Tanz auf dem Vulkan

Ätna auf Sizilien mit schneebedecktem Gipfel über schwarzer Vulkanlandschaft

Cosa Nos­t­ra, Zitro­nen, Ätna: Die­se drei Stich­wör­ter umschrei­ben Sizi­li­en. Im Nord­os­ten der Insel locken eine bizar­re Mond­land­schaft, ein ein­sa­mer Golf­platz und ein Bio-Farm mit stil­vol­len Sui­ten.

Der Schick­sals­berg schlum­mert fried­lich an die­sem Aprilm­or­gen. Kurz vor Son­nen­auf­gang wirkt es bei­na­he, als wür­de er lei­se schnar­chen, wie ein seni­ler Greis. Nur ein paar anthra­zit­far­be­ne Zir­rus­wölk­chen atmet die­ser Vul­kan aus, in einen blass­blau­en Him­mel hin­ein, der so glatt und kühl wirkt wie ein kla­rer Gebirgs­see. Ein fah­ler Mond klebt weni­ge Meter rechts neben dem Gip­fel am Fir­ma­ment – wie eine Brief­mar­ke auf einer Pan­ora­ma­post­kar­te.

Im Inne­ren des „Mon­gi­bel­lo“, wie Sizi­lia­ner den Ätna nen­nen, schmie­den kei­ne Schur­ken Rin­ge der Macht. Mich erin­nert der schwar­ze, brö­cke­li­ge Boden, über den ich am ers­ten Tag lau­fe, den­noch an die Fan­ta­sy-Geschich­te des bri­ti­schen Schrift­stel­lers John Ronald Reu­el Tol­ki­en.

Vor mei­ner Rei­se habe ich Doku­men­ta­tio­nen gese­hen, in denen der Ätna Lava spuckt. Rote Fon­tä­nen schos­sen in die Höhe, sprüh­ten Fun­ken, brach­ten den Nacht­him­mel zum Glü­hen. Die Auf­nah­men sahen ähn­lich aus wie die von dem bro­deln­den Feu­er­strom im Schick­sals­berg, in den der Hob­bit Fro­do Beut­lin den Ring des dunk­len Herr­schers Sau­ron wer­fen soll – auf dass alles Böse in Mit­tel­er­de, samt dem Reich Mordor, inner­halb des­sen Gren­zen der Schick­sals­berg liegt, unter­ge­hen möge. 

Euro­pas größ­ter akti­ver Vul­kan ist schön und bedroh­lich zugleich. Sei­ne Grö­ße ver­än­dert sich immer wie­der. Durch Erup­tio­nen, Lava- und Schlamm­strö­me. For­scher schät­zen sei­ne Maße auf etwa 3400 Höhen­me­ter. Aus­ge­bro­chen ist er zuletzt am 1. Janu­ar 2026. Das Isti­tu­to Nazio­na­le di Geo­fi­si­ca e Vul­ca­no­lo­gia über­wacht ihn rund um die Uhr, ana­ly­siert das Mag­ma, doku­men­tiert alle Regun­gen.

Jetzt, nach Ostern, liegt noch Schnee auf dem Gip­fel, der letz­te Win­ter war unge­wöhn­lich nie­der­schlags­reich. Es ist mir zu kalt, ganz oben neben den vier Kra­tern her­um­zu­wan­dern. Ich hal­te mich lie­ber wei­ter unten auf, wo man im T‑Shirt spa­zie­ren gehen kann, ohne zwi­schen Schnee­wän­den zu frös­teln. Eine Wan­de­rung fühlt sich hier an wie eine Mond­lan­dung.

Der Ätna ist ein Umwelt­sün­der. Jedes Jahr damp­fen im Durch­schnitt 25 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid aus sei­nen vie­len Spal­ten und Fum­a­ro­len, lese ich in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung. Die­ser Aus­stoß sei min­des­tens zehn­mal so groß wie die Men­ge an CO2, die dem Kilauea auf Hawaii ent­wei­che, heißt es, das ist der zweit­größ­te Pro­du­zent von vul­ka­ni­schem Treib­haus­gas. Ich kann mir die Kon­se­quen­zen einer sol­chen Men­ge nicht gut vor­stel­len.

Aus der Fer­ne betrach­tet sieht man dem Ätna sei­ne zer­stö­re­ri­sche Kraft nicht an. Eher wirkt er weich gezeich­net, wie der japa­ni­sche Mount Fuji in einem Man­ga. Die wei­ße Hau­be lässt ihn unschul­dig wir­ken, sie glänzt wie ein Bai­ser auf einem Kuchen.

