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Bunker, Pyramiden, Szenebars

Eri, 25, ist ein auf­ge­weck­ter jun­ger Mann, gibt sich welt­ge­wandt, und gele­gent­lich wird er etwas iro­nisch. Gerade hat er sein Geschichts­stu­dium an der Uni­ver­si­tät Tirana abge­schlos­sen. Er gehört zu den ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­tern von Tirana Free Tours (www.tiranafreetour.com), die jeden Tag ab 10 Uhr eine etwa 2,5‑stündige eng­lisch­spra­chige Free Wal­king Tour durch Tira­nas Innen­stadt anbie­ten. Wäh­rend immer mehr junge Indi­vi­du­al­rei­sende Alba­nien für sich ent­de­cken – auf der Suche nach dem viel­leicht letz­ten gro­ßen Aben­teuer Euro­pas –, wol­len die jun­gen Alba­ner nach wie vor allem eins: weg. Tat­säch­lich lebt ein nicht uner­heb­li­cher Teil der alba­nisch­stäm­mi­gen Bevöl­ke­rung in der Dia­spora.

Die Top-Sehens­wür­dig­kei­ten der alba­ni­schen Haupt­stadt grup­pie­ren sich rund um den Skan­der­beg-Platz: Da ist die his­to­ri­sche Et’hem-Bey-Moschee, eines der ältes­ten Gebäude der Stadt. Das Natio­nale His­to­ri­sches Museum mit sei­nem auf­fäl­li­gen sozia­lis­ti­schen Mosaik stammt ebenso aus der kom­mu­nis­ti­schen Ära wie der Kul­tur­pa­last. Minis­te­ri­al­bau­ten im ita­lie­ni­schen Archi­tek­tur­stil sowie der kos­ten­los zu bestei­gende Uhr­turm, von dem man einen fan­tas­ti­schen Rund­um­blick hat, ver­voll­komm­nen das Ensem­ble.

Alba­nien ist eines der ärms­ten Län­der Euro­pas – man mag es kaum glau­ben, wenn man im Aus­geh­vier­tel „Blloku“ unter­wegs ist, heute das teu­erste Pflas­ter Tira­nas, wo sich abends junge hippe Städ­ter, Stu­den­ten und Expats in den zahl­rei­chen geschmack­vol­len Stra­ßen­ca­fés tum­meln. Blloku, der Block, war wäh­rend der kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur ein ein­ge­zäun­tes und bewach­tes Areal, das auf kei­ner Karte ver­zeich­net war. Enver Hoxha und die rest­li­che Füh­rungs­elite lebte dort abge­schot­tet von der Bevöl­ke­rung in ihren Vil­len. Das Land hatte bis dahin jahr­zehn­te­land einen iso­la­tio­nis­ti­schen Stein­zeit­kom­mu­nis­mus betrie­ben, galt als das Nord­ko­rea Euro­pas. Die Villa von Hoxha, der 1985 starb, steht seit dem Zusam­men­bruch der Regimes nahezu leer, vom Zaun aus kann man einen Blick erha­schen. „Man weiß ein­fach nicht, was man damit machen soll“, erklärt Eri ach­sel­zu­ckend. Das wird er im Ver­lauf der Stadt­füh­rung noch mehr­mals sagen. Direkt gegen­über wird – pas­sen­der­weise – gerade die zweite KFC-Filiale Tira­nas eröff­net. McDonald’s ist bis­lang nicht ver­tre­ten. Das liegt an den unge­klär­ten nach­kom­mu­nis­ti­schen Besitz­ver­hält­nis­sen der Grund­stü­cke, erklärt Eri.

