Salz auf der Zunge, Wind in den Haa­ren, Sand unter den Füßen und der Blick in die Ferne – Meer, gerade für uns in Deutsch­land ist das gera­dezu ein Syn­onym für „Urlaub“. Plant­schen zwi­schen ruhi­gen Wel­len, son­nen­ba­den mit Blick auf den fer­nen Hori­zont, auf dem Surf­brett durch die spru­delnde Gischt bret­tern. Das Meer ist Ent­span­nung und Spaß, Fern­weh-Fak­tor Num­mer eins und Garant für kit­schige Son­nen­un­ter­gänge – für die Tou­ris­ten. Ein­hei­mi­sche haben meist eine ganz andere Bezie­hung zu ihrem Ozean, ihrer Küste. Für sie ist das Meer Iden­ti­tät und Grenze, Arbeits­platz und Wild­nis, All­tag und Fremde.

Kaum irgendwo wird das so deut­lich wie in der Bre­ta­gne, die­sem Land­strich zwi­schen Ärmel­ka­nal und Atlan­tik, vor des­sen Küste wilde Strö­mun­gen und scharf­kan­tige Fel­sen die See­leute um den Ver­stand brin­gen. Am Meer leben heißt hier mit dem Meer leben, und das ist alles andere als eine Wahl – dem Wind und den Wel­len kann sich nie­mand entziehen.

Kapitel 1: Die Wellen

Frühe Flüge, Flug­ha­fen­chaos, dar­aus resul­tie­rende Ver­spä­tung und eine Umstei­ge­zeit von 10 Minu­ten in Paris-CDG machen unsere Anreise zu einem klei­nen Aben­teuer. Zu allem Übel haben Bea­trice und ich es zwar als Letzte in den Flie­ger geschafft, unser Gepäck jedoch nicht – wir haben nur unser Hand­ge­päck dabei, und das, was wir am Kör­per tra­gen. Viel­leicht fin­den wir es des­halb erst mal gar nicht so schlimm, als wir zum Start des Bre­ta­gne-Pro­gramms zusätz­lich zu unse­ren Kajaks direkt Neo­pren­an­züge aus­ge­hän­digt bekom­men. Schlu­cken muss ich, als ich mich hin­ein­ge­zwängt habe, dann doch beim Blick aufs Was­ser: Der Wind türmt die Wel­len zu klei­nen Ber­gen auf, weiße Schaum­kro­nen tan­zen wild auf und ab. Je näher wir dem Steg kom­men, von dem aus wir uns ins Nass stür­zen sol­len, desto mehr wird aus dem Opti­mis­mus in unse­ren Gesich­tern zwei­feln­des Stirnrunzeln.

Wäh­rend wir damit beschäf­tigt sind, die Kajaks bis zum Was­ser zu tra­gen, legt nebenan schau­kelnd ein Boot an. Ob es nicht ein biss­chen win­dig wäre für die Kajaks, will der Kapi­tän wis­sen, und wir fra­gen uns stumm das­selbe. Außer Nina ist noch nie­mand von uns jemals in einem Kajak geses­sen. In die all­ge­meine Rat­lo­sig­keit mischt sich Jean-Marie, der uns die Boote ver­mie­tet, mit einem über­zeug­ten „It’s no pro­blem!“ Er selbst möchte trotz­dem nicht mit­fah­ren, weist uns nur den Weg: Etwa andert­halb Kilo­me­ter geht es durch die Wel­len zur Insel Île de Vierge, den Leucht­turm kön­nen wir nicht ver­feh­len. Frös­telnd und mit ver­schränk­ten Armen sehen wir Jean-Marie dabei zu, wie er uns eine Ein­wei­sung gibt, die die­sen Namen wohl kaum ver­dient hat: Drauf­set­zen und pad­deln. No problem.

