Die strahlende Tour zum Atomkraftwerk

Reise nach Tschernobyl

Lust auf eine besondere Reise? Komm mit auf die (leicht) strahlende Tour zum Atomkraftwerk Tschernobyl.

Bist du alt genug um dich an den Fall der Berliner Mauer zu erinnern?

Wo warst du, als du von den Flugzeugen im World Trade Center erfahren hast?

Ein ebenso epochales Ereignis war das Unglück von Tschernobyl 1986.

Ich war erst 7 und zu jung um die Atom-Katastrophe zu verstehen. Um so mehr fasziniert mich heute der größte nukleare Unfall und seine Folgen.

Ohne das Unglück von Tschernobyl würden wir in einer anderen Welt leben!

Gorbatschow nannte es sogar als Hauptgrund für das Ende der Sowjetunion. Schlimmer noch als der enorme wirtschaftliche Schaden war das Systemversagen.

Stell dir mal vor Tschernobyl wäre nicht passiert und es gäbe die Sowjetunion heute noch.

Anschaulich werden Fehler im sowjetischen System in der gut gemachten HBO Mini-Serie „Chernobyl“ (2019) dargestellt. (läuft in Deutschland auf Sky)

Aber um Tschernobyl wirklich zu verstehen, musst du den Unglücksort besuchen. Das ist auf einer Osteuropa-Reise einfach und ungefährlich. Hier erfährst du wie und warum.

Tschernobyl Karte mit Route der Tagestour – IN GROSS

Tschernobyl Karte: Übersicht über die Sperrzone

Auf der Karte siehst du in blau die Route einer Standard-Tagestour von Kiew nach Tschernobyl. Das in lila ist die 30-Kilometer-Sperrzone und das rote die 10-Kilometer-Sperrzone.

Tschernobyl Tour: Kiew Tagesausflug mit Führung

Eine Möglichkeit Tschernobyl zu sehen ist ein Tagesausflug von der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Das gehört zum Standard-Programm von rund einem Dutzend Touranbietern.

Es gibt auch keine legale Alternative die Sperrzone individuell zu besuchen. Nur die Touranbieter können dich bei den Checkpoints für einen Besuch anmelden.

Wenn du die rund 85 Euro für eine Tagestour bezahlst, musst du dich dann aber auch um gar nichts kümmern. Selbst das Mittagessen ist bei den meisten Touren inklusive.

Die Touren finden mit wenigen Ausnahmen täglich statt. Weil Tschernobyl immer beliebter wird, musst du mit immer mehr anderen Tourgruppen rechnen.

Praktische Infos zu den Touren findest du am Ende des Artikels.

Touristen am Ortseingang von Tschernobyl

Strahlung in Tschernobyl: Ist ein Besuch gefährlich?

Der große Vorteil einer Tour ist natürlich, dass dein Führer Bescheid weiß, wo die Radioaktivität gefährlich hoch ist.

Der größte Teil der Sperrzone ist heute unbedenklich. Es gibt aber nach wie vor einige radioaktive Hotspots, die man meiden sollte.

Dazu gehören Moosflächen und Pilze, die Radionuklide besonders stark aufnehmen. Aber auch ganze Gebiete sind noch kontaminiert, wie der „rote Wald“ nahe dem Reaktor.

Wenn du die vermeidest ist selbst ein mehrtägiger Besuch ungefährlich. Die Strahlenmenge bei einem Flug nach Kiew ist höher als in einem Tag in der Sperrzone.

Im Kulturpalast der Geisterstadt Prypjat

Prypjat besuchen: Die Geisterstadt bei Tschernobyl

Die größere Gefahr sind die langsam baufälliger werdenden Gebäude. Offiziell ist das Betreten zwar verboten, aber das stört niemanden – zum Glück!

Die Geisterstadt Prypjat ist nämlich das eigentliche Highlight des Ausflugs. Für eine kurze Exkursion gehen wir durch den verlassenen Kulturpalast und durch eine Schule.

Vor dem Reaktorunfall war Prypjat quasi ein Silicon Valley der Sowjetunion. Nur Musterbürger durften in der Modellstadt 3 Kilometer vom Atomkraftwerk wohnen.

