Nubra oder ans Ende der Welt

Turtuk und das Nubra-Tal

Gibt es Schöneres als auf dem Dach eines Buses stundenlang durch die gigantische Bergwelt des Karakorum zu fahren? Meiner Ansicht nach sehr wenig! Im Nubra-Tal.

Nubra-Tal. Ziel meiner Reise war Turtuk. Das Dorf gehörte bis 1971 zu Pakistan und wurde dann in einem Handstreich Teil von Indien. Die kleine Flußoase liegt eingekeilt zwischen den gewaltigen Bergketten der Ladakh-Kette und dem Karakorum und ist Schauplatz von aberwitzigen geostrategischen Planspielen.

 

Meine Wanderung durch das Markha-Tal war gerade zu Ende gegangen. Ich war zurück in Leh.

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Fahrt ins Nubra-Tal

Eigentlich hatte die hohen Berge gar nicht wieder verlassen wollen und so zog es mich bald zu einem neuen Abenteuer: Ich wollte ins Nubra-Tal. Der Besuch von Diskit und Hundar ist schon länger kein exotisches Unterfangen mehr – viele von den zahlreichen Touristen, die sich in Leh aufhalten, zieht es dorthin. Ich hörte viel Gutes über das muslimische Dorf Turtuk, das im Seitental liegt, das sich nordwestlich von Diskit über Hundar hinaus zwischen Karakorum und Ladakh-Kette gen Pakistan zieht. Erst seit drei Jahren dürfen Touristen dorthin reisen. Eigentlich hatte ich geplant, mit meinem neugewonnen Freund Jacob gemeinsam zu reisen. Dann wäre ich in den Genuss gekommen, ihn auf seinem Abenteuer von Hundar zu Fuß zurück nach Leh zu begleiten. Seine Geschichte vom Unwetter auf einem der Pässe und der Rettung durch Helfer mit einer Schneeaxt, ohne die er in seinem einfachen Zelt bald davongeschwommen wäre, klang durchaus verlockend. Doch der Gute hatte es nicht pünktlich am frühen Morgen zum Treffpunkt geschafft und da ich selbst 10 Minuten zu spät dran war, wähnte ich ihn bereits unterwegs. Ich lief zu der Straßenkreuzung in der Nähe des großen Polofelds und passte ein Sammeltaxi nach Diskit ab. Der Busverkehr nach Turtuk war eingestellt worden und die Preise für die Jeeps lagen deutlich über meinem Budget. Zudem wollte ich unabhängig sein und in keiner Standardtour unterwegs sein, die mir vorschreib, wo ich wie lange bleiben konnte.

Es war bereits das dritte Mal, dass ich auf den Taglang La fuhr. Das erste Mal hatte ich zweieinhalb Jahre zuvor auf dem Pass gestanden. Damals war ich auf den letzten Drücker während des ersten Wintereinbruchs über den Manali-Leh-Highway nach Ladakh gereist. Ich hatte nur eine Woche in Ladakh verbracht. Dann hatten mich eisige Kälte und eingefrorene Wasserleitungen in wärmere Gefilde gezogen. Ich war mit einer kleinen Gruppe meines Gasthauses Richtung Nubra-Tal unterwegs. Plötzlich gab es einen unerwarteten, heftigen Wetterumschwung. Da zwei meiner Kompagnons bald darauf aus Ladakh ausfliegen würden und befürchteten im Nubra-Tal festzusitzen, hatten wir auf dem Kamm des Passes kehrtgemacht.

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Die Straße wird ganzjährig offengehalten, was in diesem unwirtlichen Terrain eine riesige Herausforderung darstellt. Die Paßstraße ist aufgrund von Steinschlag eine Dauerbaustelle:

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Ganz am Anfang meines diesmaligen Besuchs hatte ich wieder oben gestanden. Gemeinsam mit meinem Freund Callum war ich auf dem Fahrrad den Pass hinabgefahren. Das ist so ziemlich das Touristischste was man machen kann – Spaß hat es dennoch gemacht. Impressionen von der wilden Fahrt über 25 Kilometer und 2000 Höhenmeter hinab nach Leh:

