Der Palast der Blühenden Tugend

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Der Palast der Blühenden Tugend

Seoul ist eine Metropole der geord­neten Unordnung. Zerfahren und aufge­räumt, beweg­lich und ultra­mo­dern. Shoppingcenter als Paläste der Gegenwart, der Konsum treibt die Dynamik der Stadt. Man fühlt sich verstanden und ist doch enttäuscht.

Die Straßenblöcke um die Dongdaemun Station im Osten von Seoul scheinen die mensch­liche Existenz auf einen Daseinszweck zu reduzieren: Shopping. Mehrstöckige Häuser sind bis unter das Dach vollge­stopft mit Geschäften, darunter verteilen sich Boutiquen auf mindes­tens drei Untergeschossen. Es wird unter­schieden nach »Young Career«, »Young Character, Dooche« oder »Luxury, Bag & Shoes«. Hier stehen nicht bloß zwei oder drei Riesenkaufhäuser, sondern gleich sieben neben­ein­ander.

Die Einkaufstürme sind unter­ir­disch verbunden, man weiß nie, auf welcher Seite der Straße einen das Gewirr aus Gängen und Rolltreppen wieder an die Luft bringt. Man verliert ganz angenehm die Orientierung. Auf den Bürgersteigen stehen Verkaufsstände. Sneaker in allen Bonbonfarben tragen das Logo »New Star«, eine Fälschung von New Balance. Die Originalschuhe werden von jedem zweiten Hipster durch die Stadt getragen, die Straßenmode ist den Metropolen des Westens erwar­tungs­gemäß ein Jahr voraus.

Die Geschäfte des Dongdaemun Market scheinen nie zu schließen, man kann offenbar 24 Stunden am Tag einkaufen. Bunte Neonwerbung leuchtet in die Dunkelheit. Um Mitternacht sind überall Menschen, dabei ist es mitten in der Woche. Als Reisender ist das alles etwas gefähr­lich: Man gerät in Versuchung, sein Wochenbudget gleich am ersten Tag in Seoul gänzlich aufzu­zehren. Nichts anderes will diese Stadt.

Downtown Seoul

Am nächsten Morgen spiegelt sich der Himmel optimis­tisch blau in den Glasfassaden der Hochhäuser. Ich laufe über den Chungbu Market parallel der Eulji-ro in Richtung Downtown. Frauen waschen Kohl und drapieren Fischköpfe in Plastikschüsseln. In kleinen zwei- bis dreistö­ckigen Kastenbauten werden Werkzeuge, Maschinen, Lacke, Kleber und Holzplatten verkauft, es riecht nach Terpentin. Der erste Eindruck des Tages: Jede kleine Unordnung wirkt im Großen und Ganzen wieder sehr überschaubar.

Die U‑Bahn-Haltestellen entlang der Eulji-ro sind durch unter­ir­di­sche Fußgängerpassagen verbunden, die manchmal ganze »Underground Shopping Center« bilden, in denen augen­schein­lich vor allem Maßschneider ihre Ware anbieten. Der Reisende wird von Business-Anzügen und adretten Kostümen gestreift. Allgemeine Geschäftigkeit. Die Menschen sind in Bewegung, niemand steht einfach so herum.

Wieder an der Oberfläche stolpert man in die große Fußgängerzone von Myeong-dong, deren Geschäfte das gesamte Fundament der westli­chen Markenarchitektur abbilden: H&M, Zara, Nike, Reebok, Adidas, Tommy Hilfiger, und so weiter. In der Filiale von »Paris Baguette« gibt es uninter­es­sant schme­ckende Teigwaren, das Geschäft ist eine wirklich schlechte Imitation einer franzö­si­schen Bäckerei.

Daneben existiert eine große Auswahl an absolut austausch­baren Kaffeeläden, die allen­falls kurz zum Hinsetzen einladen, weil die Menschen in den gehetzten Fortschrittsgesellschaften den Widerspruch aus Beschleunigung und Einkehr ja gerne vergeb­lich durch einen coffee to go aufheben möchten. Seoul ist wahrschein­lich auch deshalb so toll, weil man als westli­cher Reisender gleich irgendwo abgeholt wird.

