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Wieso nicht auch mal die wenig befahrene Straße trampen?

Ich stehe mit dem Hol­län­der an der Rezep­tion und unter­halte mich mit ihm über meine Route. Wir waren zwei Ahnungs­lose, die aber beide eine Mei­nung hat­ten. „Ja, nor­ma­ler­weise fährt man eine andere Route. Deine Strasse geht mit­ten durch die länd­li­che Gegend.“ „Da ist wahr­schein­lich wenig Ver­kehr.“ „Ja, aber ist bestimmt schön da.“ Schön wars. War viel­leicht auch gut, dass ich nicht wusste, was da auf mich zukommt.

Route klar. Ich laufe los. Kaufe mir hier und da noch Klei­nig­kei­ten zu Essen. Selbst in Städ­ten ver­zichte ich mitt­ler­weile kom­plett auf den Bezahl­ver­kerhr. Inner­halb von 30–60 Minu­ten bin ich noch aus jedem Stadt­zen­trum in eine tramp­bare Gegend gekom­men. Auf der Strasse Rich­tung Flug­ha­fen trampe ich also los. Unzäh­lige Taxis fah­ren an mir vor­bei. Mein ers­ter Lift sollte ein VW-Käfer sein. Sau­ber restau­riert. Net­ter Kerl, Lift bis zum Flug­ha­fen. Dort hatte ich dann einen Klein­last­wa­gen, der mich bis zur Strasse nach Ravelo gebracht hat. Per­fekt. Stadt hin­ter mir. Gesuchte Strasse vor mir.

Ich hätte schon etwas miss­trau­isch wer­den sol­len an der Kreu­zung. Links abbie­gend von der Haupt­strasse folgte eine kleine Strasse, die durch den Stras­sen­gra­ben zu pas­sie­ren war und mehr aus­sah, wie eine Ein­fahrt zu einem ille­ga­len Haus. Sicher­heits­hal­ber noch­mal eine Frau am Weges­rand gefragt, ob dies der Weg nach Ravelo ist. „Si. Si.“ und dann meinte sie noch irgend­was von mehr Ver­kehr wei­ter hin­ten oder so. Da war ich aber schon auf dem Weg.

Die Haupt­kreu­zung war kom­plett gesperrt, wie ich nach eini­gen Metern sah und diese Staub­piste anschei­nend die ille­gale Umge­hung. Hab mir nichts dabei gedacht und bin los­ge­lau­fen. Erst­mal war da kein Ver­kehr. Nach eini­ger Zeit kam ein Motor­rad, mit dem ich mei­nen ers­ten Lift hatte. Nach einer vier­tel Stunde folgte ein Klein­last­wa­gen der mich 20 Minu­ten wei­ter brachte. Er fuhr in ein klei­nes Kaff was fernab der Haupt­strasse lag und laut KLarte nur durch eine sehr „kleine“ Strasse zu errei­chen war. Ich hatte so eine böse Ahnung, dass ich genau auf die­ser Strasse gelan­det bin.

Straße Bolivien

Erst­mal wie­der lau­fen. Schön hier. Nach 27 Minu­ten kriege ich einen Mit­leids­lift mit einem Taxi für 2km. Ich laufe wei­ter und komme zu einer Brü­cke, die gerade gebaut wird. Alter­na­tiv­weg führt durch den Fluss. So sollte es die nächs­ten Tage öfter sein. Berg hoch, Berg ab, durch Fluss und wie­der Berg hoch. Berg hoch musste ich eben­falls lau­fen, nach­dem ich die Bau­stelle pas­siert hatte. Und dann kam erstmal.…nichts. Nach einer Stunde der nächste Mit­leids­lift mit einem Zement LKW für wei­tere 2 km. Ich durfte außen am LKW ste­hen, direkt neben dem Trich­ter, wo der Zement ein­ge­füllt wird. Sah mich da schon rein­fal­len, wie die Hexe in den Ofen bei Hän­sel & Gre­tel. Die Aus­sicht war aller­dings prächtig.

