Reise nach Tschernobyl

Kontinente und Länder › Europa › Ukraine › Reise nach Tschernobyl
Reise nach Tschernobyl

Bist du alt genug um dich an den Fall der Berliner Mauer zu erinnern?

Wo warst du, als du von den Flugzeugen im World Trade Center erfahren hast?

Ein ebenso epochales Ereignis war das Unglück von Tschernobyl 1986.

Ich war erst 7 und zu jung um die Atom-Katastrophe zu verstehen. Um so mehr faszi­niert mich heute der größte nukleare Unfall und seine Folgen.

Ohne das Unglück von Tschernobyl würden wir in einer anderen Welt leben!

Gorbatschow nannte es sogar als Hauptgrund für das Ende der Sowjetunion. Schlimmer noch als der enorme wirtschaft­liche Schaden war das Systemversagen.

Stell dir mal vor Tschernobyl wäre nicht passiert und es gäbe die Sowjetunion heute noch.

Anschaulich werden Fehler im sowje­ti­schen System in der gut gemachten HBO Mini-Serie »Chernobyl« (2019) darge­stellt. (läuft in Deutschland auf Sky)

Aber um Tschernobyl wirklich zu verstehen, musst du den Unglücksort besuchen. Das ist auf einer Osteuropa-Reise einfach und ungefähr­lich. Hier erfährst du wie und warum.

Tschernobyl Karte mit Route der Tagestour – IN GROSS

Tschernobyl Karte: Übersicht über die Sperrzone

Auf der Karte siehst du in blau die Route einer Tagestour von Kiew nach Tschernobyl. Das in lila ist die 30-Kilometer-Sperrzone und das rote die 10-Kilometer-Sperrzone.

Tschernobyl Tour: Kiew Tagesausflug mit Führung

Eine Möglichkeit Tschernobyl zu sehen ist ein Tagesausflug von der ukrai­ni­schen Hauptstadt Kiew. Das gehört zum Standard-Programm von rund einem Dutzend Touranbietern.

Es gibt auch keine legale Alternative die Sperrzone indivi­duell zu besuchen. Nur die Touranbieter können dich bei den Checkpoints für einen Besuch anmelden.

Wenn du die rund 85 Euro für eine Tagestour bezahlst, musst du dich dann aber auch um gar nichts kümmern. Selbst das Mittagessen ist bei den meisten Touren inklu­sive.

Die Touren finden mit wenigen Ausnahmen täglich statt. Weil Tschernobyl immer beliebter wird, musst du mit immer mehr anderen Tourgruppen rechnen.

Praktische Infos zu den Touren findest du am Ende des Artikels.

Touristen am Ortseingang von Tschernobyl

Strahlung in Tschernobyl: Ist ein Besuch gefährlich?

Der große Vorteil einer Tour ist natür­lich, dass dein Führer Bescheid weiß, wo die Radioaktivität gefähr­lich hoch ist.

Der größte Teil der Sperrzone ist heute unbedenk­lich. Es gibt aber nach wie vor einige radio­ak­tive Hotspots, die man meiden sollte.

Dazu gehören Moosflächen und Pilze, die Radionuklide beson­ders stark aufnehmen. Aber auch ganze Gebiete sind noch konta­mi­niert, wie der »rote Wald« nahe dem Reaktor.

Wenn du die vermei­dest ist selbst ein mehrtä­giger Besuch ungefähr­lich. Die Strahlenmenge bei einem Flug nach Kiew ist höher als in einem Tag in der Sperrzone.

Im Kulturpalast der Geisterstadt Prypjat

Prypjat besuchen: Die Geisterstadt bei Tschernobyl

Die größere Gefahr sind die langsam baufäl­liger werdenden Gebäude. Offiziell ist das Betreten zwar verboten, aber das stört niemanden – zum Glück!

Die Geisterstadt Prypjat ist nämlich das eigent­liche Highlight des Ausflugs. Für eine kurze Exkursion gehen wir durch den verlas­senen Kulturpalast und durch eine Schule.

Vor dem Reaktorunfall war Prypjat quasi ein Silicon Valley der Sowjetunion. Nur Musterbürger durften in der Modellstadt 3 Kilometer vom Atomkraftwerk wohnen.

1986 wurde die Stadt nach dem Unfall evaku­iert und die Uhren sind stehen­ge­blieben. Du gehst heute vorbei an Sowjet-Propaganda und einem nie eröff­neten Vergnügungspark. Der ganze Ort ist ein Museum.

Willkommen in Prypjat, Bevölkerung 0. Stell dir vor, dass nach dem Ende der Menschheit einmal alle unsere Städte so aussehen werden.

Riesenrad in der Geisterstadt Prypjat

Tschernobyl heute: Bilder vom Sieg der Natur

Mindestens ebenso inter­es­sant wie Urban Exploration in den Gebäuden ist das viele Grün außer­halb. Die Natur hat sich Prypjat längst zurück­er­obert.

Schon der zentrale Platz vor dem Kulturpalast erinnert an einen Endzeitfilm. Bäume wachsen hier nach mehr als 30 Jahren durch die Fliesen und aus dem Asphalt.

Die ehemals breiten Parade-Straßen in Prypjat sind nur noch einspurig befahrbar. Links und rechts wuchert dichter Wald. Manchmal kannst du aus dem Busfenster ein Gebäude ausma­chen.

Wir sehen keine Tiere, aber es soll hier viele Elche, Wölfe, Wildschweine und Rehe geben. Die Rest-Strahlung ist kein so großer Feind wie der Mensch außer­halb der Sperrzone.

Moos strahlt am meisten, aber auch nicht viel

Friede Freude Eierkuchen in Tschernobyl?

Im Verlauf der Tour stellt sich nicht nur wegen der vielen Natur ein Eindruck von Harmlosigkeit ein. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber Friede Freude Eierkuchen eher nicht.

Einmal stehen wir Schlange am Selfie-Spot direkt vor dem havarierten Reaktor. Der Geigerzähler zeigt sich selbst hier sehr müde. Er schlägt auf der Tour nur einmal, beim Vorbeifahren am roten Wald aus.

Auch dank der laxen Sicherheitsvorschriften kommt kein Gefühl von Gefahr auf. Die Militärs stehen gelang­weilt rum. Für Tausende von hier lebenden Arbeitern ist die Sperrzone sowieso Alltag.

Es hilft auch nicht, dass wir mit einer großen Gruppe von 30 Leuten in einem Reisebus unter­wegs sind. Immer wieder sehen wir andere Tourgruppen, obwohl wir versu­chen ihnen aus dem Weg zu gehen.

In vielen der Gebäude empfangen uns Stillleben mit schön drapierten Gasmasken oder Kinderpuppen. Die Sperrzone wirkt so eher wie die disney­fi­zierte Inszenierung einer Katastrophe.

Anstehen für Selfies vor dem Reaktor 4

Ist eine Tschernobyl Tour Katastrophentourismus?

Aber ist es schlimm, wenn die Sperrzone um Tschernobyl heute eher harmlos ist? Sollten wir uns nicht freuen, dass selbst so ein Super-GAU viel weniger bleibende Schäden hinter­lässt als erwartet?

Besucher in Tschernobyl sind Teil des weltweiten Katastrophentourismus. Aber wem schadet der Tourismus in Tschernobyl? Der von Krieg und Währungskrise gebeu­telten Ukraine sicher nicht.

Sind die Liquidatoren die Leidtragenden, weil sie am heutigen Selfie-Spot ihre Gesundheit für den Bau des Sarkophags riskiert haben? Oder haben sie genau für diese Unbeschwertheit heroisch gekämpft?

