Es ist merk­wür­dig. So oft man auch auf­bricht, um irgend­wo­hin zu rei­sen, jeder Auf­bruch ist wie­der neu. Jedes Mal ist man wie­der auf­ge­regt. Jeden­falls geht es mir so, selbst, wenn das Ziel im Nach­bar­land Tsche­chien liegt. Ein Freund hat zum Geburts­tag gela­den, er hat sich Prag dafür aus­ge­sucht. Das soll mir Recht sein – ich habe ihn lange nicht mehr gese­hen. Prag noch län­ger nicht mehr, bei mei­nem ers­ten und ein­zi­gen Besuch war ich sie­ben oder acht Jahre alt. Damals kam ich mit mei­ner Fami­lie, ich erin­nere nur noch Bruchstücke.

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Am Flug­ha­fen in Ham­burg Ernüch­te­rung, als eine Dame uns mit­teilt, dass wir eine Stunde war­ten müs­sen – das Flug­zeug sei noch auf dem Weg von Karls­ruhe hier her. Als wir die schmale Maschine der Euro­wings betre­ten haben, teilt uns die Plau­der­ta­sche von Pilot den Grund mit. Wäh­rend des Starts in Karls­ruhe sei ihnen ein Bus­sard in die Quere gekom­men, eine Kol­li­sion konnte ver­mie­den wer­den. Da aber nach einem Start­ab­bruch ein tech­ni­scher Check-Up des Flug­zeugs ver­pflich­tend sei, habe es so lange gedau­ert. Na welch ein Glück. Uns gera­ten nur Regen­trop­fen in die Quere, ansons­ten ver­läuft der Start rei­bungs­los. Der Flug dau­ert gerade ein­mal 55 Minu­ten, von oben betrachte ich erst Wol­ken­fel­der, dann Fel­der mit Getreide, Mais oder kahle Wie­sen und wun­dere mich aber­mals, welch ver­rückte Tätig­keit Flie­gen ist. Man sitzt herum, man schaut, man liest, man schläft – kurz gesagt: Man tut im Grunde nichts. Und doch bewege ich mich in einem unge­heu­ren Tempo vor­wärts und über­winde eine Ent­fer­nung, die mich mit dem Auto min­des­tens neun oder zehn Stun­den kos­ten würde, in weni­ger als einer Stunde. Ich bin froh, dass mich sowas immer noch erstaunt. Es ist wich­tig, so etwas nicht ein­fach hinzunehmen.

Lan­de­an­flug auf die tsche­chi­sche Haupt­stadt, glück­li­cher­weise sitze ich auf der Seite, von wo aus ich die Stadt sehen kann. Ein Meer roter Dächer und klei­ner Gie­bel, durch­kreuzt von einem Fluss, viel Grün, recht klein – einige Hügel und Berge. Das ist Prag. Die jun­gen Frauen am Info­schal­ter der Taxi­gesell­schaft sind sehr stark geschminkt und tra­gen sehr kurze Ober­teile und sehr kurze Hosen. Sie kauen Kau­gummi und inter­es­sie­ren sich mehr für ihr Smart­phone als für den Kun­den. Wie dem auch sei, ein unter­setz­ter Mann mit sla­wi­schen Gesichts­zü­gen nimmt mir schweig­sam den Ruck­sack ab und wir bege­ben uns in dem klei­nen Taxi knat­ternd in Rich­tung Innen­stadt. Was mir als Ers­tes auf­fällt: Ganz gleich, wie nah wir ans Stadt­zen­trum gelan­gen, es wirkt nie wirk­lich städ­tisch, nie urban. Im Außen­gür­tel noch einige kleine Plat­ten­bau­ten, mehr grau als far­big, dann aber Kopf­stein­pflas­ter, bunt bemalte Haus­wände, Gie­bel, Fach­werk, die alter­tüm­li­che, an Sowjet­zei­ten erin­nernde dun­kel­rot bemalte Stra­ßen­bahn mit den immer nur zwei Wag­gons. Ich fühle mich sofort wohl und mir rau­schen tat­säch­lich Erin­ne­rungs­fet­zen mei­ner Kind­heits­reise von damals durch den Kopf.

