Vor mir steht ein Mönch mit weit aufgerissenem Mund und streckt mir seine Zunge entgegen. Ich blinzle wie ein benommenes Yak in die blendende Sonne und schwanke zwischen empörtem Entsetzen und Verwunderung. „Zeig ihm deine Zunge!“, die sanft fordernde Stimme meines Guides Tsenam reißt mich aus meinen verwirrten Gedanken und nach kurzem Zögern schiebe ich meine staubtrockene Zunge brav dem Tageslicht entgegen. Mit einem flüchtigen Nicken trollt sich der Mönch seiner Wege und ich stehe mit heraushängender Zunge auf 4000 Meter Höhe vor einem Kloster in der Nähe von Lhasa.
Willkommen auf tibetisch.
Es ist meine erste Woche in Tibet und ich habe alle üblichen Verdächtigen der Reiseliteratur gelesen, aber kein Lonely Planet oder Stefan Loose hat mich auf diese Begegnung vorbereitet. „In den ländlicheren Gegenden ist es üblich, Fremden zur Begrüßung seine Zunge entgegenzustrecken. Damit zeigst du, dass du nicht von bösen Geistern besessen bist.“ Die Stimme dringt wie durch eine Glocke an mein Ohr. Meine Wangen brennen, das Blut rauscht mir in den Ohren und selbst durch meine Jeans hindurch kann ich einen deutlichen Puls in meinem Oberschenkel erkennen. „Wie wäre es mit einem Tee?“ Tsenam stellt diese Frage so beiläufig als hätten wir gerade eine Couchgarnitur zusammen gekauft. Ich versuche zustimmend zu Nicken aber meine angewidert zuckenden Mundwinkel müssen mich wohl verraten haben. „Keine Angst, den Buttertee heben wir uns für später auf.“ Mit diesen Worten verschwindet er hinter einem flatternden Vorhang.
Während ich noch skeptisch an meinem Becher mit einer klumpigen Mischung aus heißem Wasser und Milchpulver nippe, beginnt Tsenam zu erzählen. Aber diesmal geht es nicht um Buddhismus oder den großen König Songtsen Gampo wie all die Tage zuvor. Er spricht mit ruhiger Stimme von seiner Familie, seiner Flucht nach Indien, den Selbstverbrennungen im Land und der Verzweiflung der Tibeter über die chinesische Herrschaft. Frustriert über die eigene Machtlosigkeit hat sich in den letzten Jahren eine neue Form des Protestes entwickelt. Am 27. Februar 2009 steckte sich der 25-jährige Tenpe als erster Mönch selbst in Brand, um gegen die kommunistische Regierung zu demonstrieren. Seit jenem Februartag fanden über 120 Selbstverbrennungen in Tibet statt.
In der Zeit vor meiner Abreise konnte man beinahe jede Woche neue Meldungen über weitere Selbstverbrennungen lesen und mein Einreise-Antrag hing in den chinesischen Bürokratiemühlen fest. Ich packte meinen letzten Hoffnungsschimmer in den Rucksack, schluckte die Tabletten gegen die Höhenkrankheit und flog nach Chengdu, wo ich fünf Stunden vor meinem Weiterflug tatsächlich mein „offizielles“ Gruppen-Permit in den Händen hielt. Das vierseitige Dokument kam direkt aus Lhasa und machte sich wenige Stunden später in meinen zittrigen Händen wieder zurück auf den Weg, von wo es her gekommen war.
„Where is your group?”
Als ich in Lhasa aus dem Flugzeug steige und den ersten vorsichtigen Atemzug nehme, ist die Welt für mich in totaler Harmonie. Ich bin wahrhaftig und tatsächlich in Tibet und selbst wenn sie mich direkt wieder zurückschicken, habe ich es bis hierher geschafft. Meine Euphorie hält ganze zehn Meter bis zum Gepäckband, wo ich noch vor meinem Rucksack auf Militärs treffe und das erste Mal die Frage höre, die mich die nächsten Tage begleiten sollte: „Where is your group?“ Die Namen meiner imaginären Gruppe aus Niklas, Brigitte, Dieter Josef und Klaus habe ich noch im Flugzeug auswendig gelernt und fortan erzähle ich immer wieder die traurige Geschichte von den krank gewordenen Mitreisenden, die erst in den kommenden Tagen nachkommen können. Die Anspannung im Land hängt in der Luft wie der alles durchdringende Weihrauchduft. Polizei- und Passkontrollen sind an der Tagesordnung und wenn ich nicht mit meinem Guide unterwegs bin, werde ich permanent kontrolliert.
