Vier Tage in Sierra Leone

Ich befin­de mich am Lun­gi Air­port in Free­town, Sier­ra Leo­ne. Ich war­te auf mei­nen Rück­flug nach Brüs­sel, sit­ze in einer afri­ka­ni­schen VIP Lounge und schaue aus dem Fens­ter auf das Trei­ben auf dem Flug­feld. Eine Maschi­ne der Kenya Air­ways kommt an, kurz danach die der Air Brussels, die mich zu-rück nach Euro­pa brin­gen wird. Ein Feu­er­wehr­wa­gen steht bereit, rot, mit Lei­ter und Schlauch. Er ist eine Spen­de des Hono­rar­kon­suls für Sier­ra Leo­ne in Baden Würt­tem­berg, das weiß ich aus Erzäh­lun­gen. Ohne sie wür­de der Flug­ver­kehr in Sier­ra Leo­ne zum Erlie­gen kom­men: grö­ße­re Maschi­nen dürf­ten Free­town dann nicht anflie­gen. Eine Feu­er­wehr ist auf Flug­hä­fen Pflicht, und Sier­ra Leo­ne könn­te sie sich defi­ni­tiv nicht leis­ten.

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Die ankom­men­den Pas­sa­gie­re lau­fen über das Roll­feld. Es sind Afri­ka­ner und Euro­pä­er, bunt gemischt. Erstaun­lich vie­le Men­schen, die in die­ses Land rei­sen. Ich fra­ge mich, was sie in Sier­ra Leo­ne zu tun haben, die­sem Land, das erst seit Kur­zem offi­zi­ell Ebo­lafrei ist. In dem man die­se Krank­heit über­all zu spü­ren bekommt: die Angst vor einem Virus, der einen die gan­ze Zeit ver­folgt.

Die gera­de ange­kom­me­nen Rei­sen­den wer­den von zwei Per­so­nen emp­fan­gen: einer Frau, die allen erst ein­mal Sani­ti­zer (so nennt man hier Des­in­fek­ti­ons­mit­tel) auf die Hän­de sprüht und einem Her­ren in wei­ßem Kit­tel mit Fie­ber­ther­mo­me­ter in der Hand. Will­kom­men in Free­town, das Land des Sani­ti­zers und des Fie­ber­mes­sens. Bis zu neun­zig Tage nach der letz­ten doku­men­tier­ten Ebo­la-Erkran­kung müs­sen die­se Kon­trol­len nach Vor­schrift der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO auf­recht­erhal­ten wer­den. Bei mei­ner Ankunft war zähl­te Sier­ra Leo­ne erst den fünf­zigs­ten Tag.

Vor mei­ner Abrei­se war Ebo­la als Gefahr sehr prä­sent, ich habe mich beim Tro­pen­in­sti­tut rück­ver­si­chert, ob mein Vor­ha­ben ohne Risi­ko ist. Aber unser Umgang mit dem Virus hier, zuhau­se in Deutsch­land, kommt nicht an die Wirk­lich­keit her­an, die ich in den nächs­ten Tagen erfah­ren habe.

War­um rei­se ich nach Sier­ra Leo­ne? Ein klei­ner Ver­ein in Bay­ern, der dort diver­se Hilfs­pro­jek­te finan­ziert, schickt mich. Mein Wunsch, die­se Pro­jek­te sel­ber zu sehen. Pro­jek­te, die ich seit Jah­ren nur aus Erzäh­lun­gen ken­ne. Und mei­ne eige­ne Sehn­sucht nach Afri­ka, wo ich einen Groß­teil mei­ner Kind­heit ver­bracht habe.

Das Leben kehrt zurück

Wir kom­men also am Mitt­woch­abend an, nach­dem ich den Tag hin­durch geflo­gen bin. Afri­ka emp­fängt mich schwül, warm mit sei­nem unend­lich tro­pi­schen Grün. Der Geruch bekannt: Feu­er­holz, Feuch­tig­keit, der Geruch Afri­kas. Lun­gi Air­port, ein klei­ner Flug­ha­fen auf einer Halb­in­sel vor Free­town. Nur ein paar Maschi­nen lan­den hier täg­lich und gleich am Ein­gang Ebo­la: des­in­fi­zie­ren, Fie­ber-mes­sen, Gesund­heits­for­mu­la­re aus­fül­len.