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Nun würde ich endlich erfahren, was jenseits des mächtigen Passes lag. Unterhalb lag ein Gletschersee und dann tauchten die grünen Felder von Khardung auf:

IMG_7223 Wieder war ich verzaubert von der Kulisse. An den Hochgebirgslandschaften des indischen Himalaya kann ich mich niemals sattsehen. Nach dem kargen Pass präsentierte sich das gewaltige Nubra-Tal wie ein paradiesischer Garten, eingerahmt von mächtigen Bergen. Kurz vor Diskit verzweigt sich das Tal in zwei Seitenarme. Nördlich führt der Fluß Nubra bis hin zum berüchtigten Siachen-Gletscher, an dem sich seit Jahrzehnten Pakistan und Indien mit schwerem Kreigsgerät auf 6400 Metern gegenüberstehen und regelmäßig mit Artilleriegeschützen aufeinander schießen. Ein irrwitziges Schlachtfeld um eine karge Hochgebirgswüste.

In nordwestlicher Richtung führt die Reise am mächtigen Sheyok entlang nach Hunder und Turtuk.

Diskit fand ich abgesehen von dem phantastisch gelegenen buddhistischen Kloster oberhalb des Ortes wenig einladend. An diesem Tag würde aber kein Bus mehr nach Turtuk fahren. Der Fahrer des Jeeps war bereit mich nach Hundar zu fahren, wo sein Bruder ein kleines Camp betrieb. Zwischen Hunder und Diskit gibt es eine kleine Sandwüste, in der baktrische Kamele leben. Sie sind Überbleibsel der Karawanen, die zwischen Zentralasien, China und Indien hin und hergezogen waren, lange bevor die Grenzen undurchlässig wurden. Heute gibt es keine passierbare Landgrenze zwischen China und Indien und auch der Zugang nach Pakistan oder Zentralasien ist von hier aus unmöglich geworden.

Auch Hundar sprach mich nur begrenzt an. Einzig das verfallene Kloster auf einem Felsen schien mir ein lohnenswertes Ziel. Hier würde Caspar bald seine Trekkingtour starten. Das Dorf Hundar ist weitläufig und folgt keiner Struktur. Hunderte Meter lange Mani-Mauern zeugen von der Bedeutung des buddhistischen Glaubens. Sie sind mit in Stein gehauenen Mantras und mythologische Darstellungen geschmückt.

Ich machte mich auf, um in der Abendsonne einen Blick auf die Kamele zu erhaschen. Doch ich wurde enttäuscht. Weit und breit waren keine Kamele zu sehen.

Ich versuchte ein paar Zigaretten zu kaufen, doch das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Erst vor einigen Monaten hatte man den Verkauf und Konsum von Zigaretten in der Öffentlichkeit verboten. Erst in Turtuk wurde ich wieder fündig. Da dort die kleinen Läden aber nur selten offen waren, beschränkte sich die Auswahl auf indiskutable „Black River“, die aus China stammten. Die Schachtel „Gold Flake“ am letzten Tag meines einwöchigen Aufenthalts dort war geradezu eine Sensation…

Zurück im Camp versuchte ich in Erfahrung zu bringen, wann und von wo aus der Bus nach Turtuk fahren würde. Zu meinem Erstaunen konnte mir keiner Auskunft geben.

Am nächsten Tag erwachte ich spät und lief zur Straße, um auf den Bus zu warten, der hoffentlich kommen würde. Vielleicht hatte ich ihn schon verpasst. Also konnte ich mich genauso gut zu Fuß auf den Weg machen und hoffte, unterwegs jemand zu finden, der mich mitnahm. Doch es waren nur sehr wenige Fahrzeuge unterwegs und Niemand hielt für mich an. Ich passierte eine ganze Reihe großer Militäranlagen. An diesen Anblick konnte ich mich beim besten Willen nicht gewöhnen. Zwar ist die Konzentration von Militär in Ladakh nicht ganz so extrem wie in Kaschmir, aber doch von einem verstörenden Ausmaß. Der Kontrast zur friedlichen Kultur der Ladakhi erscheint mir geradezu pervers. Auf einer anderen Tour zum Pangong-See hatte ich eine Inschrift vor einem Militärkomplex entdeckt, die poetisch beginnt und mir dann einen heftigen Würgereiz verschaffte:

