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New Yorker Geschichten

Eine Reise auf den Spuren der eigenen Jugend 

An einem mil­den Okto­ber­abend schlen­dere ich durch das bei­nahe men­schen­leere Brook­lyn Museum. Das mäch­tige Beaux-Arts-Gebäude am Pro­s­pect Park ist das zweit­größte Kunst­mu­seum in New York und eines der größ­ten in Nord­ame­rika. An die­sem Don­ners­tag ist bis 22 Uhr geöff­net, der Ein­tritt nach 18 Uhr frei. Ver­gli­chen mit dem Gedränge in den berühm­ten Museen der Upper East Side ist die Atmo­sphäre gera­dezu klös­ter­lich, was die Dimen­sio­nen des Bau­werks noch spür­ba­rer wer­den lässt. Hal­len­den Schrit­tes durch­streife ich teils ver­las­sene Säle, vor­bei an zahl­rei­chen Erin­ne­rungs­stü­cken der ame­ri­ka­ni­schen Geschichte. Hier eine Jacke, die dem Lakota-Krie­ger Crazy Horse gehört haben soll, der 1876 Gene­ral Cus­ter am Little Big­horn River ver­nich­tend schlug und des­sen Kon­ter­fei aktu­ell in einem Mehr­ge­ne­ra­tio­nen-Pro­jekt aus den Fel­sen der Black Hills in South Dakota geschält wird. Im Neben­raum dann Land­schafts­an­sich­ten der soge­nann­ten Hud­son River School. Einer Künst­ler­gruppe, die im 19. Jh. die spek­ta­ku­lä­ren Natur­sze­ne­rien doku­men­tierte, die sich den Euro­pä­ern im Zuge der West­ex­pan­sion erschlossen. 

Eine sturm­ge­peitschte Land­schaft von gewal­ti­gem Aus­maß lässt mich inne­hal­ten. Storm in the Rocky Moun­ta­ins, Mt. Rosa­lie von Albert Bier­stadt, gemalt 1866. Mit sei­nen rund 3 x 4 Metern zieht das Bild den Blick in dem an tol­len Gemäl­den nicht armen Aus­stel­lungs­saal magisch auf sich. Beein­druckt nehme ich auf einer Bank platz und ver­liere mich in der Szenerie. 

Kunst­werke wie die­ses haben die Welt­sicht der Men­schen von einst in ähn­li­chem Maße geprägt, wie es heu­tige Medien mit uns tun. Die Maler der Hud­son River School prä­sen­tier­ten die Wun­der der „Neuen Welt“ und tru­gen so ihren Teil dazu bei, dass die Euro­päer in Scha­ren über den Atlan­tik ström­ten. Viele ihrer Werke waren von der Idee beseelt, Ame­rika sei jener „Gar­ten Eden“, des­sen Exis­tenz die Euro­päer vor Kolum­bus’ Ent­de­ckungs­fahrt jen­seits des gro­ßen Was­sers vermuteten. 

Albert Bier­stadt: Storm in the Rocky Moun­ta­ins, Mt. Rosa­lie, 1866, Brook­lyn Museum, New York.

Wäh­rend mein Blick über Bild­de­tails schweift, erin­nere ich der Ursprünge mei­ner eige­nen Begeis­te­rung für Ame­rika. Als Teen­ager durfte ich nur sel­ten fern­se­hen. Die­ser Umstand hielt mich aller­dings nicht davon ab, Gue­ril­la­tak­ti­ken zu ersin­nen, um heim­lich unse­rem mons­trö­sen Röh­ren­fern­se­her nahe­zu­kom­men. Einem die­ser kapi­ta­len Brum­mer, die nur unter grö­ße­ren kör­per­li­chen Stra­pa­zen bewegt wer­den konnten. 

Sobald sich die Fami­li­en­ober­häup­ter zum Mit­tags­schlaf zurück­ge­zo­gen hat­ten, schlich ich ins Wohn­zim­mer und plat­zierte mich ganz dicht vor dem Gerät. Den Aus­schal­ter in Reich­weite für den Fall, dass schlech­ter Schlaf, eine schwa­che Blase oder die Zeu­gen Jeho­vas die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten vor­zei­tig aus ihren Gemä­chern zwang. 