Die Über­fahrt nach Free­town erfolgt mit einer Fäh­re. Die afri­ka­ni­sche Nacht ist dun­kel, das Meer riecht sal­zig und gut. Auf der sehr moder­nen Fäh­re ers­te Gesprä­che: das „War­um gera­de Sier­ra Leo-ne?“ wird mit­ein­an­der erör­tert. Mis­sio­na­re, die ihre Pro­jek­te besu­chen, Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Men­schen, die die Gele­gen­heit nut­zen end­lich ihre Ver­wand­ten wie­der zu sehen. Das Leben kehrt zurück.

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Joseph holt uns an der Fäh­re ab. Joseph, ein wun­der­ba­rer, klu­ger jun­ger Sier­ra Leo­ni, dem der Ver­ein ein Magis­ter­stu­di­um in Greifs­wald ermög­licht hat und der nun, ent­ge­gen der Völ­ker­wan­de­rung, in sein Land zurück­ge­kehrt ist, um beim Auf­bau dabei zu sein. Joseph wird mich die vier Tage beglei­ten. Er hat ein Auto gemie­tet und Ter­mi­ne koor­di­niert.

Die Fahrt ins Hotel und gleich der ers­te Schock: Ein­lass auch hier nur nach Des­in­fek­ti­on und Fie­ber-mes­sen. Ich mer­ke bald, dies ist hier Stan­dard. Spä­ter ler­nen wir auch die Stra­ßen­sper­ren ken­nen, wo Poli­zis­ten bei Auto­in­sas­sen Fie­ber mes­sen. Bei einer Kör­per­tem­pe­ra­tur über 38 Grad wird man in ein Sam­mel­la­ger gebracht und auf Ebo­la getes­tet. Plötz­lich erfasst mich Panik: wenn ich eine Erkäl­tung bekom­me oder gar Mala­ria, wie kom­me ich dann wie­der aus die­sem Land her­aus? Gesund­heit wird para­mount.

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Und trotz alle­dem: an die­sem Abend begin­nen die Begeg­nun­gen mit wun­der­ba­ren, muti­gen Men­schen in die­sem land­schaft­lich so schö­nen aber gebeu­tel­ten Land. Ich ver­lie­be mich in Sier­ra Leo­ne, in die Men­schen und alle, die hier leben und Hil­fe leis­ten.

Freetown

Free­town liegt an der Nord­west­spit­ze der Free­town Pen­in­su­la, einer Halb­in­sel, die in den Atlan­ti­schen Oze­an reicht. Die Land­schaft ist gekenn­zeich­net von mit tro­pi­schem Regen­wald bedeck­ten Hügeln, die bis an die fei­nen Sand­strän­de (die als die schöns­ten Afri­kas gel­ten) rei­chen. Wun­der-schön! Die Erde ist rot, üppi­ge grü­ne Vege­ta­ti­on und dann das Meer. Die Stadt ist dicht bevöl­kert und arm. Über­all Müll unter den grü­nen Hügeln, die sanft her­auf­stei­gen.

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Die Men­schen in Free­town üben sich wie­der am nor­ma­len Leben. Seit einer Woche dür­fen Stän­de am Stra­ßen­rand wie­der ver­kau­fen, läuft der Taxi- und Bus­ver­kehr wie­der. Der öffent­li­che Trans­port war ver­bo­ten wor­den. Zu eng der Raum. Zu ris­kant die Berüh­rung des unbe­kann­ten Nach­barn. Ein Wun­der, dass die­se Men­schen, die von der Hand in den Mund leben, die­sen ver­ord­ne­ten wirt­schaft­li­chen Kol­laps über­lebt haben. Bewun­derns­wert auch die jet­zi­ge Fröh­lich­keit, die Laut­stär­ke des Pala­verns. Der Ver­kehr ist teil­wei­se uner­träg­lich. Häu­fig sehen wir Fuß­ball­spie­le auf pro­vi­so­ri­schen Plät­zen mit vie­len Zuschau­ern. Auch das ist seit einer Woche wie­der erlaubt. Man kann sich die Ent­beh­run­gen, die die­se Men­schen so lan­ge erlit­ten haben, kaum vor­stel­len. Hän­de­schüt­teln ist auch erst seit kur­zem wie­der mög­lich. Wie lebt man ohne mensch­li­che Berüh­rung und wie oft streift man ein­an­der aus Ver­se­hen am Arm, an der Schul­ter?

Mein neu­es Hob­by ist es, Ebo­la-Stra­ßen­schil­der zu foto­gra­fie­ren. Auch die­se sind Zei­chen des Grau­ens, unter dem die­ses Land nun mehr als andert­halb Jah­ren lebt.

