I. Der Anlass

Warum fährt einer nach Tor­re­mo­li­nos? Das ist aus heu­ti­ger Sicht nicht ein­fach zu ver­ste­hen. Die Gemeinde an der spa­ni­schen Costa del Sol süd­lich von Málaga ent­wi­ckelte sich in den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren zu einem der ers­ten gro­ßen Zen­tren des auf­kom­men­den Mas­sen­tou­ris­mus, und das ist nun wirk­lich schon eine Ewig­keit her. Wenn man von einem ande­ren Jahr­hun­dert spricht, dann fühlt es sich genau so lange an. 

Da saß nun, sagen wir im Jahr 1969, Fami­lie Schulz im Rei­se­büro in Kas­sel und infor­mierte sich über die Mög­lich­kei­ten eines Bade­ur­laubs jen­seits hei­mi­scher Gefilde, in denen sonn­tags ein Bra­ten auf dem Tisch stand und man – es war die Zeit noch vor der ers­ten Ölkrise – fest an das nicht enden wol­lende Wirt­schafts­wun­der der jun­gen Bun­des­re­pu­blik glaubte. Ita­lien und Spa­nien waren damals noch ferne Län­der. Wer dort Urlaub machte, galt schon fast als hal­ber Weltbürger. 

So zeigte die Mit­ar­bei­te­rin des Rei­se­bü­ros also die Kata­loge – mit Hotel­an­la­gen an der Adria, in Süd­frank­reich und eben in Anda­lu­sien. Und Herr Schulz, vom exo­ti­schen Klang des Namens Tor­re­mo­li­nos uner­klär­lich bewegt, wird damals gesagt haben: Das ist doch was, das machen wir. Sehn­suchts­ziel Spa­nien, Franco war egal. Von die­sem schick­sal­haf­ten Jahr an ver­brachte Fami­lie Schulz mit ihren zwei Kin­dern jeden Som­mer in Tor­re­mo­li­nos, im war­men Mit­tel­meer­klima, gefühlt end­lose Ferien am ande­ren Ende der Welt, und es war mög­li­cher­weise die glück­lichste Zeit ihres Lebens. 

In den Zeh­ner-Jah­ren die­ses neuen Jahr­tau­sends ist ein Spa­nien-Urlaub an der Costa del Sol kein Sta­tus­sym­bol mehr, zumin­dest nicht in einem der alten Strand­ho­tels. Und doch laden Tho­mas Cook und Necker­mann zur Vor­stel­lung ihres neuen Som­mer­pro­gramms im Spät­herbst 2015 nach Málaga ein – genauer gesagt jedoch nach Tor­re­mo­li­nos. Denn dort steht das Hotel, in dem über­nach­tet wird: das Meliá Costa del Sol, zwei grobe Wohn­blö­cke in blei­chem Gelb, direkt am Strand. 

Eigent­lich ist die Orts­wahl gar nicht so über­ra­schend. Spa­nien ist immer noch das belieb­teste Aus­lands­rei­se­ziel der Deut­schen. Die Balea­ren und Kana­ren lie­gen zah­len­mä­ßig an der Spitze, doch auch hier in Anda­lu­sien ver­brin­gen jedes Jahr viele tau­send Bun­des­bür­ger ihren Urlaub. In Zei­ten, wo gefühlt jeder Zweite schon in den USA oder auf Bali war, ist das viel­leicht nichts mehr, womit man im Bekann­ten­kreis ange­ben kann, doch Spa­nien als Urlaubs­ziel ist unge­schla­gen erfolg­reich. In der Logik eines Mas­sen­rei­se­ver­an­stal­ters ergibt Tor­re­mo­li­nos also kom­plett Sinn.

