Mundschutz in der Metro

Kairo: Tahrirplatz

im Winter 2012/2013

Nun ist es also doch passiert. Wir sind am Tahrir-Platz ausgestiegen und haben die Metro verlassen. Und alles nur, weil die Bahn stillsteht. Hunderte Demonstranten blockieren das U-Bahngleis. Eine brennende Lunte wird auf die Gleise geworfen. Deswegen bremste unser Zug so abrupt ab und deswegen kann er nicht komplett in die Station gelangen. Wir haben noch Glück. Unser Wagen steht bereits im Bahnhof, wir steigen aus.

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Von einer Sekunde auf die andere brennt es in den Augen, ein widerlicher, scharfer und beißender Gestank zieht in den Mund und in die Nase. Wir legen unsere Arme oder unsere Kapuzen vor Mund und Nase und verlassen so zügig, wie es geht, die Station nach oben. Um uns herum hunderte Ägypter, die das Gleiche tun. Wohlgemerkt: fast alle von ihnen sind normale, durchschnittliche Bürger. Keine wutentbrannten, gewaltbereiten Demonstranten, keine Schläger, keine sonstwie orientierte Extremisten. Einfach nur Männer und Frauen, die gern nach ihrem Arbeitstag nach Hause wollen. Viele tragen kleine Kinder auf den Armen, einige Männer verkaufen Mundschutzmasken, wie wir sie aus Krankenhäusern kennen, an die vorbeiströmenden Passanten und machen noch ein Geschäft.

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Was ist passiert? Nichts sehr Konkretes, nichts Ungewöhnliches. Die Mengen an Tränengas, die von der Übergangsregierung gegen die eigenen Bürger auf dem Tahrir-Platz eingesetzt werden, lagern sich dank der breiten Ein- und Ausgänge der Metrostation in diese ab. Es ist barbarisch. Die Menschen auf dem Platz fordern endlich freie Wahlen, endlich tatsächliches Mitspracherecht, endlich einen Hauch von Demokratie in diesem Land, das bis vor knapp einem Jahr von einem Despoten namens Mubarak regiert wurde. Die Freudenschüsse aus dem Februar 2011 wandelten sich rasch in Schüsse auf die Demonstranten, die den wichtigsten Platz der Stadt (an dem sich u.a. das weltberühmte Britische Museum befindet) seither ununterbrochen unter Beschlag nahmen. Nur so hören die Machthaber zu. Nur so schaut die Welt weiterhin nach Ägypten und fragt sich, ob der „Arabische Frühling“ nicht doch bloß aus zwei sonnigen Tagen bestand. Wandel in eine demokratische Zukunft? Nirgends zu sehen.

Wir sind inzwischen die letzten Stufen hochgelaufen und stehen nun auf dem Platz. In der Mitte das Camp der Dauerproteste, wir hören das Abschießen von Feuerwerk und sehen in vielen der sternartig zulaufenden Straßen, dass diese durch Straßenbarrieren zugemauert worden sind. Vorsichtig tasten wir uns am Rande des Platzes entlang und gehen schließlich durch eine offene Straße in eine ruhigere Gegend. Wir essen bei einem Jemeniten und beruhigen uns, ich begehe den Fauxpas, einer ebenfalls zu unserer Gruppe gehörenden ägyptischen jungen Frau die Hand geben zu wollen. Sie lächelt und sieht dann auf den Boden. Ich stehe zwei Sekunden schweigend an Ort und Stelle, niemand klärt mich auf. Dann begreife ich meine soziale Unkenntnis und lenke mit einer Anekdote von unserer Fahrt zu den Pyramiden ab.

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Es ist unwirklich und beängstigend. Wenige Kilometer entfernt eskaliert an diesem Abend abermals die Gewalt, das Militär setzt scharfe Waffen gegen aggressive Demonstranten ein. Wir bekommen davon in der Wohngemeinschaft meines Freundes wenig mit. Das Internet berichtet. Auf deutschen Nachrichtenseiten lese ich Titel wie „Ganz Ägypten versinkt im Chaos“. Da ist das Unwirkliche: Wir sitzen mitten in Kairo, mitten in Ägypten, wir sind gesund und sicher, uns geht es gut. Und dennoch haben die Medien nicht völlig Unrecht. An diesem Abend gibt es Tote, zwei in Kairo, über zehn Menschen sterben in der Hafenstadt Port Said. Getötet von Landsleuten, die auf Befehl handeln. Getötet, weil sie zu viel wollen. Ein Stück Freiheit für sich und ihre Familien.

