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Bist du schön genug für Kolumbien?

Medel­lin, Kolum­bien,
Das ist doch nicht schön, oder? Ich bin ein biss­chen geschockt, als ich in mei­nem Fit­ness­stu­dio einen Wer­be­flyer ent­de­cke, auf dem eine Frau mit einem Six­pack posiert. Mit Bauch­mus­keln, wie sie sonst die Män­ner auf Cal­vin-Klein-Pla­ka­ten haben. Auf dem Weg vom Trai­ning nach Hause … ins Hos­tel meine ich … über­lege ich, ob ich irgend­eine Schön­heits-Trend­wende ver­passt habe. War es für Frauen nicht ein­fach immer nur wich­tig irgend­wie schlank zu sein? Viel­leicht liegt die Mess­latte bei so vie­len schö­nen Men­schen hier ein­fach noch höher. In der Tat hatte ich im Fit­ness­stu­dio Frauen gese­hen, die ein deut­lich här­te­res Pen­sum als viele Män­ner absol­vie­ren. Im Hos­tel frage ich Pilar um Rat. Sie ist schön, sie könnte das wis­sen. Sie meint, dass auf dem Wer­be­flyer mit Pho­to­shop nach­ge­hol­fen wurde. Dann ver­kün­det sie stolz, dass auch sie ein Six­pack hat. Und das ohne Sport. Ihre guten Freun­din­nen sind ent­spre­chend nei­disch auf sie. Six­pack heißt hier übri­gens Cho­co­la­tina. Nach einer regio­na­len Scho­ko­la­den­marke. In Deutsch­land nen­nen wir trai­nierte Bauch­mus­keln wie einen Sech­ser­trä­ger Bier. Und hier ori­en­tiert man sich an Scho­ko­lade, wobei man die Kolum­bia­ner sicher nicht als Meis­ter der Scho­ko­la­den­kunst bezeich­nen könnte. Was das wohl über die Kul­tur aussagt?

schokolade-kolumbien

Don Felipe, der lange in Deutsch­land gelebt hat und fast jeden Abend im Hos­tel ist, bringt eine Freun­din mit. Sie hat Lie­bes­kum­mer. Wir trin­ken Rum. Sie meint, dass die Män­ner hier eben so sind. Sie wol­len Six­pack, große Brüste und eine gro­ßen Po. Viele die nicht mit­hal­ten kön­nen grei­fen zu Sili­kon. Gro­ßer Po? Auch das ist irgend­wie anders als in Deutsch­land. Oder? Don Felipe meint, da hätte ich schon in Deutsch­land nicht rich­tig aufgepasst.

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Bogotá,
Ich treffe Ale­jan­dro, den ich auf mei­ner unfrei­wil­li­gen 30-Stun­den-Bus­fahrt an die Küste ken­nen­ge­lernt habe, in sei­ner Hei­mat­stadt Bogotá. Er will mir als Deut­schem bewei­sen, dass es in Kolum­bien auch gutes Bier gibt. Wir sit­zen in der Bogotá-Beer-Com­pany und vor mir ste­hen 4 Pro­bier­gläs­chen. Ent­we­der habe ich meine deut­sche Bier­ge­schmacks­ner­ven schon ein­ge­büßt, oder diese kolum­bia­ni­sche Brau­kunst ver­steht es ein­fach nicht zu über­zeu­gen. Ich ent­scheide mich für das Bier, wel­ches am ehes­ten nach Was­ser schmeckt. Daran hab ich mich nun schon gewöhnt. Dann lenke ich das Gespräch auf große weib­li­che Pos. Ale­jan­dro ist gerade sin­gle. Er ist also so etwas wie ein Experte für schöne Frauen. „Magst du große Pos?“, frage ich. Er lacht. „Das ist zu viel hier“, meint er. Dann zückt er sein Smart­phone um mir etwas zu zei­gen. Gemein­sam blät­tern wir in einem Online-Unter­wä­sche-Kata­log. Anfangs ohne Erfolg. Tat­säch­lich ähneln die Models eher dem euro­päi­schen Schlank­he­it­ideal. Schließ­lich wird es run­der und wir müs­sen beide etwas schmun­zeln. „Das ist noch gar nichts! Frü­her waren die Models so, dass sie per­fekt Bier­fla­schen auf ihrem Hin­tern hät­ten balan­cie­ren können.“

Und ich? Bin ich eigent­lich schön?

