Was wirklich zählt

Warum nicht einfach weiterreisen?

Was braucht man zum Glücklichsein? Zunächst einmal die Freiheit, sich dem eigenen Glück zu stellen. Ein Plädoyer gegen die Sicherheit, wenn es nichts zu befürchten gibt.

Von einer langen Reise heimzukehren, kommt immer auch einer Art Umbruch gleich.
Vielen Reisenden fällt die Heimkehr in das alte Leben schwer. Natürlich freut man sich darauf, Familie und Freunde wieder zu sehen, gutes Brot zu essen und auf Käse natürlich. Bier, Brotchips, Kräuterquark. Ich habe mich auf so vieles gefreut. Auf der Couch gammeln und Lammbock gucken, auf Konzerte gehen, einfach mal im Park fleezen oder Leitungswasser trinken. Am meisten gefreut habe ich mich auf den Frühling.

Doch ich habe auch Angst gehabt.

Angst vor unverdeckter Unfreundlichkeit, die nach all der Zeit wie eine schallende Backpfeife auf mein Gesicht niedergehen würde. Angst vor dem offen ausgelebten Frust einiger, den andere, so wie es der Zufall halt will, zu spüren bekommen. Ich habe auch Angst davor gehabt auf der Straße Menschen zu begegnen, die ruhigen Gewissens Merkel wählen. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren würde.

Ich weiß noch, wie ich wenige Tage nach unserer Ankunft in Deutschland mit einem bangen Gefühl in den Bus gestiegen bin. Statt Kleingeld hatte ich nur einen 50-Euro-Schein bei mir und war mir sicher, nun den Launen des Busfahrers völlig ausgeliefert zu sein.

Rocha, Uruguay Altiplano, Bolivien

Der heimkehrende Reisende fürchtet in der Regel den Alltag oder besser gesagt die Rückkehr in diesen besagten Alltag. Vielen fällt die Umstellung vom Reisemodus, der jeden Tag neue Erlebnisse birgt, in die Monotonie des Tagtäglichen schwer. Anfänglich denkt man noch, man könne noch lange von den Erlebnissen der Reise zehren, sie in Gedanken bei sich tragen und so das Leben hier augenzwinkernd, mit stoischer Gelassenheit und einem durchgängigen Lächeln meistern. Doch so ist es meistens nicht. Gerade die zurückliegenden Erfahrungen machen die Rückkehr in die gewohnte Umgebung schwierig. Man weiß noch zu genau, wie gelassen das Leben sein kann. Und gerade dieser Vergleich drängt den heimkehrenden Reisenden meistens wieder hinaus in die Welt.

Der Wunsch nach einem erneuten Aufbruch ist meist tief im Reiseherz des Heimkehrenden verankert. Und auch wenn dies erstmal nicht gerade vernünftig erscheint und einem von allen Seiten der Gesellschaft fragende Blicke zugeworfen werden, bleibt dieser Wunsch meist bestehen.

Auch wir haben uns mit unseren Möglichkeiten auseinandergesetzt, überlegt und abgewogen. Doch eigentlich fiel die Entscheidung sehr schnell und uns sehr leicht. Wir lassen den verunsicherten Versicherungs-Fanatiker, der in jedem von uns schlummert, einfach hinter uns und wollen wieder reisen. Für länger. Eigentlich sogar für unbestimmte Zeit. Ganz ohne Angst und Panikmacherei.

Wir machen uns frei von Unsicherheit und Grübeleien, frei von belastendem Besitz, von unnötigem Konsum. Wir wollen nicht die Arbeit über das Leben stellen, um uns dann Firlefanz zu kaufen, den wir gar nicht brauchen. In erster Linie wollen wir unser Leben genießen und Glück verspüren. Und glücklich – das waren wir die letzten zwei Jahre während unserer Reise durch Südamerika sehr.

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Was braucht man zum Glücklichsein? Die letzten 24 Monate hatte ich kaum etwas. In meinem Rucksack war nur Platz für grundlegende, wichtige Dinge. Ich hatte keinen weiteren, keinen unnötigen Besitz. Kein Handy. Kein Telefon. Keinen Fernseher. Kein Auto. Und selten war ich glücklicher in meinem Leben. So abwegig es auch klingen mag. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel einfacher das Leben ist, wenn der eigene Besitz überschaubar bleibt. Wie viel weniger Probleme man hat, wenn man sich nur darum kümmern muss, genug zu Essen und zu Trinken für den Tag zu haben.