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II. Die Erwartungen

Wer den Namen Costa del Sol hört, denkt viel­leicht an den Nobel­ba­de­ort Mar­bella, der ein­mal ein Stütz­punkt des inter­na­tio­na­len Jet Set war. Selbst der König von Saudi-Ara­bien hatte in den Sieb­zi­gern eine Villa in Mar­bella. Doch wahr­schein­li­cher ist, man denkt an die viel­be­schwo­re­nen »Bet­ten­bur­gen«, die sich ent­lang der Küste auf­rei­hen und nur wenig von­ein­an­der unter­schei­den. Stün­den sie im Vor­ort einer grö­ße­ren Stadt im Inland und hät­ten kei­nen Pool, könnte man sie für Miets­ka­ser­nen hal­ten. Doch hier am Meer sind es Gebäude, in denen Men­schen ihre Ferien ver­brin­gen und damit nicht unglück­lich sind. So sieht Mas­sen­tou­ris­mus eben aus.

Man ist geneigt, sich schon vor der Ankunft in Málaga für über­le­gen zu hal­ten. Wer hier Urlaub macht, denkt man, hat die Kunst des Rei­sens nie erlernt, und das ist bedau­er­lich. Wer in einem see­len­lo­sen Hotel an der Costa del Sol lan­det, hat ein schlich­tes Gemüt. 

In der Erwar­tungs­hal­tung an einen Ort wie Tor­re­mo­li­nos steckt immer eine Spur Selbst­ver­ge­wis­se­rung, dass man es bes­ser anstellt als Men­schen, die Pau­schal­ur­laub buchen und spä­ter wegen Män­geln im Hotel auf Preis­min­de­rung kla­gen. Diese Hal­tung ist nahe­lie­gend, aber von der Ein­sicht über das Wesen des Glücks so weit ent­fernt wie ein nige­ria­ni­scher Tage­löh­ner von einem Ein­fa­mi­li­en­haus in Hamburg-Harvestehude.

III. Der erste Eindruck

Kurz vor der Ankunft ist ein Gewit­ter über die Berge gezo­gen. Die Wol­ken die Küste rauf im Nor­den sehen immer noch bedroh­lich dun­kel aus. Sie drü­cken schwer auf das unspek­ta­ku­läre Meer, auf die Hotels, Lokale und Strand­bu­den. Feuch­tig­keit liegt über Tor­re­mo­li­nos und ver­stärkt den Ein­druck, dass der Moder schon lange an den Hoch­häu­sern frisst. Die Archi­tek­tur ist zweck­mä­ßig, funk­tio­nal. Viele Stock­werke mit Bal­ko­nen haben sie auf­ein­an­der­ge­sta­pelt, in Grau und Weiß und Ocker. Keine Fas­sade strahlt frisch, so als wären die Far­ben schon seit Jahr­zehn­ten der Sonne und dem Regen aus­ge­setzt – was ja oft auch stimmt, wie einem schnell wie­der einfällt. 

Alles in allem wirkt Tor­re­mo­li­nos ver­schla­fen und trost­los, zumin­dest an einem Herbst­tag, wenn die Hoch­sai­son lange vor­bei ist. Doch man sähe den Hotels ihr Alter auch an einem son­ni­gen Tag im Juli an, wenn mehr Urlau­ber da sind. Man müsste nur etwas genauer hin­schauen. Und so bleibt der domi­nie­rende Ein­druck, den man von die­sem spa­ni­schen Bade­ort bekommt: Man reist in die Vergangenheit.

Heute kann man mit weni­gen Klicks eine schi­cke Finka auf Mal­lorca oder einen Resort­auf­ent­halt in Thai­land buchen, da scheint ein Urlaub in Tor­re­mo­li­nos wie aus der Zeit gefal­len. Unter dem Spie­gel des Uni­ver­sums: Warum sollte man aus­ge­rech­net hier seine Ferien ver­brin­gen? Einer Fami­lie Schulz von heute steht doch die ganze Welt offen. Es gibt kei­nen Grund und es ergibt kei­nen Sinn – außer eben, man kam schon immer hier­her. Doch etwas ist erstaun­lich: Für jeman­den, der noch nie in Tor­re­mo­li­nos war, fühlt es sich den­noch so an, als sei man schon viele Mal dort gewe­sen. Wie kann das sein? 

