Bali, 2001

Am Wochen­ende bringe ich die bei­den schon wie­der zum Flug­ha­fen. Wir lie­gen uns in den Armen, fei­ern den genia­len Trip und kurz dar­auf sind meine Freunde bereits hin­ter den Sicher­heits­kon­trol­len verschwunden. 

Furcht­bar schade, obwohl ich jetzt wie­der mein eige­ner Herr bin. Ich schmeiße den Motor an und kann mir die größ­ten Wel­len aus­su­chen, muss auf nie­man­den war­ten oder Rück­sicht neh­men. Nach einer hal­ben Stunde komme ich am Strand an. 

Ich hüpfe in den Sand, lege die Leash an und wate zu den Wel­len. Der Spot ist leer, wie ausgestorben…
Die bei­den feh­len mir. Beson­ders im Was­ser. Die Erleb­nisse zu tei­len und mit den Kum­pels Unsinn zu quat­schen, ist doch das Beste daran. Eigent­lich eine Indi­vi­du­al­sport­art: Du und die Welle. Viel­leicht ein spi­ri­tu­el­ler Augen­blick, in dem man eins wird mit der Natur. Man­che spre­chen von der letz­ten Wahr­heit. Von dem Moment, in dem man sich selbst ver­liert und wie­der fin­det. Irgend­et­was davon geschieht in mir, aber es fällt mir schwer, die rich­ti­gen Worte zu fin­den. Und ohne wirk­lich zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist, ver­meide ich das phi­lo­so­phi­sche Hausieren. 

Ich nehme eine brust­hohe Welle, surfe sie bis zum Strand und pad­dele wie­der hin­aus. Tol­les Gefühl. 

Die Sonne scheint fahl im Licht des die­si­gen spä­ten Nach­mit­tags… Viel­leicht ist es ein­fach nur Spaß, viel­leicht auch mehr. Natür­lich das Spiel mit der Ver­gäng­lich­keit, als Übung für das Leben. Weil man nur den Moment hat, den kur­zen Ritt und nichts davon bleibt. Aber viel­leicht ist es auch etwas ganz ande­res. Der Sur­fer zeich­net seine Linie in die Welle, wie ein Künst­ler in sein Bild. Und so sehr Kunst auch einem Selbst­zweck folgt, so ist sie nichts ohne Betrachter. 

Ich posi­tio­niere mich noch ein paar Meter wei­ter draußen…

Was gibt es Schö­ne­res, als die her­aus­ra­gends­ten Momente im Was­ser mit sei­nen Freun­den zu genie­ßen. Sich gegen­sei­tig zu beob­ach­ten, anzu­feu­ern. Freude ist das Ein­zige, was mehr wird, wenn man es teilt. Freunde soll­ten einen Blick auf die Linien des ande­ren, auf sein Kunst­werk, wer­fen können. 

Meine Beine bau­meln im tie­fen Nass und las­sen den Gedan­ken freien Lauf…
Jetzt sitze ich wie­der alleine hier drau­ßen. Surfe für mich, wunder­schön, aber es fehlt auch was.
Eine schwarze Wolke schiebt sich vor die Sonne und ver­dun­kelt den blauen Himmel…
Freude ist ein Aspekt vom Sur­fen. Angst der andere. Und mit bei­dem ist man nicht gerne alleine. Beson­ders mit Angst. Und irgend­et­was stimmt hier nicht.
Irgend­was stimmt hier ÜBERHAUPT NICHT!

Wieso bewegt sich das Was­ser da vorne so merkwürdig?
Eine fiese Ahnung krab­belt in mei­nen Hinterkopf.
Dann Gewiss­heit: Da ist etwas.
Viel­leicht 15 Meter ent­fernt, direkt unter der Wasseroberfläche.
Dann taucht es auf!
Die Rücken­flosse ist so groß wie ein Rucksack. 