Tschernobyl ist sehr polari­sie­rend. Wenn du mich fragst ist das Unglück ein Mahnmal gegen Lügen und gegen das Sparen bei der Sicherheit. Es ist ein Fanal für eine gute Sicherheitskultur.

Wenn ein Boeing Manager einem Angestellten sagt, dass er einen Baufehler beim 737 Max verheim­li­chen soll, dann muss ohne zu Überlegen die Antwort kommen: »Das ist ja wie bei Tschernobyl!«

Tschernobyl unter­scheidet sich in dem Punkt nicht von Auschwitz oder Hiroshima. Je mehr Leute in die Sperrzone kommen um so besser. Wir müssen uns an das Unglück und die gemachten Fehler erinnern.

Gasmasken in einer Schule in Prypjat

Todes-Opfer: Welche Folgen hatte Tschernobyl?

So schlimm Tschernobyl auch war. Bei einem Besuch lernst du, dass sich viele Mythen um die größte Nuklearkatastrophe ranken. Ich war vorher fest überzeugt Tschernobyl hätte zu Missbildungen geführt und zu Hunderttausenden Todesopfern.

Laut offizi­ellen Zahlen sind 31 Menschen direkt durch Tschernobyl umgekommen. Nur Opfer aus dem Jahr 1986 zu zählen ist natür­lich Blödsinn. Wenn du alle Folgeopfer bis heute mitzählt, sind es mehrere Hundert Todesfälle.

Die Weltgesundheitsorganisation geht von 4.000 Todesopfern aus. Das sind Hochrechnungen über Todesfälle durch Strahlenfolgen bis 2065, vor allem Krebs. Die Langzeitfolgen waren nicht so gefähr­lich, wie man zuerst angenommen hatte.

Greenpeace kommt in einer eigenen Hochrechnung auf viel mehr Todesopfer, nämlich 93.000. Übertriebene Zahlen und erfun­dene Horrorgeschichten über angeb­liche Fehlbildungen haben laut WHO mehr Menschenleben gekostet als die Strahlung selbst. Psychosomatische Angst war die schlimmste Gesundheitsfolge von Tschernobyl.

Überrascht? Das war ich aller­dings auch, als ich mich wegen unserem Besuch mit Tschernobyl beschäf­tigte. Tschernobyl war sehr schlimm, aber nicht annähernd so schlimm, wie es oft darge­stellt wird.

Nicht die Strahlung war das Hauptproblem von Tschernobyl, sondern die Angst davor. Das ist nicht nur geschicht­lich inter­es­sant. Strahlenangst ist auch heute noch ein großes Problem bei der Lösung unserer Klimakrise.

Reaktoren 1–4, erst 2001 wurde Reaktor 3 abgestellt

Unfall-Ursachen: Wie ist Tschernobyl passiert?

RBMK-Reaktoren wie Tschernobyl hatten um Kosten zu sparen 3 schwer­wie­gende Baufehler:

  1. positiver Blasenkoeffizient
  2. Graphitspitzen am Bremsstab
  3. keine Sicherheitshülle

Eine unvor­be­rei­tete Nachtschicht sollte für einen »Sicherheitstest« alle automa­ti­schen Notfallsysteme abschalten. Dann wurde sie unter Drohungen gezwungen alle Bremsstäbe auszu­fahren. Durch Baufehler 1 kam es zu einer selbst verstär­kenden Leistungssteigerung.

Als die Leistung rasch stieg betätigte die Kraftwerks-Crew die Notabschaltung. Statt zu bremsen, verstärkten die einfah­renden Bremsstäbe wegen Baufehler 2 die Leistung aber noch auf das Hundertfache. Niemand wusste von dem Baufehler, weil er absicht­lich geheim­ge­halten wurde.

