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Schiras: Erzählungen von Wein, Poesie und persischen Gärten

Mit unse­rem Gast­ge­ber Ash­kan, dem jun­gen Mann aus der Noma­den­fa­mi­lie, erkun­den wir Schi­ras, die Stadt der schö­nen Künste. Etwa 700 Kilo­me­ter von Tehe­ran ent­fernt, gehört sie zu den fünf größ­ten Städ­ten des Lan­des. Zwi­schen den Gebirgs­zü­gen des süd­li­chen Zagros­ge­bir­ges gele­gen, gilt Schi­ras seit Jahr­hun­der­ten als kul­tu­rel­les Zen­trum, als Stadt der fei­nen Künste und der Schön­heit. Tönerne Schrift­ta­feln bele­gen, dass hier, auf 1.500 Höhen­me­tern, bereits 2.000 Jahre vor unse­rer Zeit ein städ­ti­scher Sied­lungs­raum erschlos­sen war. In spä­te­ren Jahr­hun­der­ten regier­ten zwei ein­fluss­rei­che altper­si­sche Königs­fa­mi­lien aus Schi­ras, die Achä­men­i­den und die Sas­sa­ni­den, weite Teile des Per­si­schen Rei­ches. Im 11. Jahr­hun­dert, so heißt es, sei Schi­ras eine der wich­tigs­ten isla­mi­schen Städte gewe­sen. Gleich­be­deu­tend mit Bag­dad ent­wi­ckelte sich die Stadt in der Fol­ge­zeit zu einem Zen­trum der Kunst.

Unter Karim Khan, der 1750 die kurz­le­bige Zand-Dynas­tie begrün­dete, stieg Schi­ras im 18. Jahr­hun­dert sogar zur Haupt­stadt Per­si­ens auf. Im Zuge der ste­tig wach­sen­den Bedeu­tung ließ der Regent eine Fes­tung errich­ten, die nun als Arg‑e Karim Khan bekannt ist. Die gewal­ti­gen Zie­gel­mau­ern waren einst Teil des roya­len Herr­schafts­sit­zes. Runde, 14 Meter hohe Wach­türme, die reich mit Orna­men­ten ver­ziert sind, ver­lei­hen der Fes­tung gewal­tige Aus­maße. Heute domi­niert sie das Stadt­zen­trum als eines von vie­len Wahr­zei­chen der Stadt.

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Über dem Ein­gang prangt ein Flie­sen­bild, das Rus­tam, den per­si­schen Her­ku­les, im Kampf mit einem Dämon zeigt. Als Held der per­si­schen Mytho­lo­gie ist Rus­tam nicht nur stark wie ein Bär, son­dern auch mutig wie ein Löwe und lis­tig wie ein Fuchs. Seine Taten sind episch und natür­lich besiegt er auf dem Bild den Dämon, der sich erdreis­tete, den ira­ni­schen König gefan­gen zu nehmen.

Von außen wirkt die Fes­tung klo­big, mas­siv. Hin­ter den robus­ten Mau­ern herrscht dage­gen eine behag­li­che Atmo­sphäre. Den Ein­gangs­be­reich durch­flu­tet gedämm­tes Licht, das durch bun­tes Fens­ter­glas in das Innere der Fes­tung fällt. Wie in einem Kalei­do­skop fügen sich die ver­schie­den Glas­stü­cke zusam­men, for­men geo­me­tri­sche Figu­ren. Dar­über wöl­ben sich Mau­er­bö­gen, die dort wo der Stuck im Laufe der Zeit nicht abge­brö­ckelt ist, noch immer ihre Ori­gi­nal­far­ben tra­gen. Auf gol­de­nem Unter­grund ran­ken Blü­ten und Blät­ter die Wände empor.

Dahin­ter öff­net sich ein wei­ter Innen­hof, der von einem brei­ten Was­ser­gra­ben durch­quert wird. Er teilt eine kleine Oran­gen­baum­plan­tage. An den höher­ge­le­ge­nen Ästen – dort wo nie­mand mehr hin­grei­fen kann – wach­sen präch­tige Früchte. Die eins­ti­gen Gemä­cher der Königs­fa­mi­lie, die sich um den Innen­hof herum befin­den, sind ver­schlos­sen. Allein das ver­win­kelte Hamam, das Bade­haus, im hin­te­ren Teil der Fes­tung steht offen. Hier, wo einst Herr­scher nackt im war­men Was­ser saßen und hei­ßer Dampf adlige Poren öff­nete, fin­den wir Schutz vor den letz­ten Regen­trop­fen. Auch im Bade­haus sind die Wände mit herr­li­chen Mus­tern ver­se­hen. Pflan­zen­re­li­efs und Tier­zeich­nun­gen in dunk­ler Farbe auf hel­lem Unter­grund schmü­cken das Mauerwerk.

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Als wir die Fes­tung ver­las­sen, bricht end­lich die Sonne durch die graue Wol­ken­de­cke. Doch die vom Regen nasse Stadt bleibt kühl. Nicht weit ent­fernt streu­nen zwie­lich­tige Gestal­ten ruhe­los auf dem Vor­platz der Fes­tung umher. Es sind Tage­löh­ner, Klein­kri­mi­nelle und Dro­gen­dea­ler. Mit in den Hosen­ta­schen ver­sun­ke­nen Hän­den und mür­ri­schem Blick, war­ten sie auf Gele­gen­hei­ten, den einen oder ande­ren Rial zu ver­die­nen. Kein Ort, an dem wir uns frei­wil­lig auf­hal­ten soll­ten und schnell führt uns Ash­kan an der Menge vor­bei und hin­ein in die Altstadt.

In unmit­tel­ba­rer Nähe der Fes­tung Arg‑e Karim Khan befin­det sich das alte Basar­vier­tel der Stadt. Hier rei­hen sich gleich meh­rere Märkte aus ver­schie­de­nen Epo­chen anein­an­der. Der größte und berühm­teste von ihnen ist der Vakil Basar. Im Auf­trag des Herr­schers Karim Khan errich­tet, sollte er Schi­ras zu neuem Glanz ver­hel­fen. Die Stadt sollte eine lange Tra­di­tion bedeu­ten­der per­si­scher Haupt­städte fort­set­zen. Das präch­tige Isfa­han, in dem ein Jahr­hun­dert zuvor die Safa­wi­den unter Schah Abbas I herrsch­ten, galt als Vorbild.

