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Von der Seidenstraße, Prunk und zu viel Plov

For­mel-1-Piste nach Samarkand

Es ist neun Uhr mor­gens, als ich am Flug­ha­fen der usbe­ki­schen Haupt­stadt Tash­kent stehe. „Taxi, Miss? Good price!“ Ich kenne die guten Preise von Flug­ha­fen-Taxis. „Samar­kand Sam­mel­taxi 50 Dol­lar!“ Ich hor­che auf. Samar­kand ist eine der angeb­lich ältes­ten Städte der Welt und eine der schöns­ten an der Sei­den­straße, und genau dort will ich hin. Für 25 Dol­lar – bei gut 300 Kilo­me­tern und vier bis fünf Stun­den Fahrt akzep­ta­bel – bin ich dabei. Wir fah­ren zum Tash­ken­ter Bus­bahn­hof, wo ein Kum­pel des Fah­rers im wei­ßen Toyota war­tet. Über­haupt schei­nen 90 Pro­zent der Autos in Usbe­ki­stan weiß zu sein. Auf dem Rück­sitz rich­tet sich eine ältere Dame mit lie­bem Groß­mutter-Gesicht ein, die ich in mei­nem basis­haf­ten Rus­sisch begrüße. Sie ant­wor­tet in flie­ßen­dem Eng­lisch. „Du kannst mich Sarah nen­nen. Ich lebe schon seit über 20 Jah­ren in den USA, aber jetzt bin ich gerade zu Hause und zu Besuch bei mei­ner Toch­ter und ihrer Fami­lie.“ Sarah, mit usbe­ki­schem Namen Say­yora, ist 70 Jahre alt und arbei­tet in den Staa­ten als Pfle­ge­rin, wodurch sie Toch­ter und Enkel­kin­der daheim unter­stützt. Scher­zod, der hagere Fah­rer mit Son­nen­brille, springt hin­ters Steuer und los geht’s – zur schlimms­ten Taxi­fahrt mei­nes Lebens.

Dort, wo Kara­wa­nen einst nicht nur Seide, son­dern auch Glas, Edel­steine, Gold, Kera­mik, Por­zel­lan, Pelze und wei­tere Waren durch Asien trans­por­tier­ten, sind wir bald mit an die 180 Stun­den­ki­lo­me­tern unter­wegs, wo viel­leicht 80 erlaubt sind. Sarah hängt ent­spannt auf mei­nem Kof­fer, erholt sich noch von einem Leis­ten­bruch, wäh­rend der nicht ein­mal ange­schnallte Scher­zod die teils löch­rige Land- und Staub­straße in eine For­mel-1-Piste ver­wan­delt. „Er ist ein wenig in Eile, wir sind spät los­ge­fah­ren“, ent­schul­digt Sarah den jun­gen Mann, der kein Wort Eng­lisch, nur Usbe­kisch und Rus­sisch, spricht. Meine Füße füh­len instink­tiv nach einem Brems­pe­dal, wenn Scher­zod die Hupe gedrückt hält und brems­frei auf den Vor­der­mann auf­fährt, bis sich zwei Stoß­stan­gen um einen Mil­li­me­ter knut­schen, und sich Scher­zod doch zögernd für den Ein­satz der Bremse ent­schei­det. Ich klam­mere mich am Gurt fest und beob­achte, wie Fah­rer aus den engen, zwei­spu­ri­gen Stra­ßen immer wie­der drei­spu­rige machen. Wir flie­gen im Mil­li­me­ter­ab­stand an ande­ren Wagen vor­bei, ohne dass es auch nur einen Krat­zer am Lack gäbe.

Um Punkt 11.30 Uhr diri­giert Sarah den Pis­ten­hel­den zu einem Restau­rant am Stra­ßen­rand. „Hier gibt es den bes­ten Fisch!“ Fisch? Das ist das letzte, womit ich in einem meer­lo­sen und all­ge­mein recht was­ser­ar­men Land gerech­net habe, aber es soll nebenan einen Fluss geben. Wir bekom­men einen rie­si­gen Tel­ler mit frit­tier­tem Fisch, dazu haus­ge­machte Toma­ten­soße, fri­sches Pide – typi­sches, run­des Brot – und Toma­ten-Gur­ken-Salat. Zu Dritt stür­zen wir uns dar­auf, bis außer Grä­ten nichts mehr übrig ist, dann wird gebe­tet. „Wir dan­ken Gott erst nach dem Essen für die guten Spei­sen und für alles, was er für uns und unsere Toten tut“, erklärt Sarah.

Nach dem üppi­gen Mahl und der zuvor fast schlaf­lo­sen Nacht im Flie­ger fal­len mir bald die Augen zu. Jedes Mal, wenn ich bei einem von Scher­zods Last-Minute-Brems­ma­nö­vern nach vorne fliege und auf­wa­che, befin­den wir uns so nah am Vor­der­mann, dass ich des­sen Bart­stop­peln im Rück­spie­gel erken­nen könnte. Ich gebe mein Leben an Scher­zods Fahr­künste ab. Irgend­wann kom­men wir im mär­chen­haf­ten Samar­kand an, das auf den ers­ten Blick gar nicht mär­chen­haft erscheint – viel­mehr als übli­che Groß­stadt mit Stoß­stan­gen­ver­kehr, schrei­en­den Fah­rern, Out­lets, Apo­the­ken, unzäh­li­gen Tier­arzt­pra­xen – „die Leute hier lie­ben ihre Haus­tiere“, klärt mich Sarah auf – sowie über­di­men­sio­na­len Rekla­me­ta­feln. Sarah wird ein paar Tage bei einer Freun­din ver­brin­gen, nimmt mir aber das Ver­spre­chen ab, sie und ihre Fami­lie in Tash­kent zu besu­chen, wenn wir beide wie­der dort sind. Dann ist es an der Zeit, das Samar­kand mei­ner Träume zu erkunden.

Der schönste Platz der Welt?

