Eine Flussfahrt und andere Katastrophen

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Eine Flussfahrt und andere Katastrophen

Als wir Manuel, unserem Host in Concepción, von unserem Reiseplan erzählen, verdreht er nur die Augen und erklärt uns schlichtweg für verrückt.

Dass er vielleicht nicht ganz Unrecht hat, merken wir am folgenden Tag. Denn damit haben wir nicht gerechnet. Das Schiff, das dort vor uns am Kai liegt, ächzt geradezu aufgrund der schweren Last. Kisten voller Knoblauch, Bananen und Windeln türmen sich meter­weise überein­ander, Menschen drängen sich eng auf dem Deck der »El Aquidabán« zusammen und immer noch verladen Träger Unmengen an Säcken und Kisten, drücken sich Mitreisende über die schmale Planke in die organi­sche Masse der an Bord wartenden Passagiere. Einige klettern sogar über die Schiffswand ins Innere des Bootes, in der Hoffnung einen besseren Platz zu ergat­tern – angesichts der dort vorherr­schenden Situation jedoch ein aussichts­loses Unterfangen. Dicht an dicht stehen die Reisenden anein­ander gedrängt. Jeder Zentimeter an Bord ist von ihnen belegt und mit jedem Atemzug stößt der Bauch an den Nebenmann.

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In Concepción, einer kleinen Stadt Zentralparaguays, ist das Spektakel um die „El Aquidabán“ die größte wöchent­liche Aufregung und so wundert es nicht, dass viele Schaulustige dem Beladen des Schiffes beiwohnen. Wir überlegen kurz, ob wir es wirklich wagen sollen diesen Kahn, der schon so aussieht, als ob er bald sinken wird, zu betreten. Doch als die Planken zum Beladen endlich beisei­te­ge­schoben werden, fassen wir uns ein Herz und springen auf. Vor uns liegt eine 5‑tägige Schiffsreise. Es geht Richtung Norden, den Río Paraguay hinauf durch das Pantanal, eines der größten Binnen-Feuchtgebiete der Welt, bis nach Bahia Negra, nahe der brasi­lia­ni­schen Grenze.

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Wir hatten uns eine entspan­nende Reise auf dem Fluss vorge­stellt. Wir wollten Sonne tanken, in Hängematten liegen und einfach mal die Seele baumeln lassen. Doch der ersehnte Frieden bleibt aus. An Bord geht nun wirklich gar nichts mehr. In den Materialbergen auf dem Deck stecken neben Unmengen von Taschen und Koffern, Motorräder, Schränke, Stühle, eine Motorkutsche, mehrere Bettgestelle und Matratzen. Dazu kommen unzäh­lige Kisten voller Tomaten, Orangen, Bananen, Kohl und säcke­weise Kartoffeln, Maniok und Zwiebeln. Alles ist inein­an­der­ge­schoben, türmt sich meter­hoch auf und stützt sich gegen­seitig. An der Reling drängen sich, den wenigen Raum den die Fracht des Schiffes noch übrig lässt nutzend, die Passagiere. Ein paar Glückliche haben soviel Platz, um sich zusam­men­ge­krümmt auf den Boden zu kauern, als das Schiff den Hafen verlässt. Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, Mütter mit Kleinkindern, Greise und wir zwei Touristen aus Deutschland: Alle sitzen oder besser gesagt stehen im selben Boot.

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Niemand spricht, ledig­lich das dumpfe Brummen der Schiffsmotoren ist zu hören. Wir stehen einge­klemmt zwischen Koffern, Säcken voller Knollen und zwei Motorrädern. Einen Meter über mir schläft jemand auf mehreren Reisetaschen. Neben uns quetscht sich eine fünfköp­fige Familie auf ein armlanges Stück der einge­zo­genen Planke und uns gegen­über sitzen drei Jugendlichen auf einem der Motorräder. Die Sonne brennt unerbitt­lich auf uns herab. Schweißgebadet schaue ich auf die Uhr: Seit 20 Minuten befinden wir uns an Bord.