Gebannt klebte ich vor der Matt­scheibe und ver­folgte, wie sich Mac­Gy­ver mit cle­ve­ren Bas­te­leien aller Wider­sa­cher ent­le­digte, der stolze Apa­che Win­ne­tou sein Land vor dem wei­ßen Mann ver­tei­digte und sich das A‑Team durch die täg­li­chen Epi­so­den prügelte. 

In die­sen Stun­den wurde meine Fas­zi­na­tion für Ame­rika gebo­ren. Alles dort wirkte schö­ner, läs­si­ger, viel­fäl­ti­ger, krea­ti­ver und fort­schritt­li­cher als die nord­deut­sche Pro­vinz, die meine Hei­mat war. Ich wollte Anzüge tra­gen wie Don John­son in Miami Vice, Rap­pen wie Emi­nem und Ska­ten wie Tony Hawk. Statt­des­sen trug ich Omas Strick­pul­lis, spielte Cello und tanzte mei­nen Namen. 

Mit den Jah­ren ent­wi­ckelte ich eine beson­dere Affi­ni­tät für New York, dem „con­crete jungle where dreams are made of“, wie Ali­cia Keys in ihrer Hymne an die Stadt am Hud­son River so tref­fend singt. Was mir dar­über bis zu mei­ner Reise bekannt ist, habe ich vor allem in TV und Kino „gelernt“. Ich beglei­tete Woody Allen und Diane Kea­ton auf ihrer Wan­de­rung durch Man­hat­tan, die mor­gens auf einer Park­bank am East River, im Schat­ten der Queens­boro Bridge, ihr Ende fand (Man­hat­tan). Ich saß mit Harry und Sally bei Katz’ Deli­ca­tes­sen (Harry & Sally), bin in de Niros Taxi durch die Nacht gefah­ren (Taxi Dri­ver), war mit Dus­tin Hoff­man im Cen­tral Park jog­gen (Mara­thon Mann) und lernte mit Char­lie Sheen die Raff­gier der Hoch­fi­nanz ken­nen (Wall Street). 

Nun bin ich tat­säch­lich an die­sem mythi­schen Ort, um all jene über die Jahre gesam­mel­ten Vor­stel­lun­gen mit Bil­dern der Rea­li­tät zu ver­glei­chen. Um etwa­ige Vor­ur­teile ab- und eigene Urteile auf­zu­bauen. Für mich einer der wich­tigs­ten Gründe für das Reisen.

Ich löse mich von Bier­stadts Ber­gen, ver­lasse das Museum und trete hin­aus auf den abend­li­chen Eas­tern Park­way. Wenige Tage zuvor ist mein Flie­ger auf dem Roll­feld des JFK Inter­na­tio­nal Air­port auf­ge­setzt. Stil­echt im gel­ben Taxi fahre ich gen Man­hat­tan. Ein wasch­ech­ter Door­man öff­net die Ein­gangs­tür eines Appar­te­ment­hoch­hau­ses und ich trete zur längs­ten Fahr­stuhl­fahrt mei­nes Lebens an. Vom Bal­kon des 24ten Stock­werks brül­len Stra­ßen­lärm und Aus­sicht unmiss­ver­ständ­lich: Wel­come to the Big Apple! 

Lichter der Großstadt 

Begeis­tert beschließe ich, noch am sel­ben Abend ein Stück die­ses „gro­ßen Apfel“ zu kos­ten und stürze mich ins Getüm­mel am nahe gele­ge­nen Times Square. Auf dem Weg dort­hin umge­ben mich grelle Lich­ter tou­ris­ti­scher Ramsch­lä­den, der Duft von Street­food und die Gestal­ten der Nacht. Ich muss an Taxi Dri­ver und Tra­vis Bick­les kla­gende Gedan­ken über den Zustand der Stadt den­ken. Auch jetzt sta­peln sich Müll­sä­cke und ver­brei­ten ein süß­li­ches Aroma. Mas­sen von Autos quä­len sich in den Stra­ßen voran. Man­che hupen, aber wohl nur aus Prin­zip, denn brin­gen tut das hier nicht wirk­lich etwas. Man­cher­orts wabert der Duft von Mari­huana in der Luft. Obdach­lose lie­gen ent­lang der Bür­ger­steige, auf denen Men­schen­mas­sen zum neon­flim­mern­den Epi­zen­trum Man­hat­tans pilgern. 