Seoul
Seoul
Seoul

Die Vorzeigestadt mit ihren knapp 10 Millionen Einwohnern ist das Produkt einer staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Erfolgsgeschichte. Während Nordkorea sein radikal­sta­li­nis­ti­sches Experiment hinüber in das neue Jahrtausend retten wollte, kopierten die bis dato rückstän­digen Südkoreaner ab Ende der sechziger Jahre das Funktionsprinzip westli­cher Marktwirtschaften, ohne jene Schwächen zu adaptieren, die eine allzu große Freiheit der ordnungs­po­li­ti­schen Rahmenbedingungen mit sich bringt.

Präsident Park Chung-hee verzahnte Politik und Wirtschaft und trug so zum Aufstieg der mächtigen korea­ni­schen Industriekonzerne bei, der sogenannten jaebol, die ihre Dominanz durch beste Kontakte zur Regierung immer weiter ausbauen konnten. Unternehmen wie Hyundai, LG oder Samsung profi­tierten vor allem von einer extrem export­freund­li­chen und import­feind­li­chen Wirtschaftspolitik. Wer heute durch die Glitzercity Seoul flaniert, kommt zu dem Schluss: Sie haben es alles richtig angestellt.

Südkorea gehört bekannt­lich zu den weltweit führenden Industrienationen, und die Hauptstadt strahlt eine weltge­wandte Souveränität aus. Die U‑Bahnen sind auf die Minute durch­ge­taktet, die Geschäfte immer offen. In der City Hall mit ihrer futuris­ti­schen Architektur erinnert wenig an ein Verwaltungsgebäude. Der Tempel von Deoksugung erscheint inmitten der Hyperurbanität der umlie­genden Wolkenkratzer wie ein folklo­ris­ti­scher Erinnerungsort für eine ausster­bende Generation, die noch eine andere Lebenswirklichkeit als die kapita­lis­ti­sche Moderne kennen­ge­lernt hat.

Seoul
Seoul

Wer sich an ein altes, vormo­dernes Korea erinnern lassen möchte, besucht am besten das Viertel Bukchon im Norden der Stadt. Hier wohnten während der ruhmrei­chen, mehr als 600 Jahre bestehenden Joseon-Dynastie viele Edelleute der Stadt. Gegen Ende der zwanziger Jahre wurden die tradi­tio­nellen hanoks mit den gedrun­genen Dächern und wuchtigen Dachpfannen gebaut, die das Stadtbild des Viertels bis heute prägen.

Bukchon ist ausge­spro­chen schön zum Verweilen. Es gibt ausge­zeich­nete Restaurants und Cafés, die Latte macchiato mit grünem Tee servieren. Kleine Museen und Schaustuben ortsan­säs­siger Künstler bringen dem Besucher alther­ge­brachtes korea­ni­sches Handwerk näher: Lackarbeiten, Stickereien, Knotenkunde. Man soll bei den Workshops natür­lich auch ein bisschen nachemp­finden, wie es sich in einem korea­ni­schen Haushalt so lebt.

Das ganze Viertel wirkt wie ein kleines, pitto­reskes Freilichtmuseum. Die mit allen Begehrlichkeiten des modernen Lebens nachge­rüs­teten hanoks werden aber erfreu­li­cher­weise von ganz normalen, wenn auch privi­le­gierten Menschen bewohnt. Rotwangige Comicfiguren auf Schildern warnen allzu forsche Touristen: »Please do not disturb the neigh­bors in this area.«

Bukchon Hanok Village Seoul
Bukchon Hanok Village Seoul

Gleich östlich von Bukchon liegt Changdeokgung, der Palast der Blühenden Tugend. Man schreitet durch das sogenannte Tor der Machtvollen Verwandlung, verlässt die Allgegenwärtigkeit der schicken Superstadt und fühlt sich kein bisschen anders als vorher.

Die geballte Historie Koreas verdichtet sich plötz­lich auf eine Ansammlung asymme­trisch angelegter Herrschaftsgebäude. Sie sind hübsch anzusehen. Die fünfblätt­rigen Pfauenblüten am Dachfirst reprä­sen­tieren den Clan des Yi Seong-gye, der die Joseon-Dynastie 1392 gründete. Changdeokgung verbinden die Koreaner aber auch mit einer schmerz­li­chen Erinnerung: Kaiser Sunjong unter­zeich­nete hier 1910 den Annexionsvertrag mit Japan, der Korea vorüber­ge­hend zu einer Kolonie degra­dierte. In den Zerwürfnissen der Geschichte wurde der Ostpalast ohnehin mehrmals zerstört und wieder aufge­baut. Heute bemüht sich die Unesco um den Erhalt.