Das Kühlwasser verpuffte explo­si­ons­artig und ließ den tonnen­schweren Reaktor in die Luft schießen. In einer zweiten Knallgas-Explosion wurde der Reaktor dann in der Luft zerrissen. Radioaktives Kernmaterial wurde wegen Baufehler 3 in die Umgebung verteilt und der schmel­zende Reaktorkern lag offen. Hier ist der genaue Ablauf des Tschernobyl-Unfalls.

Hätte es einen dieser Baufehler nicht gegeben, egal ob 1, 2 oder 3, dann würden wir den Namen Tschernobyl heute nicht kennen.

Sowjet Propagandaposter zum Maifeiertag in Prypjat

Sicherheitskultur: Kann sich die Katastrophe wiederholen?

Die Chernobyl-Fernsehserie geht zwar auch auf die Baufehler ein, aber vor allem geht es den Machern um die Fehler im sowje­ti­schen System. Mit einer guten Sicherheitskultur hätte die Katastrophe vermieden werden können.

Im Vordergrund steht in der Serie Valery Legasov. Der Leiter des Untersuchungskomitees wollte Baufehler 2 mit der Notabschaltung nach dem Unfall bekannt machen, um ähnliche Unfälle in Zukunft zu verhin­dern.

Selbst in der Glasnost-Ära der Sowjetunion führte das zur Ächtung und zum vorzei­tigen Ende seiner Karriere. Er hat sich am zweiten Jahrestag von Tschernobyl das Leben genommen.

Die Sicherheitskultur der Sowjetunion war grotten­schlecht. Wer ein Problem ansprach, wurde selbst zum Problem gemacht. Es war wichtiger für Fehler nicht verant­wort­lich zu sein, statt Fehler zu vermeiden.

Tschernobyl passierte also nicht nur wegen den Baufehlern. Aber ohne die drei Baufehler eines russi­schen RBMK-Reaktor hätte die Katastrophe von Tschernobyl nicht passieren können.

In einem deutschen AKW wäre das nicht passiert und die deutschen Meiler sind noch uralte Designs aus den Sechziger Jahren.

Kindergarten vom aufge­ge­benen Ort Kopatschi

»Chernobyl« TV-Serie & andere Empfehlungen

Du planst noch keine Reise in die Ukraine? Schau erstmal die fünftei­lige HBO-Serie »Chernobyl«. Von den Wertungen auf IMDB ist das mittler­weile die beste TV-Serie aller Zeiten.

Die Fernsehserie ist halbwegs realis­tisch, aber es gibt einige Hollywood-Dramatisierungen. Zum Beispiel wird bei den Szenen im Krankenhaus nahege­legt, dass eine Strahlenerkrankung anste­ckend sei, sogar für ungebo­rene Babies. Strahlenopfer werden aber nicht selbst radio­aktiv. Allgemein sind die Strahlenfolgen stark übertrieben darge­stellt.

Wenn du über das wahre Tschernobyl lesen willst, nimm dir das 2019 erschie­nene Buch Midnight in Chernobyl* vor. So viele Fakten wie der New York Times Bestseller hat kein anderes Buch zusam­men­ge­tragen. Dank mehreren Jahrzehnten Abstand zum Unfall enthält das Buch auch vormals geheime Infos. Midnight in Chernobyl gibt es auch als Hörbuch*.

Überhaupt nicht empfehlen kann ich den B‑Movie Horrorfilm »Chernobyl Diaries«. Die erste Hälfte ist noch ok, aber die zweite Hälfte langwei­liger Horror und respektlos gegen­über den tatsäch­li­chen Opfern von Tschernobyl.

Mehr Infos über Tschernobyl heute findest du im tollen Reisebericht von Walter Rüegg. Er hat mit einer kleinen Expertengruppe sogar den Kontrollraum des Reaktors 4 besucht. Als Kernphysiker kann er die Vorgänge in Tschernobyl mit Expertenwissen erklären.

