Oder: Eine Totenfeier, mein Bahamas-Highlight auf Andros

Date at the wake

Vor jeder Reise plane ich, was ich sehen und erleben will. Und dann kommt alles anders. Meistens besser. Selbst bei einer Totenfeier auf den Bahamas.

Die schönsten Reiseerfahrungen sind oft die, die nicht im Reiseführer stehen und sich auch nicht so leicht nachahmen lassen. Die einem in den Schoß fallen, während man dabei ist, andere Reisepläne zu machen. Die schönsten Reiseerfahrungen sind Gelegenheiten, die man mit beiden Händen ergreift.

Am Anfang das Ende

Ich lausche den gospelartigen Gesängen der Laienband und schaue Tanzenden zu. Junge Frauen drehen Selfie-Videos, stecken die Köpfe zusammen und kichern. Bier- und andere flaschen werden in dem stickigen Raum verteilt, an die Lippen gesetzt und zügig geleert, damit Nachschub kommt. Die Sänger schreien mit geschlossenen Augen ins Mikrofon, stampfen wie in Trance mit den Füßen auf den Boden. Der strenge Blick einer älteren Frau trifft meinen – von mehreren bunten, bedruckten T-Shirts, welche die Sänger und Tänzer tragen. Gänsehaut überzieht meinen Nacken. „Goldie“ steht fett unter dem aufgedruckten Foto der streng ausschauenden Dame, darüber „Gone but not forgotten“. Auf dem Rücken der T-Shirt-Träger prangt eine riesige, blaue 80, wie auf einem Fußballtrikot. So alt ist Goldie geworden. Je länger ich dort sitze, den Geschichten und Gesängen lausche und den Blick auf die lachenden Gesichter richte, um die Tränen und schmerzverzerrten Mienen auf der anderen Seite nicht zu sehen, desto mehr glaube ich, Goldie auch gekannt zu haben. Denn die größte Dorfparty ist nun mal auch Goldies Totenfeier. Und ich bin mittendrin. Wieso, das ist eine lange Geschichte.

Die Ankunft

Ich bin auf Andros, der größten Bahamas-Insel, so groß, dass ihre Landmasse locker alle anderen Inseln des Landes abdecken würde, und sie ist sogar die fünftgrößte Karibikinsel. Dabei dauert der Flug von Nassau – nach einem späten Check-in durch eine Frau mit lila Haaren – schlappe 15 Minuten, mit Zwischenstopp auf Süd-Andros.

Ob man in den Süden, ins Zentrum oder in den Norden will, sollte man vorher genau wissen. Jeder Teil verfügt über einen eigenen Flughafen, und der Süden ist durch breite Meeresarme vom Norden abgeschnitten und wird nur selten per Boot angefahren. Im Vergleich zu vielen der etwas ‚schickeren‘ Bahamas-Inseln wird der Naturstar Andros weniger besucht. Zwar gibt es hier das für Taucher spannende, drittgrößte Barrier Reef der Welt und unzählige Sinklöcher, blue holes, in denen die mystische Gestalt ‚Lusca‘ wohnen soll, aber ansonsten überwiegend Dschungel und Wildnis. Auf Andros sucht man vergeblich nach den Stars und Sternchen oder schwimmenden Schweinen, welche die Exuma-Inseln bevölkern, und auch 4- und 5-Sterne-Glitzerbunker und Casinos sind dort Welten entfernt.

Der Flughafen von Central Andros, wo ich lande, ist so groß wie der durchschnittliche Kramladen um die Ecke und ähnlich geschäftig, wenn einmal pro Tag eine Maschine landet. Verfahren ist auf der Insel ausgeschlossen – es gibt nämlich nur eine ziemlich staubige Straße entlang der Ostseite, und solange man kapiert, wo Norden und Süden sind, ist alles gut.