2011 tauschten wir Sicherheit gegen Freiheit und zogen los nach Südamerika. Sechs Monate sollte unser kleines Abenteuer dauern. Doch aus unserem Kinkerlitzchen wurde eine zweijährige Reise und brachte uns die Erkenntnis, dass wir nun kein anderes Leben mehr führen können und wollen. Der Gedanke nach Deutschland zurückzukehren belastete uns. Natürlich können wir jeden Morgen ins Büro gehen und abends wieder nach Hause kommen. Wir können uns von dem schönen Geld einlullen lassen. Es uns schön reden. Uns zur Belohnung für ein Leben, das wir so nie führen wollten, schöne Sachen kaufen, die wir eigentlich nicht brauchen. Das alles wäre ganz leicht.

Doch wir wollen nicht den leichten Weg wählen. Wir möchten uns lösen aus dem ewigen Kreislauf aus Arbeiten und Kaufen. Wir werden einfach das machen, was wir gerne machen möchten. Und zwar Weiterreisen. Natürlich haben wir uns als gewissenhafte Menschen auch Gedanken zu etwaigen Nachteilen unseres geplanten Lebensstils gemacht. Nach langen Überlegungen kommen wir zu folgendem Schluss. Alles in allem birgt unser auf den ersten Blick verrücktes Vorhaben nur genau drei mögliche Gefahren.

Villarrica, Chile

Erste mögliche Gefahr: Nach XY Jahren des Reisens sind wir nicht mehr im besten Jobeinstiegsalter und werden vielleicht, auch aufgrund von unerklärlich großen Lücken im Lebenslauf, keinen sehr gut bezahlten Job mehr bekommen.

Konsequenz: Wir können uns nicht alle zwei Jahre das neueste Smartphone und den neusten und größten Fernseher kaufen.

Fazit: Ich muss schlucken. Aber ich glaube, wir können es überleben.

 

Zweite mögliche Gefahr: Da wir XY Jahre nicht in die Rentenkasse einzahlen werden, werden wir keine hohe Rente bekommen.

Konsequenz: Wenn wir alt und knatterig sind, können wir uns nicht alle zwei Jahre den neusten High-Tech-Rollator kaufen. Unsere Enkelkinder kommen uns nicht in der Erwartung besuchen, wir steckten ihnen Scheine zu. Sie kommen einfach so.

Fazit: Ich muss wieder schlucken. Aber ich glaube auch das können wir überleben (zumindest eine Zeit lang). In der Seniorenbegegnungsstätte haben wir die coolsten Storys auf Lager und die Alten hängen uns (sowieso sabbernd) an den Lippen. Wir wissen, dass wir unser Leben nicht verschwendet, sondern voll ausgekostet haben. Und das macht uns immer noch glücklich.

 

Dritte mögliche Gefahr: Wir können/wollen unseren Kindern nicht alle zwei Jahre das neuste I-Dingsbums, das neuste Handy, die neueste Spielekonsole kaufen.

Konsequenz: Unsere Kinder werden keine verwöhnten, konsumvernarrten Nervbalgen, die keine Ahnung davon haben, welche Werte im Leben wichtig sind. Sie stellen nicht Arbeit, Besitz, Status-Symbole und Geld über Leben, Freude, Glück und Familie und haben nicht mit Ende 30 das erste Mal einen Burn-out.

Fazit: Sehr gut.

Feuerland, Argentinien Caretera Austral, Chile

Denn seien wir ehrlich. Es gibt wenige Orte auf der Welt, in denen man vor der Zukunft und vor den undurchschaubaren Wirren des Lebens weniger Angst haben müsste als in Deutschland. Obwohl wir große Meister darin sind uns zu fürchten, ist Verunsicherung fast nirgendwo unbegründeter.

Wir stellen uns ganz objektiv einige wichtige Fragen. Was kann uns denn überhaupt passieren? Welche Gefahren birgt das Leben hier für uns? Denn selbst wenn alles, wirklich alles schief gehen sollte: Wir werden nicht verhungern und wir werden auch nicht unter der Brücke schlafen müssen. Existenzängste sollten uns also doch eigentlich völlig fremd sein. Oder?!

Was könnte uns folglich schlimmstenfalls passieren? Wir könnten vielleicht irgendwann nicht ohne Limit shoppen, alles, was wir auf Werbeplakaten sehen, kaufen und immer den neusten, ja den heißesten Scheiß haben.

Mehr nicht.

