260 Kilometer zu Fuß auf dem Arctic Circle Trail durch Grönland

Unter der Mitternachtssonne

Als ich die letzten Meter die Anhöhe hinauf stapfe, höre ich ein tiefes Grollen. In der Stille, die seit 3 Tragen mein ständiger Begleiter ist, kommt dieses Geräusch völlig unerwartet.

Es ist so laut, dass mein ganzer Körper und alles um mich herum erzittert. Ich habe das Gefühl, die Erde atmet. Als ich oben ankomme bin ich endlich am Ziel. Vor mir erstreckt sich das Inlandeis, eine schwindelerregend große Fläche von 1.726.400 Quadratkilometern unberührtes Weiß. Während ich tatsächlich auf die zweitgrößte Eiskappe der Welt hinabschaue, bekommt der Begriff Weite eine neue Bedeutung für mich. Grade als ich wieder zu Atem komme, höre ich erneut das Grollen. Und vor meinen Augen bricht ein riesiges Stück Eis vom Russells Gletscher ab und verschwindet tosend im vorbeirauschenden Eiswasser, nur um den Bruchteil einer Sekunde später wieder an die Oberfläche zu schießen. Ich jauchze auf, ob vor Freude, Erstaunen oder Erschrecken, ich kann es nicht sagen. „Hast du das gesehen?!“ Ich drehe mich um. Aber hinter mir ist niemand. Ich habe völlig vergessen, dass ich alleine dort oben stehe. Dieser Moment gehört nur mir alleine und ich fühle, dass ich meine Feuertaufe in der Wildnis Grönlands bestanden habe.

Aber erst einmal von Vorne. Zum Zeitpunkt meiner Reise nach Grönland bin ich 18 Jahre alt und habe knapp 4 Wochen zuvor mein Abi Zeugnis erhalten. Schneller als mir lieb war, zog mein letztes Schuljahr an mir vorbei und alle schwärmten von Freiheit und sehnten das Ende herbei. Gleichzeitig wurden Pläne geschmiedet, von Work and Travel, Urlaub, Studium… Und ich selbst hätte am liebsten die Zeit angehalten. Denn ich wusste weder wohin, noch wie mein Leben nach der Schule weitergehen sollte. Einen Entschluss hatte ich jedoch schon früh gefasst. Ich musste Mut für meine Zukunft sammeln und mir selbst beweisen, dass ich bereit war für alles, was von nun an auf mich zukommen würde. Normalerweise ist man immer umgeben von anderen Menschen. Und auch wenn man denkt man wäre alleine, oder würde etwas auf eigene Faust tun, so schwimmt man doch meistens mit im Strom, erhält Hilfe wenn man sie braucht und kommt nur in seltenen Fällen in eine Situation, in der man tatsächlich nur auf sich alleine gestellt ist. Und genau letzteren Zustand, wollte ich erreichen. Denn ich wollte tatsächlich einmal etwas nur für mich alleine erleben.

Ich suchte lange und intensiv nach einem möglichen Reiseziel und entdeckte schließlich den Arctic Circle Trail, einen ca. 180 km langen Fernwanderweg der quer über die längste eisfreie Fläche Grönlands führt. Wo, wenn nicht dort, würde mein Wunsch nach Abenteuer und Einsamkeit in Erfüllung gehen?! Als ich meiner besten Freundin Drotti auf einem Spaziergang von meinen Plänen erzählte, war sie die erste Person, die meine Begeisterung teilte und meine Beweggründe für die Reise nachvollziehen konnte. So beschlossen wir, den ACT gemeinsam zu wandern. Anschließend würde ich mich vom Ort Kangerlussuaq, dem Startpunkt des Trails, alleine auf den Weg zum Inlandeis machen. Heute wundere ich mich, wie ich damals meine Eltern überzeugen konnte knapp 3 Wochen alleine durch ein Land zu wandern, dass laut Wikipedia nur 0,026 Einwohner pro Quadratkilometer zählt. Aber ich habe es geschafft, denn auf einmal ging alles sehr schnell. Wir buchten unsere Flugtickets, stellten unsere Ausrüstung zusammen, mieteten ein Satellitentelefon für Notfälle, teilten Wanderetappen ein…und stiegen am 1. August 2016 ins Flugzeug nach Grönland.