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Ich fürchte, dass dem Verfasser dieser Zeilen die Zynik seines kleinen Reims entgangen ist. Ich fragte mich oft, was die Einheimischen wohl von dieser Militärpräsenz halten. Schließlich sind es hauptsächlich Hindus und Sikhs, die im Militär dienen. Vor vielen der gewaltigen Militäranlagen im Indus-Tal hatte man hinduistische Religion, Kitsch und Militarismus oftmals auf eine solch ekelhafte Weise vermengt, die den meisten Gotteslästerern die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

So lief ich seit zwei Stunden auf einer Straße durch eine Steinwüste an gewaltigen Berghängen, Militäranlagen und vereinzelten Flußoasen entlang, als mich doch noch jemand mitnahm.

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Der Fahrer war sehr überrascht, mich zu Fuß anzutreffen – bis Turtuk waren es schließlich noch 80 Kilometer. Er nahm mich mit zu einem Teestall in Skuru, dort sollte ich auf den Bus warten, der angeblich am frühen Nachmittag fahren sollte. Unterwegs erzählt er mir vom Kulturwandel im Tal, den er keineswegs begrüßt. Er sprach sogar davon, dass seine Kultur im Verschwinden begriffen sei. Über die Militärpräsenz wollte er nicht reden. Dankbar ließ ich mich auf einem der Plastikstühle unter einem Zelt wieder.

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Ein kleiner Bach floß direkt am Teastall vorbei – dem Teeverkäufer diente er als Kühlung für die unvermeidlichen Softdrinks. Der Bus kam ewig nicht. Seit Stunden saß ich nun schon hier. Ein alter Ganove ließ sich neben mir wieder. Verschmitzt rauchte er trotz Rauchverbot eine Bidi. Die drakonische Geldstrafe, die auf die Umgehung des Verbots droht, ließ ihn kalt. Verstohlen zeigte er mir die Schnapsflasche unter seinem Mantel. Ich konnte mich nicht beherrschen und zeigte ich ihm  verschwörerisch das Charras, das ich mir zur Unterhaltung meiner Nerven bei mir führe. Diese Art der Verbrüderung funktioniert überall.

Ich besuche das direkt benachbart liegende Kloster.

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Ein Bus von einer buddhistischen Schule in Leh hielt in der Nähe. Begeistert jauchzend stürzten sich die jungen Mönche in den Fluss. Mönche und die Soldaten, mit denen ich gerade Tee trank, begegneten sich freundlich lächelnd, es bleibt für mich ein ungewöhnlicher Anblick.

Als ich schon fast nicht mehr an den Bus glaubte, kam er doch noch. Er war voll besetzt und ich hatte Schwierigkeiten, ihn anzuhalten. Voller Hoffnung fragte ich, ob ich auf dem Dach des Busses mitreisen konnte – darauf hatte ich insgeheim gehofft. Mit leuchtenden Augen kletterte ich mit meinem Rucksack nach oben. Innerlich jauchzte ich. Auf dem Dach saß bereits eine Reihe junger Männer. Nun begann der schönste Teil meines kleinen Abenteuers. Ich machte es mir so gut wie möglich auf dem Dach des Busses bequem und blickte von dieser erhabenen Warte stundenlang auf die phantastische Kulisse. Es war eine kleine Ewigkeit.

Einmal mussten wir kurz vor einem Militärposten alle vom Dach klettern und uns in den hoffnungslos überfüllten Bus quetschen. Kaum wieder in Bewegung kletterten wir trotz der grimmigen Blicke der Soldaten schon wieder aufs Dach.

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Ein junger Mann erzählt mir die Geschichte seiner Heimat. Einst war Turtuk ein wichtiger Haltepunkt auf einer Teilroute der Seidenstraße zwischen Ladakh und Xinjiang.