Der Film­klas­si­ker von Mar­tin Scor­sese han­delt in jenen Tagen, als die­ser Bezirk sinn­bild­lich den Ver­fall einer stol­zen Metro­pole ver­kör­perte. Als Dro­gen, Kri­mi­na­li­tät und Por­no­ki­nos den All­tag präg­ten. Damals wie heute ist es ein sur­rea­ler Ort, der viele Namen trägt und jähr­lich von Mil­lio­nen Men­schen fre­quen­tiert wird. Für die einen ist er der Nabel der Welt, für andere ätzen­der Kommerz. 

Es ist Sams­tag­abend und der Bewe­gungs­spiel­raum gleicht stel­len­weise einer Metro-Fahrt zur Rush-Hour. Auf den Stu­fen der im Zen­trum des Plat­zes errich­te­ten roten Treppe lasse ich den Wahn­sinn auf mich wir­ken. Broad­way-Shows, Filme, Pro­dukte und Erleb­nisse wer­den auf gigan­ti­schen Rekla­me­ta­feln bewor­ben und wett­ei­fern in sat­ten Far­ben um meine Auf­merk­sam­keit. Die Geräusch­ku­lisse ähnelt einem mäch­ti­gen Rau­schen, das bei genaue­rem Hin­hö­ren in Dut­zende Fremd­spra­chen, Musik, Auto­mo­to­ren, Hupen, Geläch­ter und andere Dinge ausfranst. 

Von Sin­nes­ein­drü­cken bene­belt mache ich mich auf den Heim­weg und über­bli­cke anschlie­ßend vom Bal­kon die Lich­ter der Groß­stadt. Unter mir schiebt sich der Ver­kehr die 11th Ave­nue hin­auf Rich­tung Nor­den. Zu mei­ner Lin­ken liegt der Hud­son River im Dun­keln und speit auch weit nach 23 Uhr einen unab­läs­si­gen Strom an Fahr­zeu­gen aus dem ihn unter­füh­ren­den Lin­coln-Tun­nel, der Man­hat­tan mit New Jer­sey verbindet. 

Mich fas­zi­niert der Gedanke, dass alles, was sich in sei­ner Mons­tro­si­tät vor mir aus­brei­tet, von Men­schen erdacht und errich­tet wurde. Ein inspi­rie­ren­des, chao­ti­sches Sinn­bild mensch­li­chen Poten­zi­als. Hin­ter jedem der Aber­tau­send erleuch­te­ten Fens­ter ver­ber­gen sich Geschich­ten und Schick­sale, die den Rhyth­mus die­ses Mega-Metro­po­lis prä­gen und seine Pro­zesse am Lau­fen halten. 

New York ist in der Tat eine Stadt, die nie­mals zu schla­fen scheint. Sie lässt auch mich nicht ruhen, weil die Kako­fo­nie der Geräu­sche erst in den frü­hen Mor­gen­stun­den für einen flüch­ti­gen Augen­blick etwas abklingt, nur um kurz dar­auf zum erneu­ten Cre­scendo anzu­schwel­len. Die Ener­gie und das Tempo hier sind anste­ckend, nichts scheint (lange) still zu ste­hen. Es passt zu mei­ner Art des Rei­sens. Immer in Bewe­gung, streu­nend, um einen quer­schnitt­haf­ten Blick auf das Leben einer Region zu erhaschen. 

Von Rappern und Streetball – Unterwegs in Harlem 

Am nächs­ten Mor­gen mache ich mich mit der New Yor­ker Metro und der gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Vor­liebe der Ame­ri­ka­ner für Kli­ma­an­la­gen ver­traut. Luf­tig beklei­det bevöl­kern sie die Züge, wäh­rend recht fri­sche Tem­pe­ra­tu­ren ihre Haut umschmei­cheln und ich dar­über sin­niere, die nächste Fahrt bes­ser mit Schal und Jacke anzutreten. 

