WELTHERZ

Freedom from Fear

Yangon. Der donnernde Nachtregen ist schon da, als ich im Taxi auf der Rückbank Platz nehme. Das Beifahrerpolster ist zerschlissen, die nackten Spiralfedern springen jetzt im Takt der löchrigen Straße auf und ab. Der warme Regen fällt und fällt und auf dem Asphalt und in den Pfützen spiegeln sich die Nachtlichter.

Ein geplündertes Vehikel offenbarte sich beim Einstieg: keine Türverkleidungen, keine Armaturen, kein Gurt, kein Griff, kein Knopf, kein Knauf, die hinteren Fensterscheiben fehlen, die Handkurbeln wie rausgerupft. Ist dieses Taxi Allegorie für ein verwittertes Land? Innenlandschaft und Außenwelt. Was erwarte ich eigentlich? Ein Pjöngjang mit Palmen?

 

 

Mein Blick in den Rückspiegel des Wagens ist gleich ein tiefer Blick in Burma hinein. Von vorn schauen mich Augen an, so strahlend, so herzlich – ich muss in ihnen hängen bleiben. Wunderschön, die Züge des Gesichts, die goldbraune Haut des Fahrers. Dann deutet er mit ausgestrecktem Arm nach rechts, aus dem Fenster hinaus – dabei hätte es dessen gar nicht bedurft. Sehen kann ich das Land in seinen Augen. Die Blattgoldpatina der Shwedagon strahlt über alles hinweg und jedes hindurch. Hinter der Pagode taucht ein zartschöner Mond auf und ich wundere mich, wie bei diesem dichten Regen ein Mond zu erkennen ist.

Das »Beautyland Hotel« heißt nachts »Beauty Hotel«, ein paar Neonröhren der Leuchtreklame wollen nicht leuchten. Von den Simskanten hängen Schlingpflanzen herab, aus den feuchten Betonwänden wuchert Unkraut. An der bunkergrauen Hauswand eine krumme Palme und blaue und gelbe und rote Satellitenschüsseln. Der Regenbeat wird verschluckt von kreischenden TV-Geräuschen.

 

 

Dann stürmen schon die lachenden Jungs von Hotelbesitzer Nay aus dem Haus. Mit aufgespannten Regenschirmen, die nun auch schon keinen Unterschied mehr machen. Von den Schirmen strömt unaufhörlich Monsunregen, der als Bach auf dem Asphalt der abschüssigen Straße weiter dahinfließt. Mit blütenweißen Hemden stehen die Jungs da, leuchtend wie die Shwedagon-Pagode, die wir kurz zuvor passiert hatten. Sie fallen freundlich über mein Gepäck her und schieben mich in die geflieste Gaststube.

Nun sitzen sie in ihren weinrot-schwarz karierten Longyis, den traditionellen Wickelröcken der Männer, und mit senfgelber Bemalung auf den Gesichtern wie auf Schulbänken aufgereiht, auf den Fernseher starrend, statt kunstvoll Papierservietten akkordzufalten. Unter der holzgetäfelten Decke hängen Ventilatoren, sie kreisen müde durch die tiefe Nacht. Aus dem Fernseher spricht eine Frau, und Nay deutet mit dem Kopf hin und plötzlich ist sein Lächeln grenzenlos: »The Lady«, sagt Nay.

Mit »der Lady«, mit ihrer Allgegenwärtigkeit, mache ich also gleich nach meiner nächtlichen Ankunft ausgiebig Bekanntschaft. An einem Tisch sitzt Emma aus Israel. Sie habe heute Aung San Suu Kyi getroffen. Emma sitzt unter dem Portrait der Friedensnobelpreisträgerin, die insgesamt fünfzehn Jahre unter Hausarrest stand. Es hängt hier, wie in fast jedem Haus in Burma, als offener, sichtbarer Liebesbeweis an der Fliesenwand.

Vor zwei Monaten war die Lady das erste Mal seit vierundzwanzig Jahren ins Ausland gereist. Ich will von Emma wissen, was das denn meine, sie habe sie getroffen. Am Tag ihrer Ankunft in Yangon gab Suu Kyi eine öffentliche Rede. Und alle warteten, unstillbar der Hunger nach einem Wort von ihr, und es schien abgemacht an diesem Julitag, dass ihre Lady nun endlich auch ihre Präsidentin werden würde. »Eine wunderbare Frau«, sagt Emma. Sie habe zart ausgesehen, mit einer Blume im Haar, und so stark.

 

 

In Burma ist die Zeit ohne die Welt vergangen. Sechs Stunden Radio hören, jeden Tag, das ist das Pensum der Lady, um mit der Welt verbunden zu bleiben. So isoliert war sie, so sehr isolierte sich Burma vom Rest der Welt seit dem Militärputsch. Das war 1962. Manchmal spricht sie selbst in der Zeit ihrer Gefangenschaft, die Gedemütigte, aber nie Ängstliche, voller Klugheit, Worte der Freiheit: »The only real prison is fear and the only real freedom is freedom from fear.« Und ob wir unserer Angst nachgeben, zum Glück, ist unsere eigene Wahl.

 

Die Lady macht Mut. Sie kämpft. Wofür? Für die Burmanesen. Für Freiheit. Seit 1962 lesen sich Nachrichten der Angst unter der Schreckensherrschaft so: Gewalt und tote Mönche beim Safran-Aufstand; willkürliche Verhaftungen von Journalisten, Schriftstellern und Studenten; Verfolgung von politischen Gegnern, Unterdrü- ckung der Meinungsfreiheit, Zwangsarbeit; Bürgerkrieg zwischen dem Militär und der Minderheit der Kachin; Terror gegen die muslimischen Rohingya, Zehntausende von ihnen werden bis heute vertrieben, vergewaltigt, getötet. Und die unzähligen Jahre Hausarrest für die Oppositionsführerin und Nobelpreisträgerin. Was also ist in Burma zu erwarten? Verzweiflung, Zerbrochenheit, Verwahrlosung? Zermürbung, Auflösung, Zerstörung? Erniedrigung, Elend, Zorn?

 

 

Weiterreise in den Norden, nach Bagan. Was man auf dem Weg sieht, strahlt golden: Pagoden und Gesichter. Und in die Gesichter sinke ich und kann nicht aufhören hinzusehen: Ein Mädchen steht mit Schirm in der Sonne, ein »dabbas«, einen Henkelmann, in der Hand; eine Frau in Flipflops und blauem Wickelrock beugt sich hinunter, wäscht neben dem Brunnen ihr langes schwarzes Haar mit einem Stück Seife; aus dem Fenster eines klapprigen bunten Busses hängt ein Mann und ruft nach Mitfahrern; ein Mann, auf der Fahrbahn, vor einem offenen Feuer stehend, rührt mit einer Kelle in einem Wok voll Öl und Teig; Männer waschen in einem Fluss eine Rikscha und einen Ochsen; der Fahrer einer Pferdekutsche schläft auf dem Rücksitz; drei Frauen sitzen um ein öffentliches Telefon herum; Mönche, barfuß, fegen die Straße; zwei Frauen im Feld, vor einem goldenen Tempel, sie haben einen Tisch und Plastikstühle aufgebaut und essen; ein junger Mann gießt versunken Wasser über den Kopf irgendeiner heiligen Statue; ein Mann läuft die regennasse Straße entlang, einen Ochsen an der Leine; ein Steinmetz sitzt mit einem Winkelschleifer vor einer weißen Buddhastatue, weißer Staub auf seinem schwarzen Haar; ein junger Mönch legt einem anderen den Arm auf die Schulter; rosa und safranrote Gewänder unter Schirmen, wie schwebend durch grüne Reisfelder; fröhliche Schulkinder mit Umhängetaschen sausen im Stehen auf viel zu großen Fahrrädern die Straßen entlang. All diese Augenpaare – sie blicken mich heiter an und lachen in meine Seele hinein.

Aus: Markus Steiner „Weltherz“, erschienen bei Malik, EUR 16,00.

Erhältlich in jedem guten Buchladen und online:

 

Markus Steiner

Es war 2011, als Markus das letzte Mal das dumpfe Klacken der Bürotür hinter sich hörte. Und beschloss Neues zu entdecken. Seitdem ist er in der Welt zu Hause. Markus schrieb 393 Reisetage auf, was er erinnerte und wie, um vom Leben zu erzählen. In seinem Blog vereint er seitdem seine Leidenschaften: Reisen und Schreiben. Markus erzählt Geschichten von unterwegs. Von den Menschen, der Schönheit der Welt und wie es sich anfühlt, in ihr zu reisen und mit ihr zu leben. Schöne Welt.

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