Date at the wake

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Die schönsten Reiseerfahrungen sind oft die, die nicht im Reiseführer stehen und sich auch nicht so leicht nachahmen lassen. Die einem in den Schoß fallen, während man dabei ist, andere Reisepläne zu machen. Die schönsten Reiseerfahrungen sind Gelegenheiten, die man mit beiden Händen ergreift.

Am Anfang das Ende

Ich lausche den gospel­ar­tigen Gesängen der Laienband und schaue Tanzenden zu. Junge Frauen drehen Selfie-Videos, stecken die Köpfe zusammen und kichern. Bier- und andere flaschen werden in dem stickigen Raum verteilt, an die Lippen gesetzt und zügig geleert, damit Nachschub kommt. Die Sänger schreien mit geschlos­senen Augen ins Mikrofon, stampfen wie in Trance mit den Füßen auf den Boden. Der strenge Blick einer älteren Frau trifft meinen – von mehreren bunten, bedruckten T‑Shirts, welche die Sänger und Tänzer tragen. Gänsehaut überzieht meinen Nacken. „Goldie“ steht fett unter dem aufge­druckten Foto der streng ausschau­enden Dame, darüber „Gone but not forgotten“. Auf dem Rücken der T‑Shirt-Träger prangt eine riesige, blaue 80, wie auf einem Fußballtrikot. So alt ist Goldie geworden. Je länger ich dort sitze, den Geschichten und Gesängen lausche und den Blick auf die lachenden Gesichter richte, um die Tränen und schmerz­ver­zerrten Mienen auf der anderen Seite nicht zu sehen, desto mehr glaube ich, Goldie auch gekannt zu haben. Denn die größte Dorfparty ist nun mal auch Goldies Totenfeier. Und ich bin mitten­drin. Wieso, das ist eine lange Geschichte.

Die Ankunft

Ich bin auf Andros, der größten Bahamas-Insel, so groß, dass ihre Landmasse locker alle anderen Inseln des Landes abdecken würde, und sie ist sogar die fünft­größte Karibikinsel. Dabei dauert der Flug von Nassau – nach einem späten Check-in durch eine Frau mit lila Haaren – schlappe 15 Minuten, mit Zwischenstopp auf Süd-Andros.

Ob man in den Süden, ins Zentrum oder in den Norden will, sollte man vorher genau wissen. Jeder Teil verfügt über einen eigenen Flughafen, und der Süden ist durch breite Meeresarme vom Norden abgeschnitten und wird nur selten per Boot angefahren. Im Vergleich zu vielen der etwas ‚schickeren‘ Bahamas-Inseln wird der Naturstar Andros weniger besucht. Zwar gibt es hier das für Taucher spannende, dritt­größte Barrier Reef der Welt und unzäh­lige Sinklöcher, blue holes, in denen die mysti­sche Gestalt ‚Lusca‘ wohnen soll, aber ansonsten überwie­gend Dschungel und Wildnis. Auf Andros sucht man vergeb­lich nach den Stars und Sternchen oder schwim­menden Schweinen, welche die Exuma-Inseln bevöl­kern, und auch 4- und 5‑Sterne-Glitzerbunker und Casinos sind dort Welten entfernt.

Der Flughafen von Central Andros, wo ich lande, ist so groß wie der durch­schnitt­liche Kramladen um die Ecke und ähnlich geschäftig, wenn einmal pro Tag eine Maschine landet. Verfahren ist auf der Insel ausge­schlossen – es gibt nämlich nur eine ziemlich staubige Straße entlang der Ostseite, und solange man kapiert, wo Norden und Süden sind, ist alles gut.