Nach der Teilung Indiens war Turtuk gemeinsam mit fünf anderen kleinen Dörfern bis 1971 Teil von Pakistan, als die Dörfer in einem Handstreich während des dritten indisch-pakistanischen Krieges vom indischen Militär eingenommen wurden. Damals lag alle Konzentration auf Bangladesh, das zuvor als Ostpakistan aus der Partition Indiens hervorgegangen war. Indien schlug sich auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegung verhalf Bangladesh so zur Unabhängigkeit. Niemand hatte damit gerechnet, dass Indien sich abseits vom Hauptgeschehen Turtuk einverleiben würde. Die Übernahme soll friedlich vonstatten gegangen sein. Ein Dilemma war die Übernahme der Dörfer für alle Bewohner, die sich zu dem Zeitpunkt im bis heute pakistanischen Baltistan aufhielten. Ihnen blieb die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt. So wurden ganze Familien entzweit. Es gibt bis heute keine Möglichkeit für die Bewohner die Grenze nach Pakistan an dieser Stelle zu überschreiten. Die Line of control macht Turtuk zu einem isolierten Paradies. Skardu liegt näher als Leh – doch die Reise dorthin ist nur mit einem Pakistan-Visum und einem gigantischen Umweg möglich.

Die Militärpräsenz wurde immer stärker, je näher wir kamen. Das machte seine Schilderungen umso eindrücklicher. Wir passieren Militäranlagen, Geschützstände und schwer gesicherte Brücken. Es war geradezu irreal. Ich kam mir vor wie in einem Film.

 

Endlich durchquerten wir das erste Balti-Dorf. Fasziniert blickte ich in die hellhäutigen Gesichter, die sich vollständig von den aus Ladakh gewohnten unterscheiden.

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Am frühen Abend erreichten wir Turtuk. Ich fragte den jungen Mann nach einer guten Unterkunft und er führte mich über einen steilen Weg zu einem Gasthaus. Genaugenommen handelt es sich bei Turtuk um zwei verschiedene Dörfer, die von einem Fluss getrennt werden. Die meisten der Handvoll Unterkünfte befinden sich im vorderen Dorf. Im hinteren war ich im einzigen Gasthaus untergekommen. Dort waren gerade ein paar junge Israelis und ein südkoreanisches Pärchen abgestiegen, die sich aber am nächsten Tag wieder auf den Weg machen würden. Danach sollte ich für einige Tage der einzige Tourist in Turtuk bleiben.

 

Mit Abdullah verstand ich mich auf Anhieb blendend. Er war der Sohn des Gasthausbetreibers, studierte in Jammu und war in den Ferien zu seiner Familie zurückgekehrt, um im Gasthaus zu helfen. Gerade wurde der zweite Stock ausgebaut, um mehr Touristen Platz zu bieten. Auf meine Frage, ob er sich wünsche in Pakistan zu leben, war seine Antwort eindeutig: „Pakistan is not safe!“

Die Bewohner des Dorfes sind Balti und gehören der Nubakshia-Strömung des Islam an. Ursprünglich handelte es sich um einen Sufi-Orden, der sowohl sunnitische als auch schiitische Elemente aufweist. Man nimmt an, dass die Balti im 15. Jahrhundert aus Persien eingewandert sind. Sie sprechen einen tibetischen Dialekt. Ihre Häuser erbauen sie aus Stein und Holz. Inzwischen nutzen sie auch Solarenergie. Der Stolz des Dorfes ist aber das Kunsthandwerk, die eigenständige Kultur und die Moschee mit einem Minarett aus Holz.

Auch wenn es angesichts der völligen Abgeschiedenheit absurd scheint, so ist die Region von geostrategischer Bedeutung. Zwei Straßen führen unmittelbar zu scharf bewachten Grenzposten, der einzige Weg führt zurück ins Nubratal und von dort nach Leh. Geschützstände und schwer einsehbare Militärstützpunkte machen deutlich, dass man hier trotz der aktuellen Entspannung immer für den Ernstfall bereit ist.

