Tanz auf dem Vulkan

Ätna auf Sizilien mit schneebedecktem Gipfel über schwarzer Vulkanlandschaft

Cosa Nos­t­ra, Zitro­nen, Ätna: Die­se drei Stich­wör­ter umschrei­ben Sizi­li­en. Im Nord­os­ten der Insel locken eine bizar­re Mond­land­schaft, ein ein­sa­mer Golf­platz und ein Bio-Farm mit stil­vol­len Sui­ten.

Der Schick­sals­berg schlum­mert fried­lich an die­sem Aprilm­or­gen. Bei Son­nen­auf­gang wirkt es bei­na­he, als wür­de er lei­se schnar­chen, wie ein demen­ter Greis. Nur ein paar anthra­zit­far­be­ne Zir­rus­wölk­chen atmet der Vul­kan aus, in einen blass­blau­en Him­mel hin­ein, der so erfri­schend kühl wirkt wie ein kla­rer Gebirgs­see. Ein fah­ler, sichel­för­mi­ger Mond klebt nur weni­ge Meter rechts neben dem Gip­fel am Fir­ma­ment – wie eine Brief­mar­ke auf einer Pan­ora­ma­post­kar­te.

Im Inne­ren des „Mon­gi­bel­lo“, wie Sizi­lia­ner den Ätna nen­nen, schmie­den kei­ne Schur­ken Rin­ge der Macht. Mich erin­nert der schwar­ze Boden, über den ich am ers­ten Tag wan­de­re, den­noch an die Fan­ta­sy-Geschich­te des bri­ti­schen Schrift­stel­lers John Ronald Reu­el Tol­ki­en. Vor mei­ner Rei­se habe ich Vide­os gese­hen, in denen der Ätna Lava spuckt. Rote Fon­tä­nen schos­sen in die Höhe, sprüh­ten Fun­ken, brach­ten den Nacht­him­mel zum Glü­hen. Die Auf­nah­men sahen ähn­lich aus wie die von dem bro­deln­den Feu­er­strom im Schick­sals­berg, in den der Hob­bit Fro­do Beut­lin den Ring des dunk­len Herr­schers Sau­ron wer­fen soll – auf dass alles Böse in Mit­tel­er­de, samt dem Reich Mordor, inner­halb des­sen Gren­zen der Schick­sals­berg liegt, unter­ge­hen möge. 

Der Ätna fas­zi­niert mich. Er ist schön und bedroh­lich zugleich. Euro­pas größ­ter akti­ver Vul­kan hat eine koni­sche Form mit einer Flä­che von 1200 Qua­drat­ki­lo­me­tern. Sei­ne Höhe ver­än­dert sich stän­dig, durch Erup­tio­nen, Lava- und Schlamm­strö­me. Geschätzt wird sie der­zeit auf etwa 3400 Meter. An sei­nen Süd- und West­flan­ken befin­den sich Dut­zen­de erup­ti­ve Kra­ter. Ein biss­chen füh­le ich mich wie bei einer Mond­lan­dung, als ich ihn mir erlau­fe.

In den ver­gan­ge­nen 400 Jah­ren brach der Ätna min­des­tens 22 Mal aus. Dabei beför­der­te er ins­ge­samt mehr als eine Mil­li­ar­de Kubik­me­ter Lava an die Ober­flä­che. Man­che Lava­strö­me waren fast 15 Kilo­me­ter lang, ande­re ende­ten schon 250 Meter von der Aus­bruchs­stel­le ent­fernt. Ein Vul­kan ist leben­dig, er bewegt sich, schafft sich neu­en Raum. Die Gip­fel­re­gi­on besteht mitt­ler­wei­le nicht mehr nur aus einem, son­dern aus fünf Kra­tern. Der jüngs­te davon, im Süd­os­ten, ent­stand erst im Jah­re 1979.

Lei­der ist der Ätna der größ­te vul­ka­ni­sche Luft­ver­schmut­zer der Erde. Jedes Jahr quel­len im Durch­schnitt 25 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid aus sei­nen Spal­ten und Fum­a­ro­len. Die­ser Aus­stoß ist min­des­tens zehn­mal so groß wie die Men­ge an CO2, die aus dem Kilauea auf Hawaii ent­weicht, das ist der zweit­größ­te Pro­du­zent von vul­ka­ni­schem Treib­haus­gas.

Aus der Fer­ne betrach­tet sieht man ihm sei­ne zer­stö­re­ri­sche Kraft gar nicht an. Eher wirkt er weich gezeich­net, wie der japa­ni­sche Mount Fuji in einem Man­ga. Schnee bedeckt ihn, die wei­ße Hau­be glänzt in der Son­ne, wie ein Bai­ser. Die ver­gan­ge­ne Win­ter­sai­son war unge­wöhn­lich nie­der­schlags­reich, noch im April 2026 spa­zier­ten Berg­stei­ger auf 2800 Höhen­me­tern neben hohen Eis­wän­den ent­lang.