Jean-Marie scheint unsere Zwei­fel nicht zu tei­len oder nicht unbe­dingt ernst zu neh­men, denn schnel­ler, als ich schauen kann, hat er bereits die ers­ten Boote mit­samt Insas­sen ins Was­ser gescho­ben, wo sie von den Wel­len erfasst wer­den – und direkt ken­tern. Zehn Minu­ten, ein paar Ver­su­che und eine kleine Ret­tungs­ak­tion spä­ter, geken­tert, abge­trie­ben, halb ver­schluckt von den Wel­len, müs­sen wir uns ein­ge­ste­hen: Ganz so pro­blem­los ist das nicht, das mit dem Meer.

Eine Reise in die Bre­ta­gne, das merke ich direkt hier in Plou­gu­erneau, am ers­ten Stop unse­res Road Trips, kann eine ganz gute Lek­tion in Sachen Demut sein. Gegen­über den Ele­men­ten, gegen­über den Gezei­ten und dem Meer an sich. Sich die eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten bewusst machen, das ist viel­leicht schmerz­haft, aber auch ab und an ganz lehr­reich. Heute, hier in der Bre­ta­gne, ist es vor allem kalt. In den Neo­pren­an­zü­gen, einige von uns immer noch klatsch­nass, tra­gen wir unter dem ver­ächt­li­chen Blick Jean-Maries, dem wohl das fran­zö­si­sche Wort für „Weich­eier“ im Kopf her­um­spukt, die Kajaks davon und stei­gen statt­des­sen auf ein klei­nes Boot, das uns in weni­gen wack­li­gen Minu­ten auf die Insel bringt.

Die Schmer­zen kom­men auch noch, in Form klei­ner Steine, die das Betre­ten der Insel bar­fuß zur Tor­tur machen. Und in unse­ren Ober­schen­keln, als wir die 397 Stu­fen erklim­men, die es im Leucht­turm kreis­rund nach oben geht. Unser per­sön­li­cher Slo­gan für die Bre­ta­gne steht jetzt schon fest: Ist sie zu stark, bist du zu schwach.

Der Leucht­turm ver­söhnt uns zum Glück mit einer spek­ta­ku­lä­ren Aus­sicht in alle Rich­tun­gen und der per­fek­ten Spi­rale, als wel­che sich die Treppe von unten betrach­ten lässt. Über 82 Meter ist er hoch und damit der höchste Leucht­turm Euro­pas. Seit über 100 Jah­ren steht er auf der Insel, die bei Ebbe tat­säch­lich zu Fuß erreich­bar ist – etwas, das ich beim aktu­el­len Wel­len­gang kaum glau­ben möchte. Sein Licht reicht ganze 50 Kilo­me­ter weit, betrie­ben nur von einer klei­nen Glüh­birne, die über meh­rere Glä­ser immer wie­der ver­grö­ßert wird. 2010 ist der letzte Leucht­turm­wär­ter hier aus­ge­zo­gen, die Steue­rung ist mitt­ler­weile automatisch.

Die Wel­len spü­ren, das dür­fen wir auch am zwei­ten Tag: Früh mor­gens stei­gen wir mit unse­rem Guide Claude auf sein Boot, um Aus­schau nach Kegel­rob­ben zu hal­ten. Wie­der heißt der Dress­code Neo­pren­an­zug. Das Meer liegt so ruhig da, als hätte es nie etwas von Wel­len­gang gehört, die Sonne scheint ein sanf­tes Herbst­licht auf den Strand. Doch wir haben eini­ges an Stre­cke vor uns, und Claude gibt ordent­lich Gas. Das Boot hat keine Sitze, und bei jeder Welle muss ich mich an die Reling klam­mern, um nicht über Bord zu gehen. Mein Kör­per wird nach oben gewor­fen und sackt wie­der nach unten, es braucht nur Minu­ten, bis sich mein Hin­tern anfühlt, als würde er nur noch aus blauen Fle­cken bestehen. Dazu der gele­gent­li­che Schwall Salz­was­ser ins Gesicht. Wir kön­nen nicht anders, als dar­über zu lachen – etwas ande­res als so eine Aben­teuer-Boots­fahrt hat­ten wir schließ­lich nicht erwar­tet, hier in der Bretagne.