Wie alle per­si­schen Märkte ist auch der Vakil Basar ein über­dach­tes Schmuck­stück tra­di­ti­ons­rei­cher Archi­tek­tur. Breite Gänge zie­hen durch das 800 Meter lange Gebäude. Kup­peln und Gewölbe wer­den von Zie­gel­bö­gen gestützt. Kara­wan­se­reien, in denen Händ­ler und Rei­sende einst über­nach­ten und ihre Last­tiere abstel­len konn­ten, gehö­ren eben­falls dazu. Etwa 200 Geschäfte rei­hen sich in den Nischen der Gänge und Innen­höfe des Mark­tes anein­an­der. Leder­wa­ren, Mes­sing­töpfe, Kera­mik, Tisch­läu­fer und Süßig­kei­ten quel­len hin­aus in die Gänge. Hier wer­den Tep­pi­che, Klei­dung und Kunst­hand­werk ange­bo­ten. Dar­über hin­aus ist der Vakil Basar Schi­ras‚ größ­ter Han­dels­platz für Gewürze und Antiquitäten.

Vakil Basar, Schiras, Iran

Vakil Basar, Schiras, Iran

Wir schlen­dern ohne Eile unter den Kup­peln des Mark­tes umher und betrach­ten die ver­schie­de­nen Aus­la­gen, die fein gestick­ten Tisch­läu­fer, die Hand­ta­schen mit den Blu­men­mus­tern, die Schals und hand­be­druck­ten Ober­teile. Glit­zernde und far­ben­fro­hen Stoffe, die von den Qashqa‚i und ande­ren Noma­den­stäm­men in Hand­ar­beit pro­du­ziert wer­den, fin­den hier ihren Absatz­markt. In man­chen Läden sta­peln sich Kis­ten mit ira­ni­schen Süßig­kei­ten, Pis­ta­zien und Dat­teln bis unter die Decke. Auch Jale­bis – frit­tierte, mit Zucker­si­rup umhüllte Mehl­krin­gel – und das beliebte Lava­schak feh­len nicht. Die sau­ren Mus­plat­ten, aus pürier­ter und gepress­ter Frucht­masse, gehö­ren zu den wich­tigs­ten Knab­be­reien im Iran.

Dane­ben sind Gewürze, Tee und getrock­nete Blü­ten lie­be­voll zu bun­ten Pyra­mi­den auf­ge­schich­tet. Kup­fer­schmiede bie­ten aller­lei Gebrauchs­ge­gen­stände an. Ihr Reper­toire reicht von klei­nen Pfan­nen und Kes­seln bis hin zu über­di­men­sio­na­len Töp­fen, in denen ganze Gemü­se­gär­ten und Schaf­s­her­den auf ein­mal gegart wer­den könn­ten. Anti­qui­tä­ten­händ­ler ver­kau­fen hüb­sche Koh­le­bü­gel­eisen, fein deko­rierte Metall­ka­raf­fen und fili­grane Öllam­pen, aus denen jeder­zeit ein blauer Dschinn zu ent­wi­schen scheint. Dane­ben lie­gen alte Schreib­ma­schi­nen und Pola­roid­ka­me­ras, Kof­fer­ra­dios und Magnet­band­re­kor­der aus den 1980ern. Die Viel­falt der Waren ist enorm. Von einer Aus­lage bum­meln wir zur nächs­ten. Freund­li­che Worte der Laden­be­sit­zer beglei­ten uns. Doch anders als auf den gro­ßen Tou­ris­ten­märk­ten der Welt, bleibt es bei einem Lächeln. Nie­mand ver­sucht uns ener­gisch irgend­et­was auf­zu­schwat­zen oder in ein bestimm­tes Geschäft zu manövrieren.

Die beein­dru­ckends­ten Waren sind jedoch die gla­sier­ten Kera­mik­ar­bei­ten; hauch­dünn gear­bei­tete, hand­be­malte Tel­ler in ver­schie­de­nen Blau­tö­nen. Feine Linien füh­ren über die Ober­flä­che, ver­bin­den sich zu gra­zi­len Mus­tern, Blü­ten und Ran­ken. Vasen, Karaf­fen, Dosen und Schüs­seln schmü­cken ähn­li­che Ver­zie­run­gen. Zer­brech­lich zart und wun­der­schön anzusehen.

Vakil Basar, Schiras, Iran

Vakil Basar, Schiras, Iran

Vakil Basar, Schiras, Iran

Wir atmen die Luft des Basa­res, lau­schen dem Stim­men­ge­wirr um uns herum, erwi­dern freund­li­ches Lächeln, strö­men mit der Men­schen­menge durch die Gas­sen. Manch­mal wech­seln wir ein paar Worte mit den Händ­lern der Sou­ve­nir­ge­schäfte, doch meis­tens erfreuen wir uns allein an den Auslagen.

An einer Ecke des Mark­tes gelan­gen wir in die Seray‑e Moshir. Im Innen­hof der ehe­ma­li­gen Kara­wan­se­rei laden Sitz­bänke unter Oran­gen­bäu­men zum Ver­wei­len ein. Ein Was­ser­be­cken befin­det sich in der Mitte der Anlage. Um uns herum erhebt sich das zwei­stö­ckige, etwa 250 Jahre alte Gebäude, das nun vor allem Sou­ve­nir­händ­lern einen Platz für ihre Waren bie­tet. Mar­qui­sen und Bal­da­chine schüt­zen die Ein­gänge und Aus­la­gen, in denen Schmuck, Gemälde, Schach­spiele und Kunst­hand­werk ange­bo­ten werden.