Das Navi­gie­ren des Metro­net­zes von Man­hat­tan ist indes ein Kin­der­spiel. Es kennt, abge­se­hen von eini­gen Linien, die Mid­town Rich­tung Queens kreu­zen, im wesent­li­chen zwei Rich­tun­gen. Upt­own und Down­town. Doch es lau­ern Tücken. An einem der Ers­ten Rei­se­tage ver­wechsle ich die express train (hält an weni­gen Sta­tio­nen einer Route) mit der local train (hält an jeder Sta­tion). Anstatt wenige Blocks Upt­own zu fah­ren, finde ich mich plötz­lich in Har­lem wie­der. Jenem nörd­li­chen Teil Man­hat­tans, der auf­grund sei­ner Kri­mi­na­li­täts­rate frü­her lan­des­weit berüch­tigt gewe­sen ist. Irri­tiert ent­steige ich der Bahn und nehme sicher­heits­hal­ber den nächs­ten Zug zurück, als ich rea­li­siere, wo ich mich befinde. Die Sta­tion ist kaum besucht, Graf­fi­tis schim­mern im Neon­licht. Zwar erhält man längst keine Tap­fer­keits­me­daille mehr, wenn es einen in diese Gegend ver­schlägt, den­noch schie­ben sich mir unge­fragt all die Ste­reo­type und Film­sze­nen von Dro­gen­de­als und schwe­ren Jungs wie ein Schleier vor das Bewusst­sein, die meine Vor­ur­teile des Stadt­teils noch immer zu prä­gen scheinen. 

Ich nehme die­ses Erleb­nis zum Anlass, aber­mals nach Har­lem auf­zu­bre­chen, um diese Vor­stel­lun­gen mit Ein­drü­cken der Rea­li­tät zu über­schrei­ben. Denn genau dafür bin ich schließ­lich nach New York gekom­men. Im Wohn­zim­mer einer rüs­ti­gen Dame, die immer Sonn­tags dort­hin ein­lädt, lau­sche ich Par­lor Jazz und ver­speise bei Amy Ruths in herz­li­chem Ambi­ente Chi­cken & Waf­f­les mit obs­zö­nen Men­gen an But­ter und Ahorn­si­rup. Das zu die­ser Stunde bes­tens besuchte Restau­rant ist eine Insti­tu­tion in Har­lem. Eines der Geheim­nisse von Amy Ruths bekann­ter Rezep­tur ist Zeit. 24 Stun­den mari­nie­ren Hähn­chen­schen­kel in einer gehei­men Gewürz­mi­schung und 24 Stun­den gedeiht der Waf­fel­teig in einer Schüs­sel, ehe alle Zuta­ten zu einem herr­li­chen Gau­men­schmaus zusam­men­ge­führt wer­den. Gesund ist das sicher­lich nur bedingt, das macht aber nichts. Es heißt schließ­lich Soul Food, See­len­nah­rung. Und genauso beseelt fühle ich mich auch, als ich mei­nen zum Bers­ten gefüll­ten Kör­per nach ver­rich­te­ter Tat zur Tür hin­aus auf die Straße rolle. 

Ich stelle fest, dass aus dem berüch­tig­ten Pro­blem­vier­tel ein Stadt­teil im Auf­bruch erwach­sen ist. Tou­ris­ten spa­zie­ren auf der 125ten Straße, vor­bei am legen­dä­ren Apollo-Thea­ter, die Gen­tri­fi­zie­rung lässt Mie­ten stei­gen. Es sind Ent­wick­lun­gen, die Hoff­nung machen, teils jedoch blen­den, weil sie neue Her­aus­for­de­run­gen für die lokale Gemein­schaft mit sich bringen.

Ich spa­ziere ent­lang präch­ti­ger Brown­sto­nes in der Striver’s Row und wage mich gar in die soge­nannte “Dan­ger Zone”, um das dem 1999 in der Nähe erschos­se­nen Rap­per Big‑L gewid­mete Wand­bild zu bestau­nen. Bezeich­nen­der­weise ereig­nete sich wenige Tage vor mei­nem Besuch an die­ser Stätte ein Zwi­schen­fall, der einen jun­gen Afro­ame­ri­ka­ner das Leben kos­tete und des­sen Able­ben mit einer Hin­weis­ta­fel betrau­ert wird. 

Lamont Cole­man alias Big‑L war auf dem Weg ein Gro­ßer in der Musik­bran­che zu wer­den und hat Stars wie Jay‑Z oder Emi­nem geprägt. Der Künst­ler Floyd Sim­mons hat ihm ein Denk­mal gesetzt, das zum Zeit­punkt mei­nes Besuchs lei­der von einem Gerüst ver­stellt war.

