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Auf der Mauer, auf der Lauer

Wenn ich ich sagte, meinte ich eigent­lich wir. Zumin­dest bei mei­nen letz­ten Geschich­ten aus Marokko. Wir, das sind Isi und ich. Wir, das sind Freunde aus dem Kin­der­gar­ten. Mitt­ler­weile nur ein biss­chen grö­ßer. Wir hat­ten uns als Kin­der zwi­schen­durch ein­mal ver­lo­ren und Jahre spä­ter wie­der­ge­fun­den. Da freun­de­ten wir uns ein zwei­tes Mal mit High­speed an – ohne zu wis­sen, dass wir uns schon kann­ten. Seit­dem wis­sen wir, das würde immer wie­der funk­tio­nie­ren. Manch­mal gibt es Zei­ten, in denen wir lange nicht gespro­chen haben, dann rufen wir uns an und trin­ken beide gerade Fen­chel­tee. Obwohl wir sonst gar nicht gerne Fen­chel­tee trin­ken. Nie­mand trinkt gerne Fen­chel­tee. Wir haben so ein Zweier­uni­ver­sum, das stän­dig in Balance ist. Bei uns ist eins plus eins nicht zwei, son­dern zwei Mil­lio­nen. Wir sind eine Sym­biose aus Har­mo­nie und Hake­lei. Isi weiß immer die ein­fachste Ant­wort auf meine kniff­ligs­ten Sinn­fra­gen. Stellt aber auch immer genau die eine Frage, die ich hoffte, dass sie nie­mand stellt. Und so war es auch bei unse­rer gemein­sa­men Reise durch Marokko.

1_Strand_vorlesen

Derek Hynd, sur­fen­der Spi­ri­tu­el­ler und spi­ri­tu­el­ler Sur­fer, den wir auf unse­rer Reise ken­nen­ge­lernt hat­ten, sagte eines Tages „I couldn’t ever marry one of you. Because you come in a package.“ Nicht nur, dass wir uns als Ein­heit fühl­ten, jeder nahm uns auch als Ein­heit war. Zum Essen bei Freun­den beka­men wir regel­mä­ßig zusam­men immer nur ein Glas. Uns wurde immer ein Eine-Per­son-Schlaf­platz gege­ben. Wir hat­ten eine Tasche für uns beide, ein Sham­poo und teil­ten fast immer unser Essen. Und wir hat­ten einen Namen: Les fil­les. Wer Isi und wer Lena war, wusste sel­ten jemand. Ein­mal auch wir selbst nicht, als wir uns ver­se­hent­lich beim Ken­nen­ler­nen mit dem Namen der ande­ren vorstellten.

3_Mauer

Noch nie hat­ten wir uns gestrit­ten. Trotz Puber­tät und Erwach­sen­wer­den, Pickel- und Schul­pro­ble­men, ers­ten Alko­hol- und Jungser­fah­run­gen, unzäh­li­gen geplan­ten und unge­plan­ten Rei­sen. Bis zu die­sem einen Moment auf die­ser Reise. Wir hock­ten in einem Haus mit­ten im marok­ka­ni­schen Inland fest, wo wir eigent­lich gar nicht hocken woll­ten. Denn wir woll­ten nicht in einem Haus sein und nicht im Inland. Wir woll­ten drau­ßen sein und am Meer. Weil wir immer drau­ßen ans Meer wol­len. Ein Rei­se­freund von uns orga­ni­sierte uns eine Fahrt, wollte aber viel lie­ber, dass wir noch blie­ben. Was ja eigent­lich rei­zend ist, aber er ging zu weit. Ich hörte, wie er dem Fah­rer sagte, erst spä­ter zu kom­men. Er log mich an. Das Auto würde län­ger brau­chen. Ich war sauer. Nicht weil das Auto in Wahr­heit gar nicht län­ger brau­chen würde. Weil er mir ins Gesicht log. Ich erzählte es Isi. Sie spielte es run­ter. Sie nahm ihn in Schutz. Sie wurde ja auch nicht ange­lo­gen. Das machte mich noch sau­rer. Ich knallte die Tür. Ich bin Steinbock.

2_Bus

Kurz vor Abfahrt kon­fron­tierte ich unse­ren Lüge­mann noch mit sei­ner Lüge, aber er stritt es ab und ich war zu sauer und zu mee­res­hung­rig für eine Dis­kus­sion. Isi und ich stie­gen ein und düs­ten los. Aber die Stim­mung war eine andere. Das kann­ten wir nicht, dass bei uns die Türen knal­len. Ich mag strei­ten, Isi auch, wir hat­ten es nur noch nicht zusam­men ver­sucht. Wie wir immer über alles rede­ten, rede­ten wir auch dar­über, klär­ten und ver­stan­den uns. Trotz­dem war die Stim­mung noch getrübt.

