Lasst noch Wodka holen.
Denn wir sind Mongolen.
Und der Teu­fel kriegt uns früh genug!

Ich sitze im Zug nach Ber­lin Tegel und der Euro­vi­sion-Kra­cher Dschin­gis Khan von 1979 dudelt in Dau­er­schleife in mei­nem Kopf­ra­dio. Die Mon­go­lei. Fern und fremd – und alles was mir dazu ein­fällt ist die­ser alberne, ras­sis­ti­sche Song und die roman­ti­sche Ahnung eines rie­si­gen Lan­des voll wil­der Rei­ter, wo Wodka in Strö­men fließt, und wet­ter­ge­gerbte Noma­den in schmu­cken Jur­ten hau­sen. Ein Sehn­suchts­ziel für Natur­lieb­ha­ber und Men­schen auf der Suche nach Ursprüng­lich­keit, Ruhe und Ent­schleu­ni­gung, ein Ort, der aus unse­rer hyper­schnel­len Echt­zeit­welt herausfällt.

Bereits der Check-in am Flug­ha­fen Tegel mutet wie eine Reise zurück in graue Sowjet­zei­ten an. Von Nost­al­gi­kern geliebt, birgt der in die Jahre gekom­mene Flug­ha­fen eini­ges an Frus­tra­ti­ons­po­ten­zial. Dafür sieht alles schön oll und tru­schig aus. Am Schal­ter der mon­go­li­schen Air­line MIAT geht es ent­spre­chend rus­ti­kal und rup­pig zu, doch irgend­wie muss das genauso sein, wenn man nach Mos­kau fliegt, von wo es nach kur­zem Stopp wei­ter nach Ulaan Bataar geht. Tegel ist eines der weni­gen Ziele, das von MIAT in Europa bedient wird. Der Bord­ser­vice ist ein­fach aber herz­lich, die Ein­reise nach Russ­land wie erwar­tet zackig im Ton, der Anschluss­flug tiefen­ent­spannt, und so stehe ich früh­mor­gens in der gold­schim­mern­den Ankunfts­halle des, wie könnte er auch anders hei­ßen, Ching­gis Khaan Inter­na­tio­nal Air­ports. Unzäh­lige Bau­ten, Stra­ßen und Denk­mä­ler sind dem berühm­tes­ten Sohn des Lan­des gewid­met, was für Nicht­mon­go­len ein wenig selt­sam anmu­tet, gilt der Groß­khan in vie­len Tei­len der Erde als grau­sa­mer Schläch­ter und einer der größ­ten Mas­sen­mör­der aller Zei­ten. Es kommt ein­fach auf die Per­spek­tive an.

Viel Zeit für Gedan­ken­spiele bleibt nicht, unsere Rei­se­lei­tung Zeren­zoo „Zoo“ Dash­n­yam von Tsol­mon Tra­vel, das wohl sym­pa­thischste und agilste Kraft­pa­ket der gesam­ten Mon­go­lei, nimmt uns in Emp­fang. Die zier­li­che Zoo hat bereits Rein­hold Mess­ner auf die höchs­ten Gip­fel der Mon­go­lei beglei­tet, weiß prak­tisch alles über ihr Hei­mat­land und spricht flie­ßend Deutsch, hat sie doch zu DDR-Zei­ten in Leip­zig stu­diert. Gene­rell bringt einen Deutsch in der Mon­go­lei wei­ter als Eng­lisch. Im Ide­al­fall hat man ein wenig Rus­sisch in Petto.