Die Angst und die Verunsicherung, die hier so viele zu lähmen scheint, ist nicht die pure Existenzangst oder gar die Angst nicht zu überleben, seine Kinder nicht durchzubekommen. Es ist die Angst davor, nicht immer mehr und mehr konsumieren zu können.

Mehr nicht.

Eigentlich ist das irrsinnig witzig und traurig zugleich. Die ganze Angst, die ganzen Befürchtungen, der ganze Frust, der ganze Druck, die ganze Erschöpfung, die ganzen daraus resultierenden seelischen Krankheiten, die hierzulande zu viele zu quälen scheinen.

Völlig grundlos.

Bonito, Brasilien Bonito, Brasilien

Man müsste sich nur vom Gedanken des unbegrenzten Konsums distanzieren. Ich möchte hiermit nicht zu einem Leben auf der faulen Haut aufrufen. Auch wir wollen uns nicht dem süßen Müßiggang vollends hingeben und auf Kosten von Vater Staat leben. Doch wir haben nun mal dieses Privileg, keine Angst ums Überleben haben zu müssen. Wir können eigentlich wesentlich mutiger und angstfreier durch unser Leben spazieren, als wir es tatsächlich tun. Man muss es nur zulassen.

Also. Worauf warten wir?

Rio de Janeiro, Brasilien

  1. Ich kann die Argumente alle verstehen. Das Hamsterrad in dem wir alle stecken, ist völlig beknackt. Mehr arbeiten, um mehr Geld zu verdienen, um damit mehr Krempel zu kaufen. Krempel, den man nicht braucht, auf den man aber idiotischerweise ideelle Werte wie Zufriedenheit und Glück projiziert. Was für ein Selbstbetrug.

    «Denn selbst wenn alles, wirklich alles schief gehen sollte: Wir werden nicht verhungern und wir werden auch nicht unter der Brücke schlafen müssen.» Richtig. Nur nehmt ihr dann – wahrscheinlich gerade im Alter – die Leistungen einer solidarischen Gesellschaft in Anspruch, zu der ihr selbst arg unterdurchschnittlich beigetragen habt. ich höre schon die Stimmen: „Den Spaß habt Ihr und die Absicherung müssen andere für Euch bezahlen.“

    • guido, deinen zweiten absatz möchte ich bitte mitunterschreiben.

    • Morten & Rochssare

      Lieber Guido,
      wir freuen uns darüber, dass dir unser Text gefallen hat.
      Warum auch immer, aber es gibt diese Existenzangst in Deutschland. Absolut wahnsinnig.
      Wir wollen im Alter weder Harz IV beziehen, noch in einer Sozialwohnung leben. Im Gegenteil. Wir werden alles Mögliche tun, um das zu verhindern. Aber wir lassen uns unsere Träume nicht von unbegründeten Existenzängsten zerstören.

  2. ich fand eure gedanken sehr spannend und kann sie zum teil nachvollziehen, finde aber die konsequenzen, die ihr schildert ein bisschen zu naiv gedacht. sei’s drum. ihr müsst tun, was euch glücklich macht.

    schade finde ich, dass ihr, ganz nebenbei, selbst virtuelle backpfeifen an die leute verteilt, die einn anderes leben führen.

    • Forentourist

      Ja, das ist es, was mich auch gestört hat.

      Wenn Ihr euren Weg gefunden habt, ist das wunderbar, doch einen „leben und leben lassen“-Gedanken kann ich nicht so recht finden.
      Ich freue mich immer wieder auf dieser Seite Neues zu lesen, doch gerade dieser Beitrag wirkt etwas arrogant auf mich.

      Ihr würdet mich sehr wahrscheinlich zu den konsumgeilen Leuten zählen, denn ich kaufe gern auch mal Zeug, dass mir keinen direkten Nutzen bringt, abgesehen von Spaß. Trotzdem bin ich glücklich.

      Und auch wenn es sich komisch anhört: Ich denke, dass Leute mit geringer Rente Wichtigeres im Kopf haben als alte Rollatoren. Schon die Rentner von heute haben teilweise große Probleme, ihre Mieten zu bezahlen und ich denke nicht, dass das in 50 Jahren einfacher wird.

    • Morten & Rochssare

      Hallo,
      wir möchten weder dir, noch sonst jemanden den Spaß am Konsum streitig machen. Es gibt nichts dagegen einzuwenden, Geld auszugeben, um Spaß zu haben. Problematisch wird es allerdings, wenn man der Vorstellung erliegt, dass Glück nur noch durch finanzielle Transaktionen zu erreichen ist.