Einen hal­ben Meter, grau­blau, und die Spitze ragt zur Seite. Der dazu­ge­hö­rige Rumpf ver­birgt sich unter der Was­ser­ober­flä­che. Der Schat­ten des Rückens ist sicht­bar und er ist breit. Mit Schre­cken erkenne ich, dass sich der Kör­per nicht auf und ab bewegt.
Es ist also KEIN Del­fin! Natür­lich nicht, weil mir schon lange klar ist, was hier los ist. Die Flosse schnei­det gera­de­wegs durch das Was­ser. Das ohne Zwei­fel große Tier steu­ert direkt auf mich zu. Zehn Meter, acht Meter, sechs Meter. Fünf Meter ent­fernt, erkenne ich die mas­sige Sil­hou­ette und sehe auch die Schwanzflosse:
Der Hai misst über zwei Meter!

»SCHEISSE!«,
schreie ich still, wäh­rend er seit­lich an mir vor­bei­glei­tet. Aus nächs­ter Nähe wirkt das Tier gewal­tig. Er beschreibt einen hal­ben Bogen und bleibt dabei genau auf einer Distanz von drei Metern. Meine Gedan­ken brül­len mir zu, was Paul in Süd­afrika erklärt hat, dass die meis­ten Haie ihre Opfer drei Mal umkrei­sen, bevor sie abtau­chen, um von unten, aus der Tiefe anzugreifen.
In die­sem Moment taucht die Flosse ab. Und ist weg!
Reflex­ar­tig reiße ich Arme und Beine aus dem Was­ser. Ich liege auf dem schma­len Board und bli­cke mich um. Die Was­ser­ober­flä­che ist gespens­tisch glatt. Nichts bewegt sich. Nur Stille. Bru­tale Stille. Mir wird bewusst, dass mein hal­ber Ober­kör­per im Was­ser hängt. Wenn er von der Seite kommt, sind meine Flan­ken völ­lig unge­schützt. Mit einem Biss hat er einen Fet­zen Fleisch aus mei­ner Taille geris­sen. Wie groß ist das Vieh? Wie groß sein Maul? Kann er seine Zähne durch mein Brett boh­ren? Mir Leber oder Milz herausreißen?
Ich schaue nach rechts: Nichts. Dann nach links: Nichts!
Warum sind Eck­art und Claus nicht da?
Was macht man in so einer Lage? Wo ist die Theorie?
Gibt es kein Handbuch? 

Keine Panik. Das steht an ers­ter Stelle! Die riecht der Hai, und er liebt sie wie das Salz in der Suppe. Angst lädt ihn ein, weil sein Opfer unter­le­gen, weil sein Opfer leichte Beute ist. Ver­dammt, was hat er vor, wo ist er jetzt? Hunde, die bel­len, bei­ßen nicht, aber der Hai schlägt ein­fach zu, ohne Vor­war­nung, weil er Hun­ger hat. Oder Blutdurst!Bloß ruhige, beson­nene Bewe­gun­gen. Das ist es. Mit kräf­ti­gen, lang­sa­men und vor allem selbst­be­wuss­ten Arm­zü­gen ein­fach weg pad­deln. Tol­ler Plan. Ich traue mich kaum, das Was­ser zu berüh­ren. Vor mei­nem geis­ti­gen Auge sehe ich, wie ich die Hand vor mir ins Was­ser glei­ten lasse, durch­ziehe und mei­nen Arm neben der Hüfte mit einem schrei­en­den Schmerz und einem roten, ver­krüp­pel­ten Stum­mel, aus dem Blut spritzt, wie­der aus dem Was­ser hebe.
»Scheiße verdammt!«

Ich mache zwei Züge und hänge sofort drei wei­tere dran. Ich muss hier weg! Ich sehe mich noch­mals um. Dann werfe ich den Motor an. Meine Züge sind weder ruhig, noch lang­sam oder still. Alles egal. Voll­gas! Alles auf Hoch­tou­ren. Ver­folgt. Gejagt! Trotz­dem nur Schritt­tempo und ich brau­che Licht­ge­schwin­dig­keit, denn er kann jeder­zeit angrei­fen. Ein­fach zubei­ßen. Eine Welle muss her – sofort! Natür­lich kommt keine. 

Ist er hin­ter mir? Auf jeden Fall irgendwo unter mir! 