Bei der etwa sechs­stün­di­gen Anreise per Bus vom Küs­ten­ort Saranda quer durchs Land fal­len bereits die zahl­rei­chen fla­chen, pilz­för­mi­gen Beton­bau­ten mit schma­len waa­ge­rech­ten Schlit­zen auf. Auch in der Haupt­stadt selbst fin­det man sie. Der Guide klärt auf: Es han­delt sich dabei um Mini-Bun­ker für die Bevöl­ke­rung. „Der Haupt­grund für den Bau der 750 000 Bun­ker war Para­noia“, erklärt Eri. Denn Hoxha fürch­tete mit zuneh­men­der Iso­lie­rungs­po­li­tik auch zuneh­mend ange­grif­fen zu wer­den. Der dama­lige Archi­tekt der Bun­ker sollte des­sen Sicher­heit schließ­lich selbst tes­ten: Er über­lebte die Bom­bar­die­rung taub. Inzwi­schen gibt es Gru­sel­tou­ren für Tou­ris­ten, die sich um die übrig­ge­blie­be­nen Bun­ker dre­hen.

Das Kli­schee, Alba­ner seien rup­pig, kri­mi­nell und ver­schla­gen, hält sich hart­nä­ckig. Ein ame­ri­ka­ni­scher Tou­rist traut sich, die­ses Vor­ur­teil anzu­spre­chen. Warum in Fil­men Alba­ner so häu­fig als Waf­fen­schie­ber vor­kä­men, möchte er wis­sen. „Da ist lei­der schon ein biss­chen was dran. Teil der Para­noia Hoxhas war es, an die drei Mil­lio­nen Bür­ger sechs Mil­lio­nen Waf­fen aus­zu­ge­ben.“
Zum Essen locken die zahl­rei­chen hip­pen, inter­na­tio­na­len Lokale im Vier­tel Blloku. So etwa das „Seren­di­pity“ (man könnte es mit „Zufalls­fund“ über­set­zen), was sehr gut passt, denn Tirana selbst ist voll von Uner­war­te­tem. Man kann zum Bei­spiel uner­war­tet in eines der vie­len mit­un­ter tie­fen Schlag­lö­cher im Geh­weg tre­ten und sich schwer ver­let­zen. Völ­lig uner­war­tet trifft einen aber auch die Schön­heit und Moder­ni­tät der Stadt. Und wer hätte gedacht, dass aus­ge­rech­net Tirana eine George‑W.-Bush-Straße hat, neben Geor­gien als ein­zi­ges Land der Welt? Fest steht: Tirana ist viel ansehn­li­cher, inter­es­san­ter und ange­neh­mer als sein Ruf. Abends lohnt sich ein Abste­cher ins Sze­ne­vier­tel rund um die Rruga Kont Urani mit sei­nen hip­pen indi­vi­du­el­len Bars und Knei­pen, wie etwa die Heming­way Bar (http://hemingway.al). Eri meint, man solle nach­sich­tig sein mit dem Ser­vice­per­so­nal, inter­na­tio­nale Gäste und über­haupt Restau­rant­kul­tur sind in Alba­nien recht neue Phä­no­mene. Tat­säch­lich gibt es über­haupt nichts zu meckern, die Alba­ner sind unglaub­lich gast­freund­lich und auch die lokale Küche schmeckt fan­tas­tisch.

Alba­nien ist zu 60 Pro­zent mus­li­misch, auf­grund der jahr­zehn­te­lan­gen kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur wird jedoch ein recht laxer Islam prak­ti­ziert. Eri bezeich­net sich wie zwei Pro­zent der alba­ni­schen Mus­lime als Bek­ta­schi. Fremde fra­gen ihn immer wie­der, ob er sich an das mus­li­mi­sche Schwei­ne­fleisch- und Alko­hol­ver­bot halte. Alles erlaubt im Bek­ta­schi­ten­tum, nur Hasen dürf­ten sie nicht essen. Das sei jedoch keine große Ein­schrän­kung, denn „ich kenne sowie sehr wenige Leute, die Hasen essen“, bemerkt Eri grin­send.