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Nach einiger Zeit errei­chen wir den ersten von vielen noch folgenden Häfen. Das Wort Hafen ist bei den meisten Anlegestellen jedoch der falsche Begriff. Oft handelt es sich ledig­lich um eine Handvoll Häuser am Ufer, die angefahren werden. Gelegentlich auch nur um einen kleinen Bauernhof. Die »El Aquidabán« ist ein schwim­mender Marktplatz. Ihre Ankunft wird stets voller Freude erwartet. Sobald das Schiff das Ufer erreicht, laufen Kinder aufge­regt lachend herbei, Hunde bellen und Männer und Frauen zeigen ein erfreutes Lächeln, sobald sie das Boot betreten. Das Angebot im Inneren des Schiffes gleicht einem Supermarkt. Es gibt alles für den tägli­chen Bedarf. Von Obst und Gemüse über Milch, Fleisch, Brot bis hin zu Spielzeug, Taschenlampen, Arbeitshandschuhen und sonstigen Gebrauchsgegenständen. Mehrere Verkäuferinnen, dick und geschäfts­tüchtig, bieten ihre Waren feil und verkaufen alles, was sie greifen und weiter­rei­chen können. Wir begreifen, dass dieser schwim­mende Markt die wöchent­liche Attraktion entlag des Río Paraguays ist.

Die Menschen vom Fluss steigen lachend auf und schwer schlep­pend, aber glück­lich wieder ab. Selbst Fünfjährige tragen voller Freude Bananenkisten von Bord, so als wären es die tollsten Spielsachen überhaupt. Draußen auf dem Deck sind wir inzwi­schen mit einem der Jugendlichen auf dem Motorrad ins Gespräch gekommen. Domingo wohnt ebenfalls am Fluss, in einem kleinen Dorf. Der 20-jährige, der gerade zu Frau und Kind zurück nach Hause fährt, klärt uns auf: „Heute Nacht werden wir leiden.“ Und er scheint Recht zu behalten. Als es Abend wird, sinkt die Temperatur deutlich. Es ist stürmisch und bitter­kalt. Da wir auf einen sonnigen Trip einge­stellt waren, fehlt uns jegliche Art warmer Bekleidung. Ich habe nicht einmal geschlos­sene Schuhe, sondern ledig­lich meine Flip-Flops dabei. Zum Glück bietet mir Domingo eine seiner Jacken an. Allerdings ist das Schiff immer noch so überfüllt, dass wir uns fragen, wo wir eigent­lich schlafen werden. Im Moment haben wir nicht mal genügend Platz, um uns auf den Boden zu setzen. Die Zeit gibt die Antwort. Wir lehnen uns gegen einige Kisten und hoffen, dass bald weitere Güter ihre Besitzer errei­chen und sich das Schiff nach und nach leert. Den Gedanken im Inneren des Schiffes zu schlafen, haben wir mittler­weile verworfen.

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Als die Sonne schon lange hinter dem Horizont verschwunden ist, erfüllt sich unsere Hoffnung. Immer mehr Waren verlassen das Schiff und geben Raum für die müden Passagiere. Nun liegen wir beinahe komfor­tabel auf Säcken voller Zwiebeln und Maismehl, neben Kisten voller Knoblauch in unsere Schlafsäcke gehüllt – bis es anfängt zu regnen. Nicht beson­ders stark, aber beständig. Nieselregen. Es ist kalt. Wir sind durch­nässt. In unserer Nähe schreit ein Säugling bitter­lich. Er hat vollkommen Recht. Es ist zum heulen. Auf einmal höre ich blechernd, aber gewohnt schräg, die Stimme von Thomas Anders aus einem Handylautsprecher tönen: „Brother Louie Louie Louie. Oh she’s only looking to me…“ Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Dazu kommt der ständige Kampf um das eigene Nachtlager. Die besten Plätze – Obst- und Gemüsesäcke, die als Matratzen dienen, sind heiß begehrt und im wahrsten Sinne des Wortes umkämpft. Die Glücklichen, die einen Platz ergat­tern, vertei­digen ihn ohne Unterlass. Und das ist auch notwendig. Dreht man sich im Schlaf ein klein wenig auf die linke Seite, reckt sich sekun­den­schnell und unmerk­lich der Nebenmann in die entstan­dene Lücke.

