Jede Desti­na­tion ist das, was man selbst dar­aus macht. Auch ein Ort wie Malle oder Ibiza. Oder eben Tene­riffa. Ich ver­su­che, mich daran zu erin­nern, als ich im zwei Stun­den ver­spä­te­ten Feri­en­flie­ger mit jeder Menge 60+ Rei­sen­der sitze und mir anhöre, wel­che Kreuz­fahrt wer ab Tene­riffa macht oder in wel­cher Bet­ten­burg an der Süd­west­küste der Insel wer für den Pau­schal­ur­laub unter­kom­men wird. O Mann! Ob das eine gute Ent­schei­dung war, nach Tene­riffa zu flie­gen? Ich soll es bald her­aus­fin­den. Und mäch­tig über­rascht sein.

Von Kopf bis Herz

Wer Tene­riffa mal auf der Land­karte anschaut, bemerkt es sofort: Die Insel hat die per­fekte Form einer Ente. Oben am Kopf und Schna­bel gibt es das Anaga-Gebirge mit einem Lor­beer­wald, am Bür­zel die wilde Masca-Schlucht mit selbst für geübte Auto­fah­rer furcht­ein­flö­ßen­den Ser­pen­ti­nen und dem gefühl­ten Ende der Welt in Los Silos, einem Dorf vor dem tosen­den Atlantik.

Und genau unterm Bür­zel, an der Süd­west­küste, sit­zen die Tou­ris­ten­mas­sen in ihren All-inclu­sive-Tem­peln, ebenso wie am Fuß der Ente. Im Her­zen der Insel pocht Spa­ni­ens größ­ter Berg, El Teide, der dritt­größte Insel­vul­kan der Erde mit 3718 Metern und UNESCO Welt­na­tur­erbe. Er teilt Tene­riffa in zwei Kli­ma­zo­nen, den kar­gen und wär­me­ren Süden und den grü­ne­ren, aber auch feuch­te­ren Nor­den. Diese Jekyll & Hyde der Insel tref­fen auf der Süd­seite am Puerto de Erjos auf 1117 Metern auf­ein­an­der, einem der wich­tigs­ten Pässe, wo man man­ches Mal aus den nörd­li­chen Wol­ken kom­mend in den schöns­ten Son­nen­schein im Süden hineinfährt.

One moment in time

Ich schnappe mir einen Miet­wa­gen, düse über die Insel­au­to­bahn und beginne meine Reise dort, wo fast kei­ner ist – am Hin­ter­kopf der Ente, unweit von Tejina direkt am Meer. Wer die Auto­bahn an der Ost­küste ver­lässt, die Haupt­stadt Santa Cruz und bald den Flug­ha­fen Nord im Rück­spie­gel sieht, hat wenig spä­ter das wilde, unver­dor­bene Tene­riffa zu Füßen. Hin­ter einer durs­ti­gen Hügel­land­schaft, gespickt mit eini­gen weni­gen Häu­sern oder Gemein­den, eröff­net sich der Blick auf den Atlantik.

Eine enge, kur­ven­rei­che Straße führt tief nach unten. Ich bete, dass mir nie­mand ent­ge­gen­kommt, denn ich kann mir beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len, wohin man bei zwei hohen Mau­ern rechts und links aus­wei­chen soll. Mein Gebet wird erhört. Nach Tejina, direkt an der Küste, sehe ich sie schließ­lich. Eine Oase der Ruhe, in Form eines Land­hau­ses, mit klei­nem Infi­nity Pool über dem tosen­den Ozean. Das Hotel Rural Costa Salada.

