Eine kubanische Odyssee

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Eine kubanische Odyssee

Um dem stetigen Kulturverfall meiner selbst entge­gen­zu­wirken, habe ich daher beschlossen, heute etwas mit geschicht­li­chem Hintergrund zu unter­nehmen. Und da die Rumproduktion einen der bedeu­tendsten Eckpfeiler der kubani­schen Geschichte darstellt, fiel meine Wahl auf die Besichtigung der Havana Club Fabrik.

Ein Blick in den Reiseführer verrät mir, dass sich die Fabrik etwa 50 Kilometer außer­halb von Havana befindet und nur sehr schlecht mit öffent­li­chen Verkehrsmitteln zu errei­chen ist. Ich versuche trotzdem mein Glück und mache mich auf den Weg zum Busbahnhof, nur um einsehen zu müssen, dass der Reiseführer recht hat.

Die Taxifahrer, die direkt gewit­tert haben, dass ich aufge­schmissen bin, verlangen horrende Summen von mir, um mich an mein Ziel zu bringen.

Dann sehe ich zwei Typen, die reich­lich desin­ter­es­siert auf der verros­teten Motorhaube ihres Wagens neben dem Taxistand sitzen. Fragen kostet nichts, denke ich mir, und gehe zu den beiden hinüber. Ich frage sie, ob sie mich zur Fabrik fahren könnten, ich würde sie natür­lich auch bezahlen. Obwohl sie nicht so aussehen, als hätten sie etwas wesent­lich besseres vor, wirken sie etwas skeptisch und beginnen mitein­ander zu disku­tieren, als mir die kleine Flasche Havana Club einfällt, die ich am Flughafen gekauft und seitdem vergessen habe aus der Tasche zu tun.

„Ich habe auch Rum dabei“, sage ich und ziehe die kleine Flasche aus meiner Tasche.

Kurz darauf befinden wir uns auf der Straße in Richtung Santa Cruz del Norte, wo sich die Fabrik befindet. Ich sitze auf der ausge­ses­senen Rückbank des babyblauen Cadillacs, trinke einen Schluck aus der Flasche und gebe sie weiter an den Beifahrer, der ebenfalls einen Schluck trinkt und die Flasche weiter­gibt an den Fahrer.

Keine Ahnung, ob das so eine gute Idee ist, aber die beiden wissen sicher­lich, was sie tun.

Hoffentlich.

Ich genieße die Fahrt durch die palmen­be­deckte Landschaft, allein deshalb, da ich nicht auf meinen Füßen stehen muss. Ich habe mir in den letzten Tagen zuerst Blasen gelaufen, dann wunde Stellen, die irgend­wann anfingen blutig zu werden und mittler­weile haben sich die Wunden so sehr entzündet, dass ich das dadurch aufge­kom­mene Fieber nur noch mit Schmerzmitteln weit genug senken kann, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen.

Die Flasche Rum ist relativ schnell leer und meine schmer­zenden Füße geraten zuneh­mend in Vergessenheit. Ich beginne über meine bishe­rigen Erfahrungen im Land und den kubani­schen Lebensstil zu philo­so­phieren, die beiden Herren vor mir über die kubani­schen Frauen.

Irgendwann sind wir dann da, die beiden verab­schieden sich und fahren leicht schlen­kernd zurück nach Havanna.

Vor mir die legen­däre Havanna Club Fabrik.

Irgendwie hatte ich sie mir anders vorge­stellt.

Die Fabrik sieht nicht so aus, als würde in ihr irgend etwas trink­bares produ­ziert werden. Rostige Wellblechdächer über hohen, beigever­putzen Wänden an denen die Farbe abblät­tert und die zur Hälfte mit Grünspan überdeckt sind.

Würde vor dem klapp­rigen Eisentor nicht ein Wachmann stehen und in der Ferne ein ebenso klapp­riger, alter Gabelstapler qualmend über den Hof fahren, könnte man glauben, dass die Fabrik seit Jahren verlassen ist.

Naja, vielleicht täuscht das Äußere auch nur, denke ich, laufe den kleinen Schotterweg von der Straße zum Eingangstor und frage den Wachmann, wo man sich für die Führungen anmelden kann.

„Es gibt keine Führungen“, sagt er knapp und dass die Fabrik nicht für die Öffentlichkeit zugäng­lich sei.