Östlich des Nubratals liegt die Region Aksai Chin, die von China besetzt ist. In diesem Gebiet findet sich die wichtigste Militärroute die Tibet und Xinjiang verbindet. Als Indien unabhängig wurde, blieb die Grenzziehung zwischen Indien und China in dieser Region unzureichend geklärt und ist bis heute ein Zankapfel. 1962 kam es zu einem einmonatigen Krieg zwischen Indien und China, der die Überlegenheit des chinesischen Militärs unterstrich. Auch wenn über diesen Konflikt nie berichtet wird, so birgt er einige Brisanz und es kommt mehrmals jährlich zu Auseinandersetzungen. Während ich in Ladakh war, demonstrierten die Inder ihre Einsatzbereitschaft mit einem Militärhelikopterflug nach Aksai Chin, die Chinesen besetzten einen indischen Grenzposten am Pangong-See. Wirklich Sorge macht mir dieser Konflikt vor allem wegen der sich anbahnenden Wasserknappheit infloge schmelzender Gletscher.

Nördlich von Turtuk liegen die pakistanische Provinz Gilgit-Balitistan. Die Region ist zwischen Indien und Pakistan umstritten. Gleichzeitig gilt die Region als Rückzugsraum für radikale Islamisten. Auch hier mischen die Chinesen mit; sie kontrollieren das Shaksgam-Tal. So liegt Tutuk umgeben von geostrategisch wichtigen Regionen.

Erst diese Konstellation macht Turtuk zu einem der Enden der Welt.

Ich verbrachte meine Tage mit Streifzügen durch Turtuk. Eingekesselt zwischen der Ladakh-Gebirgskette und dem Karakorum liegen prächtig gedeihende Gerste- und Weizenfelder, Gemüsegärten mit Blumekohl, Spinat, Weißkohl und Karotten sowie Walnuss- und Maulbeerbäume und Aprikosenhaine. Ihre Früchte sind ausgesprochen delikat.

Die Felder werden mit Kanälen bewässert, die das Gletscherwasser der umgebenden Berge durch die labyrinthartig verlaufenden Gassen führen. Anders als im höher gelegenen Ladakh sind hier zwei Ernten im Jahr möglich. Es gibt sehr viele Kinder im Dorf und auch die Zahl der alten Menschen ist außergewöhnlich hoch. Die Bewohner des Dorfes scheinen ein sehr gesundes Leben zu führen. Der Buchweizen ist Grundlage für die Küche der Balti. Ich muß zugeben, dass ich mit den extrem mehligen Speisen fremdelte.

Turtuk ist eine blühende Oase und die Idylle umso erstaunlicher, wenn man sich die Lage vergegenwärtigt. Das Dorf liegt im Würgegriff von Bergen, der Sheyok ist ein rasender Strom und die Militärpräsenz schränkt die Bewegungsfähigkeit extrem ein und erinnert daran, was direkt unterhalb der Oberfläche liegt. Es ist schwer abzuschätzen, in wieweit der einsetzende Tourismus das Dorf verändern wird. Es bleibt zu hoffen, dass durch die Abgeschiedenheit nicht zu viele Touristen kommen und die Kultur der Balti erhalten bleibt.

IMG_7037 IMG_7049 IMG_7052 IMG_7066 IMG_7079 IMG_7094  IMG_7150 IMG_7158 IMG_7163 Auf dem Weg zum verlassenen buddhistischen Kloster, traf ich auf zwei junge Inder. Wir kamen ins Gespräch. Dass ich in Manali gewesen war, ließ sie aufhorchen. Und sie hatten Glück. Ich teilte mit ihnen den kleinen Rest an Rauchwaren, der mir verblieben war. Dafür luden sie mich auf Kaffee und Zigaretten ein. Außerdem reichten sie mir zum Kaffee ein kleines braunes Kügelchen. Als ich begriff, dass es sich dabei um Opium handelt, hatte sich die Wirkung bereits in meinem Organismus ausgebreitet. Der Sikh brachte sich derweilen mit Whiskey in Fahrt, während er im kleinen Fernseher die Zeremonie im Tempel von Amritsar beobachtete. Stundenlang wurde aus dem Adi Granth – dem heiligen Buch der Sikhs rezitiert. Dass Sikhs der Konsum von Alkohol verboten ist, kümmerte ihn wenig. Allerdings hatte er mein vollstes Verständnis.