Ich habe den bes­ten Spot ergat­tert – auf den Trep­pen weit oben in der Mitte, wie vor einer rie­si­gen Kino­lein­wand, und vor mir läuft ein groß­ar­ti­ger Film. Wie bestellt gehen sämt­li­che Lich­ter an und klei­den ihn in schumm­rig-gel­bes Licht: den mäch­ti­gen Regi­stan-Platz, schöns­ter Platz Samar­kands und viel­leicht von ganz Zen­tral­asien. Mit drei Prot­ago­nis­ten – ehe­ma­li­gen Medre­sen, Koran­schu­len, ein auf der Welt ein­zig­ar­ti­ges Ensemble.

Unvor­stell­bar, dass an ihrer Stelle bis ins 15. Jahr­hun­dert nur ein Sand­platz und eine Kara­wan­se­rei lagen. Bis der Timu­r­i­den-Fürst Ulugh Beg und Enkel von Amir Timur die erste, an der West­seite empor­ra­gende Ulugh-Beg-Medrese errich­ten ließ. Timu­r­i­den, das waren die mus­li­mi­schen Herr­scher unter Timur, um des­sen Namen man in Usbe­ki­stan nicht her­um­kommt: Er war im 14. Jahr­hun­dert ein isla­mi­scher Mili­tär­füh­rer und Emir, der die Timu­r­i­den-Dynas­tie auf­baute und viele Regio­nen Zen­tral­asi­ens bru­tal unter­warf, gleich­zei­tig aber auch Kunst und Lite­ra­tur för­derte. Samar­kand, Buch­ara und Kesch waren sein Nabel der Welt, der ent­spre­chend auf­ge­motzt wer­den musste, und zwar im timu­ri­di­schen Stil mit per­si­scher Note. Timur ist bis heute noch eine Art Natio­nal­held in Usbekistan.

Die zen­trale Tillja-Kari-Medrese behei­ma­tet eine Moschee – und den Beweis dafür, dass Tillja Kari ‚mit Gold bedeckt‘ bedeu­tet: Beim Ein­tre­ten fun­kelt es von sämt­li­chen Wän­den und von der Decke. Weni­ger spek­ta­ku­lär sind dage­gen die Innen­höfe der bei­den ande­ren Medre­sen mit den Zel­len der Koran­schü­ler, aus denen heute Tep­pi­che, Müt­zen, Hals­tü­cher, Post­kar­ten und wei­tere Sou­ve­nirs quel­len. Und doch – die kunst­voll mit bun­ten Zie­geln und Moa­sa­ik­ta­feln geschmück­ten Außen- und Innen­fas­sa­den las­sen noch erah­nen, warum Samar­kand frü­her als „schöns­tes Ant­litz, das die Erde der Sonne je zuge­wandt hat“ beschrie­ben wurde. Und warum der Regi­stan-Platz als Lieb­lings­ort für Foto­shoo­tings von Braut­paa­ren dient. Ich schaue zu, wie sich ein jun­ges Paar am Glücks­tag ablich­ten lässt – die Braut in kunst­vol­lem, tür­kis-gemus­ter­tem Kleid mit meter­lan­ger Schleppe, der Bräu­ti­gam in einer Art gestreif­tem Bade­man­tel mit dazu unpas­sen­der Strei­fen-Bol­l­er­hose und Gummistiefeln.

Ich spa­ziere wei­ter zur teils restau­rier­ten Bibi-Kha­num-Moschee, angeb­lich von 1399 bis 1405 unter Timur errich­tet, die einen ganz ähn­li­chen Bau­stil auf­weist wie die Medre­sen am Regi­stan-Platz. Diese größte Moschee Zen­tral­asi­ens soll in ihren Maßen dem Mai­län­der Dom eben­bür­tig sein. In sei­nem Über­mut wünschte sich Timur ein Bau­werk, das alle Monu­mente und Bau­ten, die er wäh­rend sei­ner Feld­züge in frem­den Län­dern gesich­tet hatte, über­tref­fen sollte. Als ich mich auf einer Bank absetze, um mich von der Mit­tags­hitze zu erho­len, gesellt sich eine ältere Frau zu mir. „Das ist mein Sohn“, stellt sie mir einen jun­gen Mann auf Rus­sisch vor. Ich hätte gerne ein Bild von dir und mir. Darf er eins machen?“ Sie kuschelt sich mit ihrem lan­gen bun­ten Kleid an mich, und schon sind wir vor der hei­li­gen Stätte verewigt.

Bei den Toten und den Lebenden

Der Duft nach Gewür­zen und frisch Gegar­tem lockt mich in den Souk nebenan, wo Händ­ler fri­sches Obst und Gemüse, Tee und Kurut anbie­ten – Milch­bäll­chen, die schme­cken wie im Kühl­schrank ver­ges­sene, hart­ge­wor­dene Milch und belieb­ter Snack sind.

Hin­ter dem Bazar setzt sich in der Ferne die Nekro­pole Shah‑i Zinda, über­setzt ‚leben­der König‘, aus dem 11. Jahr­hun­dert mit den tür­kis­far­be­nen Kup­peln ihrer Mau­so­leen vom Azur­blau des Him­mels ab: das Best-of der Mau­so­leen­bau­kunst von Samar­kand, auch als ‚Grä­ber­straße‘ bezeich­net. Ich errei­che die Mau­so­leen auf etwas ande­rem Weg als gewöhn­lich: Statt mich mit den Bus­tou­ris­ten durchs Ein­gangs­por­tal zu quet­schen, folge ich der Emp­feh­lung mei­nes Rei­se­füh­rers und spa­ziere über den angren­zen­den, angeb­lich größ­ten mus­li­mi­schen Fried­hof, wo mich die auf große Grab­steine gedruck­ten Ant­litze Ver­stor­be­ner mit stei­fem Blick ver­fol­gen. Bald bereue ich die Ent­schei­dung – die Infor­ma­tio­nen im Buch müs­sen ver­al­tet sein, denn das Tor zum Mau­so­leen-Kom­plex des Shah‑i Zinda ist fest ver­schlos­sen. Dane­ben chil­len zwei rau­chende Män­ner, die ich nach dem Ein­gang frage. Einer der bei­den ant­wor­tet in schnel­lem Rus­sisch. Auf mei­nen fra­gen­den Blick springt er auf, klet­tert auf eine Mauer neben dem Zaun und hebt sein Bein wie zum Sprung. Er deu­tet mir, es ihm gleich zu tun. Schon stehe ich allein vor den ältes­ten Grä­bern des Kom­ple­xes aus dem 14. Jahr­hun­dert, aus Ter­ra­cotta-Kacheln errich­tet. Eins der Grä­ber gehört Tuman Oko, einer Ehe­frau Amir Timurs, andere sind teils namen­los. Doch alle brin­gen mich mit ihrer Pracht, mit ihren im Son­nen­licht glän­zen­den Kacheln in Saphir­blau – die spe­zi­ell für Timurs weib­li­che Ver­wandt­schaft aus­ge­sucht wur­den – und den teils ebenso künst­le­risch ver­zier­ten Innen­räu­men zum Stau­nen. Immer wie­der lege ich den Kopf in den Nacken, um das Ende der meter­ho­hen Grab­stät­ten auszumachen.