„Das kann gar nicht sein!“, sage ich verwirrt und hole den Reiseführer heraus.

”Hier steht eindeutig…“, sage ich und lasse den Reiseführer direkt wieder sinken.

Scheiße.

Im Reiseführer steht eindeutig, dass die Fabrik nicht für die Öffentlichkeit zugäng­lich ist. Warum hab ich nicht weiter­ge­lesen? Da stehen nur zwei verdammte Sätze.

Ich drehe mich etwas verzwei­felt im Kreis. Meine beiden Fahrer sind längst nicht mehr zu sehen und weit und breit ist kein Auto, geschweige denn ein Taxi, in Sicht, das mich aus dem Nirgendwo zurück in die Zivilisation bringen könnte.

Ich werfe dem Wächter noch einmal meinen herzzer­rei­ßendsten Dackelblick zu, aber er lässt sich nicht erwei­chen.

Mache ich zumin­dest noch ein Selfie vor dem Eingang, denke ich mir, und zücke mein Handy.

„Hrmm, hrmm“, räuspert sich der Security-Mann neben dem verwit­terten Havana-Club-Eingangs-Schild.

Ein Griff zum Schlagstock an seinem Gürtel und die freund­liche Bitte, das doch bitte zu unter­lassen, hindern mich daran, den bisher größten Fehlschlag meiner Reise für die Ewigkeit festzu­halten.

Ich stecke mein Handy also wieder in die Tasche.

„Ist hier irgendwo ein Strand in der Nähe?“, frage ich den Wachmann.

„In der Nähe nicht, aber etwas weiter weg schon“, sagt er und zeigt nach Osten. „Ist aller­dings ein ganz schönes Stück“

„Das macht nichts. Ich habe gerade nichts besseres zu tun“, sage ich und laufe los. Nach einer Viertelstunde schmerzen meine Füße so sehr, dass ich sie nur mühsam vorein­ander setzen kann. Hinzu kommt, dass die letzte Portion Rum gerade beginnt sich bemerkbar zu machen und gemeinsam mit dem Wirkstoff der letzten Ibuprofen in meiner Blutbahn Polka tanzt.

Ich wanke also Captain-Jack-Sparrow-ähnlich durch die karibi­sche Pampa, in der Hoffnung auf einen Bus, ein Taxi, ein Auto oder einfach irgendein Gefährt, das mit Rädern bestückt ist und mich bis zum nächsten Strand beför­dern kann, damit ich meinen Rausch ausschlafen und meine Füße hochlegen kann.

Letzteres kommt etwa eine halbe Stunde später.

Zwei Räder, ein Typ mit Strohhut, ein Pferd, 50 Kohlköpfe, etwa genauso viele Papayas und ein paar Ananas.

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Meine letzte Rettung ist also die Pferdekutsche eines Gemüse- und Obstverkäufers. Ich wäre ihm vor Dankbarkeit am liebsten um den Hals gefallen, als er sagte, dass er mich ein Stück mitnehmen könne.

Ich frage ihn, wie er heißt und er sagt zweimal nachein­ander „Pepe“, lässt mich aller­dings in dem Unwissen zurück, ob er einen Doppelnamen besitzt (Pepe-Pepe), einen Sprachfehler hat, oder ob sowohl er, als auch sein Maultier Pepe heißt. Ich belasse es dabei und gehe von letzterem aus, da Pepe I in ungefähr so gesprä­chig zu sein scheint wie sein Maultier Pepe II.

Ich räume mir einen Platz auf der winzigen Ladefläche zum Sitzen frei und staple die Kohlköpfe, Papayas und Ananas fein säuber­lich neben mir auf, um sie nicht zu zerquet­schen.

Pepe I schnalzt Pepe II kurz zu, lässt die Zügel knallen und das Gefährt setzt sich holpernd in Bewegung. Es dauert keine Minute und die von mir liebe­voll zur Seite gescho­benen Ananas, Papayas und Kohlköpfe rollen kreuz und quer über den Wagen und über mich.

Um uns herum nur grüne Felder, Äcker, Palmen und die schroffe Felsenküste des Ozeans. Ich höre nichts als das Rauschen der Brandung, das monotone Klappern von Pepes Hufen (II, nicht I) auf dem steinigen Untergrund und die gelegent­liche Aufforderung von Pepe an Pepe (I an II), etwas schneller zu laufen. Alle zehn bis 15 Minuten halten wir am Straßenrand an, um irgend­einer Oma einen Kohl oder einer Gruppe Kinder etwas Obst zu verkaufen.