Trotz drei Wochen Fit­ness-Stu­dio in Medel­lin hat es lei­der nicht ganz zum Six­pack gereicht. Defi­ni­tiv hilft mir aber die Tat­sa­che, dass ich blond bin. Sehr sogar. :-) Wäh­rend ich mit mei­nem Stra­ßen­kö­ter­blond in Deutsch­land nur müde belä­chelt werde, bin ich hier der Rockstar!

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immer noch Bogotá, 
Ich bin mit Doña Patri­cia in der Can­del­aria, der Alt­stadt Bogo­tás, einen Kaf­fee trin­ken, als plötz­lich eine Gruppe Schul­mäd­chen auf uns zuge­stürmt kommt. „Una foto por favor“ „Ein Foto bitte“ Ich ver­mute, dass die Mäd­chen mich direkt als guten Foto­graf erkannt haben. Doch sie wol­len ein Foto MIT mir! … Hehe … Ich fühle mich geschmei­chelt. Spä­ter wer­den mir die blon­den Hol­län­de­rin­nen Wendy&Martha in Salento erzäh­len, dass ihnen das stän­dig so ergeht. Das Foto­gra­fie­ren sei immer noch bes­ser als das Anstar­ren und das mys­te­riöse Zischeln man­cher ein­hei­mi­scher Män­ner. Dage­gen waren meine Schul­mäd­chen brav.

Bogotá (ich war dort län­ger … und zweimal),
Manch­mal trifft man an sym­pa­thi­schen Orten unge­wöhn­li­che Men­schen. Wie ich mit Richard ins Gespräch gekom­men bin, weiß ich auch nicht mehr so genau. Ich hatte, glaube ich, auf das hell­blonde Haar (?) gestarrt und plötz­lich wurde dar­aus eine Art Gespräch. Er spricht flie­ßend Eng­lisch und erzählt mir, dass er frü­her Model in den USA war. Kei­ner glaube ihm, dass er schon fast 70 sei. Er sei nicht gelif­tet, schwört er. Sein Geheim­re­zept ist eine Maschine, die er täg­lich eine halbe Stunde zum Glät­ten aller wich­ti­gen Haut­par­tien ein­setzt. Und das seit vie­len, vie­len Jah­ren. „Je eher man beginnt, desto bes­ser!“ Dann schaut er mich mitt­lei­dig an. „Der helle Haut­typ altert sehr schnell und sehr unschön“ Mir war bewusst, dass sich da bereits ein paar Lach­fält­chen um die Augen­par­tie gebil­det haben und meine Wan­gen sind auch nicht ideal. Ich schaue ihn genau an, und tat­säch­lich ist die Region um seine Augen „glatt wie ein Baby­popo“ wie er selbst bestä­tigt. „Buy that machine!“ ruft er mir noch hin­ter­her, als ich den sym­pa­thi­schen Ort wie­der verlasse.

richard-bogota

Über Dop­pel­mo­ral
Leser: Aha! Also doch. Da schreibt Gre­gó­rio Jones erst groß­spu­rig, dass hier Per­so­nen nur dann mit Foto und Namen auf­tau­chen, wenn er über sie auch irgend etwas Net­tes sagen kann, und dann das. In bes­ter Bou­le­vard-Manier wird die­ser arme Richard vor­ge­führt und schließ­lich über Face­book, Twit­ter und dem Inter­net vor einer Welt­öf­fent­lich­keit lächer­lich gemacht. War ja irgend­wie nicht anders zu erwarten!
G.J.: Nicht doch, lie­ber auf­merk­sa­mer Leser. Jetzt urteilst du vor­schnell. Ich glaube, dass es einen Teil in uns gibt, der sich über Richard lus­tig macht. Es gibt aber einen ande­ren Teil in uns, der seit unge­fähr zehn Zei­len dar­über grü­belt, wie er an diese Maschine kommt. Sicher nicht alle von uns, aber ein Teil. Und um das zu bewei­sen habe ich einen Link zur Maschine inte­griert. (Daten­schutz­hin­weis: Ich kann mes­sen wenn du klickst ;-)) 