Am Fuße des Feu­er­bergs liegt Cas­tig­li­o­ne di Sici­lia. Der Ort hat 2855 Ein­woh­ner und ist Mit­glied der Ver­ei­ni­gung „I bor­ghi più bel­li d’Italia“, dazu zäh­len die schöns­ten Dör­fer Ita­li­ens. Im Jah­re 496 vor Chris­tus wur­de Cas­tig­li­o­ne von Ver­trie­be­nen aus Naxos gegrün­det. Der Ort war grie­chi­sche Kolo­nie, spä­ter ara­bi­sche Fes­tung und im Mit­tel­al­ter eine Königs­stadt der Nor­man­nen.

Das „Il Pic­cio­lo Etna Golf Resort“ bei Cas­tig­li­o­ne, in dem ich zwei Näch­te ver­brin­ge, bie­tet einen schö­nen Blick auf den Ätna – und viel Ruhe. Die Ita­lie­ner sind kei­ne lei­den­schaft­li­chen Gol­fer. Nach Anga­ben der Euro­pean Golf Asso­cia­ti­on spie­len 5,13 Pro­zent der Schwe­den Golf, aber nur 0,16 Pro­zent der Ita­lie­ner. Nur zwei Plät­ze gibt es auf Sizi­li­en. Ich habe lan­ge nicht gespielt und bin aus der Übung. Aber auf dem Rasen des „Il Pic­cio­lo“, Auge in Auge mit dem Ätna, fühlt sich der Abschlag extrem ent­span­nend an. An den Vor­mit­ta­gen im Som­mer ist es oft ziem­lich leer hier, die meis­ten Gäs­te kom­men im Früh­ling oder im Herbst, weil das Hotel ein Spa hat, mit Whirl­pool und einer fin­ni­schen Sau­na.

Ich star­te zu Aus­flü­gen nach Taor­mi­na, Sira­cu­sa, Orti­gia und Noto. Vom Hotel aus sind die­se Orte mit dem Miet­wa­gen gut zu errei­chen. Die Insel­stadt Orti­gia mit ihren ver­win­kel­ten Gas­sen, umtost vom Ioni­schen Meer, gefällt mir am bes­ten. In das beschau­li­che Berg­dorf Enna führt eine schö­ne Land­stra­ße, die sich ser­pen­ti­nen­för­mig durch grü­ne Hügel schnei­det. Das mit­tel­al­ter­li­che Noto ist fein her­aus­ge­putzt, kei­ne Mau­er, kein Kirch­turm und kei­ne Trep­pe haben Pati­na ange­setzt. Taor­mi­na ist lei­der über­lau­fen. Als ich aus Ver­se­hen auf dem Park­platz einer Wäsche­rei ste­he, kommt die Besit­ze­rin her­aus­ge­rannt und beschimpft mich in ita­lie­ni­scher Spra­che. Bis ich end­lich eine regu­lä­re Lücke gefun­den habe, ver­ge­hen 40 Minu­ten.

Obwohl es in allen Städ­ten fast nur Anwoh­ner­park­plät­ze gibt, was mei­ne Stopps manch­mal beschwer­lich macht, genie­ße ich mei­ne ein­sa­men Fahr­ten über die Insel. Ich höre ita­lie­ni­sches Radio und freue mich dar­über, dass ich die Nach­rich­ten ver­ste­he. Abends keh­re ich müde und glück­lich zum Vul­kan zurück.

Am Ost­hang des Ätna steht der Kas­ta­ni­en­baum der hun­dert Pfer­de. Er gilt als der ältes­te Baum Euro­pas. Die Natur in der Gegend ist ein­zig­ar­tig, auch durch den frucht­ba­ren Asche­re­gen.

Schon in den 1960er Jah­ren for­der­ten eine Grup­pe ambi­tio­nier­ter Stu­den­ten und ihr Pro­fes­sor Vale­rio Gia­co­mi­ni ein Schutz­ge­biet. Nach poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­ab­schie­de­te das Regio­nal­par­la­ment im Jahr 1981 das Gesetz No. 98 (Leg­ge n. 98), das die Ein­rich­tung drei­er Natur­parks (Par­co dei Nebro­di, Par­co del­le Mado­nie und Par­co dell’Etna) regelt.