Den Reisenden zieht es wieder hinaus in die Stadt, in die Gegenwart. Die Vergangenheit liegt in Seoul oft hinter fein säuber­lich abgegrenzten Mauern. Man schreitet hinein, man schreitet hinaus, so wie man auch die kleinen, dunklen Restaurants betritt, die noch nicht ganz durch­de­signt sind, wo es noch dampft, zischt und brodelt, während die gradu­ierte Jugend in absolut stilsi­cheren Outfits draußen am Fenster vorbei schlen­dert.

Changdeokgung
Changdeokgung

Es gibt in Korea einen Ausdruck für jene Frauen, die mit Handtaschen von Gucci oder Louis Vuitton und einem Kaffee im Pappbecher blasiert über das Trottoir stolzieren und zum Beispiel einen etwas under­dressten Europäer nicht eines Blickes würdigen: doenjang girls oder soybean paste girls. Diese Mädchen, so heißt es, leben in spärli­chen Wohnungen und ernähren sich haupt­säch­lich von einer billigen Sojapasten-Suppe aus dem Supermarkt, doenjang jjigae, damit sie sich draußen auf der Straße einen Kaffee von Starbucks für umgerechnet fünf Euro leisten können.

Als das doenjang girl in Korea während der Nullerjahre zu einem Hypewort avancierte, wurde schnell auf den sexis­ti­schen Charakter des Begriffs hinge­wiesen, schließ­lich seien die jungen Männer mit den BMW-Autoschlüsseln genauso marken­fi­xiert und verblendet. Auch wurde gefragt, ob die Abwertung, die dem Wort innewohnt, nicht Ausdruck einer Kränkung der mittel­losen männli­chen Jugend sei, die es einfach nicht ertragen könne, dass sich junge Frauen ohne Begleitung in gut ausge­leuch­teten Cafés amüsieren.

Darüber lässt sich kein schnelles Urteil fällen. Doch es gibt dieses Extrem: Im sogenannten Westen lösen bestimmte Statussymbole heute eher ein mitlei­diges Lächeln denn Bewunderung aus, und man möchte jedem Louis-Vuitton-Taschen-Träger in Deutschland ein entnervtes »Get over it« hinterher rufen. In Seoul sind diese Insignien des Wohlstands gerade für viele junge, urbane Menschen irritie­ren­der­weise elementar. Sie wirken von außen wie der letzte Existenzzweck und soziale Code, nach dem sich Anerkennung und Nichtbeachtung aufschlüs­seln lassen.

Eines Abends lerne ich im Ausgeh- und Vergnügungsviertel Itaewon einen Kanadier kennen, der seit vier Jahren in Korea lebt. Er trägt ein einfa­ches, schwarzes T‑Shirt und beschreibt die Mentalität der Sojapasten-Mädchen so: »They would never talk to me if they met me in the streets. But if they came over and saw my apart­ment, they would instantly marry me.« Es sind vielleicht die gleichen Frauen, die eine der zahllosen Schönheitskliniken besuchen, in denen sich junge Koreaner die Wangen schmaler und die Augen größer operieren lassen, um »westli­cher« auszu­sehen, auch wenn das niemand so ausdrückt. Das Ideal existiert. In jeder U‑Bahn lächeln adrette Ärzte von weiß gehal­tenen Werbetafeln, dazu gibt es Vorher-Nachher-Porträts zufrie­dener Kunden.

An meinem letzten Abend in Seoul steige ich auf den bewal­deten Hügel im Namsan-Park mitten in der Stadt. Oben steht ein Fernsehturm mit Drehrestaurant, der N Seoul Tower. Auf der Aussichtsplattform haben junge Pärchen als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit hunderte von bunten Schlössern an einem Metallzaun festge­macht. Der Blick fällt Richtung Süden zum Han-Fluss, nach Gangnam und auf die Flugzeuge, die im warmen Abendlicht hinter den Wolkenkratzern sanft Richtung Erde schweben.

Je mehr das Sonnenlicht schwindet, um so deutli­cher strahlen die Leuchtfarben der riesigen Stadt in die Nacht und illumi­nieren die konsum­ge­sät­tigte Dominanz dieser Weltmetropole des Ostens. Es ist wunderbar, dem zuzuschauen. Und doch mischt sich Wehmut in die Betrachtung, weil man vielleicht geglaubt hat, genau das nicht zu finden, was man zuhause gering­schätzt. Dabei tritt es hier oft noch deutli­cher in Erscheinung. Im nächsten Moment erscheint einem dieser Gedanke furchtbar schein­heilig.

