Lockdown – Zwischen Wahnsinn und Vernunft

Mil­ly und ich sit­zen drau­ßen an ihrem klei­nen Holz­tisch mit ran­ge­schraub­ten Bän­ken und rüh­ren mit läng­li­chen Holz­stü­cken in einer Mischung aus Split und Erde her­um. Der Split ist eigent­lich dafür da, ihn in die Lücken zwi­schen den Pflas­ter­stei­nen zu keh­ren und steht über­dacht in einem gro­ßen Eimer. Von dort aus schafft sie ihn sand­förm­chen­wei­se her­an. Die Erde kommt aus dem Bee­ren­beet. Mit erns­tem Gesicht rührt Mil­ly in ihrem Hasen­förm­chen her­um und sieht zu mei­nem her­über. „Deins ist jetzt fer­tig!“ Sie schüt­tet mei­ne Split­er­de auf den Tisch. Das meis­te fällt durch die Rit­zen auf den Boden. Sie nimmt mein lee­res Fuß­förm­chen mit, um die nächs­te Ladung Split zu holen.

Ich bin – wie wahr­schein­lich die meis­ten von uns Erwach­se­nen – viel zu ziel­ori­en­tiert, um all die tol­len Spie­le rich­tig genie­ßen zu kön­nen, die mei­ne 5‑jährige Toch­ter den gan­zen Tag lang so vor­schlägt. Sie schleppt die tolls­ten Bau­ma­te­ria­li­en für unser neu­es „Haupt­quar­tier“ her­bei – Bal­kon­bank­kis­sen, Mal­tisch­stühl­chen, frisch gewa­sche­ne Bett­be­zü­ge und noch nicht abge­wa­sche­ne Salat­schüs­seln – und ich den­ke nur an die schmie­ri­gen Fol­gen, ans Waschen, Put­zen und Auf­räu­men. Gleich­zei­tig tut es mir leid, dass ich nicht mit ihr im Moment sein kann, nicht die glei­che Begeis­te­rung für die­ses groß­ar­ti­ge Pro­jekt ent­wi­ckeln kann wie sie.

Und dann alle zwei Sekun­den: „Mama, im Spiel bin ich Sarah und mein Pferd heißt Scar­lett. Und Du bist Alma und dein Pferd heißt But­ton. Ich hol jetzt Scar­lett. Scar­lett hat gera­de ein Foh­len bekom­men. Es heißt Sabri­na und ist pink. Im Spiel hat Scar­lett einen wei­ßen Kör­per und eine bun­te Mäh­ne. Und But­ton hat einen grü­nen Kör­per und ein biss­chen rot in der Mäh­ne. Mami im Spiel sag ich jetzt… und du sagst dann… Mami im Spiel… Mami im Spiel….“ Den gan­zen Tag lang spie­len – dage­gen ist Arbei­ten ein Kin­der­spiel!

Der Lock­down mit Kon­takt­sper­re hält nun bereits 4 Wochen an. Wir haben den 18. April 2020. Vor weni­gen Tagen kam die Nach­richt, dass die Kitas bis nach den Som­mer­fe­ri­en geschlos­sen blei­ben sol­len. Das heißt für Mil­ly und vie­le ande­re Kin­der, dass sie über­haupt nicht mehr in den Kin­der­gar­ten (oder in die Krip­pe) zurück­keh­ren kön­nen. Als nächs­tes kom­men sie in die Schu­le (oder eben in den Kin­der­gar­ten), und zwar in Nie­der­sach­sen Ende August. 

Ich klam­me­re mich an das Fünk­chen Hoff­nung, dass viel­leicht die Kon­takt­sper­re wenigs­tens ab dem 4. Mai gelo­ckert wird. Dann könn­te man sich mit einer ande­ren Fami­lie betreu­ungs­mäs­sig arran­gie­ren. So hat­ten wir es gemacht, bevor die Kon­takt­sper­re kam: Mil­lys bes­te Freun­din wohnt um die Ecke. Vor­mit­tags kam sie zu uns, nach­mit­tags war Mil­ly dort. Aber seit der Kon­takt­sper­re ist das ille­gal. Ihre Mut­ter ist Leh­re­rin und möch­te sich ver­ständ­li­cher­wei­se nicht unvor­bild­lich ver­hal­ten – Nach­barn, Schü­ler und Kol­le­gen wür­den es mit­krie­gen, und man weiß ja nie. 

