Der Markha-Treck in Ladakh

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Der Markha-Treck in Ladakh

Die wunder­schöne Wanderung durch das Markhatal im indischen Himalaja bietet die Möglichkeit in Homestays zu übernachten. Wenn man sich nicht verläuft…

Sanft streifte der Wind mein Gesicht. Es war heiß in der Bergsonne Ladakhs. Ich saß auf der Dachterrasse meines Gasthauses in Leh. Vor mir lag das Industal und die Bergkette der Stok Range ausge­breitet. Dorthin würde mich mein Weg am nächsten Tag führen. Eigentlich hatte ich den Markha-Treck bereits abgehakt, weil ich ihn als zu touris­tisch einstuft hatte. Erst Julija, die gerade von diesem Treck zurück­kehrt war, überzeugte mich davon, dass es sei immer noch wert sei, diese Wanderung zu unter­nehmen.

Ich beschloss jedoch bereits in Spituk zu starten, während die meisten Touristen von Chilling aus den direkten Weg ins Markhatal wählten. So fand ich mich am nächsten Tag an einer Brücke über den Indus unter­halb des Kloster Spituk wieder und machte mich auf den Weg.

Es begann auf einem glühend heißen Plateau. Kein Schatten. Ein reiner Durchhaltemarathon. Naturgemäß war es war keine gute Idee, mittags zu starten. Kaum hatte ich die frucht­baren Indusufer mit ihren grünen Feldern und Pappeln verlassen, brannte die Mittagssonne unbarm­herzig auf mich nieder. Selbst der Wind fegte heiß über die glühende Ebene. Ich passierte eine Zementfabrik. Nur einzelne Dörfer und kleine grüne Oasen mit Pappeln auf der ANDEREN Flussseite, durch­bra­chen die Monotonie. Daneben stellten große Militärkomplexe einen extremen Kontrast zu der kargen, aber fried­li­chen Landschaft dar.

Kurze Zeit später schlän­gelte sich unter­halb von mir der Indus durch einen zerklüf­teten, langsam dichter werdenden Canyon.  Ich hatte nur eine Flasche Wasser bei mir. Kopfschutz ist was für Warmduscher. Der Rucksack wog mehr, als er wiegen müsste. Unten lockte das Blau des Flusses – unser Lebenselixier – selten erschien mir das bildli­cher.

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Am liebsten wäre ich hinunter gesprungen. Doch ich schleppte mich über die asphal­tierte Straße inmitten einer Steinwüste. Miniatursandstürme zogen über die Ebene.In fünf Stunden fand ich nur einen einzigen Schattenplatz. Eine angebo­tene Mitfahrgelegenheit lehnte ich jedoch ab. Ansonsten begeg­nete mir keine Menschenseele. Mir ging es keines­wegs schlecht. Ich war froh nach einigen (über)entspannten Wochen, wieder unter­wegs zu sein und es stellten sich einige Erinnerungen an meinen ersten und einzigen großen Treck ein, den ich 2010 in Nepal unter­nommen hatte. Zwar war die Landschaft nicht vergleichbar, aber dafür kamen mir vertraute Gedanken in den Sinn. Ich fühlte mich befreit und war sicher, das Richtige zu tun.

Schließlich endete die Asphaltstraße, ging in eine steinige Schotterpiste über und ich erreichte eine einfache Teestube unter freiem Himmel und kurz darauf Zingchan, ein kleines Dorf in einer engen Schlucht.

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Weiter führt die Straße glück­li­cher­weise nicht. Frühere Pläne, eine Straße bis nach Markha zu bauen, hatte man glück­li­cher­weise fallen gelassen. Der Weiler bestand nur aus wenigen Häusern und so fiel die Entscheidung für die Unterkunft nicht schwer. Kurze Zeit später betrat ich das erste Mal ein tradi­tio­nelles Ladakhi-Haus. Über eine Steintreppe erreichte ich die weitläu­fige Küche, die mit glitzernden Töpfen und Krügen geschmückt war. Die Decke wurde von gewal­tigen Holzpfeilern getragen. Über dem offenen Herd wurde Tee gekocht und Speisen zubereitet. Ich machte noch einen kleinen Spaziergang durch das Dorf.