Es existieren Orte, da werde ich von irgend­einem Kahn oder – im Falle von Andros – von einer klapp­rigen Propellermaschine ausge­spuckt und fühle mich angekommen. Bisher war das noch nie in den wummernden Megacitys der Welt der Fall, da möchte ich mich zuerst einmal verkrie­chen. Am einfachsten ist das Ankommen für mich dort, wo es fast nichts gibt. Oder doch, das Meer gehört meistens dazu. Und viel Natur. Auch einige wenige Menschen, die bei meinem Anblick keine Dollarzeichen in den Augen haben. Andros ist mein Paradies. Vom ersten Moment an. Es müsste gar nicht Weiß auf Schwarz an einem Autokennzeichen stehen, ich würde es an diesem Ort auch so spüren: „No worries. God’s got it covered.“

Die Auswahl an Unterkünften ist klein, darunter die Small Hope Bay Lodge unweit von Andros Town, die 1960 von dem Kanadier Dick Birch eröffnet und heute noch von dessen Sohn Jeff und den Enkelkindern Casey und Bryan – mittler­weile wasch­echten Bahamaern, halt nur weiß – weiter­ge­führt wird.

Die „kleine Hoffnung“ für Gäste besteht darin, dass sie für kurze Zeit ohne Ablenkung durch die hekti­sche und virtu­elle Welt (das WiFi funktio­niert so lala in der Lobby und wird beim Essen ganz abgestellt – die Leuten sollen gefäl­ligst mal mitein­ander reden, statt aufs Display zu starren) in Hängematten mit Blick auf rollende Wellen und türkis­far­benes Wasser entspannen können. Dolce far niente ausdrück­lich erwünscht.

Aber auch für die Einheimischen stellt die Lodge mit ihren Bungalows am Meer einen Hoffnungsfunken dar, denn sie ist neben der Inselregierung und dem ameri­ka­ni­schen Militär der Hauptarbeitgeber in diesem Teil von Andros. Wie immer, wenn es mir an einem Ort so richtig gut gefällt, juckt es mich, zu erfahren, wie man dort lebt und was die Menschen zwischen dem Aufstehen und Zubettgehen anders als ich oder aber gleich machen. Also ziehe ich los.

Bei der Arbeit

Etwas, das viele Androsians in Central Andros tun, ist arbeiten. Andros steht neben seiner Natur auch für Androsia handge­machte Batik, die Bahamas-weit bekannt ist. „Meine Großmutter hat in den späten 60ern am Strand damit begonnen“, erzählt mir Casey. „Sie bemalte Stoffe mit Wachs und färbte sie, und die einhei­mi­schen Frauen nähten daraus Kleidung.“ 1973 wurde eine Textilmanufaktur gegründet, die bis heute floriert.

Ich fahre hin und treffe Phyllis Bain, die mir den Produktionsprozess zeigt. Ich kann mir nicht richtig vorstellen, wie man mit Wachs Figuren auf T‑Shirts, Röcke, Vorhänge und Tischdecken zaubern kann, bis ich selbst Hand anlege. Phyllis drückt mir einige Formen in die Hand, die man an einem eisernen Griff hält, in heißes, flüssiges Wachs tunkt und dann auf die gewünschten Textilien presst. Sie sind ein bisschen wie überdi­men­sio­nale Weihnachtsplätzchen-Ausstecher.

Die ersten Male drücke ich viel zu fest, die Formen verschwimmen. Bis mir dämmert, dass es umso schöner wird, je leichter ich aufsetze und je weniger ich darüber nachdenke. Ich darf mir selbst ein T‑Shirt bedru­cken, voller Vögel und Fische und Muscheln. Mit einem Wachs-Stift kann man auch etwas schreiben. Bald halte ich ein türkis­far­benes Tank-Top in den Händen, in der Farbe des bahamai­schen Meeres, mit weißen Figuren. Auf dem Rücken steht „Love my life“.

Auch Laverne ist begeis­tert von meinem neuen Shirt – die große, stämmige Verkäuferin im Laden von Androsia Hand Made Batik. Sie trägt dieselbe Farbe Shirt wie ich, lauscht christ­li­chen Gesängen aus dem Radio in voller Lautstärke und plaudert so viel und schnell, als komme Jesus Christus sie sonst höchst­per­sön­lich holen.