Vakil Basar, Schiras, Iran

Direkt an den Basar grenzt die Vakil Moschee, die eben­falls unter der Herr­schaft Karim Khans in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts erbaut wurde. Eng an das Markt­ge­bäude geschmiegt, ragt sie weit über die umlie­gen­den, ein­stö­cki­gen Bau­werke hin­aus. Ihr beein­dru­cken­des, mit bun­ten Kacheln ver­se­he­nes Ein­gangs­por­tal gehört zu den schöns­ten der Stadt. Kurze, stäm­mige Mina­rette rich­ten sich dar­über auf und geben der Moschee ein mas­si­ges Aus­se­hen. Blü­ten, Blät­ter und Ran­ken sind die zen­tra­len Motive der Fas­sade. Ara­bi­sche Inschrif­ten in gol­de­nen Let­tern prei­sen Allah. In dem hohen Ein­gangs­por­tal befin­det sich eine meh­rere Meter tiefe Nische mit dem höl­zer­nen Tor, das Ein­lass in die Moschee gewährt. Dar­über erhebt sich ein Muqar­nas. Die­ses beson­dere Stil­mit­tel isla­mi­scher Archi­tek­tur beschreibt bogen­ar­tige Ele­mente, die an der Decke der Nische, wei­ter nach oben wach­send, inein­an­der über­ge­hen. Vom hin­te­ren Ende der Nische aus­ge­hend, folgt ein Bogen auf den nächs­ten, bis sie die Außen­wände des Ein­gangs­por­tals errei­chen. So ent­steht ein wel­len­ar­ti­ges Gebilde, ein flie­ßen­der Über­gang, zwi­schen der Nische und den vor­ge­la­ger­ten Wänden.

Um den weit­läu­fi­gen Innen­hof der Vakil Moschee rei­hen sich mit Male­reien reich ver­zierte Arka­den. Ara­bes­ken, Ran­ken­or­na­mente, schmü­cken die Wände. Blaue, rote und gelbe Blü­ten­zeich­nun­gen win­den sich die Mau­ern empor. An einer Seite des Innen­hofs schließt sich eine 75 Meter lange über­dachte Gebets­halle an. Zie­gel­kup­peln wer­den von 48 mas­si­ven, mit kunst­vol­len Stein­metz­ar­bei­ten ver­se­he­nen Säu­len getra­gen. Far­bige Mosaike zie­ren die Kup­peln des zen­tra­len Säu­len­gangs, der zu einer Gebets­ni­sche führt. Auch sie ist mit einem Muqar­nas und künst­le­risch deko­rier­ten Kacheln geschmückt. Die Gebets­halle ist rie­sig und an die­sem Tag im Januar fros­tig kühl. Die wär­mende Kraft der Sonne schafft es nicht hier her­ein. Der stei­nerne Boden und die Zie­gel­kup­peln blei­ben kalt.

Vakil Moschee, Schiras, Iran

Vakil Moschee, Schiras, Iran

Vakil Moschee, Schiras, Iran

Doch noch ein­drucks­vol­ler als die Vakil Moschee ist die Moschee Nasir-al-Molk. Am spä­ten Nach­mit­tag schlen­dern wir ent­lang der Zand­straße von einer Moschee zur ande­ren. Die Bür­ger­steige sind zu bei­den Sei­ten der Straße belebt. Mit­ten im Gewirr der Men­schen berich­tet uns Ash­kan von der isla­mi­schen Recht­spre­chung. Er erzählt von einer Räu­ber­bande, die meh­rere Ban­ken und ein Gold­ge­schäft über­fiel. Ihre Mit­glie­der wur­den öffent­lich, unter dem Bei­sein einer gro­ßen Men­schen­menge, vor dem Gold­ge­schäft, das sie aus­raub­ten, erhängt. In einem ande­ren Fall wurde dem Dieb eines Juwe­lier­ge­schäf­tes am Tat­ort öffent­lich die Hand abge­hackt. Prak­ti­ken, die uns an dunkle Ver­gan­gen­heit erin­nern, hier aber zuletzt vor einem Jahr aus­ge­übt wurden.

Wir errei­chen die Nasir-al-Molk Moschee, die sich zwi­schen den umge­ben­den Wohn- und Geschäfts­häu­sern ver­steckt. Von außen wirkt sie nicht attrak­ti­ver als andere ira­ni­sche Gebets­häu­ser. Dafür ist ihr Inne­res umso imposanter.

Erbaut im 19. Jahr­hun­dert zur Zeit der Kad­scha­ren ist die Moschee eines der meist­fo­to­gra­fier­ten reli­giö­sen Gebäude des süd­li­chen Iran. Ihr Innen­hof ist noch immer nass vom vor­mit­täg­li­chen Regen. Ein mit nied­ri­gen Pflan­zen umstell­tes Was­ser­be­cken befin­det sich in sei­ner Mitte. Schat­ten­spen­dende Säu­len­gänge win­den sich um den Innen­hof. Auch hier sind die Wände über und über mit den Kacheln, flo­ra­len Mus­tern und reli­giö­sen Schrif­ten geschmückt. Vögel sit­zen, stumm zwit­schernd, zwi­schen den gemal­ten Ran­ken und Blü­ten. Doch neben dem übli­chen Blau, sind es in der Nasir-al-Molk Moschee vor allem Rosa- und Rot­töne, die die Motive bestim­men. Rosa Blü­ten, rosa Säu­len, rosa Orna­mente. Das Gebets­haus ist des­halb auch lan­des­weit als die pinke Moschee bekannt.

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Abbil­dun­gen von Men­schen waren nach isla­mi­schem Glau­ben für lange Zeit nicht gestat­tet und so deko­rie­ren immer wie­der die glei­chen Motive und Ara­bes­ken die Moscheen und Schreine im Iran. Doch die bemal­ten Ton­ka­cheln in der etwa 130 Jahre alten Nasir-al-Molk Moschee sind so fein und detail­liert, dass sie uns ob ihrer Schön­heit in Stau­nen versetzen.

Dann betre­ten wir die Gebets­halle, die voll­stän­dig mit edlen Per­ser­tep­pi­chen aus­ge­legt ist. Geschnitzte Stein­säu­len, die sich spi­ral­för­mig nach oben win­den, stüt­zen die Decken­bö­gen. Ein Heiß­lüf­ter steht unbe­rührt in einer Ecke. Unsere Hände sind dage­gen taub vor Kälte. Herr­lich deko­rierte Kup­peln erhe­ben sich über uns. Auch ihre Mus­ter sind in rosa Schat­tie­run­gen gehal­ten. Kunst­voll zusam­men­ge­setz­tes bun­tes Fens­ter­glas ver­schlei­ert den Blick in den Innen­hof. Wenn die Mor­gen­sonne nicht von Wol­ken zurück­ge­hal­ten wird, wirft sie ein präch­ti­ges Far­ben­spiel durch die Glä­ser auf den Boden der Gebets­halle. Grü­nes, gel­bes, rotes und blaues Licht fällt in har­mo­ni­schen Mus­tern auf die wei­chen Tep­pi­che. Doch jetzt am Nach­mit­tag sind wir von die­sem Schau­spiel weit ent­fernt und müs­sen allein mit dem bun­ten Fens­ter­glas vorliebnehmen.

