Buchauszug: »Boarderlines« von Andreas Brendt

Boarderlines

»SCHEISSE!«,
schreie ich still, während er seitlich an mir vorbeigleitet.

Bali, 2001

Am Wochenende bringe ich die beiden schon wieder zum Flughafen. Wir liegen uns in den Armen, feiern den genialen Trip und kurz darauf sind meine Freunde bereits hinter den Sicherheitskontrollen verschwunden.

Furchtbar schade, obwohl ich jetzt wieder mein eigener Herr bin. Ich schmeiße den Motor an und kann mir die größten Wellen aussuchen, muss auf niemanden warten oder Rücksicht nehmen. Nach einer halben Stunde komme ich am Strand an.

Ich hüpfe in den Sand, lege die Leash an und wate zu den Wellen. Der Spot ist leer, wie ausgestorben…
Die beiden fehlen mir. Besonders im Wasser. Die Erlebnisse zu teilen und mit den Kumpels Unsinn zu quatschen, ist doch das Beste daran. Eigentlich eine Individualsportart: Du und die Welle. Vielleicht ein spiritueller Augenblick, in dem man eins wird mit der Natur. Manche sprechen von der letzten Wahrheit. Von dem Moment, in dem man sich selbst verliert und wieder findet. Irgendetwas davon geschieht in mir, aber es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Und ohne wirklich zu verstehen, was damit gemeint ist, vermeide ich das philosophische Hausieren.

Ich nehme eine brusthohe Welle, surfe sie bis zum Strand und paddele wieder hinaus. Tolles Gefühl.

Die Sonne scheint fahl im Licht des diesigen späten Nachmittags… Vielleicht ist es einfach nur Spaß, vielleicht auch mehr. Natürlich das Spiel mit der Vergänglichkeit, als Übung für das Leben. Weil man nur den Moment hat, den kurzen Ritt und nichts davon bleibt. Aber vielleicht ist es auch etwas ganz anderes. Der Surfer zeichnet seine Linie in die Welle, wie ein Künstler in sein Bild. Und so sehr Kunst auch einem Selbstzweck folgt, so ist sie nichts ohne Betrachter.

Ich positioniere mich noch ein paar Meter weiter draußen…

Was gibt es Schöneres, als die herausragendsten Momente im Wasser mit seinen Freunden zu genießen. Sich gegenseitig zu beobachten, anzufeuern. Freude ist das Einzige, was mehr wird, wenn man es teilt. Freunde sollten einen Blick auf die Linien des anderen, auf sein Kunstwerk, werfen können.

Meine Beine baumeln im tiefen Nass und lassen den Gedanken freien Lauf…
Jetzt sitze ich wieder alleine hier draußen. Surfe für mich, wunder­schön, aber es fehlt auch was.
Eine schwarze Wolke schiebt sich vor die Sonne und verdunkelt den blauen Himmel…
Freude ist ein Aspekt vom Surfen. Angst der andere. Und mit beidem ist man nicht gerne alleine. Besonders mit Angst. Und irgendetwas stimmt hier nicht.
Irgendwas stimmt hier ÜBERHAUPT NICHT!

Wieso bewegt sich das Wasser da vorne so merkwürdig?
Eine fiese Ahnung krabbelt in meinen Hinterkopf.
Dann Gewissheit: Da ist etwas.
Vielleicht 15 Meter entfernt, direkt unter der Wasseroberfläche.
Dann taucht es auf!
Die Rückenflosse ist so groß wie ein Rucksack.

Einen halben Meter, graublau, und die Spitze ragt zur Seite. Der dazugehörige Rumpf verbirgt sich unter der Wasseroberfläche. Der Schatten des Rückens ist sichtbar und er ist breit. Mit Schrecken erkenne ich, dass sich der Körper nicht auf und ab bewegt.
Es ist also KEIN Delfin! Natürlich nicht, weil mir schon lange klar ist, was hier los ist. Die Flosse schneidet geradewegs durch das Wasser. Das ohne Zweifel große Tier steuert direkt auf mich zu. Zehn Meter, acht Meter, sechs Meter. Fünf Meter entfernt, erkenne ich die massige Silhouette und sehe auch die Schwanzflosse:
Der Hai misst über zwei Meter!

