Ausflug

Eine kubanische Odyssee

Es ist der 23. Dezember. Seit etwa einer Woche bin ich jetzt in Kuba. Zwar war ich bisher noch in keinem Museum, dafür aber in so gut wie allen Bars und Cafés, die sich im Umkreis von einem Kilometer um mein Bett befinden.

Um dem stetigen Kulturverfall meiner selbst entgegenzuwirken, habe ich daher beschlossen, heute etwas mit geschichtlichem Hintergrund zu unternehmen. Und da die Rumproduktion einen der bedeutendsten Eckpfeiler der kubanischen Geschichte darstellt, fiel meine Wahl auf die Besichtigung der Havana Club Fabrik.

Ein Blick in den Reiseführer verrät mir, dass sich die Fabrik etwa 50 Kilometer außerhalb von Havana befindet und nur sehr schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Ich versuche trotzdem mein Glück und mache mich auf den Weg zum Busbahnhof, nur um einsehen zu müssen, dass der Reiseführer recht hat.

Die Taxifahrer, die direkt gewittert haben, dass ich aufgeschmissen bin, verlangen horrende Summen von mir, um mich an mein Ziel zu bringen.

Dann sehe ich zwei Typen, die reichlich desinteressiert auf der verrosteten Motorhaube ihres Wagens neben dem Taxistand sitzen. Fragen kostet nichts, denke ich mir, und gehe zu den beiden hinüber. Ich frage sie, ob sie mich zur Fabrik fahren könnten, ich würde sie natürlich auch bezahlen. Obwohl sie nicht so aussehen, als hätten sie etwas wesentlich besseres vor, wirken sie etwas skeptisch und beginnen miteinander zu diskutieren, als mir die kleine Flasche Havana Club einfällt, die ich am Flughafen gekauft und seitdem vergessen habe aus der Tasche zu tun.

„Ich habe auch Rum dabei“, sage ich und ziehe die kleine Flasche aus meiner Tasche.

Kurz darauf befinden wir uns auf der Straße in Richtung Santa Cruz del Norte, wo sich die Fabrik befindet. Ich sitze auf der ausgesessenen Rückbank des babyblauen Cadillacs, trinke einen Schluck aus der Flasche und gebe sie weiter an den Beifahrer, der ebenfalls einen Schluck trinkt und die Flasche weitergibt an den Fahrer.

Keine Ahnung, ob das so eine gute Idee ist, aber die beiden wissen sicherlich, was sie tun.

Hoffentlich.

Ich genieße die Fahrt durch die palmenbedeckte Landschaft, allein deshalb, da ich nicht auf meinen Füßen stehen muss. Ich habe mir in den letzten Tagen zuerst Blasen gelaufen, dann wunde Stellen, die irgendwann anfingen blutig zu werden und mittlerweile haben sich die Wunden so sehr entzündet, dass ich das dadurch aufgekommene Fieber nur noch mit Schmerzmitteln weit genug senken kann, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen.

Die Flasche Rum ist relativ schnell leer und meine schmerzenden Füße geraten zunehmend in Vergessenheit. Ich beginne über meine bisherigen Erfahrungen im Land und den kubanischen Lebensstil zu philosophieren, die beiden Herren vor mir über die kubanischen Frauen.

Irgendwann sind wir dann da, die beiden verabschieden sich und fahren leicht schlenkernd zurück nach Havanna.

Vor mir die legendäre Havanna Club Fabrik.

Irgendwie hatte ich sie mir anders vorgestellt.

Die Fabrik sieht nicht so aus, als würde in ihr irgend etwas trinkbares produziert werden. Rostige Wellblechdächer über hohen, beigeverputzen Wänden an denen die Farbe abblättert und die zur Hälfte mit Grünspan überdeckt sind.

Würde vor dem klapprigen Eisentor nicht ein Wachmann stehen und in der Ferne ein ebenso klappriger, alter Gabelstapler qualmend über den Hof fahren, könnte man glauben, dass die Fabrik seit Jahren verlassen ist.

Naja, vielleicht täuscht das Äußere auch nur, denke ich, laufe den kleinen Schotterweg von der Straße zum Eingangstor und frage den Wachmann, wo man sich für die Führungen anmelden kann.

„Es gibt keine Führungen“, sagt er knapp und dass die Fabrik nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sei.