Und hier ist der Text, der mich vor ein paar Monaten zu meinem Besuch motiviert hat: In Tschernobyl gibt es nichts zu befürchten (englisch)

Das riesige Duga Radar liegt auf der Standardroute

Tschernobyl Tour von Kiew: Praktische Infos

Die Tagestour von Kiew dauert wirklich den ganzen Tag bis mindes­tens 21 Uhr. Mach die Tour besser nicht an dem Tag, an dem du abends noch einen Rückflug erwischen musst.

Morgens um 8 Uhr ist Treffpunkt. Wir haben uns mit unserem Touranbieter am Maidan getroffen. Der große zentrale Platz ist super per Metro zu errei­chen. Je nach Anbieter gibt es andere Treffpunkte.

Es sind 2 Stunden Fahrt bis zur 30-Kilometer-Sperrzone. Dort musst du am Checkpoint die Regeln unter­schreiben. Dann bekommst du ein Dosimeter, das deine Strahlung aufzeichnet.

Am Ende der Tour wird dann deine Strahlendosis im Dosimeter ausge­wertet. Außerdem gibt es jedes Mal beim Verlassen der Sperrzone einen Strahlentest. Transparent ist das alles aber nicht.

Nimm eine Flasche Wasser, einen Regenschirm und lange Kleidung mit. Lange Hosen solltest du die ganze Zeit tragen. Langarm wird nur in der 10-Kilometer-Sperrzone empfohlen.

Unsere lustige Tourführerin in Tschernobyl

Welcher Touranbieter für den Tschernobyl-Ausflug?

Welchen Touranbieter du auswählst ist relativ egal. Die fahren alle ungefähr die gleiche Route ab. Achte darauf, dass das Mittagessen in Tschernobyl nicht auch noch extra kostet.

Eine teure deutsche Tour halte ich für unnötig. Das Englisch auf unserer Tour war sehr gut verständ­lich. Zusätzlich kannst du einen Geigerzähler mieten – muss auch nicht sein.

Buche mindes­tens eine Woche vorher. Wenn du nur wenige Tage vorher buchst können Touren ausge­bucht oder teuer sein. Die Touranbieter müssen außerdem im Vorfeld deine Daten übermit­teln.

Wenn du kein Urban Explorer bist, wird dir die Tagestour ausrei­chen. Mehrtägige Touren sind erheb­lich teurer. Du übernach­test dann im Ort Tschernobyl 15 Kilometer vom AKW. Bei viertä­gigen Touren kannst du sogar das AKW selbst besich­tigen.

Wir sind mit dem ältesten Tschernobyl-Touranbieter Solo East gefahren. Die sind sehr zu empfehlen und mit einem 10% Rabatt ab 2 Personen auch preis­lich attraktiv. Du musst auch nur die Hälfte der Kosten vorher anzahlen.

Meine Frau und ich haben die Tour und die Ukraine-Reise natür­lich selbst bezahlt, ohne Sponsor.

Reaktor Replika im Tschernobyl Museum in Kiew

Empfehlung: Tschernobyl Museum in Kiew

Selbst wenn du die Tschernobyl-Tour nicht machen willst, schau in das Tschernobyl-Museum in Kiew. Das bietet viele Informationen und Modelle. Der große Raum mit einer Reaktor-Replika ist sehr gelungen, siehe Bild.

Kiew und die ganze Ukraine sind übrigens ein tolles Reiseziel.

Fährst du nach Tschernobyl oder lässt du es lieber?

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade Schwarzer Tourismus bei The Road Most Traveled.


Kommentare

  1. Avatar von Michael
    Michael

    Der Vergleich mit der Hindenburg ist nicht wirklich passend.

    Es wurden ja trotz Chernobyl weiter AKWs gebaut und betrieben und es gab trotz moderner Technik nur 25 Jahre nach Chernobyl einen weiteren katastro­phalen Unfall. Die havarierten Reaktoren in Fukushima waren modern. Japan, eine der führenden Hightechnationen, ist selbst 8 Jahre nach der Katastrophe noch weit von einer finalen Lösung der mit dem Unfall verbun­denen Probleme entfernt. (https://www.heise.de/tp/features/Fukushima-Roboter-beruehrt-erstmals-geschmolzenes-Material-in-Reaktor‑2–4312119.html).

