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Ein Steinwurf entfernt – Eindrücke von der koreanischen Grenze

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Aussicht auf Hügel und Felder Nordkoreas

Stand November 2026: Einige Angaben in dieser Reportage haben wir im November 2026 geprüft und korri­giert. Was sich seit dem Besuch geändert hat, steht am Ende.

Nur eine Stunde von Seoul entfernt liegt ein Ort, an dem zwei Welten aufein­an­der­treffen. Die Grenze zu Nordkorea wirkt unscheinbar – und ist doch einer der spannendsten Orte der Welt. Wer die DMZ besucht, kommt einem Land so nah, das für die meisten unerreichbar bleibt.

Von Seoul zur DMZ: Ein Ausflug an die Grenze

Von Seoul aus ist es nur ein Katzensprung zu meinem heutigen Ziel. Jeden Tag starten wahrschein­lich Dutzende Touristenbusse von der Hongik – Universität im Zentrum der südko­rea­ni­schen Hauptstadt, um die gute Stunde Fahrzeit nach Norden zurück­zu­legen. In dem Getümmel der vielen, gleich ausse­henden Reisebusse vor der U‑Bahn-Station muss ich kurz nach dem Richtigen suchen, finde ihn dann aber doch recht schnell. Ich suche mir einen Platz und betrachte den morgend­li­chen Berufsverkehr auf der Yanghwa-Ro-Straße, während ich warte. Die Autos schieben sich im Schneckentempo an dem geparkten Bus entlang. 

Im Trubel der südko­rea­ni­schen Hauptstadt ist es schwer vorstellbar, dass man in kurzer Zeit in einer völlig anderen Welt sein kann. Zumindest in der Theorie, denn tatsäch­lich ist die Grenze in das Nachbarland Nordkorea für die meisten absolut unpas­sierbar. Beide Staaten stehen sich seit Ende der heißen Phase des Koreakrieges vor gut siebzig Jahren unver­söhn­lich gegen­über.

Daher wurde entlang der Grenze eine demili­ta­ri­sierte Zone einge­richtet, die man im Rahmen geführter Touren besuchen kann – die DMZ. Bei ihr handelt es sich um einen etwa vier Kilometer breiten Streifen Land an der Grenze beider Länder, der offiziell nicht vom Militär betreten werden darf. (Update November 2026: Laut Waffenstillstandsabkommen dürfen nur autori­sierte Personen hinein, höchs­tens 1.000 pro Seite. Tatsächlich patrouil­lieren dort Soldaten beider Seiten, und es gibt Wachposten.) Hier treffen die so unter­schied­li­chen politi­schen Systeme des Nordens und des Südens aufein­ander, und als einfa­cher Tourist  in Südkorea kommt man dem so abgeschot­teten Norden nirgendwo so nah wie hier. Auch wenn ich weiß, dass eigent­lich nichts passieren kann, bin ich doch etwas nervös gespannt auf die Eindrücke, die mich dort erwarten.

Nachdem alle gut zwanzig Teilnehmer meiner Tour angekommen sind, geht es auch schon los. Unterwegs trich­tert unsere Guide, die sich als Laura vorstellt, mir und meinen Mitreisenden die Verhaltensregeln ein: Grundsätzlich sollte man natür­lich ein der Umgebung entspre­chendes respekt­volles Verhalten an den Tag legen und – ganz, ganz wichtig – immer pünkt­lich sein.

Da die DMZ ja von beiden Ländern gemeinsam verwaltet wird, ist auch die Kooperation des Nordens nötig, wenn man sich hier bewegen will. Zum Zeitpunkt meines Besuches ist die diplo­ma­ti­sche Stimmung wohl nicht gerade die beste. Ein Betreten nordko­rea­ni­schen Bodens jenseits der Grenze, was manchmal möglich ist, bleibt uns daher leider unter­sagt. Außerdem ist es unumgäng­lich, bei jeder Station unserer Tagestour wieder pünkt­lich zurück im Bus zu sein, sofern man sich an einem Ort überhaupt frei bewegen darf.

Bummler riskieren, die Gruppe zu verspäten und die Tour unfrei­willig zu verkürzen, da die Genehmigungen, eine Station in der DMZ anzufahren, zeitlich streng begrenzt sind.

Grundsätzlich ist es auch nicht möglich, einen Slot zu einer der typischen Stationen im Voraus zu reser­vieren. Erst am Tag selbst erhält der Veranstalter eine Zusage, wann er wo rein kann. Deshalb kann ein und dieselbe Tour an unter­schied­li­chen Tagen auch ganz anders ablaufen, und man kann hier teilweise sehr schlecht planen. 