„Das kann gar nicht sein!“, sage ich verwirrt und hole den Reiseführer heraus.

”Hier steht eindeutig…“, sage ich und lasse den Reiseführer direkt wieder sinken.

Scheiße.

Im Reiseführer steht eindeutig, dass die Fabrik nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Warum hab ich nicht weitergelesen? Da stehen nur zwei verdammte Sätze.

Ich drehe mich etwas verzweifelt im Kreis. Meine beiden Fahrer sind längst nicht mehr zu sehen und weit und breit ist kein Auto, geschweige denn ein Taxi, in Sicht, das mich aus dem Nirgendwo zurück in die Zivilisation bringen könnte.

Ich werfe dem Wächter noch einmal meinen herzzerreißendsten Dackelblick zu, aber er lässt sich nicht erweichen.

Mache ich zumindest noch ein Selfie vor dem Eingang, denke ich mir, und zücke mein Handy.

„Hrmm, hrmm“, räuspert sich der Security-Mann neben dem verwitterten Havana-Club-Eingangs-Schild.

Ein Griff zum Schlagstock an seinem Gürtel und die freundliche Bitte, das doch bitte zu unterlassen, hindern mich daran, den bisher größten Fehlschlag meiner Reise für die Ewigkeit festzuhalten.

Ich stecke mein Handy also wieder in die Tasche.

„Ist hier irgendwo ein Strand in der Nähe?“, frage ich den Wachmann.

„In der Nähe nicht, aber etwas weiter weg schon“, sagt er und zeigt nach Osten. „Ist allerdings ein ganz schönes Stück“

„Das macht nichts. Ich habe gerade nichts besseres zu tun“, sage ich und laufe los. Nach einer Viertelstunde schmerzen meine Füße so sehr, dass ich sie nur mühsam voreinander setzen kann. Hinzu kommt, dass die letzte Portion Rum gerade beginnt sich bemerkbar zu machen und gemeinsam mit dem Wirkstoff der letzten Ibuprofen in meiner Blutbahn Polka tanzt.

Ich wanke also Captain-Jack-Sparrow-ähnlich durch die karibische Pampa, in der Hoffnung auf einen Bus, ein Taxi, ein Auto oder einfach irgendein Gefährt, das mit Rädern bestückt ist und mich bis zum nächsten Strand befördern kann, damit ich meinen Rausch ausschlafen und meine Füße hochlegen kann.

Letzteres kommt etwa eine halbe Stunde später.

Zwei Räder, ein Typ mit Strohhut, ein Pferd, 50 Kohlköpfe, etwa genauso viele Papayas und ein paar Ananas.

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Meine letzte Rettung ist also die Pferdekutsche eines Gemüse- und Obstverkäufers. Ich wäre ihm vor Dankbarkeit am liebsten um den Hals gefallen, als er sagte, dass er mich ein Stück mitnehmen könne.

Ich frage ihn, wie er heißt und er sagt zweimal nacheinander „Pepe“, lässt mich allerdings in dem Unwissen zurück, ob er einen Doppelnamen besitzt (Pepe-Pepe), einen Sprachfehler hat, oder ob sowohl er, als auch sein Maultier Pepe heißt. Ich belasse es dabei und gehe von letzterem aus, da Pepe I in ungefähr so gesprächig zu sein scheint wie sein Maultier Pepe II.

Ich räume mir einen Platz auf der winzigen Ladefläche zum Sitzen frei und staple die Kohlköpfe, Papayas und Ananas fein säuberlich neben mir auf, um sie nicht zu zerquetschen.

Pepe I schnalzt Pepe II kurz zu, lässt die Zügel knallen und das Gefährt setzt sich holpernd in Bewegung. Es dauert keine Minute und die von mir liebevoll zur Seite geschobenen Ananas, Papayas und Kohlköpfe rollen kreuz und quer über den Wagen und über mich.

Um uns herum nur grüne Felder, Äcker, Palmen und die schroffe Felsenküste des Ozeans. Ich höre nichts als das Rauschen der Brandung, das monotone Klappern von Pepes Hufen (II, nicht I) auf dem steinigen Untergrund und die gelegentliche Aufforderung von Pepe an Pepe (I an II), etwas schneller zu laufen. Alle zehn bis 15 Minuten halten wir am Straßenrand an, um irgendeiner Oma einen Kohl oder einer Gruppe Kinder etwas Obst zu verkaufen.