Aber ganz ehr­lich: ich per­sön­lich hät­te ein­fach damit wei­ter­ge­macht. Ich fand uns vor­bild­lich vor­sich­tig. Wir hat­ten schon vor der Kon­takt­sper­re alle ande­ren Kon­tak­te abge­bro­chen, in Abspra­che mit der ande­ren Fami­lie, die es genau­so mach­te. Nur einer von uns ging ein­kau­fen und zwar mit Hand­schu­hen und Mas­ke. 

Mir feh­len pra­xis­taug­li­che Vor­schlä­ge sei­tens der Poli­tik, die in die­se mei­ner Mei­nung nach sinn­vol­le und leicht umsetz­ba­re Rich­tung gehen. Vie­len Eltern und Kin­dern, gin­ge es viel bes­ser, und sowohl die Psy­che als auch die wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­vi­tät wür­den einen Auf­schwung erle­ben, ohne die Coro­na-Anste­ckungs­ge­fahr groß zu erhö­hen.

Heu­te las ich in einem Arti­kel, dass es laut wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen zur Coro­na-Virus­epi­de­mie nicht ein­mal sinn­voll ist, die Kitas so lan­ge zu schlie­ßen. Das gab mir den Rest. Klar, ich will jetzt auch nicht Poli­ti­ke­rin sein. Es ist schwie­rig. Aber unsin­ni­ge Ent­schei­dun­gen auf Kos­ten derer zu tref­fen, die für die Pro­duk­ti­on und Auf­zucht unse­rer Zukunft ver­ant­wort­lich sind, das kann ich nicht nach­voll­zie­hen. Und es macht mich wütend.

Jun­ge Fami­li­en sind die Säu­len der Gesell­schaft! Aber die kön­nen sie auch nur sein, wenn man sie pflegt. Aller­spä­tes­tens wenn sie kaputt sind, soll­te man sie repa­rie­ren, und ich bin echt kaputt! Am bes­ten wäre, sie gleich auf einen sta­bi­len Sockel zu bau­en und danach so gut zu pfle­gen, dass sie mit vol­ler Kraft wei­ter stüt­zen kön­nen. 

Und ganz ehr­lich: Uns geht es ja noch gut. Was machen eigent­lich Allein­er­zie­hen­de mit klei­nen Kin­dern, oder mit meh­re­ren Kin­dern ver­schie­de­nen Alters? Allein die Vor­stel­lung macht mich wahn­sin­nig! Wir haben wenigs­tens einen Gar­ten und viel Grün­flä­chen in der Nähe. Bei uns kann Papa als Psy­cho­lo­ge wei­ter­ar­bei­ten und Geld ver­die­nen. Er fährt mit dem Fahr­rad in die Pra­xis, die er allei­ne führt, und macht dort mit den Pati­en­ten Video­sit­zun­gen. 

Ich bin frei­be­ruf­li­che Dol­met­sche­rin und habe natür­lich null Auf­trä­ge, seit es kei­ne Ver­an­stal­tun­gen mehr gibt. Sogar eine sonst all­jähr­lich statt­fin­den­de mehr­tä­gi­ge Kon­fe­renz und mei­ne Haupt­ein­nah­me­quel­le im Herbst ist jetzt vor ein paar Tagen bereits abge­sagt wor­den. Bei­na­he kom­plet­te Ver­dien­st­ein­bu­ße über meh­re­re Mona­te also. Außer­dem muss ja sowie­so einer von uns die Kin­der­be­treu­ung über­neh­men und das bin dann wohl ich.

Und die arme Mil­ly ist das ein­zi­ge Kind im Haus und darf sich nicht mit Gleich­alt­ri­gen tref­fen, die irgend­wie doch mehr auf ihrer Wel­len­län­ge sind und ähn­li­che­re Inter­es­sen haben als wir bei­de. Ich habe nur ein Kind. Ich hät­te ger­ne noch eins. Die Umstän­de sind nicht sehr ermu­ti­gend. 

