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Höhenrausch auf dem Dach Europas

I — SIEBEN GIPFEL

Die Seven Sum­mits sind ein Mythos. Zumin­dest für mich, der nicht in den Ber­gen auf­wuchs. Wir mach­ten zwar jeden Som­mer Wan­der­ur­laub in Mayr­ho­fen, doch der Haus­berg hieß Ahorn­spitze, keine drei­tau­send Meter, und wenn der Gip­fel im Juli mal ein­ge­schneit war, sah das schon ver­dammt gefähr­lich aus. Die Berge waren für mich nie natür­li­ches Habi­tat, son­dern eine Aus­nahme von der Regel, nur zweite Heimat.

Ich weiß nicht mehr, in wel­chem Alter ich den Begriff Seven Sum­mits zum ers­ten Mal hörte, aber er löste sofort eine unheim­li­che Fas­zi­na­tion aus. Die höchs­ten Gip­fel der sie­ben Kon­ti­nente: sagen­hafte Orte gro­ßer Aben­teuer, mäch­tig, magisch, fast schon tran­szen­dent. Und uner­reich­bar in die­sem klei­nen Leben, das man sein eige­nes nennt. Doch die Ferne und auch die Gip­fel schrump­fen, je älter man wird.

Ich bestieg nicht nur die Ahorn­spitze, auch Wil­den Frei­ger, Groß­ve­ne­di­ger, Groß­glock­ner, ein paar statt­li­che Drei­tau­sen­der also. Und irgend­wann nahm ich einen höhe­ren Berg ins Visier: den Kibo im Kili­man­dscharo-Mas­siv, höchs­ter Punkt Afri­kas. Tech­nisch unschwie­rig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine Her­aus­for­de­rung. Und siehe da: Damit kam ich gut klar. Und so hatte ich mei­nen ers­ten Seven Sum­mit bestie­gen. Aus dem Mythos war Wirk­lich­keit gewor­den. Man kann diese Berge erklimmen.

Gip­fel des Kibo (2010), erns­ter Blick und rote Hände.

Die Seven Sum­mits sind aller­dings eine Klam­mer für sie­ben Gip­fel, die sich in Zugäng­lich­keit, Schwie­rig­keit und Ernst­haf­tig­keit (ein wun­der­schö­ner Begriff aus der Berg­stei­ger­spra­che, der noch jen­seits vom tech­ni­schen und kon­di­tio­nel­len Anspruch so etwas wie das gesamte Gefah­ren­po­ten­tial eines Ber­ges meint) extrem unterscheiden.

Der Kili­man­dscharo in Tan­sa­nia ist ein tech­nisch leich­ter Trek­king­berg, der jedes Jahr von vie­len Men­schen erwan­dert wird, die sonst nicht berg­stei­gen. Der Denali in Alaska (6190 Meter) dage­gen ist ein ernst­haf­ter Expe­di­ti­ons­berg in einer unwirt­li­chen Kli­ma­zone, der wegen sei­ner Abge­le­gen­heit tadel­lose Logis­tik vor­aus­setzt; Stürme und polare Tem­pe­ra­tu­ren von minus 30 Grad sind häu­fig – ein Gip­fel für Pro­fis. Der Acon­ca­gua in Süd­ame­rika (6962 Metern) wie­derum lässt sich dank des tro­cke­nen Kli­mas an guten Tagen sogar ohne Steig­ei­sen erwan­dern. Der Gip­fel ist anspruchs­voll wegen der Höhe und mög­li­cher Wetterstürze.

Der Mount Vin­son (4892 Meter) bleibt ein Berg für abso­lute Spe­zia­lis­ten, weil er nun ein­mal in einer Eis­wüste namens Ant­ark­tis liegt. In Aus­tra­lien ist man sich unschlüs­sig, wel­cher als höchs­ter Berg gel­ten darf: der Mount Kosci­uszko (2228 Meter), ein leich­ter Wan­der­berg, oder die Cars­tensz-Pyra­mide in Indo­ne­sien (4848 Meter), dum­mer­weise in einem Berg­bau­ge­biet gele­gen. Aber ehr­lich gesagt ist der höchste Berg Aus­tra­li­ens auch eher unspannend.