In breitem bahamai­schen Dialekt erklärt sie mir, dass sie bereits seit 22 Jahren für Androsia Batik arbeite. „Ich wohne oben im Norden, komme jeden Morgen eine Stunde mit dem Bus hierher und fahre um 16.30 Uhr wieder zurück.“ Es sei der einzige Bus am Tag, um die Leute von Norden nach Süden zur Arbeit zu fahren. Ihre Tochter wohne auf Nassau und bringe öfter Sachen aus der Hauptstadt mit, doch müsse man für Waren auf der Fähre extra zahlen. „Außerdem kommt die Fähre nur am Freitagmorgen.“ Als ich eine Batikhose anpro­biere, sieht mir Laverne neidisch zu. „Ich passe da nicht rein, aber meine Schwester schon, und die hat vier Kinder!“ Sie selbst habe neben ihrer Tochter nur einen Sohn, 16. „Er ist schreck­lich, schaut nur den Mädels nach! Ich sage ihm immer, er soll lieber mal lernen. Vom Mädelsgucken kommt kein Job.“

On the road

Oft treffe ich die inter­es­san­testen Menschen auf Reisen irgendwo am Wegesrand. Und auf der Straße ist es, dass ich den Bahamas weit hinter der Glitzerfassade näher­komme. Einem Land mit ganz normalen, aber auch außer­ge­wöhn­li­chen Menschen, die in den Urlaubsbroschüren nicht abgedruckt werden, denen man in den Touristentempeln nicht begegnet und die sich auch nicht für die Hollywood-Stars inter­es­sieren, die ihre schönsten Inseln aufkaufen. Wie an meinem zweiten Tag auf Andros, als ich mir einen der kosten­losen Drahtesel an der Lodge schnappe und losra­dele. Nach wenigen Gesprächen ist klar: Alle auf Zentral-Andros kennen einander. Hyacinth Hanna, die Verkäuferin aus einem Laden entlang der Straße Richtung Norden, der sowohl Ersatzteile für Ventilatoren und andere Elektrogeräte als auch Klopapier und Souvenirs anbietet, kennt Phyllis aus dem Batikshop, mit der sie für die Central Andros Handicraft Association tätig ist.

Und sie kennt Henderson Newton, der 2007 an der Hauptstraße begann, mit bloßen Händen ein Haus und Restaurant aus Holz und Steinen aufzu­bauen, das er drei Jahre später fertig­stellte. „Ich habe viele Feinde“, verrät er mir, als ich das urige Gebäude betrete, in dem es nach frischem Weihnachtsbaum und Fleischsuppe riecht. „Die sind alle neidisch auf mein Haus.“ Nun, da er sich seinen Traum erfüllt habe, sei er verzwei­felt auf der Suche nach einem neuen Ziel, denn er könne nicht einfach tatenlos rumsitzen. „Das Leben macht nur Sinn, wenn man auf etwas hinar­beiten kann.“

Das sieht auch der 76-jährige ‚Daddy Cool‘ so, der im Sicherheitsbüro einer Feldstation unweit von Hendersons Restaurant arbeitet. Er steht am See mit einem überdi­men­sio­nalen Strohhut auf dem Kopf, einem weißen Hemd und ebenso weißen Gummistiefeln, schwarzer Hose, einem Fernglas um den Hals und einem frechen Lächeln auf den Lippen. Die Windschutzscheibe seines roten Geländewagens zieren die Letter ‚Daddy Cool‘. „Komm zu mir, Baby“, lockt er mich an, und schließt mich in seine Arme wie eine langjäh­rige Freundin. Ich deute auf sein Auto, frage, was es mit Daddy Cool auf sich habe. „Seit meiner Heirat bin ich Daddy Cool“, erzählt mir der alte Mann, der mit bürger­li­chem Namen Max Well Roberts heißt. „Da habe ich mir gedacht, jetzt darf ich keiner Versuchung mehr nachgeben und muss ganz cool bleiben. Wir haben keine Möglichkeit, Gott zu entkommen, dann können wir auch einfach cool sein.“ Bald kommt das Gespräch darauf, ob er Kinder habe. „Neun Stück!“, brüstet er sich. „Alle von deiner Frau?“ Max lacht laut auf, nimmt mich fester in den Arm. „Von verschie­denen Frauen!“ Mittlerweile arbeite er auch als Pastor für die Church of God und danke Jesus jeden Morgen für sein Leben.