Unten, am Fuße des Feu­er­bergs, liegt Cas­tig­li­o­ne di Sici­lia. Der Ort hat 2855 Ein­woh­ner und ist Mit­glied der Ver­ei­ni­gung „I bor­ghi più bel­li d’Italia“, dazu zäh­len die schöns­ten Dör­fer Ita­li­ens. Im Jah­re 496 vor Chris­tus wur­de Cas­tig­li­o­ne von Ver­trie­be­nen aus Naxos gegrün­det.

Das „Il Pic­cio­lo Etna Golf Resort“ bei Cas­tig­li­o­ne bie­tet einen schö­nen Blick auf den Ätna – und viel Ruhe. Die Ita­lie­ner sind kei­ne lei­den­schaft­li­chen Gol­fer. Nach Anga­ben der Euro­pean Golf Asso­cia­ti­on spie­len 5,13 Pro­zent der Schwe­den Golf, aber nur 0,16 Pro­zent der Ita­lie­ner. Nur zwei Plät­ze gibt es auf Sizi­li­en. Ich habe lan­ge nicht gespielt und bin aus der Übung, aber auf dem Rasen des „Il Pic­cio­lo“, das kann ich mir zumin­dest gut vor­stel­len, fühlt sich der Abschlag extrem ent­span­nend an. An den Vor­mit­ta­gen im Som­mer ist es oft ziem­lich leer hier, die meis­ten Gäs­te kom­men, wenn es küh­ler ist, von Okto­ber bis April, weil das Hotel ein Spa hat, mit Jacuz­zi, Dampf­bad und einer fin­ni­schen Sau­na.

In den Mor­gen­stun­den star­te ich zu Aus­flü­gen, nach Taor­mi­na, Sira­cu­sa, Orti­gia, Enna und Noto. Vom Hotel aus sind die­se Orte mit dem Miet­wa­gen gut zu errei­chen. Die Insel­stadt Orti­gia mit ihren engen Gas­sen, über die sich Wäsche­lei­nen span­nen, umtost vom Ioni­schen Meer, gefällt mir am bes­ten.

Zum Berg­dorf Enna führt eine schö­ne Land­stra­ße, die sich ser­pen­ti­nen­för­mig durch grü­ne Hügel schnei­det. Das mit­tel­al­ter­li­che Noto ist fein her­aus­ge­putzt. Kei­ne Mau­er, kein Kirch­turm und kei­ne Trep­pe haben Pati­na ange­setzt. Das bei Influen­cern belieb­te Taor­mi­na ist lei­der über­lau­fen. Als ich aus Ver­se­hen auf dem Park­platz einer Wäsche­rei ste­he, kommt die Besit­ze­rin her­aus­ge­rannt und beschimpft mich in ita­lie­ni­scher Spra­che. Bis ich eine regu­lä­re Lücke gefun­den habe, ver­ge­hen 40 Minu­ten.

Obwohl es in allen sizi­lia­ni­schen Städ­ten fast nur Anwoh­ner­park­plät­ze gibt, was mei­ne Stopps manch­mal beschwer­lich macht, genie­ße ich mei­ne ein­sa­men Fahr­ten über die Insel. Ich höre ita­lie­ni­sches Radio und freue mich dar­über, dass ich die Nach­rich­ten ver­ste­he. Abends keh­re ich müde und glück­lich zum Ätna zurück.

Nach eini­gen Tagen begrü­ße ich den Vul­kan wie einen alten Freund. Die Bio­sphä­re in sei­ner Umge­bung ist ein­ma­lig. Schon in den 1960er Jah­ren for­der­ten ambi­tio­nier­te Stu­den­ten und ihr Pro­fes­sor Vale­rio Gia­co­mi­ni ein Schutz­ge­biet. Nach eini­gen poli­ti­schen Kämp­fen ver­ab­schie­de­te das Regio­nal­par­la­ment im Jahr 1981 das Gesetz No. 98 (Leg­ge n. 98), das die Ein­rich­tung drei­er Natur­parks (Par­co dei Nebro­di, Par­co del­le Mado­nie und Par­co dell’Etna) regelt.

Es gibt ver­schie­de­ne Vege­ta­ti­ons­zo­nen rund um den Ätna. Bis unge­fähr 800 Meter über dem Mee­res­spie­gel prä­gen Wei­zen, Zitrus­früch­te, Oli­ven, Fei­gen und Wein­trau­ben die Land­schaft. Etwas höher lie­gen Wald­ge­bie­te, mit Eichen, Kas­ta­ni­en, Buchen, Kie­fern und Pini­en. Am Ost­hang steht der Kas­ta­ni­en­baum der hun­dert Pfer­de. Er gilt als der ältes­te Baum Euro­pas. Ab etwa 2000 Höhen­me­tern wach­sen haupt­säch­lich Sträu­cher, zum Bei­spiel Gins­ter. Es fol­gen Flech­ten und Moo­se. Die höchs­ten Regio­nen sind kahl.