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran
Gebets­halle der Nasir-al-Molk Moschee, auch bekannt als die pinke Moschee

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Als wir die Moschee ver­las­sen, kriecht die Nässe der Straße unter unsere Klei­dung und krallt sich an uns fest. Die letz­ten Son­nen­strah­len errei­chen die Geh­wege. Stra­ßen­la­ter­nen erleuch­ten. Ash­kan führt uns lächelnd in eine dunkle Gasse des nahen Mark­tes und lässt uns auf Plas­tik­ho­ckern mit­ten im Gang Platz neh­men. Er eilt in einen nahen Schnell­im­biss und kehrt kurz dar­auf mit einer gro­ßen Por­tion Āsh, einer ange­dickte Suppe mit Kräu­tern, gebra­te­nen Auber­gi­nen­schei­ben und Zwie­beln zurück. Etwas, das wir unbe­dingt pro­bie­ren müs­sen, gibt er uns augen­zwin­kernd zu verstehen.

Ash­kan über­treibt nicht. Āsh, wort­wört­lich ledig­lich mit Suppe zu über­set­zen, gehört zu den tra­di­tio­nells­ten Spei­sen im Iran. Beson­ders in Schi­ras erfreut sich das Gericht, das es in unzäh­li­gen Vari­an­ten gibt, gro­ßer Beliebt­heit. Schi­ra­sis sind des­halb auch dafür bekannt, ihre Sup­pen noch viel­fäl­ti­ger, noch rei­cher aus­zu­stat­ten. Bereits nach dem ers­ten Löf­fel bin ich ver­zückt. Hatte es die ira­ni­sche Küche mit all ihren Keb­abs und dem lecke­ren Safran­reis schon gut mit uns gemeint, so gewähre ich ihr jetzt einen wei­te­ren Sprung auf mei­ner kuli­na­ri­schen Prio­ri­tä­ten­liste. Viel­leicht liegt es an mei­nem Hun­ger, viel­leicht daran, dass die warme Suppe die Kälte aus mei­nem Kör­per ver­treibt, aber die­ses Āsh erregt gleich meh­rere Glücks­ge­fühle in mei­nem Inne­ren. Es ist wie eine Droge – ich ver­lange nach immer mehr, um das woh­lige Gefühl in mei­nem Inne­ren zu erhal­ten. Am Ende steht Ernüch­te­rung. Die Schale ist leer, der Rausch vor­bei. Doch Ash­kan erlaubt uns noch eine Gau­men­freude. An einem ande­ren Stra­ßen­stand pro­bie­ren wir Falu­deh, gefro­re­nes Sor­bet aus Glas­nu­deln, Zucker und Rosen­was­ser, ver­fei­nert mit reich­lich Zitro­nen­saft. Ira­ner mögen es gerne sauer und auch wir fin­den gro­ßen Gefal­len an die­sen Geschmacks­kom­bi­na­tio­nen. Falu­deh ist ein uraltes per­si­sches Des­sert, das mit den Erobe­rungs- und Han­dels­zü­gen der früh­zeit­li­chen Könige bis nach Indien gelangte. Sein Ursprung liegt jedoch hier in Schi­ras. Āsh und Falu­deh bewer­ten meine Geschmacks­ner­ven mit einer uner­hört hohen Punkt­zahl auf der nach oben offe­nen Skala des Genusses.

Abends sind wir wie­der in Ashkans und Hamids Zwei­zim­mer­woh­nung. Omid, Hadi und San­jay sind noch immer da. Die Jungs ver­brin­gen so viel Zeit wie mög­lich in der Woh­nung ihrer Freunde – tage­lang. So haben wir nicht nur das Gefühl Gäste in einer wirk­lich leben­di­gen WG zu sein, es schwingt auch immer etwas Klas­sen­fahr­t­at­mo­sphäre mit.

In der Küche schnei­den wir Toma­ten, Gur­ken und Zwie­beln in win­zige Wür­fel. Dazu hacken wir Peter­si­lie und geben alles für einen Salad‑e Schi­rasi, einen Salat nach der Art von Schi­ras, in eine Schüs­sel. Zum Schluss schmeckt Ash­kan den Salat mit Zitro­nen­saft ab. Es ist die klas­si­sche Salat­va­ri­ante im Iran. Über­all im Land wird er mit Vor­liebe geges­sen und ist so omni­prä­sent ver­brei­tet, wie Kar­tof­fel­sa­lat in Deutschland.

Dann trifft Man­sood ein. Der schlak­sige junge Mann, ein wei­te­rer Freund Ashkans, grüßt uns schüch­tern und zau­bert zur all­ge­mei­nen Freude eine Fla­sche Wein aus sei­nem Ruck­sack. Schi­ras und Wein, das ist so eine Geschichte. Lange glaubte man an fol­gen­des Mär­chen: Da zieht ein Kreuz­rit­ter durch den Nahen Osten, hört vom wun­der­vol­len Wein in Schi­ras und macht sich auf, ein Raub­rit­ter zu wer­den. Er stiehlt die Rebe vom Anbau­ge­biet in der Nähe der Stadt und ent­führt sie ins fran­zö­si­sche Rho­ne­tal, wo sie zu einer Edel­rebe kul­ti­viert wird und Welt­ruhm erlangt.

Heute nei­gen wir dazu Legen­den über­prü­fen zu wol­len. Uns inter­es­sie­ren keine guten Geschich­ten, son­dern harte Fak­ten, geschaf­fen im Labor und mit Gen­tests unter­mau­ert. Sol­che Fak­ten besa­gen, dass die Edel­rebe Schi­ras schon immer in Frank­reich ange­sie­delt war und aus der Kreu­zung zweier alt­fran­zö­si­scher Wein­re­ben her­vor ging.

