L

Lockdown – Zwischen Wahnsinn und Vernunft

Milly und ich sitzen draußen an ihrem kleinen Holztisch mit rangeschraubten Bänken und rühren mit länglichen Holzstücken in einer Mischung aus Split und Erde herum. Der Split ist eigentlich dafür da, ihn in die Lücken zwischen den Pflastersteinen zu kehren und steht überdacht in einem großen Eimer. Von dort aus schafft sie ihn sandförmchenweise heran. Die Erde kommt aus dem Beerenbeet. Mit ernstem Gesicht rührt Milly in ihrem Hasenförmchen herum und sieht zu meinem herüber. „Deins ist jetzt fertig!“ Sie schüttet meine Spliterde auf den Tisch. Das meiste fällt durch die Ritzen auf den Boden. Sie nimmt mein leeres Fußförmchen mit, um die nächste Ladung Split zu holen.

Ich bin – wie wahrscheinlich die meisten von uns Erwachsenen – viel zu zielorientiert, um all die tollen Spiele richtig genießen zu können, die meine 5-jährige Tochter den ganzen Tag lang so vorschlägt. Sie schleppt die tollsten Baumaterialien für unser neues „Hauptquartier“ herbei – Balkonbankkissen, Maltischstühlchen, frisch gewaschene Bettbezüge und noch nicht abgewaschene Salatschüsseln – und ich denke nur an die schmierigen Folgen, ans Waschen, Putzen und Aufräumen. Gleichzeitig tut es mir leid, dass ich nicht mit ihr im Moment sein kann, nicht die gleiche Begeisterung für dieses großartige Projekt entwickeln kann wie sie.

Und dann alle zwei Sekunden: „Mama, im Spiel bin ich Sarah und mein Pferd heißt Scarlett. Und Du bist Alma und dein Pferd heißt Button. Ich hol jetzt Scarlett. Scarlett hat gerade ein Fohlen bekommen. Es heißt Sabrina und ist pink. Im Spiel hat Scarlett einen weißen Körper und eine bunte Mähne. Und Button hat einen grünen Körper und ein bisschen rot in der Mähne. Mami im Spiel sag ich jetzt… und du sagst dann… Mami im Spiel… Mami im Spiel….“ Den ganzen Tag lang spielen – dagegen ist Arbeiten ein Kinderspiel!

Der Lockdown mit Kontaktsperre hält nun bereits 4 Wochen an. Wir haben den 18. April 2020. Vor wenigen Tagen kam die Nachricht, dass die Kitas bis nach den Sommerferien geschlossen bleiben sollen. Das heißt für Milly und viele andere Kinder, dass sie überhaupt nicht mehr in den Kindergarten (oder in die Krippe) zurückkehren können. Als nächstes kommen sie in die Schule (oder eben in den Kindergarten), und zwar in Niedersachsen Ende August. 

Ich klammere mich an das Fünkchen Hoffnung, dass vielleicht die Kontaktsperre wenigstens ab dem 4. Mai gelockert wird. Dann könnte man sich mit einer anderen Familie betreuungsmässig arrangieren. So hatten wir es gemacht, bevor die Kontaktsperre kam: Millys beste Freundin wohnt um die Ecke. Vormittags kam sie zu uns, nachmittags war Milly dort. Aber seit der Kontaktsperre ist das illegal. Ihre Mutter ist Lehrerin und möchte sich verständlicherweise nicht unvorbildlich verhalten – Nachbarn, Schüler und Kollegen würden es mitkriegen, und man weiß ja nie. 

Aber ganz ehrlich: ich persönlich hätte einfach damit weitergemacht. Ich fand uns vorbildlich vorsichtig. Wir hatten schon vor der Kontaktsperre alle anderen Kontakte abgebrochen, in Absprache mit der anderen Familie, die es genauso machte. Nur einer von uns ging einkaufen und zwar mit Handschuhen und Maske. 