Gut gelaunt lief ich anschlie­ßend wei­ter ent­lang der Straße. Ver­kehr Man­gel­ware. Ein Kran­ken­wa­gen kommt ange­braust, ich halte meine Hand raus und er stoppt. Yeah, mein erste Kran­ken­wa­gen­lift. Ich durfte hin­ten rein, wo sonst die Pati­en­ten sind. Da war eine Bank, eine Prit­sche und sonst nichts. Sim­pel aus­ge­stat­tet. Fuhr bis zu einem Kaff kurz vor Ravello. Ich lief wie­der wei­ter auf der schö­nen geteer­ten Strasse und so lang­sam machte sich der Ver­dacht breit, dass ich viel­leicht doch die ganze Zeit auf der Haupt­ver­kehrs­strasse bin und da ein­fach kein Ver­kehr ist. So wars wohl auch. Das erste Auto was kam, nahm mich nach Ravelo mit.

Da war ich nun am ers­ten Check­point. Die Sonne war schon am unter­ge­hen. Immer­hin die ers­ten 50km geschafft nach sie­ben Stun­den. Nur noch 850km vor mir. Ich ahnte schon, dass ich das wohl nicht an einem Tag machen werde. Hin­ter Ravelo hörte dann auch die geteerte Strasse auf und es folgte Staub­piste. Mit Stei­nen. Und Flüs­sen. Ab und zu Lamas oder Schaf­her­den. Boli­via­ni­sches Hochland.

Im Son­nen­un­ter­gang winkte ich den ers­ten Last­wa­gen raus. Schnell auf die Lade­flä­che geklet­tert. Dort war reger Betrieb. Acht Leute und ein Schwein (schwarz und bors­tig). Hallo. Die Sau schnup­perte sofort inter­es­siert an mei­nem Schuh. Sie war am Hin­ter­bein in der Ecke fest­ge­bun­den. Der Rest der Rei­se­ge­sell­schaft befand sich am ande­ren Ende der Lade­flä­che. Freund­li­che ver­su­che der Schwei­nes Kon­takt mit den ande­ren auf­zu­neh­men, wur­den mit Schlä­gen auf den Kopf quit­tiert. Das gefiel ihr gar­nicht und frus­triert schmiss sie immer wie­der Schau­feln oder Stahl­trä­ger mit ihrer Schnautze hin und her. Unter ande­rem gegen mein Bein.

Schwein transport

Es wurde dun­kel. Irgend­wie schaffte es das Schwein, sich aus sei­ner Gefan­gen­schaft zu lösen und erwei­terte ihren Bewe­gungs­ra­dius auf die gesamte Lade­flä­che. Sehr zu mei­ner Belus­ti­gung und zum Ärger der Ande­ren. Immer wie­der Kon­takt­ge­su­che, immer wie­der Zurück­wei­sung. Armes Schwein. Nach­dem wir die meis­ten Leute aus­ge­la­den hat­ten, war ich alleine mit einem Pär­chen, wel­ches sich unter einer Decke in der Ecke der Lade­flä­che kuschelte und: Dem Schwein. Das Schwein kam immer wie­der schnup­pernd, grun­zend und zuneh­mend pene­trant Rich­tung Decke und der Kol­lege unter der Decke war nicht sehr geschickt im abwei­sen. Über uns war glas­kla­rer Ster­nen­him­mel und Sichel­mond. Wie roman­tisch. Die Lie­ben­den, das Schwein und die­ses Panorama.

Nach zwei Stun­den wacke­li­ger Fahrt war Ende. „Otro lado.“, andere Rich­tung. Der Fah­rer fragte mich nach Geld. Ver­stehe, war wohl so etwas wie ein local Taxi. Ich gab ihm umge­rech­net 1,10€. Ich trampe zwar, das ist umsonst, aber ich will auch nicht unhöf­lich sein. Da an dem Tag so ziem­lich alles ange­hal­ten hatte, was an mir vor­bei­ge­fah­ren ist, war ich recht zuver­sicht­lich in der Dun­kel­heit wei­ter zu kom­men. Es war auch erst gegen acht. Also lief ich wei­ter ins nächste Dorf. Am Orts­ende machte ich die erste Pause. Ich war irgendwo zwi­schen 3500 und 4000 Metern und der sachte Auf­stieg machte mir zu schaf­fen. Ich sah ein Auto den zurück­lie­gen­den Berg run­ter­kom­men. Mein nächs­ter Lift. Sollte in 10 Minu­ten an mei­ner Posi­tion sein.