»SCHEISSE!«,
schreie ich still, während er seitlich an mir vorbeigleitet. Aus nächster Nähe wirkt das Tier gewaltig. Er beschreibt einen halben Bogen und bleibt dabei genau auf einer Distanz von drei Metern. Meine Gedanken brüllen mir zu, was Paul in Südafrika erklärt hat, dass die meisten Haie ihre Opfer drei Mal umkreisen, bevor sie abtauchen, um von unten, aus der Tiefe anzugreifen.
In diesem Moment taucht die Flosse ab. Und ist weg!
Reflexartig reiße ich Arme und Beine aus dem Wasser. Ich liege auf dem schmalen Board und blicke mich um. Die Wasseroberfläche ist gespenstisch glatt. Nichts bewegt sich. Nur Stille. Brutale Stille. Mir wird bewusst, dass mein halber Oberkörper im Wasser hängt. Wenn er von der Seite kommt, sind meine Flanken völlig ungeschützt. Mit einem Biss hat er einen Fetzen Fleisch aus mei­ner Taille gerissen. Wie groß ist das Vieh? Wie groß sein Maul? Kann er seine Zähne durch mein Brett bohren? Mir Leber oder Milz herausreißen?
Ich schaue nach rechts: Nichts. Dann nach links: Nichts!
Warum sind Eckart und Claus nicht da?
Was macht man in so einer Lage? Wo ist die Theorie?
Gibt es kein Handbuch?

Keine Panik. Das steht an erster Stelle! Die riecht der Hai, und er liebt sie wie das Salz in der Suppe. Angst lädt ihn ein, weil sein Opfer unterlegen, weil sein Opfer leichte Beute ist. Verdammt, was hat er vor, wo ist er jetzt? Hunde, die bellen, beißen nicht, aber der Hai schlägt einfach zu, ohne Vorwarnung, weil er Hunger hat. Oder Blutdurst!Bloß ruhige, besonnene Bewegungen. Das ist es. Mit kräftigen, langsamen und vor allem selbstbewussten Armzügen einfach weg paddeln. Toller Plan. Ich traue mich kaum, das Wasser zu berühren. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ich die Hand vor mir ins Wasser gleiten lasse, durchziehe und meinen Arm neben der Hüfte mit einem schreienden Schmerz und einem roten, verkrüppelten Stummel, aus dem Blut spritzt, wieder aus dem Wasser hebe.
»Scheiße verdammt!«

Ich mache zwei Züge und hänge sofort drei weitere dran. Ich muss hier weg! Ich sehe mich nochmals um. Dann werfe ich den Motor an. Meine Züge sind weder ruhig, noch langsam oder still. Alles egal. Vollgas! Alles auf Hochtouren. Verfolgt. Gejagt! Trotzdem nur Schritttempo und ich brauche Lichtgeschwindigkeit, denn er kann jederzeit angreifen. Einfach zubeißen. Eine Welle muss her – sofort! Natürlich kommt keine.

Ist er hinter mir? Auf jeden Fall irgendwo unter mir!

Mit allem, was ich habe, ziehe ich durch, gleite auf der dünnen Oberfläche Richtung Strand, blicke panisch durch die Gegend und paddele um mein Leben. Das Ufer ist eine Ewigkeit entfernt. Atemlose Verzweiflung. Dann taucht eine kleine Welle auf, die ich einfach kriegen muss. Ich komme ins Gleiten und blicke in den Abgrund. Knapp zwei Meter. JETZT bloß nicht fallen. Der Gedanke mit meinem ganzen Körper ins Wasser zu plumpsen, lässt mich erschauern. Direkt auf den Speiseteller der hungrigen Bestie. Ich zittere am ganzen Leib und bin haarscharf konzentriert. Dann springe ich auf und reite die Welle zum Strand. Selbst die letzten, knietiefen Meter stürze ich aus dem Wasser, wobei ich über meine Beine stolpere, hinfalle, mich wieder aufrappele und weiter Richtung rettendes Ufer hetze. Als ich trockenen Sand an meinen Füßen spüre, blicke ich zurück. Nichts. Nur friedliche Ruhe.