    • Morten & Rochssare

      Hallo nic,
      wenn du virtuelle Backpfeifen empfunden hast, dann tut uns das Leid. Das war nicht unsere Absicht. Jeder soll das Leben führen, dass er führen möchte. Wir haben uns für ein Modell entschieden und erklären lediglich, warum wir wieder aufbrechen.

  3. Seid mutig und lebt das Leben! Der Rest regelt sich schon. Euer Lebenstil muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, das ihr kein eigenes finanzielles Auskommen findet. Das wird von einem Angstsystem so dargestellt, damit niemand aus der Reihe tanzt.

  4. All das, was du schreibst, sehe ich ähnlich. Viel zu viele Menschen (meiner Meinung nach) tun sich schwer damit, können es sich überhaupt nicht vorstellen, einmal aus ihren gewohnten Tagesablauf auszubrechen und ihr sicheres Umfeld, sei es der Job oder die Wohnung auf Zeit aufzugeben und einfach mal das zu machen, was sie eigentlich möchten. Schade, finde ich…
    Aber der Punkt mit dem Wiederkommen und im Altersheim schon unterzukommen und eventuell mal nicht den coolsten Rollator zu zu besitzen, sehe ich etwas anders. Du hast vollkommen recht, dass es so laufen kann. Aber wo sonnst außer in Deutschland, mit diesem Gesundheitssystem und der sozialen Grundsicherung wäre das so einfach möglich?… Ich finde, wenn man so etwas macht, sollte man sich nicht auf den Vater Staat verlassen, eher selber dafür sorgen, dass man nach der Rückkehr sein Leben wieder allein bewältigen kann.

    • Morten & Rochssare

      …und genau das machen wir, Maurice. Die Kosten für das Altersheim, sollten wir einmal in einem landen, werden ja auch nicht automatisch vom Staat übernommen.

  5. Ein Plädoyer gegen den Konsum und für das immaterielle Glück ist sicher immer gut und richtig!

    Allerdings müsste man schon, wenn man das Endlos-Reisen propagiert, auch sagen, wie das finanziert wird. Sonst ist es nur die halbe und damit unvollständige Wahrheit, zumal in einem Manifest.

    Man braucht ja nicht nur Geld für Zerstreuungskonsum und das Alter, sondern auf Reisen auch für Essen, Transport und Übernachtungen. Selbst in den billigsten Ländern ist Reisen nicht umsonst. Und auch dort geht einem irgendwann das Geld aus. Wenn man dann nicht ein supercooles, selbstlaufendes Business im Rücken hat, wird’s irgendwann eng. Was dann? Einfach weiterreisen?

    Diese Fragen müsste man, finde ich, stellen bzw. dazu Stellung nehmen.

    Abgesehen davon finde ich es aber großartig, wie ihr das macht, und wünsche euch beim Weiterreisen alles Gute und viele neue tolle Erlebnisse!

    • Ach, ein Manifest für das Endlos-Reisen ist es gar nicht. Auch propagiere ich nichts. Es ist viel mehr ein Plädoyer für ein selbstbestimmteres Leben, ohne sich von unbegründeten Existentängsten oder gar der Angst vor einem ¨materiellen Abstieg¨ zermürben zu lassen.
      Ob es nun die Selbstständigkeit , der neue Job, das Eigenheim oder wie bei uns das Weiterreisen ist…mehr als schief gehen kann es nun mal nicht. Es gibt keinen Grund es nicht ver versuchen. Die Konsequenzen blieben überschaubar.

  6. Gedanken, die mir allesamt sehr vertraut sind, die aber auch – und insbesondere in diesem Fall (da ich hier einen Shitstorm am Horizont aufziehen sehe) – im Lichte der absoluten Reiseeuphorie betrachtet werden müssen. Sie sind allesamt zu radikal und kurzsichtig, um sie einfach so stehen zu lassen. Hier wird eine andere Lesart benötigt, das muss für den Leser aber irgendwie aus dem Text hervorgehen.
    Und zu dem Punkt mit den Kindern: es stimmt, das Wichtigste, was Kinder brauchen, ist nicht an materielle Güter/Konsum geknüpft. Genauso wichtig ist es aber auch, seinen Kindern nicht seinen eigenen Lebensstil aufzuzwingen und sie durch erzwungenen Verzicht aus ihrer eigenen Peergroup auszuschließen. Euch mag es nicht nicht wichtig sein, dass euer Kind das neueste iPhone besitzt. Das ist auch gut so. Der soziale Vergleich gerade unter Heranwachsenden ist aber ein Fakt. Und die eigene Studentenbude oder den Musikunterricht möchte man doch auch niemandem verwehren, oder?
    In diesem Sinne wünsche ich weiterhin frohes Reisen. Vielleicht gebt ihr zukünftig dem Leser Hinweise darauf, wie eure (sonst wenig radikalen und sehr weitsichtigen) Texte zu verstehen sind.