Mir fehlen praxistaugliche Vorschläge seitens der Politik, die in diese meiner Meinung nach sinnvolle und leicht umsetzbare Richtung gehen. Vielen Eltern und Kindern, ginge es viel besser, und sowohl die Psyche als auch die wirtschaftliche Produktivität würden einen Aufschwung erleben, ohne die Corona-Ansteckungsgefahr groß zu erhöhen.

Heute las ich in einem Artikel, dass es laut wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Corona-Virusepidemie nicht einmal sinnvoll ist, die Kitas so lange zu schließen. Das gab mir den Rest. Klar, ich will jetzt auch nicht Politikerin sein. Es ist schwierig. Aber unsinnige Entscheidungen auf Kosten derer zu treffen, die für die Produktion und Aufzucht unserer Zukunft verantwortlich sind, das kann ich nicht nachvollziehen. Und es macht mich wütend.

Junge Familien sind die Säulen der Gesellschaft! Aber die können sie auch nur sein, wenn man sie pflegt. Allerspätestens wenn sie kaputt sind, sollte man sie reparieren, und ich bin echt kaputt! Am besten wäre, sie gleich auf einen stabilen Sockel zu bauen und danach so gut zu pflegen, dass sie mit voller Kraft weiter stützen können. 

Und ganz ehrlich: Uns geht es ja noch gut. Was machen eigentlich Alleinerziehende mit kleinen Kindern, oder mit mehreren Kindern verschiedenen Alters? Allein die Vorstellung macht mich wahnsinnig! Wir haben wenigstens einen Garten und viel Grünflächen in der Nähe. Bei uns kann Papa als Psychologe weiterarbeiten und Geld verdienen. Er fährt mit dem Fahrrad in die Praxis, die er alleine führt, und macht dort mit den Patienten Videositzungen. 

Ich bin freiberufliche Dolmetscherin und habe natürlich null Aufträge, seit es keine Veranstaltungen mehr gibt. Sogar eine sonst alljährlich stattfindende mehrtägige Konferenz und meine Haupteinnahmequelle im Herbst ist jetzt vor ein paar Tagen bereits abgesagt worden. Beinahe komplette Verdiensteinbuße über mehrere Monate also. Außerdem muss ja sowieso einer von uns die Kinderbetreuung übernehmen und das bin dann wohl ich.

Und die arme Milly ist das einzige Kind im Haus und darf sich nicht mit Gleichaltrigen treffen, die irgendwie doch mehr auf ihrer Wellenlänge sind und ähnlichere Interessen haben als wir beide. Ich habe nur ein Kind. Ich hätte gerne noch eins. Die Umstände sind nicht sehr ermutigend. 

Es ist für uns beide nicht einfach. Andererseits sind wir beide daran interessiert, das beste draus zu machen und möglichst gut miteinander klarzukommen in dieser uns von der Corona-Krise bescherten ausgedehnten Zeit zu zweit.

Ich muss irgendwie weiterhin die Küche aufräumen, das Klo putzen und dafür sorgen, dass wir saubere Wäsche haben und zu Hause den Alltag fristen können, ohne dass jeder Schritt Staub aufwirbelt und wir auf dem Weg zum Klo über unabgewaschene Salatschüsseln und andere Bestandteile unterschiedlicher Hauptquartierprojekte stolpern. Milly muss sich irgendwie weiterhin auf ihr Schuldasein vorbereiten. Mit ihr Lesen und Rechnen üben und ihr Arbeitsblätter verabreichen, das ist vernünftige, zielgerichtete Arbeit. Das kann ich. Und für einen winzigen Bruchteil des Tages können wir uns damit beschäftigen. Aber Milly reagiert im Allgemeinen nicht besonders positiv auf Anweisungen, vor Allem nicht von mir. Meistens sagt sie nach zwei Sekunden, in denen ich ansetze, ihr irgendetwas zu erklären: „Mama, jetzt bin ich die Lehrerin!“

Hauptsächlich muss sie also weiterhin spielen: der beste und natürlichste Weg in ihrem Alter, zu lernen. Also ersetze ich auf diesem Gebiet so gut ich kann ihre Altersgenossen im Kindergarten, die ihr jetzt fehlen. In vieler Hinsicht arrangieren wir uns. Sie hilft mir dabei, nach dem Frühstück, die Küche zu fegen. Ich helfe ihr dabei, Scarletts Lieblingsessen aus Split und Erde herzustellen. 