Mit allem, was ich habe, ziehe ich durch, gleite auf der dün­nen Ober­flä­che Rich­tung Strand, bli­cke panisch durch die Gegend und pad­dele um mein Leben. Das Ufer ist eine Ewig­keit ent­fernt. Atem­lose Ver­zweif­lung. Dann taucht eine kleine Welle auf, die ich ein­fach krie­gen muss. Ich komme ins Glei­ten und bli­cke in den Abgrund. Knapp zwei Meter. JETZT bloß nicht fal­len. Der Gedanke mit mei­nem gan­zen Kör­per ins Was­ser zu plump­sen, lässt mich erschau­ern. Direkt auf den Spei­se­tel­ler der hung­ri­gen Bes­tie. Ich zit­tere am gan­zen Leib und bin haar­scharf kon­zen­triert. Dann springe ich auf und reite die Welle zum Strand. Selbst die letz­ten, knie­tie­fen Meter stürze ich aus dem Was­ser, wobei ich über meine Beine stol­pere, hin­falle, mich wie­der auf­rap­pele und wei­ter Rich­tung ret­ten­des Ufer hetze. Als ich tro­cke­nen Sand an mei­nen Füßen spüre, bli­cke ich zurück. Nichts. Nur fried­li­che Ruhe. 

Ein Bali­nese schlen­dert heran.
»What is?«
»Fuck Fuck Fuck! A shark!«, hyper­ven­ti­liere ich.
»No, no, no schark, only dol­fin! Yu sow dolfin.«
»It – was – a – shark!«
»Some­ti­mes schark«, grinst er. »Yu skared?«
»No«, lüge ich und ziehe dabei meine Augen­brauen hoch.
Er lacht.
»Some­ti­mes shark! Yes. But no pro­blem, shark only eat fish!«
»Some­ti­mes shark!? No pro­blem?!«, fahre ich ihn an, löse die Leash und haue ab. 

 

Salsa in Peru

Es ist soweit. Die alte Frau hat irgendwo einen Rekor­der auf­ge­trie­ben und bringt den Koloss vor mei­ner Zim­mer­tür in Stel­lung. Wel­chen ame­ri­ka­ni­schen Gangs­ter aus den 60ern sie dafür über­fal­len hat, kann ich nicht ergrün­den. Auch Mar­tha, Ama­lia und Celia sind dabei. Die nerv­tö­tende Elf­jäh­rige läuft irgendwo in der Gegend herum. Ich stelle mei­nen Plas­tik­stuhl im Flur zurecht und nehme Platz.
Die vier ste­hen vor mir. Oma, Mut­ter und die bei­den Töch­ter. Drei Genera­tio­nen, drei Meter ent­fernt und neben­ein­an­der auf­ge­reiht. Bereit für eine Kost­probe des latein­ame­ri­ka­ni­schen Mythos, der die pure Lei­den­schaft in einen Tanz ver­wan­delt. Oder umgekehrt.
Die Anlage knis­tert und spannt den Bogen. Dann ent­lässt die Kas­sette die ers­ten Töne in den Orbit und die vier wal­ten ihres Amtes. Ihr zag­haf­tes Wip­pen mau­sert sich zu einer schwin­gen­den Fröh­lich­keit, die mir die Spra­che ver­schlägt – im ers­ten Takt. 

Dann geht alles furcht­bar schnell. Der Rhyth­mus fließt durch sie hin­durch und bringt sie in Bewe­gung. Nein, in Wal­lung! Es sieht aus, als wenn sie gar nichts tun müs­sen. Die Musik schwebt durch ihre Kör­per. So geschmei­dig, wie es nie­mals ein Vor­ha­ben oder ein Gedanke schaf­fen kann. So flie­ßend, so frei, so har­mo­nisch glän­zend. Auf ein­mal lacht die Sonne aus ihren Her­zen, aus ihren Hän­den und aus ihren Hüf­ten. Die süd­ame­ri­ka­ni­sche Melo­die spielt mit ihnen und sie las­sen es mit sich geschehen. 