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Wir, das sind ich und eine illus­tre Gruppe Rei­se­ver­kehrs­kauf­leute aus ganz Deutsch­land zwi­schen Anfang 20 und Mitte 70, wer­den eine Woche lang auf Ein­la­dung des Rei­se­ver­an­stal­ters Lern­idee die Wun­der der Mon­go­lei stu­die­ren. Dabei wer­den wir viel Zeit in unse­rem schnu­cke­li­gen Rei­se­bus ver­brin­gen, der uns von Schlag­loch zu Schlag­loch durch ein ein­zi­ges Natur­spek­ta­kel chauf­fie­ren wird. Grup­pen­rei­sen kenne ich aus Schul­zei­ten, aber ob Klas­sen­fahrt oder Bil­dungs­reise, die Regeln sind die sel­ben. Dein Platz bleibt auf der gesam­ten Fahrt der immer glei­che und ent­schei­det dar­über, mit wem du pri­mär zu tun hast. Men­schen sind unsi­cher, und die Ken­nen­lern­phase ist schräg bis Fremd­scham aus­lö­send, aber auch anrüh­rend, denn es ist schon ein Spek­ta­kel Erwach­se­nen beim Selbst­dar­stel­lungs­pro­gramm zuzu­se­hen. Letzt­lich wol­len wir doch alle nur gemocht werden.

Ich setze mich ganz nach Hin­ten in den Bus, eine Wahl, die sich schnell als gewagt her­aus­stellt, han­delt es sich bei der letz­ten Reihe doch eher um Schleu­der­sitze. Bei jedem Schlag­loch, und da gibt es wirk­lich viele, schieße ich in die Höhe. Was den Vor­teil hat, dass ich zumin­dest nie ein­schlafe und so nichts von dem wun­der­vol­lem Aus­blick ver­passe. Es gibt natür­lich gute Gründe für den holp­ri­gen Zustand der Stra­ßen. Die Mon­go­lei ist ein Land der Extreme. Die nächste Küste ist tau­sende von Kilo­me­tern ent­fernt, was zu einem inten­si­ven kon­ti­nen­ta­lem Klima führt. Die Folge sind Tem­pe­ra­tur­un­ter­schiede von bis zu 40 Grad plus im Som­mer, zu mög­li­chen minus 40 Grad im Win­ter. Dazu lange Tro­cken­pe­ri­oden, gefolgt von Schnee­mas­sen – ins­ge­samt Gift für den Stra­ßen­be­lag und somit eine Her­aus­for­de­rung für jeden Auto- oder Motor­rad­fah­rer. Auch die täg­li­chen Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen sind enorm. Hier ist der Zwie­bel­look wirk­lich ein­mal angebracht.

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So über­rascht uns die City von Ulaan Baa­tar, der käl­tes­ten Haupt­stadt der Welt, Anfang Juni mit eit­lem Son­nen­schein und 30 Grad, wor­auf kei­ner der Rei­sen­den out­fit­tech­nisch vor­be­rei­tet ist. Wir befin­den uns zudem 1.350 Meter über dem Mee­res­spie­gel und die Sonne bre­zelt nur so auf uns nie­der. Guter Son­nen­schutz gehört defi­ni­tiv ins Gepäck. Ulaan Baa­tar prä­sen­tiert sich auf dem Weg vom Flug­ha­fen in die Innen­stadt als ein­zi­ges Work-in-Pro­gress und rie­si­ges stadt­pla­ne­ri­sches Chaos, gestran­det irgendwo zwi­schen Tra­di­tion, Sozia­lis­mus und Moderne. Der Bau­boom hat das Land gepackt und so schie­ßen über­all rie­sige Wohn­blocks und Malls aus der Erde, die oft­mals leer ste­hen oder mit­ten im Bau ein­ge­stellt wur­den, dazwi­schen thront ein Groß­kraft­werk, ver­ein­zelt mischen sich Jur­ten, Well­blech­ver­schläge und Tem­pel­an­la­gen in das Stadt­bild, die weni­gen gro­ßen Stra­ßen sind heil­los über­füllt. Idyl­lisch ist anders.

Schät­zungs­weise lebt die Hälfte der gesam­ten mon­go­li­schen Bevöl­ke­rung in Ulaan Baa­tar, zwi­schen 1.4 und 2 Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Viele Men­schen sind nicht regis­triert, was genaue Aus­sa­gen schwie­rig macht. Die Land­flucht zieht vor allem die Jun­gen in die Haupt­stadt, wo Jobs und ein moder­nes Leben war­ten. Das so fried­lich wir­kende Noma­den­tum wird auch für einen Groß­teil der Mon­go­len immer anti­quier­ter und stirbt aus Man­gel an Nach­folge aus. Die noch ver­blie­be­nen Noma­den kämp­fen mit den Fol­gen von Kli­ma­wan­del, Über­wei­dung, Umwelt­ver­schmut­zung und Indus­tria­li­sie­rung um das Überleben.

Eine trau­rige Rand­no­tiz ist der stei­gende Alko­ho­lis­mus vie­ler Män­ner, die zu den Ver­lie­ren die­ses Wan­dels gehö­ren. Auf der ande­ren Seite der Medaille gibt es auf­stre­bende Stra­ßen­züge, inter­na­tio­nale Ket­ten sie­deln sich an und eine gebil­dete und auf­ge­schlos­sene Mit­tel­schicht ist im Ent­ste­hen. Zen­trum der Stadt ist der weit­läu­fige Süch­baa­tar-Platz, der das Par­la­ments­ge­bäude, die Börse und die Oper behei­ma­tet und von futu­ris­ti­schen Hoch­häu­sern gesäumt wird.

Wir besich­ti­gen mit Zoo das bud­dhis­ti­schen Gan­dan-Klos­ter und den skur­ri­len Tschojdschin-Lama-Tem­pel. Gegen Geld­spen­den beten Mön­che für Gesund­heit, Wohl­stand, Glück und 167 wei­tere Anlässe, die Preis­lis­ten hän­gen an der Wand. 1924 wurde das Land ein Satel­li­ten­staat der UdSSR. Die Mon­go­li­sche Volks­re­pu­blik sollte ein moder­ner kom­mu­nis­ti­scher Staat wer­den. Dies führte zu Sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen, bei denen etwa 38 000 Mon­go­len ermor­det wur­den, vor­wie­gend die Intel­li­gen­zija und bud­dhis­ti­sche Mön­che. Klös­ter, sowie Über­bleib­sel des ursprüng­li­chen Scha­ma­nis­mus wur­den zum Groß­teil ver­nich­tet. Auch die 26 Meter hohe Gold­sta­tue der Göt­tin Jan­rai­sig des Gan­dan-Klos­ters wurde ein­ge­schmol­zen, jedoch 1996 für umge­rech­net fünf Mil­lio­nen Dol­lar Spen­den wie­der neu erbaut.

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Auf dem Abend­pro­gramm steht eine Auf­füh­rung tra­di­tio­nel­ler mon­go­li­scher Folk­lore mit Kehl­kopf­ge­sang, Pfer­de­gei­gen, Natio­nal­trach­ten und Tän­zen. Ich rechne mit einer schreck­li­chen Tou­ris­ten­show, bin statt­des­sen von der ers­ten Minute an kom­plett begeis­tert. Die hoch­ta­len­tier­ten Musi­ker, Tän­zer und Artis­ten bie­ten eine Rie­sen Show und schaf­fen es in Kürze Neu­gier auf den rei­chen Kul­tur­schatz der Mon­go­lei zu wecken. Dazu die Kos­tüme mit turm­ho­hen Hüten und gewag­ten Farb­kom­bi­na­tio­nen, ein­fach wun­der­bar schräg. Hier hat sich bestimmt der ein oder andere Sci­ence-Fic­tion-Mas­ken-oder Kos­tüm­bild­ner inspi­rie­ren las­sen, eine wilde Mischung irgendwo zwi­schen Game of Thro­nes und Star Wars.
Auf der Dach­ter­rasse unse­res inter­na­tio­nal stan­dar­di­sier­tem Ramada Hotels bie­tet sich uns ein spek­ta­ku­lä­rer Aus­blick wäh­rend wir bei mon­go­li­schem Wodka das Eis in der Rei­se­gruppe brechen.

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Früh mor­gens star­tet unser gelän­de­gän­gige Bus dann end­lich into the wild, 300 Kilo­me­ter durch die mon­go­li­sche Step­pen­land­schaft gen Wes­ten nach Bayan Gobi. Da bleibt viel Zeit aus dem Fens­ter zu schauen, Kopf­hö­rer auf und die Weite genie­ßen. Schon kurz nach Ulan Baa­tar wird der Ver­kehr ruhig, Men­schen erschei­nen immer sel­te­ner im Bild, dafür zei­gen sich uns Her­den aus Scha­fen, Zie­gen, Rin­dern, Kame­len und Pfer­den. 52 Mil­lio­nen Wei­de­tiere bevöl­kern schät­zungs­weise die kar­gen Böden des am dünns­ten besie­del­ten Lan­des der Erde. Land­wirt­schaft ist prak­tisch nicht mach­bar, die Tiere sind die wert­vollste Nah­rungs­quelle, Vege­ta­rier haben es schwer, Vega­nis­mus ist schier unvorstellbar.

Immer wie­der fah­ren wir hupend an gro­ßen, bunt geschmück­ten Stein­hau­fen vor­bei, die Anhö­hen und Stra­ßen­kreu­zun­gen säu­men. Die so genann­ten Oboo sind Über­bleib­sel des Ten­gris­mus, einer Form des Scha­ma­nis­mus. Opfer in Form bun­ter Tücher, Geld­scheine, aber auch skur­ri­ler Gaben wie Krü­cken oder abge­schnit­te­ner Pfer­de­beine wer­den den Geis­tern und Vor­fah­ren dar­ge­bracht. Eigent­lich muss der Hügel drei­mal umrun­det wer­den, sonst steht Unglück aus, aus Prag­ma­tis­mus wurde dies durch drei­fa­ches Hupen ersetzt. Quer durch die Sze­ne­rie zieht sich eine 800 Kilo­me­ter lange Wan­der­düne, deren Aus­läu­fer wir auf der Fahrt mehr­fach kreu­zen, bevor wir unser Nacht­quar­tier, das Hogno Haan Jur­ten Camp errei­chen, das male­risch vor einer Fels­ku­lisse liegt. Die tra­di­tio­nel­len Noma­den­zelte sind nicht nur design­tech­nisch ein Knal­ler, die Kon­struk­tion aus Holz, Filz und Stoff ist eine ein­fach cle­ver, mini­ma­lis­tisch und trotz­dem gemüt­lich. Im Win­ter und in kal­ten Näch­ten schnell kusche­lig, dank des Ofen im Zen­trum, im Som­mer kühl. Auf jeden Fall eine ganz beson­de­res „Hotel“. Die knur­ren­den Mägen wer­den mit einem fleisch­las­ti­gem Mahl gesättigt.

Für Foo­dies ist die Mon­go­lei sicher kein Top-Rei­se­ziel. Gewürzt wird wenig, der Spei­se­plan ist über­sicht­lich, dafür ist der Wodka von Spit­zen­qua­li­tät. Wir ver­nich­ten zwei Fla­schen der Spit­zen­marke Chingghis, bevor wir glück­se­lig zu unse­ren Zel­ten tau­meln, unter einem Heer von Ster­nen, denn Licht­ver­schmut­zung gibt es hier quasi nicht. Das Feuer im Ofen knis­tert mich in einen tie­fen, erhol­sa­men Schlaf.

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Tag drei der Reise führt uns nach Kara­ko­rum zu den Relik­ten der aus dem 13. Jahr­hun­dert stam­men­den Haupt­stadt des mon­go­li­schen Groß­reichs und der weit­läu­fi­gen Klos­ter­an­lage Erdene Zuu, die einst von 1.000 Mön­chen bewohnt wurde. Ein spi­ri­tu­el­ler Ort. Die ver­blie­be­nen Mön­che strah­len eine unglaub­li­che Ruhe aus, die Sze­ne­rie berührt. Zu besich­ti­gen gibt es rei­che Wand­ge­mälde und Kunst­ge­gen­stände. Vor den Toren des Klos­ters kön­nen sich die Rei­se­grup­pen in tra­di­tio­nel­len mon­go­li­schen Trach­ten foto­gra­fie­ren las­sen. Wäh­rend ich einer chi­ne­si­schen Truppe bei die­sem Spaß zusehe, wird mir fast bei­läu­fig ein enor­mer Stein­ad­ler auf den Arm gesetzt. Das Tier ist impo­sant, als face­book-Pro­fil­bild schlägt es all meine bis­he­ri­gen Likes, aber eigent­lich ist das ja schlimm mit Tie­ren in Gefan­gen­schaft und so. Mir wird jedoch ver­si­chert, dass in der Mon­go­lei schon immer mit Stein­ad­lern gejagt wurde, die ent­spre­chend domes­ti­ziert gehal­ten wer­den und es den Tie­ren gut geht. Ich hoffe das stimmt.