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Der nächste Morgen: Kurz nach Zingchen verengte sich die Schlucht weiter.

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Mehrfach musste ich den Fluss überqueren. Ich kam schwer in die Gänge. Offensichtlich hatte mir die Hitze am gestrigen Tag doch mehr zugesetzt als vermutet, und meine Kondition ließ zu wünschen übrig. Ich legte viele Pausen ein. Auf dem Weg sichtete ich ladakhi urials– eigent­lich eine Ziegenart, die aber stark an Antilopen erinnert. Ich wurde nur auf die Tiere aufmerksam, als einige Steine in die Tiefe stürzten und ich der Tiere gewahr wurde, die auf einem halsbre­che­ri­schen Weg unter­wegs waren. Eine Sekunde dort und ich wäre schon aus purer Angst gestorben.
Nach einigen Stunden erreiche ich ein Teezelt, das die Weggabelung zwischen Rumbak und Yurutse markierte. In allen Zelten auf dem Weg erhält man auch gefil­tertes Wasser gegen ein kleines Entgelt. Dort traf ich Jacob und David, einen Israeli, der von Jacob den Spitznamen Super-Mario verpasst bekommen hatte – dazu später mehr. Wir taten uns zusammen, ohne ein Wort darüber zu verlieren und machten uns auf, um den kleinen Umweg nach Rumbak in Angriff zu nehmen. Ein wirklich wunderbar gelegenes Dorf. Von dort aus stiegen wir nach Yurutse hinauf.

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Yurutse bot ebenfalls einen wunder­baren Blick, bestand aller­dings nur aus einem großen Gasthaus, dessen Zimmer dennoch vollständig belegt waren. Wir konnten uns glück­lich schätzen, in der Küche unter zu kommen. Dort versprach es wenigs­tens relativ warm zu sein.Draußen wiegten grüne Felder im Wind. Im letzten Sonnenlicht leuch­teten die Berge in unwirk­li­chen Farben. In der Küche rezitierte der Hausherr stunden­lang Mantras. Vor ihm saß ein Westler im Lotussitz mit geschlos­senen Augen und lauschte ihm andächtig. Wir saßen glück­lich über unser unserem dal – Reis mit Linsen und Gemüse. Die Nacht war kurz.

Ich wurde wach, als der Hausherr lautstark Mantras murmelnd in aller Herrgottsfrühe seine Milch schlug. In der Nacht hatten mich fiese Bettwanzen attackiert und mein Rücken zeigte einen großflä­chigen Ausschlag. Das Frühstück bestand aus Chapati (eine Art Fladen), einem Omelette und Chai. Der Lunch für unter­wegs war nahezu standar­di­siert auf diesem Treck. Je ein gekochtes Ei und eine Kartoffel, zwei Chapati, ein Mango-Saft und ein Schokoriegel. Nicht gerade magen­fül­lend – speziell bei dieser Art von Anstrengung. Aber irgendwie musste die Maggi-Mafia schließ­lich ihre Produkte abwerfen. Jedes Teezelt hatte den Exportschlager im Angebot.

Wir machten uns wieder auf den Weg. Schnell wurde klar, dass ich Mario und Jacob an diesem Tag nicht folgen konnte. In Zeitlupe quälte ich mich den kernigen Aufstieg zum Pass hinauf. Vor mir kroch eine junge Frau. Immer wieder stoppte sie und stützte sich schwer nach Atem ringend auf ihren Wanderstock. Ich war kaum schneller. Die beiden anderen hatte ich längst aus den Augen verloren. Es war weniger das steile Gelände, als vielmehr die ungewohnt dünne Luft, die den Aufstieg schwierig machten.

Viel später stand ich endlich auf dem Pass und unter­hielt mich kurz mit der Baskin, die seit Jahren in Bombay arbei­tete und ihrem ausge­spro­chen sympa­thi­schen Führer. Wir befanden uns nun auf knapp 5000 Metern und vor allem der Blick zurück war ausge­spro­chen imposant.

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Nun folgte ein langer Abstieg. Irgendwann erreichten wir ein Teezelt und ich ließ mich dort für einige Zeit nieder. Am Fluss rasierte sich ein Wanderer – das wäre wohl das letzte, was ich auf einem Treck machen würde. Die Ansprüche sind eben verschieden.