Sehr viel weni­ger ansehn­lich ist der Taxi­fah­rer, der mich zum Samar­kand Buch­ara Car­pet Work­shop fährt und des­sen Bauch das Lenk­rad so ein­klemmt, dass es sich kaum noch bewegt. Wir plau­dern auf Rus­sisch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch. „Ich lerne Spra­chen mit den Tou­ris­ten“, erklärt er, und will sogleich wis­sen, ob ich am Abend schon etwas vor­habe. Habe ich. Ich bin neu­gie­rig auf den 1992 eröff­ne­ten Tep­pich-Work­shop, der das Ziel ver­folgt, wäh­rend der Sowjet­zeit fast ver­lo­rene Tra­di­tio­nen wie­der­auf­le­ben zu las­sen. Grün­der Haji Muham­mad Ewaz Badghisi ist zwar nicht da, dafür aber des­sen Toch­ter Kha­lida. „Mein Name bedeu­tet ‚für immer‘“, erzählt sie stolz, bevor ich erfahre, dass ihre Fami­lie eigent­lich aus Turk­me­ni­stan komme. „Des­we­gen benut­zen wir viele turk­me­ni­sche Mus­ter, aber auch usbekische.“

Ins­ge­samt gäbe es 300 bis 400 Mit­ar­bei­te­rin­nen, von denen einige auch von zu Hause arbei­te­ten. „Viele Frauen wol­len nur bis zu ihrer Hei­rat arbei­ten, andere machen auch danach wei­ter und freuen sich, der Haus­ar­beit und den Kin­dern eine Zeit­lang zu ent­kom­men”, weiß Kha­lida. Die hauch­dün­nen Sei­den­fä­den glei­ten an den Web­stüh­len durch die Frau­en­fin­ger und es ent­ste­hen immer neue Knöt­chen, die am Ende einen gro­ßen Tep­pich ergeben.

Was eigent­lich schon das Ende der Geschichte ist – davor pro­du­zie­ren erst ein­mal Mil­lio­nen von Sei­den­rau­pen­pup­pen Seide, aus der man Fäden macht und diese mit natür­li­chen Far­ben färbt. Im Gar­ten wach­sen einige der farb­ge­ben­den Pflan­zen: „Fär­ber­krapp für beige und braune Töne, Gra­nat­ap­fel für pinke und rote Far­ben, Indigo für dun­kel- und hell­blaue und grüne Farb­töne und die Spar­gel­blume für Gelb und Orange.“ Bis ein Tep­pich ganz fer­tig ist, ver­geht ein Jahr. „Wir sind der ein­zige Work­shop in ganz Usbe­ki­stan, wo man bei der Fer­ti­gung der Sei­den­tep­pi­che zuschauen kann“, rühmt Kha­lida das Werk ihres Vaters.

Nach­dem ich mal wie­der kurz unter den Leben­den geweilt habe, bleibt Zeit für ein wei­te­res Mau­so­leum: das von Gur Amir, Amir Timurs eige­nes Mau­so­leum. Ich winke ein Taxi heran, in dem schon zwei Frauen sit­zen und sich laut­stark mit dem Fah­rer auf Rus­sisch unter­hal­ten. „Woher kommst du?“, wol­len sie wis­sen, und schon bin ich mit mei­nen stüm­per­haf­ten Sprach­kennt­nis­sen mit­ten in der Unter­hal­tung. „Sprecht ihr immer Rus­sisch zusam­men, oder eher Usbe­kisch?“, inter­es­siert mich, da ich oft Gesprä­che in bei­den Spra­chen zu ver­neh­men glaube. Der Fah­rer lacht. „Usbe­ken benut­zen meis­tens Usbe­kisch, viele ältere Leute vom Land kön­nen auch gar kein Rus­sisch. Aber für junge Leute ist es eine Art Mode­s­pra­che gewor­den.“ Die bei­den Frauen stel­len sich aller­dings als gebür­tige Rus­sin­nen her­aus. Die Drei win­ken mir nach, wäh­rend ich auf das majes­tä­ti­sche Gur Amir Mau­so­leum zulaufe, das die Abend­sonne in war­mes Gelb taucht.

Außer ein paar Ein­hei­mi­schen, die zum Beten gekom­men sind, ist nie­mand dort. Moto­ren­ge­räu­sche drin­gen schwach ins Innere des Mau­so­le­ums mit sei­nen ver­zier­ten und ver­gol­de­ten Mar­mor­plat­ten und einer strah­lend schö­nen Kup­pel­de­cke. Hier reicht selbst der Super­la­tiv von ‚prunk­voll‘ nicht für eine akku­rate Beschrei­bung. Hin­ter ebenso hübsch ver­zier­ten Mar­mor­git­tern befin­den sich die Keno­ta­phe – leere Grab­male zum Geden­ken an die Toten – von Timur sowie von des­sen Söh­nen und wei­te­ren bedeu­ten­den Ange­hö­ri­gen des Clans. Timurs Keno­taph sticht aus dem Ensem­ble her­aus wie ein schwar­zes Schaf – weil er aus schwar­zem Nephrit gefer­tigt ist, wäh­rend alle ande­ren aus hel­len Tönen bestehen.

Ich lau­sche dem Gemur­mel der Beten­den, die ihre Hände nicht fal­ten, son­dern vor dem Gesicht öff­nen, als woll­ten sie Almo­sen emp­fan­gen. Bald treibt mich die Zeit zurück ins Gewu­sel der Stadt, denn die Reise geht weiter.