Und dann ist da natür­lich der legen­däre Mount Ever­est, mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde in Asien. Seine Bestei­gung führt in die »Todes­zone«, wo der mensch­li­che Kör­per auch in völ­li­ger Ruhe ste­tig abbaut. Objek­tiv lie­fert der Ever­est keine gro­ßen tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten. Mit Fix­sei­len, Fla­schen­sauer­stoff, Sher­pas und einem soli­den Wet­ter­fens­ter ist der Auf­stieg für einen trai­nier­ten (und rei­chen) Berg­stei­ger durch­aus mach­bar. Bloß wenn ein klei­nes Detail schief­geht, wird es gleich lebensgefährlich.

Bleibt der Elbrus in Russ­land, nach gän­gi­ger Ansicht höchs­ter Berg Euro­pas. Mein Bru­der, ein guter Freund und ich woll­ten die­sen Berg bestei­gen: 5642 Meter Höhe, ein weit­läu­fig ver­glet­scher­ter Vul­kan­ke­gel nahe der Grenze zu Geor­gien, mein zwei­ter der Seven Summits.

Ein wei­te­res Mal sollte der Mythos ent­zau­bert wer­den, das Reich des Phan­tas­ti­schen in die reale Welt über­führt wer­den. Viele Kind­heits­träume wer­den in der Rea­li­täts­mühle des Erwach­se­nen­le­bens lang­sam zer­rie­ben – man­che blei­ben und wol­len wahr werden.

Elbrus, West- und Ostgipfel.

II — VON PISTEN UND RAUPEN

Der Elbrus ist eine Natur­ge­walt. Den zweit­höchs­ten Gip­fel des Kau­ka­sus über­ragt er noch um einige hun­dert Meter. Wer bei Google Maps auf Satel­li­ten­mo­dus umschal­tet und auf den Elbrus zoomt, sieht zuerst einen wei­ßen Klecks, der dann aber schnell rie­sig wird. Die­ser gigan­ti­sche Glet­scher­turm ist also das Ziel. Wie kommt man da hoch?

Dazu ein paar prak­ti­sche Ausführungen:

Wie kommt man zum Elbrus?

Die meis­ten Rei­sen­den aus Deutsch­land flie­gen mit Aero­flot über Mos­kau ins Pro­vinz­städt­chen Mine­ral­nyje Wody. Von dort sind es noch ein­mal drei Stun­den mit dem Auto oder Bus in den klei­nen Tal­ort Ters­kol am Fuß des Elbrus. Wir hat­ten die ganze Tour über einen deut­schen Ver­an­stal­ter gebucht, der auch den Trans­fer orga­ni­siert hat.

Ters­kol, Szene am Straßenrand.

Wie schwie­rig ist der Elbrus?

Aus alpi­nis­ti­scher Sicht ist der Elbrus ein tech­nisch ein­fa­cher Berg. Es gibt keine Klet­ter­pas­sa­gen und nur wenig aus­ge­setzte Stel­len. Die Spur auf der Nor­mal­route ist aus­ge­tre­ten. In regel­mä­ßi­gen Abstän­den wur­den dünne Stö­cke in den Schnee getrie­ben, damit man nicht von der spal­ten­freien Auf­stiegs­route abkommt. Viele Berg­stei­ger gehen ohne Seil. Im Prin­zip muss man nur sicher auf Steig­ei­sen lau­fen kön­nen. Im Prinzip.

Einen Berg kann man nie allein anhand sei­ner objek­ti­ven Schwie­rig­kei­ten bewer­ten. Die Wet­ter­be­din­gun­gen und die per­sön­li­che Erfah­rung des Berg­stei­gers sind ebenso wich­tig. Jedes Jahr ster­ben laut der ört­li­chen Berg­ret­tung 15 bis 30 Men­schen am Elbrus. Wie uns berich­tet wurde, brach drei Wochen vor unse­rer Reise ein ame­ri­ka­ni­scher Poli­zist allein zum Gip­fel auf, offen­bar gut trai­niert – nie­mand sah ihn je wieder.