Als wir in Kangerlussuaq aus dem Flugzeug steigen und auf die Landebahn hinaustreten, bin ich so aufgeregt wie selten in meinem Leben. Es ist eine Sache, sich vorzustellen 3 Wochen in einem Zelt zu schlafen und auch, dass alle Habseligkeiten und das gesamte Essen in einem einzigen Rucksack passen. Eine ganz andere jedoch, wenn man zum ersten Mal das Gewicht auf dem Rücken spürt und weiß, dass die Schuhe an den Füßen in den kommenden Tagen zum wichtigsten Begleiter werden. Ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Aber das wollten wir auch nicht, denn der ACT hatte eine Art Sog entwickelt, der uns von nun an antrieb.

Die erste Nacht verbringen wir auf dem Campingplatz neben dem Flughafen. Entgegen unserer Erwartungen sind wir dort nicht alleine, denn mehrere Wanderer aus Deutschland haben sich ebenfalls auf der kleinen Wiese eingefunden und wir verbringen einen recht amüsanten Abend zusammen. Wie sich jedoch später herausstellen wird, werden wir unsere Mit-Starter auf unserer Reise nicht mehr wiedersehen. Der nächste Morgen beginnt mit einer Enttäuschung in Form des „ultimativen Smoothiepulvers“, welches wir uns für schlappe 8 Euro pro Döschen zugelegt haben (um angeblich eine vitaminreiche Ernährung zu gewährleisten). In meinem Becher schwimmt eine grüne Brühe und auch Drotti blickt mehr skeptisch als angetan auf die schwimmenden Stückchen herab. Schmerzlos wandert unsere Fehlinvestition in den Müll und wir machen uns lieber auf den Weg. Die ersten Kilometer zum Trail führen über eine staubige Schotterpiste. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen, bis völlig unerwartet das Geräusch eines knatternden Motors hinter uns ertönt. Ohne zu zögern recken wir beide unsere Daumen nach oben. Wenn wir schon im Abenteuermodus sind, dann können wir auch versuchen zu trampen. Als der zerbeulte Wagen neben uns hält, steigen wir rasch ein bevor uns doch Bedenken kommen und schneller als erwartet erreichen wir das Ende der Schotterpiste und stehen auf einmal mitten in der Natur. Vor uns erstreckt sich eine weite, hügelige Landschaft, die von struppigen, knöchelhohen Gräsern, Moosen und Flechten bedeckt ist. Und dazwischen schlängelt sich ein unscheinbarer Trampelpfad. Dieser Weg wird uns nun 180 km von Kangerlussuaq quer durch die Wildnis bis nach Sisimiut an der Westküste Grönands führen. Außer mit dem Flugzeug ist dies die einzige Verbindung zwischen den Orten, denn eine ausgebaute Straße gibt es hier nicht. Die Sonne scheint auf uns herab und wir folgen dem Pfad für mehrere Stunden. Als der Mittag verstreicht werden wir skeptisch, denn laut unserer Wanderkarte hätten wir schon lange an unserem Rastplatz ankommen müssen. Wir vertiefen uns über die Karte und da erst bemerken wir, dass wir die Karte falsch gelesen haben. Der Weg ist richtig, jedoch sind wir lange nicht so weit vorangekommen, wie gedacht. Das Kartenlesen braucht anscheinend doch mehr Übung, als wir erwartet haben. Als wir die erste Etappe schließlich doch beenden und unser Zelt aufgebaut haben, sind wir zwar erschöpft und uns beide ziert ein dezenter Sonnenbrand, aber die Nudeln im Kochtopf und der glasklare See direkt vor unserer Nase, lassen die Strapazen des Tages im Hintergrund verblassen. Dank der Mitternachtssonne legt sich leichtes Dämmerlicht über die Natur. Doch Dunkelheit wird es hier nicht geben. Wie sich jedoch herausstellt, zieht ohne die Sonne die Kälte des Nordens herauf und wir verkriechen uns schnell