Es ist für uns bei­de nicht ein­fach. Ande­rer­seits sind wir bei­de dar­an inter­es­siert, das bes­te draus zu machen und mög­lichst gut mit­ein­an­der klar­zu­kom­men in die­ser uns von der Coro­na-Kri­se bescher­ten aus­ge­dehn­ten Zeit zu zweit.

Ich muss irgend­wie wei­ter­hin die Küche auf­räu­men, das Klo put­zen und dafür sor­gen, dass wir sau­be­re Wäsche haben und zu Hau­se den All­tag fris­ten kön­nen, ohne dass jeder Schritt Staub auf­wir­belt und wir auf dem Weg zum Klo über unab­ge­wa­sche­ne Salat­schüs­seln und ande­re Bestand­tei­le unter­schied­li­cher Haupt­quar­tier­pro­jek­te stol­pern. Mil­ly muss sich irgend­wie wei­ter­hin auf ihr Schul­da­sein vor­be­rei­ten. Mit ihr Lesen und Rech­nen üben und ihr Arbeits­blät­ter ver­ab­rei­chen, das ist ver­nünf­ti­ge, ziel­ge­rich­te­te Arbeit. Das kann ich. Und für einen win­zi­gen Bruch­teil des Tages kön­nen wir uns damit beschäf­ti­gen. Aber Mil­ly reagiert im All­ge­mei­nen nicht beson­ders posi­tiv auf Anwei­sun­gen, vor Allem nicht von mir. Meis­tens sagt sie nach zwei Sekun­den, in denen ich anset­ze, ihr irgend­et­was zu erklä­ren: „Mama, jetzt bin ich die Leh­re­rin!“

Haupt­säch­lich muss sie also wei­ter­hin spie­len: der bes­te und natür­lichs­te Weg in ihrem Alter, zu ler­nen. Also erset­ze ich auf die­sem Gebiet so gut ich kann ihre Alters­ge­nos­sen im Kin­der­gar­ten, die ihr jetzt feh­len. In vie­ler Hin­sicht arran­gie­ren wir uns. Sie hilft mir dabei, nach dem Früh­stück, die Küche zu fegen. Ich hel­fe ihr dabei, Scar­letts Lieb­lings­es­sen aus Split und Erde her­zu­stel­len. 

Wenn ich genug Zeit hät­te, um jeden Tag eine Stun­de Sport zu machen, drei bis fünf Stun­den an mei­nem Buch zu schrei­ben, das laut Ver­trag Ende Sep­tem­ber fer­tig sein muss, und jede Nacht acht Stun­den zu schla­fen, wäre das alles leicht und gut gelaunt zu schaf­fen. Eigent­lich hat­te ich vor­ge­habt, mir durch ein paar effi­zi­en­te Dol­metsch­jobs viel Schreib­zeit zu ver­die­nen. Jetzt habe ich weder Dol­metsch­jobs noch Schreib­zeit. Das ist frus­trie­rend. 

Um auch nur eine hal­be Stun­de Sport und eine Stun­de Schreib­zeit zu gewin­nen, muss ich um 6 Uhr auf­ste­hen. Meis­tens wird es halb sie­ben, weil ich ein­fach nicht aus dem Bett kom­me. Die hal­be Stun­de Sport­zeit hat sich bis­her häu­fig in eine drei­vier­tel Stun­de ver­wan­delt – mor­gens bin ich ein­fach noch nicht so schnell – und der dann noch ver­blei­ben­de Teil der ursprüng­lich geplan­ten Stun­de Schreib­zeit ist für ein paar klei­ne Fut­zel-Über­set­zun­gen und mei­ne Umsatz­steu­er­vor­anmel­dung fürs ers­te Quar­tal drauf­ge­gan­gen. Die ein­zi­ge ruhi­ge Zeit zu zweit mit mei­nem Mann ist so spät am Abend, dass ich es kaum schaf­fe, vor Mit­ter­nacht zu schla­fen. Also klappt das mit den 8 Stun­den schla­fen auch nicht. Das führt dann in Ver­bin­dung mit dem schlech­ten Gewis­sen, dass ich immer noch nicht wei­ter­ge­schrie­ben habe und dem ganz­tä­gi­gen „Mami im Spiel…“ zu stre­cken­wei­ser emo­tio­na­ler Unaus­ge­gli­chen­heit, bis hin zu Erschöp­fungs­zu­stän­den, Fress­an­fäl­len und dadurch ins Uner­träg­li­che gestei­ger­ten Stim­mungs­tiefs. Sowie zu Tira­den wie der obi­gen. Kurz: Es macht mich wahn­sin­nig! Ich weiß, wenn ich Zugang zu mei­ner Ver­nunft gewin­ne: Ich kla­ge auf hohem Niveau. Ich habe kei­ne ech­ten Pro­ble­me. Aber wenn einen etwas wahn­sin­nig macht, ist die­ser Zugang manch­mal gar nicht so leicht zu fin­den.