Ich erfuhr, dass Mario und Jacob erst eine viertel Stunde vor meiner Ankunft wieder aufge­bro­chen waren. Ich hatte vermutet, noch viel weiter hinterher zu hinken. Allerdings hatte ich längst entschieden, nicht bis nach Skyu durch­zu­laufen, sondern im nächsten Weiler zu übernachten. Ich gönnte mir zwei Tassen Tee und eine Maggi-Suppe – geradezu unheim­lich, dass meggi zu einem festste­henden Ausdruck geworden ist und überall in Ladakh verstanden wird.

Nach Shingo war es nicht mehr allzu weit. Der Ort bestand aus drei „Gehöften“. Zwei davon waren Homestays. Ich entschied mich für das höher gelegene mit dem wunder­baren Garten.

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Ich wurde von einer bildhüb­schen Ladakhi empfangen, die hier mit ihrem Sohn lebte. Das Geld, das sie verdiente, finan­zierte die Schuldbildung ihres älteren Sohnes. Ihr Mann hatte Arbeit als Führer gefunden.

Am nächsten Morgen lief ich zunächst durch ein majes­tä­ti­sches Tal. Ich beschloss mir den Anblick mit einer Sportzigarette zu versüßen. Normalerweise rächt sich das. Doch als ich Skyu erreichte, und fortan im eigent­li­chen Markha-Tal unter­wegs war, entpuppte sich der Weg nach den bishe­rigen Anstrengungen als dermaßen leicht, dass ich federnden Schrittes stunden­lang immer weiter lief. Für eine Weile schlossen sich mir zwei Schweizerinnen, ein Deutscher und eine Französin an. Sie waren auf dem Weg zum StokKangri – ein Sechstausender, der für Expeditionen ausge­spro­chen beliebt ist – in der Hauptsaison enstpre­chend überlaufen.

Ein Gewitter zog auf. Nach den ersten Donnerschlägen und Blitzen, setzte starker Regen ein. Ich quälte mich noch bis Sara durch den Regen und fand dort Unterschlupf. Kurze Zeit später regnete es wie aus Kübeln. Der Familienvater stieg auf das Dach und begann, es notdürftig zu reparieren. Nachdem man meine Hilfe abgelehnt hatte, zog es mich zum Feuer und ich saß dort einige Stunden und sorgte dafür, dass es ausrei­chend Nahrung erhielt. Im Zimmer hatte ich Gesellschaft in Form von drei Briten, mit denen ich nichts weiter gemein hatte als den gleichen Heimatkontinent. Obwohl sie deutlich älter waren, erinnerten sie mich an Pubertierende im ersten Zeltlager. Es regnete die ganze Nacht durch.

In den Morgenstunden hatte es endgültig aufge­hört zu regnen. Und so setzte ich meinen Weg fort. Bei einer Flussquerung, die nach den schweren Regenfällen nur über einen Baumstamm möglich war, traf ich auf eine Gruppe von Israelis und einer Niederländerin. Ich schloss ich mich ihnen an. Es war angenehm, wieder einmal die unglaub­li­chen Panoramen mit anderen Menschen zu teilen und die Gruppe war mir ausge­spro­chen sympa­thisch. Nach einiger Zeit mussten wir den Markhafluss überqueren. Nach dem Regen war er stark angeschwollen. Wir fanden einen Abschnitt, an der wir den Fluss durch­queren konnten. Das ging zunächst gut. Doch als Josien und Shakhed durch den Fluss wateten, geschah es: die beiden liefen Hand in Hand durch den Strom. Das war keine gute Idee, da plötz­lich eine der beiden ins Straucheln kam und beide mitsamt ihren Rucksäcken in den Fluss gezogen und mitge­rissen wurden. Das war ein Schockmoment. Nach der ersten Erstarrung, handelte ich, rannte in Stück den Fluss hinab und es gelang mir, eine Hand zu greifen. Gal kam mir zu Hilfe und gemeinsam gelang es uns, die beiden aus dem Fluss zu ziehen. Josien hatte sich an einem spitzen Stein am Knie verletzt und der Rucksack von Shakhed war ziemlich nass geworden. Der Schock saß tief. Nach einer Verschnaufpause, setzten wir unseren Weg fort und stoppten am nächsten Gasthaus, um Tee zu trinken. Die beiden wechselten ihre Kleider. Nun konnten wir schon wieder lachen.