Seoul Skyline
Seoul Skyline
Seoul Skyline

Kommentare

  1. Avatar von Oli

    Hallo Philipp,
    ich war im Frühling auch zwei Wochen in Südkorea, fast eine davon in Seoul. Vieles, was du hier beschreibst, trifft auch auf andere fernöst­liche Metropolen zu. Tokyo oder Shanghai sind da nicht viel anders.

    In Peking, wo ich ein paar Jahre lebte, kamen immer super modisch geklei­dete Frauen mit (wahrschein­lich falschen) Guchi-Taschen aus dem Keller. Eines Tages bin ich selber mal da runter gegangen, um zu schauen, was die dort treiben. Ich gelangte in eine Art Zivilschutzbunker, der in kleine Kabinen unter­teilt war. Die Mädels wohnten dort für etwa 50 Euro pro Monat in einem 10 Quadratmeterzimmer. Ich hab 12 Etagen weiter oben das Zehnfache bezahlt.

    In Seoul und mehr noch in Tokyo hatte ich aber immer das Gefühl, dass es neben dieser kapita­lis­ti­schen Konformität einen grossen Untergrund gibt. Schau dir zum Beispiel mal die gewal­tige Musikszene in Seoul mit alter­na­tiven Bands und so weiter an. Vermutlich reicht es einfach nicht, nur ein paar Tage in Seoul zu bleiben, um unter die schil­lernde Oberfläche zu sehen. Das ist kein Vorwurf an Dich. Auch mir ist das in den wenigen Tagen nicht gelungen.

  2. Avatar von Koreanisch Lernen

    Also Ich bin von Südkorea und Seoul total begeis­tert. Lebe jetzt schon eine zeitlang hier und kann nichts schlechtes sagen. Ich kann dich aller­dings verstehen und auch wenn der Artikel bereits zwei Jahre alt ist, hat der doch einiges an Aktualität zu bieten. Nachdem Ich die korea­ni­sche Sprache gelernt habe, ist das Leben in Südkorea noch besser. Es ist vielleicht nicht das günstigste Land der Welt, um dort zu leben aber Ich weine keiner Ausgabe hinterher. Vor allem beim Essen. Das ist aber auch lecker!!! Ich würde aber auf jeden Fall jedem Reisenden empfehlen die Sprache zu lernen, zum Beispiel auf http://koreanischlernen.net denn dann kann man seine Zeit in Korea noch besser verbringen. Und der Spracherwerb ist eigent­lich gar nicht so schwer. Auf den Fall lohnt es sich nach Seoul zu kommen. Ein tolles Erlebnis für jeden, der mal etwas völlig anderes sehen will.

  3. Avatar von Joshua
    Joshua

    Ich war letzte Woche für 5 Tage in Seoul und bin ganz begeis­tert von dieser Stadt!

  4. Avatar von Stefan Krieger

    Super Artikel, hat mir echt gut gefallen. Hab jetzt ein Bild von dieser Stadt vor Augen. Und ich weiß was Soy Bean Paste Girls sind :). Lieber Gruß, Stefan

    1. Avatar von Philipp Laage

      Wäre natür­lich inter­es­sant, wie du die Stadt siehst, wenn du dort wärst. Sicher ganz anders.

  5. Avatar von Maria-Bettina Eich

    Ja, irgendwie schon. Obwohl ich von meinen Erfahrungen mit Seoul nach wie vor begeis­tert bin, erkenne ich die Stadt in Deinem Text wieder. Alles eine Frage der Perspektive? Was sucht man? Exotisches altes Asien? Und bekommt statt­dessen einen Spiegel vorge­halten; einen Zerrspiegel? Was ich inter­es­sant finde, ist die spezi­elle Form der Verzerrung, in der sich das »typisch Westliche« in Seoul sedimen­tiert. Und wie es sich mischt mit Altem, das man findet, wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt. Für Kinder ist Seoul jeden­falls ideales Asien zum Einsteigen: http://mariabettina.twoday.net/stories/10-gruende-mit-kindern-nach-seoul-zu-reisen

    1. Avatar von Philipp Laage

      Mit Sicherheit ist es ein Zerrspiegel. Man bringt schon so viel mit an Einstellungen und Meinungen, dass man kaum klar auf diese Stadt schauen und sich ein Bild machen kann. Aber ich war ja auch ziemlich begeis­tert – nur anders als erwartet. Aber das liegt an mir. Das Essen ist übrigens wirklich großartig!

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