Nach etwa einer Stunde halten die beiden Pepes an. Ich bin mittlerweile in eine lethargische Starre verfallen und habe das kleine Gebäude erst gar nicht gesehen, das sich einsam auf der anderen Straßenseite befindet.

Es ist tatsächlich eine Bar.

Ich verabschiede mich von den beiden Pepes und gehe durch die Schwingtür der Bar auf die Terrasse, auf der im Schatten unter einem Sonnenschirm bereits eine Gruppe Backpacker sitzt.

Deutsche.

Auf Deutsche habe ich gerade irgendwie keine Lust. Ich gehe zur Theke, bestelle einen Mojito und setze mich etwas von ihnen entfernt in einen Schaukelstuhl, schließe die Augen und lasse mir die Sonne ins Gesicht strahlen, während ich an meinem Mojito schlürfe, den Wellen lausche und in Tagträume verfalle.

„Bist du deutsch?“, reißt mich plötzlich eine Stimme aus meinen Gedanken. Eine Frau aus der Gruppe steht neben mir und lächelt mich an.

„Ja, woher weißt du das?“, frage ich.

„Du hast ein Bundeswehrhemd an“, antwortet sie.

Mist.

Ich habe den gelben Balken der Deutschlandflagge zwar blau angemalt und sie damit in eine Ostfrieslandflagge verwandelt, die letzte Wäsche hatte die Tarnung allerdings zunichte gemacht.

Sie stellt sich als Marina vor, die anderen Namen habe ich bereits beim Zuhören vergessen. Ich setze mich, nachdem ich von Marina eingeladen wurde, mich zu ihnen zu gesellen, an ihren Tisch und grabe in meiner Smalltalk-Kiste nach möglichen Themen.

„Wie ist denn der Strand hier so?“, frage ich.

„Mega scheiße! Nur scharfkantiges Lavagestein, kein Sandstrand. Wir haben im Voraus gebucht, sonst wären wir schon längst abgehauen. Sind schon seit drei Tagen hier“, sagt Marina.

Großartig.

Ich beschließe trotzdem, dem Lavastrand einen Besuch abzustatten, um den Trip nicht völlig umsonst gewesen sein zu lassen, trinke meinen Drink auf, verabschiede mich und verschwinde durch die Hintertür der Bar in Richtung Meer.

Auf der anderen Seite des Zaunes, das türkis-blaue Wasser der Karibik und ein Strand, dessen Begehung in etwa so schmerzhaft ist, wie wenn man als Kind morgens mit nackten Füßen auf einen Legostein getreten ist. Nur, dass dieser Strand zur Gänze aus Abermillionen gemeinen Legosteinen zu bestehen scheint.

Und meine Füße schon vorher schmerzten.

„Was für eine Kacke“, denke ich mir.

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Da stehe ich also. Hinter mir Uncle Sams potentielle Lieblingsbar, vor mir das Meer. Dazwischen der Legostrand des Todes.

Etwa 20 Meter hinterlistigster Lavastrand trennen mich und meine entzündeten Füße vom wohltuenden Bad in den warmen Wogen des Atlantischen Ozeans.

Hilft nichts, denke ich mir, irgendwie muss ich die zornig-schwarzen Felsen des „Strandes“ überwinden. Die scharfkantigen Steine bohren sich bereits beim ersten Schritt schmerzvoll durch die Sohlen meiner Latschen und lassen mich verkrampft auf meine Unterlippe beißen, während ich mich Schritt für Schritt auf mein Ziel zubewege.

Immer wieder rutsche ich dabei aus, verliere mein Gleichgewicht und muss schmerzhaft aufheulen, wenn ich wieder an einem Steinvorsprung oder Ähnlichem entlang geschrammt bin. Auf halbem Weg drehe ich um. „Rien ne va plus – Nichts geht mehr“, denke ich mir und eiere zurück zur Straße. Scheiß drauf, das ist kein Strand, das ist versteinertes Höllenfeuer. Spätestens wenn ich meine Schuhe hätte ausziehen müssen, um ins Wasser zu klettern, hätte mein Körper wahrscheinlich einfach vor Schmerzen kapituliert und meine Leiche wäre Tage später in irgendeinem Fischerdorf angespült worden.