Die Oma haut mich gleich vom Hocker. Ihr Tanz ist weich und flie­ßend. Ein­fach rund. Leicht und ohne Auf­wand. Ihre Hüf­ten ruckeln wür­de­voll im Takt und ihre Fin­ger schnip­sen dazu. Die Arme blei­ben kon­trol­liert und dicht am Kör­per, der Rest ist ein­fach wol­ken­los roman­tisch. Eine ewige Jugend ist erwacht, und sie kit­zelt sie in jedem Schwung wei­ter an die geseg­nete Ober­flä­che. Kleine Schritte, vor und zurück und wie­der zur Seite. Sie lächelt in blut­jun­ger Erin­ne­rung an ver­gan­gene Tage und genießt die Musik und das Leben in sei­ner Gänze und Voll­kom­men­heit dabei. 

Ihre Toch­ter muss nicht ganz soweit zurück. Es sieht so aus, als wenn sie lange nicht getanzt hat und ihr Reper­toire heute end­lich wie­der spru­deln darf. Sie glänzt durch per­fekte Abstim­mung aller Kör­per­teile. Vom klei­nen Zeh bis in die Haar­spit­zen. Sie voll­führt eine Cho­reo­gra­phie, die einem nie­mals enden­den Lehr­buch ent­springt. Und immer, wenn ich mich gerade an eine Welle ihrer Bewe­gun­gen gewöhnt, nein in sie ver­liebt habe, zau­bert sie eine neue, kleine Extra­va­ganz her­vor. Sie kreuzt die Beine, win­det sich in eine unbe­kannte Dre­hung, wirft den Kopf nach hin­ten und fängt den Aus­bruch mit ihren Armen auf. Plötz­lich füh­ren die Hände, schwin­gen, krei­sen, schwe­ben und der Rest des Kör­pers folgt. Witz und Krea­ti­vi­tät spru­deln aus einer ewi­gen Quelle. Meis­ter­haft auf­ein­an­der abge­stimmt. Geschmei­dig. Fes­selnd. Atem­be­rau­bend.

Neben ihr win­det sich die Blüte ihres Lebens. Ama­lia. Die junge Schön­heit wir­belt herum. Wild und auf­rei­zend. Vol­ler Ero­tik und Appeal. Frech schwingt sie ihre Hüf­ten auf mich zu, um dann wie­der einen Schritt zurück­zu­schal­ten. Damit zieht sie mich in ihren Bann und raubt mir alle Sinne. Auf ein­mal ist die Kleine Licht­jahre vor­aus und vol­ler Lei­den­schaft. Ihre Schüch­tern­heit ist in den reh­brau­nen Augen ver­sun­ken. Sie streift ihre Jung­fräu­lich­keit ab und lässt die Knos­pen ihres jun­gen Alters in dem hei­ßen Rhyth­mus der Musik zu einer ver­bo­te­nen Reife gedei­hen. Ihr Hin­tern schau­kelt auf und ab und der Kör­per win­det sich dazu in nahen­der Ekstase. Unter­schiede zer­flie­ßen. Alles bewegt sich zwi­schen ver­le­ge­nem Tanz und glü­hen­dem Sex. Als sie mir direkt in die Augen sieht, bin ich unan­stän­dig vor­ge­führt und wage keine ein­zige Sekunde län­ger ihren anzüg­li­chen, viel zu jun­gen Bewe­gun­gen Folge zu leis­ten. Schnell schaue ich zu der Kleins­ten rüber. Sie wir­belt durch die Gegend. Erfasst von einer unbe­kann­ten Ener­gie, die sie vor Freude explo­die­ren lässt. Fröh­lich, aus­ge­las­sen, hei­ter. Sie hot­tet ab! Fällt fast zur Seite, springt umher und jubelt durch die Gegend. Unge­stüm lässt sie den Rhyth­men freien Lauf. Was immer geschieht, sie ist dabei und treibt es voran. Ein klei­ner Vul­kan, der gren­zen­lose Frei­heit über sie ergießt. Sie tanzt ab, als wenn es kein Mor­gen, kein zwei­tes Lied und kei­nen nächs­ten Takt auf die­sem Plan­ten gibt.