Es existieren Orte, da werde ich von irgendeinem Kahn oder – im Falle von Andros – von einer klapprigen Propellermaschine ausgespuckt und fühle mich angekommen. Bisher war das noch nie in den wummernden Megacitys der Welt der Fall, da möchte ich mich zuerst einmal verkriechen. Am einfachsten ist das Ankommen für mich dort, wo es fast nichts gibt. Oder doch, das Meer gehört meistens dazu. Und viel Natur. Auch einige wenige Menschen, die bei meinem Anblick keine Dollarzeichen in den Augen haben. Andros ist mein Paradies. Vom ersten Moment an. Es müsste gar nicht Weiß auf Schwarz an einem Autokennzeichen stehen, ich würde es an diesem Ort auch so spüren: „No worries. God’s got it covered.“

Die Auswahl an Unterkünften ist klein, darunter die Small Hope Bay Lodge unweit von Andros Town, die 1960 von dem Kanadier Dick Birch eröffnet und heute noch von dessen Sohn Jeff und den Enkelkindern Casey und Bryan – mittlerweile waschechten Bahamaern, halt nur weiß – weitergeführt wird.

Die „kleine Hoffnung“ für Gäste besteht darin, dass sie für kurze Zeit ohne Ablenkung durch die hektische und virtuelle Welt (das WiFi funktioniert so lala in der Lobby und wird beim Essen ganz abgestellt – die Leuten sollen gefälligst mal miteinander reden, statt aufs Display zu starren) in Hängematten mit Blick auf rollende Wellen und türkisfarbenes Wasser entspannen können. Dolce far niente ausdrücklich erwünscht.

Aber auch für die Einheimischen stellt die Lodge mit ihren Bungalows am Meer einen Hoffnungsfunken dar, denn sie ist neben der Inselregierung und dem amerikanischen Militär der Hauptarbeitgeber in diesem Teil von Andros. Wie immer, wenn es mir an einem Ort so richtig gut gefällt, juckt es mich, zu erfahren, wie man dort lebt und was die Menschen zwischen dem Aufstehen und Zubettgehen anders als ich oder aber gleich machen. Also ziehe ich los.

Bei der Arbeit

Etwas, das viele Androsians in Central Andros tun, ist arbeiten. Andros steht neben seiner Natur auch für Androsia handgemachte Batik, die Bahamas-weit bekannt ist. „Meine Großmutter hat in den späten 60ern am Strand damit begonnen“, erzählt mir Casey. „Sie bemalte Stoffe mit Wachs und färbte sie, und die einheimischen Frauen nähten daraus Kleidung.“ 1973 wurde eine Textilmanufaktur gegründet, die bis heute floriert.

Ich fahre hin und treffe Phyllis Bain, die mir den Produktionsprozess zeigt. Ich kann mir nicht richtig vorstellen, wie man mit Wachs Figuren auf T-Shirts, Röcke, Vorhänge und Tischdecken zaubern kann, bis ich selbst Hand anlege. Phyllis drückt mir einige Formen in die Hand, die man an einem eisernen Griff hält, in heißes, flüssiges Wachs tunkt und dann auf die gewünschten Textilien presst. Sie sind ein bisschen wie überdimensionale Weihnachtsplätzchen-Ausstecher.

Die ersten Male drücke ich viel zu fest, die Formen verschwimmen. Bis mir dämmert, dass es umso schöner wird, je leichter ich aufsetze und je weniger ich darüber nachdenke. Ich darf mir selbst ein T-Shirt bedrucken, voller Vögel und Fische und Muscheln. Mit einem Wachs-Stift kann man auch etwas schreiben. Bald halte ich ein türkisfarbenes Tank-Top in den Händen, in der Farbe des bahamaischen Meeres, mit weißen Figuren. Auf dem Rücken steht „Love my life“.

Auch Laverne ist begeistert von meinem neuen Shirt – die große, stämmige Verkäuferin im Laden von Androsia Hand Made Batik. Sie trägt dieselbe Farbe Shirt wie ich, lauscht christlichen Gesängen aus dem Radio in voller Lautstärke und plaudert so viel und schnell, als komme Jesus Christus sie sonst höchstpersönlich holen.