Und dann treffe ich Elizabeth Hanna, über mehrere Ecken verwandt mit der Verkäuferin Hyacinth und eine Buschmedizinerin. Die Buschmedizin sei auf Andros über Jahrhunderte hinweg überlie­fert worden, vor ihr hätten sich bereits ihre Mutter und Großmutter in der Kunst der Pflanzen und deren Heilkraft geübt. Nach ihrer Pensionierung als Schullehrerin habe sie sich ganz der natür­li­chen Medizin gewidmet und der Cancer Society, einer mittler­weile staat­lich unter­stützten Krebsstation in dem kleinen Dorf Love Hill. „Ich versuche, Treffen für Frauen mit Brustkrebs zu organi­sieren, damit sie sich austau­schen können und vernünftig behan­deln lassen. Aber kaum eine kommt.“ Dabei sei die Brustkrebsrate auf Andros hoch und viele Frauen nähmen den Flug nach Nassau, um sich behan­deln zu lassen, nicht in Kauf und verschwiegen ihre Krankheit lieber – und das, obwohl die Cancer Society die Flugkosten für Kontrolluntersuchungen in Nassau regel­mäßig übernehme. Schuld an der Krankheit sei vor allem der schlechte Lebenswandel mit kaum Bewegung und zu fettem Essen. „Es gibt nur einen Arzt für ganz Central Andros, und der wechselt auch noch monat­lich.“ Ein Zahnarzt komme gar nur spora­disch auf die Insel, und bei Zahnschmerzen müsse man halt rüber nach Nassau fliegen. Mittlerweile hat sich Elizabeth die Zusammenstellung organi­scher Tees zur Hauptaufgabe gemacht. „Viele Pflanzen wachsen in meinem Hinterhof.“ Sogenannter Moringa-Tee beispiels­weise sei gut gegen alle Arten von Krebs, Rosmarin sei gut fürs Gedächtnis und ‚Love vine‘ (Gronovius-Seide) ein echtes Aphrodisiakum.

Nach meinem gesprächs­rei­chen Morgen mache ich mich auf den Weg zum angeb­lich schönsten Strand von Central Andros, Somerset Beach. Denn wer auf Andros nicht auch ein wenig chillt, ist so blöd wie einer, der nach Paris fährt und den Eiffelturm nicht anschaut. Kurz hinter der Small Hope Bay Lodge schallt laute, fröhliche Musik aus einem Haus und mehrere Leute schleppen Tragetaschen und Bierkästen ins Haus. Im Garten baut jemand Lautsprecher auf. „Macht ihr eine Party?“, frage ich. „Es gibt heute Abend eine Totenfeier für Goldie, die Mutter von Sammy, dem Barbesitzer, du kannst auch kommen!“ An Sammy‘s Bar bin ich schon vorbei­ge­ra­delt, aber ich kenne den Mann nicht, kannte auch seine Mutter nicht. Ich stelle mir vor, in Deutschland würde ein ungebe­tener, unbekannter Gast bei einer Totenfeier erscheinen und schüt­tele entschieden den Kopf.

Auf dem Weg zum Strand komme ich durch zahlreiche kleine Gemeinden, die stets mit einer Kirche, einer Bar und einem Lotterieladen ausge­stattet sind, sogenannten ‚number shops‘. Es gibt nur einen einzigen Supermarkt, gut kaschiert als ‚Mable’s Meat Mart‘. Kurz vor der Schule überholt mich auf der fast auto- und menschen­leeren Straße ein Jeep. „Drive safe, Baby“, ruft der Fahrer aus dem geöff­neten Fenster.