in unsere Schlafsäcke. Tag 2 bringt uns beiden zuerst steife Glieder und Rückenschmerzen. Durch die ungewohnte Belastung fallen uns die ersten Stunden Wandern schwer und jeder Schritt erfordert mehr Energie als mir lieb ist. Ich bin leicht beunruhigt, denn in diesem Zustand werden wir die nächsten Tage nicht bewältigen können. Doch irgendwie meint es Grönland gut mit uns, denn die Landschaft flacht ab und es scheint mir, als ob irgendwo in meinem Körper ein Schalter umgelegt wird. Auf einmal nehme ich den Rucksack auf meinem Rücken nicht mehr als Last wahr. Stattdessen genieße ich das Gefühl zu wissen, dass ich alles was ich benötige, um zu überleben, mit mir trage. Ich merke, dass dieses „alles was ich brauche“ viel weniger ist, als ich angenommen habe. Unerwarteter Weise merke ich, dass diese minimalistische Lebensweise und die Auszeit von ständigem zu viel mir gut tut und auch Drotti scheint langsam auf dem Trail anzukommen. Wir erreichen eine kleine Hütte am See, in der wir uns im Gästebuch verewigen. Viele Wanderer stellen überschüssiges Essen zum Verschenken in diese Hütten und so fällt uns eine große, blaue Packung Instant-Chili con Carne in die Augen. Wir grinsen uns an. Die Packung wandert in den Rucksack und unser Abendbrot für heute ist gesichert! Dass ich schon an Tag 2 eine solche Begeisterung für derartig banale Dinge wie Instant-Food entwickeln würde, hätte ich nicht erwartet. Gegen Nachmittag endet unser Pfad auf einmal am Ufer eines weiteren Sees und vor uns türmen sich riesige Felsbrocken auf, die zum Teil noch bis ins Wasser ragen. Verwundert schauen wir uns nach dem Weg um, aber er ist verschwunden. Plötzlich fällt mir ein kleiner Spalt zwischen den Felsen auf und beim Näherkommen wird klar, dass wir wohl oder übel mitten hindurch klettern müssen. Unsere Rucksäcke schleifen an den rauen Steinen vorbei, die meterhoch über uns aufragen und unsere Wanderstöcke klackern und kratzen laut in der Stille. Es sind einige beherzte Sprünge nötig doch ich habe keine Angst. Stattdessen strömt das Adrenalin durch meinen Körper und ich bin völlig auf meine Schritte fixiert und genieße die Herausforderung. Schneller als gedacht lichtet sich das Geröllfeld und wir stehen wohlbehalten wieder auf dem Pfad. Kurz vor Ende des Tages kommen uns zwei bestens gelaunte Amerikaner mit Ghettoblaster entgegen und informieren uns, dass sie nur einige Kilometer von hier eines der öffentlichen Kanu angelegt haben, dass wir für den Folgetag nutzen können. Als wir an einem geeigneten Zeltplatz ankommen, fallen wir beide erst einmal erschöpft in den Staub und müssen lachen. Erleichtert entledigen wir uns unserer Wanderschuhe und stolpern zum See, an dessen Strand wir unsere verschwitzte Kleidung waschen. Die kleine Tube mit biologisch abbaubarem Shampoo wandert zwischen uns hin und her und wir tauchen alles in das kühle Nass. Außer aufgewühltem Sand und ein paar kläglichen Schaumbläschen tut sich allerdings nur wenig. Als ich selbst ins Wasser wate, um meine Haare zu waschen, bleibt mir fast die Luft weg. Trotz der ständigen Sonne am Tag ist das Wasser eisig und nachdem ich mich überwinde mit dem Kopf unterzutauchen, um meine Haare ebenfalls mit einem Tröpfchen Shampoo einzureiben, stehe ich keine Minute später wieder zitternd an Land. Trotzdem muss ich grinsen. Wer kann schon von sich behaupten, mutterseelenallein mitten im Nirgendwo in einen See zu springen, nur um pseudomäßig seine Haare zu waschen?

Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich mir nicht sicher, ob es noch Nacht ist oder schon Tag. Der Wind zerrt an unserem Zelt und der Himmel ist grau. Ich krieche leise aus dem Zelt und atme die kalte, frische Luft ein. Als sich Drotti eine Weile später zu mir gesellt, haben sich die Wolken jedoch verzogen und es scheint ein weiterer sonniger Tag zu werden. Auf der Suche nach dem versprochenen Kanu von gestern verlassen den Trampelpfad, der sich heute ohnehin immer wieder im Nichts verliert und wandern am Ufer des endlos großen und tiefblauen Sees entlang. Nach 3 Stunden sind wir kurz davor unsere Suche abzubrechen. Das Kanu sollte doch in der Nähe liegen. In welchen Dimensionen bewegen wir uns denn, wenn ein Ziel „in der Nähe“ nach einem mehrstündigen Marsch immer noch nicht in Sicht kommt? Ist uns womöglich doch ein anderer Wanderer zuvorgekommen? Schließlich entdeckt Drotti die unscheinbare Metallkonstruktion an einem Hang und wir laufen die letzten Meter hinab. Zu unserem Glück finden wir 2, mit Panzertape geflickte Paddel und orange leuchtende Schwimmwesten vor. Die Freude ist, wie auch schon während der letzten Tage, riesig und schon treiben wir schaukelnd weg vom Land und auf den See hinaus. Meine Beine danken mir für die fast verloren geglaubte Auszeit und erstaunlicher Weise kommen wir als Amateur-Paddler recht gut voran. Während der ganzen Fahrt halte ich den Schlauch meines Trinksystems im Mund und fülle es gierig jedes Mal neben wir wieder auf, sobald ich die 2 Liter ausgetrunken habe. Als wir am gegenüberliegenden Ufer anlegen, übergeben wir unser Kanu einem erleichterten Wanderer, der in die andere Richtung unterwegs ist. Während der nächsten Tage reden wir sehr viel, auch über viele private Angelegenheiten, die wir wahrscheinlich unter anderen Umständen niemals miteinander geteilt hätten. Wir lachen so viel und so tief aus dem Herzen wie lange nicht mehr. Andere Male wandert jeder für sich, der andere jeweils eine kleine Gestalt 100 Meter entfernt, und wir hängen schweigend unseren eigenen Gedanken nach. Das Gehen ist zum Alltag geworden. Ich habe das Gefühl, die klare Luft hier durchströmt mich und klärt meinen Körper und meinen Geist. Der ACT schenkt uns eine unbeschwerte Zeit. Ich fühle mich befreiter, werde ruhiger und denke nur selten an die Welt, die sich außerhalb der Berge und Seen befindet, welche mich bis zum Horizont umgeben. Wir begegnen Rentieren und Schneehasen und ab und an auch vereinzelten Wanderern aus der Gegenrichtung. Aber das sind nur unscheinbare Augenblicke, denn hier auf dem ACT geht doch jeder einzeln für sich. Die Tage und Stunden verschwimmen ineinander und irgendwann kann ich nicht mehr auseinanderhalten, was wann passiert ist oder wie lange wir schon unterwegs sind. An einem Tag wandern wir Abends durch ein ausgedörrtes Tal und der erhoffte Bach starrt uns leer und ausgetrocknet entgegen. Es ist die erste Nacht meines Lebens, die ich ohne Wasser verbringe. Der mickrige halbe Liter in meinem Trinksystem muss für mich zum Kochen, Waschen und Trinken am Abend, sowie für mein Frühstück am nächsten Morgen reichen. Jeder Tropfen ist für mich in diesem Moment unglaublich wertvoll und mir wird klar was für ein Glück ich habe, in einem Land zu leben, in dem bei Bedarf unbegrenzt sauberes Wasser aus dem Han strömt. An einem anderen Tag verbringen wir die Nacht in einer Hütte auf richtigen Matratzen und kochen gierig 3 verschiedene Tütensuppen hintereinander, die ein Vorgänger dort bereitgestellt hat. Die letzten Nächte hatte ich mir immer gewünscht in einem richtigen Bett zu liegen, doch jetzt stört mich auf einmal die Decke über meinem Kopf und ich vermisse den Wind und die Geräusche der Nacht. Wir knacken die 100 Kilometer Marke und sind somit jeweils 3 Tagesmärsche in jede Richtung von der Zivilisation entfernt. In unserer Pause treffen auf ein älteres Pärchen aus Deutschland. Wir unterhalten uns lange und es ist ein bereicherndes und inspirierendes Gespräch. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele unterschiedliche Menschen dieser Weg anzieht. Beim Weiterwandern finden wir uns auf einmal auf der falschen Seite eines großen Baches wieder. Erstaunt blicken wir auf den Pfad, der sich parallel von uns auf der anderen Seite in die Berge windet. So einfach überqueren können wir den Bach nicht und so versuchen wir im Übermut eine Brücke zu bauen, in dem wir Steine vom Ufer ins Wasser platschen lassen. Nach einiger Zeit geben wir auf. Wir schauen uns an und brechen in Gelächter aus. Wie kommt man bitte auf so eine Idee? Es tut gut, wieder Kind zu sein und gleichzeitig ganz alleine die Verantwortung für sein Leben zu tragen. Letztendlich findet sich einige Kilometer weiter eine geeignete Stelle zum Überqueren, doch unseren Versuch halten wir trotzdem feierlich mit der Kamera fest.