Je nach Höhe gibt es an den Hän­gen meh­re­re Vege­ta­ti­ons­zo­nen: Bis unge­fähr 800 Meter über dem Mee­res­spie­gel domi­nie­ren Fel­der. Auf Sizi­li­en gedei­hen Wei­zen, Zitrus­früch­te, Oli­ven, Fei­gen und Wein­trau­ben. An die­se Zone schlie­ßen sich Wald­ge­bie­te an, mit Eichen, Kas­ta­ni­en, Buchen, Kie­fern und Pini­en. Ab etwa 2000 Höhen­me­tern wach­sen haupt­säch­lich Sträu­cher, zum Bei­spiel der Ätna-Gins­ter. Es fol­gen Flech­ten und Moo­se. Die höchs­ten Regio­nen sind vege­ta­ti­ons­los und fast das gan­ze Jahr über schnee­be­deckt.

Beson­ders wohl füh­le ich mich im „Mona­ci del­le Terre Nere“. Die exklu­si­ve Bio-Farm ist ein Mit­glied der Hotel­ver­ei­ni­gung Relais & Châ­teaux und liegt bei Zaf­fer­ana Etnea, 28 Kilo­me­ter nörd­lich von Cata­nia. Das haus­ei­ge­ne Restau­rant „Locan­da Nere­l­lo“ setzt auf Slow Food und bie­tet sei­nen Gäs­ten moder­ne Varia­tio­nen der tra­di­tio­nel­len sizi­lia­ni­schen Küche. Alle Pro­duk­te stam­men von Höfen in der Umge­bung.

Die Geschich­te des Anwe­sens ist span­nend: Im 17. Jahr­hun­dert schenk­te der Erz­bi­schof von Cata­nia das Land den Unbe­schuh­ten, so nann­ten sich Augus­ti­ner­mön­che von Val­ver­de. Sie form­ten Ter­ras­sen aus Lava­stein und leg­ten Wein­ber­ge dar­in an. Gui­do Coffa, der Grün­der des „Mona­ci del­le Terre Nere“, wuchs auf Sizi­li­en auf. 2007 ent­deck­te er eine ver­las­se­ne Vil­la, er kauf­te das Anwe­sen, restau­rier­te es und bil­de­te sich in der Land­wirt­schaft wei­ter. Ein gutes Händ­chen hat­te er beim Umbau­en alter Land­häu­ser und Scheu­nen auf dem 25 Hekt­ar gro­ßen Grund­stück.

Alle Unter­künf­te lie­gen in hüb­schen Gär­ten. Die Sui­ten ver­fü­gen über luf­ti­ge gro­ße Wohn­flä­chen mit viel Glas und sind mit natür­li­chen Mate­ria­li­en und Kunst ein­ge­rich­tet. In einer Pool-Vil­la vom Typ „Ele­gan­te“ ist ein Whirl­pool im Boden ein­ge­las­sen. In mei­ner ers­ten Nacht bade ich hier, vor einem lodern­den Kamin, durch boden­tie­fe Fens­ter kann ich durch eine ster­nen­kla­re Nacht bis zur Küs­te schau­en.

Nach Sizi­li­en bin ich mit vie­len Kli­schees im Kopf gekom­men: Aus der Tri­lo­gie »Der Pate« und ande­ren Fil­men über die Mafia hat­te ich Sze­nen von ver­trock­ne­ten Wei­de­flä­chen und schieß­wü­ti­gen Vil­len­be­sit­zern abge­spei­chert. Immer wie­der habe ich Expats von der Insel, die jetzt in Mün­chen arbei­ten, Deutsch­un­ter­richt gege­ben. Inge­nieu­re, Ärz­te und Som­me­liers haben mir von ihrer Hei­mat erzählt, meis­tens haben wir über sizi­lia­ni­sche Spe­zia­li­tä­ten gespro­chen, das hat mich neu­gie­rig gemacht.

Weder die Mafia noch Mordor habe ich auf die­sem Kurz­trip gefun­den. Obwohl die Land­schaft auf Sizi­li­en teil­wei­se sehr düs­ter aus­sieht und eini­ge Dör­fer ver­fal­len, weil die ita­lie­ni­sche Regie­rung den ärme­ren Haus­be­sit­zern kei­ne Unter­stüt­zun­gen für drin­gend not­wen­di­ge Reno­vie­run­gen gewährt.

Das nächs­te Mal möch­te ich zum Tau­chen wie­der­kom­men. Die Lava des Ätna prägt auch die Unter­was­ser­welt, es gibt inter­es­san­te For­ma­tio­nen im Meer. In Erin­ne­rung blei­ben mir der Duft von Jas­min, der Geschmack von Zitro­nen­pas­ta und die bes­ten Can­no­li, die ich je geges­sen habe.    


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