In der Stadt der Poe­sie und Märchen

Über Inter­net habe ich bereits meine Zug­ti­ckets gebucht und stehe vorm Bahn­hof von Samar­kand, in den man nur nach Vor­lage von Rei­se­pass und Ticket kommt. Um schnell an mein nächs­tes Ziel, die Oasen­stadt Buch­ara, zu gelan­gen, habe ich mich für das Schnellste ent­schie­den, das auf Usbe­ki­stans Schie­nen braust: den top­mo­der­nen Afro­syiob-Zug, der erst seit etwa 2011 ver­kehrt und ab Samar­kand knappe andert­halb Stun­den braucht. Ich fühle mich schon beim Ein­stei­gen an Japan erin­nert: Jeder voll kli­ma­ti­sierte Wag­gon ver­fügt über einen eige­nen Zug­be­glei­ter, der beim Ein­stei­gen die Tickets checkt und im Inne­ren die Bestel­lun­gen von Gra­tis-Kaffe- oder Tee aufnimmt.

Mit 250 Stun­den­ki­lo­me­tern geht es nach Buch­ara, wo mich der Besit­zer des gebuch­ten Gast­hau­ses abholt. Wie schon in Samar­kand ist das Gast­haus eine Fami­li­en­un­ter­kunft mit Hof, von dem die Zim­mer abgehen.

Ob ich nun Samar­kand oder Buch­ara bevor­zuge, dar­auf finde ich auch wäh­rend mei­nes Auf­ent­halts keine Ant­wort. Buch­ara gilt noch immer als gro­ßes kul­tu­rel­les Zen­trum des Ostens, das her­aus­ra­gende Wis­sen­schaft­ler, Phi­lo­so­phen und Dich­ter her­vor­brachte. Dass das his­to­ri­sche Zen­trum bereits seit 1993 unter dem Schutz der UNESCO steht, wun­dert mich nicht, als mich am nächs­ten Mor­gen schon der erste Spa­zier­gang aus dem Gas­sen­la­by­rinth, in dem sich meine Unter­kunft befin­det, vor­bei an unzäh­li­gen Mau­so­leen und Medre­sen führt.

Wie über eine Oase in der Wüste stol­pert man über den Lyabi-Hauz-Kom­plex, einen Platz mit künst­li­chem Was­ser­re­ser­voir, ein­ge­rahmt von Maul­beer­bäu­men, zwei Medre­sen – dar­un­ter die größte der Stadt, Kukel­dash – sowie einem wei­te­ren reli­giö­sen Bau­werk. Rund ums Was­ser haben Restau­rants und Cafés ihre Tische ver­teilt. Genau wie in Samar­kand die­nen auch die Medre­sen in Buch­ara für den Sou­ve­nir­ver­kauf. Eine Gruppe ein­hei­mi­scher Frauen lauscht einem Guide, die San­da­len- und Socken­mode haben sie frech von deut­schen Män­nern geklaut.

Ich lasse mich wei­ter­trei­ben, bin bald zurück in den Gas­sen. Genieße Buch­ara abseits des tou­ris­ti­schen Trei­bens, wo die Men­schen in ein­fa­chen Lehm­häu­sern woh­nen, man­che halb zer­fal­len, andere gerade erst zu Ende gebaut. Aus einer Bäcke­rei strömt ein ver­füh­re­ri­scher Duft nach dem typisch usbe­ki­schen Pide, dem ich folge und stutze – statt vorm Ver­kaufs­tre­sen lande ich in einem dunk­len Raum vol­ler Ramsch. Von rechts schlägt mir Hitze ent­ge­gen und ich schaue in ein ver­schwitz­tes Gesicht. „Möch­test du Brot?“, ruft mir der Mann zu, des­sen nack­ter Ober­kör­per mit sei­nem Gesicht um die Wette glänzt. Er und ein Kol­lege kne­ten am lau­fen­den Band Teig und schie­ben die Fla­den in einen Ofen nebenan, im Hin­ter­raum sitzt ein alter Mann vorm Fern­se­her und schaut Fuß­ball. „Wir schaf­fen etwa 800 Brote am Tag“, erzählt mir der Bäcker, bevor er ein noch hei­ßes Exem­plar für mich eintütet.

Das Herz der Alt­stadt schlägt am Poi Kalyon Kom­plex mit zahl­rei­chen Han­dels­kup­peln, Markt­ge­bäu­den, vor allem aber mit dem Kalyon-Mina­rett von 1127 – Wahr­zei­chen Buch­a­ras – mit der Mir Arab Medrese und der Kalyon-Moschee. Um die schöns­ten Gebäude in Ruhe zu besich­ti­gen, heißt es abwar­ten, bis eine Tou­ris­ten­gruppe her­aus­schwemmt und vor der nächs­ten hin­ein zu huschen, denn nur so gelingt es, Medre­sen und Mau­so­leen nicht nur kurz in allen Rich­tun­gen abzu­lich­ten, son­dern den Ort zu spü­ren. Mir Arab gilt als einer der hei­ligs­ten Orte isla­mi­scher Kul­tur auf ehe­ma­li­gem Sowjet­ge­biet, stammt aus dem 16. Jahr­hun­dert und wurde Sheikh Abdal­lah Yamani gewid­met, auch Mir Arab genannt. Mir Arab gegen­über liegt die Kalyon-Moschee, die zu Sowjet­zei­ten als Waren­haus diente, seit 1991 aller­dings wie­der Beten­den offen­steht. Ich trete in den aus­la­den­den Innen­hof, umge­ben von 208 Säu­len und 288 Kup­pel­ge­wöl­ben, wobei die Säu­len das Gericht Solo­mons sym­bo­li­sie­ren. Bei mei­nem ers­ten Besuch ver­su­chen sich die Tour­gui­des in ver­schie­de­nen Spra­chen vor Mas­sen schwit­zen­der Tou­ris­ten zu über­tö­nen, und auf einer Bank möchte wie­der eine alte Frau ein Foto mit mir. Doch ich kehre zurück – am Nach­mit­tag, wenn die Hitze die Grup­pen­rei­sen­den ver­schluckt hat und die Stra­ßen zum Schau­platz des berüch­tig­ten ‚sur­vi­val of the fit­test‘ wer­den. Es ist an die­sem Nach­mit­tag, dass ich fast ganz allein im säu­len­rei­chen Innen­hof sitze, seine Pracht sich leicht und schwer auf mir ablegt und Hun­derte von Vögeln eine Stimme bekom­men. Wenn ich an Buch­ara zurück­denke, sehe ich den lee­ren Platz, höre die Vögel.

