Wie kann man sich bloß freuen, wie­der in Deutsch­land zu sein? Als Rück­keh­rer? Und dazu noch Rück­keh­rer aus dem Süden? Nein, nein, das geht ja gar nicht. Die Devise lau­tet doch „Bloß weg!“, „Raus hier, egal wohin“ und ‚Soweit weg wie mög­lich.“ Mög­lichst nach Süden. Alle wol­len doch nach Süden, sogar die Zug­vö­gel machen sich gerade wie­der auf den Weg dort­hin. Ja, weg und nach Süden, das ist nor­mal, sowas sollte man wol­len. So viele tei­len das „Alles-hier-ganz-schreck­lich-fin­den-Syn­drom“. Es geht um die Flücht­lings­krise, die Finanz­krise, die Lebens- oder sonst was für eine aktu­elle Krise, um zu hohe Steu­ern, zu kleine Gehäl­ter, zu viele Wol­ken, zu wenig Sonne, zu viel Kälte, zu wenig Wärme, zu wenig dies, zu viel das, nur das Rich­tige ist nie dabei. Fest­steht: Woan­ders ist alles bes­ser. Vor allem im Süden. Natürlich.

 

Stör­che in Por­tu­gal

Und ich?

Ich dachte das auch. Aber klar dachte ich das! Vor sie­ben Jah­ren, als auch ich weg­wollte. Weg musste. Und ehr­lich gesagt? Es war die beste Ent­schei­dung mei­nes Lebens. Wer stän­dig von dem Gefühl beherrscht wird, mal raus zu müs­sen, sollte ver­dammt noch­mal auch gehen. Und zwar bes­ser heute als mor­gen. Denn nur so kann er her­aus­fin­den, ob es wirk­lich anderswo so viel bes­ser ist. Oder was bes­ser ist – und was viel­leicht schlechter.

Nach vie­len Jah­ren hier und dort wünschte ich, ich könnte von jedem Ort das Beste mit­neh­men und das Beste von allem zu einem neuen, voll­kom­me­nen Ort zusam­men­bas­teln. Zum Bei­spiel die Fähig­keit der Kolum­bia­ner, jede noch so ver­trackte Situa­tion hoch erho­be­nen Haup­tes zu meis­tern. Die Aus­drucks­stärke der Ita­lie­ner, die keine Not­wen­dig­keit ken­nen, alles in sich hin­zu­fres­sen, sei’s Freude, Leid oder Ärger. Die unver­hoh­lene Neu­gier der Korea­ner dem Frem­den gegen­über. Die Selbst­ver­ständ­lich­keit der Fran­zo­sen, echt stolz zu sein auf all das, was in ihrem Land gut und schön ist. Lei­der kann ich kei­nen sol­chen neuen Ort schaf­fen. Ich kann nur neue Puz­zle­teil­chen in mein eige­nes Leben ein­fü­gen und meine Per­spek­ti­ven­weg­wei­ser ver­rü­cken. Und letz­ten Endes reicht das auch.

Weg­wei­ser

Etwas bleibt, viel kommt mit

Ich habe eini­ges zurück­ge­las­sen an den Orten, wo ich gelebt habe oder an die ich gereist bin. Aber ich habe noch mehr mit­ge­bracht (nein, ich rede nicht von neuen Schu­hen im Kof­fer). Vor allem Bewusst­sein. Das Bewusst­sein, dass es dort drau­ßen ver­dammt viel zu sehen und erle­ben gibt – und unglaub­lich viel Schön­heit. In der Natur. Kul­tur. In Men­schen. Aber auch das Bewusst­sein, dass es da drau­ßen genauso viele Pro­bleme gibt. Meine Sicht­weise ist nicht mehr die­selbe, nach­dem ich in Kolum­bien ganz schön nah an einer Tou­ris­ten-Ent­füh­rung dran war. Nach­dem ich durch Slums gekro­chen bin und Bezie­hun­gen zu Men­schen dort auf­ge­baut habe. Seit­dem ich den ita­lie­ni­schen Büro­kra­tied­schun­gel jen­seits der Mit­tel­meer­strände und von bella Roma durch­lit­ten habe. Seit­dem ich an der Grenze der bei­den Koreas dem ‚kom­mu­nis­ti­schen Feind‘ ins Auge gese­hen habe. Nach­dem ich über Jahre in Frank­reich beob­ach­tet habe, wie sich Marine Le Pen in den Köp­fen von immer mehr Fran­zo­sen ein­nis­tet. Die Lek­tion ist so ein­fach: Woan­ders ist’s auch nicht per­fekt. Aber es ist Quatsch, davon zu erzäh­len. Die Leute glau­ben einem eh nicht.

Wayuu India­ner in Kolumbien

Nea­pel jen­seits der tou­ris­ti­schen Kulisse

Süd-und Nord­ko­rea Hoffnungen

Viel­leicht ist es diese Lek­tion, die mich ganz ent­spannt zurück sein lässt. Ohne auf­stei­gen­den Frust. Ohne das Gefühl, geschei­tert zu sein oder eine große Dumm­heit began­gen zu haben, dass ich mit­ten in einem grauen Herbst nach Deutsch­land zurück­kehre. Noch dazu in den Norden!

Nord­see­krab­ben und ein neuer Wind

Vor Kur­zem saß ich am Ham­bur­ger Haupt­bahn­hof und aß eine Ofen­kar­tof­fel mit Nord­see­krab­ben. Ich hatte noch nie Nord­see­krab­ben geges­sen. Frü­her fand ich das würm­chen­ar­tige Zeug eke­lig. Das war, bevor ich flei­schige Rie­sen­mu­scheln in Korea aß. Frö­sche in Malay­sia. Alpa­cas in Peru. Schne­cken aus ihren Häu­sern in Frank­reich pulte. Ich hatte noch gut eine halbe Stunde Zeit, bis mein ers­ter Deutsch­kurs in Ham­burg begin­nen würde. Ich dachte über mein Leben nach, dar­über, dass ich zum ers­ten Mal seit eini­gen Jah­ren kein ‚unbe­fris­tet‘ mehr auf einem Ver­trag ste­hen haben würde. Dass ich zum ers­ten Mal in mei­nem Leben voll frei­be­ruf­lich arbei­ten würde. Mit allen Frei­hei­ten und Ein­schrän­kun­gen. „Bescheu­ert“ nen­nen es einige, „mutig“ andere. Ich nenne es gar nicht, lasse es ein­fach auf mich zukom­men. Und gerade in die­sem Moment, als mir so rich­tig auf­ging, dass ich nun gleich­zei­tig frei und trotz­dem ‚beruf­lich‘ sein würde, spielte ein neuer Hit im Radio über mir an. Ein Hit, der schon seit Mona­ten aus mei­nem Handy plärrt und seit Jah­ren in mei­nem MP3-Player wohnt. Ein Hit über einen Wind, der mir öfters um die Nase bläst und gerade wie­der beson­ders stark auf­ge­kom­men ist. Der „Wind of change“. Dass die­ser Wind mich eines Tages wie­der nach Deutsch­land zurück­tra­gen würde, hätte ich nie gedacht.

The wind of change

Und jetzt, bin ich zur gro­ßen Patrio­tin gewor­den und will nie wie­der weg? Im Gegen­teil. Ich bin dem Land gegen­über, in dem ich nun mal auf­ge­wach­sen bin, genauso kri­tisch wie immer. Bin mir sei­ner Mäkel genauso bewusst wie vor sie­ben Jah­ren – aber auch sei­ner Stär­ken. Und ich bas­tele schon wie­der an mei­nen nächs­ten Rei­sen. Denn: Die Viel­zahl an Bil­lig-und ande­ren Flie­gern in alle Welt ist ab Deutsch­land im Ver­gleich zum ‚Süden‘ ein­fach fan­tas­tisch. Ich könnte mir im Moment kein bes­se­res Sprung­brett in die Ferne vor­stel­len. Und kei­nen bes­se­ren Job zum Rei­sen als meine freie Beruf­lich­keit. Und wenn ich zwi­schen den Rei­sen tat­säch­lich mal zu Hause bin, im oft reg­ne­ri­schen Ham­burg, dann kommt die Welt zu mir. In Form von Schü­lern aus allen Tei­len der Welt, mit Geschich­ten, die erzählt wer­den wol­len. Geschich­ten, mit denen ich auch in einem Ham­bur­ger Klas­sen­zim­mer hin­aus in die Welt ziehe und die sich irgend­wie mit mei­nen eige­nen ver­bin­den. Denn ich war dort drau­ßen. Sehr oft. Und ich werde immer wie­der los­zie­hen. Und dazwi­schen ist es okay, erst­mal wie­der da zu sein, ver­söhnt mit einem doch gar nicht so üblen Land.

Luft­hansa Flie­ger in Rio

Cate­go­riesDeutsch­land
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

  1. Ronja says:

    Hallo, es gibt bestimmt über­all Son­nen- und Schat­ten­sei­ten. Und die Weide, auf der man nicht grast, sieht immer grü­ner aus, hat meine Oma frü­her immer gesagt. Also: der Süden erscheint einem aus der Ferne wie das Para­dies, aber wenn man da wäre, wäre es natür­lich auch nicht per­fekt. Ich bin froh, dass so viele Men­schen inzwi­schen aus­gie­big rei­sen und ihren Hori­zont erwei­tern. Gerade bei uns in den Ber­gen in Bri­xen Süd­ti­rol gäbe es sonst viel­leicht Orte, die sehr alt­mo­disch geblie­ben wären.

    1. Bernadette says:

      Liebe Ronja, da hatte dei­ner Oma sicher recht, und es stimmt, dass Rei­sen den Hori­zont unglaub­lich erwei­tern kön­nen. In die­sem Sinne: Viel Freude bei immer neuen Erkundungen :)

  2. Es mag sein, dass unsere Län­der (bin Öster­rei­che­rin) nicht per­fekt sind, aber das ist – so wie du auch schreibst – kein Land. Egal ob in Deutsch­land oder Öster­reich, es gibt da auch sehr, sehr viel Lebens­wer­tes, das erhal­ten und wei­ter ent­wi­ckelt wer­den sollte.
    Zur­zeit bin ich – befeu­ert von der poli­ti­schen Debatte – von sehr vie­len Men­schen umge­ben, die hier alles nur scheiße und schlecht fin­den. Und ich habe es bei­nahe auf­ge­ge­ben, dar­über zu diskutieren.Die Wech­sel­wir­kung zwi­schen Weg­ge­hen und Ankom­men macht das Leben für mich span­nend und lebenswert.

    1. Bernadette says:

      Liebe Regina, ich stimme dir voll­kom­men zu, dass gerade der Wech­sel zwi­schen Weg­ge­hen und Ankom­men das Leben span­nend machen, Dass dir die­ser immer gelin­gen wird, wün­sche ich dir von Herzen.

  3. Monique says:

    Hallo Ber­na­dette,

    ich finde dei­nen Arti­kel rich­tig gut:)
    Es ist doch schön, wenn man seine Ent­schei­dun­gen nicht bereut und den­noch dank­bar ist für das, was man hat und tun kann. Für die jet­zige Situa­tion. Für ein Hei­mat­land. Usw.
    Danke für den Artikel.
    Beste Grüße,
    Monique

    1. Bernadette says:

      Vie­len Dank, liebe Moni­que, freut mich, fass dir der Arti­kel gefal­len hat :) Dir eine schöne Advents­zeit und viele Grüße aus dem Norden

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