Schiras, Iran

Wenn Schi­ras so auch sei­nes gleich­na­mi­gen Wei­nes beraubt ist, so besitzt der Iran doch immer noch eine lange Wein­tra­di­tion, die bis in altper­si­sche König­rei­che zurück­reicht. Tat­säch­lich hat die Erfolgs­ge­schichte des Wei­nes im anti­ken Per­sien ihren Ursprung. Einer Sage zufolge lagert der König Dscham­schid etwa 2.500 Jahre vor unse­rer Zeit­rech­nung Trau­ben in sei­nem Kel­ler. Als diese gären, denkt man zunächst, sie seien von bösen Geis­tern beses­sen und ver­gif­tet. Wie es die Geschichte will, lei­det die Frau des Königs an Migräne und in einem melo­dra­ma­ti­schen Anflug kos­tet sie vom Saft der Trau­ben, um sich durch Selbst­mord von ihrem Unbe­ha­gen zu befreien. Doch die Tra­gö­die wen­det sich zum Guten. Der Wein ver­hilft der Köni­gin nicht nur über ihre Kopf­schmer­zen hin­weg, son­dern ver­setzt sie auch in vor­züg­li­che Stim­mung. Seit die­sem Tag wird dem Wein in Per­sien gehul­digt, der in den Wogen der Geschichte schließ­lich ins antike Grie­chen­land und ins Römi­sche Reich schwappt.

Über Jahr­hun­derte ist Schi­ras berühmt für seine Weine. Die Stadt genießt den Ruf, die bes­ten Weine im Nahen Osten zu pro­du­zie­ren. Selbst mit der mus­li­mi­schen Macht­über­nahme im sieb­ten Jahr­hun­dert und dem damit ein­her­ge­hen­den Wein­ver­bot, bleibt Schi­ras eine wich­tige Pro­duk­ti­ons­stätte. Sogar per­si­sche Natio­na­li­ko­nen, wie der im 14. Jahr­hun­dert lebende Lyri­ker Hafez, hul­di­gen dem Wein in thea­tra­li­schen Worten.

 „…‚Schenke‘, rief ich, Arzt der Liebe, gib mir Wein!‘
Nur Wein allein kann mich ret­ten, kann ver­trei­ben alle Angst und Herzenspein!…“

Zwi­schen dem 17. und 19. Jahr­hun­dert berich­ten euro­päi­sche Rei­sende immer wie­der von der her­vor­ra­gen­den Qua­li­tät des Trau­ben­saf­tes, den sie hier kos­ten dür­fen. Letzt­end­lich jedoch, nach der isla­mi­schen Revo­lu­tion 1979, kommt der staat­li­che Wein­an­bau im Iran zum Erlie­gen. Auf den Reb­flä­chen des Lan­des wer­den nun vor allem Tafel­trau­ben und Rosi­nen pro­du­ziert. Dass das nichts Gutes für die ira­ni­schen Weine der Gegen­wart bedeu­tet, ist nicht überraschend.

Auch unsere Glä­ser in Ashkans Wohn­zim­mer sind nur dem Namen nach mit Wein gefüllt. Die leuch­tend rote Flüs­sig­keit, her­ge­stellt in irgend­ei­nem Hin­ter­zim­mer der Stadt, schmeckt nach alko­ho­li­sier­tem Zucker­was­ser, süß und kleb­rig. Ein Glas genügt für jeden – mehr gibt die Fla­sche auch nicht her.

Wie gern ich jetzt doch Hafez wäre und Schi­ras‚ edlen Trop­fen in mei­nem Glas schwen­ken würde. Doch nicht nur ich bin ein, zuge­ge­be­ner Maßen trink­freu­di­ger Anhän­ger des altper­si­schen Dich­ters. Ganz Iran liegt dem Poe­ten zu Füßen. Es heißt in jedem Haus­halt des Lan­des fin­den sich mit Sicher­heit zwei Dinge: der Koran und eine Aus­gabe der Werke des in Schi­ras gebo­re­nen Schrift­stel­lers. Hafez dich­tete natür­lich über die Liebe, tra­gisch und uner­wi­dert, über Tren­nung, Sehn­sucht und Schick­sal, aber auch über die Schön­heit, den Genuss des Lebens und reli­giöse Scheinheiligkeit.

Schiras, Iran

Die Worte des Poe­ten, wenn in ihrer Wahl über die Jahr­hun­derte auch etwas ange­staubt, sind noch immer aktu­ell, tra­gen noch immer Bedeu­tung in sich. Einige sei­ner Verse sind sogar als Sprich­worte in die ira­ni­sche Spra­che ein­ge­gan­gen. Hafez‚ berühm­tes­tes Werk ist der Gedicht­band „Diwan“, der nach sei­nem Tod in etwa 1.000 Abschrif­ten in Europa und im Ori­ent ver­brei­tet wurde.

1812 über­setzt der öster­rei­chi­sche Diplo­mat und Ori­en­ta­list Joseph von Ham­mer-Purg­stall den Diwan in die deut­sche Spra­che und erweckt damit lei­den­schaft­li­ches Inter­esse von kei­nem Gerin­ge­ren als Johann Wolf­gang von Goe­the. Der deut­sche Natio­nal­dich­ter ist der­art inspi­riert, dass er bereits zwei Jahre spä­ter mit der Arbeit an dem Gedicht­band „West-öst­li­cher Divan“ beginnt, das 1819 ver­öf­fent­lich wird. Goe­the selbst beschreibt seine Bezie­hung zu Hafez als die von „Zwil­lings­brü­dern im Geiste“ und wen­det sich in sei­nem West-öst­li­chen Divan direkt an den bewun­der­ten Kollegen.

„Du bist der Freu­den echte Dichterquelle
Und unge­zählt ent­fließt dir Well’ auf Welle.
Zum Küs­sen stets berei­ter Mund,
Ein Brust­ge­sang, der lieb­lich fließet,
Zum Trin­ken stets gereiz­ter Schlund,
Ein gutes Herz, das sich ergießet.

Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis mit dir, mit dir allein
Will ich wett­ei­fern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwil­lin­gen, gemein!
Wie du zu lie­ben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein.“

Nun sind wir also schon zu dritt und ich muss mir die köst­li­che ima­gi­näre Wein­fla­sche nicht nur mit Hafez, son­dern auch noch mit Goe­the teilen.