Auch Buch­ara besitzt einen Regi­stan-Platz, doch im Ver­gleich zu Samar­kand ist der wie ein Teu­fels­kreis, um den im Sekun­den­takt hupende Autos rasen, doch auch er hat etwas Beson­de­res zu bie­ten – die Ark-Zita­delle, einen klot­zi­gen Lehm­zie­gel­bau und eine Art Eif­fel­turm von Buchara.

Die genaue Geschichte der Zita­delle ist unklar, man ver­mu­tet den Ursprung im 5. oder 6. Jahr­hun­dert nach Chris­tus. Was noch steht, stammt größ­ten­teils aus dem 16. Jahr­hun­dert. Den bes­ten Über­blick bekommt man von einer Aus­sichts­platt­form mit glä­ser­nem Lift direkt gegen­über, das Innere betritt man durchs mäch­tige West­tor von 1742. Es ist, als wür­den einen die knapp 800 Meter hohen Mau­ern ein­ver­lei­ben und vor der Hek­tik der Welt drau­ßen schüt­zen. Hier ließ sich nie­mand in die Tape­ten schauen, im Gegen­satz zur schräg gegen­über­ge­le­ge­nen Bolo-Hauz-Moschee, wo man den Beten­den von der Straße auf den Aller­wer­tes­ten schaut.

Und doch ist diese Moschee, das ein­zige Relikt aus dem Mit­tel­al­ter, mit ihrem vor­ge­la­ger­ten Was­ser­be­cken, in dem sich die schlak­si­gen Säu­len der Ter­rasse spie­geln, eine Oase der Ruhe im geschäf­ti­gen Trei­ben. Noch wei­ter vom Schuss liegt Sama­nids Mau­so­leum inmit­ten des Sama­nid-Parks mit Stän­den, wo Eis und Zucker­watte ver­kauft wer­den. Der per­fekte Wür­fel aus künst­le­risch bear­bei­te­ten Zie­gel­stei­nen sticht aus dem Grün des Parks her­vor und spie­gelt sich auf dem schumm­ri­gen See davor. Die­ses älteste isla­mi­sche Monu­ment der Stadt aus dem 10. Jahr­hun­dert mar­kiert das Grab des Grün­ders der Sama­nid-Dynas­tie sowie Grä­ber eini­ger sei­ner Familienmitglieder.

Auch mich macht die Hitze träge, ich schleppe mich zurück in die Gas­sen, denen noch der Asphalt fehlt, und mache mich auf die Suche nach der Chor-Minor-Medrese mit ihren vier Türm­chen, die auf kei­ner Buch­ara-Post­karte fehlt. Aus man­chen Häu­sern dringt Duft nach fri­schem Brot oder Gebra­te­nem, Kin­der kicken einen Ball über den ver­trock­ne­ten Schlamm, und auf einem Platz sitzt eine Gruppe Män­ner um ein Schachbrett.

Sie schauen kurz auf, win­ken. Ich bin mir nicht sicher, wo Chor-Minor steht, frage die Män­ner. „Woher kommst du?“, will einer auf Rus­sisch wis­sen, dann reicht er mir die Hand und zieht mich zu sich heran, um mir einen Hand­kuss zu geben. „Du bist sehr schön!“ Wenige Meter spä­ter stehe ich vor den vier Tür­men mit ihren in der Abend­sonne glän­zen­den, tür­kis­far­be­nen Kuppeln.

Am Ende pas­siert, was ich befürch­tet habe: Ich ver­laufe mich in den Gas­sen, finde meine Unter­kunft nicht mehr. Doch manch­mal ist es wah­res Glück, wenn die App ver­sagt und ich gezwun­gen bin, Men­schen anzu­spre­chen, statt mit übers Handy gebeug­tem Kopf an ihnen vor­bei­zu­lau­fen. Ein Mann mitt­le­ren Alters, der gerade in Bade­lat­schen und Jeans mit sei­ner Ziege an der Leine joggt, kennt meine Unter­kunft nicht, eine junge Frau fragt, ob ich nicht statt­des­sen bei ihr unter­kom­men will. Ich laufe und laufe, komme zum zwei­ten Mal an Mann und Ziege vor­bei, wir plau­dern. Er rät mir, die Tou­ris­ten­po­li­zei um Rat zu fra­gen, die an meh­re­ren Ecken eine Art Kiosk hat. Doch ich irre noch ein wenig wei­ter und stehe am Ende vor mei­nem Gast­haus, wo ich es am wenigs­ten erwar­tet habe.

Von Mond, Ster­nen und Plumpsklos

Am nächs­ten Mor­gen nehme ich ein Taxi zum Sitorai Mohi-Hosa Palast von Anfang des 20. Jahr­hun­derts, der einst­ma­li­gen Som­mer­re­si­denz des letz­ten Emirs von Buch­ara, deren Name ‚Sterne tref­fen auf den Mond‘ bedeu­tet. Ein hel­les Gebäude mit vie­len euro­päi­schen Archi­tek­tur­merk­ma­len war­tet mit einer präch­ti­gen Thron­halle und far­ben­froh ver­zier­ten Decken auf, doch am ent­spann­tes­ten wirkt der Tee­pa­vil­lon mit Weit­blick über den Garten.