Alle vier zusam­men sind das ganze Leben. Lei­den­schaft und Musik. Nein, pure Freude. Sie tan­zen eine Geschichte, die los­ge­löst von allen Zwän­gen ist. Eine Geschichte, wel­che die ursprüng­li­che Frei­heit, die in jedem steckt, zu Tage för­dert und so den Inbe­griff von mensch­li­cher Schön­heit zurück in unsere ver­klemmte Welt gelei­tet. Dabei zu sein, ist die reinste Ehre. Das Stück geht zu Ende. Laut­stärke und Tem­pe­ra­tur neh­men ein paar Grad ab, aber alles vibriert nach. Die drei Genera­tio­nen lächeln vol­ler Stolz, denn sie wis­sen genau, was sie getan haben, was ihnen gelun­gen ist. Ich drü­cke mich in mei­nen Plas­tik­stuhl und stammele:
»Increible, increible, increible!« (unlgaub­lich), vor mich her.

»El fin de la semana, vamos a bailar, Andi!«, (Am Wochen­ende gehen wir tan­zen) ent­schei­det die Großmutter.
»Todos jun­tos«, (Alle zusam­men) ergänzt die Mutter.
»Si, Andi«, jauchzt die Kleine, wäh­rend ihre Schwes­ter zu mir hin­über lächelt.

Wow! Ich werde zwar Unmen­gen Bier trin­ken müs­sen, um mich auf die Tanz­flä­che zu wagen, aber diese Gele­gen­heit lasse ich mir nicht entgehen. 

 

Südafrika, 1996

Keine Ahnung, ob wir das Ziel aus­ge­wählt haben, oder es uns. Uns? An mei­ner Seite steht ein kaum vager Bekann­ter mit Namen Eck­art. Ein Rie­sen­typ. Im wahrs­ten Sinne des Wor­tes. Und in jedem ande­ren Sinne auch. Knapp zwei Meter groß und ein Kerl zum Schreien. Abge­dro­schen wie pas­send: Der Beginn einer wun­der­ba­ren Freundschaft. 

Eck­art ist nicht unver­nünf­tig, aber so vol­ler Liebe zum Aben­teuer, dass er jeder­zeit bereit ist, sei­nen Ver­stand aus­zu­schal­ten. Genau wie ich. Unvor­ein­ge­nom­men, naiv, neu­gie­rig und mal sehen, was pas­siert. Sollte dies in eine pre­käre Lage füh­ren, schal­tet sich der Ver­stand wie­der ein, um für Ret­tung zu sor­gen. Flucht statt Kampf, Lächeln statt Empö­rung und Mas­ter­card statt Gefan­gen­schaft. Haupt­sa­che, es wird lustig. 

Warum wir uns für Süd­afrika ent­schie­den haben, hat nichts mit ein­ge­hen­den Recher­chen zu tun. Viel­mehr muss, neben den Legen­den über her­aus­ra­gende Wel­len, ein genia­ler Unfug, kos­mi­scher Zufall oder der große Manitu per­sön­lich seine Fin­ger im Spiel gehabt haben. Und sicher­heits­hal­ber haben wir dies­mal einen Reise-füh­rer im Gepäck.

…Süd­afrika liegt am süd­lichs­ten Rand des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents. Der Ort, an dem sich Atlan­tik und Indi­scher Ozean die Hand rei­chen und das Kap der Guten Hoff­nung Erlö­sung in Aus­sicht stellt. Gesell­schaft­lich auf­grund der vie­len eth­ni­schen Grup­pen auch als Regen­bo­gen­na­tion bezeich­net, schim­mern in ers­ter Linie wahn­wit­zige Pro­bleme her­vor. Die Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik ähnelt der Bilanz einer krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung. In den 10 Jah­ren nach dem Ende der Apart­heid 1994 wur­den über 400.000 Men­schen ermor­det. Sta­tis­tisch betrach­tet, ist es für eine Frau in Süd­afrika deut­lich wahr­schein­li­cher ver­ge­wal­tigt zu wer­den, als Lesen zu ler­nen. Die enorme Gewalt­be­reit­schaft im Land kata­pul­tiert Süd­afrika an die Spitze der Tabelle der höchs­ten Ver­bre­chens­ra­ten. Welt­weit. Die Bru­ta­li­tät der Ver­bre­chen mani­fes­tiert sich beson­ders in den gro­ßen Städ­ten und allen voran: Johan­nes­burg! Abge­schirmte Vier­tel, Stahl­tore, Git­ter und schwer bewaff­ne­tes Wach­per­so­nal mit der Lizenz scharf zu schie­ßen, bie­ten einen gewis­sen Schutz und iso­lie­ren den wei­ßen, wohl­ha­ben­den Mann vom Rest des Landes…
(…)
Am Abend schla­gen wir uns den Bauch mit den Nudeln voll, die wir auf dem klei­nen Cam­ping­ko­cher zube­rei­tet haben, als eine Horde Motor-Cross-Maschi­nen über den gro­ßen, lee­ren Park­platz bret­tert. 20 Mann. Beklei­det mit Hel­men, Tarn­kla­mot­ten, schuss­si­che­ren Wes­ten und Gewehr auf dem Rücken. Eine Gang? Nein, eine Armee­ein­heit. Trup­pen, die für Sicher­heit im Chaos der viel zu gro­ßen Stadt sor­gen soll. Beson­ders in der Dun­kel­heit. Wir schauen der Patrouille hin­ter­her. Ich frage mich, wo sie als nächs­tes hin­fährt, Eck­art nimmt Nudeln nach.