In breitem bahamaischen Dialekt erklärt sie mir, dass sie bereits seit 22 Jahren für Androsia Batik arbeite. „Ich wohne oben im Norden, komme jeden Morgen eine Stunde mit dem Bus hierher und fahre um 16.30 Uhr wieder zurück.“ Es sei der einzige Bus am Tag, um die Leute von Norden nach Süden zur Arbeit zu fahren. Ihre Tochter wohne auf Nassau und bringe öfter Sachen aus der Hauptstadt mit, doch müsse man für Waren auf der Fähre extra zahlen. „Außerdem kommt die Fähre nur am Freitagmorgen.“ Als ich eine Batikhose anprobiere, sieht mir Laverne neidisch zu. „Ich passe da nicht rein, aber meine Schwester schon, und die hat vier Kinder!“ Sie selbst habe neben ihrer Tochter nur einen Sohn, 16. „Er ist schrecklich, schaut nur den Mädels nach! Ich sage ihm immer, er soll lieber mal lernen. Vom Mädelsgucken kommt kein Job.“

On the road

Oft treffe ich die interessantesten Menschen auf Reisen irgendwo am Wegesrand. Und auf der Straße ist es, dass ich den Bahamas weit hinter der Glitzerfassade näherkomme. Einem Land mit ganz normalen, aber auch außergewöhnlichen Menschen, die in den Urlaubsbroschüren nicht abgedruckt werden, denen man in den Touristentempeln nicht begegnet und die sich auch nicht für die Hollywood-Stars interessieren, die ihre schönsten Inseln aufkaufen. Wie an meinem zweiten Tag auf Andros, als ich mir einen der kostenlosen Drahtesel an der Lodge schnappe und losradele. Nach wenigen Gesprächen ist klar: Alle auf Zentral-Andros kennen einander. Hyacinth Hanna, die Verkäuferin aus einem Laden entlang der Straße Richtung Norden, der sowohl Ersatzteile für Ventilatoren und andere Elektrogeräte als auch Klopapier und Souvenirs anbietet, kennt Phyllis aus dem Batikshop, mit der sie für die Central Andros Handicraft Association tätig ist.

Und sie kennt Henderson Newton, der 2007 an der Hauptstraße begann, mit bloßen Händen ein Haus und Restaurant aus Holz und Steinen aufzubauen, das er drei Jahre später fertigstellte. „Ich habe viele Feinde“, verrät er mir, als ich das urige Gebäude betrete, in dem es nach frischem Weihnachtsbaum und Fleischsuppe riecht. „Die sind alle neidisch auf mein Haus.“ Nun, da er sich seinen Traum erfüllt habe, sei er verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Ziel, denn er könne nicht einfach tatenlos rumsitzen. „Das Leben macht nur Sinn, wenn man auf etwas hinarbeiten kann.“

Das sieht auch der 76-jährige ‚Daddy Cool‘ so, der im Sicherheitsbüro einer Feldstation unweit von Hendersons Restaurant arbeitet. Er steht am See mit einem überdimensionalen Strohhut auf dem Kopf, einem weißen Hemd und ebenso weißen Gummistiefeln, schwarzer Hose, einem Fernglas um den Hals und einem frechen Lächeln auf den Lippen. Die Windschutzscheibe seines roten Geländewagens zieren die Letter ‚Daddy Cool‘. „Komm zu mir, Baby“, lockt er mich an, und schließt mich in seine Arme wie eine langjährige Freundin. Ich deute auf sein Auto, frage, was es mit Daddy Cool auf sich habe. „Seit meiner Heirat bin ich Daddy Cool“, erzählt mir der alte Mann, der mit bürgerlichem Namen Max Well Roberts heißt. „Da habe ich mir gedacht, jetzt darf ich keiner Versuchung mehr nachgeben und muss ganz cool bleiben. Wir haben keine Möglichkeit, Gott zu entkommen, dann können wir auch einfach cool sein.“ Bald kommt das Gespräch darauf, ob er Kinder habe. „Neun Stück!“, brüstet er sich. „Alle von deiner Frau?“ Max lacht laut auf, nimmt mich fester in den Arm. „Von verschiedenen Frauen!“ Mittlerweile arbeite er auch als Pastor für die Church of God und danke Jesus jeden Morgen für sein Leben.