Ich war bereit wei­ter­zu­fah­ren. Auto kommt um die Kurve, Hand­zei­chen und.….es fährt vor­bei. Was war da los. Seit dem Taxi-Lift zur kaput­ten Brü­cke ist kein Auto mehr an mir vor­bei­ge­fah­ren. Ich dachte hier hält alles an? Ich war ent­was ent­täuscht und lief wei­ter. Lau­fen, hin­set­zen, Sterne schauen, laufen…usw. Meine Nacht­be­schäf­ti­gung. Ein zwei­tes Auto kam…auch das hielt nicht an. Ein Drit­tes hält zwar, aber nimmt mich nicht mit. Das war dann auch schon der ganze Ver­kehr, der letz­ten 3,5 Stun­den. 3,5 Stun­den schon am lau­fen. Es wird lang­sam kalt und ich weiss genau, diese Nacht lohnt sich nicht zum tram­pen. Ich war mit­ler­weile sicher über 4000m und es wurde kalt.

Hin­ter mir waren ein paar Lehm­hüt­ten von boli­via­ni­schen Bau­ern. Eine Taschen­lampe leuch­tet auf. Meine Chance. Ich leuchte zurück. Keine Reak­tion. Ich leuchte pene­trant zurück. Nada. Das ist meine ein­zige Chance heute noch zu schla­fen (ohne einen Men­schen auf­zu­we­cken, was mir maxi­mal unan­ge­nehm gewe­sen wäre). Also laufe ich los rich­tung Haus. Ich nähere mich vor­sich­tig. Keine Lebens­zei­chen. Ver­su­che zu erah­nen, wo der Ein­gang ist.

Plötz­lich bewegt sich etwas. Der boli­via­ni­sche Bauer traut sich aus sei­nem Schüt­zen­gra­ben und kommt auf mich zuge­stapft. Er hatte sich vor sein Haus auf die Lauer gelegt und mich die ganze Zeit aus einem klei­nen Gra­ben beob­ach­tet. Sei­nen etwas agres­siv-ver­tei­di­gend wir­ken­den Auf­tritt lächelte ich gekonnt weg. Der Bauer hatte die Backen vol­ler Koka, seine Zähne schim­mer­ten bedroh­lich schwarz und er war unge­fähr zwei Köpfe klei­ner als ich. Er redete mit mir, ich ver­stand kein Wort, erklärte ihm, dass ich nicht draus­sen schla­fen kann und ob er etwas Platz hat…er verstand…Vamos.

Er wohnte mit sei­ner Fami­lie in fens­ter­lo­sen Lehm­hüt­ten. Die Fami­lie sollte auch sogleich kol­lek­tiv auf­ge­weckt wer­den. Ich ver­stand nicht so recht warum. Aber er stand mit­ten im Schlaf­raum und brüllt sei­nen Sohn an. Der zeigte sich äus­serst resis­tent und schlief ein­fach wei­ter. Bauer schreit wei­ter, ich ver­su­che zu schlich­ten und erkläre ihm, dass ich nur einen klei­nen Platz auf dem Boden brau­che. Dachte der schmeißt sei­nen Sohn aus dem Bett und ich solle dann darin schlafen.

Nach wei­te­ren Ver­su­chen des auf­we­ckens, bewe­gen wir uns in den Neben­raum. Dort steht noch ein zuge­rüm­pel­tes Bett. Per­fekt. Ich räume eine Seite frei und kriege noch ein paar Decken für mei­nen dün­nen Schlaf­sack. Ich hatte eine Fla­sche Was­ser dabei. Irgend­wie wurde ich oft auf das Was­ser ange­spro­chen und ver­stand nie warum. Auch hier, dies­mal fragte er mich, ob er einen Schluck haben kann. Klar, kann ich nicht abschla­gen. Als ich danach an der Fla­sche nippe, wer­den meine Lip­pen sofort taub. Er hatte auf jeden­fall ne ordent­lich Spur Koka hinterlassen.

Als ich schon halb im Schlaf­sack liege, kommt mein boli­via­ni­scher Bau­ers­freund noch­mal zum Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­such vor­bei, schob mei­nen Schlaf­sack zur Seite und setzte sich in väter­li­cher Art auf mein Bett. Ich ver­stand nicht so rich­tig was er wollte. Doku­mente, Sicher­heit, er gab mir sei­nen Pass, ich rückte mei­nen Füh­rer­schein raus. Ich wusste nicht so ganz was los war und behielt mei­nen Rei­se­pass lie­ber für mich. Aber er wollte den Füh­rer­schein nur sei­nem Sohn zei­gen. Hab nicht so rich­tig ver­stan­den wieso. Wahr­schein­lich um noch­mal einen Grund zu haben, den Sohne zu wecken. Dann war aber Schla­fens­zeit in mei­ner fens­ter­lo­sen Lehmhütte.