Trotz­dem: ich bemü­he mich immer wie­der dar­um. Irgend­wann schaf­fe ich es wie­der. Ich arbei­te hart an mei­ner Ein­stel­lung. Es ist eine Lebens­auf­ga­be. Ich sehe es schon lan­ge als Haupt­ver­ant­wor­tung des Men­schen, und man kann es eben nur wirk­lich erfolg­reich und nach­hal­tig bei sich sel­ber machen. Ich gebe nicht so leicht auf! Ein Fress­an­fall ist gefolgt von drei Tagen Scho­ko­la­den­pau­se und abends Low-Carb, von dop­pel­ter Sport­in­ten­si­tät. Das uner­träg­li­che schlech­te Gewis­sen wird an der Wur­zel gepackt und gefolgt von Schrei­ben – kom­me was da wol­le – in jeder frei­en Minu­te, die früh mor­gens, spät abends und am Wochen­en­de durch Vater-Toch­ter-Unter­neh­mun­gen zu haben ist. Davon muss es die nächs­ten Wochen regel­mä­ßig mehr geben. Wir wer­den die Details noch bespre­chen. Aber im Moment geht es noch nicht, weil Papa noch ein Web­i­nar fürs nächs­te Wochen­en­de vor­be­rei­ten muss. 

Und auf Stim­mungs­tief und Ver­zweif­lung folgt: Digi­ta­ler Aus­tausch mit Freun­den, Musik machen, und wenn es nur 5 Minu­ten sind, zwi­schen­durch mal wie­der die gel­be Melo­ne (also den Hut, mei­ne ich) in die Hand neh­men und tan­zen. Swing hören. Songs mit unglaub­lich coo­len Har­mo­nien und Har­mo­nie­wech­seln. Auf dem Kla­vier nach­spie­len und nach­spü­ren, vor Allem die Har­mo­nie­wech­sel. Das tut gut. Mil­ly ruft schon wie­der: Mami! Maaaa­mi! Mami, komm! Mami im Spiel. Aber Wenn man wahn­sin­nig wird, muss man wie­der zur Ver­nunft kom­men, so ein­fach ist das. Das Leben ist ein stän­di­ges Hin und Her zwi­schen die­sen bei­den Zustän­den. 

Wenn man also dem Wahn­sinn nahe ist, weil man eini­ges, das einen nervt, nicht ändern kann, muss man die Ver­nunft dort suchen, wo man etwas ändern kann. Man muss das bes­te draus machen. Zum Glück sind Mil­ly und ich bei­de der Typ, der sowie­so immer das bes­te an der Situa­ti­on sieht und das bes­te dar­aus macht. Ich freue mich sehr über ihre gute Ein­stel­lung.

„Ich finds gar nicht schlimm dass ich nicht mehr in den Kin­der­gar­ten muss,“ sagt sie schul­ter­zu­ckend, als ich ihr die Nach­richt über­brin­ge. „So kann ich den gan­zen Tag mit dir so frei sein, nicht immer war­ten bis wir raus­gehn dür­fen und dann: wann is end­lich Rau­pen­fut­ter und Ooh…“ sie drückt ihr Genervt­sein von die­sen Stress­fak­to­ren in ihrem Kin­der­gar­ten­all­tag mit einer Gri­mas­se und einem lang­ge­zo­ge­nen Stöh­nen aus. Ich muss lachen.

Das ist ein Bonus an die­ser inten­si­ven Zeit zu zweit. Ich bin ja im Moment nicht nur ihre Mut­ter und ihre Leh­re­rin, son­dern (natür­lich nur ersatz­wei­se) auch ihre Freun­din.  So krie­ge ich viel mehr von dem mit, was sie denkt und bewegt, was sie spielt, und was in ihr vor­geht. Das ist oft ziem­lich lus­tig. 

Wir sit­zen immer noch am Tisch­chen und rüh­ren. Scar­lett (gespielt von Rody, dem dre­cki­gen gel­ben Hüpf­pferd, das seit eini­gen Jah­ren im Gar­ten wohnt) steht inzwi­schen mit am Tisch und war­tet auf ihr Essen. Mil­ly nimmt ein stu­fi­ges Stück Holz und sagt: Das ist das Mikro­skop. Damit kann man sich dann das hier genau angu­cken. Sie schüt­tet Split­mi­schung dar­auf. Ich mei­ne, in Scar­letts Gesichts­aus­druck eine Spur Empö­rung zu ent­de­cken. War das nicht ihr Essen? Woher kennst du denn ein Mikro­skop? fra­ge ich Mil­ly ver­dutzt. Ich kann mich nicht dar­an erin­nern, kürz­lich mit ihr dar­über gespro­chen zu haben. Von der Maus-App sagt sie. Ich freue mich. Dann darf ich viel­leicht doch laut sagen, dass ich ihr vor ein paar Tagen auf mei­nem Han­dy die Maus-App run­ter­ge­la­den habe, als sie eine Stun­de mit­ten am Tag still allei­ne zubrin­gen muss­te, weil ich an einem Web­i­nar mei­nes Berufs­ver­bands zu Sofort­hil­fe­mass­nah­men für Selbst­stän­di­ge in der Coro­na- Kri­se teil­neh­men woll­te. (Ich will mir nicht vor­stel­len, wie der Medi­en­kon­sum von Kita-Kin­dern in ande­ren Haus­hal­ten zur Zeit aus­sieht.) Mil­ly holt den Frosch­kö­nig – eine Gar­ten­fi­gur – aus dem Beet und stellt ihn zu uns auf den Tisch. Hal­lo Frösch­chen, begrüßt sie ihn fröh­lich. Du bist jetzt unser neu­es Mikro­skop! Ich schlie­ße mich an: Herz­li­chen Glück­wunsch, Frösch­chen, zu dei­ner neu­en Arbeits­stel­le! 

Am Wochen­en­de beschlie­ßen wir alle drei, mal kurz kei­ne tren­nen­de Schicht­ar­beit zu machen und ein paar Stun­den Qua­li­ty-Fami­li­en­zeit zusam­men im Gar­ten zu ver­brin­gen. Ich ver­ti­ku­tie­re die gesam­te Rasen­flä­che per Hand. Die Arbeit ist so schwer, dass ich immer nur Stück­chen für Stück­chen machen kann. Schön, dass Papa und Mil­ly mal Zeit haben, was zusam­men zu machen, den­ke ich. Sie sind nir­gends zu sehen. Inli­ner fah­ren viel­leicht. 

Das ver­ti­ku­tie­ren ist anstren­gend. Aber wäh­rend ich schwit­ze und sehe, wie ich dadurch Qua­drat­me­ter für Qua­drat­me­ter unse­res Rasens von Grüt­ze befreie, ist die Arbeit auch befrie­di­gend. Auf dem Weg zum Schup­pen, wo ich den Ver­ti­ku­tie­rer gegen den Rechen aus­tau­schen will, sehe ich Mil­ly allei­ne unterm Tram­po­lin sit­zen. Sie hat in der Zwi­schen­zeit aus­dau­ernd ihre gesam­te neu gekauf­te Krei­de zu Pul­ver ver­mah­len und damit den Split für die Pflas­ter­stein­rit­zen gefärbt. Papa jätet Unkraut im Vor­gar­ten. Unse­re Qua­li­ty-Fami­li­en­zeit im Gar­ten haben wir ent­spannt jeder für sich ver­bracht. 

