Einmal rund um Menorca

Auf dem Pferdeweg

Wege entstehen, indem man sie geht, besagt ein Sprichwort. Wer als Erster auf dem Camí de Cavalls an Menorcas Küste lief, weiß bis heute niemand, aber geben soll es ihn bereits seit dem 14. Jahrhundert. Was Militär und Politikern einst als Überwachungsmöglichkeit diente, ist heute ein beliebter Fernwanderweg – von dem ich mir ein paar Etappen vornehme. Und das im November, denn gerade im (fast) Winter muss ich ihn nicht oft teilen.

Schon in Menorcas Hauptstadt Maó, im 18. Jahrhundert von den Briten erobert und anstelle von Ciutadella an der Westküste zur Hauptstadt ernannt, stechen sie ins Auge: rot-weiße Streifen an Straßenlaternen oder auf Schildern. Sie weisen den Weg auf 185 Kilometern rund um die Insel, meist die Küste entlang, zu abgeschiedenen Buchten und über Klippen, aber auch durch die beiden Städte Maó und Ciutadella sowie durch den Naturpark S’Albufera des Grau. Wie so vieles, was in vergangenen Jahrhunderten am Meer entstand, soll der Camí de Cavalls zunächst der Inselverteidigung gedient haben. Dank ihm konnten die militärische und politische Führung alle Küstenabschnitte überwachen, und für Armeeeinheiten, Wachtürme und weiteren Festungsanlagen eignete er sich wunderbar zur Kommunikation. All das spielt heute keine Rolle mehr – weswegen die Strecke 2010 als Wanderweg eröffnet und mit der Bezeichnung GR 223 in die Europäischen Fernwanderwege aufgenommen wurde. 20 Etappen stehen zur Auswahl, wer gut zu Fuß ist, schafft auch mal zwei an einem Tag, aber es gibt ein Problem: In der Nähe vieler Etappenziele finden sich weder öffentliche Transportmittel noch Unterkünfte, wildes Campen ist verboten, sodass eine Umrundung Menorcas ohne fremde Hilfe unmöglich ist. Doch das soll mich bei meiner Reise nach Menorca, was auf Katalanisch ‚die Kleinere‘ bedeutet, im Gegensatz zu Mallorca, ‚die Größere‘, nicht aufhalten – ich suche mir ein paar Etappen raus, schnuppere mal in den Süden und mal in den Norden rein, und werde überrascht.

Der babyposanfte Süden

Nach offiziellen Karten beginnt der Camí in Maó mit dem zweitgrößten natürlichen Hafen der Welt – nach dem australischen Sydney –, aber im Grunde bleibt es jedem selbst überlassen, wo er beginnt oder wie rum er geht.

„Der Norden ist der älteste Teil Menorcas, die Steine entstanden, als sich Erdplatten vor etwa 200 oder 300 Millionen Jahren verschoben“, erklärt Stadtführerin Carol in Maó. Der Süden sei dagegen jung, erst 25 Millionen Jahre alt. In Büchern werden die Südstrände oft mit der Karibik verglichen, und wo weißer Sand und türkisfarbenes Wasser auf dem Programm stehen, da aalen sich normalerweise die meisten Touristen in der Sonne. Dagegen soll der Norden schroff und oft unwegsam sein, nicht jede Bademöglichkeit glattgefegt und voller Liegen, die mit Handtüchern reserviert werden wollen. Also lasse ich den Norden bis zum Schluss, denn wenn eben möglich, lautet mein Motto auf Reisen „Save the best for last“.

Die Hauptstraße, welche die Insel einmal quer durchschneidet, teilt Menorca ziemlich genau in Norden – mit seinem bunten Tramuntana aus Sandstein, Konglomerat, Lehm und Kalkstein – und Süden, geologisch Migjorn genannt, dessen Gestein sich dank dem Marès-Kalkstein überwiegend in reines Weiß kleidet. In diese Landschaft haben sich unzählige Schluchten gegraben. Als eine der schönsten Buchten gilt Cala Mitjana unweit von Cala Galdana. Nach kurzem Weg durch den Wald liegt sie vor mir – eine hellsandige, fast menschenleere Bucht, deren Wasser türkis schimmert, wenn sich die Sonne hinter den Wolken hervortraut. Sie ist von einer Schönheit, die das Auge trifft wie ein perfekt weißzahnig und lippenstiftrot lächelndes Model auf einem Zeitschriftencover. Doch wie beim Model ist auch die Bucht bald vergessen, als ich ihr den Rücken zuwende. Irgendetwas fehlt. Irgendetwas, das sie von der perfekten Schönheit anderer Buchten unterscheidet, sie zu einem charakterstarken Ich statt zu einem verschwommenen Ihr macht.

