Jakarta, du Bestie! (1)

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Jakarta, du Bestie! (1)

Wir wollten Jakarta bereisen. Wir wollten Indonesiens Hauptstadt auf uns wirken lassen. Doch schnell stellen wir fest, dass diese Vorstellung reali­täts­fern war. Man bereist Jakarta nicht, mit Jakarta nimmt man es auf. Wie ein Boxer, der sich zuviel vornimmt, vernach­läs­sigen wir unsere Deckung und hängen bald in den Seilen. Wir verderben uns den Magen und zwischen­durch fast die Laune. Das Happy End müssen wir uns hart erarbeiten.

verkehr 2

Nacht 1 in Jakarta: Mein schweiß­nasser Rücken klebt an der Matratze, in die ich mindes­tens einen halben Meter einge­sunken bin. Gar nichts ist in Ordnung. Im Gitter des knarzenden Ventilators hängen dünne graue Staubfäden, trotzdem ziehe ich ihn der Hitze wegen nah ans Gesicht. Durch das kleine Fenster, weit über Augenhöhe, dröhnt »Red Red Wine« aus der Karaokebar. Ich merke wie ich dünnhäutig werde. Wut steigt in mir auf. Meine Beine kribbeln als wären die Bettwanzen direkt darüber ausge­kippt worden. Mein Zorn sprudelt an die Oberfläche, ich will jetzt Aylin mit reinziehen: »Ich will hier nur noch raus. Morgen früh ziehen wir um.« Ich sage die Worte einfach laut in ihre Richtung. Die Empathie, wenigs­tens ihr den Schlaf zu lassen, bringe ich nicht mehr auf. Nach nur wenigen Stunden hat mich Jakarta fest im Würgegriff.

verkehr 1

Wir kommen vormit­tags mit dem Flugzeug an. Die Busfahrt ins Zentrum ist lang. Über mehrere Kilometer erstreckt sich das gleiche Bild von provi­so­risch zusam­men­ge­schus­terten Baracken und Verkäufern, die ihren mobilen Imbisstand auf Rädern per Muskelkraft entlang einer vierspu­rigen Straße bewegen. Autos und Motorroller befinden sich im ständigen Kampf um den Platz auf der Straße. Als wir an der Gambir Station aussteigen hängt der Smog wie eine Glocke über der Stadt. Weder Sonne noch Wolken sind am Himmel erkennbar. Es herrscht diese Art von Hitze, bei der es den ganzen Tag grau ist und man am Abend trotzdem sonnen­ver­brannte Haut hat. Wir fühlen uns verlassen in diesem Moloch, begleitet vom Gefühl, nicht das Richtige zu tun, als wir entlang der mächtigen, übervollen Verkehrsadern laufen. Aufgrund des Lärms schreien wir einander an, obwohl wir neben­ein­ander gehen. Außer uns läuft keiner, jeder bewaffnet sich mit einem Motor.

Die Aussicht, den Rucksack ablegen zu können, lockt uns in jenes, von Bettwanzen bevöl­kertes Zimmer. Im Eingangsbereich des »Kreshna Hostel« liegt ein grimmer Mann quer über dem Sofa und sagt zu seinem Gegenüber: »I have so much hate in me right now, it’s unbelie­vable.« Vielleicht hätte ich das als ‚Foreshadowing’ meines späteren Zustands deuten sollen. Jakarta zwingt uns zu Fehlern.