Wenn­gleich das Rad der Zeit vie­les in Har­lem zum Posi­ti­ven gewan­delt zu haben scheint, sind die Geis­ter der Ver­gan­gen­heit nicht ver­ges­sen. Auch im nord­öst­li­chen Teil, beim legen­dä­ren Rucker Park Bas­ket­ball-Court, atme ich die sozia­len Pro­bleme, die frü­her nahezu die gesamte Gegend ein­ge­nom­men haben. Bis auf ein paar Teen­ager ist der Platz an die­sem Nach­mit­tag ver­las­sen. Das Netz eines der Körbe hängt in Fet­zen herab, im Hin­ter­grund tür­men sich die 1.616 Sozi­al­woh­nun­gen der tris­ten Polo Grounds Tower. Fernab der Edel­bou­ti­quen und Luxus­ap­par­te­ments im Her­zen Man­hat­tans ist das die andere Rea­li­tät New Yorks. Immer wie­der geis­tern Geschich­ten von töd­li­chen Zwi­schen­fäl­len in die­sem Wohn­kom­plex durch die Tages­presse – sofern sie medial über­haupt zur Kennt­nis genom­men wer­den. Kaum vor­stell­bar, wie die­ser Bezirk zum Leben erwacht, wenn sich die Bes­ten Street­bal­ler im Rucker Park tref­fen und mit ihren spie­le­ri­schen Fähig­kei­ten die Gren­zen der Krea­ti­vi­tät aus­lo­ten. Es heißt, in New York und spe­zi­ell an die­sem Ort sei der Street­ball erfun­den wor­den. Eine spek­ta­ku­lä­rere Form des Berufs­bas­ket­balls, den ich einige Tage zuvor im Madi­son Square Gar­den gese­hen habe, wenn­gleich die Tricks der Stra­ßen­spie­ler längst zum Reper­toire vie­ler NBA-Pro­fis gehören. 

Mekka des Street­balls. Im Rucker Park tref­fen sich die Ball­künst­ler zum Schlag­ab­tausch. Nicht sel­ten mischen sich auch gestan­dene NBA-Pro­fis darunter.

Im Rucker Park wer­den Stars gebo­ren und bereits Eta­blierte kön­nen street cre­di­bi­lity erlan­gen. Kobe Bryant war hier, ebenso Allen Iver­son. Und der junge Kevin Durant, der 2011 in einer hei­ßen August­nacht mit 66 Punk­ten eine Leis­tung für die Ewig­keit aus dem schlak­si­gen Ärmel schüt­telte, nach­dem er der Legende zufolge vorab einen Tel­ler gebra­te­nes Hühn­chen sowie Mac & Cheese ver­speist haben soll. Soul Food eben. 

Auf dem Rück­weg wer­den pop­kul­tu­rel­les Zerr­bild und Rea­li­tät kurz­zei­tig eins beim Anblick eines wasch­ech­ten „Gangsta“, der mit wum­mern­dem Ghet­to­blas­ter fla­niert und mich in jene Tage zurück­ver­setzt, an denen diese Ein­flüsse mei­nen „Dress­code“, mei­nen Musik­ge­schmack und meine Annah­men über Ame­rika bestimmt haben. Einer Zeit, in der die dor­tige Hip-Hop- und Stra­ßen­kul­tur das wal­dörf­li­che Idyll mei­ner Schule erschüt­terte und ich mei­nen schmäch­ti­gen Kör­per in über­große Pull­over sowie Hosen hüllte, deren Maße einem Schlaf­sack nicht fern waren. 

Träume und Realitäten 

In den kom­men­den Tagen gehe ich den Ein­flüs­sen mei­ner Jugend wei­ter nach. In der Lower East Side, einem Vier­tel, über des­sen dro­gen­ge­prägte Ver­gan­gen­heit zuneh­mend die Hips­ter-Apo­ca­lypse her­ein­bricht, sitze ich in Geden­ken an Harry & Sally bei Katz’s Deli vor einem mäch­ti­gen Past­rami-Sand­wich von gro­ßer Saf­tig­keit. Jener Tisch, an dem Meg Ryan und Billy Crys­tal in Rob Rei­ners Kult- Komö­die Platz nah­men, ist selbst­re­dend besetzt. Das berühmte Happy-End bleibt aller­dings aus. 

Am Cole­man Ground Skate­park, unter­halb der Man­hat­tan Bridge, beob­achte ich die Tony Hawks von mor­gen und streife durch die Straße, in der die Rap-Ikone Noto­rious B.I.G. auf­wuchs, des­sen Por­trät ich auf etli­chen groß­for­ma­ti­gen Street Art Murals in Brook­lyn – von Bed-Stuy bis Bush­wick – ent­de­cke. Ich spüre die Haupt­schlag­ader des Welt­fi­nanz­sys­tems in den Stra­ßen­can­yons des Finan­cial Dis­trict, des­sen Dyna­mi­ken Oli­ver Stone in Wall Street so bril­lant offen­bart hat, und treffe im Ame­ri­can Indian Com­mu­nity House in Man­hat­tans wuse­li­ger Chi­na­town den Groß­nef­fen jenes Crazy Horse, des­sen Klei­dung ich kurz dar­auf in einer Vitrine des Brook­lyn Museum bestau­nen würde. 