Imjingak Park: Zwischen Freizeitpark und Geschichte

Am Informationszentrum

Unser Bus fährt nach einer guten Stunde einen großen Parkplatz an, an dessen Rand ein zweistö­ckiges Gebäude mit der endlosen Aufschrift »Korean Peninsula Ecological Peace Tourism Information Center« steht. Die kleinen bunten Läden im Erdgeschoss des Gebäudes laden zum Verweilen ein, und am anderen Ende des Parkplatzes erkennt man einen Freizeitpark mit einer verwaisten Schiffschaukel. Es könnte sich hier auch um einen Wochenendausflug zur örtli­chen Shoppingmall handeln, so unver­fäng­lich und alltäg­lich wirkt die Umgebung, trotz der Ernsthaftigkeit des Ortes, an dem wir uns befinden.

Es hat etwas leicht Absurdes, sich erst einmal einen Kaffee to Go und einen Schokoriegel zu holen, während wir darauf warten, dass Laura Tickets für die späteren Stationen für uns ersteht. Dafür hat sie unsere Reisepässe einge­sam­melt, und doch ein bisschen nervös laufe ich vor dem Gebäude auf und ab, während ich meinen Kaffee schlürfe. Hier möchte ich ungern ohne gültige Papiere herum­laufen.

Der Friedenspark

Doch zum Glück ist sie bald wieder zurück und verteilt unsere Pässe, bevor wir eine geführte Tour durch den umlie­genden Imjingak Friedenspark erhalten. Er ist gespickt mit farben­frohen Blumenbeeten, kleinen Wiesen und Bäumen, wie ein Park eben, und mit einigen Denkmälern und anderen Dekorationen. Auffälligstes Ausstellungsstück hier ist wohl eine alte rampo­nierte Dampflokomotive, die in einem Unterstand vor sich hin rostet.

Sie ist Opfer des Koreakrieges, und der letzte Zug, der die Grenze 1950 überquerte, bevor er von ameri­ka­ni­schen Soldaten gesprengt wurde, um ihn nicht in die Hände anrückender chine­si­scher Truppen fallen zu lassen. Während im Friedenspark ihr Leben zu Ende gehen sollte, fing es für viele andere hier erst richtig an: Direkt angren­zend an den rotbraunen Stahlriesen beginnt die Freedom Bridge, die den kleinen Fluss Imjin in Richtung des nördli­chen Teil der DMZ überquert.

Im Laufe der Jahrzehnte der korea­ni­schen Teilung fanden hier Gefangenenaustausche statt, und Menschen, die lange Zeit in feind­li­cher Umgebung ausharren mussten, konnten endlich wieder vertrauten Boden und ihre Heimat betreten.

Unsere Guide führt uns weiter an mehreren Kriegsdenkmälern vorbei und anschlie­ßend in einen Laden, der allerlei Souvenirs wie nordko­rea­ni­sches Propagandamaterial, Alltagsgegenstände wie Geschirr und sogar Geld anbietet. Auch ich kann mich nicht zurück­halten und erstehe einen Hundert-Won-Schein, Gegenwert etwa zehn Euro-Cent, zu einem Vielfachen des Wechselkurses. Das Ganze hat, wie auch schon der Park draußen, eine faszi­nie­rende Mischung aus Weltpolitik und Disneyland.

Das Information Center
Das Information Center
Eisenbahn im Friedenspark
Eisenbahn im Friedenspark

Dora Observatory: Blick nach Nordkorea

Der Ausblick auf Nordkorea

Natürlich will ich, wie wohl die meisten anderen hier auch, auch mal einen Blick in das geheim­nis­volle Land werfen, das so abgeschottet ist wie kaum ein anderes auf der Welt. Die Gelegenheit dazu bietet sich bei der nächsten Station, dem Dora Observatory, einem großen Aussichtspunkt mit Blick auf das nordko­rea­ni­sche Grenzgebiet jenseits der DMZ. Hier ist es immer ein bisschen Glückssache, ob und was man genau sieht, da einem das Wetter schnell einen Strich durch die Rechnung machen kann. Wir haben großes Glück, in strah­lendem Blau lacht der Himmel, als unser Bus vor einem flachen massiven Betongebäude hält. In hellem Flecktarn bemalt, könnte es auch ein militä­ri­scher Bunker sein, wer weiß, ob es nicht mal anderen Zwecken gedient hat. Neben diesem neuen Dora Observatorium befindet sich, deutlich filigraner und tradi­tio­neller gestaltet, das Alte, das nicht viel mehr ist als ein roter hölzerner Unterstand unter einer präch­tigen Pagode.