1986 wurde die Stadt nach dem Unfall evakuiert und die Uhren sind stehengeblieben. Du gehst heute vorbei an Sowjet-Propaganda und einem nie eröffneten Vergnügungspark. Der ganze Ort ist ein Museum.

Willkommen in Prypjat, Bevölkerung 0. Stell dir vor, dass nach dem Ende der Menschheit einmal alle unsere Städte so aussehen werden.

Riesenrad in der Geisterstadt Prypjat

Tschernobyl heute: Bilder vom Sieg der Natur

Mindestens ebenso interessant wie Urban Exploration in den Gebäuden ist das viele Grün außerhalb. Die Natur hat sich Prypjat längst zurückerobert.

Schon der zentrale Platz vor dem Kulturpalast erinnert an einen Endzeitfilm. Bäume wachsen hier nach mehr als 30 Jahren durch die Fliesen und aus dem Asphalt.

Die ehemals breiten Parade-Straßen in Prypjat sind nur noch einspurig befahrbar. Links und rechts wuchert dichter Wald. Manchmal kannst du aus dem Busfenster ein Gebäude ausmachen.

Wir sehen keine Tiere, aber es soll hier viele Elche, Wölfe, Wildschweine und Rehe geben. Die Rest-Strahlung ist kein so großer Feind wie der Mensch außerhalb der Sperrzone.

Moos strahlt am meisten, aber auch nicht viel

Friede Freude Eierkuchen in Tschernobyl?

Im Verlauf der Tour stellt sich nicht nur wegen der vielen Natur ein Eindruck von Harmlosigkeit ein. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber Friede Freude Eierkuchen eher nicht.

Einmal stehen wir Schlange am Selfie-Spot direkt vor dem havarierten Reaktor. Der Geigerzähler zeigt sich selbst hier sehr müde. Er schlägt auf der Tour nur einmal, beim Vorbeifahren am roten Wald aus.

Auch dank der laxen Sicherheitsvorschriften kommt kein Gefühl von Gefahr auf. Die Militärs stehen gelangweilt rum. Für Tausende von hier lebenden Arbeitern ist die Sperrzone sowieso Alltag.

Es hilft auch nicht, dass wir mit einer großen Gruppe von 30 Leuten in einem Reisebus unterwegs sind. Immer wieder sehen wir andere Tourgruppen, obwohl wir versuchen ihnen aus dem Weg zu gehen.

In vielen der Gebäude empfangen uns Stillleben mit schön drapierten Gasmasken oder Kinderpuppen. Die Sperrzone wirkt so eher wie die disneyfizierte Inszenierung einer Katastrophe.

Anstehen für Selfies vor dem Reaktor 4

Ist eine Tschernobyl Tour Katastrophentourismus?

Aber ist es schlimm, wenn die Sperrzone um Tschernobyl heute eher harmlos ist? Sollten wir uns nicht freuen, dass selbst so ein Super-GAU viel weniger bleibende Schäden hinterlässt als erwartet?

Besucher in Tschernobyl sind Teil des weltweiten Katastrophentourismus. Aber wem schadet der Tourismus in Tschernobyl? Der von Krieg und Währungskrise gebeutelten Ukraine sicher nicht.

Sind die Liquidatoren die Leidtragenden, weil sie am heutigen Selfie-Spot ihre Gesundheit für den Bau des Sarkophags riskiert haben? Oder haben sie genau für diese Unbeschwertheit heroisch gekämpft?

Tschernobyl ist sehr polarisierend. Wenn du mich fragst ist das Unglück ein Mahnmal gegen Lügen und gegen das Sparen bei der Sicherheit. Es ist ein Fanal für eine gute Sicherheitskultur.

Wenn ein Boeing Manager einem Angestellten sagt, dass er einen Baufehler beim 737 Max verheimlichen soll, dann muss ohne zu Überlegen die Antwort kommen: „Das ist ja wie bei Tschernobyl!“

Tschernobyl unterscheidet sich in dem Punkt nicht von Auschwitz oder Hiroshima. Je mehr Leute in die Sperrzone kommen um so besser. Wir müssen uns an das Unglück und die gemachten Fehler erinnern.

Gasmasken in einer Schule in Prypjat

Todes-Opfer: Welche Folgen hatte Tschernobyl?

