Nubra-Tal. Ziel mei­ner Reise war Tur­tuk. Das Dorf gehörte bis 1971 zu Paki­stan und wurde dann in einem Hand­streich Teil von Indien. Die kleine Fluß­oase liegt ein­ge­keilt zwi­schen den gewal­ti­gen Berg­ket­ten der Ladakh-Kette und dem Kara­ko­rum und ist Schau­platz von aber­wit­zi­gen geo­stra­te­gi­schen Planspielen.

 

Meine Wan­de­rung durch das Markha-Tal war gerade zu Ende gegan­gen. Ich war zurück in Leh.

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Fahrt ins Nubra-Tal

Eigent­lich hatte die hohen Berge gar nicht wie­der ver­las­sen wol­len und so zog es mich bald zu einem neuen Aben­teuer: Ich wollte ins Nubra-Tal. Der Besuch von Dis­kit und Hundar ist schon län­ger kein exo­ti­sches Unter­fan­gen mehr – viele von den zahl­rei­chen Tou­ris­ten, die sich in Leh auf­hal­ten, zieht es dort­hin. Ich hörte viel Gutes über das mus­li­mi­sche Dorf Tur­tuk, das im Sei­ten­tal liegt, das sich nord­west­lich von Dis­kit über Hundar hin­aus zwi­schen Kara­ko­rum und Ladakh-Kette gen Paki­stan zieht. Erst seit drei Jah­ren dür­fen Tou­ris­ten dort­hin rei­sen. Eigent­lich hatte ich geplant, mit mei­nem neu­ge­won­nen Freund Jacob gemein­sam zu rei­sen. Dann wäre ich in den Genuss gekom­men, ihn auf sei­nem Aben­teuer von Hundar zu Fuß zurück nach Leh zu beglei­ten. Seine Geschichte vom Unwet­ter auf einem der Pässe und der Ret­tung durch Hel­fer mit einer Schnee­axt, ohne die er in sei­nem ein­fa­chen Zelt bald davon­ge­schwom­men wäre, klang durch­aus ver­lo­ckend. Doch der Gute hatte es nicht pünkt­lich am frü­hen Mor­gen zum Treff­punkt geschafft und da ich selbst 10 Minu­ten zu spät dran war, wähnte ich ihn bereits unter­wegs. Ich lief zu der Stra­ßen­kreu­zung in der Nähe des gro­ßen Polo­felds und passte ein Sam­mel­taxi nach Dis­kit ab. Der Bus­ver­kehr nach Tur­tuk war ein­ge­stellt wor­den und die Preise für die Jeeps lagen deut­lich über mei­nem Bud­get. Zudem wollte ich unab­hän­gig sein und in kei­ner Stan­dard­tour unter­wegs sein, die mir vor­schreib, wo ich wie lange blei­ben konnte.

Es war bereits das dritte Mal, dass ich auf den Taglang La fuhr. Das erste Mal hatte ich zwei­ein­halb Jahre zuvor auf dem Pass gestan­den. Damals war ich auf den letz­ten Drü­cker wäh­rend des ers­ten Win­ter­ein­bruchs über den Manali-Leh-High­way nach Ladakh gereist. Ich hatte nur eine Woche in Ladakh ver­bracht. Dann hat­ten mich eisige Kälte und ein­ge­fro­rene Was­ser­lei­tun­gen in wär­mere Gefilde gezo­gen. Ich war mit einer klei­nen Gruppe mei­nes Gast­hau­ses Rich­tung Nubra-Tal unter­wegs. Plötz­lich gab es einen uner­war­te­ten, hef­ti­gen Wet­ter­um­schwung. Da zwei mei­ner Kom­pa­gnons bald dar­auf aus Ladakh aus­flie­gen wür­den und befürch­te­ten im Nubra-Tal fest­zu­sit­zen, hat­ten wir auf dem Kamm des Pas­ses kehrtgemacht.