Ein Balinese schlendert heran.
»What is?«
»Fuck Fuck Fuck! A shark!«, hyperventiliere ich.
»No, no, no schark, only dolfin! Yu sow dolfin.«
»It – was – a – shark!«
»Sometimes schark«, grinst er. »Yu skared?«
»No«, lüge ich und ziehe dabei meine Augenbrauen hoch.
Er lacht.
»Sometimes shark! Yes. But no problem, shark only eat fish!«
»Sometimes shark!? No problem?!«, fahre ich ihn an, löse die Leash und haue ab.

 

Salsa in Peru

Es ist soweit. Die alte Frau hat irgendwo einen Rekorder aufgetrieben und bringt den Koloss vor meiner Zimmertür in Stellung. Welchen amerikanischen Gangster aus den 60ern sie dafür überfallen hat, kann ich nicht ergründen. Auch Martha, Amalia und Celia sind dabei. Die nervtötende Elfjährige läuft irgendwo in der Gegend herum. Ich stelle meinen Plastikstuhl im Flur zurecht und nehme Platz.
Die vier stehen vor mir. Oma, Mutter und die beiden Töchter. Drei Generationen, drei Meter entfernt und nebeneinander aufgereiht. Bereit für eine Kostprobe des lateinamerikanischen Mythos, der die pure Leidenschaft in einen Tanz verwandelt. Oder umgekehrt.
Die Anlage knistert und spannt den Bogen. Dann entlässt die Kassette die ersten Töne in den Orbit und die vier walten ihres Amtes. Ihr zaghaftes Wippen mausert sich zu einer schwingenden Fröhlichkeit, die mir die Sprache verschlägt – im ersten Takt.

Dann geht alles furchtbar schnell. Der Rhythmus fließt durch sie hindurch und bringt sie in Bewegung. Nein, in Wallung! Es sieht aus, als wenn sie gar nichts tun müssen. Die Musik schwebt durch ihre Körper. So geschmeidig, wie es niemals ein Vorhaben oder ein Gedanke schaffen kann. So fließend, so frei, so harmonisch glänzend. Auf einmal lacht die Sonne aus ihren Herzen, aus ihren Händen und aus ihren Hüften. Die südamerikanische Melodie spielt mit ihnen und sie lassen es mit sich geschehen.

Die Oma haut mich gleich vom Hocker. Ihr Tanz ist weich und fließend. Einfach rund. Leicht und ohne Aufwand. Ihre Hüften ruckeln würdevoll im Takt und ihre Finger schnipsen dazu. Die Arme bleiben kontrolliert und dicht am Körper, der Rest ist einfach wolkenlos romantisch. Eine ewige Jugend ist erwacht, und sie kitzelt sie in jedem Schwung weiter an die gesegnete Oberfläche. Kleine Schritte, vor und zurück und wieder zur Seite. Sie lächelt in blutjunger Erinnerung an vergangene Tage und genießt die Musik und das Leben in seiner Gänze und Vollkommenheit dabei.

Ihre Tochter muss nicht ganz soweit zurück. Es sieht so aus, als wenn sie lange nicht getanzt hat und ihr Repertoire heute endlich wieder sprudeln darf. Sie glänzt durch perfekte Abstimmung aller Körperteile. Vom kleinen Zeh bis in die Haarspitzen. Sie vollführt eine Choreographie, die einem niemals endenden Lehrbuch entspringt. Und immer, wenn ich mich gerade an eine Welle ihrer Bewegungen gewöhnt, nein in sie verliebt habe, zaubert sie eine neue, kleine Extravaganz hervor. Sie kreuzt die Beine, windet sich in eine unbekannte Drehung, wirft den Kopf nach hinten und fängt den Ausbruch mit ihren Armen auf. Plötzlich führen die Hände, schwingen, kreisen, schweben und der Rest des Körpers folgt. Witz und Kreativität sprudeln aus einer ewigen Quelle. Meisterhaft aufeinander abgestimmt. Geschmeidig. Fesselnd. Atemberaubend.