»Karnevalsähnliche Zustände« sollen wir sonntags in Kota, im Nordteil der Stadt erleben können. Tatsächlich, auf dem Hauptplatz, einge­kes­selt von ein paar ansehn­li­chen Gebäuden aus der Kolonialzeit, herrscht ausge­las­sene Stimmung. Fliegende Händler verkaufen Getränke, grün bemalte Männer, die sich als Soldaten verkleidet haben, lassen sich für ein Trinkgeld fotogra­fieren. Es werden Fahrräder verliehen, mit denen Einige quer über den Platz fahren. Offensichtlich einer der wenigen Plätze in Jakarta, wo man sich auf ein Fahrrad setzen kann, ohne sofort sein Leben aufs Spiel zu setzen. Die größte Sehenswürdigkeit sind aber offen­sicht­lich wir selbst. Alle paar Meter werden wir angehalten, um für ein Foto zu posieren. Andere freuen sich darüber uns zumin­dest ein »Hello« zu entlo­cken. Wenn wir Trinkgeld verlangt hätten, hätten wir mit Sicherheit mehr erwirt­schaftet als die grün angemalten Soldaten.

hello 1
feria 1
hello 2

Zufällig entde­cken wir auf Spiegel-Online einen Artikel über Streetfood in Jakarta. Der Autor schwärmt von einem bestimmten Stand, den viele Touristen offen­sicht­lich nie entde­cken. Wie kleine Kinder freuen wir uns, als wir den Stand ein paar Gehminuten vom Hostel entde­cken. Beim Anblick des viel zu dunkel­braunen Ziegenfleisches in dem riesigen Wok klingeln alle Alarmglocken. Aber wir sind ja an diesem legen­dären Stand, dem sogar ein Spiegel Artikel gewidmet wurde. Also hören wir nicht auf unseren gesunden Menschenverstand und nehmen auf der tiefen Bierbank platz. Eine Nacht später wünschen wir uns, wir hätten den Artikel nie gelesen. Die nächsten 48 Stunden verbringen wir mit einer Art Ziegenfleischvergiftung im Bett. Bei Aylin bricht das Virus ein paar Stunden später als bei mir aus, was mich zu einer Art mensch­li­chen Orakel macht, in dem sie ihr unmit­tel­bares Schicksal ablesen kann. Und dieses sieht vorerst nicht sehr rosig aus…

trap

Kommentare

  1. Avatar von Günther J. Schaefer
    Günther J. Schaefer

    Hallo, sind gerade in Jakarta und haben herzlich gelacht. Hatten heute ähnli­ches erlebt, Gott sei Dank noch keine Vergiftung…Habe meinen guten Reisefreund Gerwin zu einem Spritzer Desinfektionsspray eingeladen…LG Günther
    PS: Euer Block ist toll zu lesen, Kompliment!

    1. Avatar von Stefan

      Hallo Günther,

      sehr großzügig von dir das Spray zu teilen 🙂 Auch wenn unser Start in Jakarta etwas holprig war, hat uns Indonesien nachhaltg beein­druckt! Ich wünsche euch auf jeden Fall eine gute Reise!

  2. Avatar von Uli
    Uli

    Haha! Sehr schöner Artikel 😉

    Was lernen wir daraus?

    Vertaue niemals Spiegel Online Reiseempfehlungen und suche Dein Hostel bei tripad­visor vor der ersten Nacht 😉

    http://www.tripadvisor.de/Hotel_Review-g294229-d2414510-Reviews-Kresna_Homestay-Jakarta_Java.html

    1. Avatar von Stefan

      Haha, ja danke fuer den Tipp! Die Reviews decken sich ja mit unserer Erfahrung. »If you’re despe­rate« traf auf uns zu in dem Fall 🙂

  3. Avatar von Charles Rahm

    Also ich fand’s nicht so schlimm. Aber es ist schwer, eine gute Unterkunft zu finden. Ich fand eine gute auf Hostelworld. War auch ruhig dort. Und ja. Ich hoffe, ihr habt die Lebensmittelvergiftung gut ueber­standen. Das gehoert in Suedostasien ab und an mit dazu! 🙂

    1. Avatar von Stefan

      Hey Charles, uns war das Glueck diesmal nicht Hold, aber was einen nicht umbringt…Gruss 🙂

  4. Avatar von Nina

    Gute Besserung! Und: what comes next? Es bleibt spannend 🙂

    1. Avatar von Stefan

      Hey Nina, vielen Dank, Fortsetzung folgt die Tage!

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