Wenn ich genug Zeit hätte, um jeden Tag eine Stunde Sport zu machen, drei bis fünf Stunden an meinem Buch zu schreiben, das laut Vertrag Ende September fertig sein muss, und jede Nacht acht Stunden zu schlafen, wäre das alles leicht und gut gelaunt zu schaffen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mir durch ein paar effiziente Dolmetschjobs viel Schreibzeit zu verdienen. Jetzt habe ich weder Dolmetschjobs noch Schreibzeit. Das ist frustrierend. 

Um auch nur eine halbe Stunde Sport und eine Stunde Schreibzeit zu gewinnen, muss ich um 6 Uhr aufstehen. Meistens wird es halb sieben, weil ich einfach nicht aus dem Bett komme. Die halbe Stunde Sportzeit hat sich bisher häufig in eine dreiviertel Stunde verwandelt – morgens bin ich einfach noch nicht so schnell – und der dann noch verbleibende Teil der ursprünglich geplanten Stunde Schreibzeit ist für ein paar kleine Futzel-Übersetzungen und meine Umsatzsteuervoranmeldung fürs erste Quartal draufgegangen. Die einzige ruhige Zeit zu zweit mit meinem Mann ist so spät am Abend, dass ich es kaum schaffe, vor Mitternacht zu schlafen. Also klappt das mit den 8 Stunden schlafen auch nicht. Das führt dann in Verbindung mit dem schlechten Gewissen, dass ich immer noch nicht weitergeschrieben habe und dem ganztägigen „Mami im Spiel…“ zu streckenweiser emotionaler Unausgeglichenheit, bis hin zu Erschöpfungszuständen, Fressanfällen und dadurch ins Unerträgliche gesteigerten Stimmungstiefs. Sowie zu Tiraden wie der obigen. Kurz: Es macht mich wahnsinnig! Ich weiß, wenn ich Zugang zu meiner Vernunft gewinne: Ich klage auf hohem Niveau. Ich habe keine echten Probleme. Aber wenn einen etwas wahnsinnig macht, ist dieser Zugang manchmal gar nicht so leicht zu finden.

Trotzdem: ich bemühe mich immer wieder darum. Irgendwann schaffe ich es wieder. Ich arbeite hart an meiner Einstellung. Es ist eine Lebensaufgabe. Ich sehe es schon lange als Hauptverantwortung des Menschen, und man kann es eben nur wirklich erfolgreich und nachhaltig bei sich selber machen. Ich gebe nicht so leicht auf! Ein Fressanfall ist gefolgt von drei Tagen Schokoladenpause und abends Low-Carb, von doppelter Sportintensität. Das unerträgliche schlechte Gewissen wird an der Wurzel gepackt und gefolgt von Schreiben – komme was da wolle – in jeder freien Minute, die früh morgens, spät abends und am Wochenende durch Vater-Tochter-Unternehmungen zu haben ist. Davon muss es die nächsten Wochen regelmäßig mehr geben. Wir werden die Details noch besprechen. Aber im Moment geht es noch nicht, weil Papa noch ein Webinar fürs nächste Wochenende vorbereiten muss. 

Und auf Stimmungstief und Verzweiflung folgt: Digitaler Austausch mit Freunden, Musik machen, und wenn es nur 5 Minuten sind, zwischendurch mal wieder die gelbe Melone (also den Hut, meine ich) in die Hand nehmen und tanzen. Swing hören. Songs mit unglaublich coolen Harmonien und Harmoniewechseln. Auf dem Klavier nachspielen und nachspüren, vor Allem die Harmoniewechsel. Das tut gut. Milly ruft schon wieder: Mami! Maaaami! Mami, komm! Mami im Spiel. Aber Wenn man wahnsinnig wird, muss man wieder zur Vernunft kommen, so einfach ist das. Das Leben ist ein ständiges Hin und Her zwischen diesen beiden Zuständen. 