Neben ihr windet sich die Blüte ihres Lebens. Amalia. Die junge Schönheit wirbelt herum. Wild und aufreizend. Voller Erotik und Appeal. Frech schwingt sie ihre Hüften auf mich zu, um dann wieder einen Schritt zurückzuschalten. Damit zieht sie mich in ihren Bann und raubt mir alle Sinne. Auf einmal ist die Kleine Lichtjahre voraus und voller Leidenschaft. Ihre Schüchternheit ist in den rehbraunen Augen versunken. Sie streift ihre Jungfräulichkeit ab und lässt die Knospen ihres jungen Alters in dem heißen Rhythmus der Musik zu einer verbotenen Reife gedeihen. Ihr Hintern schaukelt auf und ab und der Körper windet sich dazu in nahender Ekstase. Unterschiede zerfließen. Alles bewegt sich zwischen verlegenem Tanz und glühendem Sex. Als sie mir direkt in die Augen sieht, bin ich unanständig vorgeführt und wage keine einzige Sekunde länger ihren anzüglichen, viel zu jungen Bewegungen Folge zu leisten. Schnell schaue ich zu der Kleinsten rüber. Sie wirbelt durch die Gegend. Erfasst von einer unbekannten Energie, die sie vor Freude explodieren lässt. Fröhlich, ausgelassen, heiter. Sie hottet ab! Fällt fast zur Seite, springt umher und jubelt durch die Gegend. Ungestüm lässt sie den Rhythmen freien Lauf. Was immer geschieht, sie ist dabei und treibt es voran. Ein kleiner Vulkan, der grenzenlose Freiheit über sie ergießt. Sie tanzt ab, als wenn es kein Morgen, kein zweites Lied und keinen nächsten Takt auf diesem Planten gibt.

Alle vier zusammen sind das ganze Leben. Leidenschaft und Musik. Nein, pure Freude. Sie tanzen eine Geschichte, die losgelöst von allen Zwängen ist. Eine Geschichte, welche die ursprüngliche Freiheit, die in jedem steckt, zu Tage fördert und so den Inbegriff von menschlicher Schönheit zurück in unsere verklemmte Welt geleitet. Dabei zu sein, ist die reinste Ehre. Das Stück geht zu Ende. Lautstärke und Temperatur nehmen ein paar Grad ab, aber alles vibriert nach. Die drei Generationen lächeln voller Stolz, denn sie wissen genau, was sie getan haben, was ihnen gelungen ist. Ich drücke mich in meinen Plastikstuhl und stammele:
»Increible, increible, increible!« (unlgaublich), vor mich her.

»El fin de la semana, vamos a bailar, Andi!«, (Am Wochenende gehen wir tanzen) entscheidet die Großmutter.
»Todos juntos«, (Alle zusammen) ergänzt die Mutter.
»Si, Andi«, jauchzt die Kleine, während ihre Schwester zu mir hinüber lächelt.

Wow! Ich werde zwar Unmengen Bier trinken müssen, um mich auf die Tanzfläche zu wagen, aber diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen.

 

Südafrika, 1996

Keine Ahnung, ob wir das Ziel ausgewählt haben, oder es uns. Uns? An meiner Seite steht ein kaum vager Bekannter mit Namen Eckart. Ein Riesentyp. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und in jedem anderen Sinne auch. Knapp zwei Meter groß und ein Kerl zum Schreien. Abgedroschen wie passend: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Eckart ist nicht unvernünftig, aber so voller Liebe zum Abenteuer, dass er jederzeit bereit ist, seinen Verstand auszuschalten. Genau wie ich. Unvoreingenommen, naiv, neugierig und mal sehen, was passiert. Sollte dies in eine prekäre Lage führen, schaltet sich der Verstand wieder ein, um für Rettung zu sorgen. Flucht statt Kampf, Lächeln statt Empörung und Mastercard statt Gefangenschaft. Hauptsache, es wird lustig.

Warum wir uns für Südafrika entschieden haben, hat nichts mit eingehenden Recherchen zu tun. Vielmehr muss, neben den Legenden über herausragende Wellen, ein genialer Unfug, kosmischer Zufall oder der große Manitu persönlich seine Finger im Spiel gehabt haben. Und sicherheitshalber haben wir diesmal einen Reise-führer im Gepäck.