So schlimm Tschernobyl auch war. Bei einem Besuch lernst du, dass sich viele Mythen um die größte Nuklearkatastrophe ranken. Ich war vorher fest überzeugt Tschernobyl hätte zu Missbildungen geführt und zu Hunderttausenden Todesopfern.

Laut offiziellen Zahlen sind 31 Menschen direkt durch Tschernobyl umgekommen. Nur Opfer aus dem Jahr 1986 zu zählen ist natürlich Blödsinn. Wenn du alle Folgeopfer bis heute mitzählt, sind es mehrere Hundert Todesfälle.

Die Weltgesundheitsorganisation geht von 4.000 Todesopfern aus. Das sind Hochrechnungen über Todesfälle durch Strahlenfolgen bis 2065, vor allem Krebs. Die Langzeitfolgen waren nicht so gefährlich, wie man zuerst angenommen hatte.

Greenpeace kommt in einer eigenen Hochrechnung auf viel mehr Todesopfer, nämlich 93.000. Übertriebene Zahlen und erfundene Horrorgeschichten über angebliche Fehlbildungen haben laut WHO mehr Menschenleben gekostet als die Strahlung selbst. Psychosomatische Angst war die schlimmste Gesundheitsfolge von Tschernobyl.

Überrascht? Das war ich allerdings auch, als ich mich wegen unserem Besuch mit Tschernobyl beschäftigte. Tschernobyl war sehr schlimm, aber nicht annähernd so schlimm, wie es oft dargestellt wird.

Nicht die Strahlung war das Hauptproblem von Tschernobyl, sondern die Angst davor. Das ist nicht nur geschichtlich interessant. Strahlenangst ist auch heute noch ein großes Problem bei der Lösung unserer Klimakrise.

Reaktoren 1-4, erst 2001 wurde Reaktor 3 abgestellt

Unfall-Ursachen: Wie ist Tschernobyl passiert?

RBMK-Reaktoren wie Tschernobyl hatten um Kosten zu sparen 3 schwerwiegende Baufehler:

  1. positiver Blasenkoeffizient
  2. Graphitspitzen am Bremsstab
  3. keine Sicherheitshülle

Eine unvorbereitete Nachtschicht sollte für einen „Sicherheitstest“ alle automatischen Notfallsysteme abschalten. Dann wurde sie unter Drohungen gezwungen alle Bremsstäbe auszufahren. Durch Baufehler 1 kam es zu einer selbst verstärkenden Leistungssteigerung.

Als die Leistung rasch stieg betätigte die Kraftwerks-Crew die Notabschaltung. Statt zu bremsen, verstärkten die einfahrenden Bremsstäbe wegen Baufehler 2 die Leistung aber noch auf das Hundertfache. Niemand wusste von dem Baufehler, weil er absichtlich geheimgehalten wurde.

Das Kühlwasser verpuffte explosionsartig und ließ den tonnenschweren Reaktor in die Luft schießen. In einer zweiten Knallgas-Explosion wurde der Reaktor dann in der Luft zerrissen. Radioaktives Kernmaterial wurde wegen Baufehler 3 in die Umgebung verteilt und der schmelzende Reaktorkern lag offen. Hier ist der genaue Ablauf des Tschernobyl-Unfalls.

Hätte es einen dieser Baufehler nicht gegeben, egal ob 1, 2 oder 3, dann würden wir den Namen Tschernobyl heute nicht kennen.

Sowjet Propagandaposter zum Maifeiertag in Prypjat

Sicherheitskultur: Kann sich die Katastrophe wiederholen?

Die Chernobyl-Fernsehserie geht zwar auch auf die Baufehler ein, aber vor allem geht es den Machern um die Fehler im sowjetischen System. Mit einer guten Sicherheitskultur hätte die Katastrophe vermieden werden können.

Im Vordergrund steht in der Serie Valery Legasov. Der Leiter des Untersuchungskomitees wollte Baufehler 2 mit der Notabschaltung nach dem Unfall bekannt machen, um ähnliche Unfälle in Zukunft zu verhindern.

Selbst in der Glasnost-Ära der Sowjetunion führte das zur Ächtung und zum vorzeitigen Ende seiner Karriere. Er hat sich am zweiten Jahrestag von Tschernobyl das Leben genommen.

Die Sicherheitskultur der Sowjetunion war grottenschlecht. Wer ein Problem ansprach, wurde selbst zum Problem gemacht. Es war wichtiger für Fehler nicht verantwortlich zu sein, statt Fehler zu vermeiden.