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Die Straße wird ganz­jäh­rig offen­ge­hal­ten, was in die­sem unwirt­li­chen Ter­rain eine rie­sige Her­aus­for­de­rung dar­stellt. Die Paß­straße ist auf­grund von Stein­schlag eine Dauerbaustelle:

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Ganz am Anfang mei­nes dies­ma­li­gen Besuchs hatte ich wie­der oben gestan­den. Gemein­sam mit mei­nem Freund Cal­lum war ich auf dem Fahr­rad den Pass hin­ab­ge­fah­ren. Das ist so ziem­lich das Tou­ris­tischste was man machen kann – Spaß hat es den­noch gemacht. Impres­sio­nen von der wil­den Fahrt über 25 Kilo­me­ter und 2000 Höhen­me­ter hinab nach Leh:

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Nun würde ich end­lich erfah­ren, was jen­seits des mäch­ti­gen Pas­ses lag. Unter­halb lag ein Glet­scher­see und dann tauch­ten die grü­nen Fel­der von Khar­dung auf:

IMG_7223 Wie­der war ich ver­zau­bert von der Kulisse. An den Hoch­ge­birgs­land­schaf­ten des indi­schen Hima­laya kann ich mich nie­mals satt­se­hen. Nach dem kar­gen Pass prä­sen­tierte sich das gewal­tige Nubra-Tal wie ein para­die­si­scher Gar­ten, ein­ge­rahmt von mäch­ti­gen Ber­gen. Kurz vor Dis­kit ver­zweigt sich das Tal in zwei Sei­ten­arme. Nörd­lich führt der Fluß Nubra bis hin zum berüch­tig­ten Sia­chen-Glet­scher, an dem sich seit Jahr­zehn­ten Paki­stan und Indien mit schwe­rem Kreigs­ge­rät auf 6400 Metern gegen­über­ste­hen und regel­mä­ßig mit Artil­le­rie­ge­schüt­zen auf­ein­an­der schie­ßen. Ein irr­wit­zi­ges Schlacht­feld um eine karge Hochgebirgswüste.

In nord­west­li­cher Rich­tung führt die Reise am mäch­ti­gen Sheyok ent­lang nach Hun­der und Turtuk.

Dis­kit fand ich abge­se­hen von dem phan­tas­tisch gele­ge­nen bud­dhis­ti­schen Klos­ter ober­halb des Ortes wenig ein­la­dend. An die­sem Tag würde aber kein Bus mehr nach Tur­tuk fah­ren. Der Fah­rer des Jeeps war bereit mich nach Hundar zu fah­ren, wo sein Bru­der ein klei­nes Camp betrieb. Zwi­schen Hun­der und Dis­kit gibt es eine kleine Sand­wüste, in der bak­tri­sche Kamele leben. Sie sind Über­bleib­sel der Kara­wa­nen, die zwi­schen Zen­tral­asien, China und Indien hin und her­ge­zo­gen waren, lange bevor die Gren­zen undurch­läs­sig wur­den. Heute gibt es keine pas­sier­bare Land­grenze zwi­schen China und Indien und auch der Zugang nach Paki­stan oder Zen­tral­asien ist von hier aus unmög­lich geworden.

Auch Hundar sprach mich nur begrenzt an. Ein­zig das ver­fal­lene Klos­ter auf einem Fel­sen schien mir ein loh­nens­wer­tes Ziel. Hier würde Cas­par bald seine Trek­king­tour star­ten. Das Dorf Hundar ist weit­läu­fig und folgt kei­ner Struk­tur. Hun­derte Meter lange Mani-Mau­ern zeu­gen von der Bedeu­tung des bud­dhis­ti­schen Glau­bens. Sie sind mit in Stein gehaue­nen Man­tras und mytho­lo­gi­sche Dar­stel­lun­gen geschmückt.

Ich machte mich auf, um in der Abend­sonne einen Blick auf die Kamele zu erha­schen. Doch ich wurde ent­täuscht. Weit und breit waren keine Kamele zu sehen.

Ich ver­suchte ein paar Ziga­ret­ten zu kau­fen, doch das war ein hoff­nungs­lo­ses Unter­fan­gen. Erst vor eini­gen Mona­ten hatte man den Ver­kauf und Kon­sum von Ziga­ret­ten in der Öffent­lich­keit ver­bo­ten. Erst in Tur­tuk wurde ich wie­der fün­dig. Da dort die klei­nen Läden aber nur sel­ten offen waren, beschränkte sich die Aus­wahl auf indis­ku­ta­ble „Black River“, die aus China stamm­ten. Die Schach­tel „Gold Flake“ am letz­ten Tag mei­nes ein­wö­chi­gen Auf­ent­halts dort war gera­dezu eine Sensation…

Zurück im Camp ver­suchte ich in Erfah­rung zu brin­gen, wann und von wo aus der Bus nach Tur­tuk fah­ren würde. Zu mei­nem Erstau­nen konnte mir kei­ner Aus­kunft geben.