Die Stadt Schi­ras, als Zen­trum der ira­ni­schen Kul­tur, ist stolz auf ihren berühm­ten, um 1315 gebo­re­nen Sohn Hafez. In ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, gewinnt er als Hof­dich­ter und Koran­leh­rer schnell Berühmt­heit, die weit über die Stadt­gren­zen hin­aus reicht. Mit etwa 70 Jah­ren stirbt der Dich­ter, doch sein Werk über­dau­ert die Jahrhunderte.

Hafez‚ Grab­mal zieht jähr­lich tau­sende Besu­cher an. Dar­un­ter viele heim­li­che Lie­bes­paare, die sich vor Hafez‚ stei­ner­nem Sar­ko­phag die ewige Treue schwö­ren. Ein­ge­bet­tet in einen char­man­ten Gar­ten, in dem Oran­gen­bäume und Zypres­sen wach­sen, befin­det sich das mar­morne Grab des Dich­ters. Trotz der Nähe zu einer der Haupt­ver­kehrs­stra­ßen der Stadt herrscht im Gar­ten fried­li­che Stille. Ein acht­ecki­ger, fein gear­bei­te­ter Pavil­lon schützt Grab und Besu­cher vor den Unan­nehm­lich­kei­ten des Wet­ters. Die Unter­seite sei­ner Kup­pel ist mit einem beein­dru­cken­den Mosaik aus gebro­che­nen Kacheln ver­ziert. Auf dem Grab­stein, der das Grab­mal ver­schließt, ist ein Gedicht­vers Hafez‚ ein­gra­viert. Immer wie­der nähern sich Besu­cher dem Pavil­lon und hal­ten ehr­fürch­tig vor dem Grab inne. Sie rezi­tie­ren Stro­phen aus dem Werk des Poe­ten und legen Blu­men als Respekt­be­kun­dung ab. Das Mau­so­leum ist eine regel­rechte Pilgerstätte.

Hafez Grab, Schiras, Iran

Bei Son­nen­un­ter­gang ist Hafez‚ Grab­mal beson­ders beliebt. Wenn die Nacht her­ein bricht und der Gar­ten nur spär­lich beleuch­tet ist, klin­gen Gedichte des Lyri­kers über kna­ckende Laut­spre­cher durch die Anlage. Lie­bes­paare genie­ßen die roman­ti­sche Atmo­sphäre. Sie sit­zen in den ver­win­kel­ten, ver­steck­ten Ecken des Gar­tens und säu­seln sich unent­deckt gemein­same Zukunfts­pläne in die Ohren.

Drau­ßen vor dem Ein­gang des Gar­tens sitzt ein Mann auf einem schma­len Klapp­ho­cker. Er hält eine Schach­tel in der Hand, in der sich gefal­tete bunte Zet­tel eng anein­an­der rei­hen. Jeder ist mit einem der unzäh­li­gen Zitate des gro­ßen Poe­ten bedruckt. Dane­ben sitzt ein Sit­tich, der mit einem Faden an das Hand­ge­lenk des Man­nes gebun­den ist. Mensch und Tier bie­ten ein belieb­tes Spiel mit der Zukunft an; eine lite­ra­ri­sche Form des Glückskek­ses. Wer sich dar­auf ein­lässt, sieht zu, wie der Mann sei­nen Vogel ganz nah über die Schach­tel bewegt. Gleich einem Ora­kel pickt die­ser mit sei­nem Schna­bel einen Zet­tel und damit auch ein zukunfts­wei­sen­des Zitat heraus.

Hafez Grab, Schiras, Iran

Hafez Grab, Schiras, Iran

Hafez Grab, Schiras, Iran

Orakel, Hafez Grab, Schiras, Iran

Doch der Iran kennt mehr als nur einen Poe­ten. Ein wei­te­res Grab­mal eines hoch­ver­ehr­ten Dich­ters ist das Mau­so­leum des Sa‚di. Der altper­si­sche Lyri­ker wurde im 13. Jahr­hun­dert in Schi­ras gebo­ren und wid­mete sich in sei­nem Werk exzes­siv der Schön­heit der Gär­ten. Obwohl weit weni­ger berühmt als Hafez, zählt auch Sa‚di zu den ganz Gro­ßen der per­si­schen Dich­tung. Seine Werke tru­gen maß­geb­lich dazu bei, dass die per­si­sche Spra­che und Kul­tur auch in Zei­ten der Bela­ge­rung und Unter­drü­ckung über­dau­erte und bis heute leben­dig ist.

Sa‚dis  Grab befin­det sich natür­lich in einem groß­zü­gi­gen Gar­ten. Zypres­sen, Pal­men und Oran­gen­bäume flan­kie­ren die gepflas­ter­ten Wege und spen­den Schat­ten über ein­la­den­den Sitz­bän­ken. Ein brei­ter Pfad führt an Bee­ten vor­bei, in denen Stief­müt­ter­chen gepflanzt sind. Er endet vor einer hohen, tür­kis­far­be­nen Kup­pel und dem Ein­gangs­be­reich zum Mau­so­leum. In sei­nem Inne­ren befin­det sich der Sar­ko­phag des Sa‚di, des­sen Grab­mal­platte eben­falls mit Ver­sen des Dich­ters geschmückt ist.

Mit uns besu­chen nur eine Hand­voll Men­schen das Mau­so­leum. Es ist wesent­lich ruhi­ger als die Pil­ger­stätte, die Hafez‚ Grab­mal dar­stellt. Doch auch hier spü­ren wir die tiefe Ehr­er­bie­tung, wenn Besu­cher die Verse des Dich­ters aus­wen­dig vortragen.

Sa`dis Grab, Schiras, Iran

Sa`dis Grab, Schiras, Iran

Sa‚dis lei­den­schaft­li­che Hin­gabe an den Gar­ten kön­nen wir in Schi­ras nur zu gut nach­voll­zie­hen, denn die Stadt ist nicht nur berühmt für her­vor­ra­gende Lyri­ker, son­dern auch für ihre Gär­ten. In einem Land, das zu wei­ten Tei­len aus Wüste besteht, gel­ten präch­tige Gär­ten natür­li­cher Weise als etwas ganz beson­de­res. Seit jeher sind sie wich­ti­ger Bestand­teil der per­si­schen Kul­tur. Dabei las­sen sich Gär­ten im Iran nicht unbe­dingt mit dem ver­glei­chen, was wir in Mit­tel­eu­ropa gewohnt sind. Holz­zäune, Gemü­se­beete und Gar­ten­lau­ben sucht man hier vergebens.