Und auch die lange, anstren­gende Fahrt lohnt sich: Die Rob­ben schwim­men direkt vor uns, unter uns, neben uns durchs Was­ser. Wie sie ihre Köpfe aus dem Was­ser stre­cken, um uns neu­gie­rig anzu­gu­cken und schließ­lich unschlüs­sig wie­der abzu­tau­chen, erin­nern sie mich an Erd­männ­chen – man kann nicht anders, als bei die­sem Anblick direkt gute Laune zu bekommen.

Kapitel 2: Die Tide

An unse­rem ers­ten Tag keh­ren wir abends noch ein­mal zum Ort unse­rer Nie­der­lage zurück. Dort, wo Jean-Marie uns ins Was­ser geschubst hat, steht das Was­ser noch, doch direkt unter der Kai­mauer ist nur noch Sand. Die Land­schaft hat sich voll­kom­men ver­än­dert: Die Boote, die zuvor ange­ket­tet auf den Wel­len tanz­ten, lie­gen nun erschlafft auf dem Mee­res­bo­den. Es wird sicht­bar, was zuvor ver­bor­gen lag, Algen, ein regel­rech­ter Tep­pich, die ver­schie­dens­ten Sor­ten und Far­ben, Mee­res­tiere oder zumin­dest deren leb­lose Scha­len, das eine oder andere ver­lo­rene Fund­stück. Die auf­ge­zo­ge­nen Wol­ken tau­chen die Sze­ne­rie in ein düs­te­res Licht, eine Mischung aus Tris­tesse und Endzeitstimmung.

Die Gezei­ten bestim­men das Leben in der Bre­ta­gne wie kaum ein ande­rer Effekt des Mee­res. Bis zu 14 Meter Was­ser kön­nen bei Ebbe ver­schwin­den – kilo­me­ter­weit hat man dann Sand. Bei Saint-Malo im Osten der Bre­ta­gne kann man den höchs­ten Tiden­hub Euro­pas erle­ben. So viel Was­ser, ein­fach ver­schwun­den. Frü­her fand ich Ebbe immer doof – Was­ser weg, es stinkt und der Boden ist glit­schig vor lau­ter Algen. Am Strand von Plou­gu­erneau bin ich ein­fach nur beein­druckt davon, wie ich den Ort kaum mehr wie­der­erkenne, ganz ohne Meer.

Nicht nur direkt an der Küste sind die Tide spür­bar, auch in den Fluss­adern, die das Land durch­zie­hen: So wie die Fjorde in Nor­we­gen hat die Bre­ta­gne die „Abers“, die zwar nicht durch Glet­scher, son­dern durch Absen­kun­gen ent­stan­den sind, das Land aber ähn­lich beein­dru­ckend ein­schnei­den. Wenn Ebbe ist, ver­schwin­det das Was­ser auch hier, die Flüsse lie­gen teils wie aus­ge­trock­net in der Landschaft.

Kein Wun­der, dass in der Bre­ta­gne so gut wie jeder einen Tiden­ka­len­der in der Tasche hat – oder eine ent­spre­chende App auf dem Smart­phone. Beson­ders wich­tig sind die Gezei­ten aber natür­lich für Fischer und alle ande­ren, die am Meer mit Tie­ren und Pflan­zen zu tun haben, denn alles Leben unter Was­ser wird von Ebbe und Flut bestimmt. Auch einige Spe­zia­li­tä­ten, für die die Bre­ta­gne bekannt ist, hän­gen von den Tiden ab – die Aus­tern bei­spiels­weise, die wir in Can­cale in der Nähe von Saint-Malo pro­bie­ren kön­nen. Bei Ebbe ver­wan­delt sich das Meer hin­ter dem Hafen in eine rie­sige Sand­flä­che vol­ler Aus­tern­käs­ten. Durch die Rei­hen dazwi­schen fah­ren Trak­to­ren. Nur die Boote, die dahin­ter schief im Sand ste­cken, ver­ra­ten, dass in ein paar Stun­den das Was­ser zurück­kom­men wird, das Meer sich den Strand zurück­er­obern wird. Ein biss­chen Salz­was­ser von der letz­ten Flut haben die Aus­tern auf jeden Fall gespei­chert, das schmeckt man deutlich.