Wir passierten Markha, den größten Ort im gleich­na­migen Tal.

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Kurze Zeit später sahen wir eine imposante Felsnadel aus der Felslandschaft aufragen.

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Danach erreichten wir die Techa Gompa (Kloster). Über einen steilen Weg konnte man hinauf gelangen und von dort aus einen imposanten Blick über das Tal genießen. Das Kloster selbst jedoch blieb uns an diesem Tag verschlossen.

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In Hangkar fanden wir mit etwas Mühe einen Schlafplatz. Zu sechst teilten wir ein Zimmer – oder vielmehr ein Matratzenlager. Zu meiner großen Freude traf ich Jacob wieder. Was er über Super-Mario erzählte, stützte die weise Wahl seines Spitznamen. David stammte aus einer Wüstengegend Israels und als es zu regnen begonnen hatte, war er ausge­spro­chen überrascht. In Ladakh sind solch heftigen Regengüsse selten. Nachdem es am nächsten Morgen noch immer nicht aufge­hört hatte zu regnen, meinte er: „i am not walking. It doesn›t rain in the desert.“Und dabei blieb er auch und verbrachte den ganzen Tag in Markha. Um das wieder wett zu machen, beschloss er am nächsten Tag von Markha über Hangkar, Niamling und den folgenden Pass zu laufen. Das schaffte er auch, wie ich später hörte. Eine beacht­liche Leistung.

Die Markha News hatten die Neuigkeiten bereits per Mund-zu-Mund-Propaganda an uns vorbei geschmug­gelt und jeder schien bereits von dem Missgeschick zu wissen. Josien und Shakhed waren fortan die beiden, die in den Fluss gefallen waren und bisweilen hörte ich die Geschichte und konnte dann nur anmerken, dass ich sie gut kannte, da ich die sie aus dem Fluss gezogen hatte. Das Abendessen bestand aus einer Art Pasta und war köstlich. Eine willkom­mene Abwechslung.

Am folgenden Tag sollte unser Weg zum Highlight des Trecks führen – der Niamling-Ebene und einer Reihe von Sechstausendern.

Der höher gelegene Teil von Hangkar war wunder­schön und auf einem Felsen thronte eine der Trutzburgen, die an Zeiten erinnerte, als Kriege um diese Region geführt wurden.

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Wir kamen zurück zum Fluss und überquerten ihn kurzer­hand über eine ausge­spro­chen schiefe Brücke.

Kurze Zeit später trafen wir auf ein älteres Pärchen. Der Mann mit dem schloh­weißen Bart erzählte mir, wie wenige Leute diese Route wählten. Ich war erstaunt, aber es machte nicht Klick. Auch dann nicht, als er mir einen Geheimtipp nannte – ein Kloster, wo sie eine einfache Mahlzeit erhalten hatten. Es bestä­tigte mich eher – das konnte nur der richtige Weg sein, wenn wir hier auf andere Wanderer trafen. Ich war noch nicht ganz wach.

Mit der Zeit kamen mir dann aber unabhängig davon Zweifel, Itzik war aber vollständig überzeugt auf dem richtigen Weg unter­wegs zu sein. Ich fragte mich, wann es endlich richtig bergauf gehen würde. Um das heraus­zu­finden, ging ich weit voran. Schließlich sah ich den Kangyatse auf der falschen Seite aufragen. Ein Abzweig führte in diese Richtung. Wir gingen dennoch noch ein bisschen weiter – das konnte kaum wahr sein. Kurz vor einem kleinen Zeltlager, an dem wir uns über den Weg erkun­digen wollten, trafen wir einen Franzosen. Dessen Guide bestä­tigte unsere aufkei­menden Befürchtungen – wir hatten uns auf den falschen Weg begeben; wir befanden uns im Langtang-Tal.

