Um es mal gleich vorweg zu sagen: Ein bisschen verunsichert haben mich die hochgezogenen Augenbrauen meiner Freunde und Verwandten anfangs schon. »Allein durch Südamerika? Als Frau? und dann noch mit dem Rucksack? In dem Alter? Geht’s noch?« Ja. Es geht. Es geht sogar ganz hervorragend. Und bitteschön: das Alter ist kein Hindernis. Gar keins. Ich bin ja keine Hutzeloma mit Osteoporose, O‑Beinen und Herzschrittmacher. Das wäre eher ungünstig für eine Rucksackreise. Aber so?
Den Jugendwahn gibt es nur in unseren Köpfen, in der Werbung und in den Medien. Auf den Strassen, in den Bussen, den Zügen und den Hostels dieser Welt ist das Alter kein Problem. Ich habe jedenfalls keines gesehen. Im Gegenteil.

Ein Auto so alt wie ich. Fährt noch!
Was mich betrifft würde ich sagen: je älter desto unbeschwerter. Im vielfachen Sinne des Wortes. Unbeschwert, weil es mir egal ist, was die Anderen denken. Unbeschwert, weil mir auf der Strasse kein pfeifender Macho hinterher ätzt. Unbeschwert, weil ich einfach so sein kann wie ich bin. Unbeschwert, weil ich mit nichts mehr beweisen muss. Unbeschwert, weil ich nicht mehr gut aussehen muss. Deshalb nehme ich nur mit was ich unbedingt brauche. Und das ist unglaublich befreiend. Vier Wochen Uruguay mit neun Kilo Gepäck. Das kann man locker tragen. Sogar in meinem Alter.
10 Dinge die ich unbedingt in meinen Rucksack packe:
ein Moskitonetz
eine Wäscheleine
Flip Flops
Sonnenbrille
Unterwäsche
Badesachen
1 Outfit mit Hose
1 Outfit mit Sommerkleid
T‑Shirts
Waschzeug
Dazu ein Tagesrucksack mit Laptop, Smartphone und Kamera. Alles andere hab ich an (Turnschuhe, Pullover, Regenjacke) oder ich kaufe es unterwegs (Sonnencreme, Seife, Waschmittel).
Das Gute am Reisen heute ist nämlich: man bekommt alles, überall.
Hostal Posada al Sur in der Altstadt von Montevideo
10 Dinge die ich früher mitgenommen hätte und jetzt nicht mehr brauche:
Schminkzeug
Föhn
Taschen (Handtasche, Strandtasche, Fototasche)
Bücher zum Tauschen (macht kein Mensch mehr)
Apotheke (gibt es überall)
Walkman und Kassetten (!)
Reiseführer (macht jetzt das Smartphone)
Strassenkarten (macht jetzt das Smartphone)
Kompaß (macht jetzt das Smartphone)
Taschenlampe (macht jetzt das Smartphone)
»Waaaas? Hostel? Da triffst du doch nur Leute, die deine Kinder sein könnten«
Wenn ich schon mal mit dem Rucksack unterwegs bin will ich auch in Hostels einkehren. »Da triffst du doch nur Leute, die deine Kinder sein könnten«. Na und? Ich liebe meine Kinder. Mein eigenes und das in mir und alle anderen auch. Es gibt nichts erfrischenderes als mit jungen Leuten zu diskutieren, zu kochen und zu lachen. Und genau das habe ich immer wieder in den Hostels erlebt. Ausserdem – Überraschung!- bin ich gar nicht die einzige Backpacker-Ü50. Es ist total egal wie alt oder jung man in einem Hostel ist.
Je Nous Hostel, Jose Ignacio
Ob Student, Manager, Alt-Hippie, Neu-Hipster, ob Ingenieur oder Krankenschwester, ob gerade volljährig oder schon in Rente: Man sitzt in der Küche, auf der Dachterasse oder im Garten mit Menschen unterschiedlichster Herkunft an einem Tisch. Wenn man es will.
Zum Beispiel in Montevideo. Da ist Jose, der Spanier, Anfang dreißig. Er will eine Kannabis-Cafe in Montevideo eröffnen. Wenn er abends »nach Hause« ins Hostel kommt erzählt er von seinen Besichtigungen, von seinen Behördengängen und von seinen Träumen in Uruguay ganz neu anzufangen. Von Spanien und Europa hat er die Nase voll. Melanie aus Schweden: Sie hat gerade den Bachelor gemacht und macht jetzt ein halbes Jahr Pause bevor es wieder an die Uni geht. Oder Jürgen aus München. Ha! Der ist Anfang sechzig, hatte einen Burnout und freut sich darüber. Weil er sonst gar nicht mehr mitbekommen hätte wie schön das Leben sein kann. Er hat seinen Job hingeschmissen und reist seit einem Jahr um die Welt. Er spricht das breiteste Bayrisch was ich jeh gehört habe und wird nicht müde den Mitbewohnern zu zeigen wie man eine Landkarte liest. Und die finden das super! Ausserdem am Tisch: Juana und Pedro aus Argentinien. Sie kennen jeden Tango-Act in Montevideo und die heissesten Plätze zum Abtanzen. Und Overo aus Brasilien, Mitte zwanzig. Der ist eines Morgens ohne jeden Plan mit seinem Mofa in Brasilien losgefahren und tuckert seither Kilometer um Kilometer durch Uruguay. Auch abends finde ich immer nette Leute wenn mir nach Gesellschaft ist. Auf der Dachterrasse wird gechillt, Wein getrunken und Reiseerlebnisse werden ausgetauscht. Allein bin ich nur wenn ich es möchte.
Auf der Dachterrasse Hostal Posada al Sur
Ich habe selten so eine entspannte und tolerante Atmosphäre erlebt wie in den Hostels, in denen ich unter gekommen bin. Niemand interessiert wie alt du bist, welchen Beruf oder Titel du hast. Es zählt nur wie man miteinander umgeht. Ob du deine Milch teilst oder jeden Zuckerwürfel abzählst. Ob du freundlich oder großkotzig bist. Ob du authentisch oder aufgesetzt daher kommst. Da werden Verabredungen gemacht, Adressen ausgetauscht und nicht selten Freundschaften geschlossen. Mit Menschen jeden Alters und jeder Nationalität. Das ist toll und unglaublich inspirierend.
Je Nous Hostel, Jose Ignacio
Also, Freunde, wenn ihr mal in die Jahre kommt und spürt plötzlich so eine unbändige Lust noch mal den Rucksack zu packen und die Welt zu entdecken: just do it! Das Reisen ist so viel einfacher geworden und es gibt überhaupt keinen Grund zu Hause zu bleiben. Auf der Couch sitzen kann ich auch später noch: wenn ich eine Hutzeloma mit O‑Beinen und Buckel bin.
Update:
Im Mai 2017 ist das Buch über mein Comeback mit dem Backpack erschienen.
Auf 272 Seiten mit vielen Fotos kannst du hier nachlesen wie ich 1980 mit dem Rucksack unterwegs war und was ich alles erlebt habe als ich 35 Jahre später (mit 58) meinen Rucksack wieder gepackt habe und erneut nach Südamerika getourt bin. Reisen damals, reisen heute und warum es heute so viel einfacher ist, auch als Ü50 ein glücklicher Reiseabenteurer zu sein!







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