Man würde sicherlich dem Rum die Schuld geben und soweit will ich es nicht kommen lassen.

Auf einem kleinen grünen Stück Rasen zwischen Strand und Straße steht ein kleines Kälbchen, das mich bereits während meiner gescheiterten Strand-Expedition mit treudoofen Augen beobachtet hat und sofort in Kampfhaltung geht, als ich mich nähere.

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Ich bewege mich Schritt für Schritt auf die kleine Kuh zu, während ich beruhigend auf sie einrede und aus der „Einen Schritt weiter, Amigo, und ich ramme dir meinen Schädel in deine verdammten Eier“-Haltung wird eine „Oh yeah, Baby, kraul mich hinter den Ohren“-Pose. Wir schließen schnell Freundschaft und eh ich mich versehe, ist meine Hand bis zum Handgelenk im Kälbchenmaul verschwunden. Ich ziehe sie leicht angewidert wieder heraus und lange Sabberfäden tropfen von meinen Fingern auf den Boden, während mich das Kälbchen weiter liebevoll mit seinen dunkelbraunen Kälbchenaugen anblickt.

Plötzlich höre ich hinter mir ein Lachen, drehe mich um und sehe zwei junge Typen, die das Schauspiel wahrscheinlich schon eine ganze Weile beobachtet haben.

Ich wische den Kälbchensabber an meiner Hose ab und hebe zum Gruß die immer noch triefende Hand. Die beiden lachen weiter und kommen auf mich zu.

Sie sind Fischer und etwas irritiert mich hier anzutreffen. Es sind anscheinend nicht oft Touristen hier in der Gegend, was mich nicht weiter verwundert.

Sie sind unterwegs, um nach Hummern zu tauchen und fragen, ob ich nicht mitkommen möchte.

Warum nicht?

Sie stellen sich als Gabriel und Nicolás vor und wir laufen die Küste entlang, immer weiter weg von der Bar, verständigen uns mit Händen und Füßen und reden über Gott und die Welt, ohne, dass wir die Sprache des Gegenübers wirklich beherrschen würden. Sie erzählen mir von ihrem Leben als Fischer und haben ziemlich viele Fragen über Deutschland. Die beiden sind Fußball-Fans. Bayern-Fans, um genau zu sein. „Sympathischer Verein“, sagen sie.

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Natürlich. Gerade, als ich anfing sie zu mögen.

Irgendwann lassen wir die Sandstraße hinter uns und laufen mitten durch ein Feld mit hüfthohem Gras, bevor wir an einen Stacheldrahtzaun kommen. „Militärgebiet – Betreten Verboten“, steht auf einem verrosteten Schild, das leise knarzend im Wind hin- und herbaumelt. So viel Spanisch verstehe ich.

Die beiden scheint es nicht zu interessieren. Gabriel hebelt den Zaun mit einer alten Eisenstange hoch und wir quetschen uns nacheinander darunter durch und laufen, auf der anderen Seite angekommen, weiter durch die Felder.

Es dauert keine fünf Minuten, als ein Soldat aus der Ferne auf uns zukommt.

Mein Herz rutscht mir in die Hose.

Ich sehe mich schon mit einer Binde um die Augen und einer letzten Zigarre im Mund vor einem Erschießungskommando an besagtem Stacheldrahtzaun stehen. „Schreibe ich noch schnell eine Abschieds-SMS an meine Freundin und an meine Muddi?“, schießt es mir durch den Kopf.

Dann ist der Soldat auch schon bei uns angekommen. Er schultert sein Maschinengewehr, kommt noch einen Schritt näher, umarmt Gabriel und Nicolás und schüttelt mir die Hand. Ich atme beruhigt aus. Die drei kennen sich. Sie reden kurz miteinander und wir setzen unseren Weg gemeinsam über das Militärgelände fort, bevor sich der Soldat verabschiedet und wieder zu seinem Wachposten läuft.

Das Feld wird immer unwegsamer und mündet schließlich in ein Kaktusfeld, das wiederum direkt zu einem Urwald führt.

Wir klettern über Baumstümpfe und dicke Wurzeln, schlagen uns durch herunterhängende Lianen und dichtes Buschwerk. Bergauf und bergab geht es, bevor wir an einer Steilklippe zum Halten kommen.