Einige unserer Mitreisenden habe eigene Strategien gegen die Umstände der Nacht entwi­ckelt. Sie liegen, völlig betrunken und ohnmächtig auf ein paar Kisten und stoßen gelegent­liche Gaswolken aus, die uns den Schlaf rauben. In dieser Nacht halten wir noch weitere Male. Jedes Mal werden wir unsanft geweckt, mit Fußtritten zum Aufstehen aufge­for­dert. Jedes Mal schauen wir verschlafen und unwillig dem Ausladen weiterer Waren zu. Säcke werden umher geworfen, Materialtürme abgetragen und wieder aufge­baut. Ein Durcheinander ohne jegli­ches System. Und so dauert die Suche nach einer Tasche, einem Koffer oder einer Kiste nicht selten mehr als eine halbe Stunde. Nachdem das Schiff den Hafen wieder verlässt, beginnt eine erneute Jagd auf die günstigsten Schlafplätze. Von Hafen zu Hafen verrin­gern sich jedoch die Möglichkeiten, da immer mehr Säcke das Schiff verlassen. Als wir, beinahe nur noch auf dem nackten Holzboden des Schiffes liegen, finden wir, mehr durch Zufall und Glück, eine freie Hängematte im Schiffsrumpf. Endlich ungestört schlafen. Mit diesem Gedanken teilen wir uns auf. Wir besetzen die Hängematte und eine Mulde zwischen den riesigen Einkaufstüten einer der vielen Marktfrauen. Diese ist am nächsten Morgen jedoch gar nicht erfreut darüber. Mit bösem Blick und ein paar kräch­zenden, gurgelnden Worten verab­schiedet sie mich aus meinem Schlaf- und ihrem Verkaufsbereich.

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Nach den Strapazen der ersten Nacht ist die Freude groß, als wir merken, dass das Schiff bereits ein Drittel der Fracht, sowohl Waren als auch Menschen, abgegeben hat. Da wir einen unserer Schlafplätze aufgrund der meckernden Marktfrau aufgeben müssen und auch die Hängematte zwischen lärmendem Motorenraum und stinkender Toilette nicht die beste Lage hat, suchen wir uns einen Ort auf dem Oberdeck. Schnell werden wir fündig und so reser­vieren wir eine Bank mit unseren Schlafsäcken. Die Reviermarkierung erscheint uns nach dem Kampf der letzten Nacht absolut notwendig. Wir verbringen den Tag abwech­selnd drinnen und draußen auf dem Deck, auf dem immer noch Unmengen an Gütern lagern. Kurz nach Sonnenuntergang sind wir sogar glück­liche Besitzer zweier Holzbänke, die wir erfolg­reich vertei­digen können.

Wir bereiten uns gerade auf die Nacht vor und erwarten sehnsüchtig den Schlaf und die Erholung, welche die Vorherige vermissen ließ, als das Unfassbare geschieht. Plötzlich und unerwartet fällt eine Horde Teenager in unseren Bereich ein. Begleitet werden sie von zwei Frauen – Nonnen. Die Klosterschüler, aufge­regt und pubertär, sind mit einer Gitarre bewaffnet. Und es vergehen nur wenige Minuten, bis eintritt, was wir bereits mit offenen Mündern und ungläubig befürch­teten. Voller Inbrunst und in lauten, schiefen Tönen, beginnen sie in schreck­li­chen Liedern Jesus zu preisen. Und sie tun das bis spät in die Nacht.

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Am dritten Tag ist das Schiff fast leer. Wir sind nur noch wenige Stunden von Bahia Negra entfernt und mittler­weile ist es merklich kälter geworden. Diesen Wetterumbruch verdanken wir dem frostigen Wind aus Patagonien, der vom Süden Argentiniens bis nach Paraguay weht und uns statt den erwar­teten 30 Grad eiskalte Temperaturen knapp über 0 beschert. Wir verlassen kaum noch das Oberdeck, versu­chen uns so gut es geht vor dem Wind, der durch die schei­ben­losen Fenster bläst zu verste­cken und warten nur noch ab, bis wir endlich wieder in Concepción ankommen. Es ist so bitter­kalt, dass wir uns ausser­halb unserer Schlafsäcke um keinen Preis aufhalten wollen. An die eingangs erwähnte Erholungsreise denken wir schon lange nicht mehr. Es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Wenigstens sind wir mittler­weile im Besitz zweier Hängematten, so dass das Schlimmste wohl überstanden ist, denken wir.

Falsch.

