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Die Reise einpacken.

 

Es ist vorbei. 

Abge­se­hen von einem tur­bu­len­ten Flug, einem furcht­ba­ren Job oder einem Bikini-Waxing (… und ich bin mir sicher, wir alle sind froh, wenn das vor­bei ist…), ist „es ist vor­bei“ ein Satz, der mich trau­rig macht.

Es ist die Romanze, die ich been­den musste, weil sie ins Nichts führte.

Es ist meine Lieb­lings-Serie, deren letzte Folge gelau­fen ist.

Es ist meine Reise, die ein Ende nimmt. Morgen.

Und ich habe ein komi­sches Gefühl, wenn ich an mor­gen denke. Mor­gen bedeu­tet Ver­än­de­rung. Mor­gen bedeu­tet ein letz­tes Mal den Ruck­sack packen und dann dahin zurück gehen, wo ich her­kam. Mor­gen ist ein Gedanke, der mir Angst macht. Und ein Teil von mir wünscht sich, er könnte ein­fach hier blei­ben, wo ich jetzt bin, in einem Bus von hier nach da. Für immer dazwi­schen, für immer unent­schie­den, für immer unver­ant­wort­lich. Wie ein unge­zo­ge­nes Kind Chips und Kekse essen, Cola trin­ken, Tracy Chap­man hören und fremde Lande beob­ach­ten wie sie vor­bei­zie­hen, wäh­rend die echte Welt Pause hat.

oz76

„Weine nicht, weil es vor­bei ist, son­dern lächle, weil es schön war.“

So lau­tet der all­ge­meine Rat­schlag. Deine Reise ist vor­bei. Du musst zurück. Komm nach Hause und dann komm halt klar. Aber was, wenn ich nicht will? Was, wenn ich nicht will, dass es vor­bei ist? Was, wenn ich wei­ter gehen will? Wei­ter in Bewe­gung blei­ben will? Wei­ter ent­de­cken möchte?

Ja, nee.… kann ich nicht.

So ein­fach ist das. Ich habe einen gebuch­ten Flug, ein schrump­fen­des Bank-Konto, ein Leben zu Hause… zu Hause! So eins habe ich auch! Ich habe eine Woh­nung gemie­tet, habe Freunde und Fami­lie, Ver­ant­wor­tung und Ver­si­che­run­gen, Rech­nun­gen zu bezah­len und Ter­mine ein­zu­hal­ten… Jepp. Der Spaß und die Frei­heit des Lebens unter­wegs sind beide passé, sobald ich aus dem Flie­ger steige. Es ist vor­bei. So habe ich mir das gedacht. Aber ich glaube nicht, dass es stimmt. Nicht mehr. Ich glaube, es ist mög­lich wei­ter­zu­ge­hen, wei­ter in Bewe­gung zu blei­ben, wei­ter zu ent­de­cken, wäh­rend ich mein Leben zu Hause lebe. Es ist mög­lich, die Reise mit nach Hause zu neh­men. Es muss. Ich muss einen Weg fin­den, die­ses Leben, das ich als Rei­sende führe zu neh­men, es ein­zu­pa­cken und mit nach Hause zu bringen.

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Denn was ich unter­wegs gefun­den habe, ist ein­fach zu schön und mir zu wich­tig, um es jetzt wie­der los­zu­las­sen. Was ich gefun­den habe, ist eine Art zu leben, die mir zuträgt. Und ich meine nicht das faule Leben am Strand, das mit Cock­tails in der Hän­ge­matte hän­gen und den Tag ver­schla­fen (… obwohl ich gerne schlafe. Und viel.)

Nein, ich meine ein ein­fa­ches Leben mit ein­fa­chen Freu­den. Die bes­ten Tage in den letz­ten acht Mona­ten waren die, die ich mit Stun­den ehr­li­cher Arbeit und drau­ßen ver­bracht habe, mit lan­gen Spa­zier­gän­gen und simp­len Gerich­ten, mit guten Men­schen und guter Musik, viel Zeit, um die Welt vor mir zu beob­ach­ten und in Worte zu verpacken.

Das ist es, was mir am meis­ten feh­len wird: Zeit.