    Viele Grüße,
    Felix

    • Hallo Felix,
      natürlich sind Teile des Textes mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Nichtdestotrotz gelten unsere Aussagen. Wir rufen ja nicht zum Verzicht auf, sondern eher zu einer Reflexion des Konsumverhaltens. Jeder hat das Recht darauf das eigene Geld auszugeben, wie es ihm beliebt. Manchmal gibt es aber wichtigeres als materielle Güter. Dieser Gedanke wird unserer Meinung nach leider zu wenig gedacht.

      Viele Grüße.

  7. Ich spare es mir mal an dieser Stelle auf den Teil mit der Zukunftsaussicht einzugehen, weil das erstens, bereits ausgiebig getan wurde, und zweitens, ich das mal als absichtliche Überspitzung verstehe, mit der Ihr euren Standpunkt klar machen wollt;)

    Sonst finde ich euren Text wirklich gelungen!

    Vor allem eure Gedanken zu diesem „Konsum-Paradoxon“, dass sich in den Köpfen der Menschen festgekrallt hat. Ich kann euch da nur voll und ganz zustimmen!

    So viele Menschen gehen Tag für Tag einer Tätigkeit nach, die Sie nicht glücklich macht. Schlimmer noch, die sogar aktiv zum Unglück beiträgt. Man findet sich damit ab, weil wer mag schon seinen Job? Niemand oder nicht? Aber man muss ihn machen um Geld zu verdienen und davon am besten eine Menge. Weil wie soll man ohne Geld, all die schönen Dinge kaufen, von denen die Werbung suggeriert, dass Sie einen wieder glücklich machen und mal ganz davon abgesehen, der Nachbar hat das auch schon, da muss man doch nachlegen!

    Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen, wenn man sich ab und an mal schöne Dinge kauft, ohne dass ein direkter Bedarf da ist.
    Natürlich MUSS ich mir keinen neuen LED Fernseher kaufen, wenn meine alte Röhre noch ihren Dienst tut, aber es ist etwas, an dem ich meine Freude habe, ganz einfach, oberflächige Freude, weil ich nunmal gerne Filme gucke und mich dabei über das tolle Bild freue. Was soll daran schlecht sein?
    Doch ist ein Großteil unserer Gesellschaft über diesen Punkt lange hinaus!
    Sie entscheiden nicht mehr für sich selbst, dass Sie wert auf einen großen Fernseher, das neue Smartphone oder das teurere Auto legen. Es wird Ihnen förmlich vorgeschrieben!
    Denn an diesen Dingen wird nun deine Stellung in dieser Welt und dein Wert als Mensch bemessen, diese Dinge sagen aus, wer du bist. Jedenfalls wird versucht die Menschen das glauben zu lassen. Und viele tun es.
    Aus der Motivation der Menschen, dem eigenen Wunsch sich etwas schönes zu gönnen und dafür mal etwas härter zu arbeiten, ist ein Druckmittel geworden, dass sie immer härter zur Arbeit zwingt, unabhängig von körperlichem oder seelischem Verschleiß. Denn das neue Ich sind die Dinge die man besitzt, du selbst bist nur noch das Werkzeug um Sie zu bekommen und weil viele selbst anfangen das zu glauben, beginnen sie auch zu glauben, dass Sie vielleicht wirklich wieder glücklich werden, wenn Sie sich all diese Dinge kaufen. Was bleibt Ihnen den auch sonst übrig.

    Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder mehr auf das achten was wirklich wert hat. Darauf dass Sie glücklich sind, wirklich glücklich.
    Alles was es dazu bruacht, ist, dass sich der eigene Anspruch wieder etwas mehr dem Bedarf unterordnet, statt sein eigenes Ding zu machen.