    Die Auswirkungen eines AKW-Unfalls wie in Fukushima oder Chernobyl sind nicht regional begrenzt so wie der Absturz eines Zeppelins oder Flugzeugs. Bei beiden Unfällen mussten Zehntausende Menschen Ihre Heimat verlassen und umgesie­delt werden. Die von einem Unfall betrof­fenen Gebiete sind über Generationen nicht mehr für Menschen gefahrlos als Lebensraum nutzbar.

    Es reichen ein bis zwei katastro­phale Unfälle in oder nahe einem Land wie Deutschland um große Teile des Landes unbewohnbar zu machen. In diesem Zusammenhang noch ein Zitat: »Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben anhand der bishe­rigen Laufzeiten aller zivilen Kernreaktoren weltweit und der aufge­tre­tenen Kernschmelzen errechnet, dass solche Ereignisse im momen­tanen Kraftwerksbestand etwa einmal in 10 bis 20 Jahren auftreten können und damit 200 mal häufiger sind als in der Vergangenheit geschätzt«. (https://www.mpg.de/forschung/kernenergie-nuklearer-gau).

    Solange Technik von Menschen entwi­ckelt und betreut wird gibt es keine garan­tierte Sicherheit.

    1. Avatar von Florian Blümm

      Fukushima war ein schlimmer Unfall, aber Welten entfernt von Tschernobyl. Es gab 1 Todesopfer.

      Nach Weltgesundheitsorganisation hätten die Leute in der Umgebung ein paar Tage nicht das Haus verlassen sollen. Die Evakuierungen waren unnötig und haben viel Leid verur­sacht.

      Fukushima war der Beweis dafür, dass selbst alte Reaktoren der ersten und zweiten Generation aus den Sechzigern keines­wegs wie Tschernobyl für riesige Umweltschäden sorgen.

      Sollte man deshalb AKWs in durch Tsunamis von 40 Meter Höhe gefähr­dete Gebiete bauen? Natürlich nicht, so eine bescheu­erte Idee!

      Auch Fukushima ist ein guter Vergleich zur Hindenburg. Das AKW Fukushima Daiichi wurde 1966 gebaut. Das war vor mehr als 50 Jahren!

      Wir fahren ja auch keine Autos aus den Sechzigern ohne Knautschzone, Airbag und Dreipunktgurt – außer zur Oldtimer-Rally.

      Aber wir reden hier von Deutschland und von modernen Reaktoren der 3+. und 4. Generation, in denen eine Kernschmelze passiv verhin­dert wird.

      Begraben wir bitte die Hindenburg ein für allemal und damit auch die uralten Meiler aus den Sechzigern, egal ob Tschernobyl oder westliche.

  2. Avatar von Michael
    Michael

    Hallo Florian,

    »kannst du dir vorstellen, wie eine Versiebenfachung bis Verzwanzigfachung von Windrädern und Solarmodulen in Deutschland aussieht? Ich will mir das lieber gar nicht ausmalen.«