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An einem stei­len Hang unweit der Karls­brü­cke, im west­lich der Mol­dau gele­ge­nen Teil der Stadt, liegt die Nebo­vidskà. Hier befin­det sich das Gast­haus, in dem ich im zwei­ten Stock ein klei­nes Appar­te­ment beziehe. Die Lage ist herr­lich, genau über mei­ner Straße liegt die Pra­ger Burg mit ihrem weit­läu­fi­gen Areal. Es ist Juli und heiß, die Luft steht. Trotz­dem bin ich gut aus­ge­ruht und moti­viert. Nach­dem ich erst­mal in Ruhe auf dem Bal­kon vor mei­ner Unter­kunft eine geraucht habe, begebe ich mich hin­ein in das Getüm­mel der engen und stei­len Gas­sen. Nach zwei Minu­ten habe ich mehr Japa­ner und Chi­ne­sen gese­hen, als in Ham­burg inner­halb eines Jah­res. Es scheint tat­säch­lich mehr und mehr chi­ne­si­sche Tou­ris­ten zu geben, die sich Europa im Schnell­durch­lauf anse­hen. Ich pas­siere die St. Niko­las Kir­che, eine Stra­ßen­bahn fährt mich bei­nah über den Hau­fen. Die Men­schen­menge wird dich­ter, eine träge Masse spült mich wie einen Fisch im Was­ser direkt auf die Karls­brü­cke, die Kar­lúv most. Ganz gleich, wie voll es ist – der Anblick der Türme, der 30 Figu­ren auf den Pfei­lern ent­lang der Brü­cke, der Mol­dau, die fröh­lich unter ihr hin­weg fließt – es ist kaum mög­lich, sich nicht begeis­tern zu las­sen. Anders als ihre Vor­gän­ge­rin über­lebte die Karls­brü­cke schon viele Flu­ten, das letzte Mal im August 2002, als das Land die schlimmste Flut seit 500 Jah­ren erlebte. Im 17. Jahr­hun­dert wur­den die ers­ten baro­cken Sta­tuen errich­tet. Heute sind viele von ihnen nur noch Kopien, die Ori­gi­nale kön­nen im Lapi­da­rium bewun­dert wer­den. Die bekann­teste Sta­tue ist wahr­schein­lich die des St. Johan­nes von Nepo­muk, einem tsche­chi­schen Mär­tyer und Hei­li­gen, der wäh­rend der Herr­schaft von Wen­zel IV. hin­ge­rich­tet und von der Brü­cke in die Mol­dau gesto­ßen wurde. Die Namens­pla­kette der Sta­tue scheint hell und klar dank der aber­tau­sen­den Besu­cher, die sie über die Jahr­hun­derte berührt haben. Wie auch andern­orts soll einem diese Berüh­rung Glück und eine Wie­der­kehr nach Prag garantieren.