  8. Pingback: Unpacking Travel: Ausgabe 40 | GoEuro Blog

  9. Die Gedanken rund ums (weiter-) Reisen kenne ich sehr gut, und kann euch für euren Mut nur beglückwünschen, ich wünsche euch alle snur erdenklich Gute. Ich finde allerdings auch, dass ihr hier zu plakativ jeden, der andere Wege geht, mit ‚komsumgeil‘ abtut. Die Existenzangst kommt nicht ganz von ungefähr. Schön, dass ihr euer Leben und Alter finanzieren könnt, auch ohne in D oder sonstwo einem regelmäßigen Job nachzugehen. Aber das ist eben nicht jedem vergönnt. Und hat auch nichts mit dem neuesten Smartphone oder dem größten TV zu tun, sondern mit die Miete, die Heizung und das Essen bezahlen können. Und zwar auch noch alt, krank und arbeitsunfähig.

    • Nun, wir stempeln niemanden ab, der andere Wege geht. Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich und wer wären wir, das nicht zu respektieren. Es ist ja auch nicht konsumgeil, ein Smartphone zu kaufen oder ein teures Auto zu fahren. Wer es sich leisten kann und will, der möge es auch tun. Sich aber von einer Konsumgesellschaft unter Druck setzen zu lassen und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse dem Geld unterzuordnen ist nicht das, was wir uns von unserem Leben vorstellen.

      Beste Grüße

  10. Hallo Morten & Rochssare,

    wir können Eure Gedanken und Eure Entscheidung sehr gut nachvollziehen. Genauso erging es und, als wir nach unserer 20-monatigen Reise von Berlin nach Südafrika nach Deutschland zurückkehrten. Genauso wie Ihr haben wir uns gefragt, warum nicht einfach weiterreisen? Und genau das haben wir dann auch gemacht. Allerdings verdienen wir unseren Lebensunterhalt jetzt auf der Reise als Freiberufler und Reiseblogger.

    @Guido & @nic
    Natürlich haben wir auch Existenzängste, aber wir lassen uns dadurch nicht lähmen. Jeder Selbständige kann scheitern – ob er nun ortsunabhängig arbeitet oder nicht – und auch jeder Festangestellte kann unter Umständen seinen Job verlieren.

    PS: Selbst wenn man als Selbständiger möchte, kann man ja nicht unbedingt in die Sozialversicherung einzahlen, sondern muss eben privat vorsorgen. Nur unter bestimmten Voraussetzungen kann man zum Beispiel in die Arbeitslosenversicherung einzahlen.

    Viele Grüße vom Lake Malawi,
    Verena

  11. Hallo Morten & Rochssare,

    so wie Euch erging es uns auch, als wir nach unserer 20-monatigen von Berlin nach Südafrika wieder nach Deutschland zurückkehrten. Auch wir haben uns gefragt: „Warum eigentlich nicht weiterreisen?“ Und das haben wir dann auch gemacht. Inzwischen verdienen wir uns unseren Lebensunterhalt als Freiberufler und Reiseblogger während dem Reisen. Wir haben zwar auch manchmal Existenzängste, aber wir lassen uns davon nicht lähmen.

    Liebe Grüße aus Malawi,
    Verena & Patrick

    • Hallo Verena und Patrick,
      vielen Dank für euren Kommentar. Mit ein bisschen Fantasie und Unternehmungswillen lässt sich einiges im Leben anstellen. Eine 20-monatige Reise durch Afrika zum Beispiel. :) Das klingt wirklich spannend.
      Schön, dass ihr euch nicht habt lähmen lassen. Wir wünschen euch stets eine spannende und sichere Reise.

  12. aber die reise habt ihr schon durch euer geld finanziert? oder doch durch pusteblumen und seifenblasen?

  13. Die Reaktionen auf euren Artikel zeigen, wie tief veranktert die Ängste in Deutschland sind – da habt ihr einen wunden Punkt getroffen. Vermutlich muß man das *System* für wirklich längere Zeit mal verlassen haben, weit abseits vom drei wöchigen Jahresurlaub, um zu verstehen, wovon ihr redet.

    Obendrein zeigt die Lebenswirklichkeit in Deutschland, dass man auch hart arbeitend – und zwar ein Leben lang – von Altersarmut ect. betroffen sein kann. Aber daran gedanklich zu rütteln, schürt wohl nur neue Ängste…

    Daher, *bon courage* , aber das muß ich euch nicht wünschen. Ihr seid im besten Sinne *beherzt*!

    • Hallo!

      Ich bin nun seit über 3 Jahren auf Reise, war davor 3x für längere Zeit unterwegs und bin dann wieder „heimgekommen“ um Geld für die nächsten Reisen zu verdienen. Kenne von dem her beide Seiten ein wenig ;-)
      Vorweg: Ihr habt zum Teil recht mit euren Aussagen.
      Aber: es kommt mir doch ein wenig so vor wie bei den „Auswanderern“ von denen ich einige noch im TV gesehen habe. Mächtig auf die Heimat und das System schimpfen und wenn es dann im „Traumland“ nicht klappt, sind sie schneller wieder „daheim“ als man es glauben mag.
      Bin schon neugierig, was ihr in 10 Jahren so schreiben werdet.