Nach etwa einer Stunde halten die beiden Pepes an. Ich bin mittler­weile in eine lethar­gi­sche Starre verfallen und habe das kleine Gebäude erst gar nicht gesehen, das sich einsam auf der anderen Straßenseite befindet.

Es ist tatsäch­lich eine Bar.

Ich verab­schiede mich von den beiden Pepes und gehe durch die Schwingtür der Bar auf die Terrasse, auf der im Schatten unter einem Sonnenschirm bereits eine Gruppe Backpacker sitzt.

Deutsche.

Auf Deutsche habe ich gerade irgendwie keine Lust. Ich gehe zur Theke, bestelle einen Mojito und setze mich etwas von ihnen entfernt in einen Schaukelstuhl, schließe die Augen und lasse mir die Sonne ins Gesicht strahlen, während ich an meinem Mojito schlürfe, den Wellen lausche und in Tagträume verfalle.

„Bist du deutsch?“, reißt mich plötz­lich eine Stimme aus meinen Gedanken. Eine Frau aus der Gruppe steht neben mir und lächelt mich an.

„Ja, woher weißt du das?“, frage ich.

„Du hast ein Bundeswehrhemd an“, antwortet sie.

Mist.

Ich habe den gelben Balken der Deutschlandflagge zwar blau angemalt und sie damit in eine Ostfrieslandflagge verwan­delt, die letzte Wäsche hatte die Tarnung aller­dings zunichte gemacht.

Sie stellt sich als Marina vor, die anderen Namen habe ich bereits beim Zuhören vergessen. Ich setze mich, nachdem ich von Marina einge­laden wurde, mich zu ihnen zu gesellen, an ihren Tisch und grabe in meiner Smalltalk-Kiste nach mögli­chen Themen.

„Wie ist denn der Strand hier so?“, frage ich.

„Mega scheiße! Nur scharf­kan­tiges Lavagestein, kein Sandstrand. Wir haben im Voraus gebucht, sonst wären wir schon längst abgehauen. Sind schon seit drei Tagen hier“, sagt Marina.

Großartig.

Ich beschließe trotzdem, dem Lavastrand einen Besuch abzustatten, um den Trip nicht völlig umsonst gewesen sein zu lassen, trinke meinen Drink auf, verab­schiede mich und verschwinde durch die Hintertür der Bar in Richtung Meer.

Auf der anderen Seite des Zaunes, das türkis-blaue Wasser der Karibik und ein Strand, dessen Begehung in etwa so schmerz­haft ist, wie wenn man als Kind morgens mit nackten Füßen auf einen Legostein getreten ist. Nur, dass dieser Strand zur Gänze aus Abermillionen gemeinen Legosteinen zu bestehen scheint.

Und meine Füße schon vorher schmerzten.

„Was für eine Kacke“, denke ich mir.

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Da stehe ich also. Hinter mir Uncle Sams poten­ti­elle Lieblingsbar, vor mir das Meer. Dazwischen der Legostrand des Todes.

Etwa 20 Meter hinter­lis­tigster Lavastrand trennen mich und meine entzün­deten Füße vom wohltu­enden Bad in den warmen Wogen des Atlantischen Ozeans.

Hilft nichts, denke ich mir, irgendwie muss ich die zornig-schwarzen Felsen des „Strandes“ überwinden. Die scharf­kan­tigen Steine bohren sich bereits beim ersten Schritt schmerz­voll durch die Sohlen meiner Latschen und lassen mich verkrampft auf meine Unterlippe beißen, während ich mich Schritt für Schritt auf mein Ziel zubewege.

Immer wieder rutsche ich dabei aus, verliere mein Gleichgewicht und muss schmerz­haft aufheulen, wenn ich wieder an einem Steinvorsprung oder Ähnlichem entlang geschrammt bin. Auf halbem Weg drehe ich um. „Rien ne va plus – Nichts geht mehr“, denke ich mir und eiere zurück zur Straße. Scheiß drauf, das ist kein Strand, das ist verstei­nertes Höllenfeuer. Spätestens wenn ich meine Schuhe hätte ausziehen müssen, um ins Wasser zu klettern, hätte mein Körper wahrschein­lich einfach vor Schmerzen kapitu­liert und meine Leiche wäre Tage später in irgend­einem Fischerdorf angespült worden.