Es geschieht sehr viel auf dieser Reise und ich kann nur einen Bruchteil dessen hier Teilen. Ich fühle mich, als wären wir eine Ewigkeit auf dem ACT unterwegs gewesen, doch die letzten Tage vergehen viel zu schnell. Wir beide starren nur so vor Dreck. Meine Nägel, Füße und Haare sind gelinde ausgedrückt der Natur verfallen, doch trotz allem ruht eine tiefe Zufriedenheit in uns beiden. Als wir an unserem letzten Tag über einem gewaltigen Tal stehen und zwischen zwei Bergen das Meer erblicken, fallen wir uns jubelnd in die Arme. Wir hören die Huskys Sisimiuts heulen und es schallt weit in die Nacht hinein. Es gleicht beinahe einem persönlichen Empfang.

Von Sisimiut selbst fühle ich mich mehr überrumpelt, als dass ich mich freue am Ziel zu sein. Obwohl nur 10 Tage vergangen sind, bin ich es nicht mehr gewöhnt mich auf asphaltierten Straßen zu bewegen und die Menschen, Autos und Häuser machen mich unruhig. Tatsächlich erhalte ich genau in diesem Augenblick einen Anruf von meiner Mutter. Über eine Woche war ich für keine Menschenseele erreichbar und die Menschen denen ich flüchtig begegnet bin, kann ich an einer Hand abzählen. Es ist schwer diesen Gefühlszustand zu vermitteln, jedoch holt die Nachricht meiner Mum mich schlagartig in die Realität zurück. Ich habe tatsächlich einen Studienplatz für Psychologie erhalten. Über 700 Kilometer von zu Hause entfernt. Und heute endet die Deadline für die Zusage. Ich stehe Mitten in Grönland am Straßenrand und vorbeifahrende Autos wirbeln mir Staub ins Gesicht. Es grenzt beinahe an Ironie, dass ich mich hierher gewagt habe, um Verantwortung zu lernen und dann hier tatsächlich eine derartige Entscheidung treffen muss, von der meine Zukunft vorläufig abhängt. Ich druckse herum und sage schließlich zu. Heute habe ich den Studienort gewechselt, was mir ebenfalls einiges an Entscheidungskraft abverlangt hat. Doch rückblickend bin ich froh, dass ich mich beide Male traute ja zu sagen. Als wir Sisimiut verlassen und zum Flughafen trampen, sind wir beide erleichtert. In weniger als 25 Minuten überfliegen wir eine Distanz, für die wir zu Fuß 10 Tage gebraucht haben. Es fühlt sich befremdlich an und gleichzeitig blicken wir staunend hinab und begreifen, was wir gemeistert haben. Wir schauen uns an und in den Augen der anderen spielgelt sich stummer Respekt.