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Es wird früh dun­kel und nach dem Abend­essen und der obli­ga­to­ri­schen Wodka-Runde gibt es nicht wirk­lich was zu tun im Jur­ten-Camp. Eine Split­ter­gruppe und ich wol­len das so nicht hin­neh­men und bege­ben uns auf Expe­di­tion Rich­tung „Stadt“, wir wol­len eine Karao­ke­bar, oder sonst eine Kaschemme aus­fin­dig machen. Es ist stock­fins­ter, nur unsere iPhone-Lam­pen leuch­ten uns den Weg durch die Pampa, von allen Sei­ten ertönt Hun­de­ge­bell und Gejaule. Nach etwa 500 Metern steht plötz­lich ein Mon­gole auf Pferd vor uns und sieht uns völ­lig ent­geis­tert an. Ver­stän­di­gung ist lei­der nicht mög­lich, er zeigt hek­tisch in Rich­tung des Camps und zieht von dan­nen. Das über­stra­pa­ziert die Ner­ven der meis­ten Expe­di­ti­ons­teil­neh­mer, wor­auf sie sich zurück zum siche­ren Camp bege­ben. Wir zie­hen zu dritt weiter.

Nach einem etwa halb­stün­di­gen Marsch errei­chen Patrick, Lars und ich die „Stadt“ und han­geln uns von Licht­quelle zu Licht­quelle. Keine Men­schen­seele zeigt sich, das Hun­de­ge­bell wird bedroh­li­cher, alles was von wei­tem einen ein­la­den­den Ein­druck macht, ist geschlos­sen. Irgend­wann fin­den wir eine Zapf­säule, an der gerade getankt wird. Die vier Men­schen am Auto sind irri­tiert, auch diese Begeg­nung schei­tert an der Sprach­bar­riere. Schließ­lich stol­pern wir über ein Hotel, die Lobby ist geöff­net, Pla­kate bewer­ben eine Karaoke­party, doch es ist nur ein stein­al­ter Rezep­tio­nist anzu­fin­den, der eben­falls kein Eng­lisch oder Deutsch spricht. Wir kau­fen ein Was­ser, stel­len die Suche ein und schla­gen uns durch die finstre Nacht zurück ins Camp. Es fängt zu Reg­nen an, wir ver­lau­fen uns in einer Tour, klet­tern über Zäune, stran­den im fal­schen Jur­ten-Camp und errei­chen nach fast vier Stun­den unsere Zelte, selt­sam eupho­ri­siert. Zwar haben wir keine Kneipe gefun­den, aber auf­re­gend war das, schon fast ein rich­ti­ges Aben­teuer. Als wir Zoo am nächs­ten Mor­gen davon berich­ten, schüt­telt diese nur den Kopf und warnt uns vor betrun­ke­nen Mon­go­len, die nachts peit­sche­schwin­gend durch die Steppe reiten.

Nach dem Früh­stück fah­ren wir zum Hus­tai-Natio­nal­park, wo die sel­te­nen Prze­wal­ski-Wild-Pferde behei­ma­tet sind. Das mon­go­li­sche Wild­pferd ist die ein­zige Unter­art des Wild­pferds, das in sei­ner Wild­form bis heute über­lebt hat. Klein­mäd­chen­träume aus Wendy-Zei­ten wer­den war. Die win­zi­gen, beige­far­be­nen Wild­pferde mit der bors­ti­gen Mähne jagen in ihren Fami­li­en­clans durch die Hoch­ebene. Das ist schon sehr erha­ben. Ins Jur­ten Campt zurück führt eine traum­hafte Wan­de­rung, auf der uns einige Mur­mel­tiere hallo sagen.

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Berg­fest. Als Gruppe sind wir gut ein­ge­spielt, es herrscht gesel­lige und freund­schaft­li­che Stim­mung. Nach dem Abend­essen okku­pie­ren wir den Fest­saal und was macht man so auf Grup­pen­rei­sen, Trink­spiele, ganz klar. Da sit­zen wir, erwach­sene Men­schen und klat­schen mit unse­ren Hän­den im Takt auf den Tisch, bis einer einen Feh­ler macht, trin­ken muss und alle grö­len. Wie schön. Man­che Dinge ändern sich ein­fach nie. Sehr spät, für mon­go­li­sche Ver­hält­nisse, schlei­chen wir in unsere Jur­ten. Ich fühle mich wie mit 15 im Feriencamp.

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Der Mor­gen danach bringt Kater­stim­mung, viel­leicht folgt auf das kol­lek­tive Hoch­ge­fühl zwangs­weise der Lager-Kol­ler? Auf dem Weg in die Mon­go­li­sche Schweiz stop­pen wir bei dem monu­men­ta­len Dschin­gis Khan Sta­tue bei Tson­jin Boldog. Die begeh­bare Sta­tue ist 30 Meter Hoch und damit der­zeit das höchste Rei­ter­stand­bild der Welt. Das Sockel-Gebäude ent­hält Restau­rants und Sou­ve­nir­ge­schäfte. Mit einem Fahr­stuhl kann man zu einer Aus­sichts­platt­form auf Höhe des gigan­ti­schen Kop­fes fah­ren. Ein­ge­weiht wurde die Sta­tue im Jahr 2008 und sie ist defi­ni­tiv ein Pres­ti­ge­ob­jekt. Deut­sche, die wir nun ein­mal sind, wer­den schnell alle Män­gel der Sta­tue aus­fin­dig gemacht. Die Trep­pen­stu­fen sind unter­schied­lich hoch, das Museum im Kel­ler ist nur auf Rus­sisch beschrif­tet, der Ser­vice im Restau­rant man­gel­haft. Die Rei­se­pro­fis neh­men das Objekt vor der armen Zoo regel­recht aus­ein­an­der, ihr fehlt es immer schwe­rer die Con­ten­ance zu bewah­ren. Irgend­wie ist der Wurm drin. Die Situa­tion wird geret­tet indem wir uns alle in diese ver­rück­ten Trach­ten schmei­ßen und für ein Grup­pen­bild posieren.

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Schnell wei­ter­fah­ren, zum Gorki Ter­elj Natio­nal­park. Und was nun kommt besänf­tigt alle Gemü­ter und Friede kehrt ein. Die mon­go­li­sche Schweiz ist schlicht atem­be­rau­bend schön. Bevor wir unser Camp errei­chen nut­zen wir die Mög­lich­keit zum Besuch einer Noma­den-Fami­lie. Sol­che Besu­che sind keine Sel­ten­heit, Besu­cher sind gerne will­kom­men. Als Gast­ge­schenk bringt man für die Kin­der Süßig­kei­ten und für die Eltern ein wenig Geld mit. Wir bekom­men den gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen, sau­ren Milch­tee und Käse aus eige­ner Her­stel­lung zu Ver­kos­ten und kön­nen das Fami­li­en­le­ben aus nächs­ter Nähe begut­ach­ten. Ein­fach ist es, doch moderne Tech­no­lo­gien sind selbst in den ent­le­gens­ten Regio­nen ange­kom­men. So zäh­len Mobil­te­le­fon und Satel­li­ten­schüs­sel zur Standardausrüstung.