Man würde sicher­lich dem Rum die Schuld geben und soweit will ich es nicht kommen lassen.

Auf einem kleinen grünen Stück Rasen zwischen Strand und Straße steht ein kleines Kälbchen, das mich bereits während meiner geschei­terten Strand-Expedition mit treudoofen Augen beobachtet hat und sofort in Kampfhaltung geht, als ich mich nähere.

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Ich bewege mich Schritt für Schritt auf die kleine Kuh zu, während ich beruhi­gend auf sie einrede und aus der „Einen Schritt weiter, Amigo, und ich ramme dir meinen Schädel in deine verdammten Eier“-Haltung wird eine „Oh yeah, Baby, kraul mich hinter den Ohren“-Pose. Wir schließen schnell Freundschaft und eh ich mich versehe, ist meine Hand bis zum Handgelenk im Kälbchenmaul verschwunden. Ich ziehe sie leicht angewi­dert wieder heraus und lange Sabberfäden tropfen von meinen Fingern auf den Boden, während mich das Kälbchen weiter liebe­voll mit seinen dunkel­braunen Kälbchenaugen anblickt.

Plötzlich höre ich hinter mir ein Lachen, drehe mich um und sehe zwei junge Typen, die das Schauspiel wahrschein­lich schon eine ganze Weile beobachtet haben.

Ich wische den Kälbchensabber an meiner Hose ab und hebe zum Gruß die immer noch triefende Hand. Die beiden lachen weiter und kommen auf mich zu.

Sie sind Fischer und etwas irritiert mich hier anzutreffen. Es sind anschei­nend nicht oft Touristen hier in der Gegend, was mich nicht weiter verwun­dert.

Sie sind unter­wegs, um nach Hummern zu tauchen und fragen, ob ich nicht mitkommen möchte.

Warum nicht?

Sie stellen sich als Gabriel und Nicolás vor und wir laufen die Küste entlang, immer weiter weg von der Bar, verstän­digen uns mit Händen und Füßen und reden über Gott und die Welt, ohne, dass wir die Sprache des Gegenübers wirklich beherr­schen würden. Sie erzählen mir von ihrem Leben als Fischer und haben ziemlich viele Fragen über Deutschland. Die beiden sind Fußball-Fans. Bayern-Fans, um genau zu sein. „Sympathischer Verein“, sagen sie.

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Natürlich. Gerade, als ich anfing sie zu mögen.

Irgendwann lassen wir die Sandstraße hinter uns und laufen mitten durch ein Feld mit hüfthohem Gras, bevor wir an einen Stacheldrahtzaun kommen. „Militärgebiet – Betreten Verboten“, steht auf einem verros­teten Schild, das leise knarzend im Wind hin- und herbau­melt. So viel Spanisch verstehe ich.

Die beiden scheint es nicht zu inter­es­sieren. Gabriel hebelt den Zaun mit einer alten Eisenstange hoch und wir quetschen uns nachein­ander darunter durch und laufen, auf der anderen Seite angekommen, weiter durch die Felder.

Es dauert keine fünf Minuten, als ein Soldat aus der Ferne auf uns zukommt.

Mein Herz rutscht mir in die Hose.

Ich sehe mich schon mit einer Binde um die Augen und einer letzten Zigarre im Mund vor einem Erschießungskommando an besagtem Stacheldrahtzaun stehen. „Schreibe ich noch schnell eine Abschieds-SMS an meine Freundin und an meine Muddi?“, schießt es mir durch den Kopf.

Dann ist der Soldat auch schon bei uns angekommen. Er schul­tert sein Maschinengewehr, kommt noch einen Schritt näher, umarmt Gabriel und Nicolás und schüt­telt mir die Hand. Ich atme beruhigt aus. Die drei kennen sich. Sie reden kurz mitein­ander und wir setzen unseren Weg gemeinsam über das Militärgelände fort, bevor sich der Soldat verab­schiedet und wieder zu seinem Wachposten läuft.

Das Feld wird immer unweg­samer und mündet schließ­lich in ein Kaktusfeld, das wiederum direkt zu einem Urwald führt.