Ein­mal im Jahr, für einen Tag, gönne ich mir so etwas. Die­ses Mal den Luxus einer eige­nen klei­nen Ter­rasse mit nächs­tem Stopp offe­nes Meer, das mei­nen Blick füllt, wäh­rend mich das Jacuzzi mas­siert. Rede ich sonst lie­bend gern mit Men­schen und gehe sofort auf Tuch­füh­lung mit einem neuen Ort, schenke ich mir hier einen Tag des Nichts­tuns und Nicht­re­dens. Genieße die leichte Brise auf dem Gesicht und das Licht, das von gel­lend gelb zu ker­zen­weich orange wech­selt, bis der Son­nen­ball im Meer abtaucht und Blau­töne den Him­mel ganz für sich gewinnen.

Selbst nach Jah­ren vol­ler Rei­sen rund um die Welt, mit Son­nen­un­ter­gän­gen zwi­schen Pazi­fik, kari­bi­schem Meer, Atlan­tik und dem japa­ni­schen Meer, erscheint mir kein Son­nen­un­ter­gang wie der andere. Erscheint mir kein Son­nen­un­ter­gang über­be­wer­tet und keine Sekunde des Star­rens in Rich­tung Hori­zont ver­schwen­det. Ich könnte mir kein sanf­te­res, lei­se­res Ankom­men vor­stel­len als mei­nen ers­ten Abend auf Tene­riffa. Auf einer Insel des Massentourismus.

Den vie­len Farb­pa­let­ten der sin­ken­den Sonne fol­gen am nächs­ten Mor­gen noch mehr Facet­ten von Tene­rif­fas Natur. Wer von der Küste über die male­rischste Insel­straße, TF24, ins Herz der Insel fährt, in Rich­tung des Teide Natio­nal­parks, erlebt inner­halb weni­ger Stun­den Land­schaf­ten von Kie­fern­wäl­dern über mond­ähn­li­che Stein­schluch­ten bis zum gro­ßen Gip­fel vul­ka­ni­schen Gesteins und schwe­fel­hal­ti­ger Felsen.

Es ist, als ließe man ein Meer aus Grün unter sich zurück, um mit­ten in die Stein­wüste hin­ein­zu­fah­ren. Von lebens­fro­hem Ambi­ente in ein lebens­feind­li­ches. Und doch inspi­rie­ren mich die ‚Mira­do­res‘, Aus­sichts­punkte, im Nichts noch öfter zum Aus­stei­gen als auf der gemüt­li­chen Wald­straße zuvor. Ich lasse Straße und Auto hin­ter mir und laufe über feine Kie­sel­steine auf röt­li­che Fels­mas­sen zu. Dann die Über­ra­schung: Als ich einen der Steine vom Boden auf­hebe, wiegt er kaum schwe­rer in mei­ner Hand als eine Feder. Auf der ande­ren, dem Meer zuge­wand­ten Stra­ßen­seite, lie­gen Steine und Fels­bro­cken wild über den rauen Boden ver­teilt, als hätte ein toll­wü­ti­ger Riese sie soeben vom Teide geschleu­dert, um die her­um­wu­seln­den Tou­ris­ten von sei­nem Hei­lig­tum fern­zu­hal­ten. Wäre ich er, hätte ich das­selbe gemacht.

Die Spitze des Teide erhebt sich in wei­ter Ferne aus dem Mas­siv. „Wie eine Brust­warze“, höre ich einen jun­gen Mann scher­zen. Die ganz Akti­ven kön­nen den Gip­fel in vie­len Stun­den erwan­dern, wer – wie ich an die­sem Tag – eher chil­lig drauf ist, nimmt die Seil­bahn, die Besu­cher im wahrs­ten Sinne des Wor­tes wie Sar­di­nen in der Büchse in weni­gen Minu­ten auf gut 3500 Meter beför­dert. Um den Gip­fel die letz­ten 200 Meter zu Fuß zu erklet­tern, braucht man eine Geneh­mi­gung, die min­des­tens drei Monate vor­her online bean­tragt wer­den sollte. Ich war lei­der zu spät dran. Eine andere Mög­lich­keit ist es, eine Nacht im Refu­gio, einer Her­berge, auf hal­ber Stre­cke zu ver­brin­gen und mor­gens pünkt­lich zum Son­nen­auf­gang die Vul­kan­spitze zu erobern. Nächs­tes Mal.