Auch die Algen, die auf dem Mee­res­bo­den wach­sen, sind in der Bre­ta­gne eine Spe­zia­li­tät, die sich bei Ebbe ern­ten lässt. Gerade in den Abers fin­det man sie, denn hier ist es flach und die Sonne kann ihre ganze Wir­kung ent­fal­ten – ideale Wachs­tums­be­din­gun­gen. Es gibt die ver­schie­dens­ten Far­ben und For­men, die man für unter­schied­li­che Zwe­cke in der Küche ein­set­zen kann. Und wie wir in den nächs­ten Tagen ler­nen, gibt es kaum etwas, das es nicht in der Geschmacks­rich­tung „Alge“ gibt: Algen­sa­lat, Algen­nu­deln, Algen­pesto, Algen­kekse, Algen-Galette, Algen-Kara­mell… Man­gelnde Expe­ri­men­tier­freude kann man den Bre­to­nen auf jeden Fall nicht vorwerfen!

Kapitel 3: Der Sturm

Schon als ich an unse­rem zwei­ten Rei­se­tag spät abends im Bett liege, tut mir alles weh. Dabei haben wir, was Wel­len angeht, in unse­ren Tagen in der Bre­ta­gne ja wirk­lich noch gar nichts erlebt. Gutes Wet­ter und maxi­mal eine steife Brise – ideale Schiff­fahrts­be­din­gun­gen, also. Das Meer ist hier von sich aus schon wild: Zusätz­lich zu den extre­men Gezei­ten­än­de­run­gen wüten an der Grenze zwi­schen Ärmel­ka­nal und Atlan­tik wilde Strö­mun­gen zwi­schen her­aus­ste­chen­den Fels­in­seln. Seit jeher ist die bre­to­ni­sche Küste eine Her­aus­for­de­rung für Kapi­täne und Steu­er­män­ner. Das ist auch der Grund, warum es in der Bre­ta­gne so viele Leucht­türme auf einem Fleck gibt wie an kei­nem ande­ren Ort in Europa. Auch heute noch sind sie über­le­bens­wich­tig für die Schiffe, die um die Halb­in­sel herumfahren.

Aber das Wet­ter in der Bre­ta­gne ist unbe­re­chen­bar. Mehr als ein­mal pas­siert es uns, dass Ein­hei­mi­sche uns in Restau­rants nach drin­nen trei­ben, wäh­rend drau­ßen die Sonne noch strah­lend auf die Tische scheint – und es tat­säch­lich anfängt zu schüt­ten, sobald wir unsere Tel­ler und Glä­ser hin­ein­ge­tra­gen haben.

Mehr als abwechs­lungs­rei­ches Wet­ter und wil­des Meer, eine gefähr­li­che Mischung. Die meis­ten Leucht­türme sind etwa fünf­zig Meter hoch. Da ab und an Dächer oder Glüh­bir­nen ein­ge­schla­gen wer­den, weiß man, dass Wel­len bei Sturm tat­säch­lich diese Höhe errei­chen – also so hoch wie ein Gebäude mit 17 Stock­wer­ken. Bekannt gewor­den ist das Foto von Jean Gui­chard, der sich mit einem Heli­ko­pter übers Meer flie­gen ließ, um einen hef­ti­gen Sturm zu foto­gra­fie­ren. Als er einen Leucht­turm über­querte, hielt der dort sta­tio­nierte Leucht­turm­wär­ter das Roto­ren­ge­räusch für den Ret­tungs­hub­schrau­ber, der ihn aus dem Sturm holen sollte – und trat vor die Tür, und damit vor eine rie­sige Welle.