Der wilde Archi­tek­tur­mix aus ita­lie­ni­schem Kolo­ni­al­stil, sozia­lis­ti­schen Monu­men­tal­bau­ten und moder­nen Büro­hoch­häu­sern macht diese Stadt so sehens­wert. Ledig­lich – für deut­sche Ver­hält­nisse – alte Gebäude sucht man in Tirana ver­ge­bens: Die Stadt gewann erst zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts an Bedeu­tung. Auch das rest­li­che Alba­nien scheint einen wah­ren Bau­boom hin­ter sich zu haben. Hier sieht man auf­fal­lend viele Neu­bau­ten: far­ben­froh gestri­chene mehr­stö­ckige Wohn­häu­ser, weit ab von Städ­ten oder auch nur Dör­fern an die Land­straße geklotzt, dazwi­schen immer wie­der Roh­bau­ten. Die meist­ver­tre­tene Laden­kette ist „Deutsch­co­lor“, danach kom­men Sani­tär- und Möbel­ge­schäfte ebenso wie Auto­händ­ler und ‑wasch­an­la­gen.

Viel­leicht das skur­rilste Bau­werk in Tirana ist die her­un­ter­ge­kom­mene Pyra­mide aus Beton, Glas und Stahl, vor­ma­li­ges Enver-Hoxha-Museum und ‑Mau­so­leum, das nach des­sen Tod mehr oder weni­ger alles beher­bergte, was der Dik­ta­tor je berührt hatte. Ein jähr­li­cher Besuch war bis zum Zusam­men­bruch des Regimes 1991 vor­ge­schrie­ben. Eri rät davon ab, die heute gänz­lich ver­ram­melte Pyra­mide zu erklim­men: „Hoch kommt man ganz gut, nur run­ter wird’s schwie­rig.“ Den­noch scheint die Bestei­gung der glat­ten Ober­flä­che und das anschlie­ßende Run­ter­trip­peln bzw. ‑rut­schen eine beliebte Mut­probe unter Jugend­li­chen gewor­den zu sein. „Man weiß ein­fach nicht, was man damit machen soll“, heißt es mal wie­der. Bis­her stellte jede Regie­rung ein neues Nut­zungs­kon­zept vor, ver­mut­lich wird man sie eines Tag doch ein­fach abrei­ßen.
Direkt neben dem Par­la­ments­ge­bäude wird der­zeit die größte Moschee des Bal­kans mit tür­ki­schen Gel­dern gebaut. „Das ist okay“, meint Eri, „schließ­lich haben die Katho­li­ken und die Ortho­do­xen auch schon je eine große aus dem Aus­land finan­zierte Kir­che in bes­ter Lage.“ Das Hei­mat­land von Mut­ter Teresa will unbe­dingt in die EU und gibt sich daher betont mul­ti­re­li­giös.

Cate­go­riesAlba­nien
Katja Marquardt
Katja Marquardt

Von Brüssel bis Benin, von Macau bis Montenegro, von Nantucket bis Nepal: Katjas Fernweh hat viele Facetten. Sie fühlt sich auch in Deutschland wohl, von wo sie als Journalistin gern in andere Lebenswelten verreist. Reisen und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, findet sie, ist das beste Mittel gegen Engstirnigkeit und Fremdenhass.

  1. Simon says:

    Schöne Seite über Tirana! Sehr zu emp­feh­len ist auch ein Besuch im Kunst­mu­seum oder im etwas pfle­ge­be­dürf­ti­gen bota­ni­schen Gar­ten. Etwa ein­ein­halb Auto­stun­den von Tirana ent­fernt befin­det sich das ehe­ma­lige Gefan­ge­nen­la­ger Spac. Eines der ein­drucks­volls­ten Zeug­nisse der alba­ni­schen Geschichte, wie ich finde.

  2. Eva91 says:

    Ein Volk das viel durch­ge­macht hat. Kann es gut ver­ste­hen, dass alle hier­her wol­len. Kenne selbst auch viele. Der Arbeits­markt soll ja auch sehr schlecht sein. Aber das das Land viel zu besich­ti­gen hat denke ich auch. Nach mei­nem nächs­ten Urlaub im Well­ness Hotel in Süd­ti­rol habe ich echt vor auch Alba­nien zu berei­sen.

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