Am 13. August 2016 steigt Drotti alleine in Kangerlussuaq in den Flieger und ich warte so lange, bis er zwischen den Wolken nicht mehr zu sehen ist. Heute beginnt Teil 2 meiner Reise. Die nächste Woche bin ich nicht mehr Solo im Doppelpack, sondern tatsächlich völlig auf mich alleine gestellt unterwegs. Und das ist nicht untertrieben. Ich werde, außer einigen einheimischen Jägern die ich aus der Ferne erblicke, keinem einzigen Menschen begegnen und kein Wort sprechen. Von nun an beginnt meine 80 Kilometer lange Route weg vom ACT und hin zum Inlandeis. Ich bin aufgeregt und stopfe mir meine Kopfhörer in die Ohren. Ich höre das Dschungelbuch in Dauerschleife und kann bald das Gesetz des Dschungels aufsagen, sowie gemeinsam mit King Louie Mowgli überreden ein Feuer zu entzünden. Ich wandere im sandigen Flussbett und neben mir rauscht der Gletscherfluss vorbei. Der Tag vergeht schnell und wieder muss ich einen Abend ohne Wasser verbringen. Als ich im Zelt liege und die Musik verstummt, kriecht plötzlich die Stille unbarmherzig in jeden Zentimeter meines Körpers. Ich bin alleine. Erst jetzt wird mir die volle Bedeutung dieses Satzes klar. Ich habe Angst und wühle mich aus meinem Schlafsack ins Freie. Mein Atem geht immer schneller und ich fange ich an zu weinen. Warum tue ich das hier? Wem will ich damit etwas beweisen? Und warum kann ich mich nicht wie alle anderen mit einem normalen Urlaub begnügen? Ich weine die Erschöpfung der letzten Tage hinaus und auch die Wut auf mich selbst. Ich schreie und trete gegen die Sträucher, bis ich mich schließlich beruhige und müde ins Zelt zurück steige. Am Morgen rationiere ich mein restliches Essen für die nächsten Tage. Da ich meine Gaskartusche vor dem Flug abgeben musste, bleiben für die nächsten Tage nur meine Haferflocken und die Reste des Studentenfutters übrig. Ich klaube jede einzelne Rosine vom Boden und fülle sie bedächtig zurück in die Tüte. Für den ein oder anderen mag dies eine schreckliche Aussicht darstellen, doch mir machte es nichts aus. Ich hatte meine negative Energie am Vorabend zurückgelassen und alles akzeptiert und ab diesem Zeitpunkt konnte ich die Wanderung in vollen Zügen genießen. Ich schweige, denke nach, singe, erzähle frei heraus der Natur was mir in den Sinn kommt und als ich das Inlandeis erreiche und der Gletscher kalbt, bin ich tief erfüllt von Demut und Glück hier zu sein. Ich verbringe fast den gesamten Tag am Eis, mache Fotos, klettere auf naheliegende Felsen und staune über die gewaltige Macht die sich dort vor mir auftürmt. Es ist das erste Mal, dass ich einen Gletscher sehe und bis heute eines der schönsten Naturphänomene, die ich erleben durfte. Schließlich muss ich mich verabschieden und mache mich über eine andere Route auf den Weg zurück nach Kangerlussuaq. Die Berge um mich herum bilden eine Schneise hin zum Gletscher und der Wind weht seine Kälte in der Nacht zu mir hinunter. Ich harre mehr aus als dass ich wirklich schlafe und wickle meinen zitternden Körper in die silberne Sicherheitsdecke aus dem Erste-Hilfe Set. Doch auch diese Nacht vergeht, die Sonne geht strahlend auf und nur meine weißen Finger erinnern mich an die vergangenen Stunden. Ich stapfe querfeldein durch das Gestrüpp einen Berg hinauf, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Dabei verliere ich den Weg und bewege mich somit absolut mittellos durch die Landschaft. Doch auch hier mache ich mir keine Sorgen. Ich werde den Weg schon wiederfinden, denn die Richtung ist auf jeden Fall die Richtige. Ich schmunzele, als ich daran denke wie ich noch vor 2 Wochen in einer solchen Situation reagiert hätte. Grönland hat anscheinend meine Art Dinge zu betrachten verändert. Ich lese ein wenig in meinem Wegweiser-Buch und erfahre unter der Rubrik Gut zu wissen Folgendes: „Falls Sie einer Herde Moschusochsen begegnen, achten Sie darauf nicht oben auf einem Bergkamm zu stehen, da die Tiere nach oben fliehen.“ Na toll. Genau da befinde ich mich aktuell. Ich bin den Tieren bis jetzt zwar noch nicht begegnet, aber es könnte ja immer das erste Mal sein. Ich setze meinen Rucksack ab und robbe wie ein Ninja auf dem Bauch zur Anhöhe, um darüber zu spähen. Nichts zu sehen. Glück gehabt. Die Anspannung fällt von mir ab und gleichzeitig bin ich erleichtert, dass niemand meine spontane Selbstrettungsaktion mitbekommen hat. Es muss ein absolut eigenartiger Anblick gewesen sein. Einige Kilometer später stehe ich wieder auf dem Pfad und setze meinen Rückweg fort. Ich genieße die letzten Tage alleine und während ich die Farben um mich herum und den Geruch der Natur in mich aufsauge, hoffe ich inständig, dass ein Teil von Grönlands Wildheit in mich übergehen möge. Als ich den Flughafen erreiche, bin ich endgültig am Ziel. Doch das Hochgefühl der Erleichterung, welches mich durchströmt, ist eindeutig mit Wehmut gemischt. Mein Flug geht erst morgen früh und so gönne ich mir im einzigen Laden 2 große Packungen Kekse und esse alles auf einmal auf. Es ist wie eine Geschmacksexplosion und ich fühle mich wie im Himmel. Danach rolle ich mich auf einer Bank im Wartebereich zusammen und schlafe ein. Ich werde von Stimmengewirr geweckt und als ich verschlafen blinzele, wuseln Menschen in schicken Anzügen um mich herum und schauen auf mich herab. Ich bin verwirrt und richte mich auf und werde prompt angesprochen. Was ich hier täte und ob es mir gut ginge. Ich bejahe heiser und einer der Männer setzt sich neben mich und blickt mich freundlich an. „Du hast bestimmt Hunger nehme ich an?“ Ich will nicht unhöflich wirken, doch meine Augen verraten zu viel und bevor ich mich beherrschen kann, rutscht mir ein weiteres „ja“ hinaus. Er führt mich in die Cafeteria aus der es herrlich duftet und spendiert mir ein Frühstück. Einfach so. Mir, einem wildfremden und nicht grade sauberen Menschen. Diese Geste berührt mich zutiefst und mir fehlen die Worte. Bevor der Mann geht, steckt er mir seine Visitenkarte zu. „Damit du weißt wer dir das Essen spendiert hat.“ Und genauso schnell wie er aufgetaucht ist, verschwindet er wieder. Ich starre die Karte an und verschlucke mich an meinem Brötchen. Vorne prangt das Bundeswappen des deutschen Adlers. Dieser Bundestagsabgeordnete wird wahrscheinlich ebenso wie ich von nun an eine erstaunliche Geschichte zu erzählen haben.