Je län­ger ich von zu Hause weg bin, desto mehr ver­stehe ich, dass der ein­zige Reich­tum, den ich je haben kann, nicht Geld ist, son­dern Zeit. Zeit ist die­ses merk­wür­dige Ding, das mir jemand gege­ben hat und jetzt liegt es ganz an mir, was ich damit mache und wie und wo ich es verschwende.

oz85

 

Unter­wegs. Dort möchte ich sein. Und ich muss mich daran erin­nern, dass ich genau dort bin, immer. Selbst wenn ich nicht mehr reise, bin ich trotz­dem immer auf Reisen.

Das Glück , das ich in der Fremde gefun­den habe, war nichts beson­de­res. Es war nicht Aben­teuer, das mir am Bes­ten gefiel, nicht das Fremd­sein eines Ortes (… oder mein eige­nes), nicht die Ent­de­ckung des Unbe­kann­ten. Sicher, das ist alles Teil einer Reise. Aber ich beginne zu ver­ste­hen, dass das nicht die Gründe waren, warum ich loszog.

Nö. Ich wollte ein­fach mal wis­sen, wie es sich anfüh­len würde, frei zu sein. Wie sich ein Leben anfüh­len würde, das ich ganz frei nach Schnauze gestal­ten könnte. Und ich weiß, wahr­schein­lich wird nie­mand sonst jemals ver­ste­hen, warum ich ver­rückt danach bin, Nutella direkt aus dem Glas zu essen oder oder bis mit­tags zu schla­fen, obwohl drau­ßen ein wun­der­ba­rer Tag war­tet; vor dem Com­pu­ter sit­zen und die­sen einen Satz zur Per­fek­tion brin­gen, „Old Pine“ von Ben Howard zum Mil­lio­nen­s­ten Mal hören, stun­den­lang unter einem Baum lie­gen und ein­fach nur den Gedan­ken lau­schen, eine alberne Brille tra­gen, obwohl meine Seh­kraft voll­kom­men in Takt ist. Zu Haus blei­ben, wäh­rend alle ande­ren raus gehen zum Fei­ern. Kei­ner wird all das je ver­ste­hen. Aber das ist okay. Muss ja auch kei­ner. Kein ande­rer muss ver­ste­hen, warum ich die Dinge tue, die ich so tue. Aber es war wich­tig, dass ich selbst end­lich dahin­ter komme.

Und jetzt wird’s Zeit, erst mal wie­der dahin zurück zu keh­ren, wo ich her­ge­kom­men bin. Und es wird groß­ar­tig. Ja, ich bin mir sicher,jetzt beginnt der beste Trip mei­nes Lebens – er ist nur etwas näher dran an mei­nem eige­nen Bett, mei­ner Fami­lie und mei­nen Freun­den – mei­nem zu Hause. Und wann immer ich mich mal wie­der fremd füh­len mag, werde ich halt wie­der in der Menge ver­schwin­den, um neue und alte Ufer zu entdecken.
Es ist nicht vor­bei. Es fängt gerade erst an.

 

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Cate­go­riesWelt
Gesa Neitzel

Eigentlich Fernsehredakteurin, aber viel lieber unterwegs, erzählt Gesa auf ihrem Blog von ihren Reisen um die Welt und vor allem zu sich selbst. In ihren Depeschen geht es um Fernweh, Heimweh, Bauchweh... und all den anderen Wehwehchen, die ein Nomadenleben so mit sich bringt.
In den letzten Jahren hat sie in Berlin gelebt, in Australien einen Jeep durchs Outback gefahren, in Lissabon ihr Herz verloren und in Bali nach ersten Surfversuchen gleich ein Loch im Kopf gehabt.

Gesa ist eine Suchende. Nach was? Das weiß sie selbst nicht so genau. Aber was auch immer es ist - es ist irgendwo da draußen und bis sie es gefunden hat, wird’s hier bestimmt nicht langweilig.

  1. Silke says:

    Du sprichst mir aus der Seele…vielen Dank dafür! Und du bist nicht alleine mit dei­nen Eigenarten…ich würde jeder­zeit mein Nutel­la­glas mit dir teilen :)

  2. Ronald says:

    Hi Gesa,

    beim Lesen Dei­nes wun­der­ba­ren Tex­tes hast Du mich 25 Jahre zurück in meine Stu­dien- bzw. Rei­se­zeit versetzt.

    DANKE DAFÜR !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  3. Stefan says:

    Das ist ein groß­ar­ti­ger Text. Ich mag es, wie du schreibst und wel­che Gedan­ken du dir machst. Regt zum Nach­den­ken an. Danke und viele liebe Grüße

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