Wir klettern über Baumstümpfe und dicke Wurzeln, schlagen uns durch herun­ter­hän­gende Lianen und dichtes Buschwerk. Bergauf und bergab geht es, bevor wir an einer Steilklippe zum Halten kommen.

„Hier runter“, sagt Gabriel nur, dreht sich um und beginnt den Abstieg.

Wenn es sonst nichts ist.

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Einen Moment passe ich nicht auf und trete mit meinem nackten und entzün­deten großen Zeh direkt gegen einen vorste­henden Stein. Mir bleibt kurz die Luft weg.

„Alles gut?“, fragt mich Nicolás.

„Klar, alles gut“, sage ich etwa drei Oktaven höher als gewohnt und versuche meinem schmerz­ver­zerrten Gesicht ein Grinsen zu entlo­cken, das wahrschein­lich eher aussieht, als würde ich ihm eine Grimasse schneiden.

„Naja, das Gröbste sollten wir damit zumin­dest geschafft haben“, denke ich mir, als wir endlich unten angekommen sind und bereue den Gedanken im selben Moment schon wieder.

„Da müssen wir durch. Lauf einfach da lang, wo wir auch lang laufen“, sagt Gabriel und zeigt auf einen breiten Fluss vor uns.

Ich folge den beiden mit einigem Misstrauen, peinlichst darauf bedacht, genau dort hinzu­treten, wo die beiden hintreten und erreiche das andere Ufer zwar nicht trockenen Fußes, aber unbeschadet.

Was dann kommt verschlägt mir abermals den Atem, diesmal aller­dings im positiven Sinn:

Wir klettern über einen letzten Felsen und vor mir liegt das Paradies. Klingt kitschig, ist aber so.

Der einsame Strand, der sich vor uns ausbreitet wirkt in meinen Augen so surreal, das es mich nicht wundern würde, wenn gleich leicht­be­klei­dete Nymphen und Panflöten-spielende Männer aus den Büschen kommen und uns Bacardi anbieten würden.

Gefolgt von einem Kamerateam.

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„Es ist noch ein ganzes Stück“, sagt Gabriel aber meine Füße signa­li­sieren mir: bis hierher und nicht weiter.

Ich verab­schiede mich von meinen beiden Begleitern, wünsche ihnen „Petri Heil“ und gebe meinen geschun­denen Gliedmaßen endlich das kühlende Meerwasser-Bad, das sie verdienen.

Ich weiß nicht, ob der mensch­liche Körper dazu fähig ist in den Füßen einen Orgasmus zu bekommen, aber wenn ja, hatte ich gerade einen. Wenn nein, war ich ziemlich dicht dran.

Allzu lange hält das Glücksgefühl aller­dings nicht an. Ich schaue auf die Uhr und bekomme einen leichten Schreck.

Wenn ich mich nicht auf den Rückweg mache, komme ich garan­tiert nicht mehr nach Havanna. Nicht, dass meine Chancen darauf beson­ders aussichts­reich wären.

Ich blicke noch einmal etwas wehmütig auf das Wasser und laufe zurück zum Fluss. Scheiße, wo war jetzt noch mal der richtige Weg?

„Ach ja, hier lang“, denke ich, mache einen Schritt und kann gerade noch meine Kameratasche und mein Handy hochreißen, bevor ich bis zur Brust im Wasser stehe.

Doch nicht da lang…

Meine Wertsachen über meinem Kopf balan­cie­rend wate ich Schritt für Schritt weiter vorsichtig durchs Wasser, um nicht von der Strömung aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden. Immer wieder muss ich ein paar Schritte zurück­gehen, um es an einer anderen Stelle zu versu­chen, da das Wasser zur Mitte des Flusses hin immer tiefer wird und ich an einigen Stellen nicht mehr stehen kann.

Völlig durch­nässt komme ich auf der anderen Seite an, laufe zur Steilküste und beginne den Aufstieg.

Runter ging irgendwie einfa­cher.

Oben angekommen stehe ich zunächst etwas ratlos vor den Büschen, Bäumen und Lianen des Waldes durch den ich irgendwie durch muss, um zurück zur Bar zu kommen. Nur wie?

Ich war auf dem Hinweg so damit beschäf­tigt mir nicht durch die vielen Wurzeln und Steine auf dem Boden die Beine zu brechen, dass ich überhaupt nicht auf den Weg geachtet habe, sondern statt­dessen Gabriel und Nicolás blind gefolgt bin.