So ganz getraut habe ich der gan­zen Situa­tion nicht. Die ers­ten Ein­drü­cke aus der Situa­tion mit dem Gra­ben vor dem Haus waren zu sehr prä­sent. Die Koka­ba­cke, die schwar­zen Zähne und der miss­traui­sche Mann.

Traum 1: Ich wache auf in mei­nem Bett irgendwo in Deutsch­land. Freunde kom­men zu mir und Fra­gen mich, was ich hier mache. Ich habe mei­nen Tram­pe­r­an­zug an. Aber wo ist mein Ruck­sack? Fuck, mein Ruck­sack? Diese boli­via­ni­sche Bau­ers­fa­mi­lie muss mich mit einem Trans­por­ter in die­sen Park gebracht haben und hat mei­nen Ruck­sack geklaut! Wir begin­nen umge­hend mit der Suche.

Traum 2: Ich sitze in mei­nem Lehm­hüt­ten­zim­mer und spiele Com­pu­ter. Auf mei­nem Bett turnt ein klei­nes, schwar­zes und bors­ti­ges Schwein herum. Es ist ziem­lich frech und ärgert mich, wo es nur kann.

Zum Mor­gen­grauen öff­net sich die Tür. Der Bauer kommt rein und steckt sein Handy in die Steck­dose. Es ist hell, aber noch keine Sonne da. Die käl­teste Zeit des Tages. Ich beschließe noch etwas in mei­nem Schlaf­sack zu blei­ben. Das Handy ist alt und ich werde gefragt, ob ich etwas auf dem kaput­ten Dis­play sehe. Meine tech­nisch ver­sier­ten Augen stel­len wohl das­selbe fest, wie der Bau­ers­mann. Näm­lich das dort nichts zu sehen ist.

Nach einer Zeit schaut er mal wie­der rein und lässt die Tür offen ste­hen. Wohl ein Zei­chen, dass es nun an der Zeit ist zu gehen. Ich lerne noch alle drei Kin­der ken­nen, die Frau hängt wäsche auf. Früh­stück brauch ich keins. Laufe los und mein neuer Freund beglei­tet mich noch ein Stück. Ein fri­scher Mor­gen im boli­via­ni­schen Hoch­land. Die Sonne ist gerade auf­ge­gan­gen, auf der Straße sind die ers­ten Men­schen. Es war ein schö­ner Morgenspaziergang.

Bauer Hochland

Ver­kehr gibt’s auch, aller­dings nur in die fal­sche Rich­tung. Ein paar Last­wa­gen, einer davon rauscht so schnell an mir vor­bei, dass ich mich vor der ankom­men­den Staub­wolke ver­ste­cken muss. Unmög­lich schnell. Im ers­ten Dorf schei­nen sich die Nach­barn ver­sam­melt zu haben. Ach wie schön, denke ich. Sowas gibt’s in Deutsch­land ja nicht mehr. Alle ste­hen zusam­men auf der Straße und reden. Ich nähere mich. „Bue­nes dias.“ „Bue­nes dias.“ „GRINGO!“, brüllt eine der Nach­ba­rin­nen, als sie gerade aus dem Haus kommt. Hände wer­den geschüt­telt. Auf der Straße lie­gen zwei Hüh­ner. Jetzt merke ich erst, dass die wohl gerade unter die Räder gekom­men sind und die Nach­bar­schaft berat­schlagt, was zu tun ist. Ob ich nicht ein Huhn wollte, ich bin doch Gringo und habe Geld. Ne, danke.

Ich laufe ins Dorf, kaufe dort ein Brot mit fri­tier­ten Kar­tof­feln und Spie­gelei. Gutes Früh­stück für 40 Cent. Der erste LKW der kommt hält an. Viva Boli­via. Bis nach Oruri, der zwei­ten von vier Städ­ten auf mei­nem Weg. Da ist auch reger Betrieb. Die Land­schaft ist wun­der­schön. Ich laufe wie­der los. Nach eini­g­er­zeit stoppe ich das erste Gefährt, was vor­bei­kommt. Ein Bag­ger. Mein ers­ter Bag­ger­lift. 25 Minu­ten stehe ich an der Seite und wir fah­ren durch das hüge­lige Hochland.

