Jakarta, du Bestie! (2)

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Jakarta, du Bestie! (2)

Als wir uns wieder stark genug fühlen, machen wir es uns zur Aufgabe, Jakarta zu verlassen und ein Zugticket zu kaufen. Dass dies einen halben Tag in Anspruch nimmt ist typisch für unser Jakarta. An der Gambir-Station sind alle Tickets ausver­kauft, aber wir sollen nicht verzagen und zum anderen Bahnhof ein paar Kilometer weiter gehen. Passanten, die uns den Weg erklären, verab­schieden uns nicht mit Goodbye, sondern bezeich­nen­der­weise mit Be Careful. Und so geht die Jagd über Jakartas Straßen wieder los, mit uns in der Rolle der Gejagten.

push

Als wir am Bahnhof ankommen erscheint mir die Unordnung und Hektik so stereo­ty­pisch, dass es mir fast insze­niert vorkommt. Vor 2 kleinen verglasten Schaltern steht eine riesige Menschentraube. Ständig strömen neue Leute herbei. Wir haben Probleme in das Gebäude herein­zu­kommen, so groß ist das Gedränge. Überall flattern kleine Reservierungszettel herum, die man wohl ausge­füllt am Schalter präsen­tieren soll. Der entschei­dende Tipp kommt von einer Frau, die uns schnell als überfor­derte Fremdkörper identi­fi­ziert: Zugtickets sind für einen Aufpreis von 47 Cents auch im Supermarkt erhält­lich. Sie marschiert zügig vorweg und wir im blinden Vertrauen hinterher. Im Eiltempo organi­siert sie die Tickets für uns, und ehe wir uns vernünftig bedanken können zischt sie wieder ab, mit dem Hinweis, wir sollen morgen um 5:00 am Bahnhof sein. Auf dem Zugticket steht, dass die Abfahrt nach Yogyakarta um 6:00 ist. Naja, lieber trotzdem um 5 kommen denke ich mir, Jakarta könnte wieder gnadenlos sein.
Am Abend schauen wir uns im Kino der „Grand Indonesian Mall“ einen Film an. Erstens, weil wir Lust auf ein wenig unkom­pli­zierte Unterhaltung haben und zweitens, weil wir so in eine irreale Luxuswelt tauchen können, die auch zu Jakarta gehört. Aus dem Sumpf dieses gnaden­losen Großstadtmolochs erhebt sich ein Einkaufszentrum gen Himmel, in dem alles dafür getan wird, die Realität auszu­sperren. Ein Security am Eingang soll vorder­gründig Taschen auf Waffen kontrol­lieren, mir kommt er eher wie eine Gesichtskontrolle vor. Die mittel­losen Menschen aus den Straßen Jakartas müssen draußen bleiben. Wir Europäer müssen nicht einmal unseren Rucksack aufhalten. Taxis holen die Privilegierten direkt im überdachten Erdgeschoss ab, denn wer die Mall über den Haupteingang verlässt, den holt die Realität rücksichtslos und unmit­telbar ein: Menschen sitzen, schlafen, feilschen, verhan­deln, spielen oder sind einfach ohne beson­deren Anlass da. Aber es sind immer viele. Manche bieten ihr Moped als Taxi an, andere schieben einen mobilen Einkaufsstand vor sich her, von dessen Gesamtwarenwert man sich wohl nicht einmal ein T‑Shirt aus der Mall kaufen kann. Aus dieser Welt kommend, ist es ein anderes Gefühl durch die Mall zu schlen­dern: plötz­lich kommen mir die Preise der globalen Bekleidungsketten wie fantas­ti­sche Mondpreise vor. Wo arm und reich so direkt aufein­an­der­prallen, wirkt das Konsumieren kalt und gewis­senlos. Absurd kommt mir der Gedanke vor, einen Latte Macchiato zu trinken, der soviel Wert sein soll wie ca. 12 gute Java-Coffees im Warung um die Ecke.