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Auf dieser Route würde drei Tage lang kein Dorf folgen – ausge­spro­chen ungünstig ohne ausrei­chende Verpflegung und Zelt. Der Abzweig, den ich zuvor gesehen hatte, führte zwar tatsäch­lich über das Basislager des Kangyatse nach Niamling – doch der Guide versi­cherte uns glaub­haft, es sei zu spät, um diesen Weg zu gehen, weil wir unwei­ger­lich in die Dunkelheit kommen würde. Er riet uns, den gleichen Weg nach Hangkar zurück­zu­gehen und dann im ersten Zeltlager auf dem richtigen Weg nach Niamling zu übernachten. Unsere Begeisterung könnt Ihr Euch sicher vorstellen. Aber was blieb uns anderes übrig?

Also machten wir uns daran, erneut all die Flussquerungen in Angriff zu nehmen, die hinter uns lagen. Wir wussten, dass wir uns nun beeilen mussten. Wir hatten eine große Strecke zurück­ge­legt. Doch nun war es nicht mehr der gleiche Fluss, der bislang unser Begleiter gewesen war. Durch das Schmelzwasser der Gletscher schwoll er immer weiter an. Und so wurde es zuneh­mend schwie­riger, den Fluss zu queren. Zwar existierten stellen­weise Pfade über Steilstücke, so dass sich eine Querung theore­tisch vermeiden ließ – praktisch waren diese Wege so stark erodiert, dass es Wahnsinn war, sie zu begehen. Langsam setzte die Dämmerung ein. Nun erreichten wir einen Abschnitt, der ohne Seil kaum noch zu überqueren war. Wir verbrachten fast eine Stunde damit, auszu­loten, wo der Fluss vielleicht doch Möglichkeiten bot, um auf die andere Seite zu gelangen. Als wir schon fast aufge­geben hatten, wagte ich es doch noch – und es gelang. Nun lag es an den anderen. Einer nach dem anderen folgte mir durch die reißende Strömung – drei von fünf mussten wir aus dem Fluss ziehen, bevor sie mitge­rissen wurden. Wir hatten eine Menschenkette gebildet. Nun schien es geschafft. Das musste die letzte Querung vor Hangkar gewesen sein.

Doch weit gefehlt: schon nach wenigen Minuten wussten wir, dass es noch einer weiteren Überquerung bedurfte, um eine Unterkunft zu errei­chen – dieselbe die wir am Morgen verlassen hatten. Wieder verbrachten wir über eine Stunde dort, um die Lage auszu­loten. Gal testete mit seinen Teleskopstangen die Tiefe an verschie­denen Stellen. Itzik und ich suchten den ganzen Flussabschnitt ab – doch schließ­lich mussten wir anerkennen, dass dies endgültig zu gefähr­lich war – schon das letzte Mal hatten wir nur mit Glück überstanden. Wir waren zu sechst – es war einfach zu wahrschein­lich, dass es mindes­tens einen von uns erwischen würde – falls es überhaupt möglich war. Da standen wir also. Es würde gleich dunkel werden. Wir hatten kein Zelt. Nun hieß es, sich auf eine bitter­kalte Nacht einzu­stellen.

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Der Gipfel der Frechheit erschien uns ein Duo, das voll ausge­stattet auf der anderen Seite des Flusses campierte. In Schlagdistanz – und doch unerreichbar. Glücklicherweise hatte jeder ein wenig Essen dabei, so dass wir nicht hungern mussten. Ich habe mich selten so über ein paar Cracker, Käse, Nüsse und eine Dose Thunfisch gefreut.Am Ende unseres impro­vi­sierten Mahls waren wir alle satt. Noch besser war, dass keiner in Panik geriet, auch wenn sicher jede seine Bedenken ob der Kälte in sich trug. Itzik und ich verbrei­teten betont gute Laune. Zwei Joints halfen ebenfalls, um die Gedanken in die richtige Richtung zu lenken. Immerhin waren drei von uns gerade vom israe­li­schen Militärdienst zurück­ge­kehrt. Wir fragten uns, was wohl Jacob denken musste, nachdem wir nicht in Niamling auftau­chen würden.