Wie ich von der Resi­denz in die Stadt zurück­komme, steht eben­falls in den Ster­nen, denn weit und breit ist kein Taxi zu sehen und die nächste Straße liegt einige Kilo­me­ter ent­fernt. Ich frage einen Mann, der an sei­nem wei­ßen Auto lehnt, und natür­lich hat er einen Bru­der, der als Fah­rer arbei­tet und keine zehn Minu­ten spä­ter parat steht. Ich habe noch Zeit, bis mein Zug nach Tash­kent geht und nehme das Ange­bot an, noch zum Mau­so­leum von Bak­haud­din Naqsh­bandi zu fah­ren, des inof­fi­zi­el­len Schutz­hei­li­gen Buch­a­ras und Grün­der des wich­tigs­ten Sufi-Ordens in Zen­tral­asien, was das Mau­so­leum zum hei­ligs­ten Ort der Stadt macht. Das Grab ist Teil eines gro­ßen Kom­ple­xes an Grä­bern und Schrei­nen, zu dem Scha­ren von Gläu­bi­gen pil­gern und vor dem schwar­zen Grab­stein des Ver­ehr­ten beten.

Bald wird das sanfte Gemur­mel der Gläu­bi­gen in mei­ner Erin­ne­rung über­tönt vom Gerum­pel des Zuges – die­ses Mal kein fixer Afro­si­yob, son­dern ein gewöhn­li­cher Sharq-Zug, der Inter­city Usbe­ki­stans. Statt geräu­mi­ger Groß­raum­wa­gen gibt es sti­ckige Abteile, in denen die Fens­ter nicht auf­ge­hen und es keine Kli­ma­an­lage gibt. Dafür sind die Kor­ri­dore mit Tep­pi­chen aus­ge­legt, die sofort unter den Kof­fer-Rol­len hän­gen­blei­ben, die Abteile ebenso, und der kleine Tisch wurde lie­be­voll mit Stoff­tisch­de­cke belegt. Ich teile mir den Sauer­stoff im Abteil mit fünf ande­ren, wäh­rend vorm Fens­ter wüs­ten­ar­tige Ein­öde vor­bei­fliegt. Alles im Zug erin­nert mich an meine Kind­heit, als es in den Wag­gons im Som­mer nach auf­ge­weich­tem Teer roch und ich beim Toi­let­ten­gang fas­zi­niert zusah, wie die Aus­schei­dun­gen unten auf den vor­bei­brau­sen­den Schie­nen lan­de­ten. Sechs­ein­halb Stun­den tren­nen uns von der Haupt­stadt, eine Ein­hei­mi­sche fächert sich Luft zu und ihr Mann befeuch­tet alle fünf Minu­ten ein Taschen­tuch, um es ihr an die Stirn zu drü­cken. Die Erleich­te­rung steht uns allen ins Gesicht geschrie­ben, als der Zug fast pünkt­lich in den Bahn­hof der Haupt­stadt tuckert.

Wie­der wohne ich in einem fami­li­en­be­trie­be­nen Gast­haus, werde auch um 11 Uhr abends noch freund­lich begrüßt und bekomme ein gro­ßes, stil­voll ein­ge­rich­te­tes Zim­mer mit Queen-sized Bett. Meine Gast­wir­tin spricht flie­ßend Eng­lisch, als sie mir am nächs­ten Mor­gen das Früh­stück ser­viert und ihre kleine Toch­ter gleich­zei­tig schul­klar macht. „Ich schi­cke meine Klei­nen in eine rus­si­sche Schule, wo sie auch schon Chi­ne­sisch ler­nen“, erklärt die stolze Mut­ter, und das, wo die Kids schon zu Hause mit Usbe­kisch und Rus­sisch auf­wach­sen. „Eng­lisch werde ich ihnen auch bei­brin­gen, sie sol­len in der Lage sein, Lite­ra­tur in Ori­gi­nal­spra­che zu ler­nen.“ Eine rus­si­sche Schule wäre bes­ser als eine usbe­ki­sche, weil die Rus­sen direk­ter wären und nicht alles durch die Blume sag­ten wie die Usbe­ken. „Meine Kin­der sol­len spä­ter gut klar­kom­men, und die Usbe­ken sind eher wie die Japa­ner und Korea­ner und sagen nie, was Sache ist.“

Tash­kent, die neue Stadt

Waren Samar­kand und Buch­ara ein Streif­zug durch die Ver­gan­gen­heit, ist in Tash­kent alles neu – weil die Stadt mit ihren gut vier Mil­lio­nen Ein­woh­nern und damit größte Zen­tral­asi­ens 1966 von einem ver­hee­ren­den Erd­be­ben zugrunde gerich­tet wurde. Dem schreck­li­chen Tag ist ein Denk­mal gewid­met, das Monu­ment des Mutes von 1976. Ein in der Mit­ter gebors­te­ner Wür­fel zeigt eine Uhr mit dem Zeit­punkt des Unglücks, 5.23 Uhr mor­gens, und eine Bron­ze­skulp­tur sym­bo­li­siert einen Vater, der Frau und Kind vor der Gefahr schüt­zen will.

Fast alles ent­stand in Tash­kent, über­setzt ‚Stein­stadt‘, im typi­schen Sowjet­stil nach dem Erd­be­ben, doch ein wenig alter Glanz ist noch am Hazrat Imam Kom­plex erkenn­bar, dem his­to­ri­schen, spi­ri­tu­el­len Her­zen Tashkents. Am Hazrat Iman Platz sam­meln sich die Hazrat Iman Moschee von 2007 und das bedeu­tendste Gebäude, die Muyi Mubo­rak Biblio­thek, über­setzt ‚hei­li­ges Haar‘. Im Inne­ren befin­det sich näm­lich Haar, das angeb­lich Pro­phet Moham­med gehörte – aber auch der welt­äl­teste Koran, 19 Jahre nach dem Tod Moham­meds entstanden.

Viel Kunst­hand­werk und Früchte, Gemüse, Gewürze, Nüsse und alles, was den Gau­men ver­führt oder Mann und Frau klei­det, fin­det sich auf dem rie­si­gen Eski Juvi Markt unterm blau-tür­ki­sen Runddach.