Und dann treffe ich Elizabeth Hanna, über mehrere Ecken verwandt mit der Verkäuferin Hyacinth und eine Buschmedizinerin. Die Buschmedizin sei auf Andros über Jahrhunderte hinweg überliefert worden, vor ihr hätten sich bereits ihre Mutter und Großmutter in der Kunst der Pflanzen und deren Heilkraft geübt. Nach ihrer Pensionierung als Schullehrerin habe sie sich ganz der natürlichen Medizin gewidmet und der Cancer Society, einer mittlerweile staatlich unterstützten Krebsstation in dem kleinen Dorf Love Hill. „Ich versuche, Treffen für Frauen mit Brustkrebs zu organisieren, damit sie sich austauschen können und vernünftig behandeln lassen. Aber kaum eine kommt.“ Dabei sei die Brustkrebsrate auf Andros hoch und viele Frauen nähmen den Flug nach Nassau, um sich behandeln zu lassen, nicht in Kauf und verschwiegen ihre Krankheit lieber – und das, obwohl die Cancer Society die Flugkosten für Kontrolluntersuchungen in Nassau regelmäßig übernehme. Schuld an der Krankheit sei vor allem der schlechte Lebenswandel mit kaum Bewegung und zu fettem Essen. „Es gibt nur einen Arzt für ganz Central Andros, und der wechselt auch noch monatlich.“ Ein Zahnarzt komme gar nur sporadisch auf die Insel, und bei Zahnschmerzen müsse man halt rüber nach Nassau fliegen. Mittlerweile hat sich Elizabeth die Zusammenstellung organischer Tees zur Hauptaufgabe gemacht. „Viele Pflanzen wachsen in meinem Hinterhof.“ Sogenannter Moringa-Tee beispielsweise sei gut gegen alle Arten von Krebs, Rosmarin sei gut fürs Gedächtnis und ‚Love vine‘ (Gronovius-Seide) ein echtes Aphrodisiakum.

Nach meinem gesprächsreichen Morgen mache ich mich auf den Weg zum angeblich schönsten Strand von Central Andros, Somerset Beach. Denn wer auf Andros nicht auch ein wenig chillt, ist so blöd wie einer, der nach Paris fährt und den Eiffelturm nicht anschaut. Kurz hinter der Small Hope Bay Lodge schallt laute, fröhliche Musik aus einem Haus und mehrere Leute schleppen Tragetaschen und Bierkästen ins Haus. Im Garten baut jemand Lautsprecher auf. „Macht ihr eine Party?“, frage ich. „Es gibt heute Abend eine Totenfeier für Goldie, die Mutter von Sammy, dem Barbesitzer, du kannst auch kommen!“ An Sammy‘s Bar bin ich schon vorbeigeradelt, aber ich kenne den Mann nicht, kannte auch seine Mutter nicht. Ich stelle mir vor, in Deutschland würde ein ungebetener, unbekannter Gast bei einer Totenfeier erscheinen und schüttele entschieden den Kopf.

Auf dem Weg zum Strand komme ich durch zahlreiche kleine Gemeinden, die stets mit einer Kirche, einer Bar und einem Lotterieladen ausgestattet sind, sogenannten ‚number shops‘. Es gibt nur einen einzigen Supermarkt, gut kaschiert als ‚Mable’s Meat Mart‘. Kurz vor der Schule überholt mich auf der fast auto- und menschenleeren Straße ein Jeep. „Drive safe, Baby“, ruft der Fahrer aus dem geöffneten Fenster.