Der erste Anblick des rot leuchtenden Potala Palastes vor stahlblauen Himalaya Himmel raubt mir den ohnehin schon knappen Atem. Nach sechs Tagen Akklimatisierung schaffe ich zwar den morgendlichen Frühstücks-Aufstieg zur Dachterrasse meines Hotels ohne Zusammenbruch aber der Weg zum Potala Palast ist wahrlich atemberaubend. Als ich die heiligen Hallen nach einer gefühlten Everest-Besteigung endlich röchelnd und keuchend erreiche, drängt mich Tsenam erbarmungslos weiter. Ein striktes 60 Minuten Zeit Ultimatum ist die Bedingung für den Einlass zu den 999 Räumen auf 13 Stockwerken! Tsenam zieht mich unermüdlich von einem Raum zum Nächsten bis er im Angesicht der Grabstätte des fünften Dalai Lama seine Stirn senkt und verharrt. Während ich noch mit einer dichten Weihrauchwolke kämpfe, legt mir ein vorbeihuschender Mönch wortlos eine Khata, den traditionellen weißen Begrüßungsschal, um den Hals.
„Wie schnell kannst du rennen?“
Tsenams Frage nach meinen läuferischen Fähigkeiten reißt mich aus meinen weihrauchgeschwängerten Gedanken. „Wir haben noch zwei Minuten, um das Tor zu erreichen“. Ich will gerade anmerken, dass man steile Holzleitern nicht runter rennen kann, da ist er auch schon in der Tiefe verschwunden. Mit wackligen Beinen taste ich mich hinterher und in der Ferne sehe ich Tsenam neben einem grimmig schauenden Militär in meine Richtung zeigen. Mein nächster Tritt geht ins Leere und ich segle unsanft abwärts, bis ich mit schmerzendem Hinterteil unter den finsteren Blicken des Sicherheitsmannes zum Sitzen komme. Während ich noch überlege, wie sich ein Steißbeinbruch eigentlich anfühlt, verschwindet mein Pass mit einer militärischen Drehung in einem Überwachungshäuschen. Zehn Minuten später wird Tsenam mit dem eleganten Schwung eines Maschinengewehrs zum Verhör beordert und verschwindet ebenfalls hinter der Tür mit dem verblichenen Aufkleber der chinesischen Flagge. Weitere zwanzig Minuten später habe ich den Gedanken an eine Flucht gerade ernsthaft in Erwägung gezogen, als mir eine Delegation von sechs Sicherheitsmännern unmissverständlich den Weg zum Ausgang weist. Als ich Richtung Tor humple, wage ich nicht mich umzudrehen und umklammere meinen Pass und Tsenams Hand so fest, dass es wehtut. „Die Zeit ist reif für deinen ersten Buttertee.“
Den letzten Abend verbringe ich, wie jeden vorherigen, auf dem Pilgerpfad vor dem Jokhang Tempel. Ich liebe diesen Moment des Tages, wenn das Licht die Gebetsfahnen leuchten lässt und ein Geräuschteppich aus kreisenden Gebetsmühlen alles andere schluckt. Pilger ziehen leise betend vorbei, werfen sich voller Inbrunst der Länge nach auf den Boden und umrunden so den Tempel. Der heilige Monat Saga Dawa hat gerade begonnen und unzählige Pilgerscharen strömen aus allen Teilen des Landes nach Lhasa. Die verbotene Stadt hüllt sich in einen friedlichen Weihrauchschleier.
Zwei Tage später erreichen die Selbstverbrennungen das erste Mal die heilige Stadt Lhasa. Die beiden jungen Mönche Tobgyel Tsheten und Dargye übergießen sich vor dem Jokhang Tempel mit Benzin und stecken sich inmitten hunderter Pilger in Brand.
Als ich davon erfahre, sitze ich in einem chinesischen Verhörraum am Flughafen und muss mit ansehen, wie die letzten Bilder aus Lhasa von meiner Kamera gelöscht werden.











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