Der Sonnenuntergang war drama­tisch. Nun hieß es durch­halten. Wir zogen alle verfüg­baren Kleider, Schals und Decken über uns. Glücklicherweise hatten wir alle einen Schlafsack dabei – außer Gal; der Arme fror die ganze Nacht erbärm­lich. Allerdings hatten wir keine Isolationsschicht, um uns gegen den eisigen Boden zu schützen. Das würde das Hauptproblem sein. Zunächst schien es durchaus erträg­lich zu sein, doch schnell kroch die eisige Kälte durch alle Kleiderschichten und es wurde unerträg­lich. Die ganze Nacht wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Die Kälte lähmte alle Gedanken. Man denkt nur noch daran, zu überleben. Durch den Vollmond war es immerhin einiger­maßen hell und immer wieder vertrieb ich kurz aufkom­mende miese Gedanken durch einen Blick auf die majes­tä­ti­sche Kulisse und Gedanken über die Absurdität unserer Situation – sich auf diesem verhält­nis­mäßig leichten Treck verlaufen zu haben und nun draußen zu campieren, was mir jedes Mal ein dümmli­ches Grinsen aufs Gesicht zauberte. Und irgend­wann ist auch die längste Nacht zu Ende. Zweifelsohne war es die Kälteste.

Wir waren alle erleich­tert, als es hell wurde und der Fluss wieder leicht quer bar war. Es stellte dennoch eine gewisse Herausforderung dar, völlig durch gefroren durch den eisigen Fluss zu waten. Nur schreiend, ließ sich das ertragen. Nachdem wir wieder die verma­le­deite Brücke überquert hatten, sahen wir den Wegweiser, der in die richtige Richtung wies, sich aber sinni­ger­weise erst hinter der Brücke befand. Ein wenig peinlich war aller­dings, dass vor diesem Abzweig in meinem Buch gewarnt wurde – ich hatte aber beschlossen, nicht mehr ständig in das Buch zu schauen und als wir die schiefe Brücke gesehen hatten, war uns nur die Frage gekommen, wie man sie wohl am besten überqueren konnte. Es war auch Niemand in der Nähe, den wir in diesem Moment hätten fragen können. In jedem Fall ein Fehler, der gefähr­lich werden kann, immer wieder passiert und schon Wanderern zum Verhängnis geworden ist. Wir hatten nur gefroren und dafür gesorgt, dass uns nicht langweilig wurde…

Die anderen fünf kehrten für ein Frühstück in das Homestay des vorigen Tages nach Hangkar zurück. Sie wurden von einer kopfschüt­telnden Wirtin begrüßt: „no dinner? No rice? No blanket? No Tent? No chapatti?” Ich hatte beschlossen, gleich weiter zu gehen, um nicht in die Versuchung zu kommen, unmit­telbar ein Bett aufzu­su­chen.

Es dauerte länger als erwartet, um das nächste Zeltlager zu errei­chen. Ich hatte nichts gefrüh­stückt. So war ich froh, die Ansammlung von Zelten zu errei­chen und eine Nudelsuppe und Tee zu mir zu nehmen. Ich kam sogar in den Genuss von etwas Müsli. Ich verweilte einige Zeit und wusch mich notdürftig. Über das Tal hinweg schwebten Lammergeier und Goldadler mit ihren gewal­tigen Schwingen. Als ich mich gewärmt hatte und endgültig wach war,setzte ich meinen Weg fort und es wurde nun steiler. Allerdings hatte ich mir den Anstieg nach Niamling schwerer vorge­stellt. Nun war ich wesent­lich besser akkli­ma­ti­siert. Die Panoramen, die sich von dem Höhenweg boten waren berau­schend.

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Nach einiger Zeit erreichte ich einen kleinen Gletschersee, hinter dem sich der Kangyatse diesmal von der richtigen Seite abzeich­nete.

Seine Reflektion auf dem kristall­klaren See ist sehens­wert.

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Der Weg zog sich nun doch. Als ich die Ebene von Niamling erreichte, war ich zunächst ein wenig enttäuscht. Einzig die ungewöhn­li­chen Farben und der Anblick auf die Spitze des Kangyatse setzten Akzente in der Landschaft. Das einzige Zeltlager war verhält­nis­mäßig teuer (12,50 Euro). Kurze Zeit später erreichten auch die anderen die Ebene. Ich machte mich noch einmal auf, um mich in Richtung Basislager des Kangyatse zu laufen. Nach einem anspruchs­vollen Steilstück, wurde es deutlich flacher. Allerdings wurde es langsam richtig kalt. Ich suchte mir einen schönen Felsen – etwa zwei Drittel zum Basislager hatte ich hinter mich gebracht. Damit war ich zufrieden. Ich rauchte eine Sportzigarette im Angesicht des imposanten Panoramas.