    … und ich möchte mir die Folgen eines mit Chernobyl vergleich­baren Unfalls in einem dicht­be­sie­delten Land wie Deutschland gar nicht erst ausmalen. Auch wenn hierzu­lande andere Reaktortypen verwendet werden, bleibt immer eine Restwahrscheinlichkeit für einen schweren Unfall. Selbstverständlich sind unsere Atomkraftwerke selbst gegen solch »unwahr­schein­liche« Unfallursachen wie Erdbeben und Terror mehrfach abgesi­chert. Frage ist aller­dings ob eine solche Absicherung auch wirksam umgesetzt und über Jahrzehnte aufrecht­erhalten wird. Wer hätte denn z.B. mit dem unwahr­schein­li­chen Unfall in Fukushima gerechnet (Interessanter Artikel dazu: https://www.zeit.de/2011/12/DOS-Atomkatastrophe/seite‑3). Neben dem Betrieb der Reaktoren sind auch noch Wiederaufbereitung und Endlagerung der Abfälle als Gefahrenquelle zu nennen und wir sollten nicht vergessen, dass auch Uran nur eine begrenzte Ressource ist. Ich bin der Meinung dass letzt­end­lich nur realis­tisch beherrsch­bare und regene­ra­tive Energiequellen eine wirklich nachhal­tige Lösung für unserer Energieproblem sind.

    1. Avatar von Florian Blümm

      Stell dir vor wir hätten nach dem Absturz der Hindenburg gesagt: »Jetzt ist Schluss mit der Luftfahrt. Fliegen ist viel zu gefähr­lich!«

      Und dann hätten wir niemals ein modernes Flugzeug gebaut, weil sich 1937 ein Wasserstoff-Ballon entzündet hat.

      Ungefähr so läuft die Kernkraft-Diskussion in Deutschland. Tschernobyl ist die Hindenburg der AKWs.

      Technologische Fortschritte gibt es aber reich­lich:
      1. So etwas wie Tschernobyl kann eben nicht in modernen Reaktoren passieren.
      2. Wir können in schnellen Reaktoren den alten »Abfall« als Brennstoff verwerten.
      3. Wir können Reaktoren mit passiver Kühlung oder flüssigem Kern bauen, in denen es nicht zur Kernschmelze kommen kann.

      Schau dir mal die AKWs der vierten Generation an. Reaktoren wie der DFR oder IFR sind »Atommüllfresser« mit inheränter Sicherheit. Niemand hat vor die Hindenburg nachzu­bauen.

      Das ist kein Luxusproblem. Ohne Kernkraft werden wir nicht die Klimaziele schaffen – nicht in Deutschland und schon gar nicht in Ländern wie USA, China und Indien. Das sagt auch der Weltklimarat, der mindes­tens eine Verfünffachung der heutigen Kernkraft-Leistung fordert.

  3. Avatar von Sebastian
    Sebastian

    Hallo Florian,

    vielen Dank für den inter­es­santen Beitrag.

    Aber: Als Physiker und Mensch muss ich dir bei einer Aussage wider­spre­chen.

    »Strahlenangst ist auch heute noch ein großes Problem bei der Lösung unserer Klimakrise.«

    Der Satz sugge­riert, Atomkraft sei die einzige Lösung, klima­scho­nend Strom zu erzeugen. Das ist – sorry – Blödsinn! Wir haben heute mit Photovoltaik, Windenergie und vielem mehr Technologien an der Hand, die problemlos und bei vernach­las­sig­barem Flächenverbrauch den Energiebedarf der Menschheit decken könnten. Was fehlt, ist nur der politi­sche Wille, dies im großen Stil umzusetzen!

    Und noch etwas stößt mir auf:

    »Greenpeace kommt in einer eigenen Hochrechnung auf viel mehr Todesopfer, nämlich 93.000. Übertriebene Zahlen und erfun­dene Horrorgeschichten über angeb­liche Fehlbildungen haben laut WHO mehr Menschenleben gekostet als die Strahlung selbst. Psychosomatische Angst war die schlimmste Gesundheitsfolge von Tschernobyl.«

    Das lese ich aus dem verlinkten WHO-Bericht so nicht heraus. Vielmehr ist die Rede vom »Psycho-social impact« und »mental health«. Es wird explizit erwähnt, dass ein Auslöser dieser Ängste die Umsiedlung der Menschen war, was zum Verlust von Heimat, Job etc. geführt hat. Dies hat nachweis­lich statt­ge­funden und ist keine »Horrorgeschichte«. Darüber hinaus ist es richtig, dass es eine Angst gibt, nach einer Strahlenexposition eines Tages an Krebs etc. zu erkranken. Aber auch diese Angst ist real und nachvoll­ziehbar. Es ist schließ­lich Fakt, dass es zu solchen Erkrankungen kommen kann.