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Zwei Ver­tre­ter der Welt­hun­ger­hil­fe erzähl­ten am Abend unse­rer Ankunft im Hotel-Restau­rant, wie sie das Ange­bot ihrer Orga­ni­sa­ti­on, eva­ku­iert zu wer­den, nicht ange­nom­men haben und am Höhe­punkt der Ebo­la-Kri­se das Land nicht ver­las­sen haben. Sie haben die Infra­struk­tur ihres Unter­neh-mens genutzt, um den Men­schen, die in Qua­ran­tä­ne fest­sa­ßen, Lebens­mit­tel, Feu­er­holz und sogar Fern­se­her zu brin­gen. Sie sag­ten, sie emp­fan­den das Risi­ko gering. Krank wür­de man nur, wenn man Kran­ke und Tote berüh­re. Ebo­la sei kei­ne Infek­ti­on, die sich über Tröpf­chen ver­brei­tet. Es gebe zu viel Panik­ma­che.

Die Kinder Sierra Leones

Ich tref­fe Jugend­hel­fer, ob nun einer gro­ßen Mis­si­on zuge­hö­rig oder Sier­ra Leo­nis, die die Armut und das Leid in den Fami­li­en ken­nen und ver­su­chen, die­se zu lin­dern. Sie erzäh­len mir von Kin­dern, die ihre Fami­li­en ver­las­sen, um auf der Stra­ße zu leben, weil zuhau­se der Stress durch Armut und Krank­heit zu groß ist. Sie erzäh­len von Pro­sti­tu­ti­on, Dro­gen. Von Ebo­la-Wai­sen, die stig­ma­ti­siert sind, wie alle Über­le­ben­den.

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Wir besu­chen eine Schu­le, wo wir fünf­zig Ebo­la-Wai­sen mit zwei Mahl­zei­ten am Tag unter­stüt­zen, damit sie ihren neu­en Vor­mün­dern nicht zu sehr zur Last fal­len. Auch die­se Kin­der ler­nen wir ken­nen und die Dank­bar­keit auch der Vor­mün­der ist fast zu viel. Die Kin­der füh­ren ein Thea­ter­stück über Ebo­la vor und man­che bre­chen am Ende wei­nend zusam­men. Zu groß der erleb­te Ver­lust. Eine ordent­li­che Schu­le mit einer begna­de­ten, stren­gen Schul­lei­te­rin, die ein star­kes Inter­es­se an ihren Kin­dern und deren Zukunft hat. Aber an allem fehlt es hier, beson­ders an flie­ßen­dem Was­ser. Und alle Kin­der haben Hun­ger.

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Dann der Besuch bei einer Schu­le für behin­der­te Kin­der, die meis­ten gehör­los oder geis­tig krank. Eine depri­mie­ren­de Ver­an­stal­tung. Die Schul­lei­te­rin schwer krank. Auch hier fehlt es an allem, aber die Kin­der sind so wun­der­bar, so lebens­froh. Ich möch­te zwei mit­neh­men: einen Jun­gen von 9 Jah­ren und einen um die 17. Die Lebens­freu­de, die Lie­be, die die­se Kin­der aus­strah­len, ich bin über­wäl­tigt. Aber ihre Zukunft ist unge­wiss. Wer wird sich ihrer anneh­men?

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Und immer wie­der der Gedan­ke an benach­tei­lig­te Rand­grup­pen, sei es aus gesund­heit­li­chen Grün-den oder von der Gesell­schaft stig­ma­ti­siert. Wer küm­mert sich um die­se, wenn das all­täg­li­che Leben schon so schwer ist?

Wasser

Josef ist ein jun­ger Deut­scher, des­sen Vater als Ent­wick­lungs­hel­fer eine simp­le Metho­de ent­wi­ckelt hat, um ein­fa­che Brun­nen für Haus­hal­te zu bau­en. Er ist seit einem hal­ben Jahr wie­der im Land und bringt den Men­schen bei, Was­ser­lö­cher zu boh­ren und die­se dann auch zu war­ten. Unvor­stell­bar für uns, die­ses Land ohne flie­ßen­des Was­ser und ohne Abwas­ser­ka­na­li­sa­ti­on. Unvor­stell­bar auch, Josefs Enga­ge­ment für die­se Sache, wenn man aus dem gesät­tig­ten Euro­pa kommt! Er gibt uns einen Schnell­kurs in Toi­let­ten­bau mit Brun­nen­was­ser.

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Und immer wie­der Was­ser: Has­tings, eine Gemein­de unge­fähr eine Stun­de außer­halb Free­towns mit cir­ca 20.000 Ein­woh­nern, nur weni­ge hier haben Was­ser. Ein klei­ner Stau­damm ist geplant. Mit ihm kön­nen fast 4000 Bewoh­ner mit fri­schem, sau­be­rem Was­ser ver­sorgt wer­den. Fast € 100.000 an Spen­den sind gemein­sam mit Rota­ry gesam­melt wor­den für die­ses Pro­jekt.

Wir erklim­men die Hügel, die wir in Free­town sehen, um an die Stel­le zu gelan­gen, wo der Damm gebaut wer­den soll. Es ist heiß und feucht. Wir stei­gen dem tro­pi­schen Hang empor, der Pfad muss teil­wei­se mit einer Mache­te geschla­gen wer­den, der Fluss ist breit, das Was­ser kühl. Immer wie­der das Bewusst­sein für die Schön­heit die­ses Lan­des. Die­ser Ein­druck wird noch über­trof­fen, als wir an einem Strand hal­ten und uns ins Meer stür­zen, um die Hit­ze des Hügels abzu­schwim­men. Die Kari­bik lässt grü­ßen – nur hier ist es men­schen­leer.

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Und dann ist schon der letzte Tag da: Sightseeing!

Der Cot­ton Tree im Zen­trum der Stadt ist das Wahr­zei­chen von Free­town. Der Baum steht min­des­tens seit 1792 an die­ser Stel­le. Er war frü­her ein Wall­fahrts­ort für Gläu­bi­ge und gilt noch heu­te als Zei­chen für Frie­den und Reich­tum in Sier­ra Leo­ne. Auch wenn der Weg dort­hin schwie­rig wird, ich wün­sche genau dies die­sen wun­der­ba­ren Men­schen von Her­zen. Und ich hof­fe bald wie­der dort zu sein – mit mehr Zeit für mehr Ein­drü­cke von die­sem lie­bens­wer­ten Land.

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Wie kann ich helfen

Der Ver­ein Für Sier­ra Leo­ne e.V. wur­de im Jahr 2013 von enga­gier­ten und afri­ka-inter­es­sier­ten Bür­gern aus Mün­chen und Sier­ra Leo­ne gegrün­det. Wie kann ich hel­fen?

Erschienen am



Antworten

  1. Avatar von Caroline
    Caroline

    Eine anre­gen­de Schil­le­rung, vol­ler Wahr­haf­tig­keit sowie Lie­be für ein Land und des­sen Leu­te, deren Blü­te bevor steht. Vie­len Dank für die­sen tol­len Ein­blick, lie­be Kor­ne­lia! Ich freue mich bereits auf die Fort­set­zung…

  2. Avatar von Ulrich Müller-Menrad
    Ulrich Müller-Menrad

    Lie­be Kor­ne­lia,

    ein sehr beein­dru­cken­der Bericht!

    Vie­le Grü­ße
    Uli

  3. Avatar von Ines
    Ines

    Ganz ehr­lich – ich kann es nicht ver­ste­hen – und nicht nach­voll­zie­hen, wie man sich frei­wil­lig in ein der­art patho­lo­gi­sches Gewalt-Umfeld begibt! Ist es völ­li­ge Abge­stumpft­heit? Igno­ranz? Das Gefühl west­li­cher Über­le­gen­heit? Dumm­heit? Or what? Und ich spre­che nicht von Ebo­la – wobei es womög­lich auch eine Art ist, sei­ner Todes­sehn­sucht Gewicht zu ver­lei­hen, in ein Ebo­la­Ge­biet zu rei­sen. Nein – ich spre­che von einer unsäg­lich sadis­ti­schen Gesell­schaft, in der klei­ne Mäd­chen und Frau­en sys­te­ma­tisch aufs bes­tia­lischs­te gefol­tert wer­den. 90% aller Mäd­chen, denen die Geni­ta­li­en her­aus­ge­ris­sen wer­den. Und dann läuft man da rum und tut so, als wäre das ein »nor­ma­les Land«? Irgend­wie irre

    1. Avatar von Kasia Oberdorf
      Kasia Oberdorf

      Was ist die Alter­na­ti­ve? Augen zu? Blei­ben, wo man ist? Wei­ter­hin nach Fei­er­abend Frau­en­tausch gucken bei einem net­ten Wein­chen? Geht mich nix an? Nach mir die Sint­flut? Or what?

  4. Avatar von Chiara
    Chiara

    Wahn­sin­nig inter­es­san­te Ein­drü­cke, beson­de­res die Ebo­la Stra­ßen­schil­der.
    Tol­le Geschich­te!

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