Per­si­sche Gär­ten wer­den dage­gen zele­briert. Sie sind Sym­bole des Lebens in einer kar­gen Land­schaft. Sie offen­ba­ren Far­ben und Düfte, Fri­sche und Froh­sinn. Es sind Orte des Lust­wan­delns, der Leich­tig­keit, des Ver­ges­sens, des Phi­lo­so­phie­rens, der Liebe.

Einer die­ser Gär­ten ist der, zur Zeit der könig­li­chen Kad­scha­ren­fa­mi­lie in der Wende vom 18. zum 19. Jahr­hun­dert ange­legte, Bagh‑e Eram, der Gar­ten des Para­die­ses. Wie der Dolat Abad Gar­ten in Yazd befin­det sich auch der Bagh‑e Eram auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten.

Stolze Zypres­sen ste­hen um den weit­läu­fi­gen Gar­ten Spa­lier. Kie­sel­stein­wege füh­ren vor­bei an aus­la­den­den Pal­men, Nadel­bäume for­men Alleen, in deren Mitte schmale Was­ser­läufe flie­ßen. Oran­gen­haine ste­hen in vol­ler Pracht und ver­ste­cken leuch­tende Früchte in ihren dun­kel­grü­nen Blät­ter­kro­nen. Gestutzte Hecken umrah­men Blu­men­beete. Gra­nat­ap­fel­bäume und Rosen­gär­ten wech­seln sich mit sat­ten Grün­flä­chen ab. Zwi­schen all der Schön­heit gedei­hen medi­zi­ni­sche Pflan­zen. Im Was­ser­be­cken des Stein­gar­tens genießt eine Schild­kröte die war­men Sonnenstrahlen.

Bagh-e Eram, Schiras, Iran

Bagh-e Eram, Schiras, Iran

Bagh-e Eram, Schiras, Iran Bagh-e Eram, Schiras, Iran Bagh-e Eram, Schiras, Iran

Vor allem junge Schi­ra­sis schlen­dern gerne durch den Gar­ten. Auf den Pfa­den, die in ent­le­gene Ecken und blick­ge­schützte Berei­che füh­ren, erfreuen sich viele Lie­bes­paare an etwas Pri­vat­sphäre, die ihnen ande­ren­orts nur sel­ten zuteil wird. Schüch­tern suchen sie die Abge­schie­den­heit der ver­win­kel­ten Anlage. Frauen, deren Kopf­tü­cher nicht ein­mal die Hälfte ihrer Haar­pracht bede­cken, schwat­zen ver­gnügt auf einer Bank hin­ter hohen, aus­la­den­den Büschen. Künst­li­che Was­ser­läufe durch­zie­hen den Gar­ten, die sich hier und da in einen Spring­brun­nen ergie­ßen. Sym­me­trie und Par­al­le­li­tät gehö­ren zu den wich­tigs­ten Kenn­zei­chen per­si­scher Gärten.

Das Zen­trum des Gar­tens bil­det ein gro­ßes, pal­men­um­stan­de­nes Was­ser­be­cken, vor dem ein mehr­stö­cki­ger Palast in die Höhe ragt. Hier resi­dier­ten die Kad­scha­ren, wenn sie ein paar Stun­den oder auch Tage in ihrem Gar­ten ver­brach­ten. Aus­la­dende Ter­ras­sen, Bögen und fan­ta­sie­volle Wand­bil­der, wel­che die Könige mit ihrem Gefolge in para­die­si­scher Umge­bung zei­gen, schmü­cken die Fas­sade. Fami­lien schie­ßen Erin­ne­rungs­fo­tos. Eine Schul­klasse stürmt lär­mend heran und wird umge­hend von den Leh­rern und vom Wach­per­so­nal zur Ruhe ermahnt.

Bagh-e Eram, Schiras, Iran

Bagh-e Eram, Schiras, Iran

Der Bagh‑e Eram ist tat­säch­lich ein para­die­si­scher Gar­ten. Ein uner­war­te­tes Idyll, das wir mit jedem Atem­zug genie­ßen. Die war­men Son­nen­strah­len spie­len auf unse­ren Gesich­tern und im hedo­nis­ti­schen Nichts­tun füh­len wir uns pudel­wohl. Als sich dann jedoch der Nach­mit­tag gen Abend neigt, ver­las­sen wir den Gar­ten des Para­die­ses und machen uns auf den Weg zur hei­ligs­ten Stätte der Stadt.

Mit­ten in Schi­ras‚ Zen­trum befin­det sich das Mau­so­leum des „Königs des Lichts“. Es ist einem der 17 Brü­der des Imam Reza – dem ein­zi­gen hei­li­gen Imam der Schii­ten, der im Iran begra­ben liegt – gewid­met, der an die­ser Stelle im Jahr 835 ermor­det wurde. Als Ver­wand­ter ers­ten Gra­des mit dem ach­ten der zwölf hei­li­gen schii­ti­schen Imame, wird Say­yed Mir Ahmad, so der Name des Bru­ders, eben­falls als hei­lig verehrt.

Seine Über­reste lagern in einem atem­be­rau­ben­den, rie­si­gen Schrein, des­sen Herr­lich­keit nur sehr schwer in Worte zu fas­sen ist. Als wir die weit­läu­fige Anlage betre­ten, ist die Sonne bereits hin­ter dem Hori­zont ver­schwun­den. Über einem hell erleuch­te­ten Innen­hof, den wir durch geschlech­ter­ge­trennte Ein­gänge errei­chen, wölbt sich ein wol­ken­freier Him­mel, des­sen stahl­blaue Fär­bung lang­sam ins Schwarze über­geht. Hier im Inne­ren der Anlage geht es äußert streng zu. Neben dem Hijab ist auch das Tra­gen eines Tscha­dor, eines wei­ten Tuches, mit dem der weib­li­che Kör­per ver­steckt wird, Pflicht. Kame­ras sind tabu, denn für pro­fane Foto­gra­phien ist der Ort ein­fach zu hei­lig. Den­noch schre­cken auch Ira­ner nicht davor zurück mit ihren Smart­pho­nes Sel­fies und aller­lei andere Bil­der zu knipsen.