Beson­ders wohl füh­le ich mich im „Mona­ci del­le Terre Nere“. Die exklu­si­ve Bio-Farm ist ein Mit­glied der Hotel­ver­ei­ni­gung Relais & Châ­teaux und liegt bei Zaf­fer­ana Etnea, 28 Kilo­me­ter nörd­lich von Cata­nia. Das haus­ei­ge­ne Restau­rant „Locan­da Nere­l­lo“ setzt auf Slow Food und bie­tet sei­nen Gäs­ten moder­ne Varia­tio­nen der tra­di­tio­nel­len sizi­lia­ni­schen Küche. Alle Erzeug­nis­se stam­men aus eige­nem öko­lo­gi­schen Anbau oder von Höfen in der Nähe.

Die Geschich­te des Anwe­sens ist span­nend: Im 17. Jahr­hun­dert schenk­te der Erz­bi­schof von Cata­nia das Land den Unbe­schuh­ten, so nann­ten sich Augus­ti­ner­mön­che von Val­ver­de. Sie form­ten Ter­ras­sen aus Lava­stein und leg­ten Wein­ber­ge dar­in an. Gui­do Coffa, der Grün­der des „Mona­ci del­le Terre Nere“, wuchs auf Sizi­li­en auf. Nach Jah­ren im Aus­land ent­deck­te er 2007 die ver­las­se­ne Vil­la auf dem Gelän­de, kauf­te sie und bil­de­te sich in der Land­wirt­schaft wei­ter. Ein gutes Händ­chen hat­te er beim Umbau­en alter Land­häu­ser und Scheu­nen auf dem 25 Hekt­ar gro­ßen Grund­stück.

Alle Unter­künf­te lie­gen in Gär­ten mit üppi­gen Laven­del­bü­schen und alten Oli­ven­bäu­men. Die Sui­ten ver­fü­gen über geräu­mi­ge Wohn­flä­chen mit viel Glas und sind mit natür­li­chen Mate­ria­li­en in Erd­tö­nen ein­ge­rich­tet. In einer Pool-Vil­la vom Typ „Ele­gan­te“ ist ein Whirl­pool im Boden ein­ge­las­sen. In mei­ner ers­ten Nacht bade ich hier, vor einem lodern­den Kamin, durch boden­tie­fe Fens­ter kann ich bis zur Küs­te schau­en.

Sizi­li­en ist grü­ner als ich es mir vor­ge­stellt habe. Auch mor­bi­der, vie­le Häu­ser ste­hen leer. Die Initia­ti­ve, reno­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Gebäu­de zum sym­bo­li­schen Preis von einem Euro zu kau­fen, gibt es immer noch.

Gele­gent­lich habe ich Expats aus Paler­mo Deutsch­un­ter­richt gege­ben. Inge­nieu­re und Ärz­te haben mir von ihrer Hei­mat erzählt, meis­tens haben wir über sizi­lia­ni­sche Spe­zia­li­tä­ten gespro­chen, manch­mal auch über die lah­men­de Wirt­schaft in Süd­ita­li­en, das Müll­pro­blem oder den Ein­fluss der Cosa Nos­t­ra. Unse­re Dis­kus­sio­nen haben mich neu­gie­rig gemacht.

Das Schat­ten­reich Mordor habe ich auf die­sem Kurz­trip nicht gefun­den. Obwohl die Dör­fer auf Sizi­li­en teil­wei­se ziem­lich düs­ter aus­se­hen, weil die ita­lie­ni­sche Regie­rung den ärme­ren Haus­be­sit­zern kei­ne Unter­stüt­zung für drin­gend not­wen­di­ge Reno­vie­run­gen gewährt.

Wie­der­kom­men möch­te ich in der Kar­wo­che, wenn Pro­zes­sio­nen statt­fin­den. Und natür­lich zum Tau­chen. Ein wei­ßer Hai wur­de gera­de vor der Küs­te gesich­tet, zum ers­ten Mal im Mit­tel­meer, Derk Rem­mers konn­te ihn fil­men. Die Lava prägt auch die Unter­was­ser­welt, es gibt inter­es­san­te For­ma­tio­nen in der Tie­fe.

In Erin­ne­rung blei­ben mir der süße Duft von Jas­min, der Geschmack von Zitro­nen­pas­ta und die bes­ten Can­no­li, die ich je geges­sen habe.    


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert