Ich kann mei­nen Atem sehen. Mit der lin­ken Hand umklam­mere ich mein Bier im Plas­tik­be­cher, die andere habe ich tief in mei­ner Jacken­ta­sche ver­gra­ben. Rechts von mir steigt Dampf von den Essen­stän­den in die Nacht. Regen nie­selt mir ins Gesicht, ich ziehe die Kapuze in die Stirn. Dies könnte ein Dezem­ber­abend auf dem Weih­nachts­markt sein.

Ist aber ein Fes­ti­val in der Lüne­bur­ger Heide. Und zwar Mitte August. „A Summer’s Tale“ heißt die vier­tä­gige Ver­an­stal­tung – nur dass Dau­er­re­gen und absurde Tem­pe­ra­tu­ren sie in ein Win­ter­mär­chen verwandeln.

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„Ist das nor­mal, dass es hier so kalt ist?“ ruft Shir­ley Man­son, Sän­ge­rin der Band Gar­bage, bei ihrem groß­ar­ti­gen Kon­zert spä­ter ungläu­big von der Haupt­bühne ins Publi­kum. Und erin­nert mich daran, dass mir mit­ten im Hoch­som­mer eine wei­tere furcht­bare Nacht im Zelt bei sechs Grad bevor­steht. Die klamme Kälte ist mir schon ges­tern erbar­mungs­los in die Kno­chen gekro­chen und stun­den­lang nicht aus mei­nem Kör­per gewi­chen. Gar­bage spie­len „Only happy when it rains“, aus­nahms­weise reg­net es bei ihrem Gig nicht.

Christoph Eisenmenger / www.facebook.com/basslordpictures Shir­ley Man­son von Gar­bage beim „A Summer’s Tale“ 2016. (Credit: Chris­toph Eisen­men­ger / www.facebook.com/basslordpictures)

Am nächs­ten Tag dafür fast unun­ter­bro­chen – Gift für meine Laune, die im Über­maß vom Wet­ter abhängt. Ich bin quasi ein ande­rer Mensch unter blauem Himmel.

Das Festival in der Lüneburger Heide ist anders als die anderen

Da kommt mir sehr gele­gen, dass „A Summer’s Tale“ kein rei­nes Musik‑, son­dern ein Kunst- und Frei­zeit­fes­ti­val mit Work­shops, Lesun­gen und Fil­men ist, das Gäste jeden Alters und gezielt auch Fami­lien anspre­chen will. Man kann hier tags­über unter ande­rem vegane Süßig­kei­ten her­stel­len, mit Holz arbei­ten, mit den Fin­gern stri­cken, Swing­tanz ler­nen, Sport trei­ben, Som­mer­cock­tails kre­ieren. Vom Klein­kind bis zur Oma fin­den alle hier Zer­streu­ung, zumal der Groß­teil der Work­shops über­dacht stattfindet.

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So ver­brin­gen wir die ver­reg­ne­ten Stun­den „Ho, ho, ha, ha, ha“-rufend beim Lach­yoga, mit den Füßen des Vor­der­manns fast im Gesicht im über­füll­ten Yoga-Flow-Work­shop, schlechte Ener­gien mit den Hän­den weg­schie­bend beim Qi Gong und durch den Raum hüp­fend, rol­lend und Rad schla­gend beim Modern Dance. Wir bekom­men Ein­bli­cke, blei­ben so bei Laune – und freuen uns, außer­dem jeden Tag etwas Neues zu essen aus­pro­bie­ren zu können.

Foto: @[589963001117906:ILOve Photography] // www.ilovephotography.de Hoch das Bein beim „Modern Dance“ im Luhe­deck (Credit: www.ilovephotography.de)

Denn das Fes­ti­val in der Lüne­bur­ger Heide ist viel­leicht das leckerste in ganz Deutsch­land: 35 Essens­stände gibt es hier, sie alle ver­wen­den Nah­rungs­mit­tel in Bio-Qua­li­tät, die meis­ten bezie­hen ihre Pro­dukte von regio­na­len Händ­lern. Es gibt vega­nes Fast Food, es gibt Lachs­dö­ner, Hand­brot, ara­bi­sche Küche, Waf­feln und Quark. Ganz viel Essen für die Seele. Im Schutze eines Schirms fal­len wir über einen gut gefüll­ten Tel­ler „Teu­fels­pfanne“ von der „Nudelei“ her – unfass­bar leckere, pikante Pasta mit Pesto und Knob­lauch. Das hat etwas Tröst­li­ches inmit­ten des hart­nä­cki­gen Regens.

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Zwi­schen­durch erbarmt sich der Wet­ter­gott. Dann ist die Luft ganz frisch mit leich­ter Kuh­note, dann reißt der Him­mel für ein Stünd­chen auf und das Leben kehrt zurück auf die Flä­chen zwi­schen den Büh­nen. Dann haben Fes­ti­val­ge­lände und Cam­ping­plätze ihre Far­ben wie­der: blauer Him­mel, satt­grüne Wie­sen und Wäl­der, gelb-rot-gestreifte Zelte. Und links und rechts an den Wegen zur Haupt­bühne blüht die Heide zag­haft-vio­lett. Wie wun­der­voll die­ses Fes­ti­val erst im Som­mer sein muss, denke ich, im rich­ti­gen Som­mer bei bestän­di­gen 28 Grad und Sonnenschein.

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Die Kin­der – es sind viele hier – stört das Wet­ter nicht. Wenn die Kon­zerte begin­nen, tra­gen sie stolz neon­grüne, ‑blaue oder ‑pinke Lärm­schutz-Kopf­hö­rer. Kleine Farb­tup­fer im Grau.

Zum ers­ten Mal ver­söhnt mit Kälte und Regen bin ich am Mitt­woch­abend, beim Kon­zert von Michael Kiwa­nuka. Das mag an dem war­men, roten Licht lie­gen, in das die Bühne, auf dem der eng­li­sche Soul­sän­ger mit sei­ner Band spielt, getaucht ist. Und an sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Stimme, der ich ein­fach zuhö­ren muss. Sicher auch daran, dass er im über­dach­ten Zel­t­raum spielt, in dem es so schön warm ist, wenn so viele Men­schen drin ste­hen. Ganz egal, ich kann mich dar­auf ein­las­sen und beschließe, mir zu Hause seine Musik zu besorgen.

Das gelingt mir im Laufe des Fes­ti­vals zum Glück noch häu­fi­ger. Eines Spät­nach­mit­tags kann ich sogar dem Regen etwas abge­win­nen, wäh­rend ich ihm im Inne­ren unse­res Zel­tes lau­sche. Man kann aus allem das Beste machen, wird mir klar – nur machen muss man etwas: Ablen­kung suchen, Kopf und Sinne beschäf­ti­gen mit neuen Ein­drü­cken. Und sei es nur auf­merk­sam hin­schauen und zuhören.

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Am Frei­tag­abend kurz vor unse­rer Abreise, tritt Noël Gal­lag­her mit sei­nen High Fly­ing Birds auf. Sie spie­len „Cham­pa­gne Super­nova“, sie spie­len „Won­der­wall“ und zum Schluss „Don’t look back in anger“. Am Ende gefällt mir die­ses Kon­zert am bes­ten. Übri­gens von allen das verregnetste.

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Herz­li­chen Dank an FKP SCORPIO für die Ein­la­dung zum „A Summer’s Tale“-Fes­ti­val in der Lüne­bur­ger Heide.

(Bei­trags­bild: Chris­toph Eisen­men­ger / www.facebook.com/basslordpictures)

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