Ich fahre am Flughafen vorbei, rund um ein amerikanisches Militärgelände herum, das direkt an der Küste liegt. Nirgends gibt es Schilder, auch nicht bei der Abzweigung zum Strand. Warum auch? Hier ist jedem alles so vertraut, dass nichts mehr ausgewiesen werden muss. Ich probiere den nächstbesten Schotterweg in Richtung Meer, durch ein Waldstück, fahre versehentlich einer Schlange über den Schwanz und siehe da – ein perfekter weißer Sandstrand und blaues Wasser eröffnen sich vor mir wie die erste Seite eines verheißungsvollen Buches. In der Ferne sehe ich eine Frau mit einem Hund am Ufer entlangspazieren – Casey, wie ich bald feststelle – und als auch sie verschwindet, habe ich bestimmt zwei Kilometer karibischen Strand für mich allein.

Das Gefühl, loszurennen und mein Glück laut hinausschreien zu wollen, überkommt mich. Ich gebe ihm nach. Hier gibt es niemanden, der mich sieht, hört und be- oder verurteilt. Denn ist es nicht oft die Furcht vor der Wertung, die uns einschränkt und uns flüstert, unsere Gefühle, positiv oder negativ, lieber tief in einer Kiste unterm sicheren Deckel zu verwahren? Hier, an diesem Strand in Andros, brauche ich keine Kisten und schon gar keine Deckel. Ich brauche nicht mal Kleidung. Alles, was ich brauche, habe ich: feinsandigen Strand, Sonne, ein Handtuch, ein Lunch aus Sandwiches, Obst und Jogurt und mein Notizbuch, in dem ich dieses großartige Gefühl festhalte.

Es geht erst zurück, als sich die Sonne hinter den Bäumen verkriecht und der Wind auffrischt. Auf dem Rückweg ist die Straße noch leerer als auf der Hinfahrt. Kilometer um Kilometer radle ich zwischen Bäumen und Büschen daher, den blauen Himmel über mir, den Wind in den Haaren und den heißen Asphalt unter den Reifen. Unter das Glücksgefühl am Strand mischt sich ein Gefühl großer Freiheit, die ich immer nur mutterseelenallein irgendwo in der Einöde verspüre.

Durstig halte ich später an einem Kiosk am Straßenrand, um mir einen Drink zu gönnen. Darin sitzt ein molliger Verkäufer, der sofort wissen will, woher ich komme. „Deutschland!“, ruft er begeistert. „Mein Kumpel hat mich überredet, mit ihm nach Deutschland zu fliegen, um dort eine Frau zu suchen.“ Er lacht los, dann lehnt er sich verschwörerisch vor: „Wenn meine Frau mich mal verlässt, nehme ich auch lieber eine Deutsche.“ Um ihn optimal auf die Mission vorzubereiten, bringe ich ihm schon mal das Wichtigste bei: Ich liebe dich. Das muss ich ihm sogar auf ein Blatt Papier schreiben, und er übt die Aussprache, bis ich zufrieden nicke. „Vielleicht wirst du ja eines Tages meine deutsche Frau“, ruft er – Arnold – mir nach. Wer weiß.

Eigentlich bin ich nach dem vielen Radeln müde und will zurück zur Lodge. Doch dann komme ich erneut an Sammy’s Bar vorbei, aus der Calypso-Beats und Gelächter schallen. Ich muss rein.

Es ist, als würde die Zeit einen Moment stillstehen und als würden die vier Männer um den Bartresen erstarren. Dann erwachen sie aus ihrer Starre und der dickste und dem Wanken nach betrunkenste unter ihnen, mit blauem T-Shirt und einer Baseballkappe, schnappt mich und wirbelt mich zu den Rhythmen aus der Stereoanlage herum. Lyndon, wie er heißt, sucht im Gegensatz zu Arnold keine deutsche Freundin, denn er hatte schon mal eine. Mit mir würde er aber doch am liebsten mitkommen, auch nach Nassau am Folgetag. „Mach dir keine Sorgen, ich kann für mich selbst zahlen!“ Seine Freunde lachen.