Auf dem Dach Spaniens

An die­sem Tag reicht es mir, die Wege ab der Seil­bahn­sta­tion zu erkun­den. Schon nach weni­gen Metern merke ich, dass das Atmen schwe­rer wird und sich mein Kopf komisch leicht anfühlt. Irgend­wie so, als wären über­flüs­sige Gedan­ken auf dem Weg nach oben raus­ge­pur­zelt. Manch ande­rer klagt über Kopf­schmer­zen. Ich fühle mich an die Höhen­krank­heit in den Anden in Peru erin­nert, als Luft in den Lun­gen plötz­lich von einer Selbst­ver­ständ­lich­keit zum kost­ba­ren Gut wurde, um das man stän­dig rin­gen musste. Aber wer die schönste Aus­sicht will, muss lei­den. Der Tag ist post­kar­ten­klar, nur im Nord­os­ten bedeckt eine weiße Wol­ken­schicht sanft das Land. Hier oben scheint sie so weit ent­fernt, als würde ich sie aus Flug­höhe betrach­ten. An man­cher Stelle steigt ein wenig Rauch aus dem hel­le­ren, zum Teil grün­li­chen Gestein auf, es stinkt nach fau­len Eiern. Dann wie­der rol­len die Berg­ket­ten röt­lich-braun auf den Hori­zont zu, las­sen mich an den Grand Can­yon in den USA den­ken. Vul­kan­land­schaf­ten sind mir schon immer unwirk­lich erschie­nen, als säße ich vor der 3D Lein­wand in einem Sci­ence Fic­tion Film. Nur das schwere Atmen und der hohle Kopf erin­nern mich an die Wirk­lich­keit. In wei­ter Ferne ste­chen ein paar Hügel aus dem Meer – La Gomera auf der West- und Gran Cana­ria auf der Südostseite.

Oben auf dem Gip­fel des Teide gibt es außer einem Getränke- und einem Snack­au­to­ma­ten sowie einem Infor­ma­ti­ons­tre­sen nichts. „Das hier ist alles Natio­nal­park und steht unter stren­gem Schutz“, erklärt mir der freund­li­che Mit­ar­bei­ter, „des­we­gen dür­fen jeden Tag auch nur etwa 200 Per­so­nen auf den Gip­fel lau­fen. Sonst würde alles kaputt­ge­tram­pelt.“ Er fährt fort, dass er schon einige Male hier oben über­nach­tet und jedes Mal ganz komi­sche Geräu­sche gehört habe. „Viel­leicht die Geis­ter der Ver­stor­be­nen“, scherzt er, denn erst vor Kur­zem sei ein insel­be­kann­ter Jog­ger auf dem Teide bei Eis und Schnee in einen Abgrund gestürzt und dort erfro­ren. „Auch deut­sche Tou­ris­ten lau­fen oft abseits der Pfade, ver­let­zen sich und müs­sen dann geret­tet wer­den!“ Am impo­san­tes­ten sei es, den Son­nen­auf- und unter­gang vom Teide zu sein, denn der werfe dann einen rie­sig lan­gen Schat­ten bis ins Meer. Jeden Frei­tag­abend werde eine Fahrt mit der Gon­del auf den Gip­fel zu Son­nen­un­ter­gang orga­ni­siert mit anschlie­ßen­dem Mahl und Ster­ne­gu­cken. Meine Liste, was ich beim nächs­ten Mal auf Tene­riffa machen möchte, wird län­ger. Und das, obwohl die­ser roman­ti­sche Abend mit gut 120€ ins Porte­mon­naie schlägt.