4_Tagazhout_view

Als wir am Meer in Tag­hazout anka­men, quet­schen wir uns mit unse­ren schwe­ren Ruck­sä­cken erst ein­mal durch die engen Gas­sen. Schön sind die. Alte Stein­gas­sen zwi­schen alten Stein­häu­sern, die alle leicht bergab gehen und zum Strand füh­ren. Auch wenn man sich ver­läuft, kommt man immer hin­aus, wo man hin will: Am Meer. Über­all lokale Händ­ler, die ihre bun­ten Waren ver­kau­fen. Stoffe, Ton­ar­bei­ten und hüb­scher Klim­bim, mit dem man, zurück von der Reise, nichts mehr anzu­fan­gen weiß. Wir konn­ten wider­ste­hen, unter­hiel­ten uns aber hier und da mal mit Händ­lern, die ihre spär­li­chen Deutsch­kennt­nisse an uns aus­pro­bie­ren woll­ten. Die Gesprä­che hiel­ten nie lange, also gin­gen wir in unsere Lieb­lings­strand­bar: Aftas. Direkt unten an der klei­nen Mauer zum Strand saßen wir unter einem Bam­bus­schirm, aßen den bes­ten Avo­cado­bur­ger Tag­hazouts und tran­ken frisch­ge­presste Frucht­säfte aus rie­si­gen Glä­sern. Also eigent­lich alles wun­der­bar. Nur die Vibes waren noch in leich­ter Schieflage.

Tagazhout_Lena

Neben uns auf der Mauer saß ein jun­ger Marok­ka­ner. Er saß auf der Mauer, als würde er schon lange dort sit­zen. In einer gemüt­li­chen, ver­har­ren­den Pose, sein Ruck­sack neben sich und inten­siv mit einem Blei­stift und einem Block beschäf­tigt. Ab und an schielte er zu uns rüber, wid­mete sich aber immer gleich wie­der sei­nem Geschreib­sel. Wie boten ihm zwi­schen­durch eine Ziga­rette an, die er dan­kend nahm und wei­ter sei­nen Block bearbeitete.

5_Tagazhout_Strand

Irgend­wann kam er zu uns an den Tisch und sagte „I saw you when you came and I got inspi­red to write down this poem. It’s from my favo­rite poet Cum­mings and it’s about friendship.“ Mehr wollte er gar nicht. Er drückte uns sei­nen Zet­tel in die Hand und ging wie­der zurück auf seine Mauer. Wir lasen das Gedicht, was gar nicht so leicht zu ent­zif­fern war. Auf Mau­ern mit Blei­stif­ten lässt sich nicht so gut schreiben.

7_Poem

I carry your heart with me,
I carry it in my heart.
I am never without it,
Any­where I go you go, my dear.
And wha­te­ver I do alone by only me
Is you doing my darling.
I fear not fate
For you are my fate, my sweet
I want the world
For beau­ti­ful you are, my world, my fate
And it’s you are wha­te­ver a moon has
Always meant.
And wha­te­ver a sun will always sing is you
Here is the deepest secret nobody knows
Here is the root of the root and the bud of the bud
And the sky of a tree cal­led life
Which grows hig­her than the soul can hope
Or mind can hide
And this is the won­der that’s kee­ping the stars apart.

 I carry your heart.
I carry it in my heart.

 

Das Gedicht selbst haute uns nicht um, aber das Sym­bol. Und das Timing. Über­wäl­tigt von dem Gespür des jun­gen Mau­er­poe­ten, schenk­ten wir ihm alles, was wir zu ver­schen­ken hat­ten – eine halb­volle Schach­tel Ziga­ret­ten. Isi und ich teil­ten wie­der unsere Bur­ger, unser Glas, nann­ten uns les fil­les. Kei­nen bes­se­ren Moment in all unse­ren 24 Freund­schafts­jah­ren zuvor hätte es gege­ben, uns ein sol­ches Freund­schafts­ge­dicht zu schen­ken. Ein biss­chen mun­kel ich aber immer­noch heim­lich, dass Isi ihn enga­giert hat. Doch sie mun­kelt das­selbe über mich.

6_ISI_LENA

 

Cate­go­riesMarokko
  1. Janina says:

    was für ein wun­der­schö­ner Arti­kel! Zau­bert mir ein Lächeln auf den Mund und am Schluss hab ich sogar ein biss­chen Gän­se­haut bekom­men! Wie toll :)

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