In Bahia Negra gesellt sich nachts eine ältere Frau mit drei Kindern zu uns, die ihren Schlafplatz auf dem Boden unter­halb unserer Hängematten herrichten. In unseren Hängematten liegend, bekommen wir jedes einzelne ihrer Gepäckstücke in den Rücken gebohrt. Riesige Koffer, Taschen und Kühlboxen. Unmittelbar danach probiert die größte Tochter sämtliche Tasten- und Klingeltöne ihre drei Handys aus. Außerdem beginnt sie einen SMS-Marathon, der die nächsten zwei Tage kein Ende haben wird. Natürlich mit Tastenton, natür­lich mit lauter Empfangsbestätigung. Die beiden anderen Giftzwerge vergnügen sich damit die Kühlboxen zu plündern. Sie saugen heftig an Strohhalmen, knabbern geräusch­voll Chips und Kekse, schlürfen, schmatzen, sabbern, husten, niesen, stampfen ununter­bro­chen mit den Füßen auf den metal­li­schen Schiffsboden und sind so nerven­auf­rei­bend, wie es nur möglich ist. Dazu kommt der mittler­weile über das gesamte Schiff verteilte Gestank von Urin und Fäkalien aus den, seit der Abfahrt in Concepción, nicht mehr gerei­nigten Toiletten und der mensch­liche Schweiß der Passagiere, die sich um uns herum befinden. Die herun­ter­ge­las­senen Planen vor den Fenstern, die uns Schutz vor dem kalten Wind bieten sollen, verhin­dern jegli­chen Durchzug und so steht die Luft im völlig überfüllten Inneren des Schiffes, stinkend und ekeler­re­gend. Der Schmutz tut sein Übriges. Riesige Kakerlaken bevöl­kern nun den Innenraum des Schiffes.

Nach 5 Tagen verlassen wir die „El Aquidabán“ und betreten, wie in einem Traum, die Straßen von Concepción.


Kommentare

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  9. Avatar von Florian

    Sehr schön geschrieben, sprach­lich toll!
    Man fühlt sich, als ob man mitreisen würde.

    Schade jedoch, dass diese einma­lige Erfahrung insge­samt doch etwas zu negativ rüber­kommt. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele Reisende – gerade auch Südamerika-Reisende – oft beschreiben, dass sie »fremde Kulturen und Menschen« kennen­lernen wollen. Auf so einer Reise kann man genau das erleben: Einen Hauch der südame­ri­ka­ni­schen Kultur. Auf dieser langwie­rigen Reise bleibt zudem sehr viel Zeit, sich mit Einheimischen zu unter­halten und diese zu beobachten.

    Über die gleiche Fluss-Reise habe ich übrigens auch einen Bericht auf meiner Webseite veröf­fent­licht:
    http://www.ulmisreisen.com/2014/11/27/paraguay-abenteuerliche-flussfahrten-mit-haengematten-als-betten/

    Gruß
    ulmi von ulmis Reisen (www.ulmisreisen.com)

  10. Avatar von Krafti
    Krafti

    Wahnsinns Beitrag, könnte der Anfang eines Bestsellers werden! Liebe Grüße von der Insel Rügen

    1. Avatar von Morten und Rochssare

      Vielen Dank für das Lob, Erik. Wir geben uns weiter Mühe dich zu unter­halten 😉

  11. Avatar von MrCoconutyoga

    Sehr schöne Erzählung; konnte mich gut hinein­ver­setzen! Ich mag solchen Wahnsinn – vielleicht nicht 5 Tage am Stück; während­dessen kann man ja oft nur reagieren und ist der Situation ziemlich ausge­li­fert; aber letzt­lich sind das doch die schönsten Geschichten – im Nahhinein. Währendessen schleicht sich sicher auch das ein oder andere Lächeln über den absurden Kontrast zu dem ein, was man von zuhause als »normal« kennen gelernt hat. Wenigstens konntet ihr die Erfahrung teilen und habt einen tiefen Einblick in die Realität der Menschen an und auf dem Fluss gewinnen können. Lese Euch immer wieder gerne! Liebe Grüsse!

    1. Avatar von Morten und Rochssare
      Morten und Rochssare

      Vielen Dank für die netten Worte. Du hast absolut recht: Die Geschichte hat sich in unsere Gehirne gebrannt und wir erinnern uns noch immer mit einem Lächeln daran zurück. Wir sind froh, die Erfahrung gemacht zu haben, auch wenn wir damals gerne darauf verzichtet hätten.
      Die schlimmsten Geschichten sind doch immer noch die besten – zumin­dest für die Zuhörer.

  12. Avatar von Steffen
    Steffen

    Sehr unter­halsam euer Beitrag. Gut zu wissen das man die Schifffahrt nicht machen sollte. Ich will in den nächsten Jahren nochmal nach Südamerika.

    Grüße

    1. Avatar von Morten und Rochssare
      Morten und Rochssare

      Es freut uns, dass dir der Beitrag gefällt. Eine Reise nach Südamerika lohnt sich auf jeden Fall. Kein anderer Kontinent bietet so viel kultu­relle und landschaft­liche Abwechslung.
      Auch eine Fahrt auf dem Rio Paraguay ist eine Erfahrung wert 😉

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