Ich räche die her­aus­ge­zo­ge­ne Grüt­ze in klei­ne Häuf­chen. Mil­ly sam­melt sie für Scar­lett ein. Gleich will sie aber wie­der Split und Erde mit mir ver­rüh­ren. Denn das ist immer noch Scar­letts Lieb­lings­es­sen. Und dies­mal wird es bunt, das wird beson­ders lecker.

Mit dem Spli­trüh­ren habe ich inzwi­schen Frie­den geschlos­sen. Vor eini­gen Tagen habe ich mich plötz­lich an einen Urlaub erin­nert, den wir als mei­ne Schwes­ter und ich noch ziem­lich klein waren, mal mit einer ande­ren Fami­lie zusam­men in der Bre­ta­gne gemacht haben. Unse­re Eltern hat­ten ein Feri­en­haus mit Gar­ten gemie­tet. In dem Gar­ten hat­ten wir Kin­der einen klei­nen Tisch mit Bän­ken. Unser Lieb­lings­spiel war es, „Lem­min­ge zu kne­ten.“ Von den Lem­min­gen hat­ten wir sicher­lich bei irgend­ei­nem Tisch­ge­spräch unse­rer intel­lek­tu­el­len Eltern gehört – ich kann mich nicht erin­nern, ob ich damals wuss­te, dass es sich dabei um klei­ne Pelz­tie­re han­delt, die in man­chen Situa­tio­nen Mas­sen­selbst­mord durch Her­un­ter­stür­zen in tie­fe Schluch­ten bege­hen. Jeden­falls kne­te­ten wir in Wirk­lich­keit Baguette­stück­chen, die unse­re Eltern uns wahr­schein­lich als Snack hin­ge­stellt hat­ten. Jede freie Minu­te nutz­ten wir, um Lem­min­ge zu kne­ten. Wir emp­fan­den es als wich­ti­ge Auf­ga­be, die wir sehr ernst nah­men und waren hoch moti­viert. 

Das Spli­trüh­ren hat genau den glei­chen Cha­rak­ter: Man tritt über die Bewe­gun­gen des Kör­pers in Kon­takt mit irgend­ei­ner Mate­rie und kne­tet, zer­pul­vert oder zer­stampft sie mit den eige­nen Hän­den. Dann gibt man ihr einen Namen. Es ist das Ur-Gefühl, etwas zu schaf­fen. Auch wenn es nicht mei­ner heu­ti­gen erwach­se­nen Vor­stel­lung von ziel­ge­rich­te­ter Arbeit ent­spricht, hat mir die Erin­ne­rung an das Lem­min­ge­kne­ten dabei gehol­fen, mich wie­der mit die­ser Art von Tätig­keit anzu­freun­den. Ich erin­ne­re mich deut­lich an die Ernst­haf­tig­keit, mit der wir unse­re „Lem­min­ge kne­te­ten“, an die Aus­dau­er und Sorg­falt, mit der wir die Baguette­stück­chen bear­bei­te­ten, bis sie in Form und Far­be gro­ßen, fes­ten Popeln gli­chen. Viel­leicht ist das die kind­li­che Urform der Erfah­rung, als Mensch die Ele­men­te in sei­ner Umwelt irgend­wie for­men und benen­nen zu kön­nen. Im Grun­de ist es wie die Schöp­fungs­ge­schich­te. Gott mach­te mit sei­nem Stück Lehm ja genau das glei­che. Dann nann­te er das Ergeb­nis Adam. Was ist dar­an ver­nünf­tig?