Wenn man also dem Wahnsinn nahe ist, weil man einiges, das einen nervt, nicht ändern kann, muss man die Vernunft dort suchen, wo man etwas ändern kann. Man muss das beste draus machen. Zum Glück sind Milly und ich beide der Typ, der sowieso immer das beste an der Situation sieht und das beste daraus macht. Ich freue mich sehr über ihre gute Einstellung.

„Ich finds gar nicht schlimm dass ich nicht mehr in den Kindergarten muss,“ sagt sie schulterzuckend, als ich ihr die Nachricht überbringe. „So kann ich den ganzen Tag mit dir so frei sein, nicht immer warten bis wir rausgehn dürfen und dann: wann is endlich Raupenfutter und Ooh…“ sie drückt ihr Genervtsein von diesen Stressfaktoren in ihrem Kindergartenalltag mit einer Grimasse und einem langgezogenen Stöhnen aus. Ich muss lachen.

Das ist ein Bonus an dieser intensiven Zeit zu zweit. Ich bin ja im Moment nicht nur ihre Mutter und ihre Lehrerin, sondern (natürlich nur ersatzweise) auch ihre Freundin.  So kriege ich viel mehr von dem mit, was sie denkt und bewegt, was sie spielt, und was in ihr vorgeht. Das ist oft ziemlich lustig. 

Wir sitzen immer noch am Tischchen und rühren. Scarlett (gespielt von Rody, dem dreckigen gelben Hüpfpferd, das seit einigen Jahren im Garten wohnt) steht inzwischen mit am Tisch und wartet auf ihr Essen. Milly nimmt ein stufiges Stück Holz und sagt: Das ist das Mikroskop. Damit kann man sich dann das hier genau angucken. Sie schüttet Splitmischung darauf. Ich meine, in Scarletts Gesichtsausdruck eine Spur Empörung zu entdecken. War das nicht ihr Essen? Woher kennst du denn ein Mikroskop? frage ich Milly verdutzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, kürzlich mit ihr darüber gesprochen zu haben. Von der Maus-App sagt sie. Ich freue mich. Dann darf ich vielleicht doch laut sagen, dass ich ihr vor ein paar Tagen auf meinem Handy die Maus-App runtergeladen habe, als sie eine Stunde mitten am Tag still alleine zubringen musste, weil ich an einem Webinar meines Berufsverbands zu Soforthilfemassnahmen für Selbstständige in der Corona- Krise teilnehmen wollte. (Ich will mir nicht vorstellen, wie der Medienkonsum von Kita-Kindern in anderen Haushalten zur Zeit aussieht.) Milly holt den Froschkönig – eine Gartenfigur – aus dem Beet und stellt ihn zu uns auf den Tisch. Hallo Fröschchen, begrüßt sie ihn fröhlich. Du bist jetzt unser neues Mikroskop! Ich schließe mich an: Herzlichen Glückwunsch, Fröschchen, zu deiner neuen Arbeitsstelle! 

Am Wochenende beschließen wir alle drei, mal kurz keine trennende Schichtarbeit zu machen und ein paar Stunden Quality-Familienzeit zusammen im Garten zu verbringen. Ich vertikutiere die gesamte Rasenfläche per Hand. Die Arbeit ist so schwer, dass ich immer nur Stückchen für Stückchen machen kann. Schön, dass Papa und Milly mal Zeit haben, was zusammen zu machen, denke ich. Sie sind nirgends zu sehen. Inliner fahren vielleicht. 

Das vertikutieren ist anstrengend. Aber während ich schwitze und sehe, wie ich dadurch Quadratmeter für Quadratmeter unseres Rasens von Grütze befreie, ist die Arbeit auch befriedigend. Auf dem Weg zum Schuppen, wo ich den Vertikutierer gegen den Rechen austauschen will, sehe ich Milly alleine unterm Trampolin sitzen. Sie hat in der Zwischenzeit ausdauernd ihre gesamte neu gekaufte Kreide zu Pulver vermahlen und damit den Split für die Pflastersteinritzen gefärbt. Papa jätet Unkraut im Vorgarten. Unsere Quality-Familienzeit im Garten haben wir entspannt jeder für sich verbracht. 