Doch nicht nur der Markt ist über­di­men­sio­nal, auch die Plätze der Haupt­stadt sind es – der soge­nannte Friendship Platz mit rie­si­ger usbe­ki­scher Flagge und dem People’s Friendship Palace von 1981, einer Kon­zert­halle mit über 4.000 Plät­zen. Ebenso auf­fäl­lig wie das kolos­sale Gebäude ist ein Denk­mal aus guss­ei­ser­nen Figu­ren, einem Mann und einer Frau, die eine Menge Kin­der um sich scha­ren. „Das ist zum Geden­ken an den Zwei­ten Welt­krieg, als hei­mat­lose Kin­der nach Tash­kent gebracht und von den Men­schen gefüt­tert wurde, denn damals galt Tash­kent als Stadt des Brots“, erklärt die Reiseführerin.

Dage­gen begeg­net mir am Amur Timur Platz ein guter alter Bekann­ter – Timur auf einem Pferd, wo vor­her Sta­lin und Marx auf dem Sockel stan­den. Von die­sem Platz füh­ren sämt­li­che Haupt­stra­ßen der Stadt ab. Haupt­stra­ßen, an denen sich viele blaue Kup­pel­dä­cher erhe­ben, eine Idee Timurs, der das fried­li­che Blau des Him­mels ein­fan­gen wollte. Tashkents größ­ter Platz ist der Unab­hän­gig­keits­platz vol­ler Monu­mente und Brun­nen, dar­un­ter ein beein­dru­cken­des Was­ser­spiel mit 500 Was­ser­strah­len mit gol­de­nem Glo­bus auf einem Podest im Hin­ter­grund. Hin­term Platz ver­läuft die nun unsicht­bare Grenze zwi­schen dem alten und dem neuen Tash­kent – der neue Stadt­teil war einst nur Rus­sen vor­be­hal­ten, und nie­mand aus Alt-Tash­kent durfte die Grenze passieren.

Heute ist es kein Pro­blem mehr, in Tash­kent mobil zu sein. Im Gegen­teil – man könnte den gan­zen Tag U‑Bahn fah­ren, ohne die unter­ir­di­schen Gewölbe mit 29 Hal­te­stel­len zu ver­las­sen, denn Tash­kent bie­tet einige der schöns­ten Metro­sta­tio­nen der Welt. „1977 eröff­nete die erste U‑Bahnlinie in Tash­kent“, erzählt die Stadt­füh­re­rin, „wäh­rend der Sowjet­zeit, als die Bevöl­ke­rung auf über eine Mil­lion Men­schen wuchs.“ Sie war die erste U‑Bahnlinie Zen­tral­asi­ens und wurde nach dem Vor­bild der Mos­kauer Metro ent­wor­fen. Am Amur Timur Platz bei­spiels­weise beherrscht das Thema der Okto­ber­re­vo­lu­tion die Metro­sta­tion, die in hel­len Tönen mit ele­gan­ten Leuch­ten aus­ge­stat­tet ist. Noch üppi­ger prä­sen­tiert sich die U‑Bahn am Unab­hän­gig­keits­platz mit Kron­leuch­tern an den Decken, wäh­rend eine wei­tere Sta­tion dem gro­ßen usbe­ki­schen Dich­ter Alis­her Navoi gewid­met ist. Für Fans von Luft- und Raum­fahrt gibt es auch das Rich­tige – die U‑Bahnstation Kos­mo­navt­lar den  gro­ßen Kos­mo­nau­ten und Kos­mo­nau­tin­nen zu Ehren.

Am span­nends­ten finde ich es in Tash­kent jedoch, die Men­schen zu beob­ach­ten: Im Park beim 375 Meter hohen Fern­seh­turm ist am Spät­nach­mit­tag Braut­schau ange­sagt, genau vorm Museum der Opfer der sowje­ti­schen Unter­drü­ckung. Ich schaue zu, wie Bräute in üppi­gen wei­ßen Klei­dern und ihre Ange­trau­ten die Trep­pen vorm Monu­ment empor­schrei­ten. Dass sie nicht alle aus­se­hen, als wäre dies der glück­lichste Tag ihres Lebens, ist logisch – in Usbe­ki­stan ist die arran­gierte Ehe noch immer Gang und Gäbe, aller­dings hät­ten junge Leute mitt­ler­weile die Mög­lich­keit, sich zumin­dest ver­schie­dene Kan­di­da­ten anzu­se­hen, so die Stadtführerin.

Wohin man in Tash­kent auch schaut, die Stadt wird domi­niert von klot­zi­gen Sowjet­bau­ten, allen voran das erste Hotel der Stadt, Hotel Uzbe­ki­stan, 1974 eröff­net mit elf Stock­wer­ken und 495 Zim­mern. Die Fens­ter schei­nen ver­git­tert wie im Knast, doch laut Stadt­füh­re­rin ver­folgt die­ser typi­sche Mosa­ik­stil einen prak­ti­schen Zweck: Die Gebäude blei­ben im Som­mer kühl und im Win­ter warm.

Kusche­lig warm ist es auch im Plov-Cen­ter beim Fern­seh­turm, wo Usbe­ki­stans Natio­nal­ge­richt jeden Mit­tag in rohen Men­gen gekocht wird – etwa 50 Kilo Reis kom­men in einen über­di­men­sio­na­len Pott, dazu eine Unmasse Rind­fleisch, fette Pfer­de­wurst, Rosi­nen und gelbe Möh­ren. Um nicht so reich­lich Öl zu ver­ges­sen, dass sich das Gesicht des Kochs im Ölrest am Boden spie­gelt. Geges­sen wird an lan­gen Tischen in einer Art gro­ßer Kan­tine, wo Ein­hei­mi­sche und aus­län­di­sche Besu­cher gie­rig über ihre Tel­ler herfallen.