Die nächs­te Ein­sicht kam mir beim Ver­ti­ku­tie­ren. Frü­her kann­te ich das Wort „Ver­ti­ku­tie­ren“ nicht. In unse­rer Fami­lie war Rasen­pfle­ge nicht an der Tages­ord­nung. Mei­ne Eltern zeich­ne­ten eher kunst­voll mit Koh­le die inter­es­san­ten Moos- und Unkraut­for­ma­tio­nen in unse­rem Gar­ten, als auf die Idee zu kom­men, sie als Stör­fak­to­ren anzu­se­hen. Ich wuchs in einer fas­zi­nie­ren­den Welt vol­ler Kunst und ohne Rasen­pfle­ge auf. Mein Mann hat die Rasen­pfle­ge mit in die Ehe gebracht. Ich habe vor­her nie Wert auf schö­nen Rasen gelegt – ja, Leu­te, die mit der Nagel­sche­re ihre Rasen­kan­ten schnei­den sogar ten­den­zi­ell eher belä­chelt – aber heu­te gefällt mir unser wei­cher Rasen­tep­pich. Ich kann dar­auf wun­der­bar mit Mil­ly her­um­rol­len, Hand­stand am Kirsch­baum üben und Acro-Yoga machen. Sogar das älte­re Nach­bars­mäd­chen kam vor der Coro­na-Kri­se regel­mä­ßig zu uns rüber, um ihre Rad­schlä­ge zu üben. 

Und die Auf­ga­be des Hand-Ver­ti­ku­tie­rens liegt mir. Sie ist schweiß­trei­bend und medi­ta­tiv. Ich muss an mei­ne gelieb­te Heu­schnei­de­sze­ne in Anna Kare­ni­na den­ken. Und es ist ziel­ge­rich­tet: Ich tue es für unse­ren Rasen. Damit er nicht ver­kommt und schön wächst. Damit er uns erfreut, und die Nach­barn. Genau die­se Arbeit muss ich eben auch bei mei­ner Toch­ter machen: ich muss sie hegen und pfle­gen, damit sie hübsch wächst und gedeiht und uns allen Freu­de macht. Und das braucht nicht ein paar Stun­den, son­dern vie­le Jah­re. Da muss man eben immer wie­der mal Pau­se machen, sonst schafft man es nicht. Sonst wird man wahn­sin­nig. Aber man darf sich dem Wahn­sinn nicht erge­ben. Vor allem wenn er zu Tira­den wie die­ser und ner­vi­ger Mecke­rei führt. Das kann wirk­lich kei­ner gebrau­chen. Da wird es höchs­te Zeit, wie­der an der Ein­stel­lung zu arbei­ten.

Wäh­rend Mil­ly die Grüt­ze­hau­fen zu Scar­lett bringt und dabei einen Groß­teil davon wie­der über dem Rasen ver­teilt, gucke ich ihr mit schweiß­ver­kleb­ten Haa­ren hin­ter­her und spü­re ein Lächeln in mein Gesicht stei­gen. Ich habe es mal wie­der geschafft zur Ver­nunft zu kom­men: Ich stel­le fest, was für ein gro­ßes Glück ich habe, so ein fröh­li­ches, gesun­des, unend­lich nied­li­ches Kind zu haben, das uner­müd­lich auf neue Ideen kommt und den gan­zen Tag mit sei­ner süßen hel­len Stim­me füllt, dass wir Zeit zusam­men haben, dass ich mit­krie­ge, was es so denkt und fühlt, wie es spielt, und was es moti­viert. Wer weiß? Viel­leicht bringt uns die Coro­na-Kri­se ja noch so ein Glücks­kind. Man ist ja jetzt viel zu Hau­se. Auch wenn die Umstän­de nicht gera­de ermu­ti­gend sind – Kin­der sind eben nicht ver­nünf­tig. Sie sind Wahn­sinn!

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Antworten

  1. Avatar von Micha
    Micha

    Mmmh, ich sehe hier null Zusam­men­hang zum The­ma Rei­sen!

    1. Avatar von Antje
      Antje

      Hi Anna. Hast Du schön beschrie­ben. Man könn­te es auch nen­nen »die Rei­se in den Wahn­sinn und zurück- Ent­span­nung durch den Ver­ti­ku­tie­rer« 🙂 Kin­der leben in einer ande­ren Welt. Für sie soll­te es auch eine schö­ne Welt blei­ben. Hal­te wei­ter durch !