Danach hält wie­der der erste Truck an. Hin­ten drauf ne Menge Zie­geln, eine Tonne mit unge­wis­sem Inhalt und 3 ande­ren Kol­le­gas. Wir stop­pen an einer Bau­stelle. Fah­rer steigt aus und geht mit dem Bau­lei­ter. Anschei­nend soll es hier erst in zwei Stun­den wei­ter­ge­hen. Da sind anschei­nend 5 wirk­lich große Bag­ger und Rau­pen am Werk und schie­ben den Berg weg. Boli­via­ni­sche Stra­ßen sind sowieso für den nächs­ten Erd­rutsch gebaut. Irgend­wie geht’s dann aber doch nach 10 Minu­ten wei­ter. Danach habe ich noch einen 1.Auto/LKW Lift und komme bis nach Macha.

Zeit zum Mit­tag­essen. Auf dem Weg aus der Stadt gerate ich in eine Feier. Drei fröh­li­che Gita­riss­ten for­dern mich zum tan­zen auf. Rings­herum sit­zen alte Leute mit Fäs­sern vol­ler selbst­ge­mach­tem Alko­hol und freuen sich über den tan­zen­den Gringo und das Spek­ta­kel. Danach ging alles ganz schnell. Ich kriege einen Becher Bier gereicht. Trinke das. Danach einen Becher Tumba (irgend­eine ver­go­rene Frucht) und als ich das am trin­ken war, stand auch schon der nächste mit sei­nem selbst­ge­mach­ten Wein parat. Alko­hol­mix zum Mit­tag. In der ande­ren Hand hatte ich noch mein Alfa­jor, was ich noch nicht ganz auf­ge­ges­sen hatte. Nach der klei­nen Fiesta war ich etwas ange­schwippst und lief wei­ter meine Straße ent­lang. Ein Pick-Up hält. Zum fünf­ten mal hin­ter­ein­an­der, dass mich das erste vor­bei­kom­mende Auto mit­nimmt. Ich liebe diese Gegend!

Ein LKW ließ mich ste­hen, meine Gewinn­strähne ward vor­über. Ein paar Käf­fer wei­ter lan­dete ich auf der Lade­flä­che eines Gemüse-LKW´s. Kopf­schmer­zen von der Höhe, dem Alko­hol und dem stän­di­gen hin und her­ge­wor­fen wer­den. Der Fah­rer fuhr wie die Hölle. Die Land­schaft wan­delte sich vom Hoch­land, zur Schlucht und wir kamen zu ers­ten bebau­ten Stra­ßen­ab­schnit­ten seit 1,5 Tagen. Zivi­li­sa­tion. Viel­leicht schaffe ich doch die erste Etappe nach Oruro, wo sich die große Auto­bahn nach La Paz anschließt.

Bergstraße Bolivien

Ich lifte mit einem Bau­stel­len Pick-Up. Die Jungs sind gut drauf, die Lade­flä­che ist total ölver­schmiert. Ich ver­saue mir erst­mal mein Hosen­bein. Bein Ruck­sack wird sich schön voll­schmie­ren mit den öli­gen Dreck­klum­pen. Defi­ni­tiv eine Num­mer schlim­mer als der stän­dige Staub und die sons­ti­gen Lade­flä­chen­über­ra­schun­gen. Wir fah­ren end­lich auf geteer­ter Straße, oder bes­ser gesagt auf einer 50km lan­gen Bau­stelle, die eine schöne neue Straße durch die Schlucht pflügt. Die Jungs schei­nen auch jeden zu ken­nen. Leute in eror­bi­tant gro­ßen Bag­gern grü­ßen uns. Ein­mal hal­ten wir an, weil eine Raupe ziem­lich viel Öl aus ihren hydrau­li­schen Gelen­ken ver­liert. Kur­zer Small­talk, ein ver­zwei­fel­ter Hil­fe­ge­such, die Jungs lachen und fah­ren weiter.