Nach dem Abwasch schlägt Eck­art vor, irgend­wie Mari­huana auf­zu­trei­ben. Halb Witz und die Idee ist ver­rückt, aber gerade des­halb so reiz­voll. Das ist Eck­art, denn wir kön­nen tun, was wir wol­len. Gerade hier. Und schließ­lich muss heute Abend noch irgend­was pas­sie­ren. In die­sem Augen­blick rollt ein alter Ami-Schlit­ten auf den ver­las­se­nen Park­platz und kommt am ande­ren Ende zum Ste­hen. Die Fah­rer­tür öff­net sich und der unbe­kannte Fah­rer dreht den Sitz her­un­ter, um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, soweit man das auf die Ent­fer­nung erken­nen kann.

Wir schauen uns an: Wäre eine Möglichkeit.

Aller­dings mag das tro­ja­ni­sche Gefährt zwar tat­säch­lich Dope an Bord haben, ist aber schon aus siche­rer Ent­fer­nung von einer kaum zu ver­leug­nen­den Gangs­ter-Aura umge­ben. Was ist das für ein Typ?
Eck­art sagt nichts, ich schweige dazu.

Na gut. Alles hilft nichts. Einer muss hin­ge­hen. Wir tra­gen ein schick­sal­haf­tes Duell Schnick-Schnack-Schnuck aus, um den Ernst der Lage zu besänf­ti­gen. Drei Mal schwin­gen unsere Arme vor und zurück, bevor wir auf unsere Hände starren:
Ich Stein – Eck­art Papier.
Ich ver­liere. Eck­art grinst. Natür­lich. Ich über­lege eine wei­tere Sekunde, aber das Ergeb­nis ist zu ein­deu­tig für Dis­kus­sio­nen. Die schul­dige Hand ver­schwin­det in mei­ner Hosen­ta­sche, wäh­rend ich mich zur Seite drehe, um das andere Ende des Park­plat­zes anzu­vi­sie­ren. Mein ers­ter zag­haf­ter Schritt wird von einem Seuf­zer beglei­tet. Dann bin ich unterwegs. 

Nach den ers­ten Metern kom­men meine Gedan­ken in Schwung, und ich werde unver­züg­lich zurück in das Süd­afrika der hor­ren­den Kri­mi­na­li­tät kata­pul­tiert. Viel schlim­mer: Ich gehe nahezu frei­wil­lig genau dar­auf zu. Meter für Meter. Nein, mit frei­wil­lig hat das schon lange nichts mehr zu tun, aber Umkeh­ren steht auch nicht mehr zur Debatte. Mit dunk­ler Vor­ah­nung errei­che ich den Wagen. Was ich erbli­cke, lässt mir das Blut in den Adern gefrie­ren. Es befin­det sich nicht eine Per­son in der Karre – son­dern drei. Marke: Ice T! Mit Son­nen­brille und Woll­mütze ver­mummt, ver­narb­tes Gesicht und Täto­wie­run­gen am Hals. Ich sehe mich schlicht und ergrei­fend dem per­so­ni­fi­zier­ten Ver­bre­chen gegen­über. Die drei sehen so gefähr­lich aus, dass ich nicht ein Wort her­aus­bringe und die längste Sekunde mei­nes Lebens auf das Innere des Wagens starre. Als der Fah­rer auf­blickt, ver­mut­lich so zuge­kifft, dass er eher mit einer Fata Mor­gana rech­net, als mit mir, setzt meine Atmung wie­der ein. Ich reagiere sofort:
»…ääh, sorry, do you maybe have some­thing to smoke, please?«
stam­mele ich vor mich hin, wor­auf­hin der Typ ohne mit der Wim­per zu zucken zum Hand­schuh­fach greift, eine Rie­senk­narre zückt und mich mit fünf Schüs­sen in die Brust niederstreckt. 