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Das Buuveit Camp im Ter­elj Natio­nal­park ist ein Traum. Idyl­lisch liegt es unter­halb impo­san­ter Fel­sen auf einer sat­ten grü­nen Wiese. Der wol­ken­lose Him­mel strahlt in leuch­ten­dem Blau. Es ist das erste natur­freund­li­che Camp der Mon­go­lei. Recy­cling, Was­ser­auf­be­rei­tung und Umwelt­schutz wer­den groß geschrie­ben. Das Lager eig­net sich her­vor­ra­gend für Wan­de­rer, Klet­te­rer, Rei­ter und alle, die Ruhe suchen. Zum Abend­essen wird ein tra­di­tio­nel­les Mahl für uns zube­rei­tet, mit Fleisch und Kräu­tern gefüllte Teig­ta­schen, Buuds und Chuuschuur, dazu Lamm, das in einer gro­ßen Milch­kanne auf Stei­nen, samt Kar­tof­feln gegart wird. Das bis­her beste Essen der gesam­ten Reise. Als beson­dere Über­ra­schung wer­den wir nach dem Abend­essen zum Lager­feu­er­platz gebe­ten, wo der Ehe­mann der Camp Mana­ge­rin Tsol­mon, ein bekann­ter Kehl­kopf­sän­ger uns samt Pfer­de­geige ein mys­ti­sches Ständ­chen gibt. Nach einem erhol­sa­men, traum­lo­sen Schlaf im beque­men Bett war­tet mein per­sön­li­ches High­light der Reise auf mich, ein Ritt auf einem die­ser agi­len, zier­li­chen mon­go­li­schen Pferde. Da ich seit Kin­der­ta­gen auf kei­nem Pferd mehr geses­sen bin, zeige ich erst­mal gebo­te­nen Respekt und lasse mich von dem jun­gen Guide füh­ren. Nach weni­gen Minu­ten fasse ich jedoch Ver­trauen zu dem hüb­schen Warm­blü­ter unter mir und mei­nen Fähig­kei­ten als Rei­te­rin und fange, auf mich selbst­ge­stellt, an zu Tra­ben und schließ­lich zu Galop­pie­ren. Ich stehe in den Steig­ei­sen, der Wind weht mir durchs offene Haar, Helm wird hier nicht getra­gen, wir jagen im Affen­zahn über Berg und Tal, pures Adre­na­lin schießt mir durch den Kör­per, ich bin wie elek­tri­siert. Wow! Was für ein Gefühl.

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Das Hoch soll nach lange anhal­ten. Ungern ver­lasse ich das Camp. Hier stimmt ein­fach alles. Wochen könnte ich hier ver­brin­gen. Doch lei­der geht es zurück nach Ulaan Bataar. Auf dem Weg machen wir Halt bei einem Kasch­mir Out­let. Das Land ist berühmt für gute Qua­li­tät zu mode­ra­ten Prei­sen. Wäh­rend sich Teile der Rei­se­gruppe auf Schnäpp­chen­jagd bege­ben genieße ich die letz­ten Strah­len der mon­go­li­schen Sonne. Zum Abschied wol­len die „jün­ge­ren“ Grup­pen­mit­glie­der noch eine der zahl­rei­chen Karaōke-Bars besu­chen, auch wenn Zoo ein wenig besorgt um unser Wohl­erge­hen auf den gefähr­li­chen Stra­ßen der Haupt­stadt ist. Wir las­sen uns davon nicht abhal­ten und ver­sa­cken bis früh mor­gens bei Bier und reich­lich Wodka in einer Kel­ler-Bar, wo wir uns hei­ser sin­gen. Lei­der ist Dschin­gis Khan nicht in der Play­list, dafür erschallt Mos­kau, Mos­kau, Mos­kau. Um 4 Uhr falle ich glück­se­lig in mein Bett, der Wecker klin­gelt um 6. Leicht ver­ka­tert tuckern wir zum Flug­ha­fen. Auf geht´s zurück nach Berlin.

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Toll war das. Eine Reise geprägt von der Schön­heit der Natur, einer sagen­haft inter­es­san­ten Kul­tur, voll Ruhe, aber auch Aben­teu­ern, irgendwo zwi­schen Tra­di­tion und Moderne. Meine Angst vor Grup­pen­rei­sen habe ich über­wun­den. Das kann rich­tig Spaß machen mit so einer zusam­men gewür­fel­ten Truppe. Und Zoo, die ist ein­fach ein Schatz. Und natür­lich der Wodka. Ein paar Fla­schen habe ich mit im Gepäck und jeder Schluck schmeckt ein wenig nach die­ser unglaub­li­chen Weite und ver­setzt mich zurück auf den Rücken mei­nes wil­den schö­nen Pferdes.

Vie­len Dank an Lern­idee Erleb­nis­rei­sen für die Ein­la­dung und diese tolle Erfahrung.

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