Auf der Plattform haben wir es eilig, einen Blick durch die zahlrei­chen vorhan­denen Ferngläser auf die andere Seite zu werfen. Tatsächlich erkennt man, auch ohne Zoom, schon ziemlich viel. Ein herbst­lich rotbrauner Wald erstreckt sich vor dem Observatorium dort, wo die Grenze verlaufen muss. Diese ist selbst nicht so klar zu erkennen, was wohl nicht ganz unabsicht­lich ist.

Wachtürme, hohe Mauern oder andere Elemente einer schwer bewachten Grenze sind hier nicht zu sehen, nur ein einfa­cher Zaun, der erstmal nicht sehr ungewöhn­lich aussieht. Hinter dem Wald tauchen flache Wiesen und Felder auf, hinter denen sich helle Gebäude in der Ferne abzeichnen. Auch einige Hochhäuser, die zu der grenz­nahen Stadt Kaesong gehören, kann man gut erkennen. Links und rechts wird der Ausblick von zackigen Bergketten einge­rahmt.

Insgesamt ist es eine echt fried­liche und beschau­liche Landschaft, und so anders als viele Orte diesseits der Grenze sieht es auf den ersten Blick gar nicht aus. Als auch ich mal einen Blick durch ein Fernglas erhaschen darf, erkenne ich Leute auf Fahrrädern, die gemüt­lich die Straße entlang radeln, und Feldarbeiter mit Ochsen und Pflug. Das sieht dann doch etwas ungewöhn­lich aus. 

Laura erklärt uns die vielen Propagandaelemente, die hier natür­lich ganz bewusst in Sichtweite platziert worden sind. Wenn man weiß, wonach man suchen soll, kann man sie auch gut erkennen. Groß und glänzend ragen Statuen von Kim Jong-Il und Kim Il-Sung, dem Vater und Großvater des heutigen Staatenlenkers Kim Jong-Un, auf einem Platz auf.

Der Fahnenmast von Kijong-dong

Nicht zu übersehen ist einer der höchsten Flaggenmasten der Welt, der Fahnenmast von Kijong-dong, der das Dorf Kijong-dong, eines der nächsten an der Grenze, deutlich überragt. (Update November 2026: Der rund 160 Meter hohe Mast wird manchmal Panmunjom genannt. Panmunjom ist aber das Waffenstillstandsdorf an der Grenze. Inzwischen gibt es weltweit mindes­tens sechs höhere Fahnenmasten.) Er ist nicht nur der höchste, sondern überhaupt der einzige Einwohner des Örtchens, denn wie uns Laura erklärt, ist Kijong-Dong ein potem­kin­sches Propagandadorf, das angeb­lich nur zu dem Zweck errichtet wurde, uns die Überlegenheit Nordkoreas vor Augen zu führen. Inwieweit das mit einem riesigen Fahnenmasten gelingen soll, ist mir nicht ganz nachvoll­ziehbar.

Weiter hinten in den Bergen, selbst durch das Fernglas kaum erkennbar, prangt ein übergroßer weißer Schriftzug auf korea­nisch, der ebenso die Überlegenheit der Demokratischen Volksrepublik preist. Eine inter­es­sante Hommage an die Hollywood Hills, jedoch nicht nur räumlich so weit fernab vom ameri­ka­ni­schen Mutterland des Kapitalismus.

Observation Center
Observation Center
Blick auf den Fahnenmast von Kijong-dong
Blick auf den Fahnenmast von Kijong-dong

Der dritte Tunnel: Kalter Krieg unter der Erde

Dass aus reinen Protzereien und Drohungen auch schnell Ernst werden kann, wird uns an der dritten Station unseres heutigen Ausfluges vor Augen geführt. Auch wenn der heiße Konflikt schon seit siebzig Jahren in einem Waffenstillstand schwelt, gab und gibt es doch immer wieder aufflam­mende Konflikte, die zum Glück bisher nie zur großen Katastrophe geführt haben. Ein deutli­ches Zeichen dafür sind die Infiltration Tunnel, die entlang der Grenze in den letzten Jahrzehnten immer wieder entdeckt wurden. Bei diesen handelt es sich um unter­ir­di­sche Tunnel von Norden nach Süden unter der DMZ hindurch, von denen man annimmt, dass sie dem Transport von Truppen und Kriegsmaterial im Falle einer Invasion dienen sollten. Dass sich daraus erheb­liche diplo­ma­ti­sche Verstimmungen ergaben, ist klar, auch wenn Nordkorea jede Beteiligung abgestritten hat.