Viel Spaß beim Schönbleiben! :-)

Euer Gre­gó­rio Jones

P.S.: Wer schön genug ist, darf die Geschichte gern teilen.

Cate­go­riesKolum­bien
Gregório Jones

Das Beste am Reisen sind all die unerwarteten Begegnungen. Seit seinem Sabbatical in Südamerika reist der abenteuerlustige Reiseschriftsteller Gregório Jones mit einer Mission: Catching Smiles around the Globe.

  1. Ariane says:

    Haha, super Arti­kel! Ich kenne ja von Latein­ame­rika nur Ecua­dor und Peru, und dort hat mich immer fas­zi­niert, wie viel Wert die Men­schen auf ihr Äuße­res legen, was Haare, Sty­ling und Klei­dung angeht. Auch, wenn man mor­gens um sie­ben in der Arbeit ste­hen muss und dank der Größe Limas zwei Stun­den Anfahrt hat, hat man als Frau jeden Tag eine andere, auf­wän­dige Fri­sur und per­fekt gebü­gelte und sau­bere Kla­mot­ten. Wie die Leute das machen, ist mir immer noch abso­lut schlei­er­haft… Vor allem, weil der Staub Limas eigent­lich in jede Ritze kommt und die Busse so kaputt sind, dass ich mir ein­mal die Woche die Hose an irgend­ei­nem kaput­ten Metall­stück am Sitz auf­ge­schlitzt habe.

    In Peru exis­tiert auch das hart­nä­ckige Vor­ur­teil, Deut­sche wür­den sich nie waschen und stin­ken – nur, weil wir halt auch mal in Jeans mit Löchern, Hip­pie-Harems-Hosen oder unge­bü­gel­ten T‑Shirts herumlaufen ;)

    1. Danke Dir für Lob und Kom­men­tar. :-) Ich glaube, dass die­ses Stre­ben nach Schön­heit auch zum Teil der Kul­tur gehört. Die Miss-World-Wahl habe ich in Kolum­bien als Groß­ereig­nis erlebt, wel­ches Zuschauer aus allen Gesell­schafts­schich­ten fas­zi­niert. Was mich auch beein­druckt hat, waren die perl­wei­ßen, gut gepfleg­ten Zähne vie­ler Süd­ame­ri­ka­ner. Denn anders als in Deutsch­land wird dort nach jeder Mahl­zeit flei­ßig geputzt.

    1. Ich glaube, dass es einem auf­fällt, wenn man drauf ach­tet … genau so kann man aber auch auf wun­der­schöne Natur und herz­lich lächelnde Men­schen achten :-)

  2. Madlen says:

    Uns hielt das wun­der­bar beschäf­tigt. Beson­ders in Medel­lin und Cali (in den ande­ren Städ­ten ist es nicht so schlimm oder schön, ist ja schließ­lich Ansichts­sa­che) haben wir viel hin­sicht­lich der Ober­wei­ten und des Unter­baus gewet­tet, mit der Folge, dass wir nur noch auf die Brüste und Pos schauten ;-)

  3. mexi says:

    ja, six­pack, große brüste, gro­ßen po und blonde haare muss man in kolum­bien (und latein­ame­rika isn­ge­samt, bra­si­lien ist da der knal­ler) haben! sehr rea­lis­tisch alles. dass die mess­latte bei so vie­len schö­nen men­schen höher (/plastischer) liegt kann ja tat­säch­lich sein.

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