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IV. Die Orientierung

Der selt­sa­men Melan­cho­lie, die einen bei der Ankunft in Tor­re­mo­li­nos anfällt, muss man nach­ge­hen. Dafür schrei­tet man am bes­ten die Strand­pro­me­nade ab, so wie sich das in jedem Bade­ort gehört. Rechts das Was­ser, links die Hotels. Links das Was­ser, rechts die Hotels. Tor­re­mo­li­nos geht im Nor­den fast naht­los in Málaga über, nach Süden raus in Ben­al­má­dena. Man könnte stun­den­lang an der Costa del Sol ent­lang­lau­fen und würde kaum mer­ken, wenn man eine neue Stadt erreicht hat. 

Hotels und Geschäfte drän­gen sich dicht auf dem schma­len Strei­fen zwi­schen Meer und Ber­gen, denn das Hin­ter­land erreicht rasch eine statt­li­che Höhe. Alles ist zum Was­ser hin aus­ge­rich­tet, denn ohne das Meer gäbe es hier kei­nen Tou­ris­mus – also prak­tisch nichts. Wer Bade­ur­laub macht, will ja immer zum Strand, dem Fix­punkt aller Träume. 

V. Der Sehnsuchtsort

Málaga ist ein hüb­sches Städt­chen (Kathe­drale und Alt­stadt, Picasso-Museum, die Fes­tung Alcazaba), doch in Tor­re­mo­li­nos gibt es keine Sehens­wür­dig­kei­ten – nur den Strand. Und so gibt es auch nicht den her­aus­ra­gen­den und bezau­bern­den Ort, den man für einen Kaf­fee oder einen abend­li­chen Umtrunk unter freiem Him­mel unbe­dingt emp­feh­len könnte. Das gas­tro­no­mi­sche Ange­bot ist rela­tiv gleichförmig. 

Es ist mehr der Ort selbst, in sei­ner Gesamt­heit, der eine große Sehn­sucht aus­löst. In der Calle Casa­blanca eine Pizza bestel­len, durch die Sou­ve­nir­shops bum­meln, am Strand ein Eis essen, kurz im Was­ser erfri­schen, dann nur noch in der Sonne lie­gen: So gehen die Ferien dahin. In die­sem pro­fa­nen Ablauf der Dinge steckt die befrie­di­gende Ein­fach­heit von Urlaub am Meer, wie sie aller­dings nur in Kin­der­ta­gen mög­lich war. Lang ver­gan­gen ist diese Zeit, doch hier wird sie noch ein­mal spürbar. 

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VI. Das Gefühl beim Abschied

Der erst­ma­lige Besuch von Tor­re­mo­li­nos ist wie die weh­mü­tige Erin­ne­rung an eine Reise, die es nie­mals gab. Oder doch – nur nicht hier. Jeder hat sein Tor­re­mo­li­nos, die­sen Bade­ort der Kind­heit. In mei­nem Fall ist das Men­ton in Süd­frank­reich, wo mein Bru­der und ich uns die Haut ver­brann­ten, jeden Tag Pizza aßen und nach Tin­ten­fi­schen schnor­chel­ten. Ein­mal pro Urlaub wan­der­ten wir in Turn­schu­hen und Ten­nis­so­cken zwei Stun­den um das Cap Mar­tin mit sei­nen Mul­ti­mil­lio­nen-Vil­len ins benach­barte Monaco. Dort staun­ten wir über die fla­chen Sport­wa­gen und die Cola für 30 Francs. 

Diese Zei­ten sind vor­bei. Als Mensch um die Drei­ßig sitzt man in Tor­re­mo­li­nos abends am Strand und schaut selt­sam gerührt auf das Meer. Die Zeit scheint an die­sem Ort wie für alle Ewig­keit kon­ser­viert, was natür­lich eine Illu­sion ist – Grüße an Fami­lie Schulz oder auch an meine Eltern, die eben doch schon fast ein gan­zes Leben hin­ter sich haben. Das Licht des Tages schwin­det, der Him­mel und das Was­ser schim­mern noch in Pas­tell­far­ben, Apri­cot und Rosa, und am Hori­zont zieht lang­sam ein Kreuz­fahrt­schiff vor­bei. Man wünscht sich, der Oze­an­damp­fer trüge einen fort aus der Ver­gan­gen­heit, die hier aus jeder Fuge empor­zu­stei­gen scheint, zurück in die Gegen­wart, und dann schließ­lich weit weg in eine auf­re­gende und opti­mis­ti­sche Zukunft, in fremde Länder. 