Nacht
warung 2

In der Nacht vor der Abreise kommt noch einmal alles zusammen: Zwischen 3:00 und 4:00 meldet sich bei Aylin die Ziegenleber zurück. Nichts will mehr in ihrem Magen bleiben und ausge­rechnet jetzt steht eine 8h Zugfahrt an, womög­lich mit Ziege auf dem Schoß. Wir überlegen uns abzubre­chen doch angetrieben vom Wunsch weiter­zu­reisen, nimmt Aylin allen Mut zusammen, schmeißt ein paar Loperamid ein und nimmt es ein letztes Mal mit Jakarta auf. Der riesige Rucksack wirkt wie ein Hinkelstein auf ihrem Rücken, die Schweißperlen rinnen schon nach den ersten Metern in ihr Gesicht. Es ist noch stock­finster aber trotzdem schon schwül. Nach 5 Gehminuten die erste erzwun­gene Pause: Die Medikamente wirken offenbar noch nicht. Sobald wir weiter­laufen bietet uns ein windiger Taxifahrer nach dem anderen an einzu­steigen. Einer kurbelt seine Scheibe herunter, glasige Augen schauen praktisch durch uns durch. Er sagt nichts außer in regel­mä­ßigen Abständen „Airport“. Auweia. So bin ich vorerst damit beschäf­tigt links von mir die aggres­siven Taxifahrer abzuwim­meln und nach rechts Durchhalteparolen an Aylin abzugeben. Nach 30 Minuten Fußmarsch ist der Bahnhof noch weit entfernt und Aylin den Tränen nahe. Ihr fehlt die Kraft und uns mittler­weile die Zeit, unseren Zug noch recht­zeitig zu errei­chen. So entsteht eine paradoxe Situation: Ich will ein Taxi finden, während ich damit beschäf­tigt bin, genau diese von uns fernzu­halten. Ein Tuk-Tuk knattert an uns vorbei, der Fahrer wirkt fahrtüchtig und der Preis ist akzep­tabel.

tuk tuk

Der Stress fällt mit einem mal ab, als ich den Zug einfahren sehe – wir haben eine Klimaanlage, ganz normale Sitze und müssen den Platz nicht mit einer Ziege teilen (wie uns vorher prophe­zeit wurde).
Oh Jakarta, du hast wirklich mit allen Bandagen gekämpft! Der eine mag die Stadt als ‚stressig’ bezeichnen, der andere als ‚intensiv’ – ich denke der persön­liche Eindruck ist bei jedem Mensch verschieden. Ein kanadi­scher Auswanderer sagte über seine Wahlheimat nur ‚It’s a shithole’. So kann man es auch sehen. Vielleicht überlege ich mir bei meinem nächsten Indonesien Besuch auch zweimal, ob ich nicht direkt nach Bali fliegen soll. Trotzdem bleibt die Erinnerung, es mit Jakarta aufge­nommen zu haben. Und diese ist intensiv und nachhaltig. Sehr intensiv und sehr nachhaltig.

Fahrrad.

Kommentare

  1. Avatar von Thomas
    Thomas

    Hallo ihr beiden,

    waren 1997 da. Nur vom Flughafen zum Bahnhof und dann weiter Jogja. Rest-Java und Bali sind besser. Allerdings geht es mir mit Indonesien – dagewesen ja, aber kein zweites Mal. Vielleicht irgend­wann noch mal nach Thailand…

    Schöne Reise noch
    Thomas

  2. Avatar von Tom
    Tom

    Hi ihr Beiden,

    nachdem ich 92 und 2001 mich von Jakarta erschlagen lies, nenne ich es auch nur noch das Dreckloch. Die Steigerung des üblichen Chaos sind Smog oder Starkregen, der die Kanäle zum überlaufen bringt oder Truppentransporter auf jedem Roundabout.

    Tip für einen Abflug aus Jakarta ist Bogor – ein wenig verschlafen mit einem tollen Park – und einem Flughafen Shuttle.
    Falls euch Java zu hektisch und Bali zu touris­tisch wird kann ich euch Sulawesi empfehlen. Viel zu sehen und gute Möglichkeiten mal seine Ruhe zu haben.

    Viel Spass in Indonesien, Tom.

    1. Avatar von Aylin & Stefan

      Ja in der Tat hatten wir nach unserem Jakarta Auftakt eine wirklich wunder­bare Zeit in Indonesien 😉

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