„Hier runter“, sagt Gabriel nur, dreht sich um und beginnt den Abstieg.

Wenn es sonst nichts ist.

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Einen Moment passe ich nicht auf und trete mit meinem nackten und entzündeten großen Zeh direkt gegen einen vorstehenden Stein. Mir bleibt kurz die Luft weg.

„Alles gut?“, fragt mich Nicolás.

„Klar, alles gut“, sage ich etwa drei Oktaven höher als gewohnt und versuche meinem schmerzverzerrten Gesicht ein Grinsen zu entlocken, das wahrscheinlich eher aussieht, als würde ich ihm eine Grimasse schneiden.

„Naja, das Gröbste sollten wir damit zumindest geschafft haben“, denke ich mir, als wir endlich unten angekommen sind und bereue den Gedanken im selben Moment schon wieder.

„Da müssen wir durch. Lauf einfach da lang, wo wir auch lang laufen“, sagt Gabriel und zeigt auf einen breiten Fluss vor uns.

Ich folge den beiden mit einigem Misstrauen, peinlichst darauf bedacht, genau dort hinzutreten, wo die beiden hintreten und erreiche das andere Ufer zwar nicht trockenen Fußes, aber unbeschadet.

Was dann kommt verschlägt mir abermals den Atem, diesmal allerdings im positiven Sinn:

Wir klettern über einen letzten Felsen und vor mir liegt das Paradies. Klingt kitschig, ist aber so.

Der einsame Strand, der sich vor uns ausbreitet wirkt in meinen Augen so surreal, das es mich nicht wundern würde, wenn gleich leichtbekleidete Nymphen und Panflöten-spielende Männer aus den Büschen kommen und uns Bacardi anbieten würden.

Gefolgt von einem Kamerateam.

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„Es ist noch ein ganzes Stück“, sagt Gabriel aber meine Füße signalisieren mir: bis hierher und nicht weiter.

Ich verabschiede mich von meinen beiden Begleitern, wünsche ihnen „Petri Heil“ und gebe meinen geschundenen Gliedmaßen endlich das kühlende Meerwasser-Bad, das sie verdienen.

Ich weiß nicht, ob der menschliche Körper dazu fähig ist in den Füßen einen Orgasmus zu bekommen, aber wenn ja, hatte ich gerade einen. Wenn nein, war ich ziemlich dicht dran.

Allzu lange hält das Glücksgefühl allerdings nicht an. Ich schaue auf die Uhr und bekomme einen leichten Schreck.

Wenn ich mich nicht auf den Rückweg mache, komme ich garantiert nicht mehr nach Havanna. Nicht, dass meine Chancen darauf besonders aussichtsreich wären.

Ich blicke noch einmal etwas wehmütig auf das Wasser und laufe zurück zum Fluss. Scheiße, wo war jetzt noch mal der richtige Weg?

„Ach ja, hier lang“, denke ich, mache einen Schritt und kann gerade noch meine Kameratasche und mein Handy hochreißen, bevor ich bis zur Brust im Wasser stehe.

Doch nicht da lang…

Meine Wertsachen über meinem Kopf balancierend wate ich Schritt für Schritt weiter vorsichtig durchs Wasser, um nicht von der Strömung aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden. Immer wieder muss ich ein paar Schritte zurückgehen, um es an einer anderen Stelle zu versuchen, da das Wasser zur Mitte des Flusses hin immer tiefer wird und ich an einigen Stellen nicht mehr stehen kann.

Völlig durchnässt komme ich auf der anderen Seite an, laufe zur Steilküste und beginne den Aufstieg.

Runter ging irgendwie einfacher.

Oben angekommen stehe ich zunächst etwas ratlos vor den Büschen, Bäumen und Lianen des Waldes durch den ich irgendwie durch muss, um zurück zur Bar zu kommen. Nur wie?

Ich war auf dem Hinweg so damit beschäftigt mir nicht durch die vielen Wurzeln und Steine auf dem Boden die Beine zu brechen, dass ich überhaupt nicht auf den Weg geachtet habe, sondern stattdessen Gabriel und Nicolás blind gefolgt bin.

Ich gehe einfach drauf los, schlage mich durch immer dichter werdendes Gestrüpp, laufe durch Spinnweben und zerkratze mir an an Dornen und spitzen Zweigen Arme und Beine. Dann fängt auch noch mein Körper an zu jucken. Entweder waren einige der Pflanzen giftig oder irgendwelche Tiere waren es.