Hierbei lerne ich aber erst in Kairo, vor Ort, dass unsere Berichterstattung, besser gesagt, das, was wir zu lesen und zu Glauben bekommen, nicht der Realität entspricht. Es wäre naiv zu behaupten, dass alle Ägypter Demokratie wollen. Die späteren Wahlen bestätigen die radikale Muslimbruderschaft, die Wahlen scheinen korrekt verlaufen zu sein. Eine Mehrheit der Ägypter, in großen Teilen die Landbevölkerung der sogenannten bildungsfernen und sozialschwachen Schichten, wünscht sich eine traditionelle, auf Religion münzende Führung ihres Landes. Wir, die wir mit dieser Freiheit aufgewachsen sind und die für viele von uns so selbstverständlich wurde, dass sich viele nicht einmal mehr dazu berufen fühlen, an Wahlen teilzunehmen und Demokratie auszuleben, mögen das für nicht nachvollziehbar halten. Genauso wenig kann ich an diesem Abend in Kairo nachvollziehen, warum dieses Land trotzdem irgendwie funktioniert. Am Chaos wandelnd, die Touristenzahlen im Sturzflug, die Währung auf dem Weg in die Inflation, die Gefahr einer internationalen Isolation durch das Auftreten des Übergangspräsidenten Mohammed Mursi – es gibt viel, das ich nicht nachvollziehe. Aber das gibt mir oder irgend jemandem, der das Land besucht, sicherlich nicht das Recht, zu ermessen, was dieses Land braucht. Demokratie klingt nach dem einzig richtigen Weg. Aber wie soll man eine Demokratie einführen, wenn die Menschen des Landes niemals Demokratie erlebt haben? Die Regeln nicht kennen? Nicht wissen, wie sie das System mit ihren traditionellen Werten und ihrem Alltag vereinbaren sollen?

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Wir sitzen betrübt im Wohnzimmer, fünf Männer, die aus ganz unterschiedlichen Gründen hier sitzen. Vier von uns reisen früher oder später wieder ab. Nur einer wird bleiben. Hamid, der ägyptische Mitbewohner, der vor kurzem erfuhr, dass er Vater wird (siehe Kairo Teil I). Er sitzt dort, zieht an der Wasserpfeife und sagt schließlich: „You know, when my father was young it was critical. The army took over the country and for US it took fifty years to get rid of it. Now it is critical again. For us, the only thing we can do is try to live our life and wait what will happen. And hope to get out of it alive.“

Marius Kriege

Mit Anfang 20 brach Marius nach Australien auf und ist trotz regelmäßiger Unterbrechungen im Grunde nie wieder ganz zurückgekehrt. Ein halbes Jahr Südamerika brachte unzählige tolle Geschichten und Malaria, aber das verbuchte er unter Erfahrung. Wenn er nicht irgendwo unterwegs ist, lebt er in Hamburg und schreibt. Über alles, was ihn bewegt.

  1. Ein sehr spannender, sehr richtiger und sehr wichtiger Bericht. Ja, wir hier im Westen meinen immer, wir bringen der Welt das Heil. Dabei übersehen wir nur, das woanders auf der Welt manche Werte anders sind, manche Traditionen andere Werte hoch gewichten. Es ist so wichtig, uns daran zu erinnern, wenn wir den Stab über das brechen, was anderswo passiert, was andere Menschen in fernen Ländern bewegt.

    Danke, Marius.

    • Vielen Dank für den Kommentar.

      Ja, mir wird oft erst vor Ort bewusst, dass man Lebensweisen nicht aufzwingen kann, ja nicht einmal empfehlen. Ganz so gleich sind wir dann doch nicht alle.

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