Rückkehr zum Riesling

Kontinente und Länder › Europa › Deutschland › Rückkehr zum Riesling
VON WINNING Villa Fotograf Markus Bassler

Eine Liebeserklärung an Deidesheim

Die Pfalz vermarktet Weinproben in mittel­al­ter­li­chen Dörfern und lockt Touristen mit Wandertouren durch ein riesiges Waldgebiet. Vor allem für Familien ist die Weinstraße dank ihrer tradi­tio­nellen Feste und der Burgruinen in der Umgebung ein ideales Ausflugsziel. 

Lady springt in einen Laubhaufen. Die letzten Spätsommersonnenstrahlen des Jahres lassen den Blätterteppich auf dem Wanderweg golden glänzen. Ein warmer Wind sammelt Kastanienblätter, Rindenstücke und feine Zweige vom Boden auf und wirbelt alles in die Luft, nach wenigen Sekunden taumelt das Blätterpuzzle wieder Richtung Erde, träge wie Konfetti. Gelber Waldstaub heftet sich an Ladys braunes Fell.

Die Mischlingshündin meiner Freundin trödelt bei diesem Spaziergang durch den Pfälzer Wald. Schon seit einer Stunde laufen wir voraus und müssen sie immer wieder rufen, weil sie so bummelt. Unter jeder Buche, auf jeder Lichtung gibt es etwas zu beschnüf­feln. Auch ich genieße den torfig-lehmigen Geruch des Bodens und atme tief ein.

Mit geschlos­senen Augen lande ich in einer anderen Zeit. Ich sehe, wie ich mit meinem VW-Bus auf einen Parkplatz im Wald fahre. Es ist extrem neblig an diesem Herbsttag, ich habe meinen Führerschein noch nicht lange. Ich spiele Verstecken zwischen den Bäumen mit einem Mann, in den ich sehr verliebt bin, lache viel. Über uns, schemen­haft, thront das Heidelberger Schloss. Seine Nachtbeleuchtung verschwimmt im Nebelgrau. Stundenlang hören wir Lieder von Kassetten mit dem Autoradio, liegen uns in den Armen. Als ich zum Studium nach München ziehe, vermisse ich ihn lange. Ich pendle an den Wochenenden, zwei Jahre lang, dann wird die Sehnsucht schwä­cher.

Der vertraute Geruch von frisch gerie­bener Muskatnuss und Zimt in Pflaumenmus, der Geschmack von Hausmacher Bratwurst und im Wald gesam­melten Esskastanien, die in der Pfalz „Keschde“ heißen und mit denen manche Metzger im Herbst auch Saumägen oder Martinsgänse befüllen, begleitet mich jahre­lang. Das Pfälzer Essen ist damals, in den 1990er-Jahren, nicht so fancy wie die Crossover-Küche in den Münchner Szene-Lokalen, aber mir fehlen Hausmacher Leberwurst und Pellkartoffeln, wenn wir in meiner Wohngemeinschaft Risotto kochen und Pinot Grigio trinken – und warum die Münchner an Weißwürsten so viel Freude haben, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Obwohl ich Bergtouren mache und die oberbaye­ri­schen Seen traum­haft sind, bin ich, abgesehen von seltenen Glücksmomenten, nie mit ganzem Herzen hier.

Ich fühle mich zwar wohl, das Studium ist spannend, der erste Job bei der Süddeutschen Zeitung ist wie ein Sechser im Lotto, Italien ist auch nur einen Steinwurf entfernt, aber mir fehlt in München die boden­stän­dige Ehrlichkeit – bis auf zwei Frauen und zwei Männer, mit denen ich jeweils jahre­lang zusam­men­lebe, finde ich in der bayeri­schen Landeshauptstadt keine engen Freunde.