Laut dem Lei­ter der Berg­ret­tung am Elbrus ster­ben die Leute, weil sie ohne Füh­rer unter­wegs sind, ihre Kon­di­tion über­schät­zen und in Schlecht­wet­ter gera­ten. Im Nebel und Sturm ist es leicht, von der Route abzu­kom­men und in eine der zahl­lo­sen Glet­scher­spal­ten zu stür­zen. Oder die Leute sind nicht aus­rei­chend akkli­ma­ti­siert, igno­rie­ren die Sym­ptome der Höhen­krank­heit und bre­chen irgend­wann zusam­men. Nicht der Berg selbst macht den Auf­stieg gefähr­lich, es ist – in der Regel – die Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit der Leute.

Akkli­ma­ti­sie­rung auf der Schneerampe.

Wie besteigt man den Elbrus?

Das Zau­ber­wort heißt – wie an allen hohen Ber­gen – Akklimatisierung.

Kur­zer medi­zi­ni­scher Ein­schub: Mit stei­gen­der Höhe nimmt der Luft­druck ab. Denn je mehr man sich vom Mee­res­ni­veau ent­fernt, umso kür­zer wird quasi die Luft­säule zwi­schen Atmo­sphäre und Erde. Damit nimmt auch der soge­nannte Sauer­stoff­par­ti­al­druck ab: Die Lunge kann nicht mehr so viel Sauer­stoff auf­neh­men, der Kör­per wird also unter­ver­sorgt. Man wird höhen­krank. Der Blut­druck erhöht sich, in lebens­wich­ti­gen Orga­nen wie Lunge und Gehirn sam­melt sich Flüs­sig­keit (Ödem­bil­dung), was unbe­han­delt und ohne sofor­ti­gen Abstieg in nied­ri­gere Höhen bald zum Tod führt.

Akkli­ma­ti­sie­rung bedeu­tet ver­ein­facht gesagt, sei­nen Kör­per lang­sam an die große Höhe zu gewöh­nen. Man geht nicht in einer Tour vom Tal auf den Gip­fel, son­dern bewegt sich lang­sam auf­wärts. Man steigt zum Bei­spiel auch mal einige hun­dert Höhen­me­ter auf, nur um diese wie­der abzu­stei­gen und wei­ter unten zu über­nach­ten. So bil­den sich inner­halb weni­ger Tage mehr rote Blut­kör­per­chen für den Sauerstofftransport.

Unser Pro­gramm sah so aus: Ankunft in Ters­kol auf 2140 Metern. Tag eins: Mit der Seil­bahn auf 3700 Meter und von dort auf 4100 Meter. Nacht im Tal. Tag zwei: Wie­der auf 3700 Meter und einen Wohn­con­tai­ner bezie­hen. Auf­stieg auf 4500 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag drei: Auf­stieg bis zum Pas­tu­chov-Fel­sen auf 4700 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag vier: Ruhe­tag auf 3700 Metern. Tag fünf: Gip­fel­sturm. Unser Pro­gramm war durch­aus eng getak­tet, zwei Tage mehr zur Akkli­ma­ti­sie­rung wären bes­ser gewesen.

Glet­scher­bach.

Steig­ei­sen anlegen.

Ober­halb des Pas­tu­chov-Fel­sens auf etwa 4800 Metern.

Wie ist die Infra­struk­tur am Berg? 

Wer das erste Mal vom Elbrus hört, mag den Berg für abge­le­gen und ein­sam hal­ten – das Gegen­teil ist der Fall. Als höchs­ter Berg Russ­lands und einer der Seven Sum­mits lockt der Gip­fel Berg­stei­ger aus der gan­zen Welt, vor allem aber aus Russ­land selbst. Außer­dem besu­chen viele Tages­tou­ris­ten seine Hänge, weil sie die Seil­bahn in drei Etap­pen (zwei­mal Gon­del, ein­mal Ses­sel­lift) bis auf 3700 Meter bringt.

Zwi­schen 3500 Metern (Sta­tion der Gon­del­bahn) und 4100 Metern (Die­sel Hut) gibt es meh­rere Hüt­ten, dut­zende Blech­con­tai­ner und noch mehr ver­sprengte Zelt­plätze. Es ist ein wah­rer Mas­sen­auf­lauf. In einer mil­den und sturm­freien Nacht machen sich bestimmt um die 250 Men­schen oder sogar noch mehr auf den Weg zum Gipfel.