„Wie war deine Fahrradtour?“, fragt mich einer, der vergessen hat, in der düsteren Bar seine Sonnenbrille abzunehmen. Woher weiß er, dass ich eine Fahrradtour unternommen habe? Habe ich diesen Mann schon mal gesehen? Vielleicht im Hotel? Als er meinen verwirrten Ausdruck bemerkt, weiht er mich ein. „Wir sind vor einigen Stunden an dir vorbeigefahren und ich habe dir „Drive safe, Baby“, zugerufen!“ Alles klar! Er heißt Nick und bestellt sofort ein Kalik, das Nationalbier, für mich. Wir stoßen gemeinsam an. An den Hemden der Männer steht, dass sie für die hiesigen Abwasserwerke arbeiten. „Kommst du heute Abend auch zur Totenfeier?“, fragt mich Lyndon und bietet sogar an, mich abzuholen. Auch Nick stimmt mit ein – die Totenfeier der alten Goldie sei DAS Event des Jahres, die ganze Insel komme zusammen, da dürfe ich doch nicht fehlen. Und so passiert es: Ich habe ein Date at the wake.

Am Ende der Anfang

Um kurz nach neun gehe ich zu Goldies Totenfeier. Einer der Lodge-Mitarbeiter, Tarran, der ebenfalls dorthin möchte, nimmt mich mit und führt mich zunächst ins Haus gegenüber dem der verstorbenen Goldie. Ich werde einer der neun Töchter vorgestellt. Sie begrüßt mich herzlich – Deutschland, wie schön, da möchte sie auch mal hin. „Meine Mutter ist an Magenkrebs gestorben, schlimme Sache, sie muss nun nicht mehr leiden“, fügt sie im gleichen Atemzug hinzu. Von Casey habe ich bereits erfahren, dass Goldie, mit richtigem Namen Yvonne Rahming, eine der stärksten Frauen der Insel war, eine wahre Chefin ihres Matriarchats, und weithin gefürchtet, aber auch geliebt. Am Küchentisch sitzen Frauen und bereiten Essen zu. Sie sehen kaum auf, als eine Weiße eintritt. Ich bekomme eine Bierflasche in die Hand gedrückt, und schon führt mich Tarran wieder raus und auf die andere Straßenseite, zu Goldies Haus. Auf der Straße parken kreuz und quer Autos, doch meine Kumpels Lyndon und Nick sehe ich nirgends. Was bei dem Gewusel aus Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern bei partylauter Musik aber auch schwierig wäre.

Im Zimmer direkt am Eingang versammelt sich eine Kinderschar, manche lümmeln sich auf Sofas, andere sitzen oder liegen am Boden, die meisten starren auf ihre Handys. Sie wollen, dass ich ein Bild von ihnen schieße. Trotz zehn Versuchen ist es unmöglich, ein nicht verwackeltes zu machen, denn die Jungs sind aufgedreht, zappeln und scherzen und fangen an zu raufen.

Ob ich nicht noch ein Bier wolle, fragt mich eine weitere Tochter Goldies, dabei habe ich kaum an der Flasche in meiner Hand nippen können. Als die Kinder, die an diesem Abend ausnahmsweise mal bis drei Uhr aufbleiben dürfen, lachend und schreiend vorbeidrängen, werde ich mit auf die Veranda geschoben, wo einige Frauen zusammensitzen. „Ich war auch schon mal in Deutschland“, erzählt mir eine der Tanten oder Cousinen oder Nichten von Goldie, so ganz komme ich da nicht mehr nach, und drei andere stimmen mit ein, plauschen über das Reisen und das Leben.