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Auf dem Weg nach unten passierte ich eine große Schafherde und betrach­tete einige Pferde, die wunderbar in diese Kulisse passten.

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Während des Sonnenuntergangs zog eine große Schaf- und Ziegenherde über die Brücke des Flusses.

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Der Schlaf war hoch willkommen. Nach der eisigen Nacht zuvor, reichte mir nun eine Decke und ich fühlte mich mollig warm.

Als ich mich in den Morgenstunden mühsam aus meinem Zelt schälte, waren bereits alle anderen zum Aufbruch bereit oder schon gestartet. Nachdem ich mir die kargen Reste des Frühstücks einver­leibt hatte, folgte ich ihnen. Das erste Steilstück erwies sich als ausge­spro­chen anspruchs­voll und es kostete einige Zeit, Schweiß und Anstrengung, um nach oben zu gelangen. Der Blick war inter­es­sant, aller­dings war es zu bewölkt, um die ganze Gruppe der verschie­denen Kangyatse-Gipfel zu erkennen.

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Außerdem war es schön mit der Gruppe hier oben zu stehen, mit denen ich inzwi­schen einiges erlebt hatte. Das schweißte zusammen:

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Bergab war ich nie der Schnellste – mein Knie reagiert auf steile Abstiege aller­gisch und so wäre ich lieber bergauf gegangen. Endlose Serpentinen führten hinab. Auf der extrem steilen rechten Bergflanke, erblickte ich eine Gruppe blue sheep – Wildschafe, die an junge Gazellen erinnern. Zu ihrem Unglück sind sie die bevor­zugte Beute des Schneeleoparden, von denen noch immer einige Examplare in Ladakh finden. Es macht also Sinn, sich in die Berge zurück zu ziehen. Hier waren sie jedoch recht sicher.

Im Gegensatz zu den anderen, wollte ich nicht den ganzen Weg bis nach Shang Sumdo durch­laufen, sondern eine letzte Nacht in Chogdo verbringen würde. Es war ein einla­dender Ort.

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Ich fand eine schöne Unterkunft, setzte mich in den Garten, genoss die inten­sive Nachmittagssonne. Ich betrach­tete die Bergwelt, die mir schon so vertraut zu sein schien. Ich wollte die Berge am liebsten gar nicht mehr verlassen.

Beim Abendessen, das wie fast immer aus Dal bestand unter­hielt ich mich mit den zwei anderen Gästen über unsere Wanderung. Der Hausherr saß auf dem Teppich und sandte mit den Drehungen seiner Gebetsmühle seine Wünsche in den Äther. Ich fühlte Frieden im Herzen. Ich wollte nirgendwo anders sein. So schnell würde ich den Himalaja nicht verlassen.


Kommentare

  1. Avatar von Aylin

    Was für ein Abenteuer und herrliche Bilder! Diese Berge könnten glatt mein neuer Sehnsuchtsort werden 🙂

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Danke Aylin! Du hast ja gerade selbst erleben dürfen, welche Kraft diese unglaub­li­chen Bergwelten entfalten. Ich hoffe, ich schaffe es irgend­wann wieder dorthin. Der Himalaya hat mich und meine Reisen doch ganz erheb­lich geprägt. Liebe Grüße! Oleander

  2. Avatar von Tabitha

    Ein echter Abenteuerbericht…Um die durch­fro­rene Nacht beneide ich Dich nicht wirklich, wohl aber um das Erlebnis in dieser gewal­tigen Landschaft unter­wegs zu sein. Die Bilder geben einen tollen Eindruck wieder.

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Danke schön, Tabitha! Diese Nacht hätte Dir wohl tatsäch­lich keinen Spaß gemacht 😉 Andererseits hat erst diese Erfahrung die Wanderung für mich zu einem richtigen Abenteuer gemacht. Ich bin dieser Landschaft total verfallen. Früher dachte ich immer ich würde nur das Meer derart lieben. Heute könnte ich mir keine Reise ohne Berge mehr vorstellen. Liebe Grüße! Oleander

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