Den „Schmelz­tie­gel der Kul­tu­ren“, den viele in New York erken­nen, erlebe ich nir­gendwo so deut­lich wie in Jack­son Heights/Queens. Hier tref­fen Mitt­le­rer Osten, Asien, Latein- und Süd­ame­rika mit bun­ten, teils inein­an­der ver­schach­tel­ten Geschäf­ten auf­ein­an­der. Auf den Spu­ren von Anthony Bour­dain ver­kös­tige ich hier nepa­le­si­sche Teig­ta­schen in einem win­zi­gen, ver­steck­ten Imbiss, der ledig­lich über einen Laden für Handy-Zube­hör erreich­bar ist.

Am Abrei­se­tag sitze ich am Flug­ha­fen, kaue auf einer Mahl­zeit, fühle mich welt­män­nisch und lasse das erlebte Revue pas­sie­ren. Meine Streif­züge haben mich in bei­nahe jedes Vier­tel Man­hat­tans getra­gen, hin­über nach Queens und bis ins rus­sisch geprägte Brigh­ton Beach, am äuße­ren Rand von Brook­lyn. Wer an New York denkt, denkt zumeist an Man­hat­tan und seine Post­kar­ten­mo­tive, die Filme, Rei­se­füh­rer, Maga­zine und Insta­gram-Influen­cer ste­tig prä­sen­tie­ren. Ste­reo­type las­sen sich eben leich­ter ver­mark­ten und Wie­der­ho­lung schafft ver­trauen. Das stän­dige Auf­wär­men bestimm­ter Sicht­wei­sen sickert nach und nach ins Unter­be­wusst­sein und formt unsere Wahr­neh­mung. Es ist eine grund­le­gende Tech­nik der Mei­nungs­ma­che. Wir glau­ben dadurch zu „wis­sen“, wie die Welt aus­sieht, wel­che Län­der und Orte sehens­wert und wel­che schein­bar gefähr­lich sind. Drum betrachte ich das Rei­sen in Zei­ten media­ler Dau­er­be­schal­lung als fast wich­ti­ger denn je, um sich ein eige­nes Bild zu machen, statt allein den Bil­dern ande­rer zu vertrauen. 

Wie jede Metro­pole ist New York eine Stadt mit etli­chen Schat­tie­run­gen und Nuan­cen, von denen ich ledig­lich eine grobe Skizze ein­fan­gen konnte. Man­ches ent­sprach mei­nen Ideen, man­ches weni­ger. So deck­ten sich meine Ein­drü­cke von Har­lem natür­lich nicht mit denen des ver­wahr­los­ten Ghet­tos, die sich mir in mei­ner Jugend ein­ge­brannt haben. Das liegt an der vor­an­ge­schrit­te­nen Zeit, aber auch an der Viel­zahl von Lebens­rea­li­tä­ten, die ich dort antraf und die Filme in die­ser Kom­ple­xi­tät kaum ver­mit­teln können. 

Immer wie­der ertappe ich mich dabei, wie ich ver­su­che, die Lebens­welt auf Gefühle abzu­tas­ten, die mir zuvor durch fil­mi­sche Abbil­der der­sel­ben auf­ge­drängt wur­den. Das gelingt nur spo­ra­disch, weil Filme (und Serien) Rea­les ver­dich­ten und durch geschick­tes Set Design ver­än­dern – ganz ähn­lich, wie es schon Albert Bier­stadt in sei­nen Gemäl­den zu tun ver­mochte, deren Wahr­heits­ge­halt His­to­ri­ker teil­weise anzwei­feln. Wäh­rend er damals sei­nen Lands­leu­ten eine Idee des ame­ri­ka­ni­schen Wes­tens prä­sen­tierte, ver­mit­teln uns Spiel­filme heute eben­falls Ideen bestimm­ter Regio­nen – wenn­gleich deut­lich raf­fi­nier­ter. „Woody Allens“ Bank am East River suche ich vergebens. 

Man­hat­tan (1979), Regie: Woody Allen. Quelle: indiewire.com.

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