Am nächs­ten Tag erwachte ich spät und lief zur Straße, um auf den Bus zu war­ten, der hof­fent­lich kom­men würde. Viel­leicht hatte ich ihn schon ver­passt. Also konnte ich mich genauso gut zu Fuß auf den Weg machen und hoffte, unter­wegs jemand zu fin­den, der mich mit­nahm. Doch es waren nur sehr wenige Fahr­zeuge unter­wegs und Nie­mand hielt für mich an. Ich pas­sierte eine ganze Reihe gro­ßer Mili­tär­an­la­gen. An die­sen Anblick konnte ich mich beim bes­ten Wil­len nicht gewöh­nen. Zwar ist die Kon­zen­tra­tion von Mili­tär in Ladakh nicht ganz so extrem wie in Kasch­mir, aber doch von einem ver­stö­ren­den Aus­maß. Der Kon­trast zur fried­li­chen Kul­tur der Ladakhi erscheint mir gera­dezu per­vers. Auf einer ande­ren Tour zum Pan­gong-See hatte ich eine Inschrift vor einem Mili­tär­kom­plex ent­deckt, die poe­tisch beginnt und mir dann einen hef­ti­gen Wür­ge­reiz verschaffte:

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Ich fürchte, dass dem Ver­fas­ser die­ser Zei­len die Zynik sei­nes klei­nen Reims ent­gan­gen ist. Ich fragte mich oft, was die Ein­hei­mi­schen wohl von die­ser Mili­tär­prä­senz hal­ten. Schließ­lich sind es haupt­säch­lich Hin­dus und Sikhs, die im Mili­tär die­nen. Vor vie­len der gewal­ti­gen Mili­tär­an­la­gen im Indus-Tal hatte man hin­du­is­ti­sche Reli­gion, Kitsch und Mili­ta­ris­mus oft­mals auf eine solch ekel­hafte Weise ver­mengt, die den meis­ten Got­tes­läs­te­rern die Scha­mes­röte ins Gesicht getrie­ben hätte.

So lief ich seit zwei Stun­den auf einer Straße durch eine Stein­wüste an gewal­ti­gen Berg­hän­gen, Mili­tär­an­la­gen und ver­ein­zel­ten Fluß­oa­sen ent­lang, als mich doch noch jemand mitnahm.

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Der Fah­rer war sehr über­rascht, mich zu Fuß anzu­tref­fen – bis Tur­tuk waren es schließ­lich noch 80 Kilo­me­ter. Er nahm mich mit zu einem Tee­stall in Skuru, dort sollte ich auf den Bus war­ten, der angeb­lich am frü­hen Nach­mit­tag fah­ren sollte. Unter­wegs erzählt er mir vom Kul­tur­wan­del im Tal, den er kei­nes­wegs begrüßt. Er sprach sogar davon, dass seine Kul­tur im Ver­schwin­den begrif­fen sei. Über die Mili­tär­prä­senz wollte er nicht reden. Dank­bar ließ ich mich auf einem der Plas­tik­stühle unter einem Zelt wieder.

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Ein klei­ner Bach floß direkt am Teastall vor­bei – dem Tee­ver­käu­fer diente er als Küh­lung für die unver­meid­li­chen Soft­drinks. Der Bus kam ewig nicht. Seit Stun­den saß ich nun schon hier. Ein alter Ganove ließ sich neben mir wie­der. Ver­schmitzt rauchte er trotz Rauch­ver­bot eine Bidi. Die dra­ko­ni­sche Geld­strafe, die auf die Umge­hung des Ver­bots droht, ließ ihn kalt. Ver­stoh­len zeigte er mir die Schnaps­fla­sche unter sei­nem Man­tel. Ich konnte mich nicht beherr­schen und zeigte ich ihm  ver­schwö­re­risch das Charras, das ich mir zur Unter­hal­tung mei­ner Ner­ven bei mir führe. Diese Art der Ver­brü­de­rung funk­tio­niert überall.

Ich besu­che das direkt benach­bart lie­gende Kloster.