Der Weg führt auf gut acht Kilometern an einigen der sogenannten Perlen des Südens vorbei bis nach Cala en Turqueta, mal direkt an der Küste entlang, dann wieder ein Stückchen weit landeinwärts, stets den rot-weißen Streifen nach, die den Weg alle paar Meter markieren und Verlaufen unmöglich machen.

Mit der ebenfalls hochgerühmten Cala Macarella ergeht’s mir ähnlich wie bei Mitjana – obwohl sie im November angenehm ruhig und postkartenhübsch ist, lädt sie mich nicht zum Bleiben ein.

Anders als die winzige Cala Macarelleta, die sich wenige Kilometer weiter in die Klippen schmiegt. Vielleicht, weil sie nicht am Weg liegt, sich versteckt und sich genau in der Mitte der Bucht ein Baumstamm tief in den hellen Sand gegraben hat, zwei dicke Äste Richtung Meer ausgestreckt, als wollte er bald zurück.

Ein holpriger Weg, den sogar manch geübter Mountainbikefahrer in Angriff nimmt, geht es weiter bis zur Bucht, die ich als persönliche Favoritin an der Südküste küre: Cala en Turqueta. Turqueta für Türkis, wo das Meer dem Namen alle Ehre macht. Kalksteinfelsen teilen die Bucht in zwei, und die Kiefernwälder trauen sich bis ganz nah ans Meer, als wollten sie den Wellen zeigen, dass sie ihnen trotzen können. Auf niedrigen Felsen umarmen die Bäume Cala en Turqueta und schaffen ein Gefühl von Ganz-weit-weg. Eine Möwe schaut wenigen Schwimmern von einem Stein im Wasser aus zu und das Wasser ist so klar, dass man schon aus der Ferne ein paar Quallen erkennt, die entspannt im Wasser gleiten.

Ab ins Grüne

1993 erklärte die UNESCO ganz Menorca zum Biosphäre-Reservat, und Herzstück dieses Reservats ist der Naturpark S’Albufera des Grau, durch den der Camí de Cavalls nördlich von Maó führt. Das größte Feuchtgebiet der Insel ist Heimat oder Rastplatz für rund 100 Vogelarten, darunter Stockenten, Blässhühner und Stelzenläufer. Zu den häufig überwinternden Zugvögeln gehören Kormorane, Graureiher und Tafelenten.

Ich mache einen Abstecher ins Landesinnere des Parks, genieße die Stille, die nur Zwitschern oder mancher Flügelschlag durchbricht. Die Aussicht über die Lagune. Die leichte Brise an einem noch 20 Grad warmen Novembertag.

Zurück auf dem Küstenpfad geht es bei Cala de Sa Torreta und Cala Morella an Dünen und Tamarinden vorbei, doch je näher das Cap de Favàtrix kommt, desto mehr hat der Wind sämtliche Vegetation verscheucht und nur raue, dunkle Felsen übriggelassen. Der schwarz-weiß gestreifte Leuchtturm spiegelt sich in einer Lagune hinter den Felsen, in denen ein paar Wanderer herumklettern und den besten Fotospot suchen.

Es ist, also wäre das Cap einziger Sammelpunkt für die wenigen Besucher. Kaum habe ich es verlassen, verschluckt der Weg die Menschen wieder und ich bin allein. Mit dem Duft nach Kiefern und der feuchten Luft, die sich wie eine Schönheitsmaske über mein Gesicht legt. Und die ich fürs Erste abspüle, als ich mich in der verlassenen und von Neptungras bedeckten Cala Presili splitternackt ins noch warme Wasser stürze.

Ich erinnere mich daran, wie mir ein Umweltschützer wenige Monate zuvor auf Mallorca erklärte, das sich am Strand anhäufende Meeresgras werde von den meisten Touristen als Dreck angesehen und deshalb oft entfernt, dabei sei es so wichtig zum Schutz des Sandes, der dadurch weniger abgetragen würde. Offensichtlich lässt das Gras alle Besucher schnell weitergehen lässt, anstatt im klaren Wasser vor Glück Pirouetten zu drehen.