Ich fahre am Flughafen vorbei, rund um ein ameri­ka­ni­sches Militärgelände herum, das direkt an der Küste liegt. Nirgends gibt es Schilder, auch nicht bei der Abzweigung zum Strand. Warum auch? Hier ist jedem alles so vertraut, dass nichts mehr ausge­wiesen werden muss. Ich probiere den nächst­besten Schotterweg in Richtung Meer, durch ein Waldstück, fahre verse­hent­lich einer Schlange über den Schwanz und siehe da – ein perfekter weißer Sandstrand und blaues Wasser eröffnen sich vor mir wie die erste Seite eines verhei­ßungs­vollen Buches. In der Ferne sehe ich eine Frau mit einem Hund am Ufer entlang­spa­zieren – Casey, wie ich bald feststelle – und als auch sie verschwindet, habe ich bestimmt zwei Kilometer karibi­schen Strand für mich allein.

Das Gefühl, loszu­rennen und mein Glück laut hinaus­schreien zu wollen, überkommt mich. Ich gebe ihm nach. Hier gibt es niemanden, der mich sieht, hört und be- oder verur­teilt. Denn ist es nicht oft die Furcht vor der Wertung, die uns einschränkt und uns flüstert, unsere Gefühle, positiv oder negativ, lieber tief in einer Kiste unterm sicheren Deckel zu verwahren? Hier, an diesem Strand in Andros, brauche ich keine Kisten und schon gar keine Deckel. Ich brauche nicht mal Kleidung. Alles, was ich brauche, habe ich: feinsan­digen Strand, Sonne, ein Handtuch, ein Lunch aus Sandwiches, Obst und Jogurt und mein Notizbuch, in dem ich dieses großar­tige Gefühl festhalte.

Es geht erst zurück, als sich die Sonne hinter den Bäumen verkriecht und der Wind auffrischt. Auf dem Rückweg ist die Straße noch leerer als auf der Hinfahrt. Kilometer um Kilometer radle ich zwischen Bäumen und Büschen daher, den blauen Himmel über mir, den Wind in den Haaren und den heißen Asphalt unter den Reifen. Unter das Glücksgefühl am Strand mischt sich ein Gefühl großer Freiheit, die ich immer nur mutter­see­len­al­lein irgendwo in der Einöde verspüre.

Durstig halte ich später an einem Kiosk am Straßenrand, um mir einen Drink zu gönnen. Darin sitzt ein molliger Verkäufer, der sofort wissen will, woher ich komme. „Deutschland!“, ruft er begeis­tert. „Mein Kumpel hat mich überredet, mit ihm nach Deutschland zu fliegen, um dort eine Frau zu suchen.“ Er lacht los, dann lehnt er sich verschwö­re­risch vor: „Wenn meine Frau mich mal verlässt, nehme ich auch lieber eine Deutsche.“ Um ihn optimal auf die Mission vorzu­be­reiten, bringe ich ihm schon mal das Wichtigste bei: Ich liebe dich. Das muss ich ihm sogar auf ein Blatt Papier schreiben, und er übt die Aussprache, bis ich zufrieden nicke. „Vielleicht wirst du ja eines Tages meine deutsche Frau“, ruft er – Arnold – mir nach. Wer weiß.

Eigentlich bin ich nach dem vielen Radeln müde und will zurück zur Lodge. Doch dann komme ich erneut an Sammy’s Bar vorbei, aus der Calypso-Beats und Gelächter schallen. Ich muss rein.

Es ist, als würde die Zeit einen Moment still­stehen und als würden die vier Männer um den Bartresen erstarren. Dann erwachen sie aus ihrer Starre und der dickste und dem Wanken nach betrun­kenste unter ihnen, mit blauem T‑Shirt und einer Baseballkappe, schnappt mich und wirbelt mich zu den Rhythmen aus der Stereoanlage herum. Lyndon, wie er heißt, sucht im Gegensatz zu Arnold keine deutsche Freundin, denn er hatte schon mal eine. Mit mir würde er aber doch am liebsten mitkommen, auch nach Nassau am Folgetag. „Mach dir keine Sorgen, ich kann für mich selbst zahlen!“ Seine Freunde lachen.