Plötzlich erscheint ein älterer, leicht taumelnder Herr in der Tür, der mich fixiert – mit einem Blick, der auf eine Überdosis Viagra schließen lässt. Er schnippt mit den Fingern, bekommt einen Stuhl und setzt sich mir gegenüber. „Du bist aber schön, wie heißt du?“ Als ich meinen Namen nenne, schreit er auf. „So ein Zufall, ich heiße Bernard! Das ist Schicksal, dass wir uns hier treffen!“ Die Frauen grinsen. Bernard, den ich auf mindestens 70 schätze, schaut mir lange und tief in die Augen, dann beugt er sich vor. „Ich bin vielleicht alt, aber mein Schwanz, der funktioniert noch!“ „Bernard!“, kommt der Aufschrei von den Frauen, und während er mir noch erklärt, dass er eigentlich nur aus Nassau zur Totenfeier seiner Tante gekommen sei, um eine Frau aufzureißen, da er nach vier Ehen gerade wieder Single sei, wird schnell das Thema gewechselt.

Weiter geht es in einem leeren Nachbarshaus, dessen großes Wohnzimmer an diesem Abend als Festsaal dient. Mehrere Reihen mit Stühlen sind aufgestellt, das Schlagzeug ist spielbereit, fehlen nur noch die Mikros. Einige der Cousinen oder Nichten oder sonstigen Verwandten von Goldie nehmen Platz, es wird weiter geplaudert. Bald beginnt eine der Frauen zu singen, die schönste Gospelmelodie, mit starker, klarer Stimme. Weitere stimmen mit ein, die Melodie gewinnt an Kraft und Geschwindigkeit. Plötzlich durchbricht ein Schrei den Gesang: Eine von Goldies Töchtern reißt die Hände hoch, schreit, Tränen rollen ihre Wangen hinab. Frauen stürzen zu ihr, trösten, streicheln, bringen Wasser. „Wir behalten nichts in unserem Inneren, wir lassen alle raus“, habe ich bereits an diesem Tag gelernt.

Stundenlang schaue ich den Tanzenden zu, lausche den Gesängen und Geschichten. Sammy von Sammy’s Bar, Goldies Sohn, singt sich mit einer Frau mittleren Alters die Seele aus dem Leib, sprüht vor Freude und bricht im nächsten Moment vor Trauer zusammen. Er macht vor, wie nah die allerschönsten und allerschlimmsten Emotionen beieinander liegen, und die Familie und Freunde spiegeln durch ihren Gesang und Tanz, aber auch durch ihre Tränen, seine Gefühle wider. Im Nebenraum wird Hühnersuppe ausgeschenkt, draußen toben Kinder. „Wir wollen Goldies Leben feiern, nicht ihren Tod beklagen“, heißt es in einer kurzen Rede. Lyndon und Nick haben sich bereits in Sammy’s Bar den Rest gegeben und es nicht mehr zur Totenfeier geschafft, wie ich später erfahre, doch ich werde ewig dankbar sein für mein Date at the wake, auch wenn ich versetzt wurde. Denn einen Abend lang mit den Androsians einen Menschen zu betrauern und zu feiern, den ich nicht kannte und doch ein wenig kennenlernen durfte, und wie eine Einheimische aufgenommen zu werden, ist für mich das Größte. Der Anfang einer großen Liebe zu einer Insel, von der ich wenige Monate zuvor noch nie gehört hatte und mit Menschen, die ich nie vergessen werde. Und wenn ich mir auch vornehme, wie sie öfter meine Emotionen zu zeigen, möchte ich doch etwas sicher in meine innere Gefühlskiste packen und mit nach Hause nehmen: das große Glück darüber, auf Andros eine kleine Geschichte gefunden zu haben, wie sie nur das Leben, aber kein Reiseführer, schreiben kann.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismus-Ministerium der Bahamas: https://www.bahamas.com/ mit Direktflug mit Condor von Frankfurt nach Nassau.

Originalpost: http://www.bernadette-olderdissen.org/2018/01/07/date-at-the-wake/
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

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