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Die Kar­lúv most ist wei­ter­hin ein belieb­ter Treff­punkt tsche­chi­scher Künst­ler, Musi­ker und Sou­ve­nir­ver­käu­fer, deren Stände alle paar Meter auf­ge­baut her­um­ste­hen. Das bremst den Fluss der Besu­cher­ströme wei­ter ab. Aber ich habe Zeit und beob­achte das Trei­ben auf dem Was­ser, auf dem viele Aus­flugs­boote und Fäh­ren ihre Bah­nen zie­hen. Vom Ost­ufer schim­mern die vie­len Kup­peln der Kir­chen und Syn­ago­gen her­über. Selbst die Sel­fie-Sticks, in die ich alle paar Meter hin­ein­laufe, kön­nen mir nichts anha­ben. Mein Weg führt nun wei­ter in die Alt­stadt, zum Staroměst­ské náměstí. An die­sem zen­tra­len Platz befin­det sich unter ande­rem das alte Rat­haus mit der astro­no­mi­schen Uhr. Und kaum, dass ich das Ske­lett mit der Sand­uhr und die Sym­bole für den Kos­mos hin­ter den Zei­gern sehe, kehrt meine Erin­ne­rung zurück. Hier stand ich also damals als klei­ner Junge mit mei­ner Fami­lie und war­tete dar­auf, dass die Glo­cken schla­gen und die Figu­ren die Welt­ge­schichte auf­füh­ren. Das Ske­lett jagte mir damals eine Hei­den­angst ein. Heute betrachte ich das Ganze mit ent­spann­ten Gesichts­zü­gen und einem Trdel­nik in der Hand. Diese Spe­zia­li­tät besteht aus gekrin­gel­tem Teig, der um eine Metall­röhre auf­ge­rollt und geba­cken oder sonst wie erhitzt wird. Am Ende wird der Krin­gel noch in Zimt­zu­cker gewälzt und lässt sich ganz ein­fach von der Metall­röhre abneh­men, man bekommt das heiße Gebäck­teil ein­fach in einer Ser­vi­ette auf die Hand. Fan­tas­tisch und sehr deftig.

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So lang­sam wird es Zeit, mein klei­nes Appar­te­ment auf­zu­su­chen. Nach einer aus­gie­bi­gen Dusche geht es zum Abend­essen mit dem Geburts­tags­kind und gela­de­nen Gäs­ten. Die tsche­chi­sche Küche bleibt dabei fan­tas­tisch def­tig und kalo­rien­stark, was an den von uns ver­zehr­ten Men­gen tsche­chi­schen Bie­res sicher nicht ver­kehrt ist. Ein Blick in die Spei­se­karte führt uns fort von all dem Rucola-Smoot­hie-Vega­ner Blöd­sinn. Hier kommt noch was Rich­ti­ges auf den Tel­ler: Fut­tern wie bei Mut­tern. Allein die Vor­spei­sen geben die Rich­tung vor. Enten­le­ber mit Wild­pil­zen, Schlacht­platte mit einer kal­ten Aus­wahl an Wurst und Käse, Steak tar­tare mit Knob­lauch­brot, Pilze gegrillt mit Käse und Gewür­zen, scharfe Rinds­würste gerös­tet in Schwarz­bier. Und das gibt es – noch­mals erwähnt – vor­weg. Nach den Würs­ten kommt das Wild mit Knö­deln auf den Tisch und spä­tes­tens nach dem letz­ten Bis­sen ist es Zeit für mehr Bier. So ein Abend kann schon mal etwas in die Breite gehen.

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Auch in die Länge. Mit eini­gen Gedächt­nis­lü­cken besteige ich am fol­gen­den Tag bei noch grö­ße­rer Hitze und mit schwe­rem Kopf den Petřínské sady, einen Berg mit einem ein­la­den­den Wald über den Dächern der Innen­stadt. Der Schat­ten besänf­tigt, der Aus­blick auf Prag gibt einem das Gefühl, auf eine mit­tel­al­ter­li­che Kulisse für Herr der Ringe oder einen ande­ren die­ser monu­men­ta­len Fan­ta­sie-Schin­ken zu bli­cken. Es ist ruhig, die Hitze flim­mert. Ich werde schläf­rig und drohe bereits, auf mei­ner Holz­bank ein­zu­ni­cken, da fällt hin­ter mir, unge­fähr zehn Meter ent­fernt, ein schwe­rer Blu­men­topf zu Boden. Er war von der Fens­ter­bank der angren­zen­den Bot­schaft gefal­len. Pra­ger Fens­ter­sturz 2.0 – aber im Jahr 2015 Gott­sei­dank ohne Folgen.

Aus mei­ner Lethar­gie geris­sen begebe ich mich zurück in Rich­tung Tru­bel und zurück zu Freun­den. Hoch­som­mer. Prag. Nette bekannte Gesich­ter. Viel mehr braucht es nicht.

Cate­go­riesTsche­chien

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