Tschernobyl passierte also nicht nur wegen den Baufehlern. Aber ohne die drei Baufehler eines russischen RBMK-Reaktor hätte die Katastrophe von Tschernobyl nicht passieren können.

In einem deutschen AKW wäre das nicht passiert und die deutschen Meiler sind noch uralte Designs aus den Sechziger Jahren.

Kindergarten vom aufgegebenen Ort Kopatschi

„Chernobyl“ TV-Serie & andere Empfehlungen

Du planst noch keine Reise in die Ukraine? Schau erstmal die fünfteilige HBO-Serie „Chernobyl“. Von den Wertungen auf IMDB ist das mittlerweile die beste TV-Serie aller Zeiten.

Die Fernsehserie ist halbwegs realistisch, aber es gibt einige Hollywood-Dramatisierungen. Zum Beispiel wird bei den Szenen im Krankenhaus nahegelegt, dass eine Strahlenerkrankung ansteckend sei, sogar für ungeborene Babies. Strahlenopfer werden aber nicht selbst radioaktiv. Allgemein sind die Strahlenfolgen stark übertrieben dargestellt.

Wenn du über das wahre Tschernobyl lesen willst, nimm dir das 2019 erschienene Buch Midnight in Chernobyl* vor. So viele Fakten wie der New York Times Bestseller hat kein anderes Buch zusammengetragen. Dank mehreren Jahrzehnten Abstand zum Unfall enthält das Buch auch vormals geheime Infos. Midnight in Chernobyl gibt es auch als Hörbuch*.

Überhaupt nicht empfehlen kann ich den B-Movie Horrorfilm „Chernobyl Diaries“. Die erste Hälfte ist noch ok, aber die zweite Hälfte langweiliger Horror und respektlos gegenüber den tatsächlichen Opfern von Tschernobyl.

Mehr Infos über Tschernobyl heute findest du im tollen Reisebericht von Walter Rüegg. Er hat mit einer kleinen Expertengruppe sogar den Kontrollraum des Reaktors 4 besucht. Als Kernphysiker kann er die Vorgänge in Tschernobyl mit Expertenwissen erklären.

Und hier ist der Text, der mich vor ein paar Monaten zu meinem Besuch motiviert hat: In Tschernobyl gibt es nichts zu befürchten (englisch)

Das riesige Duga Radar liegt auf der Standardroute

Tschernobyl Tour von Kiew: Praktische Infos

Die Tagestour von Kiew dauert wirklich den ganzen Tag bis mindestens 21 Uhr. Mach die Tour besser nicht an dem Tag, an dem du abends noch einen Rückflug erwischen musst.

Morgens um 8 Uhr ist Treffpunkt. Wir haben uns mit unserem Touranbieter am Maidan getroffen. Der große zentrale Platz ist super per Metro zu erreichen. Je nach Anbieter gibt es andere Treffpunkte.

Es sind 2 Stunden Fahrt bis zur 30-Kilometer-Sperrzone. Dort musst du am Checkpoint die Regeln unterschreiben. Dann bekommst du ein Dosimeter, das deine Strahlung aufzeichnet.

Am Ende der Tour wird dann deine Strahlendosis im Dosimeter ausgewertet. Außerdem gibt es jedes Mal beim Verlassen der Sperrzone einen Strahlentest. Transparent ist das alles aber nicht.

Nimm eine Flasche Wasser, einen Regenschirm und lange Kleidung mit. Lange Hosen solltest du die ganze Zeit tragen. Langarm wird nur in der 10-Kilometer-Sperrzone empfohlen.

Unsere lustige Tourführerin in Tschernobyl

Welcher Touranbieter für den Tschernobyl-Ausflug?

Welchen Touranbieter du auswählst ist relativ egal. Die fahren alle ungefähr die gleiche Route ab. Achte darauf, dass das Mittagessen in Tschernobyl nicht auch noch extra kostet.

Eine teure deutsche Tour halte ich für unnötig. Das Englisch auf unserer Tour war sehr gut verständlich. Zusätzlich kannst du einen Geigerzähler mieten – muss auch nicht sein.