…Südafrika liegt am südlichsten Rand des afrikanischen Kontinents. Der Ort, an dem sich Atlantik und Indischer Ozean die Hand reichen und das Kap der Guten Hoffnung Erlösung in Aussicht stellt. Gesellschaftlich aufgrund der vielen ethnischen Gruppen auch als Regenbogennation bezeichnet, schimmern in erster Linie wahnwitzige Probleme hervor. Die Kriminalitätsstatistik ähnelt der Bilanz einer kriegerischen Auseinandersetzung. In den 10 Jahren nach dem Ende der Apartheid 1994 wurden über 400.000 Menschen ermordet. Statistisch betrachtet, ist es für eine Frau in Südafrika deutlich wahrscheinlicher vergewaltigt zu werden, als Lesen zu lernen. Die enorme Gewaltbereitschaft im Land katapultiert Südafrika an die Spitze der Tabelle der höchsten Verbrechensraten. Weltweit. Die Brutalität der Verbrechen manifestiert sich besonders in den großen Städten und allen voran: Johannesburg! Abgeschirmte Viertel, Stahltore, Gitter und schwer bewaffnetes Wachpersonal mit der Lizenz scharf zu schießen, bieten einen gewissen Schutz und isolieren den weißen, wohlhabenden Mann vom Rest des Landes…
(…)
Am Abend schlagen wir uns den Bauch mit den Nudeln voll, die wir auf dem kleinen Campingkocher zubereitet haben, als eine Horde Motor-Cross-Maschinen über den großen, leeren Parkplatz brettert. 20 Mann. Bekleidet mit Helmen, Tarnklamotten, schusssicheren Westen und Gewehr auf dem Rücken. Eine Gang? Nein, eine Armeeeinheit. Truppen, die für Sicherheit im Chaos der viel zu großen Stadt sorgen soll. Besonders in der Dunkelheit. Wir schauen der Patrouille hinterher. Ich frage mich, wo sie als nächstes hinfährt, Eckart nimmt Nudeln nach.

Nach dem Abwasch schlägt Eckart vor, irgendwie Marihuana aufzutreiben. Halb Witz und die Idee ist verrückt, aber gerade deshalb so reizvoll. Das ist Eckart, denn wir können tun, was wir wollen. Gerade hier. Und schließlich muss heute Abend noch irgendwas passieren. In diesem Augenblick rollt ein alter Ami-Schlitten auf den verlassenen Parkplatz und kommt am anderen Ende zum Stehen. Die Fahrertür öffnet sich und der unbekannte Fahrer dreht den Sitz herunter, um sich entspannt zurück zu lehnen, soweit man das auf die Entfernung erkennen kann.

Wir schauen uns an: Wäre eine Möglichkeit.

Allerdings mag das trojanische Gefährt zwar tatsächlich Dope an Bord haben, ist aber schon aus sicherer Entfernung von einer kaum zu verleugnenden Gangster-Aura umgeben. Was ist das für ein Typ?
Eckart sagt nichts, ich schweige dazu.

Na gut. Alles hilft nichts. Einer muss hingehen. Wir tragen ein schicksalhaftes Duell Schnick-Schnack-Schnuck aus, um den Ernst der Lage zu besänftigen. Drei Mal schwingen unsere Arme vor und zurück, bevor wir auf unsere Hände starren:
Ich Stein – Eckart Papier.
Ich verliere. Eckart grinst. Natürlich. Ich überlege eine weitere Sekunde, aber das Ergebnis ist zu eindeutig für Diskussionen. Die schuldige Hand verschwindet in meiner Hosentasche, während ich mich zur Seite drehe, um das andere Ende des Parkplatzes anzuvisieren. Mein erster zaghafter Schritt wird von einem Seufzer begleitet. Dann bin ich unterwegs.