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Ein Bus von einer bud­dhis­ti­schen Schule in Leh hielt in der Nähe. Begeis­tert jauch­zend stürz­ten sich die jun­gen Mön­che in den Fluss. Mön­che und die Sol­da­ten, mit denen ich gerade Tee trank, begeg­ne­ten sich freund­lich lächelnd, es bleibt für mich ein unge­wöhn­li­cher Anblick.

Als ich schon fast nicht mehr an den Bus glaubte, kam er doch noch. Er war voll besetzt und ich hatte Schwie­rig­kei­ten, ihn anzu­hal­ten. Vol­ler Hoff­nung fragte ich, ob ich auf dem Dach des Bus­ses mit­rei­sen konnte – dar­auf hatte ich ins­ge­heim gehofft. Mit leuch­ten­den Augen klet­terte ich mit mei­nem Ruck­sack nach oben. Inner­lich jauchzte ich. Auf dem Dach saß bereits eine Reihe jun­ger Män­ner. Nun begann der schönste Teil mei­nes klei­nen Aben­teu­ers. Ich machte es mir so gut wie mög­lich auf dem Dach des Bus­ses bequem und blickte von die­ser erha­be­nen Warte stun­den­lang auf die phan­tas­ti­sche Kulisse. Es war eine kleine Ewigkeit.

Ein­mal muss­ten wir kurz vor einem Mili­tär­pos­ten alle vom Dach klet­tern und uns in den hoff­nungs­los über­füll­ten Bus quet­schen. Kaum wie­der in Bewe­gung klet­ter­ten wir trotz der grim­mi­gen Bli­cke der Sol­da­ten schon wie­der aufs Dach.

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Ein jun­ger Mann erzählt mir die Geschichte sei­ner Hei­mat. Einst war Tur­tuk ein wich­ti­ger Hal­te­punkt auf einer Teil­route der Sei­den­straße zwi­schen Ladakh und Xinjiang.

Nach der Tei­lung Indi­ens war Tur­tuk gemein­sam mit fünf ande­ren klei­nen Dör­fern bis 1971 Teil von Paki­stan, als die Dör­fer in einem Hand­streich wäh­rend des drit­ten indisch-paki­sta­ni­schen Krie­ges vom indi­schen Mili­tär ein­ge­nom­men wur­den. Damals lag alle Kon­zen­tra­tion auf Ban­gla­desh, das zuvor als Ost­pa­ki­stan aus der Par­ti­tion Indi­ens her­vor­ge­gan­gen war. Indien schlug sich auf Sei­ten der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung ver­half Ban­gla­desh so zur Unab­hän­gig­keit. Nie­mand hatte damit gerech­net, dass Indien sich abseits vom Haupt­ge­sche­hen Tur­tuk ein­ver­lei­ben würde. Die Über­nahme soll fried­lich von­stat­ten gegan­gen sein. Ein Dilemma war die Über­nahme der Dör­fer für alle Bewoh­ner, die sich zu dem Zeit­punkt im bis heute paki­sta­ni­schen Bal­ti­stan auf­hiel­ten. Ihnen blieb die Rück­kehr in ihre Hei­mat ver­wehrt. So wur­den ganze Fami­lien ent­zweit. Es gibt bis heute keine Mög­lich­keit für die Bewoh­ner die Grenze nach Paki­stan an die­ser Stelle zu über­schrei­ten. Die Line of con­trol macht Tur­tuk zu einem iso­lier­ten Para­dies. Skardu liegt näher als Leh – doch die Reise dort­hin ist nur mit einem Paki­stan-Visum und einem gigan­ti­schen Umweg möglich.

Die Mili­tär­prä­senz wurde immer stär­ker, je näher wir kamen. Das machte seine Schil­de­run­gen umso ein­drück­li­cher. Wir pas­sie­ren Mili­tär­an­la­gen, Geschütz­stände und schwer gesi­cherte Brü­cken. Es war gera­dezu irreal. Ich kam mir vor wie in einem Film.

 

End­lich durch­quer­ten wir das erste Balti-Dorf. Fas­zi­niert blickte ich in die hell­häu­ti­gen Gesich­ter, die sich voll­stän­dig von den aus Ladakh gewohn­ten unterscheiden.

