Der Schein der schönen Dinge

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Der Schein der schönen Dinge

I. Der Anlass

Wenn ich recht überlege, lief alles auf die Lampe hinaus. Ein beson­deres Modell, von dem noch ausführ­lich zu sprechen sein wird. Das Design betörte mich derart, dass ich erschrak und einige gründ­liche Gedanken anstieß. Wohin sie führten? Auch davon später.

Vordergründig wollte ich nach Kopenhagen, um eine Geschichte über Vesterbro zu recher­chieren. Die Leitfrage lautete: Wie lebendig, berau­schend und ground­brea­king kann ein Szeneviertel sein, wenn es sogar von den offizi­ellen Tourismusvermarktern als Hipster-Quartier etiket­tiert wird? Um es vorweg­zu­nehmen: mäßig.

Unterbewusst jedoch wollte ich vor allem ein paar Tage in einer Großstadt verbringen, die all das hat, was Berlin fehlt: Übersichtlichkeit, Umgangsformen, Klasse – die Einsicht, dass anlass­lose Freundlichkeit kein Zeichen falscher Angepasstheit ist, sondern das Zusammenleben fremder Menschen einfach sehr viel angenehmer macht.

Ryanair hatte Flüge für fünfzig Euro im Angebot und ich nur ganz kurz Skrupel, den Billigflug der halbtä­gigen und mehr als doppelt so teuren Bahnreise über Hamburg vorzu­ziehen. Das Geld, ich ahnte es vielleicht schon, würde ich noch brauchen können.

 

II. Die Erwartungen

Kopenhagen ist das urbane Schaufenster Dänemarks. Dafür, dass die Dänen gleich nebenan leben, wissen wir von ihnen eigent­lich ziemlich wenig, außer dass sie laut World Happiness Report drei Jahre hinter­ein­ander das glück­lichste Volk der Welt waren. Auf Platz zwei hinter Norwegen lässt es sich bestimmt immer noch zufrieden leben.

Zugeschrieben wird dieses Lebensglück der inter­na­tional bekannten Hyggeligkeit, eine dänische Erfindung. Hyggelig heißt so viel wie angenehm, gemüt­lich, komfor­tabel, wohnlich. Eine beson­ders treffende Übersetzung ist, wie ich finde, heimelig. Draußen mag der Weltensturm toben, doch er dringt nicht ein ins kamin­feu­er­warme Haus.

Die Skandinavier wissen offenbar, wie das gute Leben aussieht. Savoir vivre, nur ohne selbst­ge­drehte Zigaretten, Kaffeeflecken und Existenzängste. Müsste das nicht in einer Stadt wie Kopenhagen beson­ders klar zu sehen sein?

Europa wirkt nördlich des 55. Breitengrads ja erst einmal wie die bestmög­lich denkbare Version der Welt. Immer, wenn ich zuvor in Norwegen, Schweden oder Finnland gereist war, in diesen Bilderbuchländern mit ihren stilvoll geklei­deten Menschen, beschau­li­chen Städtchen und fortschritt­li­chen Sozialsystemen, da hatte es mich plötz­lich funda­mental verstört, dass zum Beispiel Kindern im Niger von der Mangelernährung die Gesichter zerfressen werden oder Familien in Indien in Gegenwart ihrer eigenen Ausscheidungen leben. Ein Wohlstand wie in Skandinavien schreit einem ins Bewusstsein, welch unter­schied­liche Zivilisationsniveaus ohne globalen Aufschrei parallel existieren können. Doch der Schock hatte immer nur kurz gewährt, wenn ich durch Trondheim, Stockholm oder Helsinki gelaufen war – alles dort schien stets so schön.

Nun also nach Kopenhagen zu den Design-Dänen, diesen erstaun­li­chen Glückspilzen.

III. Der erste Eindruck

Der typische Kopenhagen-Trip besteht aus Bummeln in der Einkaufstraße Strøget und Hippie-Kommune Christiania, einem Besuch des Vergnügungsparks Tivoli und einem Selfie vor der Kleinen Meerjungfrau. Vesterbro gleich westlich des Zentrums ist auf unspek­ta­ku­läre Weise ganz gediegen. In der Zweckarchitektur mancher Straßen ist das einstige Arbeiterviertel noch erkennbar, doch die meisten Fassaden strahlen Bürgerlichkeit aus. Die Rotlichtmeile neben dem Hauptbahnhof wirkt harmlos, man bemerkt sie kaum. Neben dem Burgerladen liegt ein Sexshop, und das ist schon die maximale Provokation.