Gegen 18:25 Uhr lande ich in einer klei­nen Berg­ar­bei­ter­stadt vor Oruro. Die Stadt sieht aus wie eine ein­zig rie­sige Stahl­hütte. Wie gemacht von klei­nen Zwer­gen, die Tag­ein Tag­aus im Berg arbei­ten, oder irgend­wel­che Metalle gies­sen. Von den Minen­schäch­ten erstre­cken sich Well­blech­dä­cher bis zu Fluß hinab. Was genau dar­un­ter pas­siert bleibt zu erah­nen. Sah aber nach Berg­bau aus. Dazwi­schen einige Häu­ser. Alles grau und ver­staubt. Viel­leicht lag es am Son­nen­un­ter­gang, aber der Ort hatte eine beson­dere Magie.

Es war dun­kel. Es wurde kalt. Ich hatte Kopf­schmer­zen und war müde. „Zeit für einen Bus.“, flüs­terte die Ver­nunft. Aber so kurz vor dem Ziel auf­ge­ben war doch irgend­wie nicht Sinn der Sache. Ich werde lang­sam weich. Aber das heißt ja nicht, dass ich jedem Impuls nach­ge­ben muss. Nacht­tram­pen also. Ich pos­tierte mich instink­tiv hin­ter die Tank­stelle am Orts­ende und war­tete an der Aus­fahrt auf Autos, die gerade los­fah­ren. Das funk­tio­nierte. Nach 5–10 Minu­ten kam das erste Auto von der Tank­stelle in meine Rich­tung und lud mich ein. Lift nach Oruro. Geschafft. Hotel und Essen als Belohnung.

Auf dem Weg hiel­ten wir noch an einer Poli­zei­kon­trolle und luden drei Jungs tram­pende Jungs ein. Keine Chance zum abwei­sen. Die schauen ins Auto, fra­gen wohin und schwups waren sie drin. Am Bahn­hof in Oruro haben sie mei­nem Fah­rer dann jeweils 60 Cent gege­ben. Als sie raus waren, hab ich gefragt wie­viel er möchte. Er meinte es sei okay, hat mir noch ein paar bil­lige Hotels emp­foh­len und mich verabschiedet.

Ange­kom­men. End­lich Zeit zum ent­span­nen. Hotel Ein­zel­zim­mer für 3,50€, Abend­essen für 1,10€ (mit Suppe) und eine heiße Dusche, die ich ca. 30 Minu­ten bean­sprucht habe und wäh­rend­des­sen meine ver­staub­ten Sachen gewa­schen habe. Zeit zum Schla­fen. Am nächs­ten Tag sollte es wei­ter gehen Rich­tung Coroico, der Stadt am Anfang der Death Road. Google Maps emp­fiehlt die süd­li­che Route über La Paz zu fah­ren. Ich wollte aller­dings von Nor­den kom­men und nach Süden wei­ter­fah­ren. Über die klei­nen Stra­ßen, anstatt über die Auto­bahn. Naja. Kann ja nicht schlim­mer wer­den, als die 300km hin­ter mir. Ich war immer­noch ein Ahnungsloser.…

Cate­go­riesBoli­vien
Stefan Korn

Stefan ist Vollblut-Tramper und treibt diese Art der Fortbewegung zur Perfektion. Seine Road Trips gehen meist mehrere tausend Kilometer weit, bis er mal anhält, um sich auszuruhen. Das Leben auf der Straße fasziniert ihn. Hier ist er zu Hause. Die Zufälligkeit und Intimität der Begegnungen ist, was ihn beim Trampen fasziniert. Und die grenzenlose Mobilität. Er zog los, um einmal um die Welt zu trampen.

  1. Chris says:

    Du beschreibst das alles so ver­dammt packend! Sogar das arme Schwein hast du wit­zig unter­ge­bracht. Ich würde gern von dei­nen Tramp Skills ler­nen! Bei dir liest sich das so easy aber in der Rea­li­tät kann man manch­mal ver­zwei­feln. Wahr­schein­lich ist der beste Weg es ein­fach durch­zu­zie­hen, so wie du es tust!

    1. Stefan says:

      Hey Chris,

      Also manch­mal ist es wirk­lich nicht leicht auf der Strasse, aber da ich ja schon genug posi­tive erfah­run­gen gesam­melt, um sou­ver­aen durch diese Tae­ler zu gehen und auf die naechste Ueber­ra­schung zu warten. :)

      Gru­esse aus China,

      Ste­fan

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