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Gemeinsam mit seinen zwei Freunden musste er zwei Jahre lang in Turtuk ausharren, um ihre Eignung für das indische Militär unter Beweis zu stellen. Nur ganz selten konnten sie für einige Tage nach Hause reisen. Besonders im Winter musste das eine extrem schwere Prüfung sein. Noch war es angenehm warm und sie vertrieben sich die Zeit mit Cricketspielen. Meine Fresbee brachte ein wenig Abwechslung ins Programm.

Am Abend war ich dermaßen berauscht, dass ich von Glück sagen kann, dass die beiden mir ihre Taschenlampe borgten und ich so sicher ins Gasthaus zurückfand. Ich trug eine dunkle Versuchung in mir: sollte ich versuchen nachts über die Grenze zu schleichen? Glücklicherweise widerstand ich dem teuflischen Gedanken. Am Tag zuvor hatte ich mich dumm gestellt und versucht, die Grenze über einen Umweg zu umgehen – damit hätte mir wohl auch wenig Freunde gemacht. Bis zur 15 Kilometer entfernten line of control zu gelangen, war ohnehin utopisch. Eine Wildwasserfahrt auf dem Sheyok hätte man wohl keine zwei Minuten überlebt. Dennoch wollte ich unbedingt einen Berg besteigen, der mir zumindest einen Blick auf Pakistan ermöglichte. Das einzig sichtbare Zeichen war eine Felsnadel, die zum Massiv des K2 gehört. Wie gerne wäre ich tiefer in den Karakorum vorgestoßen. Bis zum Nanga Parbat hätte ich wohl in wenigen Tagen vorstoßen können. Allein – es sollte nicht sein. Ohne Bergsteigerausrüstung blieb mir der Weg auf die Gipfel der Berge verwehrt. Ein toller Blick über Turtuk war allerdings dann doch Lohn meiner Aufstiege über verschiedene Steilhänge:

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Turtuk zu verlassen stellte sich als schwierig heraus. Das lag nicht nur daran, dass ich den Ort und Abdullah lieb gewonnen hatte, sondern auch daran, dass kein Bus zurück fuhr. Mit etwas Glück fand ich aber eine Mitfahrgelegenheit. Auf dem Rückweg hatte ich Gelegenheit, die Kamele aus der Nähe zu bestaunen und schließlich kehrte ich über den Khardung-La zurück nach Leh:

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  1. Deine „Depesche“ kommt einer Reise gleich – danke fürs mitnehmen „Orleander“ :)
    Schöne und beeindruckende Bilder, von einem ziemlich untypischen Reiseort (wie ich finde).
    Wie kommt’s denn, dass zwischen all dem kargen Felsen im Tal alles so grün wird? Das wirkt wie eine Oase in einer Bergwüste.

    Und noch etwas, dass mir bei deinen Bildern auch aufgefallen ist. Weshalb lassen Sie in den Bergen diese bunten Stofffetzen im Wind wehen? Hat das spirituelle Gründe oder messen Sie etwa die Windstärke damit? Hmm…

    • Hallo Patrick!

      Danke für die Blumen! Die Regionen im nordindischen Himalaya wären tatsächlich vollständige Wüsten, wenn es nicht die Flüsse gäbe, die von Gletschern gespeist werden. Die Dörfer finden sich an Flusskreuzungen. Nur dort ist Ackerbau möglich; es bleibt ein anstrengendes Leben, das der kargen Natur abgetrotzt wird. Ich staune jedes Mal, dass sich hier Menschen ansiedeln konnten. Es sind in der Tat Oasen.
      Die bunten Stoffetzen sind buddhistische Gebetsfahnen, die mit Mantras (Gebetsformeln) bedruckt sind und die Gebete mit dem Wind in die Welt tragen sollen. Das finde ich einen sehr schönen Gedanken. Das Dorf Turtuk ist zwar vollständig muslimisch, aber das Kloster existiert noch aus buddhistischer Zeit.

      Liebe Grüße! Oleander

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