Buche mindestens eine Woche vorher. Wenn du nur wenige Tage vorher buchst können Touren ausgebucht oder teuer sein. Die Touranbieter müssen außerdem im Vorfeld deine Daten übermitteln.

Wenn du kein Urban Explorer bist, wird dir die Tagestour ausreichen. Mehrtägige Touren sind erheblich teurer. Du übernachtest dann im Ort Tschernobyl 15 Kilometer vom AKW. Bei viertägigen Touren kannst du sogar das AKW selbst besichtigen.

Wir sind mit dem ältesten Tschernobyl-Touranbieter Solo East gefahren. Die sind sehr zu empfehlen und mit einem 10% Rabatt ab 2 Personen auch preislich attraktiv. Du musst auch nur die Hälfte der Kosten vorher anzahlen.

Meine Frau und ich haben die Tour und die Ukraine-Reise natürlich selbst bezahlt, ohne Sponsor.

Reaktor Replika im Tschernobyl Museum in Kiew

Empfehlung: Tschernobyl Museum in Kiew

Selbst wenn du die Tschernobyl-Tour nicht machen willst, schau in das Tschernobyl-Museum in Kiew. Das bietet viele Informationen und Modelle. Der große Raum mit einer Reaktor-Replika ist sehr gelungen, siehe Bild.

Kiew und die ganze Ukraine sind übrigens ein tolles Reiseziel.

Fährst du nach Tschernobyl oder lässt du es lieber?

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade Schwarzer Tourismus bei The Road Most Traveled.

  1. Sebastian

    Hallo Florian,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag.

    Aber: Als Physiker und Mensch muss ich dir bei einer Aussage widersprechen.

    „Strahlenangst ist auch heute noch ein großes Problem bei der Lösung unserer Klimakrise.“

    Der Satz suggeriert, Atomkraft sei die einzige Lösung, klimaschonend Strom zu erzeugen. Das ist – sorry – Blödsinn! Wir haben heute mit Photovoltaik, Windenergie und vielem mehr Technologien an der Hand, die problemlos und bei vernachlassigbarem Flächenverbrauch den Energiebedarf der Menschheit decken könnten. Was fehlt, ist nur der politische Wille, dies im großen Stil umzusetzen!

    Und noch etwas stößt mir auf:

    „Greenpeace kommt in einer eigenen Hochrechnung auf viel mehr Todesopfer, nämlich 93.000. Übertriebene Zahlen und erfundene Horrorgeschichten über angebliche Fehlbildungen haben laut WHO mehr Menschenleben gekostet als die Strahlung selbst. Psychosomatische Angst war die schlimmste Gesundheitsfolge von Tschernobyl.“

    Das lese ich aus dem verlinkten WHO-Bericht so nicht heraus. Vielmehr ist die Rede vom „Psycho-social impact“ und „mental health“. Es wird explizit erwähnt, dass ein Auslöser dieser Ängste die Umsiedlung der Menschen war, was zum Verlust von Heimat, Job etc. geführt hat. Dies hat nachweislich stattgefunden und ist keine „Horrorgeschichte“. Darüber hinaus ist es richtig, dass es eine Angst gibt, nach einer Strahlenexposition eines Tages an Krebs etc. zu erkranken. Aber auch diese Angst ist real und nachvollziehbar. Es ist schließlich Fakt, dass es zu solchen Erkrankungen kommen kann.

    Viele Grüße,
    Sebastian

    • Sorry Sebastian, aber da hast du dir ein paar Strohmänner hingestellt:

      1. Nicht einmal ein Atomlobbyist würde behaupten, dass Kernkraft die einzige Lösung ist, klimaschonend Strom zu erzeugen.
      2. Nicht einmal der überzeugteste Verfechter von Erneuerbaren würde von „problemlos“ und „einem geringem Flächenbedarf“ sprechen.

      Hier sind 3 Fakten über die deutsche Energiewende:
      1. Die Speicher sind ein riesiges Problem, sowohl was die zeitnahe Machbarkeit angeht als auch die Kosten.
      2. Bei 90% Reduktion des CO2 spricht die Leopoldina-Studie bis 2050 von einer Versiebenfachung der Windräder und Solarmodule.
      3. Wenn du 100% Erneuerbare willst wie bei der Studie der Bundesstiftung Umwelt läuft das auf eine Verzwanzigfachung der Windräder und Solarmodule hinaus.

      Wir stehen nach 2 Jahrzehnten Energiewende noch ganz am Anfang. Das sind technologische Probleme. Es fehlt nicht einfach nur politischer Wille.

      Kannst du dir vorstellen, wie eine Versiebenfachung bis Verzwanzigfachung von Windrädern und Solarmodulen in Deutschland aussieht? Ich will mir das lieber gar nicht ausmalen.

      Es gibt einen Sweet Spot zwischen den CO2-armen Energieerzeugern Kernkraft, Windkraft und Solarkraft. Und der liegt nicht bei 100% Erneuerbaren. Das sollte dir als Physiker klar sein.

      Die beste Lösung der Klimakrise ist auf Technik-Tabus zu verzichten. Wir sollten uns an Ländern wie Frankreich, Schweden, Finnland und Slowakei orientieren, die dank Kernenergie viel erfolgreicher bei der Energiewende sind als Deutschland. Auch der Weltklimarat fordert eine Verfünffachung der Kernenergie bis 2050.

      Ja, die psychosozialen Probleme sind entscheidend. Dafür war die Evakuierung ein Auslöser, aber nicht der einzige.

      Da gibt es auch nichts „herauszulesen“. In dem WHO-Bericht von 2016 steht wortwörtlich:

      „Several international studies reported that Chernobyl-affected populations had anxiety levels that were twice as high than non-exposed population, and were more likely to report multiple unexplained physical symptoms and subjective poor health. To some extent, these symptoms were driven by the belief that their health was adversely affected by the disaster and the fact that they were diagnosed by a physician with a “Chernobyl-related health problem”. Given that rates of mental health problems increase after a disaster and may manifest years after the event, it is important to provide access to mental health services in disaster-affected areas on a long-term basis.

      It is also extremely important to provide adequate information to the affected populations and to provide them with psychological support through special programmes.“

      Den letzten Satz mit der adequaten Auskunft über Strahlenfolgen sollten wir uns auch in Deutschland dringend hinter die Ohren schreiben.

      Ja es gibt in den betroffenen Gebieten mehr Krebsfälle – aber nicht annähernd in dem Maß, wie es in deutschen Medien dargestellt wird.

      Ich war schockiert als ich im Laufe meines Besuchs feststellen musste, wie viele falsche Tschernobyl-Vorurteile wir in Deutschland haben…

  2. Hallo Florian,

    „kannst du dir vorstellen, wie eine Versiebenfachung bis Verzwanzigfachung von Windrädern und Solarmodulen in Deutschland aussieht? Ich will mir das lieber gar nicht ausmalen.“

    … und ich möchte mir die Folgen eines mit Chernobyl vergleichbaren Unfalls in einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland gar nicht erst ausmalen. Auch wenn hierzulande andere Reaktortypen verwendet werden, bleibt immer eine Restwahrscheinlichkeit für einen schweren Unfall. Selbstverständlich sind unsere Atomkraftwerke selbst gegen solch „unwahrscheinliche“ Unfallursachen wie Erdbeben und Terror mehrfach abgesichert. Frage ist allerdings ob eine solche Absicherung auch wirksam umgesetzt und über Jahrzehnte aufrechterhalten wird. Wer hätte denn z.B. mit dem unwahrscheinlichen Unfall in Fukushima gerechnet (Interessanter Artikel dazu: https://www.zeit.de/2011/12/DOS-Atomkatastrophe/seite-3). Neben dem Betrieb der Reaktoren sind auch noch Wiederaufbereitung und Endlagerung der Abfälle als Gefahrenquelle zu nennen und wir sollten nicht vergessen, dass auch Uran nur eine begrenzte Ressource ist. Ich bin der Meinung dass letztendlich nur realistisch beherrschbare und regenerative Energiequellen eine wirklich nachhaltige Lösung für unserer Energieproblem sind.

    • Stell dir vor wir hätten nach dem Absturz der Hindenburg gesagt: „Jetzt ist Schluss mit der Luftfahrt. Fliegen ist viel zu gefährlich!“

      Und dann hätten wir niemals ein modernes Flugzeug gebaut, weil sich 1937 ein Wasserstoff-Ballon entzündet hat.

      Ungefähr so läuft die Kernkraft-Diskussion in Deutschland. Tschernobyl ist die Hindenburg der AKWs.

      Technologische Fortschritte gibt es aber reichlich:
      1. So etwas wie Tschernobyl kann eben nicht in modernen Reaktoren passieren.
      2. Wir können in schnellen Reaktoren den alten „Abfall“ als Brennstoff verwerten.
      3. Wir können Reaktoren mit passiver Kühlung oder flüssigem Kern bauen, in denen es nicht zur Kernschmelze kommen kann.

      Schau dir mal die AKWs der vierten Generation an. Reaktoren wie der DFR oder IFR sind „Atommüllfresser“ mit inheränter Sicherheit. Niemand hat vor die Hindenburg nachzubauen.

      Das ist kein Luxusproblem. Ohne Kernkraft werden wir nicht die Klimaziele schaffen – nicht in Deutschland und schon gar nicht in Ländern wie USA, China und Indien. Das sagt auch der Weltklimarat, der mindestens eine Verfünffachung der heutigen Kernkraft-Leistung fordert.

  3. Der Vergleich mit der Hindenburg ist nicht wirklich passend.

    Es wurden ja trotz Chernobyl weiter AKWs gebaut und betrieben und es gab trotz moderner Technik nur 25 Jahre nach Chernobyl einen weiteren katastrophalen Unfall. Die havarierten Reaktoren in Fukushima waren modern. Japan, eine der führenden Hightechnationen, ist selbst 8 Jahre nach der Katastrophe noch weit von einer finalen Lösung der mit dem Unfall verbundenen Probleme entfernt. (https://www.heise.de/tp/features/Fukushima-Roboter-beruehrt-erstmals-geschmolzenes-Material-in-Reaktor-2-4312119.html).

    Die Auswirkungen eines AKW-Unfalls wie in Fukushima oder Chernobyl sind nicht regional begrenzt so wie der Absturz eines Zeppelins oder Flugzeugs. Bei beiden Unfällen mussten Zehntausende Menschen Ihre Heimat verlassen und umgesiedelt werden. Die von einem Unfall betroffenen Gebiete sind über Generationen nicht mehr für Menschen gefahrlos als Lebensraum nutzbar.

    Es reichen ein bis zwei katastrophale Unfälle in oder nahe einem Land wie Deutschland um große Teile des Landes unbewohnbar zu machen. In diesem Zusammenhang noch ein Zitat: „Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben anhand der bisherigen Laufzeiten aller zivilen Kernreaktoren weltweit und der aufgetretenen Kernschmelzen errechnet, dass solche Ereignisse im momentanen Kraftwerksbestand etwa einmal in 10 bis 20 Jahren auftreten können und damit 200 mal häufiger sind als in der Vergangenheit geschätzt“. (https://www.mpg.de/forschung/kernenergie-nuklearer-gau).

    Solange Technik von Menschen entwickelt und betreut wird gibt es keine garantierte Sicherheit.

    • Fukushima war ein schlimmer Unfall, aber Welten entfernt von Tschernobyl. Es gab 1 Todesopfer.

      Nach Weltgesundheitsorganisation hätten die Leute in der Umgebung ein paar Tage nicht das Haus verlassen sollen. Die Evakuierungen waren unnötig und haben viel Leid verursacht.

      Fukushima war der Beweis dafür, dass selbst alte Reaktoren der ersten und zweiten Generation aus den Sechzigern keineswegs wie Tschernobyl für riesige Umweltschäden sorgen.

      Sollte man deshalb AKWs in durch Tsunamis von 40 Meter Höhe gefährdete Gebiete bauen? Natürlich nicht, so eine bescheuerte Idee!

      Auch Fukushima ist ein guter Vergleich zur Hindenburg. Das AKW Fukushima Daiichi wurde 1966 gebaut. Das war vor mehr als 50 Jahren!

      Wir fahren ja auch keine Autos aus den Sechzigern ohne Knautschzone, Airbag und Dreipunktgurt – außer zur Oldtimer-Rally.

      Aber wir reden hier von Deutschland und von modernen Reaktoren der 3+. und 4. Generation, in denen eine Kernschmelze passiv verhindert wird.

      Begraben wir bitte die Hindenburg ein für allemal und damit auch die uralten Meiler aus den Sechzigern, egal ob Tschernobyl oder westliche.

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