In der Bre­ta­gne ste­hen ganze 52 Leucht­türme, mehr als ein Drit­tel der Leucht­türme Frank­reichs. Einige von ihnen ste­hen an Land, andere, wie der Leucht­turm auf der Île de Vierge, auf Inseln, und man­che ste­hen nur auf Fel­sen, mit­ten im Meer. Letz­tere sind bau­lich eine ganz schöne Her­aus­for­de­rung – der Leucht­turm Ar-Men befand sich sogar in einer Zone so schwie­ri­ger Bedin­gun­gen, dass man kaum Zeit fand, an ihm zu bauen. Im Jahr 1867 konnte man nur acht Stun­den lang bauen. Noch dazu war es häu­fig schwie­rig, die Arbei­ter recht­zei­tig wie­der zu eva­ku­ie­ren, und im Lauf der Zeit wurde das Gebaute häu­fig wie­der vom Wel­len­gang zer­stört. Kein Wun­der, dass man bis zur Fer­tig­stel­lung ganze 14 Jahre benötigte.

Kapitel 4: Die Einsamkeit

Der Leucht­turm­wär­ter ist wohl das Kli­schee des ein­sa­men Berufs – in der Bre­ta­gne viel­leicht noch extre­mer als anderswo. Unter den jun­gen Män­nern waren die Leucht­türme, die mit­ten im Meer stan­den, frü­her als „Höl­len“ bekannt. Auch die auf Inseln wur­den immer noch „Fege­feuer“ genannt, nur die am Fest­land beka­men den Bei­na­men „Para­diese“. In Letz­te­ren wur­den ohne­hin nur ältere Leucht­turm­wär­ter sta­tio­niert – die Jün­ge­ren muss­ten sich zunächst in den Höl­len bewei­sen und wochen- oder gar mona­te­lang voll­kom­men allein im Nir­gendwo aus­har­ren. Ob und wann sie wie­der zurück ans Fest­land konn­ten, hing auch von den Wet­ter­be­din­gun­gen ab. Die längste Zeit, die ein Leucht­turm­wär­ter ein­mal voll­kom­men alleine mit­ten im Meer ver­brin­gen musste, waren ganze 101 Tage.

Kein Wun­der, dass viele der Leucht­turm­wär­ter in die­ser Ein­sam­keit ver­rückt wur­den. Ein beson­ders abge­le­ge­ner Leucht­turm galt unter ihnen sogar als ver­flucht, denn angeb­lich kehrte jeder von dort wahn­sin­nig zurück.

Heute läuft in den Leucht­tür­men alles auto­ma­tisch ab, Leucht­turm­wär­ter braucht es nicht mehr. Der letzte von ihnen ist in der Bre­ta­gne 2015 in Rente gegan­gen, diese end­lose Ein­sam­keit muss heute kei­ner mehr ertragen.

Doch ein biss­chen Ein­sam­keit kann ja auch mal ganz schön sein, und das Meer gibt einem die beste Mög­lich­keit dafür. Wir stel­len das fest, als wir an unse­rem drit­ten Rei­se­tag wie­der mit dem Boot nach drau­ßen fah­ren, dies­mal auf der Suche nach Del­fi­nen. Irgend­wann sind wir ein­fach mit­ten im Meer, zu jeder Seite nur Wel­len und ein paar Wol­ken am Hori­zont. Gesell­schaft leis­tet uns eine Möwe, die sich ent­spannt auf dem wip­pen­den Was­ser trei­ben lässt. Die Del­fine, nach denen wir Aus­schau hal­ten sol­len, habe ich bald ver­ges­sen, ich genieße ein­fach nur die­sen unglaub­lich wei­ten Blick. Nur wir, nur die­ses eine Boot, nie­mand sonst, wie wir still im Was­ser trei­ben, ein fas­zi­nie­ren­des Gefühl.

Die Ein­sam­keit ist ein Gefühl, das die Bre­ta­gne geprägt hat. Mit ihr kam die Eigen­stän­dig­keit – wir ste­hen hier zwar in Frank­reich, aber irgend­wie auch wie­der nicht. Die Bre­ta­gne hat eigene Tra­di­tio­nen, eigene Spe­zia­li­tä­ten und eine eigene Spra­che, die für Außen­ste­hende ähn­lich unlern­bar erscheint wie Fin­nisch oder Islän­disch. Bis ich mir das Wort für „Prost“ mer­ken kann, ver­ge­hen drei Glä­ser Cidre, und eine Stunde spä­ter habe ich es wie­der ver­ges­sen. Als ich es mir notie­ren will, der nächste Schock: Was sich wie „Jer­matt“ aus­spricht, wird auf ein­mal „Yec’hed mat“ geschrie­ben. Da sind wir wie­der beim Aus­gangs­thema – ist sie zu hart, bist du zu schwach.