Gra­tis bekomme ich eine traum­hafte Rück­fahrt ins Tal. Es pas­siert mir immer wie­der auf Rei­sen: Die aller­schöns­ten Momente gibt es voll­kom­men uner­war­tet an einem belie­bi­gen Ort, wäh­rend ich gerade mit etwas ande­rem beschäf­tigt bin. Auf Tene­riffa pas­siert es hin­ter einer Kurve, als ich soeben mit Schweiß­per­len auf der Stirn in mei­nem Mini-Miet­wa­gen eini­gen Tou­ris­ten­bus­sen aus­ge­wi­chen bin. Die Straße win­det sich, nur mit einer Leit­planke vom Abgrund getrennt, über dem Wat­te­wol­ken von der lang­sam unter­ge­hen­den Sonne rosa­rot bemalt wer­den. Im Radio spielt ‚One moment in time‘, einer mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­hits. One moment in time. So schmerz­lich kurz, und doch werde ich mich län­ger an die­sen einen Augen­blick erin­nern als an viele Stun­den, Tage oder gar Wochen davor.

Denke ich mir, wäh­rend ich in Vilaf­lor anhalte, dem höchst­ge­le­ge­nen Dorf Tene­rif­fas mit eini­gen typi­schen Land­häu­sern und den auf dem Land übli­chen, mit Schnit­ze­reien ver­zier­ten Holz­bal­ko­nen. Dort ver­ab­schie­det sich der Tag end­gül­tig mit Pas­tell­tö­nen aus Rosa, Orange und Gelb. Der Him­mel ist nicht wol­ken­frei, doch gerade die Wol­ken brin­gen die Far­ben des Him­mels so zum Strah­len, wie es klare Luft nie­mals schaf­fen könnte.

Eine Runde Nackt­schwim­men im Atlantik

In bin kein FKK-Anhän­ger, war schon lange nicht mehr an einem rich­ti­gen Nackt­ba­de­strand. Und suche auch kei­nen, als ich am nächs­ten Mor­gen von El Médano an der Süd­küste nach La Tejita auf­bre­che, wo sich ein lan­ger schwar­zer Sand­strand die Küste genau vor dem Süd­flug­ha­fen ent­lang­zieht. Links davon thront die Mon­taña Roja, der rote Berg. Je län­ger ich mich dort in der Sonne aale, jeden Strahl auf­sauge und noch immer von rosa Wol­ken unter mir träume, desto mehr betagte, feu­er­rote und split­ter­nackte Tou­ris­ten bemerke ich. Erho­be­nen Haup­tes schrei­ten sie den Strand hinab, man­che gehen sogar ins Wasser.

Irgend­wann tue ich es ihnen gleich. Bade im Adams­kos­tüm im noch recht mil­den Atlan­tik, mit­ten im Dezem­ber. Wäh­rend ich dem offe­nen, in der Sonne fun­keln­den Ozean ent­ge­gen­schwimme, summe ich ‚One moment in time‘. Egal, was noch kommt, Tene­riffa scheint mir jetzt schon so viel­sei­tig und magisch, wie ich es mir nie vor­ge­stellt hätte. Viel­leicht ein­fach, weil ich immer zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort bin. Oder weil ich weiß, wel­che Orte mir gut­tun, egal, wo ich auch bin.

Ren­dez-vous mit Zie­gen, Wein & Sex

Die Kana­ren sind all­ge­mein bekannt für Zie­gen und Zie­gen­käse. Die größte Pro­duk­tion ist nicht ein­mal auf Tene­riffa, son­dern auf Fuer­te­ven­tura, aber trotz­dem leben auf Tene­riffa etwa 55.000 Zie­gen, dage­gen nur 5000 Kühe. Eine Käse­rei, die ganz oben dabei ist, ist Mon­tes­deoca nörd­lich von Adeje an der West­küste. Es ist ein Fami­li­en­be­trieb, der vor drei Genera­tio­nen mit Vieh­züch­tern auf La Palma begann und mitt­ler­weile inter­na­tio­nale Aner­ken­nung erhält. 1984 ver­suchte sich Leon­cio Gre­go­rio Mon­tes­deoca, der Groß­va­ter der Fami­lie, erst­mals in der Kunst der Käse­pro­duk­tion. Erst Mitte der 90er zog der Betrieb von La Palma nach Tene­riffa, wo der Sohn über­nahm.  „Beson­ders wich­tig ist die Tren­nung der Tiere nach Fut­ter­be­darf, der zum Bei­spiel bei Weib­chen, die gerade Junge bekom­men haben, ganz anders aus­sieht als bei Weib­chen, die erst dem­nächst gepaart wer­den“, erklärt Alberto, ein Mit­ar­bei­ter, der auch Füh­run­gen durch die Käse­rei mit Kost­pro­ben anbie­tet. Daher wer­den die Tiere in ver­schie­de­nen Stäl­len gehalten.