    2. Avatar von Lisa
      Lisa

      Ich bin die Frau, mit der Katha damals Lem­min­ge gekne­tet hat, und sehe einen Hau­fen Zusam­men­hän­ge zum The­ma Rei­sen. Die fin­den ja auch im Kopf statt, und der Aus­druck „Lebens­rei­se“ ist ja ver­mut­lich auch nicht so ganz aus Ver­se­hen ent­stan­den. Viel­leicht sind die­se Rei­sen sogar die viel wich­ti­ge­ren; die Rei­sen, die man nicht phy­sisch, son­dern men­tal unter­nimmt. Und dass man als Kind men­tal wei­ter und gren­zen­lo­ser reist, als man das als Erwach­se­ner phy­sisch je wie­der hin­be­kommt, ist etwas ganz Gran­dio­ses und Wun­der­ba­res, das man sich bewah­ren soll­te. Ist auch viel bes­ser für den CO2-Aus­stoß. Und dass Katha es hier hin­be­kom­men hat, die Gren­zen, die wir im Moment alle erfah­ren und aus­hal­ten müs­sen, mit der Mög­lich­keit, men­tal trotz­dem gren­zen­los unter­wegs sein zu kön­nen, auf­ein­an­der zu bekom­men, macht ihren Text zu einem ganz wich­ti­gen Bei­trag zum The­ma „Rei­sen“, fin­de ich. Bin aber viel­leicht auch etwas vor­ein­ge­nom­men, weil die schöns­ten mei­ner men­ta­len Rei­sen nur dank Katha statt­ge­fun­den haben.Bis heu­te. Dan­ke, Katha!

    3. Avatar von Anna Sanner
      Anna Sanner

      Lie­be Lisa,

      Ich hab mich gera­de so über Dei­ne elo­quen­te, al den­te (bissig->bissfest->al den­te) Ver­tei­di­gung mei­nes Tex­tes und sei­nes Zusam­men­hangs mit dem Rei­sen gefreut, dass ich mich in einen Gas-Bal­lon-Smi­ley mit Herz­au­gen ver­wan­delt habe. Jetzt kle­be ich in die­ser Form an der Decke und ver­fas­se von hier aus die­se Reak­ti­on.

      Durch unse­re prä­na­ta­le Ver­bin­dung rei­sen wir ja schon seit frühs­ter Kind­heit zusam­men sowohl phy­sisch als auch men­tal durch die­se und ande­re Wel­ten. Ein sel­te­nes Glück! Da kommt viel­leicht nicht jeder mit.

      Namens­er­klä­rung für alle ande­ren: Katha, das bin übri­gens ich, Anna. Frü­her haben mich alle Katha­ri­na oder Katha genannt – mein zwei­ter Vor­na­me. Irgend­wann bin ich dann (phy­sisch, mit CO2-Abdruck) in Län­der gereist, wo die Leu­te »Katha­ri­na« nicht aus­spre­chen konn­ten und bei »Kata« an Schul­tern oder Kampf­kunst­cho­reo­gra­phien gedacht haben. Da hab ich dann der Ein­fach­heit hal­ber ange­fan­gen, mei­nen ers­ten Vor­na­men Anna zu benut­zen. Inzwi­schen ken­nen mich auch vie­le deut­sche Freund als Anna. Und weil der Name Anna so schön ein­fach ist und sich so schön-blöd auf mei­nen Nach­na­men San­ner reimt, benut­ze ich ihn auch für mei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen.

      Micha, ich hab glaub ich Dei­ne Erwar­tun­gen ent­täuscht. Sicher­lich kommst Du bei all den ande­ren schö­nen Arti­keln hier auf dem Rei­se­de­pe­schen-Blog auf Dei­ne Kos­ten. Ansons­ten emp­feh­le ich gera­de wäh­rend der Coro­na-Kri­se: lie­ber nicht zu viel erwar­ten – beson­ders im Zusam­men­hang mit Rei­sen

      Dan­ke lie­be Ant­je für Dei­ne net­ten und wah­ren Wor­te – genau! Machen wir uns die Welt wide­wi­de­wie sie uns gefällt!

      Rei­sen, Leu­te, lasst das Rei­sen
      uns den Weg zum Wei­sen wei­sen!

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