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Am frü­hen Abend erreich­ten wir Tur­tuk. Ich fragte den jun­gen Mann nach einer guten Unter­kunft und er führte mich über einen stei­len Weg zu einem Gast­haus. Genau­ge­nom­men han­delt es sich bei Tur­tuk um zwei ver­schie­dene Dör­fer, die von einem Fluss getrennt wer­den. Die meis­ten der Hand­voll Unter­künfte befin­den sich im vor­de­ren Dorf. Im hin­te­ren war ich im ein­zi­gen Gast­haus unter­ge­kom­men. Dort waren gerade ein paar junge Israe­lis und ein süd­ko­rea­ni­sches Pär­chen abge­stie­gen, die sich aber am nächs­ten Tag wie­der auf den Weg machen wür­den. Danach sollte ich für einige Tage der ein­zige Tou­rist in Tur­tuk bleiben.

 

Mit Abdul­lah ver­stand ich mich auf Anhieb blen­dend. Er war der Sohn des Gast­haus­be­trei­bers, stu­dierte in Jammu und war in den Ferien zu sei­ner Fami­lie zurück­ge­kehrt, um im Gast­haus zu hel­fen. Gerade wurde der zweite Stock aus­ge­baut, um mehr Tou­ris­ten Platz zu bie­ten. Auf meine Frage, ob er sich wün­sche in Paki­stan zu leben, war seine Ant­wort ein­deu­tig: „Paki­stan is not safe!“

Die Bewoh­ner des Dor­fes sind Balti und gehö­ren der Nubak­shia-Strö­mung des Islam an. Ursprüng­lich han­delte es sich um einen Sufi-Orden, der sowohl sun­ni­ti­sche als auch schii­ti­sche Ele­mente auf­weist. Man nimmt an, dass die Balti im 15. Jahr­hun­dert aus Per­sien ein­ge­wan­dert sind. Sie spre­chen einen tibe­ti­schen Dia­lekt. Ihre Häu­ser erbauen sie aus Stein und Holz. Inzwi­schen nut­zen sie auch Solar­ener­gie. Der Stolz des Dor­fes ist aber das Kunst­hand­werk, die eigen­stän­dige Kul­tur und die Moschee mit einem Mina­rett aus Holz.

Auch wenn es ange­sichts der völ­li­gen Abge­schie­den­heit absurd scheint, so ist die Region von geo­stra­te­gi­scher Bedeu­tung. Zwei Stra­ßen füh­ren unmit­tel­bar zu scharf bewach­ten Grenz­pos­ten, der ein­zige Weg führt zurück ins Nubra­tal und von dort nach Leh. Geschütz­stände und schwer ein­seh­bare Mili­tär­stütz­punkte machen deut­lich, dass man hier trotz der aktu­el­len Ent­span­nung immer für den Ernst­fall bereit ist.

Öst­lich des Nubra­tals liegt die Region Aksai Chin, die von China besetzt ist. In die­sem Gebiet fin­det sich die wich­tigste Mili­tär­route die Tibet und Xin­jiang ver­bin­det. Als Indien unab­hän­gig wurde, blieb die Grenz­zie­hung zwi­schen Indien und China in die­ser Region unzu­rei­chend geklärt und ist bis heute ein Zank­ap­fel. 1962 kam es zu einem ein­mo­na­ti­gen Krieg zwi­schen Indien und China, der die Über­le­gen­heit des chi­ne­si­schen Mili­tärs unter­strich. Auch wenn über die­sen Kon­flikt nie berich­tet wird, so birgt er einige Bri­sanz und es kommt mehr­mals jähr­lich zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Wäh­rend ich in Ladakh war, demons­trier­ten die Inder ihre Ein­satz­be­reit­schaft mit einem Mili­tär­he­li­ko­pter­flug nach Aksai Chin, die Chi­ne­sen besetz­ten einen indi­schen Grenz­pos­ten am Pan­gong-See. Wirk­lich Sorge macht mir die­ser Kon­flikt vor allem wegen der sich anbah­nen­den Was­ser­knapp­heit infloge schmel­zen­der Gletscher.

Nörd­lich von Tur­tuk lie­gen die paki­sta­ni­sche Pro­vinz Gil­git-Bali­ti­stan. Die Region ist zwi­schen Indien und Paki­stan umstrit­ten. Gleich­zei­tig gilt die Region als Rück­zugs­raum für radi­kale Isla­mis­ten. Auch hier mischen die Chi­ne­sen mit; sie kon­trol­lie­ren das Shaks­gam-Tal. So liegt Tutuk umge­ben von geo­stra­te­gisch wich­ti­gen Regionen.