Ich gehe einfach drauf los, schlage mich durch immer dichter werdendes Gestrüpp, laufe durch Spinnweben und zerkratze mir an an Dornen und spitzen Zweigen Arme und Beine. Dann fängt auch noch mein Körper an zu jucken. Entweder waren einige der Pflanzen giftig oder irgend­welche Tiere waren es.

Ich stolpere weiter durch den Busch, während ich mich gleich­zeitig überall kratze und wäre fast gegen ein kleines, weißes Gartentor gelaufen, das sich plötz­lich, wie aus dem Nichts, vor mir befindet.

Durch ein Gartentor sind wir zwar garan­tiert nicht gelaufen, aber die Richtung müsste trotzdem stimmen.

Ich öffne die kleine Pforte, gehe hindurch und stehe auf einmal einem dickbäu­chigen Mann im Unterhemd gegen­über.

Er guckt mich einfach nur fragend an, ohne irgendwas zu sagen. „Sorry“ sage ich, beschämt lächelnd, drehe mich um, schließe sein Gartentor vorsichtig hinter mir und schlage mich weiter durch den Urwald. Irgendwann komme ich tatsäch­lich beim Kaktusfeld wieder heraus und finde ausnahms­weise ohne Hindernisse hindurch.

Ich laufe über die Wiese in die grobe Richtung, aus der wir gekommen sind und sehe, dass sich auch mein Freund der Soldat von seinem Wachposten erhebt und übers Feld auf mich zukommt.

Was ich hier wolle, fragt er mich, als er mich erreicht, ich befände mich im Militärgebiet.

Ich werde leicht nervös. Er scheint sich tatsäch­lich nicht an mich zu erinnern.

Nach fünf Minuten, in denen ich ihm wieder und wieder versuche zu erklären, dass ich genau von da komme wo ich jetzt auch wieder hin will, vorhin schonmal hier war und ihm sogar die Hand geschüt­telt habe, scheint er mich zwar immer noch nicht zu erkennen, ist aller­dings sicht­lich gelang­weilt und winkt mich einfach durch.

Der Rest des Weges verläuft reibungslos. Ich quetsche mich unter dem Zaun hindurch und laufe den Schotterweg am Legostrand des Todes entlang bis zur Bar. Das Kälbchen blickt neugierig hoch, als ich an ihm vorbei laufe und durch die Hinterpforte der Bar zurück auf die Terrasse gehe, auf der die deutsche Gruppe immer noch genau so gelang­weilt rumhängt, wie ich sie zurück­ge­lassen habe.

Meine Kleidung ist völlig verdreckt und immer noch nass, meine Arme und Beine sind mit Kratzern und Striemen übersät und an einigen Stellen ziemlich Rot von den giftigen Pflanzen/​Tieren, mein Gesicht ist so verbrannt, dass ich aussehe wie ein Panda, sobald ich meine Sonnenbrille abnehme und ich schwitze, als wäre ich einen Halbmarathon gelaufen.

„Wo warst du denn?“, fragt mich Marina und begut­achtet mein Erscheinungsbild, das sich deutlich von dem unter­scheidet, das sie noch vor ein paar Stunden gesehen hat.

„Am Strand“, sage ich.

„Und? War scheiße, wa?“, fragt mich eine aus der Gruppe grinsend.

„Hä? Mega geil!“, sage ich und zeige ihnen ein paar Bilder auf meinem Handy.

„Das war hier? Du willst uns doch verar­schen“, sagt Marina.

„Ne, ersthaft. Ihr müsst einfach nur die Straße hier direkt vor der Tür entlang laufen. Für etwa 40 Minuten. Dann kommt ihr an ein Militärgebiet, wo ihr unter einem Stacheldrahtzaun drunter durch­klet­tern und anschlie­ßend hoffen müsst, dass ihr nicht erschossen werdet. Danach kommt ihr an ein Kaktusfeld und dann in einen ziemlich dichten Urwald. Da müsst ihr aller­dings ein wenig vorsichtig sein, da sind irgend­welche giftigen Tiere und Pflanzen drin. Und wenn ihr dann an eine Steilklippe kommt und die runter­klet­tert, habt ihr es schon fast geschafft. Ihr erreicht dann irgend­wann einen Fluss, der nur an einer Stelle passierbar ist und euch wahrschein­lich bis zum Hals gehen wird. Und dann seid ihr auch schon da“, sage ich.