Den dritten entdeckten Infiltration Tunnel, kreativ Dritter Tunnel genannt, kann man besich­tigen. Wir werden im Vorfeld aufge­klärt, dass es dort unten eng und stickig ist und man die Besichtigung nur bei guter Gesundheit durch­führen sollte. Dann geht es, gut ausge­rüstet mit Grubenhelm, durch einen Zugangstunnel hinab in das Erdreich. Der eigent­liche Tunnel ist tatsäch­lich überaus eng, sodass wir hier im Gänsemarsch, und selbst ich nur im gebückten Gang, voran watscheln. Wir kommen bis zu 170 Meter an die Grenze heran. Dort kann man durch eine Glasscheibe ins Dunkel schauen, noch mehr Erde, ein bisschen von Grubenlampen beleuch­tetes Moos und nicht viel Spektakuläres.

Der Durchgang zum Norden ist durch dicke Betonbarrieren versie­gelt. Ein komischer Gedanke, dass hier im Ernstfall eine Armee samt Ausrüstung hätte trans­por­tiert werden sollen. Das unange­nehme Gefühl hier unten ist nicht nur die Enge, sondern auch die drohende Eskalation des Konfliktes, die hier unten einen so beklem­mend greif­baren Ausdruck bekommt. Zumal es ja noch mindes­tens drei weitere bisher entdeckte Tunnel gibt, und noch weitere in den Untiefen der DMZ vermutet werden. Da von hinten schon die nächsten Besucher nachschieben, kann jeder nur einen kurzen Blick auf echte nordko­rea­ni­sche Erde werfen, bis es wieder zurück und dann an die Oberfläche geht.

Eingang zum Dritten Tunnel
Eingang zum Dritten Tunnel

Was ein Besuch der DMZ auslöst

Der letzte Stopp auf dem Rückweg nach Seoul ist ein kleiner Supermarkt, in dem es wohl echte nordko­rea­ni­sche Produkte zu kaufen gibt, eine Art umgedrehter Intershop also. Es gibt jedoch auch Pringles und andere eindeutig westliche Lebensmittel und Souvenirs. Ich erstehe eine Dose Ginseng-Bier, die ich mir später geneh­migen will, und Sojabohnen-Softeiscreme, die leider so mundet, wie der Name vermuten lässt. Das sonstige Warenangebot ist erstaun­lich bunt, von Keksen über Schokoladenpistolen bis zu Spirituosen ist alles dabei. Die Verkäufer, so erklärt uns Laura, sind angeb­lich nordko­rea­ni­sche Bürger, und wir sollten bloß keine neugie­rigen Privatgespräche mit ihnen anfangen. Vermutlich sprechen sie ohnehin kein Englisch, denke ich, vorur­teils­be­haf­teter Tourist, überheb­lich.

Wie reprä­sen­tativ das Angebot hier sein mag, sei mal dahin­ge­stellt, aber die Eindrücke, die ich von hier und der DMZ insge­samt mitnehme, sind gewaltig. Da leben Leute einen Steinwurf entfernt, aber in einer für uns anderen Welt. Und für sie ist ihr Leben und ihre Realität ebenso normal wie für uns unser Leben hier, und Unseres ist ihnen genauso mystisch und unbekannt. Auch wenn sie wohl nicht durch Ferngläser in den Süden herüber­schauen können.

Soja-Eiscreme
Soja-Eis
Auslage mit Schokoladen-Waffen
Schoko-Waffen

Die DMZ heute (Stand November 2026)

  • Die klassi­sche Tagestour mit Imjingak, Drittem Tunnel und Dora Observatory ist weiter möglich. Die Aussichtsplattform des Dora Observatory ist seit August 2025 nach über einem Jahr Sperrung wieder offen. Der Dritte Tunnel ist montags geschlossen und nur im Rahmen einer Tour zugäng­lich.
  • Ohne Reisepass wirst du nicht einge­lassen.
  • Die Joint Security Area in Panmunjom, wo Besucher*innen früher kurz nordko­rea­ni­schen Boden betreten konnten, ist für normale Tourist*innen praktisch nicht mehr zugäng­lich. Seit Herbst 2026 gibt es dort nur noch Sondertouren für hochran­gige Gäste.
  • Die südliche Hälfte der DMZ unter­steht dem UN-Kommando. Es hat das im Januar 2026 ausdrück­lich bekräf­tigt.
  • Die DMZ Peace Trails, geführte Wanderungen entlang der Grenze, sind seit April 2024 geschlossen.
  • Die Dampflok in Imjingak wurde am 31. Dezember 1950 zerstört, stand danach jahrzehn­te­lang bei Jangdan in der DMZ und ist seit 2009 in Imjingak ausge­stellt.

Quellen: Kyunghyang Shinmun (10/​2026), Asia Economy (09/​2025), dmz.go.kr, Korea Times (01/​2026), Waffenstillstandsabkommen 1953, Wikipedia: Fahnenmasten, JoongAng Daily (01/​2009)


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