Erst diese Kon­stel­la­tion macht Tur­tuk zu einem der Enden der Welt.

Ich ver­brachte meine Tage mit Streif­zü­gen durch Tur­tuk. Ein­ge­kes­selt zwi­schen der Ladakh-Gebirgs­kette und dem Kara­ko­rum lie­gen präch­tig gedei­hende Gerste- und Wei­zen­fel­der, Gemü­se­gär­ten mit Blu­mekohl, Spi­nat, Weiß­kohl und Karot­ten sowie Wal­nuss- und Maul­beer­bäume und Apri­ko­sen­haine. Ihre Früchte sind aus­ge­spro­chen delikat.

Die Fel­der wer­den mit Kanä­len bewäs­sert, die das Glet­scher­was­ser der umge­ben­den Berge durch die laby­rinthar­tig ver­lau­fen­den Gas­sen füh­ren. Anders als im höher gele­ge­nen Ladakh sind hier zwei Ern­ten im Jahr mög­lich. Es gibt sehr viele Kin­der im Dorf und auch die Zahl der alten Men­schen ist außer­ge­wöhn­lich hoch. Die Bewoh­ner des Dor­fes schei­nen ein sehr gesun­des Leben zu füh­ren. Der Buch­wei­zen ist Grund­lage für die Küche der Balti. Ich muß zuge­ben, dass ich mit den extrem meh­li­gen Spei­sen fremdelte.

Tur­tuk ist eine blü­hende Oase und die Idylle umso erstaun­li­cher, wenn man sich die Lage ver­ge­gen­wär­tigt. Das Dorf liegt im Wür­ge­griff von Ber­gen, der Sheyok ist ein rasen­der Strom und die Mili­tär­prä­senz schränkt die Bewe­gungs­fä­hig­keit extrem ein und erin­nert daran, was direkt unter­halb der Ober­flä­che liegt. Es ist schwer abzu­schät­zen, in wie­weit der ein­set­zende Tou­ris­mus das Dorf ver­än­dern wird. Es bleibt zu hof­fen, dass durch die Abge­schie­den­heit nicht zu viele Tou­ris­ten kom­men und die Kul­tur der Balti erhal­ten bleibt.

IMG_7037 IMG_7049 IMG_7052 IMG_7066 IMG_7079 IMG_7094  IMG_7150 IMG_7158 IMG_7163 Auf dem Weg zum ver­las­se­nen bud­dhis­ti­schen Klos­ter, traf ich auf zwei junge Inder. Wir kamen ins Gespräch. Dass ich in Manali gewe­sen war, ließ sie auf­hor­chen. Und sie hat­ten Glück. Ich teilte mit ihnen den klei­nen Rest an Rauch­wa­ren, der mir ver­blie­ben war. Dafür luden sie mich auf Kaf­fee und Ziga­ret­ten ein. Außer­dem reich­ten sie mir zum Kaf­fee ein klei­nes brau­nes Kügel­chen. Als ich begriff, dass es sich dabei um Opium han­delt, hatte sich die Wir­kung bereits in mei­nem Orga­nis­mus aus­ge­brei­tet. Der Sikh brachte sich der­wei­len mit Whis­key in Fahrt, wäh­rend er im klei­nen Fern­se­her die Zere­mo­nie im Tem­pel von Amrit­sar beob­ach­tete. Stun­den­lang wurde aus dem Adi Granth – dem hei­li­gen Buch der Sikhs rezi­tiert. Dass Sikhs der Kon­sum von Alko­hol ver­bo­ten ist, küm­merte ihn wenig. Aller­dings hatte er mein volls­tes Verständnis.

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Gemein­sam mit sei­nen zwei Freun­den musste er zwei Jahre lang in Tur­tuk aus­har­ren, um ihre Eig­nung für das indi­sche Mili­tär unter Beweis zu stel­len. Nur ganz sel­ten konn­ten sie für einige Tage nach Hause rei­sen. Beson­ders im Win­ter musste das eine extrem schwere Prü­fung sein. Noch war es ange­nehm warm und sie ver­trie­ben sich die Zeit mit Cri­cket­spie­len. Meine Fres­bee brachte ein wenig Abwechs­lung ins Programm.