Ich räche die herausgezogene Grütze in kleine Häufchen. Milly sammelt sie für Scarlett ein. Gleich will sie aber wieder Split und Erde mit mir verrühren. Denn das ist immer noch Scarletts Lieblingsessen. Und diesmal wird es bunt, das wird besonders lecker.

Mit dem Splitrühren habe ich inzwischen Frieden geschlossen. Vor einigen Tagen habe ich mich plötzlich an einen Urlaub erinnert, den wir als meine Schwester und ich noch ziemlich klein waren, mal mit einer anderen Familie zusammen in der Bretagne gemacht haben. Unsere Eltern hatten ein Ferienhaus mit Garten gemietet. In dem Garten hatten wir Kinder einen kleinen Tisch mit Bänken. Unser Lieblingsspiel war es, „Lemminge zu kneten.“ Von den Lemmingen hatten wir sicherlich bei irgendeinem Tischgespräch unserer intellektuellen Eltern gehört – ich kann mich nicht erinnern, ob ich damals wusste, dass es sich dabei um kleine Pelztiere handelt, die in manchen Situationen Massenselbstmord durch Herunterstürzen in tiefe Schluchten begehen. Jedenfalls kneteten wir in Wirklichkeit Baguettestückchen, die unsere Eltern uns wahrscheinlich als Snack hingestellt hatten. Jede freie Minute nutzten wir, um Lemminge zu kneten. Wir empfanden es als wichtige Aufgabe, die wir sehr ernst nahmen und waren hoch motiviert. 

Das Splitrühren hat genau den gleichen Charakter: Man tritt über die Bewegungen des Körpers in Kontakt mit irgendeiner Materie und knetet, zerpulvert oder zerstampft sie mit den eigenen Händen. Dann gibt man ihr einen Namen. Es ist das Ur-Gefühl, etwas zu schaffen. Auch wenn es nicht meiner heutigen erwachsenen Vorstellung von zielgerichteter Arbeit entspricht, hat mir die Erinnerung an das Lemmingekneten dabei geholfen, mich wieder mit dieser Art von Tätigkeit anzufreunden. Ich erinnere mich deutlich an die Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere „Lemminge kneteten“, an die Ausdauer und Sorgfalt, mit der wir die Baguettestückchen bearbeiteten, bis sie in Form und Farbe großen, festen Popeln glichen. Vielleicht ist das die kindliche Urform der Erfahrung, als Mensch die Elemente in seiner Umwelt irgendwie formen und benennen zu können. Im Grunde ist es wie die Schöpfungsgeschichte. Gott machte mit seinem Stück Lehm ja genau das gleiche. Dann nannte er das Ergebnis Adam. Was ist daran vernünftig?

Die nächste Einsicht kam mir beim Vertikutieren. Früher kannte ich das Wort „Vertikutieren“ nicht. In unserer Familie war Rasenpflege nicht an der Tagesordnung. Meine Eltern zeichneten eher kunstvoll mit Kohle die interessanten Moos- und Unkrautformationen in unserem Garten, als auf die Idee zu kommen, sie als Störfaktoren anzusehen. Ich wuchs in einer faszinierenden Welt voller Kunst und ohne Rasenpflege auf. Mein Mann hat die Rasenpflege mit in die Ehe gebracht. Ich habe vorher nie Wert auf schönen Rasen gelegt – ja, Leute, die mit der Nagelschere ihre Rasenkanten schneiden sogar tendenziell eher belächelt – aber heute gefällt mir unser weicher Rasenteppich. Ich kann darauf wunderbar mit Milly herumrollen, Handstand am Kirschbaum üben und Acro-Yoga machen. Sogar das ältere Nachbarsmädchen kam vor der Corona-Krise regelmäßig zu uns rüber, um ihre Radschläge zu üben. 