Das Beste zum Schluss

Wenn ich an Tash­kent denke, denke ich nicht an die Plätze oder Monu­mente, nicht ein­mal an die post­kar­ten­taug­li­chen U‑Bahnstationen. Ich denke an Say­yora und daran, wie wir es an mei­nem letz­ten Abend tat­säch­lich schaf­fen, uns wie­der­zu­se­hen. Wie­der gebe ich mein Rus­sisch zum Bes­ten, um einen Taxi­preis zu ver­han­deln, doch der Fah­rer ver­sucht am Ende, mir das Dop­pelte abzu­knöp­fen – erst recht, als er das hüb­sche Haus sieht, das Say­yora mit ihrem sauer in den USA ver­dien­ten Geld ins bes­sere Leben ihrer Lie­ben daheim inves­tiert hat. Die 70-jäh­rige und ihre Toch­ter Rano ste­hen erwar­tungs­voll an der Straße und Say­yora umarmt und küsst mich, als wäre ich ihre nach lan­ger Abwe­sen­heit heim­ge­kehrte Enke­lin. Da stürzt der Taxi­fah­rer aus dem Auto und schreit auf Usbe­kisch auf die bei­den Frauen ein – die in ähn­li­chem Ton ant­wor­ten. Der Taxi­fah­rer folgt uns mit erho­be­nen Fäus­ten, als wir bereits zum Haus gehen, und ich stelle mich dar­auf ein, meine Selbst­ver­tei­di­gungs­künste her­vor­zu­kra­men. Da schiebt mich Say­yora in den Hof vorm Haus und ihre Toch­ter knallt das Tor vor der Nase des Fah­rers zu. Pro­blem gelöst.

Die Geschichte ist ver­ges­sen, als ich die ganze Fami­lie ken­nen­lerne – Schwie­ger­sohn Dav­ron­bek, die bei­den Enkel Jasur­bek und Najim­bek sowie die jüngste Enke­lin, Kamila, die Say­yora als „meine Prin­zes­sin“ vor­stellt. Sie wol­len die Bedeu­tung mei­nes Namens wis­sen, die ich nicht kenne, und löse Ver­wun­de­rung aus, denn in Usbe­ki­stan hätte jeder Name eine Bedeu­tung. Im Wohn­zim­mer, am gro­ßen Tisch, hat die Fami­lie eine üppige Tafel auf­be­rei­tet, vol­ler tro­cke­ner Früchte, fri­schem Obst, Brot, Saft, Schnaps – doch das Haupt­ge­richt duf­tet noch aus der Küche: Plov. Zum zwei­ten Mal an die­sem Tag.

Ich schlu­cke, doch meine Rüh­rung über die Mühe, die sich Say­yora und ihre Fami­lie gemacht haben, ist grö­ßer als mein noch vom Lunch vor­ge­wölb­ter Magen. Alle außer Dav­ron­bek spre­chen flüs­sig Eng­lisch, und viele Fra­gen pras­seln auf mich ein. „Ich spiele Kla­vier“, erzählt die Enke­lin, „spielst du auch etwas?“ „Ich spiele nichts, aber mein Mann spielt ein Instru­ment“, fällt Rano ein – „meine Ner­ven“. Alle lachen, bloß Dav­ron­bek ver­steht nur Bahn­hof. Wir plau­dern, ich komme kaum zum Essen, und doch führt jeder Bis­sen zu einer neuen Kelle Plov auf mei­nem Tel­ler. „Magst du unse­ren Plov?“ Er ist um eini­ges bes­ser als der vom Plov Cen­ter, doch irgend­wann macht auch der stärkste Magen schlapp. Dabei bin ich noch nicht ent­las­sen: Die fri­sche Was­ser­me­lone lan­det zur Hälfte auf mei­nem Tel­ler, und dann wären da noch die selbst­ge­ba­cke­nen Kekse. Ich fut­tere und rede und schwappe über vor Glück und Essen. „Was für ein Glück, dass wir uns zufäl­lig im Taxi getrof­fen haben“, scheint Say­yora meine Gedan­ken zu erra­ten. „Aber ich glaube, es sollte so sein.“ Sie zwin­kert mir zu. Und ich denke an die Ver­ket­tung von soge­nann­ten Zufäl­len, die zu unse­rem Ken­nen­ler­nen geführt hat, an einem x‑belieben Tag an einem rie­si­gen Bus­bahn­hof in einer rie­si­gen Stadt mit­ten in Zen­tral­asien. Wie so oft auf mei­nen Rei­sen, wo nichts geplant ist und trotz­dem alles passt wie ein Puz­zle. Am Ende muss der neu geru­fene Taxi­fah­rer, der mich ins Zen­trum zurück­bringt, mehr­mals hupen, weil Say­yora zu lange braucht, um mich zu umar­men und mir das Ver­spre­chen abzu­neh­men, dass wir uns wie­der­se­hen. Dann sitze ich auf dem Rück­sitz und die win­kende Fami­lie ver­schwin­det hin­ter einer Kurve. Es dau­ert noch einige Stun­den, bis sich sämt­li­cher Plov des Tages ver­flüs­sigt einen Weg nach drau­ßen bahnt, und es wird ein Leben dau­ern, bis ich die Herz­lich­keit die­ser alten Frau und ihrer Fami­lie vergesse.

Die Reise fand mit Unter­stüt­zung von Air Astana statt.

 

Cate­go­riesUsbe­ki­stan
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

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  2. Hallo Mar­tin,

    vie­len Dank für deine inter­es­sante Anmer­kung, das nächt­li­che Licht­spiel habe ich tat­säch­lich nicht gese­hen. Turk­me­ni­stan steht auf jeden Fall auch auf mei­ner Wunschliste :)

    Liebe Grüße
    Bernadette

  3. Martin says:

    Hallo Ber­na­dette,
    vie­len Dank für den tol­len Bericht, das ist ja eine echt schöne Tour gewe­sen mit vie­len posi­ti­ven Ein­drü­cken und Erlebnissen.
    Im April ver­gan­ge­nen Jah­res war ich sel­ber auch dort und auch in Turk­me­ni­stan – eben­falls sehr eindrucksvoll.
    Eine kleine Ergän­zung bezüg­lich der „Fens­ter­rah­men“ im Hotel Uzbe­ki­stan in Tasch­kent möchte ich beisteuern.
    Diese „Git­ter“ sind eine visu­el­les Sys­tem, die gesamte Breite der Front wird des näch­tens illu­mi­niert, wird zur Lein­wand.. dort lau­fen Video­clips.. unglaub­lich aber wahr.
    Tags­über wun­dert man sich ob die­ser „Git­ter“ und nach Ein­bruch der Dun­kel­heit.. wun­dert man sich noch mehr, weil es so gar nicht pas­sen will. Aber gerade das macht es dann wie­der so ein­zig­ar­tig, magisch..

    Lie­ben Gruß
    Mar­tin ;o)

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