„Wie war deine Fahrradtour?“, fragt mich einer, der vergessen hat, in der düsteren Bar seine Sonnenbrille abzunehmen. Woher weiß er, dass ich eine Fahrradtour unter­nommen habe? Habe ich diesen Mann schon mal gesehen? Vielleicht im Hotel? Als er meinen verwirrten Ausdruck bemerkt, weiht er mich ein. „Wir sind vor einigen Stunden an dir vorbei­ge­fahren und ich habe dir „Drive safe, Baby“, zugerufen!“ Alles klar! Er heißt Nick und bestellt sofort ein Kalik, das Nationalbier, für mich. Wir stoßen gemeinsam an. An den Hemden der Männer steht, dass sie für die hiesigen Abwasserwerke arbeiten. „Kommst du heute Abend auch zur Totenfeier?“, fragt mich Lyndon und bietet sogar an, mich abzuholen. Auch Nick stimmt mit ein – die Totenfeier der alten Goldie sei DAS Event des Jahres, die ganze Insel komme zusammen, da dürfe ich doch nicht fehlen. Und so passiert es: Ich habe ein Date at the wake.

Am Ende der Anfang

Um kurz nach neun gehe ich zu Goldies Totenfeier. Einer der Lodge-Mitarbeiter, Tarran, der ebenfalls dorthin möchte, nimmt mich mit und führt mich zunächst ins Haus gegen­über dem der verstor­benen Goldie. Ich werde einer der neun Töchter vorge­stellt. Sie begrüßt mich herzlich – Deutschland, wie schön, da möchte sie auch mal hin. „Meine Mutter ist an Magenkrebs gestorben, schlimme Sache, sie muss nun nicht mehr leiden“, fügt sie im gleichen Atemzug hinzu. Von Casey habe ich bereits erfahren, dass Goldie, mit richtigem Namen Yvonne Rahming, eine der stärksten Frauen der Insel war, eine wahre Chefin ihres Matriarchats, und weithin gefürchtet, aber auch geliebt. Am Küchentisch sitzen Frauen und bereiten Essen zu. Sie sehen kaum auf, als eine Weiße eintritt. Ich bekomme eine Bierflasche in die Hand gedrückt, und schon führt mich Tarran wieder raus und auf die andere Straßenseite, zu Goldies Haus. Auf der Straße parken kreuz und quer Autos, doch meine Kumpels Lyndon und Nick sehe ich nirgends. Was bei dem Gewusel aus Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern bei party­lauter Musik aber auch schwierig wäre.

Im Zimmer direkt am Eingang versam­melt sich eine Kinderschar, manche lümmeln sich auf Sofas, andere sitzen oder liegen am Boden, die meisten starren auf ihre Handys. Sie wollen, dass ich ein Bild von ihnen schieße. Trotz zehn Versuchen ist es unmög­lich, ein nicht verwa­ckeltes zu machen, denn die Jungs sind aufge­dreht, zappeln und scherzen und fangen an zu raufen.

Ob ich nicht noch ein Bier wolle, fragt mich eine weitere Tochter Goldies, dabei habe ich kaum an der Flasche in meiner Hand nippen können. Als die Kinder, die an diesem Abend ausnahms­weise mal bis drei Uhr aufbleiben dürfen, lachend und schreiend vorbei­drängen, werde ich mit auf die Veranda geschoben, wo einige Frauen zusam­men­sitzen. „Ich war auch schon mal in Deutschland“, erzählt mir eine der Tanten oder Cousinen oder Nichten von Goldie, so ganz komme ich da nicht mehr nach, und drei andere stimmen mit ein, plauschen über das Reisen und das Leben.

Plötzlich erscheint ein älterer, leicht taumelnder Herr in der Tür, der mich fixiert – mit einem Blick, der auf eine Überdosis Viagra schließen lässt. Er schnippt mit den Fingern, bekommt einen Stuhl und setzt sich mir gegen­über. „Du bist aber schön, wie heißt du?“ Als ich meinen Namen nenne, schreit er auf. „So ein Zufall, ich heiße Bernard! Das ist Schicksal, dass wir uns hier treffen!“ Die Frauen grinsen. Bernard, den ich auf mindes­tens 70 schätze, schaut mir lange und tief in die Augen, dann beugt er sich vor. „Ich bin vielleicht alt, aber mein Schwanz, der funktio­niert noch!“ „Bernard!“, kommt der Aufschrei von den Frauen, und während er mir noch erklärt, dass er eigent­lich nur aus Nassau zur Totenfeier seiner Tante gekommen sei, um eine Frau aufzu­reißen, da er nach vier Ehen gerade wieder Single sei, wird schnell das Thema gewech­selt.

Weiter geht es in einem leeren Nachbarshaus, dessen großes Wohnzimmer an diesem Abend als Festsaal dient. Mehrere Reihen mit Stühlen sind aufge­stellt, das Schlagzeug ist spiel­be­reit, fehlen nur noch die Mikros. Einige der Cousinen oder Nichten oder sonstigen Verwandten von Goldie nehmen Platz, es wird weiter geplau­dert. Bald beginnt eine der Frauen zu singen, die schönste Gospelmelodie, mit starker, klarer Stimme. Weitere stimmen mit ein, die Melodie gewinnt an Kraft und Geschwindigkeit. Plötzlich durch­bricht ein Schrei den Gesang: Eine von Goldies Töchtern reißt die Hände hoch, schreit, Tränen rollen ihre Wangen hinab. Frauen stürzen zu ihr, trösten, strei­cheln, bringen Wasser. „Wir behalten nichts in unserem Inneren, wir lassen alle raus“, habe ich bereits an diesem Tag gelernt.

Stundenlang schaue ich den Tanzenden zu, lausche den Gesängen und Geschichten. Sammy von Sammy’s Bar, Goldies Sohn, singt sich mit einer Frau mittleren Alters die Seele aus dem Leib, sprüht vor Freude und bricht im nächsten Moment vor Trauer zusammen. Er macht vor, wie nah die aller­schönsten und aller­schlimmsten Emotionen beiein­ander liegen, und die Familie und Freunde spiegeln durch ihren Gesang und Tanz, aber auch durch ihre Tränen, seine Gefühle wider. Im Nebenraum wird Hühnersuppe ausge­schenkt, draußen toben Kinder. „Wir wollen Goldies Leben feiern, nicht ihren Tod beklagen“, heißt es in einer kurzen Rede. Lyndon und Nick haben sich bereits in Sammy’s Bar den Rest gegeben und es nicht mehr zur Totenfeier geschafft, wie ich später erfahre, doch ich werde ewig dankbar sein für mein Date at the wake, auch wenn ich versetzt wurde. Denn einen Abend lang mit den Androsians einen Menschen zu betrauern und zu feiern, den ich nicht kannte und doch ein wenig kennen­lernen durfte, und wie eine Einheimische aufge­nommen zu werden, ist für mich das Größte. Der Anfang einer großen Liebe zu einer Insel, von der ich wenige Monate zuvor noch nie gehört hatte und mit Menschen, die ich nie vergessen werde. Und wenn ich mir auch vornehme, wie sie öfter meine Emotionen zu zeigen, möchte ich doch etwas sicher in meine innere Gefühlskiste packen und mit nach Hause nehmen: das große Glück darüber, auf Andros eine kleine Geschichte gefunden zu haben, wie sie nur das Leben, aber kein Reiseführer, schreiben kann.

Die Reise wurde unter­stützt vom Tourismus-Ministerium der Bahamas: https://www.bahamas.com/ mit Direktflug mit Condor von Frankfurt nach Nassau.


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