    • Morten & Rochssare

      Hallo Wolfi,
      eine dreijährige Reise ist natürlich ein ganz schönes Abenteuer. Das war bestimmt spannend für dich. Auch wir reisen nicht zum ersten Mal. Das hat aber nichts mit VOX oder RTL2 zu tun. Wir wissen recht genau, warauf wir uns einlassen und was wir zu erwarten haben. Schön, dass du in 10 Jahren noch immer unsere Texte lesen wirst.

    • Hallo Micha,
      tatsächlich scheinen wir da etwas berührt zu haben, das Emotionen schürt.
      Vielen Dank für deine „unausgesprochenen“ Wünsche. ;)
      Liebe Grüße.

  14. Oh, da kam doch überraschenderweise einiges an Kritik zusammen.
    Irgendwo verständlich. Wie dem auch sei – mir gefällt euer Text. Vor allem dieser Teil:
    „Wir machen uns frei von Unsicherheit und Grübeleien, frei von belastendem Besitz, von unnötigem Konsum. Wir wollen nicht die Arbeit über das Leben stellen, um uns dann Firlefanz zu kaufen, den wir gar nicht brauchen. In erster Linie wollen wir unser Leben genießen und Glück verspüren.“

    Und bei all der Kritik: Da gibt doch wesentlich verschwenderischere Elemente im westlich, kapitalistischen System, als ein paar Menschen die sich dem für einige Zeit entziehen…
    Wie viele Rentenjahre wohl für die Elbphilharmonie bezahlt hätten werden können? :)

    Auch wenn’s mich dennoch interessiert, wie ihr das so finanziert.

    Ich wünsch euch noch viel Spass auf eurer weiteren Reise!

    • Hallo Patrick,

      schön, dass dir unser Beitrag und unsere Gedankengänge gefallen.
      Dass dieser Text Diskussionen auslöst, haben wir erwartet. Wir freuen uns. Natürlich polarisiert er und jeder kann zu einer lebhaften Diskussion beitragen.

      Wir sind sehr glücklich, dass wir Anfang nächsten Jahres unsere Reiseberichte aus Südamerika als Buch und e-book publizieren werden. Wir hoffen uns so das wenige Geld zu verdienen, was wir zum reisen brauchen. Wenn das nicht klappt, müssen wir vor Ort improvisieren. Aber da fällt uns zum gegebenen Zeitpunkt bestimmt etwas ein. :)

      Viele Grüße aus Istanbul!

  15. Pingback: Der Reiseblogger Wochenrückblick KW40 | pixelschmitts Reiseblog

  16. Ich hatte mit 16 das Buch „Jupiters Fahrt „von Ted Simon gelesen und wollte anfang 20 mit dem Motorrad nach Usuhaia dann die Panamericana hoch und dann schauen wir mal ;-)

    Nun lebe ich fast 27 Jahre in Südamerika und fahre immer noch Motorrad. Ich kann eure Gedanken gut nachvollziehen.
    Grüße aus Asuncion

    • Morten und Rochssare

      Das klingt nach einem aufregenden Leben und der Verwirklichung eines Traumes, lieber Friedhelm. Wir wünschen dir weiterhin alles Gute in Südamerika.

  17. Disclaimer: im grad der polemik an den obenstehenden artikel angepasste antwort:

    Vierte mögliche Gefahr: In einer post-materiallistischen Gesellschaft häuft ihr Kulturkapital an und sammelt Statussymbole in Form von Reisegeschichten, anstatt euch einem nachhaltigen Projekt in eurem Heimatland zu widmen, mit dem ihr tatsächlich euer vorhandenes Potenzial in etwas Nachhaltiges und Nützliches für die Mitmenschen hättet umwandeln können.

    „Wir hätten eigentlich wesentlich mutiger und angstfreier durch unser Leben spazieren können, als wir es tatsächlich getan haben.“, sagt ihr euch während ihr in Neu-Brandenburg in einer Sozialwohnung sitzt, euer Gebiss installiert und euch auf die Spargelcremesuppe freut. Irgendwie ist der Glanz vergangener Tage jetzt sehr weit weg und die Wohnung wird Nachts vom Nachtspeicherofen nur unzureichend gewärmt. Soziale und physikalische Kälte umgeben euch.

    Wie Phillip bereits gesagt hat, sollte man schon darauf eingehen wie man sich das konstante Reisen finanziert. Ihr entwerft ein stark verflachtes Gesellschaftsbild: ihr blendet Armut in Deutschland aus, sprecht anderen die Legitimität ihres Empfindens ab, obwohl ihr erkennt dass ihr priviligiert seid. Meiner Erfahrung nach kann man längst nicht behaupten dass allen Menschen ihre Arbeit zuwider sei oder dass sie nur wegen des Geldes arbeiten gehen oder dass sie dabei nicht einen echten Mehrwert für die Gesellschaft aus der auch der Reisende kommt und irgendwann wieder zurückkehrt, schaffen. Und genau so ist es nicht legitim jemandem seine Alltagssorgen und -ängste abzusprechen wenn sie für die betroffene Person Realität sind. Das was ihr „Freiheit“ nennt ist das Resultat von ganz spezifischen Erfahrungen, Prägungen und einem sozialen Umfeld, dass dazu geführt hat, dass ihr sagen könnt: Wir entscheiden uns zum Reisen. Das ist ein großes Glück und ein schönes Leben, aber auch wenn es euch nicht mehr so vorkommmt, ist es ein langer, weiter Weg dahin fürs Bewusstsein, den nicht jeder gehen kann und auch nicht jeder wollen kann. „Freiheit ist das Spektrum der zu realisierenden Handlungsmöglichkeiten eines Individuums“ oder soetwas ähnliches hat ein Akademiker mal gesagt, deshalb glaube ich erlangt man mehr Freiheit wenn man alternative Lebenswege für sich hinzufügt, ohne die konventionellen für sich zu verbannen.

    So genug gegenpolemisiert, ganz viel Spaß beim weiterreisen!

    • Morten und Rochssare

      Hallo Niklas,
      vielen Dank für die Gegenpolemik. Das war erfrischend zu lesen.
      Allerdings hätten wir uns gewünscht, dass deine Kritik an unserem Text (auch die deiner Vorredner) etwas mehr Bezug auf unsere Aussagen genommen hätte.

      Wir haben nicht vor in einer Sozialwohnung in „Neu-Brandenburg“ Spargelcremesuppe zu essen und behaupten in keiner Textstelle, dass jedem Menschen die eigene Arbeit zuwider sei, wir drücken niemandem unsere Lebensidee auf, wir verurteilen niemanden, der an anderes Leben führt. Du wirst auch nichts Gegenteiliges in dem Text finden. Jeder hat das Recht so zu leben, wie er möchte.

      „Erste mögliche Gefahr: Nach XY Jahren des Reisens sind wir nicht mehr im besten Jobeinstiegsalter und werden vielleicht, auch aufgrund von unerklärlich großen Lücken im Lebenslauf, keinen sehr gut bezahlten Job mehr bekommen.“ Diese Aussage impliziert, dass wir arbeiten werden und damit auch einen Mehrwert für die Gesellschaft leisten. Es muss niemand Angst haben, dass er uns „Sozialschmarotzer“ irgendwann durchfüttern muss.

      Wir hinterfragen lediglich unseren Alltag im Ist-Zustand und überprüfen, ob er mit dem Soll-Zustand verträglich ist.

  18. Marius Kri via Facebook

    Dieses Gefühl nach der Rückkehr hab ich selten so passend beschrieben gelesen.

  19. Ich kann mich erinnern den Beitrag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon gelesen zu haben und jetzt habe ich ihn wiederentdeckt. Damals wie heute ergibt es genau so für mich auch Sinn.
    Vielleicht lag es einfach nur an meinem engen Freundeskreis, aber irgendwie glaubte ich mehr Menschen und besonders Reisende hätten schon all diese Erkenntnisse erlangt oder wären zumindest im Stande logisch zu Ende zu denken. Mir kommt da „ich hab ja nichts gegen Konsumverzicht, aber…“ in den Sinn.
    Leben und leben lassen ist nicht immer leicht, schließlich fördert die Lebensart einiger Menschen das Leid vieler Menschen und der Natur.

    • Morten und Rochssare

      Jeder sollte sein Leben führen dürfen, wie es ihm/ihr gefällt – solange niemand anderes darunter leiden muss.
      Das ist ganz leicht, wenn man ein bisschen soziale Verantwortung und Bewusstsein in die eigenen Handlungen einbezieht. Das reicht schon vollkommen aus.

  20. Vielen Dank für den tollen Artikel.

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