Die Bre­to­nen sind wider­stän­dig und stolz, ein Teil von Frank­reich und doch etwas Eige­nes. Die offi­zi­elle Anglie­de­rung an Frank­reich erfolgte zwar schon im 16. Jahr­hun­dert, das Bre­to­ni­sche hat jedoch bis heute über­lebt und wird auch an Schu­len unter­rich­tet. Es ist kein Zufall, dass auch das gal­li­sche Dorf von Aste­rix und Obelix, das sich so tap­fer gegen die Römer wehrte, in der Bre­ta­gne liegt.

Kapitel 5: Die Schönheit

Dass die Bre­ta­gne wirk­lich ein Teil von Frank­reich ist, sieht man spä­tes­tens, wenn man im Restau­rant bestellt. Schlem­men ohne Gren­zen – ohne ein Glas pas­sen­den Wein zu jedem Gang und ein ordent­li­ches Des­sert will man uns gar nicht gehen las­sen. Tra­di­tio­nell isst man in der Bre­ta­gne Crê­pes und Galet­tes, frü­her mal eine Art Arme-Leute-Essen, heute in so vie­len krea­ti­ven Vari­an­ten prä­sen­tiert, dass einem fast schwin­de­lig wird. Ich selbst befinde mich in der Bre­ta­gne im Salz­ka­ra­mell-Him­mel und könnte mich wahr­schein­lich nur noch davon ernäh­ren, ergänzt durch den süßen Cidre. Das harte Leben am Meer und der für uns Deut­sche fast über­trie­bene Hang zum aus­schwei­fen­den Genuss, eine unge­wöhn­li­che Mischung. Aber warum sollte man nicht dafür sor­gen, dass die müh­sam auf den Tel­ler gebrach­ten Aus­tern, Hum­mer, Fische oder Algen eine wür­dige Zube­rei­tung erfah­ren? Viel­leicht ist in der Küche der Punkt, an dem sich das Kel­ti­sche und das Fran­zö­si­sche begegnen.

Die Bre­ta­gne ist hart und rau – und schön zugleich. Nicht nur ihre Eigen­stän­dig­keit macht die Bre­ta­gne beson­ders, son­dern auch diese fas­zi­nie­rend wilde Land­schaft. Am Meer und im Land – wir trauen unse­ren Augen kaum, als wir zwi­schen den Hügeln der Monts d’Ar­rée ste­hen. Die Mond­lan­schaft aus Hei­de­kraut, Fel­sen und Moor­ge­bie­ten ver­strömt eine bei­nahe mys­ti­sche Stim­mung, gerade, wenn sich, wie jetzt, die Wol­ken zusam­men­zie­hen. Bei kla­rem Wet­ter sieht man von hier bis aufs Meer. Ein ganz ande­res Bild das Städt­chen Saint-Malo, des­sen his­to­ri­scher Stadt­kern als Fes­tung mit­ten ins Meer hin­ein­ragt und dicke Mau­ern aus der Pira­ten­ver­gan­gen­heit zur Schau stellt.

Mein pri­va­tes Bre­ta­gne-High­light habe ich dann aller­dings in der letz­ten Nacht. „Du hast Glück“, erklärt mir der Hotel­re­zep­tio­nist und schwenkt mei­nen Zim­mer­schlüs­sel in sei­nen Fin­gern. Ich darf zum Meer­blick. Etwas hib­be­lig stehe ich neben dem Bett und mache immer wie­der fas­zi­niert die Tür zum win­zi­gen Bal­kon auf, um das Wel­len­rau­schen zu hören, bis mir halb die Zehen abfrie­ren. Mei­nen Wecker stelle ich nach einem Check der Son­nen­auf­gangs­zeit um sechs und bin am nächs­ten Mor­gen erst ent­täuscht – alles grau, alles umsonst. Aber dann schleicht sich nach und nach ein wenig Rot in die Wol­ken, und am Ende blei­ben auf­ge­türmte weiße Berge, die sanft vom Mor­gen­licht bemalt wer­den und sich vor­sich­tig auf den Wel­len spie­geln. Meer­blick beim Zäh­ne­put­zen, das könnte ich auch jeden Tag haben.