Am Abend war ich der­ma­ßen berauscht, dass ich von Glück sagen kann, dass die bei­den mir ihre Taschen­lampe borg­ten und ich so sicher ins Gast­haus zurück­fand. Ich trug eine dunkle Ver­su­chung in mir: sollte ich ver­su­chen nachts über die Grenze zu schlei­chen? Glück­li­cher­weise wider­stand ich dem teuf­li­schen Gedan­ken. Am Tag zuvor hatte ich mich dumm gestellt und ver­sucht, die Grenze über einen Umweg zu umge­hen – damit hätte mir wohl auch wenig Freunde gemacht. Bis zur 15 Kilo­me­ter ent­fern­ten line of con­trol zu gelan­gen, war ohne­hin uto­pisch. Eine Wild­was­ser­fahrt auf dem Sheyok hätte man wohl keine zwei Minu­ten über­lebt. Den­noch wollte ich unbe­dingt einen Berg bestei­gen, der mir zumin­dest einen Blick auf Paki­stan ermög­lichte. Das ein­zig sicht­bare Zei­chen war eine Fels­na­del, die zum Mas­siv des K2 gehört. Wie gerne wäre ich tie­fer in den Kara­ko­rum vor­ge­sto­ßen. Bis zum Nanga Parbat hätte ich wohl in weni­gen Tagen vor­sto­ßen kön­nen. Allein – es sollte nicht sein. Ohne Berg­stei­ger­aus­rüs­tung blieb mir der Weg auf die Gip­fel der Berge ver­wehrt. Ein tol­ler Blick über Tur­tuk war aller­dings dann doch Lohn mei­ner Auf­stiege über ver­schie­dene Steilhänge:

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Tur­tuk zu ver­las­sen stellte sich als schwie­rig her­aus. Das lag nicht nur daran, dass ich den Ort und Abdul­lah lieb gewon­nen hatte, son­dern auch daran, dass kein Bus zurück fuhr. Mit etwas Glück fand ich aber eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit. Auf dem Rück­weg hatte ich Gele­gen­heit, die Kamele aus der Nähe zu bestau­nen und schließ­lich kehrte ich über den Khar­dung-La zurück nach Leh:

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Cate­go­riesIndien
  1. Patrick says:

    Deine „Depe­sche“ kommt einer Reise gleich – danke fürs mit­neh­men „Orlean­der“ :)
    Schöne und beein­dru­ckende Bil­der, von einem ziem­lich unty­pi­schen Rei­se­ort (wie ich finde).
    Wie kommt’s denn, dass zwi­schen all dem kar­gen Fel­sen im Tal alles so grün wird? Das wirkt wie eine Oase in einer Bergwüste.

    Und noch etwas, dass mir bei dei­nen Bil­dern auch auf­ge­fal­len ist. Wes­halb las­sen Sie in den Ber­gen diese bun­ten Stoff­fet­zen im Wind wehen? Hat das spi­ri­tu­elle Gründe oder mes­sen Sie etwa die Wind­stärke damit? Hmm…

    1. Hallo Patrick!

      Danke für die Blu­men! Die Regio­nen im nord­in­di­schen Hima­laya wären tat­säch­lich voll­stän­dige Wüs­ten, wenn es nicht die Flüsse gäbe, die von Glet­schern gespeist wer­den. Die Dör­fer fin­den sich an Fluss­kreu­zun­gen. Nur dort ist Acker­bau mög­lich; es bleibt ein anstren­gen­des Leben, das der kar­gen Natur abge­trotzt wird. Ich staune jedes Mal, dass sich hier Men­schen ansie­deln konn­ten. Es sind in der Tat Oasen.
      Die bun­ten Stof­fet­zen sind bud­dhis­ti­sche Gebets­fah­nen, die mit Man­tras (Gebets­for­meln) bedruckt sind und die Gebete mit dem Wind in die Welt tra­gen sol­len. Das finde ich einen sehr schö­nen Gedan­ken. Das Dorf Tur­tuk ist zwar voll­stän­dig mus­li­misch, aber das Klos­ter exis­tiert noch aus bud­dhis­ti­scher Zeit.

      Liebe Grüße! Oleander

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