen Espresso und ein Bier. Er landete an und setzte sich an die Bar. Aus seinen Taschen zog er Bankkarte, Pass und Geld – alles völlig durch­nässt. Das kümmerte ihn aber nicht im Geringsten. Den wichtigsten Gegenstand hatte er ein weiteres Mal verpackt – seinen Joint. Ungerührt steckte er diesen an und machte sich daran, die italie­ni­sche Sprache in der Welt zu verbreiten.

Ich verließ Goa kurz vor Weihnachten, zwei Monate später war ich schon wieder zurück und setzte von dort aus meine Reisen fort. Auch in den folgenden Jahren blieb die Lagune ein wichtiger Ankerplatz. Nach und nach erlebte ich alle Phasen der Saison: den mühsamen Aufbau der Hütten, die gespannte Erwartung, bevor die ersten Touristen kamen, den Höhepunkt mit Weihnachten und Sylvester und das Ende, wenn alle Touristen abreisen und wieder Ruhe einkehrt.

Mitte April nach meiner Rückkehr war die Lagune verwaist, die Hitze war gnadenlos. Der Monsun kündigte sich mit bleiernen Wolkenfronten an, aus denen es noch nicht regnen wollte. Jeder Gedanke wog Tonnen. Die Hütten würden bald wieder in ihre Einzelteile zerlegt und einge­la­gert; der Gewalt des Monsuns hatten sie nichts entge­gen­zu­setzen. Ein halbes Jahr später würden die Hütten wieder aufge­baut und die Idealisten, die Freaks, die Pauschaltouristen und Aussteiger wieder mit ihren Träumen und Alpträumen einziehen. Ich würde einer von ihnen sein.

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Was auf meiner ersten Indienreise zuvor geschah:

Reisedepesche: Gefangener des Hausboots – Lost in Paradise

Reisedepesche: Dharamsala – Siddhartha, Pinku und der Dalai Lama

Reisedepesche: Paranoia Pushkar – Bhang, Gauner und Kamele


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