Und die Aufgabe des Hand-Vertikutierens liegt mir. Sie ist schweißtreibend und meditativ. Ich muss an meine geliebte Heuschneideszene in Anna Karenina denken. Und es ist zielgerichtet: Ich tue es für unseren Rasen. Damit er nicht verkommt und schön wächst. Damit er uns erfreut, und die Nachbarn. Genau diese Arbeit muss ich eben auch bei meiner Tochter machen: ich muss sie hegen und pflegen, damit sie hübsch wächst und gedeiht und uns allen Freude macht. Und das braucht nicht ein paar Stunden, sondern viele Jahre. Da muss man eben immer wieder mal Pause machen, sonst schafft man es nicht. Sonst wird man wahnsinnig. Aber man darf sich dem Wahnsinn nicht ergeben. Vor allem wenn er zu Tiraden wie dieser und nerviger Meckerei führt. Das kann wirklich keiner gebrauchen. Da wird es höchste Zeit, wieder an der Einstellung zu arbeiten.

Während Milly die Grützehaufen zu Scarlett bringt und dabei einen Großteil davon wieder über dem Rasen verteilt, gucke ich ihr mit schweißverklebten Haaren hinterher und spüre ein Lächeln in mein Gesicht steigen. Ich habe es mal wieder geschafft zur Vernunft zu kommen: Ich stelle fest, was für ein großes Glück ich habe, so ein fröhliches, gesundes, unendlich niedliches Kind zu haben, das unermüdlich auf neue Ideen kommt und den ganzen Tag mit seiner süßen hellen Stimme füllt, dass wir Zeit zusammen haben, dass ich mitkriege, was es so denkt und fühlt, wie es spielt, und was es motiviert. Wer weiß? Vielleicht bringt uns die Corona-Krise ja noch so ein Glückskind. Man ist ja jetzt viel zu Hause. Auch wenn die Umstände nicht gerade ermutigend sind – Kinder sind eben nicht vernünftig. Sie sind Wahnsinn!

CategoriesDeutschland
Anna Sanner
Anna Sanner

Anna Sanner, geb. 1980 in Hannover, studierte in Schottland, England und Japan Japanologie, Übersetzen und Dolmetschen. Nach langen Aufenthalten in Großbritannien, Spanien, Japan und Hawaii lebt sie seit 2012 als freie Dolmetscherin und Übersetzerin für Englisch und Japanisch in Hannover. Sie dichtet und erzählt seit Kindertagen leidenschaftlich in jeder Sprache, die sie kennt. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 3. Platz beim Bonner Literaturpreis 2019.

    1. Antje says:

      Hi Anna. Hast Du schön beschrieben. Man könnte es auch nennen „die Reise in den Wahnsinn und zurück- Entspannung durch den Vertikutierer“ :-) Kinder leben in einer anderen Welt. Für sie sollte es auch eine schöne Welt bleiben. Halte weiter durch !

    2. Lisa says:

      Ich bin die Frau, mit der Katha damals Lemminge geknetet hat, und sehe einen Haufen Zusammenhänge zum Thema Reisen. Die finden ja auch im Kopf statt, und der Ausdruck „Lebensreise“ ist ja vermutlich auch nicht so ganz aus Versehen entstanden. Vielleicht sind diese Reisen sogar die viel wichtigeren; die Reisen, die man nicht physisch, sondern mental unternimmt. Und dass man als Kind mental weiter und grenzenloser reist, als man das als Erwachsener physisch je wieder hinbekommt, ist etwas ganz Grandioses und Wunderbares, das man sich bewahren sollte. Ist auch viel besser für den CO2-Ausstoß. Und dass Katha es hier hinbekommen hat, die Grenzen, die wir im Moment alle erfahren und aushalten müssen, mit der Möglichkeit, mental trotzdem grenzenlos unterwegs sein zu können, aufeinander zu bekommen, macht ihren Text zu einem ganz wichtigen Beitrag zum Thema „Reisen“, finde ich. Bin aber vielleicht auch etwas voreingenommen, weil die schönsten meiner mentalen Reisen nur dank Katha stattgefunden haben.Bis heute. Danke, Katha!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Für Entdecker