Die anderen sagen gar nichts.

Ich lasse Marina und die restli­chen Deutschen mit dem Eindruck zurück, dass ich wahrschein­lich verrückt sei, verab­schiede mich freund­lich und laufe die Straße entlang in Richtung Havanna.

Nach einer Viertelstunde fährt ein Pärchen in einem alten Lada an mir vorbei. Die beiden nehmen mich bis in die nächste Ortschaft mit, da hier, laut Reiseführer, der Bahnhof einer alten Plantagen-Eisenbahn sein soll, die früher Zuckerrohr nach Havanna brachte und heute Passagiere.

„Eisenbahn? Gibt’s hier nicht“, ist das erste was ich, im Dorf angekommen, höre. Eine Aussage, die sich wieder­holt, egal wen ich frage.

Nach einigem Herumgefrage, finde ich endlich heraus, dass es zwar keine Eisenbahn nach Havanna gibt, aber dafür einen Bus, der zweimal am Tag fährt. Einmal morgens und einmal abends. Ob der Abend-Bus aller­dings schon gefahren ist, kann mir keiner sagen.

Ich beschließe, das einzig ratio­nale in diesem Moment zu tun: mich an eine Bar am Straßenrand zu setzen und abzuwarten. Mehr kann ich sowieso nicht machen.

Die Bar besteht aus einer kleinen Bretterbude, die am geschot­terten Straßenrand aufge­baut ist, ohne, dass mir der wirkliche Sinn der Standortwahl klar wird. Außer der Bretterbude gibt es im Umkreis von einigen hundert Metern nur eine Tankstelle und ein paar kleine Häuschen. Sonst nichts.

Die Speisekarte der Bar ist übersicht­lich. Sandwich mit Käse, Sandwich mit Schinken, Sandwich mit Schinken und Käse. Dazu Kaffee, Bier, Cuba Libre und Mojito. Ich bestelle mir ein Käse-Sandwich und einen Mojito und mache es mir auf einem der zwei Hocker am Straßenrand gemüt­lich.

Es beginnt langsam zu dämmern und der Himmel beginnt sich rosarot zu färben, als in der Ferne die Lichter eines klapp­rigen Oldtimer-Buses auftau­chen.

„Glück gehabt, sieht aus, als ob du doch noch nach Havanna kommst“, sagt die Bedienung zu mir.

Ich schütte den Mojito schnell in einen Plastikbecher um und renne los.

Mit einer Hand schüt­zend über meinen Drink gelegt sprinte ich zum Bus, quetsche mich durch die gerade schon wieder schlie­ßende Tür, drücke dem Busfahrer 50 Cent in die Hand und reihe mich in die Zahl derer ein, die keinen Sitzplatz mehr bekommen haben. Was so ziemlich alle sind, denn der Bereich zwischen den Sitzen ist so voll mit Menschen, dass es mir nicht einmal gelingt, mein Portemonnaie in die Hosentasche zu stecken. Daran wird sich auch die nächsten zweiein­halb Stunden nichts ändern, denke ich und spüre, wie das Blut in meinen Füßen bereits jetzt schmerz­voll anfängt zu pulsieren. Gut, dass ich heute Abend zum Tanzen verab­redet bin.

Scheißegal! Ich bin im Bus nach Havanna und muss nicht auf der Straße schlafen. Ich drehe mich in einer mühsamen, an meinen Nachbarn entlang­quet­schenden Bewegung um, um aus dem Fenster zu blicken. Die unter­ge­hende Sonne verwan­delt die sanften Rosétöne des Abendhimmels mittler­weile in ein flammendes Rot.

Wir überholen einen Obstverkäufer mit seinem Pferdewagen, ich kann aller­dings nicht erkennen ob es Pepe und Pepe sind.

„Morgen ist Weihnachten“, denke ich mir und nippe an meinem Mojito.


Kommentare

  1. Avatar von Silma
    Silma

    Toller, lustiger und inter­es­santer Bericht. Schöne Schreibe, mehr davon bitte. 🙂

    1. Avatar von Lennart Adam

      Dankeschön! Ist in Arbeit 🙂

  2. Avatar von Anny
    Anny

    Bitte mehr davon! You make me smile 🙂

    1. Avatar von Lennart

      Schönster Kommentar 🙂 Danke

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