Am ersten Abend tritt ein Dealer an mich heran und erklärt: »Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen«, so als würde er Tomaten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Ich antworte sachlich: »Nein, vielen Dank.« Hat man diesen freund­li­chen Kriminellen nur hier hinge­stellt, um dem Viertel einen letzten Hauch von Verrufenheit zu verleihen?

Es funktio­niert nicht. Vesterbro ist so aufge­wertet, etabliert und somit eigent­lich durch – dagegen wirkt Prenzlauer Berg wie ein aufstre­bendes Problemviertel. Der entschei­dende Punkt ist: Die Dänen selbst inter­es­siert eine solche Abwägung null.

Dahinter steckt diese skandi­na­visch-egali­täre Kultur, die der dänische Designer Sigurd Larsen mir einmal so beschrieb: »Nie denken, dass man besser als andere ist, lieber zurück­hal­tend sein.« Das ist zehnmal sympa­thi­scher als die bierernste Avantgarde-Haltung, die der Berliner Auskenner unablässig vor sich her trägt, zu wechselnder Schuhmode (momentan müssen es klobige Air Max 95 oder 97 sein, die Nike in einem kapita­lis­ti­schen Husarenstreich wieder als neuen heißen Scheiß auf den Markt gebracht hat, für 180 Euro).

Vesterbro ist unauf­ge­regt hübsch. Hilfsbereite Menschen bevöl­kern hygge­lige Gassen. Sie tragen todschicke, sauteure Klamotten und wollen trotzdem keine neidi­schen Blicke, zumin­dest würden sie das nie zugeben. Diese Mentalität ist vielleicht nur möglich durch üppigen und fair verteilten Wohlstand, durch das nötige Kleingeld, das in der Stadt des Arne Jacobsen überall verlo­ckende Verwendung findet. Mein profanes Bedürfnis am ersten Tag in Kopenhagen: Hier will ich schöne Dinge kaufen.

IV. Die Orientierung

Kopenhagen ist sehr übersicht­lich, die Wege sind kurz. Nach Vesterbro mit seinen Flanierstraßen Istedgade und Vesterbrogade kann man vom Hauptbahnhof aus laufen. Das Rotlichtviertel stellt, wie gesagt, kein Hindernis dar. Im südli­chen Vesterbro liegt das Meatpacking District, quasi eine Miniaturausgabe des gleich­na­migen New Yorker Stadtteils, und auch hier waren früher Schlachthöfe unter­ge­bracht. Dann kamen die unver­meid­li­chen Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien.

Der Reisende findet in Vesterbro alles, was er braucht: tagsüber guten Kaffee (bei Bang & Jensen, Café Dyrehaven oder Enghave Kaffe) und gutes Essen (bei Juicy Burger, Warpigs oder FAMO), abends gute Drinks (im Brass Monkey, NOHO oder 1656), nachts gute Musik (je nach Geschmack im Jolene, Bakken, KB18 oder KB3). Mit diesen Empfehlungen kommt man locker durch ein langes Wochenende und hat dann noch nicht Nørrebro im Nordwesten der Stadt gesehen, das andere bekannte Hipster-Viertel.

Was erklärt dieses Wort noch? Eigentlich nichts. In ihrem kleinen Laden im Meatpacking District treffe ich die Modedesignern Maxjenny Forslund. Sie sagt über Vesterbro: »Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand hier trägt Socken, aber alle haben coole Fahrräder.« Eine humor­voll gemeinte Überspitzung und doch falsch, weil der Hipster sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Distinktion stets eine neue Mode erfor­dert. Der Hipster ohne Socken ist nur ein Klischee, wie Latte-Macchiatto-Mutter und Segelschuh-Snob.