Der Norden, das Narbengesicht

Wenn ich an Menorca denke, denke ich zuerst an diesen letzten Tag, den ich im nördlichsten Fischerdorf der Insel beginne – Fornells mit seinen weißen Häusern und einer Bäckerei, wo sich die Warteschlange bis um die nächsten Häuser kringelt, weil die Verkäuferin nun mal gern ein Schwätzchen mit den Kunden hält. Es ist hier, dass ich das Menorca zu verstehen und zu lieben lerne, das Carol in einem Satz zusammengefasst hat: „Wir Insulaner fragen uns immer, warum die Touristen so viel gestresster sind als wir, denn wir nehmen alles mit der Ruhe.“

Mit einem Cappuccino in der Hand schaue ich über das stille Wasser der Bucht von Fornells, lasse die Uhrzeit und das Handy beiseite, komme an. Ein Gefühl, das sich verstärkt, als ich im Auto den Far de Cavalleria erreiche, den nördlichsten Punkt Menorcas, markiert von einem schneeweißen Leuchtturm. Dass er bereits Ende Oktober geschlossen hat, stört mich nicht, denn zu schön ist die Umgebung aus dichtem grünem Gestrüpp und hellen Felsen, an denen Sturm und Meer mit großem Appetit nagen.

Je höher ich aufsteige, desto weiter reicht der Blick über die steppenartige Landschaft der Landzunge, die mich an Kasachstan erinnert, bis zum höchsten Berg Menorcas, dem Toro mit 361 Metern. Dies also ist der älteste Teil Menorcas, der Uropa oder die Uroma mit allen Falten und Narben auf der Oberfläche und unzähligen Geschichten, die sich dahinter verbergen.

Ein Stückchen die Küste weiter runter, in der Nähe der Platja Binimel-là, kommt der Wagen erst einmal zur Ruhe, ich fülle meinen Rucksack mit Picknick und Badesachen. Es ist zu spät, um den gesamten Streckenabschnitt von 8,9 Kilometern bis Els Alocs und zurück noch zu schaffen, aber einen Teil werde ich unter die Sohlen nehmen. Die Etappe gilt als Highlight der 20 Abschnitte, entlang des wildesten Stücks Küste, mit dem höchsten Punkt des Camí. Und mit dem Strand, von dem mir alle Einheimischen sagen, dass sie ihn für den schönsten halten – Cala Pregonda. Im Gegensatz zum Süden mit seinen hellen, gediegenen Farben, ist die Erde hier Rot, und je näher die Cala Pregonda kommt, desto auffallender stechen die vulkanischen, weißgelben Felsen in die Höhe. Kleine Inseln sind dem Strand vorgelagert und die Sonne schaut gerade genug hervor, um die schönsten Blau- und Türkistöne aus dem Wasser hervorzukitzeln.

Cala Pregonda ist ein Ort, wo ich weit über mein Picknick und ein erstes Bad im Meer hinaus bleiben könnte. Doch der Weg ruft, ich möchte herausfinden, was sich hinter der nächsten Landspitze verbirgt. Und so geht es steile rote Wege rauf und runter, das Meer auf der einen Seite, weite grüne Landschaften auf der anderen.

Eine Schildkröte bahnt sich ohne Eile ihren Weg ins Gestrüpp, wenige Wanderer kommen entgegen. An der Cala Barril ist ein Paar in einen Kuss vertieft, und bald schaut mich ein einsamer Esel neugierig hinter einer Mauer an.

Mal zeigen sich die Steine dunkelrot, dann wieder gelblich oder braun, haben keine Konformität nötig. Die bereits tiefstehende Sonne malt sie mit aller Kraft aus und begleitet mich bis zur Cala en Calderer, wo sie sich hinter Wolken verabschiedet, während ich die Mühe des Weges im Meer abwasche. Damit mich nicht die Dunkelheit überrascht, beginnt der Rückweg, wo der Esel mittlerweile ein paar Kumpels zu Besuch hat.

Es ist ein wohliges Gefühl, als mir die Sonne wieder den Rücken stärkt und mich zurückbegleitet bis zur Cala Pregonda. Mittlerweile werfen die umgebenden Hügel ihre Schatten über den Sand, doch ein letztes Bad muss sein. Alle anderen sind bereits weg, vielleicht irgendwo dort, wo man der Sonne beim Untergehen zusehen kann. Das geht hier nicht, die Sonne ist hinter den Anhöhen verschwunden. Aber an diesem einsamen Strand, vor dem schweigenden Meer, begreife ich, dass es sich lohnt, manchmal nicht einem untergehenden Feuerball hinterher zu starren. Dass es noch erfüllender sein kann, zu beobachten, welch weiche Farbtöne die letzten Strahlen den Klippen vor mir schenken und wie sich der Far de Cavalleria in weiter Ferne in die Höhe reckt, als zeige jemand mit dem Scheinwerfer darauf. Ich sitze und staune. Spüre, wie diese Schönheit nicht an meinen Augen abfedert, sondern tiefer reicht, sich einnistet und zu einer Erinnerung wird, aus der Geschichten entstehen.

Die Reise fand mit Unterstützung von Turismo Menorca statt.

 

Originalpost: https://www.bernadette-olderdissen.org/2019/12/29/auf-dem-pferdeweg/
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

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