Nach den ersten Metern kommen meine Gedanken in Schwung, und ich werde unverzüglich zurück in das Südafrika der horrenden Kriminalität katapultiert. Viel schlimmer: Ich gehe nahezu freiwillig genau darauf zu. Meter für Meter. Nein, mit freiwillig hat das schon lange nichts mehr zu tun, aber Umkehren steht auch nicht mehr zur Debatte. Mit dunkler Vorahnung erreiche ich den Wagen. Was ich erblicke, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Es befindet sich nicht eine Person in der Karre – sondern drei. Marke: Ice T! Mit Sonnenbrille und Wollmütze vermummt, vernarbtes Gesicht und Tätowierungen am Hals. Ich sehe mich schlicht und ergreifend dem personifizierten Verbrechen gegenüber. Die drei sehen so gefährlich aus, dass ich nicht ein Wort herausbringe und die längste Sekunde meines Lebens auf das Innere des Wagens starre. Als der Fahrer aufblickt, vermutlich so zugekifft, dass er eher mit einer Fata Morgana rechnet, als mit mir, setzt meine Atmung wieder ein. Ich reagiere sofort:
»…ääh, sorry, do you maybe have something to smoke, please?«
stammele ich vor mich hin, woraufhin der Typ ohne mit der Wimper zu zucken zum Handschuhfach greift, eine Riesenknarre zückt und mich mit fünf Schüssen in die Brust niederstreckt.

Statt dessen hält er mir (bei genauerer Betrachtung) mit dem Hauch eines Lächelns im vernarbten Gesicht jetzt eine kleine Ecke Dope entgegen. Irgendwo kräht ein Vogel. Die beiden auf der Rückbank verfolgen das Geschehen. Ich greife zu, frage, wie viel Geld ich ihm schulde und verfluche mich im selben Moment für das Erwähnen von Geld, dem Ur-Sinn des Gewaltverbrechens. Der bullige Kerl hinten links zieht sich sofort interessiert nach vorne, aber der Typ am Steuer winkt mich mit einer Handbewegung wortlos weg.
Das ist er.

Der endgültige Beweis, dass ich es hier mit der südafrikanischen Variante von Pablo Escobar zu tun habe. Ich sollte gehen, stehe aber immer noch vor dem Wagen rum. Er grinst und lehnt sich in den Sitz zurück. Ich brauche eine weitere Sekunde. Ob ihm mein Mut imponiert hat? Selbst dem blindesten Krückstock konnte meine überschäumende Furcht kaum entgehen. Was sind das für Typen? Kein Grund nachzufragen. Ich drehe mich um und wandere so gefasst wie möglich zu unserem Auto. Ohne zu stolpern oder einfach los zu rennen. Schnell habe ich die Hälfte hinter mir und immer noch keine Kugel im Rücken. Ich komme Schritt für Schritt voran, aber bleibe bereit, mich zu Boden zu werfen und verliere dabei unseren Mietwagen und unser Fleckchen Sicherheit am Ende dieses Parkplatzes nicht aus den Augen.

Eckart brennt auf meinen Bericht. Ich mahne die billigen Zuschauer auf der Tribüne zur Geduld und beschränke mich auf die Fakten.
»…die Typen sahen aus…
………garantiert bewaffnet….
..……….der hinten wollte gerade aussteigen….
……………..aber mit dem Anführer lief alles cool….«

Andreas Brendt

Andreas Brendt ist gebürtiger Kölner. Den Dom sieht er aber selten. Vor fast zwanzig Jahren packte ihn das Fernweh und er entdeckte seine große Passion: das Surfen. Seitdem stolpert er durch die Welt, immer auf der Suche nach aufregenden Begegnungen und natürlich den schönsten Wellen. Ganz nebenbei studierte er Volkswirtschaft und Sportwissenschaft, betreute die deutsche Nationalmannschaft der Wellenreiter und hielt Vorträge über Angst und Motivation bei Profifußballvereinen. Heute arbeitet er als Berufsschullehrer und interessiert sich brennend für fernöstliche Philosophie und Alltagsweisheiten. Das Schreiben ist mittlerweile seine zweite Leidenschaft neben dem Surfen. Dabei ist ihm die größte Inspiration eine stete Neugier und ungebrochene Naivität, die – nach eigener Aussage – seine beste Charaktereigenschaft ist und ihn immer wieder in die absurdesten Situationen gleiten lässt. Trotz aller Euphorie auf dem Rücken gigantischer Wellen ist er auf dem sandigen Boden geblieben – oder zumindest immer wieder auf ihn zurückgekommen.

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