Mausoleum des Königs des Lichts, Schiras, Iran

Jeden Tag pil­gern hun­derte Gläu­bige hier­her, um dem Ver­stor­be­nen zu Geden­ken oder um Bei­stand zu erbit­ten. Das Gelände ist so groß, dass es auch jetzt am Abend, wenn viele Gläu­bige aus der Stadt hier­her kom­men, noch immer still und bedäch­tig wirkt. Wir las­sen uns zunächst in der Mitte des Innen­ho­fes nie­der und betrach­ten die bau­chige, im Schein der Leucht­strah­ler gol­den glän­zende Kup­pel des Schreins. Hin­ter der säu­len­um­ring­ten Vor­halle öff­nen sich meh­rere, mit schwe­ren Stof­fen abge­hängte Ein­gangs­tore. Wach­per­so­nal regelt den geschlech­ter­ge­trenn­ten Ein­lass und ach­tet auf reli­giös-kon­forme Kleidung.

Exqui­site, aus blauen und tür­kis­far­be­nen, zer­bro­che­nen Kacheln zusam­men­ge­setzte Mosaike schmü­cken Wände und Nischen nahe der Ein­gänge. Es sind die übli­chen, her­vor­ra­gen­den Ran­ken- und Blü­ten­mus­ter, die uns auf unse­rem Weg durch den Iran bis­her beglei­te­ten. Koran­verse sind zwi­schen die flo­ra­len Motive ein­ge­las­sen. Es heißt, dass nur Mus­lime den Schrein betre­ten dür­fen, doch schein­bar haben wir Glück und gelan­gen ohne Schwie­rig­kei­ten in eine der hei­ligs­ten schii­ti­schen Stät­ten des Irans.

Mausoleum des Königs des Lichts, Schiras, Iran

Das Innere des Schreins ist über­wäl­ti­gend. Auf dicken, wei­chen Per­ser­tep­pi­chen sit­zen Män­ner im Gebet ver­tieft. Lei­ses Gemur­mel dringt durch die Luft. Hun­derte Glüh­lam­pen in rie­si­gen, ein­drucks­vol­len Kron­leuch­tern strah­len unter den Kup­pel­de­cken. Glas­kris­talle hän­gen schwer von ihnen herab. Jede Wand, jede Nische, jeder Bogen ist mit ara­bes­ken Spie­gel­mus­tern ver­klei­det, lücken­los. Spie­gel an Spie­gel reiht sich eng anein­an­der. Sie reflek­tie­ren das Licht der Kron­leuch­ter hun­dert­fach. An das schumm­rige Licht der her­ein­bre­chen­den Nacht gewöhnt, blen­det die Hel­lig­keit im Schrein so inten­siv, dass meine Augen schmer­zen. Über­all fun­kelt es magisch.

Spie­gel und Glas­kris­talle schi­cken das Licht im Raum hin und her. Von allen Sei­ten schim­mert es. Die Atmo­sphäre ist ein­drucks­voll, warm, erha­ben, ehr­fürch­tig. Auch ich würde mich hier gebor­gen füh­len, wenn ich nicht dar­auf bedacht wäre, mich heim­lich dem Kame­raver­bot zu wider­set­zen. Der König des Lichts liegt in einem wahr­lich wür­di­gen Schrein. Das mit Sil­ber und Gold geschmückte Grab­mal befin­det sich in einer Ecke des Rau­mes, der so kon­zi­piert ist, dass sich das Grab­mal zur Hälfte in jeweils einem der geschlech­ter­ge­trenn­ten Berei­che befin­det. Män­ner und Frauen ste­hen auf bei­den Sei­ten andäch­tig mit nach oben geöff­ne­ten Hand­flä­chen am Grab­mal oder strei­chen ehr­fürch­tig über das glän­zende Metall. Andere beten, in lan­gen Rei­hen zusam­men­ste­hend in Rich­tung der hei­ligs­ten aller Stätte, Mekka.

Mausoleum des Königs des Lichts, Schiras, Iran

Mausoleum des Königs des Lichts, Schiras, Iran

Als wir den Schrein des Say­yed Mir Ahmad ver­las­sen, fängt es erneut an zu reg­nen und wir keh­ren zurück in Ashkans gemüt­li­che WG. Heute Abend haben wir zum Essen ein­ge­la­den und da wir viele Mäu­ler stop­fen wer­den, ent­schei­den wir uns für das ein­fachste und schnellste aller Gerichte: Pfannkuchen.

Der Teig ist rasch zube­rei­tet und da wir in Erman­ge­lung eines Pfan­nen­wen­ders die Pfann­ku­chen in der Luft dre­hen, bie­ten wir neben dem Essen auch noch beste Unter­hal­tung. Ash­kan, Hamid, Omid, Hadi, San­jay – sie alle wol­len ein­mal einen Pfann­ku­chen durch die Küche schleu­dern. Natür­lich endet es in einer rie­si­gen Saue­rei. Teig spritzt durch die Gegend, halb gebra­tene Pfann­ku­chen lan­den in der Spüle oder klat­schen auf die Aus­leg­ware. Dafür ist der Applaus umso grö­ßer, wenn sich ein Pfann­ku­chen tat­säch­lich akku­rat in der Luft dreht und zurück in die Pfanne fällt. Immer­hin stel­len sich die Jungs so gut an, dass wir alle satt wer­den. Dann ist es wie­der Zeit für Wohn­zim­mer­ge­sprä­che, unsere liebste Beschäf­ti­gung mit unse­ren Gast­ge­bern. Es ist unser letz­ter Abend in Schi­ras und ein biss­chen Weh­mut schwingt mit jedem Wort mit. Mor­gen ver­las­sen wir nicht nur eine wun­der­schöne Stadt vol­ler Kunst und Kult, son­dern auch viele lieb­ge­won­nene Freunde.

Cate­go­riesIran
Morten & Rochssare

Per Anhalter und mit Couchsurfing reisen Morten und Rochssare ab 2011 zwei Jahre lang zwischen Feuerland und der Karibik kreuz und quer durch Südamerika. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie auf ihrem Blog und in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen bei Malik National Geographic.

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