Einen Heiratsantrag lehne ich ab. Wenn ich heute in der Schachtel mit handge­schrie­benen Liebesbriefen aus meiner Schulzeit stöbere, möchte ich am liebsten wieder 16 Jahre alt sein und frage mich, was mit den Münchnern nicht stimmt, die oft zu einge­bildet sind, um sich verletz­lich zu machen.

Den meisten Expats, die wegen Google, Microsoft, Amazon, BMW oder Infineon nach München ziehen und die aus südli­chen Ländern kommen, in denen die Menschen viel öfter mitein­ander reden, geht es ähnlich. Meine Freundin Monica aus Rom wundert sich, dass Männer ihr keine Komplimente machen. Juan aus Mexiko stört, dass es keine verrückten Partys gibt wie in Berlin und dass man nur schäbige Wohnungen für sehr viel Geld bekommt. Darum bleiben die meisten nur ein paar Jahre und ziehen dann weiter.

Auch in der Pfalz sind die Mieten gestiegen. Dafür sind Eigenheime lange erschwing­li­cher gewesen als in Bayern, viele Familien haben in den 1960er bis 1980er-Jahren kleinere Häuser gebaut, die sie nun vererben.

Als Kind weiß ich so etwas natür­lich nicht. Unsere Sonntage verbringen meine Familie und ich im Freien, fast das ganze Jahr über. Im Pfälzer Wald sammeln wir – je nach Saison – Heidelbeeren und Pilze. Im Winter bindet mein Vater meinen Schlitten an unser Auto und zockelt mit mir durch unser Dorf. Geborgenheit hüllt mich bei diesen Erinnerungen heute noch ein wie ein schüt­zender, flauschiger Mantel.

Irgendwann, mit Ende 20, habe ich meine ersten festen und anstren­genden Jobs: in Berlin, Hamburg, Buenos Aires. Das Rhein-Main-Gebiet, in dem ich aufge­wachsen bin, scheint immer enger und kleiner zu werden, es bietet mir zu wenige Chancen, das bilde ich mir jeden­falls ein – vielleicht hilft mir dieser Gedanke auch nur dabei, in den Großstädten zu funktio­nieren.

„War Riesling schon immer so spannend?“ frage ich mich, während ich eine Führung durch das Weingut von Winning bekomme. An das Kirchenstück und den Herrgottsacker, das sind die Namen von zwei guten Lagen, erinnere ich mich kaum; zu sehr dominierten teure Rotweine aus aller Welt meine Trinkgewohnheiten seit den späten Neunzigerjahren. Meine Rückkehr zum Riesling kommt so unver­hofft wie meine wieder erwachenden Heimatgefühle. Zwar weiß ich, dass der Riesling ein idealer Schoppenwein ist, gut geeignet für eine sprit­zige Sommerschorle, die ich als Teenager mochte und die ich heute nie wieder freiwillig trinken würde, aber erst, als mir Anfang 2025 eine Food-Bloggerin aus den Niederlanden bei einem Glas Champagner in Paris gestand, dass Riesling ihr Lieblingswein sei, nahm ich mir vor, dieser Rebsorte eine Chance zu geben.  

Genau darum bin ich nach Deidesheim aufge­bro­chen, zu einem der schönsten Orte an der Deutschen Weinstraße – neben Wachenheim oder Freinsheim. Viele Weingüter öffnen bei einer Weinkerwe in den Sommermonaten ihre Höfe. Menschen sitzen neben­ein­ander und unter­halten sich: Von der Geburt des ersten Kindes über den Krebstod des Onkels geht es oft um sehr persön­liche Dinge; diese spontane Offenheit gibt es in Bayern nicht, wo ich – nach weiteren Stationen in Frankfurt, Köln, Berlin und Palma de Mallorca – mittler­weile wieder lebe.