Ich stolpere weiter durch den Busch, während ich mich gleichzeitig überall kratze und wäre fast gegen ein kleines, weißes Gartentor gelaufen, das sich plötzlich, wie aus dem Nichts, vor mir befindet.

Durch ein Gartentor sind wir zwar garantiert nicht gelaufen, aber die Richtung müsste trotzdem stimmen.

Ich öffne die kleine Pforte, gehe hindurch und stehe auf einmal einem dickbäuchigen Mann im Unterhemd gegenüber.

Er guckt mich einfach nur fragend an, ohne irgendwas zu sagen. „Sorry“ sage ich, beschämt lächelnd, drehe mich um, schließe sein Gartentor vorsichtig hinter mir und schlage mich weiter durch den Urwald. Irgendwann komme ich tatsächlich beim Kaktusfeld wieder heraus und finde ausnahmsweise ohne Hindernisse hindurch.

Ich laufe über die Wiese in die grobe Richtung, aus der wir gekommen sind und sehe, dass sich auch mein Freund der Soldat von seinem Wachposten erhebt und übers Feld auf mich zukommt.

Was ich hier wolle, fragt er mich, als er mich erreicht, ich befände mich im Militärgebiet.

Ich werde leicht nervös. Er scheint sich tatsächlich nicht an mich zu erinnern.

Nach fünf Minuten, in denen ich ihm wieder und wieder versuche zu erklären, dass ich genau von da komme wo ich jetzt auch wieder hin will, vorhin schonmal hier war und ihm sogar die Hand geschüttelt habe, scheint er mich zwar immer noch nicht zu erkennen, ist allerdings sichtlich gelangweilt und winkt mich einfach durch.

Der Rest des Weges verläuft reibungslos. Ich quetsche mich unter dem Zaun hindurch und laufe den Schotterweg am Legostrand des Todes entlang bis zur Bar. Das Kälbchen blickt neugierig hoch, als ich an ihm vorbei laufe und durch die Hinterpforte der Bar zurück auf die Terrasse gehe, auf der die deutsche Gruppe immer noch genau so gelangweilt rumhängt, wie ich sie zurückgelassen habe.

Meine Kleidung ist völlig verdreckt und immer noch nass, meine Arme und Beine sind mit Kratzern und Striemen übersät und an einigen Stellen ziemlich Rot von den giftigen Pflanzen/Tieren, mein Gesicht ist so verbrannt, dass ich aussehe wie ein Panda, sobald ich meine Sonnenbrille abnehme und ich schwitze, als wäre ich einen Halbmarathon gelaufen.

„Wo warst du denn?“, fragt mich Marina und begutachtet mein Erscheinungsbild, das sich deutlich von dem unterscheidet, das sie noch vor ein paar Stunden gesehen hat.

„Am Strand“, sage ich.

„Und? War scheiße, wa?“, fragt mich eine aus der Gruppe grinsend.

„Hä? Mega geil!“, sage ich und zeige ihnen ein paar Bilder auf meinem Handy.

„Das war hier? Du willst uns doch verarschen“, sagt Marina.

„Ne, ersthaft. Ihr müsst einfach nur die Straße hier direkt vor der Tür entlang laufen. Für etwa 40 Minuten. Dann kommt ihr an ein Militärgebiet, wo ihr unter einem Stacheldrahtzaun drunter durchklettern und anschließend hoffen müsst, dass ihr nicht erschossen werdet. Danach kommt ihr an ein Kaktusfeld und dann in einen ziemlich dichten Urwald. Da müsst ihr allerdings ein wenig vorsichtig sein, da sind irgendwelche giftigen Tiere und Pflanzen drin. Und wenn ihr dann an eine Steilklippe kommt und die runterklettert, habt ihr es schon fast geschafft. Ihr erreicht dann irgendwann einen Fluss, der nur an einer Stelle passierbar ist und euch wahrscheinlich bis zum Hals gehen wird. Und dann seid ihr auch schon da“, sage ich.

Die anderen sagen gar nichts.

Ich lasse Marina und die restlichen Deutschen mit dem Eindruck zurück, dass ich wahrscheinlich verrückt sei, verabschiede mich freundlich und laufe die Straße entlang in Richtung Havanna.