Die Gedan­ken: Wird’s noch­mal so wie frü­her? Kommt sie jemals wie­der, diese sorg­lose Eupho­rie schein­bar end­lo­ser Som­mer? Keine Über­le­gen­heit fühlt man mehr, eher Nost­al­gia Ultra wie bei Frank Ocean, irgend­wie sowas. „I’m about to drive in the ocean, I’ma try to swim from some­thing big­ger than me.“ Dann doch lie­ber zurück ins Hotel. Es ist dun­kel gewor­den, der Som­mer ist vor­bei. Auf Wie­der­se­hen, Vergangenheit. 

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Cate­go­riesSpa­nien
  1. Ariane says:

    Ich musste erst ein­mal stau­nen, als ich den Titel las – ich war tat­säch­lich mit der Schul­klasse in Tor­re­mo­li­nos, damals kurz vor dem Abitur, in einem die­ser see­len­lo­sen Bal­kon­sta­pel mit Schim­mel an den Zim­mer­wän­den und „inter­na­tio­na­lem“ Halb­pen­sion-Buf­fet. Viel mehr als den 24-Stun­den-Shop, in dem sie auch ohne Fra­gen nach dem Aus­weis Alko­hol und Ziga­ret­ten raus­ga­ben, den Strand und eine Schwu­len­k­neipe, die der Fami­lie einer Mit­schü­le­rin gehörte, haben wir dort aller­dings nicht gese­hen, son­dern sind tags­über glück­li­cher­weise nach Málaga, Sevilla, Ronda, Gra­nada oder Cór­doba gefahren ;)

    Ein wun­der­ba­rer Arti­kel, so feine Beob­ach­tun­gen, und wun­der­voll melan­cho­li­sche Fotos. Es ist fan­tas­tisch, wie du den Ort ein­ge­fan­gen hast. Vie­len Dank für die­sen tol­len Text!

  2. Morten und Rochssare says:

    Gro­ßes Kino, Phil­ipp! Du hast es geschafft einen mono­to­nen Bade­ort und Urlaub im Gleich­schritt lesens­wert zu ver­pa­cken. Irgend­wie klingt Tor­re­mo­li­nos jetzt gar nicht mehr so schreck­lich. Schließ­lich hat jeder ab und an mal Lust auf ein biss­chen Nost­al­gia Ultra.

  3. Guido says:

    Vor 16 Jah­ren. Wir waren jung. Last Minute war damals noch ange­sagt und Online Buchen extremst modern. Wir auch. Sowieso. 3 Tage vor Weih­nach­ten. Kurz­ent­schlos­sen muss­ten wir irgendwo hin, wo es wär­mer war. Aber viel war nicht mehr buchbar. 

    Para­sol Gar­den in Tor­re­mo­li­nos. Ein durch­fall­far­be­ner, win­kel­för­mi­ger 70er-Jahre-Beton­bun­ker in drit­ter Reihe vom Strand. Das Essen har­mo­nierte geschmack­lich fan­tas­tisch mit der Fas­sa­den­farbe. Die Bal­kone gar­niert mit den 5‑Euro-Plas­tik­stüh­len, die auch jetzt noch in den Fotos zu sehen sind. 

    Es folgte eine Woche bei 12 Grad und Dau­er­re­gen. 2 Aus­flüge bei Regen nach Ben­almaldena. 2 Aus­flüge bei Regen nach Malaga. Die Hälfte der Restau­rants geschlos­sen. Die andere Hälfte war offen­sicht­lich nicht wirk­lich zum Spei­sen gedacht, son­dern nur zum Erträn­ken von Kummer.

    Aber irgend­wann fah­ren wir noch mal hin und schwel­gen in der Vergangenheit.

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