Wenn die Euter so prall sind, dass sie an frisch auf­ge­pumpte Fuß­bälle erin­nern, ist Mel­ken ange­sagt. Die Pum­pen wer­den von Hand ange­legt, dann kann es los­ge­hen mit dem aller­ers­ten Schritt einer lan­gen Käse­pro­duk­tion. Mitt­ler­weile hat die Käse­rei Mon­tes­deoca viele Preise gewon­nen, dar­un­ter 23 in dem renom­mier­ten World Cheese Award, der ein­mal pro Jahr ver­lie­hen wird.

Doch nicht nur Zie­gen­käse wird auf Tene­riffa groß­ge­schrie­ben, son­dern auch Wein. Zwar haben die Weine der Kana­ri­schen Inseln keine inter­na­tio­nale Bedeu­tung, da es nicht genug Anbau­flä­chen auf den ein­zel­nen Inseln gibt. Doch Ein­hei­mi­sche und Besu­cher haben das Glück, kana­ri­schen Wein ver­kös­ti­gen zu dür­fen, des­sen Qua­li­tät vor­züg­lich ist. Auf Tene­riffa kom­men die bes­ten Rot­weine aus dem Orota­va­tal oder Taco­ronte im Nor­den. Wein­lieb­ha­ber kön­nen Weine auch direkt an der Quelle pro­bie­ren, bei­spiels­weise bei Bode­gas Monje.

Diese hat auch etwas ganz Hei­ßes im Pro­gramm: Wine & Sex, was groß auf einem Pla­kat mit einer halb­nack­ten, las­ziv auf einem Wein­fass aus­ge­streck­ten Frau ange­kün­digt wird. Auf die Frage, was genau es damit auf sich habe, wech­selt die etwas hek­ti­sche Bodega-Füh­re­rin schnell das Thema. Die Web­site hin­ge­gen stellt Wein und Sex als beson­ders sinn­li­che Erfah­run­gen dar und bie­tet ero­ti­sche Wein-Stell­dich­eins an – mit ero­ti­schen Film­ein­la­gen, Aus­stel­lun­gen und Kos­tü­men. Muy interesante.

Immer mit der Ruhe

Wie viele Inseln mit mehr als zwei Ber­gen inmit­ten eines Oze­ans, eig­net sich auch Tene­riffa her­vor­ra­gend zum Wan­dern. Nicht nur im Teide-Natio­nal­park auf schwin­del­erre­gen­den Höhen­me­tern. Wan­dern kann man auf der Enten-Insel an fast jeder Ecke. An der Küste ent­lang, durch Wäl­der, über Hügel, Schluch­ten rauf und run­ter oder eben auch im Gebirge. Eine schöne Wan­de­rung führt in der Nähe von Sant­iago del Teide von der Haupt­straße in Rich­tung Meer, begin­nend mit Blick auf den Teide in wei­ter Ferne.