    Viele Grüße,
    Sebastian

    1. Avatar von Florian Blümm

      Sorry Sebastian, aber da hast du dir ein paar Strohmänner hinge­stellt:

      1. Nicht einmal ein Atomlobbyist würde behaupten, dass Kernkraft die einzige Lösung ist, klima­scho­nend Strom zu erzeugen.
      2. Nicht einmal der überzeug­teste Verfechter von Erneuerbaren würde von »problemlos« und »einem geringem Flächenbedarf« sprechen.

      Hier sind 3 Fakten über die deutsche Energiewende:
      1. Die Speicher sind ein riesiges Problem, sowohl was die zeitnahe Machbarkeit angeht als auch die Kosten.
      2. Bei 90% Reduktion des CO2 spricht die Leopoldina-Studie bis 2050 von einer Versiebenfachung der Windräder und Solarmodule.
      3. Wenn du 100% Erneuerbare willst wie bei der Studie der Bundesstiftung Umwelt läuft das auf eine Verzwanzigfachung der Windräder und Solarmodule hinaus.

      Wir stehen nach 2 Jahrzehnten Energiewende noch ganz am Anfang. Das sind techno­lo­gi­sche Probleme. Es fehlt nicht einfach nur politi­scher Wille.

      Kannst du dir vorstellen, wie eine Versiebenfachung bis Verzwanzigfachung von Windrädern und Solarmodulen in Deutschland aussieht? Ich will mir das lieber gar nicht ausmalen.

      Es gibt einen Sweet Spot zwischen den CO2-armen Energieerzeugern Kernkraft, Windkraft und Solarkraft. Und der liegt nicht bei 100% Erneuerbaren. Das sollte dir als Physiker klar sein.

      Die beste Lösung der Klimakrise ist auf Technik-Tabus zu verzichten. Wir sollten uns an Ländern wie Frankreich, Schweden, Finnland und Slowakei orien­tieren, die dank Kernenergie viel erfolg­rei­cher bei der Energiewende sind als Deutschland. Auch der Weltklimarat fordert eine Verfünffachung der Kernenergie bis 2050.

      –

      Ja, die psycho­so­zialen Probleme sind entschei­dend. Dafür war die Evakuierung ein Auslöser, aber nicht der einzige.

      Da gibt es auch nichts »heraus­zu­lesen«. In dem WHO-Bericht von 2016 steht wortwört­lich:

      »Several inter­na­tional studies reported that Chernobyl-affected popula­tions had anxiety levels that were twice as high than non-exposed popula­tion, and were more likely to report multiple unexplained physical symptoms and subjec­tive poor health. To some extent, these symptoms were driven by the belief that their health was adver­sely affected by the disaster and the fact that they were diagnosed by a physi­cian with a “Chernobyl-related health problem”. Given that rates of mental health problems increase after a disaster and may manifest years after the event, it is important to provide access to mental health services in disaster-affected areas on a long-term basis.

      It is also extre­mely important to provide adequate infor­ma­tion to the affected popula­tions and to provide them with psycho­lo­gical support through special programmes.«

      Den letzten Satz mit der adequaten Auskunft über Strahlenfolgen sollten wir uns auch in Deutschland dringend hinter die Ohren schreiben.

      Ja es gibt in den betrof­fenen Gebieten mehr Krebsfälle – aber nicht annähernd in dem Maß, wie es in deutschen Medien darge­stellt wird.

      Ich war schockiert als ich im Laufe meines Besuchs feststellen musste, wie viele falsche Tschernobyl-Vorurteile wir in Deutschland haben…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert