Bunt wie Kon­fetti. Rote Punkte, weiße Fet­zen, grüne Strei­fen. Auf­ge­häuft zu einem Berg, geschäf­tig wie ein Amei­sen­hau­fen. Fast einen Hektar groß. Die Kon­tu­ren wer­den schär­fer je mehr man sich Bel­grad nähert. Aus den roten Punk­ten wer­den Cola-Dosen, aus den wei­ßen Fet­zen Plas­tik­tü­ten und aus den grü­nen Strei­fen leere Wein­fla­schen. Die Amei­sen wer­den zu Men­schen, geklei­det in grau­brau­nen Lum­pen – Kon­trast zum far­ben­fro­hen Müll, in dem sie leben.

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Vor den Toren Bel­grads wird das erste Mal sicht­bar, dass das nicht mehr West­eu­ropa ist. Nicht mehr die sau­bere EU, ste­ril wie ein OP-Mes­ser. Dort wo Plas­tik fein säu­ber­lich von Papier und Weiß­blech peni­bel von Bunt­blech getrennt wird. Bel­grad ist Bal­kan mit all dem Müll und Dreck wie man es sich als kli­schee­be­haf­te­ter West­ler vor­stellt. Zumin­dest bevor man die Sava, den schma­len Donau­zu­fluss, überquert.

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In der Alt­stadt, gerade auf der Shop­ping­meile Knez Mihai­l­ova, bemüht sich die ser­bi­sche Haupt­stadt, Hal­tung zu wah­ren. Die Häu­ser frisch ver­putzt, die Stra­ßen gefegt. Und doch: Alles sieht so aus, als ob man den Dreck nur schnell unter den Tep­pich gekehrt hat. Der nächste Wind­stoß wir­belt alles wie­der auf. Die öli­gen Regen­pfüt­zen in den Schlag­lö­chern ver­ra­ten den Schwindel.

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Es passt zur Stadt, das Schmie­rige und Krus­tige. Im Bad mei­nes Couch­sur­fers bin ich von der Dusche zum Wasch­be­cken bar­fuß auf Klo­pa­pier­fet­zen balan­ciert. Die hatte ich vor­her aus­ge­legt. Urin­far­bene Flie­sen kamen mir dann doch unge­wöhn­lich vor. Aus mei­nem Ruck­sack ist am Mor­gen eine Kaker­lake müde Rich­tung Fut­ter gekrab­belt – in die Küche zu einer offe­nen Packung Cra­cker auf dem Boden neben dem Herd. Ver­falls­da­tum: letz­tes Weihnachten.

Doch Unord­nung ist der kleb­rige Nähr­bo­den für Krea­ti­vi­tät: Graf­fiti und Streetart über­all, bunt wie Kon­fetti an grauen Fassaden.

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Cate­go­riesSer­bien
Pia Röder

Es beginnt mit einem Kribbeln in den Kniekehlen. Es wandert die Waden hinab zu den Füßen. Sie krampfen und zittern, sie bitzeln bis in den kleinen Zeh. Das sind die ersten Symptome von Fernweh. Bei manchen ist es akut, bei Pia chronisch. Es packt sie und sie muss wieder los. Ihr Leiden hat sie bisher monatelang durch ihre zweite Heimat Argentinien geführt, hoch bis nach Caracas getrieben und blind über den Atlantik segeln lassen. Es zwang sie nachts in der jordanischen Wüste zum Beduinen-BBQ und peitschte sie tausende Kilometer durch Osteuropa. Aber sie will nicht jammern. Sie leidet an der schönsten Krankheit der Welt – und schreibt über ihre Methoden zur Fernwehbewältigung.

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