Mehr Infor­ma­tio­nen
Für mehr Infor­ma­tio­nen leite ich euch gerne an meine Kol­le­gin­nen wei­ter: Laura hat auf Try Try Try einen aus­führ­li­chen Tra­vel Guide mit vie­len Tipps und Links ver­öf­fent­licht. Auf ihrem You­tube-Kanal fin­det ihr außer­dem ein rich­tig coo­les Video, in dem ich auch rum­hüpfe. Nina von Rei­sehap­pen hat über die echt bre­to­ni­schen Erleb­nisse geschrie­ben und alle Restau­rant­tipps auf­ge­lis­tet. Außer­dem hat sie einen Arti­kel über 17 bre­to­ni­sche Spe­zia­li­tä­ten geschrie­ben, die man im Urlaub pro­bie­ren muss – den ich abso­lut so unter­schrei­ben würde. Bei Bea­trice von Rei­se­zei­len gibt’s einen tol­len Haut­nah-Bericht vom Schnor­cheln mit den Kegel­rob­ben und eine Liste von 10 Din­gen, die ihr wahr­schein­lich noch nicht über die Bre­ta­gne wuss­tet – inklu­sive vie­ler Infos zum Thema Nachhaltigkeit.
Die echt bre­to­ni­schen Erlebnisse
In der Bre­ta­gne gibt es eine tolle Mög­lich­keit, sich Akti­vi­tä­ten für den eige­nen Urlaub aus­zu­su­chen und zusam­men­zu­stel­len: Die echt bre­to­ni­schen Erleb­nisse. Die Idee dahin­ter ist, dass Bre­to­nen Besu­chern ihre Region vor­stel­len und sie quasi mit in ihren All­tag neh­men. So kann man bei­spiels­weise mit einem Fischer aufs Meer fah­ren, in einer Crê­pe­rie mit­hel­fen oder sich von einem Aus­tern­züch­ter alles über die Aus­tern­bänke zei­gen las­sen. Neben unse­rem erfolg­rei­chen Kajak­ver­such sind wir mit Kegel­rob­ben geschwom­men, haben eine Del­fin-Tour unter­nom­men und zum Abschluss noch bre­to­ni­sche Kekse bei Mai­son Guella gebacken.
Meine per­sön­li­chen Highlights
Neben den echt bre­to­ni­schen Erleb­nis­sen möchte ich euch gerne noch ein paar wei­tere Sachen emp­feh­len, die mich in der Bre­ta­gne echt vom Hocker gehauen haben: Den tol­len Meer­blick beim letz­ten Son­nen­auf­gang gab’s im Hotel Les Char­met­tes, die span­nends­ten Crêpe- und Galette-Varia­tio­nen im Breizh Café und das beste Abend­essen ein­deu­tig im Restau­rant Absin­the.
Cate­go­riesFrank­reich
Ariane Kovac

Hat ihr Herz irgendwo zwischen Lamas und rostigen Kleinbussen in Peru verloren. Seitdem möchte sie so viel wie möglich über andere Länder und Kulturen erfahren - wenn möglich, aus erster Hand.

Wenn sie gerade nicht unterwegs sein kann, verbringt sie viel Zeit damit, den Finger über Landkarten wandern zu lassen und ihre eigene Heimat ein bisschen besser zu erkunden, am liebsten zu Fuß. Immer dabei, ob in Nähe oder Ferne: Kamera und Notizbuch, denn ohne das Schreiben und das Fotografieren wäre das Leben für sie nicht lebenswert.

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