Den Weges­rand zie­ren blü­hende Kak­teen und Wolfs­milch, die ent­ge­gen mei­ner Annahme doch nicht zur Kak­teen­fa­mi­lie gehört. Wer nicht auf eigene Faust wan­dern möchte, son­dern mit Guide, um auch etwas über die Natur und Umge­bung zu ler­nen, wird kaum einen ein­hei­mi­schen Wan­der­füh­rer tref­fen, dafür aber umso mehr deut­sche oder andere aus­län­di­sche Gui­des. „Die Ein­hei­mi­schen wan­dern über­haupt nicht gern“, weiß der deut­sche Arndt Morawe, von sei­nen spa­ni­schen Kum­pels ein­fach Lolo genannt, der bereits seit mehr als einem Jahr­zehnt auf Tene­riffa lebt. Seit eini­gen Jah­ren arbei­tet der pro­fes­sio­nelle Hand­ball­spie­ler als Rei­se­füh­rer für Wikin­ger Rei­sen, ebenso wie Johanna Söh­ner, die eben­falls spe­zi­elle Gesund­heits­wan­de­run­gen mit sport­li­chen Übun­gen an geeig­ne­ter Stelle ein­baut. Ihre Fröh­lich­keit ist so unge­küns­telt, wie sie nur ein echt zufrie­de­ner Mensch ver­sprü­hen kann.

Die Ein­hei­mi­schen genie­ßen ihre Natur ohne gro­ßen Auf­wand: Sie stel­len den Pick­nick­korb ins Auto, fah­ren an eine geeig­nete Stelle ‚im Grü­nen‘, mög­lichst mit Grill­op­tion. Auch wenn sich die­ser grüne Fleck an der Haupt­straße von Sant­iago del Teide befin­det und es gefühlte 12 Grad sind.

Aber eins muss man den Cana­rios las­sen: Sie sind viel­leicht keine gro­ßen Wan­de­rer, dafür aber her­vor­ra­gende Auto­fah­rer. Nichts kann sie aus der Ruhe brin­gen, nicht ein­mal die Masca-Schlucht. Und sollte in einer beson­ders fie­sen Kurve nichts mehr gehen und der Miet­wa­gen­fah­rer vor dem gro­ßen Bus regel­recht in die Knie gehen, steigt der Bus­fah­rer auch schon mal aus, fährt den Miet­wa­gen selbst an sei­nem Bus vor­bei und wünscht dem alber­nen Sonn­tags­fah­rer lächelnd eine gute Weiterreise.

„Die Cana­rios haben immer die Ruhe weg“, erzählt Lolo bei einem ein­fa­chen Mit­tag­essen in einem Guachin­che – ein typisch kana­ri­sches Lokal, wo vor Ort erzeugte Weine aus­ge­schenkt und ein paar orts­ty­pi­sche, ein­fa­che Gerichte ser­viert wer­den. Auf dem Tisch ste­hen an die­sem Tag ‚hue­vos à la estam­pida‘, gestampf­tes Ei, ‚ropa vieja‘, wört­lich alte Kla­mot­ten, was frü­her Essens­reste waren, eine Mischung aus Rind­fleisch, Kar­tof­feln und Kicher­erb­sen, sowie ‚chul­eta‘, ein ordent­li­ches Stück Kotelett.

Es ist ein wenig zugig an dem Tisch mit Bier­gar­ten-Bän­ken, doch das scheint die Ein­hei­mi­schen nicht zu stö­ren. „Die stört nicht ein­mal, wenn sich im Laden eine lange Schlange bil­det, weil ein Kunde einen Schwatz mit dem Ver­käu­fer hält“, plau­dert Lolo aus dem Näh­käst­chen. „Ein­mal stand ich dort über zehn Minu­ten, und alle hör­ten gedul­dig zu, kei­ner sagte etwas. Die haben sich erst ein­ge­mischt, als sie mit der Mei­nung der bei­den Plau­der­ta­schen über eine Fern­seh­se­rie nicht ein­ver­stan­den waren. Dann ging es heiß her und alle fin­gen an zu diskutieren!“

Über­haupt ist alles auf den Kana­ren ein biss­chen anders als auf dem spa­ni­schen Fest­land. Die Men­schen schei­nen gelas­se­ner, spre­chen aber schnel­ler, Busse hei­ßen nicht ‚bus‘ son­dern ‚Gua Gua‘, Zick­lein sind nicht ‚cab­ri­tos‘ son­dern ‚bai­fos‘ und Deut­sche wer­den gern ‚cabe­zas quadra­das‘ genannt – Qua­drat­köpfe. Aber im All­ge­mei­nen inter­es­siert man sich weni­ger für diese und andere Qua­drat­köpfe, was schon beim Auf­schla­gen einer Tages­zei­tung auf Tene­riffa ins Auge fällt: lokale News auf vie­len, vie­len Sei­ten. Dann Nach­rich­ten über die ande­ren kana­ri­schen Inseln. Zuletzt Gran Cana­ria, der Erz­feind Tene­rif­fas, ein biss­chen wie Köln und Düs­sel­dorf. Dann kommt viel­leicht das eine oder andere Wort über das spa­ni­sche Fest­land. Und irgendwo weit hin­ten gibt es auch eine kleine Info über den fer­nen Rest der Welt.

Vom Regen ins Paradies

Es reg­net sel­ten auf Tene­riffa. Manch­mal auch nur ein­mal im Jahr. Und das natür­lich, wenn man selbst dort ist und San Cris­tó­bal de La Laguna erkun­den möchte, die erste Stadt der Kana­ri­schen Inseln, die mitt­ler­weile auch zum UNESCO-Welt­kul­tur­erbe gehört. Doch selbst bei nicht per­fek­tem Wet­ter bezau­bern die kolo­niale Archi­tek­tur und unzäh­lige Gebäude mit traum­haf­ten Hin­ter­hö­fen, wel­che die quir­lige Stadt­füh­re­rin Dominga Rodri­guez Besu­chern lie­bend gern zeigt. „Wisst ihr, was das wirk­lich Beson­dere an La Laguna ist?“, stellt sie ihre Schäf­chen auf die Probe. „Die Stra­ßen wur­den im 15. Jahr­hun­dert ohne den Schutz von Stadt­mau­ern ganz gerad­li­nig ange­legt.“ Dies wird nir­gends so deut­lich wie an einem Modell der Stadt in der Kir­che Santo Dom­ingo. „Noch heute dient dies als Vor­lage für Städte in ganz Latein­ame­rika“, erklärt Dominga stolz. Ich muss an die vie­len latein­ame­ri­ka­ni­schen Städte, die ich besucht habe, den­ken, und sie hat recht: Jede von ihnen ist in ‚Cua­dras‘, Häu­ser­blö­cke, auf­ge­teilt, schön qua­dra­tisch, damit Ver­lau­fen fast unmög­lich wird. So viel zu „deut­schen Quadratköpfen“.

Wer keine Lust hat, im Tene­riffa-Urlaub im Regen her­um­zu­lau­fen, kann ganz ein­fach Trick 17 anwen­den – oder genauer gesagt Trick TF24 oder TF21, denn  das sind die bei­den Stra­ßen, die von den Küs­ten hoch ins Teide Gebirge füh­ren. „Dort oben ist fast immer Sonne“, schwört Lolo. Ob er recht hat? Zum zwei­ten Mal geht es für mich hoch und höher hin­auf in die Berge, durch so dichte Wol­ken und so pras­seln­den Regen, dass kaum der Stra­ßen­rand erkenn­bar ist. Ich denke an die Wol­ken, über denen ich vor weni­gen Tagen gefah­ren bin, selbst auf Wolke sie­ben. Dies hier ist eine andere Welt. Dann plötz­lich, die Hoff­nung ist fast ver­ebbt, drin­gen dünne Son­nen­strah­len durch das Grau, die sich Sekun­den spä­ter in strah­len­den Son­nen­schein ver­wan­deln. Unglaub­lich! Grell­blau ist der Him­mel, als es an den Roques de Gar­cía, einer bizar­ren Fels­for­ma­tion unter­halb des Teide, nach drau­ßen geht. Hier steht der Roque Cin­chado, auch Fin­ger Got­tes genannt, ein Fels, der ein wenig wie ein Stin­ke­fin­ger aus dem Boden ragt und eins der Wah­rei­chen Tene­rif­fas ist. Hier war ich noch nicht bei mei­nem letz­ten Teide-Besuch. Zwar ist die Tem­pe­ra­tur in den letz­ten Tagen min­des­tens um zehn Grad gefal­len und ein eisi­ger Wind kratzt an mei­ner Wange, doch das ist egal.

Ich stehe und starre. In Rich­tung des Teide, den eine Schlei­er­wolke sachte streift, als wolle sie ihn küs­sen. Und auf ein­mal bil­det sich mit­ten aus einer Wol­ken­schicht hin­ter dem Gebirge ein hal­ber, schwa­cher Regen­bo­gen, der zuneh­mend an Farbe gewinnt, als würde sein Maler den Pin­sel immer zuver­sicht­li­cher schwin­gen. Die meis­ten Besu­cher ver­schwin­den bei dem brau­sen­den Wind schnell im Café des gegen­über gele­ge­nen Para­dor, eines Berg­ho­tels, doch ich kann mich noch nicht lösen. Laufe den schma­len Kie­sel­stein­weg hin­ter den Roques de Gar­cía hinab, bleibe immer wie­der ste­hen, um das Natur­schau­spiel mit den Augen zu ver­zeh­ren. Der Regen­bo­gen endet stets mit der Wolke unter­halb des Ber­ges, traut sich nicht rein ins tiefe Blau des Him­mels, gönnt sich noch nicht das Aller­schönste. Dann, als hätte er mich gehört und an Mut gewon­nen, streckt er sei­nen Bogen höher und höher gen Him­mel, bis er einen per­fek­ten hal­ben Kreis vom Fuß des Teide bis zum nächs­ten Berg geschla­gen hat. Ich halte den Atem an. Genieße es, wie­der ein­mal sprach­los sein zu dürfen.

Zum zwei­ten Mal schafft der Teide es, mir einen die­ser ganz beson­de­ren ‚Moments in time‘ zu schen­ken. Einen Moment, der für mich allein bestellt scheint – den ich bekom­men habe, ohne dar­auf gewar­tet zu haben, denn das Wun­der­barste kommt anschei­nend ganz von selbst. Und hätte es nicht schon Alex­an­der von Hum­boldt im Jahre 1799 ver­stan­den, als er auf dem Weg nach Ame­rika eine Woche lang Zwi­schen­sta­tion auf Tene­riffa machte, hätte ich es wohl ganz ähn­lich aus­ge­drückt: „Ich habe im hei­ßen Erd­gür­tel Land­schaf­ten gese­hen, wo die Natur groß­ar­ti­ger ist, rei­cher in der Ent­wick­lung orga­ni­scher For­men. Aber nach­dem ich die Ufer des Ori­noko, die Cor­dil­le­ren von Peru und die schö­nen Täler Mexi­kos durch­wan­dert, muss ich geste­hen, nir­gends ein so man­nig­fa­ches so anzie­hen­des, durch die Ver­tei­lung von Grün und Fels­mas­sen so har­mo­ni­sches Gemälde vor mir gehabt zu haben […]“.

Die Reise wurde unter­stützt von Wikin­ger Rei­sen mit Unter­kunft im Hotel Luz del Mar in Los Silos.

Cate­go­riesKana­ri­sche Inseln
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

  1. Ein wirk­lich tol­ler Arti­kel, macht wirk­lich Spass die­sen zu lesen und die Bil­der sind ein­fach nur toll!
    Man bekommt wirk­lich das Gefühl direkt vor Ort zu sein!

    Wei­ter so! Ganz liebe Grüsse aus der Schweiz

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Für Entdecker