Der Flug vergeht schnell und als ich von Kopenhagen aus mit dem Zug nach Hause fahre, zieht die Morgendämmerung herauf und taucht die Landschaft vor dem Fenster in feinen Nebel. Während alles an mir vorbeirauscht, lasse ich die letzten 3 Wochen revue passieren. Viele sagen, dass sie reisen, um sich selbst zu finden. Bis jetzt habe ich diese Aussage immer belächelt und konnte nur wenig damit anfangen. Ich habe nicht danach gestrebt mich selbst zu finden und doch hat sich ganz unauffällig ein Wandel in mir vollzogen. Ich sehe jetzt häufiger die guten Dinge. Ich bin aufmerksamer. Ich akzeptiere was ist und was kommt und mache das Beste daraus. Ich werde nie wieder für selbstverständlich nehmen, was ich habe. Weder die materiellen Dinge, noch meine wunderbare Familie, die zu Hause auf mich wartet und werde nie wieder in Frage stellen, dass ich geliebt werde. Ich bin geerdet. Ich bin erwachsen.

Carolin Krupop

Ich heiße Caro und bin 21 Jahre alt. Ich liebe Sport, bin immer in Bewegung und suche neue Abenteuer und schmiede Reisepläne. Egal ob beim Fallschirmspringen, Tough Mudder laufen, bei Wandertouren, oder vielen gemeinsamen Reisen mit meiner Familie; mein Lebensmotto lautet "bereit geboren". Seit meinem Abi 2016 war ich nun 3 Mal solo auf Reisen in Grönland, Südafrika und Chile. Dies hat mich zu der Person gemacht die ich heute bin und ich hoffe, dass noch viele weitere Reisen folgen werden.

  1. Das war sehr interessant diesen Artikel zu lesen. Ich hatte immer Angst solche Reise zu machen. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass dieses Abenteuer man erleben soll.
    Was mir am meisten gefallen hat, ist, dass die Details perfekt beschrieben wurden.

  2. Mitreißendere Bericht, Mut und Freiheit in seiner schönsten Form! Danke für den Blick hinter die Kulissen Caro :)
    Freue mich auf weitere Stories von Dir :)

  3. Dorothee Meyer

    Vielen Dank für diese unglaublich wunderschöne Zeit zu zweit in einem so wundervollen Land! Diese Erinerrungen sind so unersetzlich und wertvoll, ich bin unglaublich dankbar dafür, Sie mit dir gemeinsam erlebt haben zu dürfen! Auf unser erstes Abentauer und auf viele weitere kommende! Liebe dich, Drotti! <3

  4. Respekt an dich! Ich hätte mich nicht getraut, so eine Reise zu machen. 260 Kilometer zu Fuß und das noch auf Grönland. Ich dachte, dass die schönsten Wanderungen Südtirol sind. Aber ich sehe, dass man sich auch mal andere Ziele setzen sollte. LG

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