Nach einer Viertelstunde fährt ein Pärchen in einem alten Lada an mir vorbei. Die beiden nehmen mich bis in die nächste Ortschaft mit, da hier, laut Reiseführer, der Bahnhof einer alten Plantagen-Eisenbahn sein soll, die früher Zuckerrohr nach Havanna brachte und heute Passagiere.

„Eisenbahn? Gibt’s hier nicht“, ist das erste was ich, im Dorf angekommen, höre. Eine Aussage, die sich wiederholt, egal wen ich frage.

Nach einigem Herumgefrage, finde ich endlich heraus, dass es zwar keine Eisenbahn nach Havanna gibt, aber dafür einen Bus, der zweimal am Tag fährt. Einmal morgens und einmal abends. Ob der Abend-Bus allerdings schon gefahren ist, kann mir keiner sagen.

Ich beschließe, das einzig rationale in diesem Moment zu tun: mich an eine Bar am Straßenrand zu setzen und abzuwarten. Mehr kann ich sowieso nicht machen.

Die Bar besteht aus einer kleinen Bretterbude, die am geschotterten Straßenrand aufgebaut ist, ohne, dass mir der wirkliche Sinn der Standortwahl klar wird. Außer der Bretterbude gibt es im Umkreis von einigen hundert Metern nur eine Tankstelle und ein paar kleine Häuschen. Sonst nichts.

Die Speisekarte der Bar ist übersichtlich. Sandwich mit Käse, Sandwich mit Schinken, Sandwich mit Schinken und Käse. Dazu Kaffee, Bier, Cuba Libre und Mojito. Ich bestelle mir ein Käse-Sandwich und einen Mojito und mache es mir auf einem der zwei Hocker am Straßenrand gemütlich.

Es beginnt langsam zu dämmern und der Himmel beginnt sich rosarot zu färben, als in der Ferne die Lichter eines klapprigen Oldtimer-Buses auftauchen.

„Glück gehabt, sieht aus, als ob du doch noch nach Havanna kommst“, sagt die Bedienung zu mir.

Ich schütte den Mojito schnell in einen Plastikbecher um und renne los.

Mit einer Hand schützend über meinen Drink gelegt sprinte ich zum Bus, quetsche mich durch die gerade schon wieder schließende Tür, drücke dem Busfahrer 50 Cent in die Hand und reihe mich in die Zahl derer ein, die keinen Sitzplatz mehr bekommen haben. Was so ziemlich alle sind, denn der Bereich zwischen den Sitzen ist so voll mit Menschen, dass es mir nicht einmal gelingt, mein Portemonnaie in die Hosentasche zu stecken. Daran wird sich auch die nächsten zweieinhalb Stunden nichts ändern, denke ich und spüre, wie das Blut in meinen Füßen bereits jetzt schmerzvoll anfängt zu pulsieren. Gut, dass ich heute Abend zum Tanzen verabredet bin.

Scheißegal! Ich bin im Bus nach Havanna und muss nicht auf der Straße schlafen. Ich drehe mich in einer mühsamen, an meinen Nachbarn entlangquetschenden Bewegung um, um aus dem Fenster zu blicken. Die untergehende Sonne verwandelt die sanften Rosétöne des Abendhimmels mittlerweile in ein flammendes Rot.

Wir überholen einen Obstverkäufer mit seinem Pferdewagen, ich kann allerdings nicht erkennen ob es Pepe und Pepe sind.

„Morgen ist Weihnachten“, denke ich mir und nippe an meinem Mojito.

Lennart Adam

Lennart ist Ostfriese. Sein Geld verdient er als Journalist in Flensburg, um es auf Reisen wieder auszugeben. Reisen wird für ihn besonders dann zum Erlebnis wenn Unerwartetes passiert. Wenn man Pläne über Bord wirft und sich stattdessen vom Zufall leiten lässt, offen ist fürs Unbekannte, fürs Abenteuer. Wenn man auf Fremde zugeht, sich ausprobiert, Ängste überwindet und Grenzen neu definiert. Und wenn man anschließend die richtige Bar findet.

  1. Bitte mehr davon! You make me smile :)

  2. Toller, lustiger und interessanter Bericht. Schöne Schreibe, mehr davon bitte. :-)

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