Statt des­sen hält er mir (bei genaue­rer Betrach­tung) mit dem Hauch eines Lächelns im ver­narb­ten Gesicht jetzt eine kleine Ecke Dope ent­ge­gen. Irgendwo kräht ein Vogel. Die bei­den auf der Rück­bank ver­fol­gen das Gesche­hen. Ich greife zu, frage, wie viel Geld ich ihm schulde und ver­flu­che mich im sel­ben Moment für das Erwäh­nen von Geld, dem Ur-Sinn des Gewalt­ver­bre­chens. Der bul­lige Kerl hin­ten links zieht sich sofort inter­es­siert nach vorne, aber der Typ am Steuer winkt mich mit einer Hand­be­we­gung wort­los weg.
Das ist er. 

Der end­gül­tige Beweis, dass ich es hier mit der süd­afri­ka­ni­schen Vari­ante von Pablo Esco­bar zu tun habe. Ich sollte gehen, stehe aber immer noch vor dem Wagen rum. Er grinst und lehnt sich in den Sitz zurück. Ich brau­che eine wei­tere Sekunde. Ob ihm mein Mut impo­niert hat? Selbst dem blin­des­ten Krück­stock konnte meine über­schäu­mende Furcht kaum ent­ge­hen. Was sind das für Typen? Kein Grund nach­zu­fra­gen. Ich drehe mich um und wan­dere so gefasst wie mög­lich zu unse­rem Auto. Ohne zu stol­pern oder ein­fach los zu ren­nen. Schnell habe ich die Hälfte hin­ter mir und immer noch keine Kugel im Rücken. Ich komme Schritt für Schritt voran, aber bleibe bereit, mich zu Boden zu wer­fen und ver­liere dabei unse­ren Miet­wa­gen und unser Fleck­chen Sicher­heit am Ende die­ses Park­plat­zes nicht aus den Augen.

Eck­art brennt auf mei­nen Bericht. Ich mahne die bil­li­gen Zuschauer auf der Tri­büne zur Geduld und beschränke mich auf die Fakten.
»…die Typen sahen aus…
….…..garan­tiert bewaffnet.…
..….……der hin­ten wollte gerade aussteigen.…
….….….…..aber mit dem Anfüh­rer lief alles cool.…«

Andreas Brendt

Andreas Brendt ist gebürtiger Kölner. Den Dom sieht er aber selten. Vor fast zwanzig Jahren packte ihn das Fernweh und er entdeckte seine große Passion: das Surfen. Seitdem stolpert er durch die Welt, immer auf der Suche nach aufregenden Begegnungen und natürlich den schönsten Wellen. Ganz nebenbei studierte er Volkswirtschaft und Sportwissenschaft, betreute die deutsche Nationalmannschaft der Wellenreiter und hielt Vorträge über Angst und Motivation bei Profifußballvereinen. Heute arbeitet er als Berufsschullehrer und interessiert sich brennend für fernöstliche Philosophie und Alltagsweisheiten. Das Schreiben ist mittlerweile seine zweite Leidenschaft neben dem Surfen. Dabei ist ihm die größte Inspiration eine stete Neugier und ungebrochene Naivität, die – nach eigener Aussage – seine beste Charaktereigenschaft ist und ihn immer wieder in die absurdesten Situationen gleiten lässt. Trotz aller Euphorie auf dem Rücken gigantischer Wellen ist er auf dem sandigen Boden geblieben – oder zumindest immer wieder auf ihn zurückgekommen.

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