V. Der Sehnsuchtsort

Woran erkennt man auf Reisen einen Sehnsuchtsort? Vielleicht daran, dass man ihn immer wieder aufsucht, nicht von ihm lassen kann. Mir erging es so mit einem Einrichtungsgeschäft auf der Istedgade: DANSKmadeforrooms.* Und das lag an der eingangs erwähnten Lampe: die »Lektor Desk« der schwe­di­schen Manufaktur Rubn. Mattgold und schwarz, schlichtes skandi­na­vi­sches Design, zu einem Preis von 3498 Kronen. Das sind rund 500 Euro – für eine Tischlampe.

Die Ironie der Geschichte des skandi­na­vi­schen Stils liegt in dem Bedeutungswandel, den die Designobjekte erfahren haben: Möbelklassiker, die heute das Konto bluten lassen, waren ursprüng­lich überhaupt nicht teuer. Das hatte mit dem Aufbau des Sozialstaates nach dem Krieg zu tun. Jeder Mensch im Land sollte gutes Design haben. Und so haben damals viele Möbelmacher kostenlos für große Supermarktketten Stücke entworfen: Massenproduktion und billiger Verkauf. Erst viel später wurden die Möbel dann zu Design-Ikonen.

Ich stehe nun also vor dieser Lampe für 500 Euro und bin ganz begeis­tert. Ich überlege tatsäch­lich, sie zu kaufen. Das ist doch kompletter Wahnsinn. Ich habe zu Hause eine Tischlampe, ich brauche keine Tischlampe, ja habe ich denn vollkommen die Maßstäbe verloren? Doch die Lampe ist einfach schön. Bestechend schön, wie mir scheint. Ihre schlichte Form, die hochwer­tige Verarbeitung – sie strahlt die ganze klare Eleganz Skandinaviens aus, die ich ohnehin so liebe. Ich will sie haben, ich muss sie haben.

© DANSKmadeforrooms

VI. Das Gefühl beim Abschied

Die Lampe hat mich eupho­ri­siert, doch das Gefühl beim Abschied ist: Scham. Was ich mit 500 Euro alles tun könnte! Zum Beispiel drei Wochen durch Sri Lanka reisen, und alle Ausgaben wären gedeckt. Und jetzt will ich mir eine Lampe zum Preis eines Fernfluges auf den Tisch stellen. Und diese dann betrachten und denken – echt schön?

In der post-materia­lis­ti­schen Filterblase der Reise-Community ist ein solcher Kauf kaum zu entschul­digen. »Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge«, rufen sie dir aus den Weiten ihrer Blogs zu, bevor sie ihre Jobs kündigen und Wohnungen aufgeben, alle Möbel verkaufen und losziehen. Und sie haben ja Recht. Wie schrieb Boris Pofalla einmal in einer klugen Gegenwartsanalyse in der FAZ: »Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausrei­chender Menge und Qualität zusam­men­trägt, erodiert gerade.« Der Schein der schönen Dinge verblasst.

Das bringt mich zu dem, was eine gute Freundin mir neulich schrieb, als es um etwas Alltägliches und dann kurz um alles ging. Die ewigen, großen Fragen – das seien doch: Geht Liebe? Und was machen wir, bis wir sterben? Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Konsumgüter als Ersatzbefriedigung, das ist doch ein längst entzau­berter Irrglaube.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mich der Anblick einer formschönen Uhr an meinem Handgelenk aus ästhe­ti­schen Gründen erfreut. So ist es auch bei der Lampe. Nichts ist falsch daran, Konsumgüter schön zu finden. Ob man sie auch besitzen muss, ist eine andere Frage. Warum eigent­lich?

Vermutlich liegt es oft daran, dass guter Geschmack als Ausweis einer inter­es­santen Persönlichkeit wahrge­nommen werden will. Da ist mir der dänische Ansatz lieber: Gutes Design ist in erster Linie gutes Design – und im besten Fall soll es jeder besitzen können. Heute sind die Lampen und Stühle aber nun doch sehr teuer, und vielleicht sollte man Skandinavien auch nicht zu sehr ideali­sieren. Ich habe die Lampe nicht gekauft.

*Der Autor hat weder Geld noch Sachwerte für die Verlinkung bekommen.


Kommentare

  1. Avatar von Norah

    Was für eine schöne Lampe! Die hätte bestimmt toll ausge­sehen auf deinem Schreibtisch. Tja… 😉

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