Zu abgeschirmt, umgeben von schroffen Bergen, sind die Bajuwaren. Sie kraxeln auf Gipfel, suchen die Stille in unwirt­li­chen Schutzhütten oder brettern im Winter die schnee­be­deckten Hänge mit Skiern hinunter; bei dieser „Gaudi“ bleibt keine Zeit, um mit Zugereisten wie mir zu plaudern. Berüchtigt sind die Grantler: Unwirsche Menschen, zumeist Kellnerinnen oder Schankwirte, denen man jedes Wort aus der Nase ziehen muss. Im Gegensatz zu ihnen kommen mir alle Pfälzer erstaun­lich fröhlich und gesprä­chig vor.

Deidesheim entsteht im 9. oder 10. Jahrhundert als Siedlung der Gemeinde Niederkirchen. Im Jahr 1395 verleiht König Wenzel dem Ort die Stadtrechte. Anfang des 19. Jahrhunderts ist Deidesheim der erste Ort in der Pfalz, dessen Weingüter Qualitätsweinbau betreiben. Heute ist das Städtchen, das mit seinen Fachwerkhäusern und den Kletterpflanzen in den Höfen aussieht, als habe Carl Spitzweg es gemalt, eine der größten Weinbaugemeinden in der Region.

Der Deidesheimer Hof befindet sich in einem Ensemble aus dem 16. Jahrhundert. Im Jahr 1793, während der Revolutionskriege, dient das Haus der öster­rei­chi­schen Armee als Lazarett. In den 1920er-Jahren eröffnet die Familie Hahn, die mit einem Weingut in Deidesheim ansässig ist, in Berlin die erste Pfälzer Weinstube. 1971 kaufen die Hahns den Deidesheimer Hof. Nach und nach renovieren sie das Haus, bauen die Gasträume aus. Heute gibt es mit dem „Schwarzen Hahn“ ein bekanntes Restaurant im Hotel.

Ich erinnere mich gut an meine Vorfreude auf die Weinfeste. Die urigen Weingüter sind geeig­neter zum Flirten als Clubs, in denen man tanzt, um angehim­melt zu werden, aber oft allein bleibt. Als Teenager treffe ich mich mit meinen Schulfreundinnen jedes Jahr bei der Weinkerwe vor dem Deidesheimer Hof. Uns gefällt die Live-Musik im Innenhof, bis heute spielen hier Bands beim Weinfest.   

Ein fabel­haftes neueres Hotel in dem 3000-Seelen-Ort ist der Ketschauer Hof. Im Restaurant L.A. Jordan beginnen die Preise für ein Menü mit fünf Gängen am Abend bei 255 Euro. Die abgestimmte Weinbegleitung kostet pro Person 125 Euro. Fischfreie oder vegane Menüs stehen nicht zur Wahl, da ist der Chef konser­vativ. Wer auf Fleisch verzichten möchte, kann das bei der Reservierung angeben. Zwei Michelin-Sterne bekam Daniel Schimkowitsch, der sich mit nur 26 Jahren bereits seinen ersten Stern im Münchner Restaurant Tramin erarbei­tete.

Mir gefällt auch der Kaisergarten, das kleinere Hotel, das zur Ketschauer Hof GmbH gehört, die Jana Seeger und ihr Ehemann Peter Hüftlein-Seeger führen. Die Zimmer sind schnör­kellos einge­richtet. Sie bieten weniger Kaminromantik und keinen barocken Plüschkomfort wie der Ketschauer Hof, haben aber einem schönen Blick ins Grüne.

Nur eine Nacht bleibe ich in Deidesheim. Am nächsten Morgen radle ich über die Weinberge nach Forst, dann weiter nach Neustadt an der Weinstraße. Als ich dort in den Zug steige, der mich zurück nach München bringt, weiß ich, dass es diesmal nicht wieder Jahrzehnte dauern wird, bis ich zurück­komme, sondern dass ich spätes­tens im nächsten Frühling wieder in der Pfalz sein möchte, um die Mandel- und Feigenbäume blühen zu sehen. Meine Freunde haben mich lange vermisst. Vergessen haben wir einander nie.     


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert