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Versuch’s mal mit Gemütlichkeit

Das deut­sche Wort „Gemüt­lich­keit“ fin­det nicht in allen Spra­chen eine Ent­spre­chung, wohl aber auf Dänisch: „Hygge“ heißt es, wenn ein Ort so ein­la­dend und hei­me­lig daher­kommt, dass die Vor­stel­lung, ihn wie­der ver­las­sen zu müs­sen, tief in die gedank­li­che Abstell­kam­mer ver­bannt wird. Und „Hygge“ ist es, was ich als Ers­tes ver­spüre, als mich die Fähre von Esbjerg nach nur 12 Minu­ten Fahrt aus­spuckt und sich Nordby, Fanøs 2.750 Ein­woh­ner star­ker Haupt­ort, vor mir erstreckt. Was die kleine Insel wohl so alles für mich bereithält?

Von Pup­pen­häu­sern, Schlach­tern und Hunden

Auf mich wir­ken sie wie etwas groß gera­tene Pup­pen­häu­ser, die reet­ge­deck­ten bun­ten Häus­chen aus dem 19. Jahr­hun­dert, die Nordby zie­ren. Als ech­ter deut­scher Brot­fan schlägt mein Herz höher, als ich wenige Schritte vom Fähr­an­le­ger ent­fernt die Fanø Bageri, Bäcke­rei, ent­de­cke, aus der ein Duft nach frisch Geba­cke­nem strömt.

Den Wurst­be­lag zum Brot gibt’s schräg gegen­über – bei Slak­ter Chris­ti­an­sen, einem der bes­ten Schlach­ter Däne­marks, wie ich wenig spä­ter von Lone Sigaard erfahre.

Lone und ihr Mann Gorm ver­mie­ten neben ihrem eige­nen Haus in den Gas­sen eine win­zige Haus­hälfte an Gäste – meine eigene Pup­pen­stube mit Ter­rasse, klei­ner Küche und einer stei­len Treppe zum aus­ge­bau­ten Dach­bo­den. Sollte der Wind auf der Fähre noch nicht allen Stress von mir gebla­sen haben, so fällt der Rest ab, als ich das Häus­chen des Galea­sen B&B betrete. Wer braucht einen 5‑S­terne-Schup­pen, wenn er „Hygge“ satt bekommt?

Nordby rühmt sich damit, dass seine Alt­stadt seit 1820 unver­än­dert ist – ein Gas­sen­la­by­rinth, von denen die soge­nann­ten „slippe“ in Rich­tung Wat­ten­meer füh­ren. Eins der ältes­ten Gebäude ist das 300 Jahre alte Fanø Museum, das erzählt, wie es sich vor etwa 200 Jah­ren auf Fanø lebte. Fast möchte ich nicht glau­ben, dass die Insel einst eine Groß­macht der Segel­schiff­fahrt war und der Schiff­bau auf Fanø 1850 sei­nen Höhe­punkt erreichte. Die Insu­la­ner bra­chen in die Welt auf und erar­bei­te­ten sich Reich­tum, der die Exis­tenz der schmu­cken Kapi­täns­vil­len erklärt. Und auch die bei­den weh­mü­tig drein­schau­en­den Por­zel­lan­hunde, die in fast jeden Fens­ter­sims schmü­cken: Zwi­schen 1860 und 1900 war es für däni­sche See­fah­rer ein Muss, ihren Frauen diese Figu­ren aus Eng­land mit­zu­brin­gen, die Treue und Gebor­gen­heit sym­bo­li­sier­ten. Stach der Mann in See, schaute ihm das Hun­de­paar nach, kehrte er zurück, rich­te­ten die Hunde den Blick nach innen auf die wie­der­ver­ein­ten Geliebten.

Selbst in der Hove­d­ga­den, der Haupt­straße, ent­de­cke ich in den Fens­tern viele Hun­de­pär­chen. Doch haupt­säch­lich rei­hen sich dort kleine Geschäfte, Bou­ti­quen, Cafés und Restau­rants anein­an­der, eine Crè­pe­rie wirbt mit Crè­pes mit Schin­ken von Schlach­ter Chris­ti­an­sen. Als Nach­tisch gibt es im Fanø Vaf­fel & Bols­je­hus neben Waf­feln auch typisch däni­sches Soft­eis mit Top­pings nach Wahl. Und wie las­sen sich die gesam­mel­ten Kalo­rien wie­der abtrai­nie­ren? Bei einer Fahr­rad­tour über die Insel, denn das beste Trans­port­mit­tel auf Fanø ist der Draht­esel – bei mir der von Lone, in den meis­ten Fäl­len ein Leih­fahr­rad vom Fahr­rad­la­den in Nordby.

Luft unter den Flügeln

Schon beim ers­ten Spa­zier­gang durch Nordby fal­len sie ins Auge: blaue Schil­der mit wei­ßem Fahr­rad dar­auf, dazu die Zahl 404 und das Wort ‚Pan­ora­ma­rute‘. „Die Stre­cke besteht aus 26 Kilo­me­tern und ist eine von 25 däni­schen Pan­ora­ma­ru­ten in Küs­ten­nähe“, erklärt Poul Ther­kel­sen bei der Tou­ris­ten­in­for­ma­tion. Sie sei Teil des Pro­jekts „Powe­red by cycling: Pan­orama“, geför­dert vom Regio­nal­fond der EU. „Luft unter den Flü­geln, der Duft des Mee­res, Leben und unbe­schwerte Tage, sowie der unwi­der­steh­li­che Charme von den Städ­ten Son­derhø und Nordby bewir­ken, dass sich Gedan­ken dar­über, wie das Leben eigent­lich gelebt wer­den sollte, unter­wegs auf die­ser bezau­bern­den Rad­tour wie­der­holt in das Bewusst­sein drän­gen“, steht auf dem Zet­tel, der die Route und ihre High­lights beschreibt.

Die Tour star­tet beim Wahr­zei­chen des Hafens – zwei trau­rig drein­schau­en­den Hun­den auf einem Sockel. Sie führt vor­bei an einer Sand­bank, wo sich neben Schif­fen und wenige Meter vor der Ufer­pro­me­nade Rob­ben in der Sonne rekeln. Unge­stört vom mensch­li­chen Publi­kum genie­ßen sie ihr Mini-Para­dies und ich bilde mir ein, ein Grin­sen auf man­chem Rob­ben­ge­sicht zu erkennen.

Kurz nach dem alten Segel­schiff Rebekka lasse ich Nordby hin­ter mir und bald auch die Haupt­straße in Rich­tung Son­derhø, dem süd­lichs­ten Ort der Insel. Statt nach Süden fahre ich nach Osten, hin­ein in die Land­schaft, zwi­schen Büschen und Wäl­dern, wo es keine Autos mehr gibt, dafür aber Bie­nen­körbe, kleine Seen und jede Menge Vögel. Wenn das Schild „Klit­plan­tage“ erscheint, ist man ange­kom­men inmit­ten des Natio­nal­parks, in einem Wald­ge­biet aus 1.421 Hektar, wo Berg- und Wald­kie­fern sowie die Sitka Fichte auch viele Laub­bäume als Nach­barn haben und wo Rehe und Dam­wild leben. Ich lau­sche den Rei­fen auf dem Kie­sel­stein, mei­nem gleich­mä­ßi­gen Atem, spüre den Windhauch.

Erst, als der Wald­spiel­platz am west­li­chen Ende des Wal­des näher­kommt, des­sen Spiel­ge­räte aus Holz des Wal­des gebaut wur­den, höre ich Kin­der­la­chen und plau­dernde Erwach­sene. Dann geht es wei­ter unter freiem Him­mel in Rich­tung der Dünen, wobei mich Zie­gen, deren Par­füm die sal­zige Mee­res­brise über­la­gert, unter einem impro­vi­sier­ten Spitz­dach beäu­gen. Bald liegt er vor mir, Fanøs 12 Kilo­me­ter lan­ger Strand, der an den dicks­ten Stel­len gut 700 Meter breit ist. Autos und Rad­ler rol­len lang­sam über den kom­pak­ten Sand. Wahn­sinn! Strand-Radeln macht Spaß und ich fahre wei­ter, hin­ein in den Son­nen­un­ter­gang, dem selbst ein leich­ter Wol­ken­vor­hang nicht die Schau steh­len kann.

Hei­ra­ten, Watt­wan­dern und was man sonst auf einer Insel treibt 

Am Abend laden mich Lone und Grom auf ein Glas Wein auf ihrer Ter­rasse ein. End­lich erfahre ich, warum ich ein Fahr­rad mit der Beschrif­tung „Wed­ding Island“ fahre: Neben der Unter­kunft betreibt Lone näm­lich auch einen Hoch­zeits­ser­vice. „Viele Paare kom­men auf die Insel, um zu hei­ra­ten“, erzählt sie mir, „vor allem Pär­chen mit einem aus­län­di­schen Part­ner, für die eine Hoch­zeit in Däne­mark leich­ter ist.“ Die Geschäfts­idee sei ihr gekom­men, als sie stell­ver­tre­tende Bür­ger­meis­te­rin wurde und auch das Amt der Stan­des­be­am­tin über­nahm. Mitt­ler­weile habe sie die Kom­mu­nal­po­li­tik hin­ter sich gelas­sen, aber am schöns­ten Teil ihrer Arbeit fest­ge­hal­ten – Paare zu trauen. „Ich orga­ni­siere etwa 220 Hoch­zei­ten pro Jahr, die meis­ten am Strand.“

Hei­ra­ten gehört zwar nicht zu mei­nen bevor­zug­ten Akti­vi­tä­ten auf Fanø, eine Watt­wan­de­rung aber schon. Denn wenn man schon auf einer Insel mit­ten im Natio­nal­park Wat­ten­meer ist, zu dem er 2010 wurde und den 2015 die Auf­nahme ins UNESCO-Welt­erbe krönte, muss man auch ein­mal bar­fuß über den mat­schi­gen Mee­res­bo­den spa­zie­ren. Früh­mor­gens geht es am Strand bei Son­derhø ganz im Süden los, zei­tig genug, damit die Flut Watt­gän­ger nicht über­rum­pelt. Zunächst kann sich die Sonne noch nicht gegen den Grau­schleier am Him­mel durch­set­zen, doch zumin­dest braucht man sich Ende August wenig Gedan­ken um See­ne­bel machen – der laut Helen Mäh­ler, einer gebür­ti­gen Deut­schen, die seit Jah­ren in Däne­mark lebt und auf Fanø als Watt­füh­re­rin arbei­tet, gerade an lau­war­men Früh­lings­ta­gen zuschlägt. „Mir ist es pas­siert, dass ich los­ge­lau­fen bin, mich irgend­wann umge­dreht habe und den Strand nicht mehr sah“, berich­tet sie, wäh­rend sich die Kin­der der Gruppe Eimer schnap­pen, in denen sie tote Krebse sammeln.

Ich schaue auf die vor Nässe glän­zende Weite, über den grau-brau­nen Schlamm­bo­den, der ohne das Meer wirkt wie ein run­ze­li­ger Mensch, dem man sämt­li­che Kla­mot­ten und allen Schmuck ent­ris­sen hat. Doch der erste Ein­druck, dass vor uns ein gro­ßes Nichts liegt, täuscht. „Die meis­ten Tiere gra­ben sich tief in den Watt­bo­den ein und pas­sen sich den Schwan­kun­gen der Tem­pe­ra­tu­ren und Strö­mun­gen an“, weiß Helen. Die Gruppe spa­ziert los, über schwamm­ähn­li­che gelbe Bro­cken hin­weg. „Das ist Para­fin von Schif­fen, das sich am Strand ansam­melt.“ Dafür, Bern­stein zu fin­den, ist es noch zu warm – gerade in der küh­le­ren Jah­res­zeit ist Fanø näm­lich für sei­nen Bal­ti­schen Bern­stein bekannt, der zwi­schen 30 und 50 Mil­lio­nen Jah­ren alt ist und bei Stür­men mit ande­rem Strand­gut an Land treibt.

Als Ers­tes stol­pere ich über ein Grün­ge­wächs, aus dem jede Menge haut­far­be­ner Würm­chen her­vor­ste­chen – Quel­ler, eine Watt­meer­pflanze, die ess­bar ist und gut zu Fisch passt. Ich kaue auf einem der Wür­mer herum, der mee­rig und sal­zig schmeckt. Tram­pelt man an einer Stelle des Watt­bo­dens herum, kom­men nach kur­zer Zeit Herz­mu­scheln zum Vor­schein, das Lieb­lings­es­sen der Möwen. „Men­schen kön­nen diese Muscheln nur essen, wenn das Was­ser küh­ler als 14 Grad ist“, warnt uns Helen. Die Möwen haben die­ses Pro­blem nicht. „Wenn ihr euch Möwen­kot genau anschaut, sieht er aus wie ein bun­tes Mosaik“, lacht Helen. Den Rest der Tour achte ich dar­auf, nicht in die künst­le­risch auf­wen­di­gen Mosaike zu tre­ten, die den Watt­bo­den zie­ren. Die Muscheln gra­ben sich unter­des­sen flink wie­der in den Sand ein. Selbst­er­hal­tungs­trieb Deluxe.

Doch Möwen­mo­saike sind nicht das Ein­zige, was sich zu unse­ren Füßen sam­melt. Da wären auch immer wie­der dunkle Spa­ghetti-Hau­fen. „Watt­wurm­ka­cke! Gegen­über den Hau­fen seht ihr meist ein Loch, da ist der Kopf des Wurms, und dort, wo die Spa­ghetti lie­gen, ist der Po.“ Eine Frau zieht den Fuß ange­wi­dert von einem der Häuf­chen. „Watt­wurm­ka­cke ist der sau­berste Sand, den es gibt, denn der Wurm saugt ihn auf – pro Jahr etwa 25 Kilo – fil­tert ihn und furzt ihn dann gerei­nigt wie­der raus.“

Da erschei­nen die grün begras­ten Krebse, die im Matsch her­um­wan­ken, fast lang­wei­lig. Ob da ein Männ­chen oder Weib­chen läuft, lässt sich auf einen Blick erken­nen: Männ­li­che Krebse haben einen spit­zen Schwanz, weib­li­che einen run­den. Die Zan­gen, eine große und eine kleine, sind bei bei­den gleich. „Mit einer hält er die Muschel, mit der ande­ren knackt er sie“, erklärt Helen. Im Gegen­satz zu den Bei­nen könn­ten die Zan­gen jedoch nicht nach­wach­sen, falls sie von einer Möwe aus­ge­ris­sen wür­den. Was ich auch noch nicht wusste: Krebse kön­nen ihren Rücken­pan­zer abwer­fen, wenn er ihnen zu eng wird, wes­we­gen im Watt viele ver­waiste Pan­zer lie­gen. Es ist, als wäre einem Men­schen die Decke auf den Kopf gefal­len und er hätte sich kur­zer­hand aus dem Staub gemacht.

Das Beste kommt zum Schluss: Eine Sand­bank andert­halb Kilo­me­ter tief im Meer, auf der sich 400 bis 500 See­hunde und Kegel­rob­ben tum­meln. Dort aalen sie sich in der lang­sam her­vor­ste­chen­den Sonne, einige in Rücken­lage, als müss­ten sie auch ihre Unter­seite mal durch­bräu­nen. Uns trennt ein rei­ßen­der Was­ser­ka­nal von­ein­an­der. Helen erzählt von den Babys, die im Januar oder Februar gebo­ren wur­den und zum Teil noch ihren wei­ßen Baby­pelz zur Schau stel­len, wäh­rend die Teen­ager von sechs bis sie­ben Mona­ten bereits zu statt­li­chen Tie­ren her­an­ge­wach­sen sind. „Die Rob­ben kön­nen die ers­ten vier oder fünf Wochen nicht schwim­men und lie­gen ein­fach auf dem Sand.“ Pro Tag frä­ßen sie etwa 20 Kilo Fisch. Ein biss­chen beneide ich sie, diese See­hunde und Rob­ben, die mit­ten im Meer unge­stört von der Welt vor sich hin chil­len und nur in die Wel­len zu sprin­gen brau­chen, wenn Appe­tit aufkommt.

Vom Winde verweht

Auf Fanø ent­de­cke ich mei­nen neuen Lieb­lings­strand­sport: Blo­kart fah­ren. Guide Adrian von Club Fanø ist gerade beim Auf­bau der etwas luf­tig wir­ken­den, drah­ti­gen Segel-Ses­sel mit Rädern, als mich ordent­lich Rücken­wind mit mei­nem Fahr­rad anbläst. Ich werde mit Helm und Hand­schu­hen aus­ge­stat­tet, viel zu erklä­ren gibt es nicht. „Der Wind kommt heute stark von Nor­den, also fah­ren wir in Rich­tung Osten und Wes­ten. Wenn es zu sehr nach Süden geht, kom­men wir nach­her nicht mehr zurück.“ Das Ganze scheint denk­bar ein­fach: Beim Zie­hen an der Schnur wird das Segel fes­ter, lässt man los, hat der Wind das Sagen. „Wenn du um eine Kurve fährst, hol Schwung, dann lass die Schnur locke­rer.“ Alles klar.

Adrian fährt vor, ich soll ihm fol­gen, immer schön im Sla­lom um die Ver­kehrs­hörn­chen, wie frü­her, als ich Fahr­rad­fah­ren lernte. Der Wind bläst hef­tig von der Seite, über­mannt mein Segel, und ich schieße in gera­der Linie aufs Meer zu, wäh­rend Adrian brav Sla­loms fährt. Ich sehe mich schon voll beklei­det mit mei­nem Blo­kart in der Nord­see, bis ich die Schnur ein wenig lockere und in letz­ter Sekunde doch noch die Kurve kriege.

Mit brei­tem Grin­sen schieße ich zurück in Rich­tung Dünen, niete einige Hüt­chen um, und Adrian lässt mich machen. Mehr­mals kippe ich um, schlage mir ein Knie und einen Knö­chel blau, doch ein gewis­ser Schwund ist halt dabei. Je län­ger ich über den Strand kurve, desto bes­ser ver­stehe ich das Spiel. Es ist wie im Leben: Wenn man mit zu viel Wind im Segel um die Ecke biegt, ver­liert man leicht das Gleich­ge­wicht. Mann muss die Schnur auch mal locker­las­sen kön­nen und den Wind den Rest machen las­sen, um es um die nächste Kurve zu schaf­fen – aber auch nicht allzu lang, denn sonst bleibt man stecken.

Das schönste Dorf Dänemarks

Dafür, dass Fanø so klein ist, hat es eini­ges zu bie­ten. Dar­un­ter das angeb­lich schönste Dorf Däne­marks, Son­derhø, an der Süd­spitze. Um vom Strand ins Dorf zu kom­men, radle ich an der Mølle vor­bei, der Mühle von 1895, die bis 1923 noch in Betrieb war, und an der Kir­che, wie die in Nordby auch eine Hal­len­kir­che. Im Inne­ren bau­meln 15 Schiff­mo­delle von der Decke, die größte Schiffs­mo­dell­samm­lung des Lan­des – eine echte See­fah­rer­kir­che mit weiß gestri­che­ner Decke und blauen Bänken.

Genau wie bei Men­schen, wo mir einige auf Anhieb sym­pa­thisch sind und andere nicht, fühle ich mich auch an einem Ort ent­we­der gleich wohl oder eben nicht. Son­derhø gehört zu denen, die mir ein Gefühl von Ankom­men und Blei­ben­wol­len ver­mit­teln. Ein Dorf mit engen Gas­sen, geziert von reet­ge­deck­ten Häu­sern, die meis­ten von Mitte des 18. Jahr­hun­derts oder aus dem 19. Jahr­hun­dert. Zu der Zeit war Son­derhø die bedeu­tendste See­fah­rer­stadt an der jüt­län­di­schen West­küste. Viele der älte­ren Häu­ser haben einige Merk­male gemein­sam: Sie sind klein, eben­erdig, reet­ge­deckt und haben Wohn­raum und Stall in einem Gebäude. Wenn man genau hin­schaut, sind die Gie­bel nach Ost-West aus­ge­rich­tet, wodurch sie den kal­ten Win­ter­win­den bes­ser trot­zen kön­nen. Einige der tra­di­tio­nel­len Reet­dach­häu­ser wei­sen über der Haus­tür einen halb­run­den Dach­er­ker auf, den „arken­gab“, außer­dem fal­len grüne, schwarze und weiße Zie­gel­steine über Türen und Fens­tern ins Auge. „Die Far­ben sym­bo­li­sie­ren Geburt, Leben und Tod“, erzählt eine ältere Dame in Han­nes Hus, einem alten See­fah­rer­haus, das nun als Museum dient.

Bereits beim Ein­tre­ten ver­nehme ich den Atem ver­gan­ge­ner Genera­tio­nen in mei­nen Lun­gen, viel Freude und Ängste der Men­schen, die hier seit dem Bau des Hau­ses 1750 leb­ten. Das Ambi­ente ist so gut erhal­ten, dass man denkt, die Bewoh­ner seien kurz ein­kau­fen. Da ist der Ofen vor blau-wei­ßen Kacheln, da ist der Holz­tisch mit wei­ßer Tisch­de­cke, das kleine Bett mit einer Puppe dar­auf. Eine gewisse Nost­al­gie über­kommt mich, ich sehe die Witwe Hanne hier mit ihren Kin­dern spie­len, wäh­rend Son­nen­strah­len durch die Fens­ter drän­gen. Wie es wohl war, hier seine Kind­heit zu verbringen?

Das soll ich nie erfah­ren, wohl aber, wie ein fei­nes Zwei­gänge-Menü im Son­derhø Kro schmeckt: Dorsch mit Lauch als Vor­speise und als Haupt­gang Fisch des Tages mit Muscheln und Fen­chel. Die Atmo­sphäre in dem nied­ri­gen Raum mit Holz­bo­den ist genauso hyg­ge­lig, gemüt­lich, wie das Essen köst­lich. Als es an der Zeit ist, nach Nordby zurück­zu­ra­deln, schaut mir eine Katze blin­zelnd von einer Haus­tür aus zu. „Bis zum nächs­ten Mal“, scheint sie sagen zu wollen.

Skål!

Fanø hat nicht nur den bes­ten Schlach­ter und das schönste Dorf von Däne­mark, son­dern auch eins der bes­ten Biere, gebraut im insel­ei­ge­nen Fanø Bryghus. Gut gestärkt mit einem Fanø smør­re­brød, dem But­ter­brot aus dün­nen Weiß­brot­schei­ben mit sechs ver­schie­de­nen Auf­schnitt­ar­ten und in Drei­ecke geschnit­ten, bin ich bereit für die Bier­ver­kos­tung. „Die­ses Gebäude war frü­her ein Elek­tri­zi­täts­werk und bis Mitte der 70er Jahre in Betrieb“, erzählt Event Mana­ger Jesper Voss. „2005 hat das erste Brau­haus eröff­net, ging jedoch nach zwei Jah­ren pleite, aber Ende 2008 haben wir neu auf­ge­macht.“ Das Gebäude habe man mit Akti­en­gel­dern gekauft, aber auch Pri­vat­per­so­nen hät­ten inves­tiert, denn die Braue­rei erfreue sich auf der Insel gro­ßer Beliebt­heit. „Wir haben zwei ame­ri­ka­ni­sche Brau­meis­ter, denn die Ame­ri­ka­ner machen ein­fach das beste Bier“, gibt Jesper lachend zu.

Erst­mals lerne ich vom deut­schen Bier-Rein­heits­ge­bot von 1516, dem­zu­folge nur Was­ser, Hop­fen und Gerste als Zuta­ten erlaubt sind – und über das sich das Fanø Bryghus stolz hin­weg­setzt. „Wir haben Bier mit Holun­der, Milch­scho­ko­la­dens­tout mit Milch­zu­cker­pul­ver und Kako­boh­nen und auch Bier mit Pfef­fer und Salat­gur­ken.“ Craft-Braue­reien seien in Däne­mark so beliebt, weil mal die ver­schie­dens­ten Bier­sor­ten aus­pro­bie­ren könne. Die Brau­meis­ter hät­ten sogar ein Red Wed­ding Bier nach der Game of Thro­nes-Serie ent­wor­fen, das in Rot­wein­fäs­sern gela­gert wor­den sei. „Letz­tes Jahr haben wir 27 neue Bier­sor­ten auf den Markt gebracht, im Moment füh­ren wir aber nur noch 20 ver­schie­dene – vor dem Som­mer waren es 35, aber sie sind alle aus­ge­trun­ken.“ Kein Wun­der, denn angeb­lich ist Däne­mark das EU-Land, wo der meiste Alko­hol getrun­ken wird. „Fanø ist die däni­sche Gemeinde, wo man in Däne­mark am meis­ten trinkt.“ Ob das der Grund ist, dass die Insu­la­ner alle­samt tiefen­ent­spannt wir­ken? Bei 300.000 Litern Bier pro Jahr, die auf Fanø gebraut wer­den, kann ich mir das lang­sam vorstellen.

„Unser Bier gehört mit zum bes­ten in Däne­mark und zu den füh­ren­den 100 Bie­ren welt­weit“, rühmt sich Jesper, der frü­her als Diplom­sport­leh­rer arbei­tete, dann als Head­hun­ter und sich nach einem Bur­nout der Insel und dem Bier ver­schrieb. Dass das Bier die beste Medi­zin war, glaube ich ihm gern, als end­lich die erste Fla­sche auf­geht und ich dickes Red Wed­ding Bier schlürfe, gefolgt von wei­te­ren Krea­tio­nen der gro­ßen Meis­ter, deren Bier­auf­kle­ber auch manch poli­ti­sches State­ment abge­ben: Eine Fla­sche ziert ein lang­na­si­ger Trump, eine wei­tere ein dümm­lich drein­schau­en­der US-Prä­si­dent mit der Unter­schrift „Mango Mus­so­lini“. Auch „Sex in a bot­tle“ ist zu fin­den, ein­mal für die Frau mit Män­ner­ab­bild, ein­mal für den Mann mit Frau­en­ab­bild. Als ich die Braue­rei ver­lasse, ist mir das sehr undeut­sche „Rein­heits­ge­bot“ äußerst sym­pa­thisch gewor­den – alles, was irgend­wem schmeckt, geht, und die Fan­ta­sie ist so frei wie ein Ster­nen­him­mel jen­seits aller Lichtverschmutzung.

Son­nen­un­ter­gang beim Atlantikwall

Jedes Mal, wenn meine Zeit an einem Ort, den ich ins Herz geschlos­sen habe, dem Ende zugeht, emp­finde ich eine gewisse Nost­al­gie. Das Gefühl, dass ich wei­ter­muss, bevor ich dazu bereit bin, wie bei der Tren­nung von einem gelieb­ten Men­schen. Und doch ist es ein Gefühl, das bei jeman­dem, der vom Schrei­ben und Rei­sen lebt, wie das Klein­ge­druckte in einem Ver­trag zum Job dazu­ge­hört. Ein letz­tes Mal radle ich nach einem abend­li­chen Plausch mit Lone und Gorm nach Fanø Bad, zu einem klei­nen Stück des lan­gen West­küs­ten-Stran­des. Noch immer bläst mir der Wind so stark ent­ge­gen, dass ich mich mit aller Kraft auf mei­nem Rad dage­gen­stem­men und wie wahn­sin­nig in die Pedale tre­ten muss. Es ist, als sollte ich nicht ankom­men, als wollte mir der Wind einen letz­ten Son­nen­un­ter­gang vor­ent­hal­ten, aber so läuft das nicht.

Ich fahre hin­ein in die Dünen – und stehe bald vor einem Bun­ker am Meer, bekle­ckert mit Graf­fiti. „Plastic Beach“ steht auf dem grauen Unge­tüm, zu dem eine ganze Bun­ker­an­lage gehört. Er ist einer von zahl­rei­chen Über­res­ten des soge­nann­ten Atlan­tik­walls auf Fanø – einer rie­si­gen Ver­tei­di­gungs­an­lage, errich­tet von der deut­schen Wehr­macht wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs, die von Nord­nor­we­gen bis nach Spa­nien reichte. Damit sollte das Fort­schrei­ten der west­li­chen Alli­ier­ten ver­hin­dert wer­den. Die Hafen­stadt Esbjerg war von beson­de­rer stra­te­gi­scher Bedeu­tung, wes­halb auch das vor­ge­la­gerte Fanø vor­ran­gig in der Ver­tei­di­gung wurde: Es ent­stan­den über 300 Bun­ker, Beton­stra­ßen, Geschütze, Eisen­bah­nen, Pan­zer­grä­ben und Bara­cken. Eine 2.300 Mann starke deut­sche Besat­zungs­truppe zog auf Fanø ein, dazu kamen 1.275 däni­sche Arbei­ter, wel­che die Bun­ker errichteten.

Über die Jahr­zehnte hat die Natur das mit den Bun­kern und Anla­gen gemacht, was man nun mal mit häss­li­chen grauen Unge­tü­men und allem, was man sonst nicht mehr sehen möchte, macht: Sie hat Gras dar­über wach­sen las­sen oder Sand dar­über geweht. Die Bun­ker, die noch sicht­bar sind, die­nen Son­nen­un­ter­gangs­lieb­ha­bern wie mir als sand­freier Sitz­platz, von wo sich herr­lich beob­ach­ten lässt, wie der Him­mel pas­tell­far­bene Töne annimmt. Nicht das grelle Orange und Pink und Lila, mit dem der Him­mel in der Süd­see angibt. Auch nicht das knal­lige Rot eines hin­ter Afrika ver­sin­ken­den Feu­er­balls. Da sind nur Baby­rosa mit Baby­blau, bemalt mit ein paar Wol­ken, die den Tag ver­ab­schie­den. Sanft und leise wie Fanø selbst, ein Ort, wo die Seele nicht nur bau­meln, aber frei in der stän­di­gen Brise wehen darf. Ein Ort, wo Dünen und Sand klamm­heim­lich ver­ges­sen machen, was an Land noch schwer wog.

 Diese Reise wurde unter­stützt von Visit Den­mark

Unter­kunft: Galea­sen B&B

Emp­feh­lens­werte Restaurants:

Nordby: Rud­becks Ost & Deli und Sylvesters

Fanø Bad: Kel­lers Bade­ho­tel & Spisehus

Søn­derho: Søn­derho Kro

Cate­go­riesDäne­mark
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

  1. Bernadette says:

    Lie­ber Marcel,
    vie­len Dank für dei­nen net­ten Kom­men­tar. Ich wün­sche dir, dass du mal die Zeit für die Insel fin­dest, es würde dir bestimmt gefallen.
    Schö­ner Blog, den du hast, wenn ich wie­der mal nach Mal­lorca fahre, werde ich mir gerne bei dir Infos holen :)
    LG
    Bernadette

  2. Marcel says:

    schöne Bil­der und ein aus­führ­lich geschrie­be­ner Bericht. Danke :)
    Die Ruhe und Natur wür­den mich zu die­sem Ort ziehen.
    Mal schauen ob ich irgend­wann mal Zeit finde. Liebe Grüße aus Ber­lin Marcel
    PS: Besuch mich doch auch mal auf mei­nem Blog :)

  3. Pingback:Blogbummel November 2018 – Nachschlag – buchpost

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