Unsere Rei­se­gruppe bestand aus sie­ben Teil­neh­mern plus Berg­füh­rer Vik­tor. Zu acht bezo­gen wir einen der Con­tai­ner, ein­ge­rich­tet mit beque­men Stock­bet­ten. Sogar Strom gab es, denn häss­li­che Mas­ten zie­hen sich vom Tal bis hoch auf die Berg­flanke. Im benach­bar­ten Con­tai­ner ver­pflegte Köchin Nadeshda uns und andere Grup­pen mit Tee, Kaf­fee, Nudeln, Fri­ka­del­len, Pel­meni und köst­li­cher Bortsch. Die Ver­pfle­gung und Was­ser in Kanis­tern hat­ten wir mit der Seil­bahn auf den Berg gebracht.

Keine Alpen­ver­eins­idylle: Unter­künfte und Seil­bah­nen am Elbrus.

Wie läuft der Gip­fel­tag ab?

Gip­fel­tag trifft es nicht wirk­lich. Je nach Start­punkt bricht man irgend­wann zwi­schen 23 und 2 Uhr in der Nacht auf. Wie an jedem hoch­al­pi­nen Berg ist man bemüht, spä­tes­tens um die Mit­tags­zeit wie­der unten zu sein. So ver­mei­det man Gewit­ter, die beson­ders gerne nach­mit­tags auf­zie­hen, und allzu wei­chen Schnee, der sich in Lawi­nen lösen kann und das Risiko von Spal­ten­stür­zen erhöht – oft sind die Risse im Eis überschneit.

Vom Lager in 3700 Metern Höhe auf den 5642 Meter hohen West­gip­fel sind es gut 1900 Höhen­me­ter. Schon in den Ost­al­pen wäre das eine mehr als zünf­tige Gip­fel­etappe. In der dün­nen Luft am Elbrus ist es eine Stre­cke, die die Kraft vie­ler Aspi­ran­ten übersteigt.

Und so hat sich ein Sys­tem eta­bliert, das glei­cher­ma­ßen als Auf­stiegs­hilfe für die Tou­ris­ten und gewinn­träch­ti­ges Geschäfts­mo­dell der ein­hei­mi­schen Rus­sen fun­giert: Auf dem unte­ren Teil des Glet­schers fah­ren Pis­ten­rau­pen. Die Fahr­zeuge brin­gen die Berg­stei­ger in der Gip­fel­nacht bis zum Pas­tu­chov-Fel­sen auf 4700 Meter – eine Fahrt kos­tet 600 Euro. Klingt nach irre viel Geld. Doch geteilt durch zwölf Per­so­nen, die auf dem Gefährt Platz fin­den, ist das ein annehm­ba­rer Preis, um die zu bewäl­ti­gen­den Höhen­me­ter zu hal­bie­ren. Das Ange­bot wird von vie­len Berg­stei­gern dan­kend angenommen.

Wer den Berg kom­plett aus eige­ner Kraft bezwin­gen möchte, kann dies natür­lich trotz­dem tun. Aus unse­rer Gruppe war ich aller­dings der einzige.

Schnee­rau­pen, auch Rat­raks genannt.

III — RUSSISCHE MENTALITÄT

Unser Ruhe­tag am Elbrus war son­nig und warm. Wir hock­ten auf den Stei­nen vor unse­rem Wohn­con­tai­ner und waren guter Dinge. Alle fühl­ten sich aus­rei­chend akkli­ma­ti­siert. Das Wet­ter in der Gip­fel­nacht sollte gut wer­den. Plötz­lich roch es komisch – beißend.

Ent­geis­tert stell­ten wir fest: Keine zwan­zig Meter von unse­rem Con­tai­ner ent­fernt brann­ten Säcke vol­ler Plas­tik­müll. Nicht wegen eines Miss­ge­schicks. Ein rus­si­scher Mit­ar­bei­ter der nahen Berg­hütte hatte die Säcke mit Spi­ri­tus über­gos­sen und ange­zün­det. Min­des­tens vier Stun­den schwelte der Brand. Der gif­tige Rauch wurde vom Wind genau zu unse­rer Hütte getra­gen, er zog durch die Rit­zen in den Con­tai­ner, legte sich auf die Matrat­zen, kroch in die Schlaf­sä­cke. Wir waren zuerst ungläu­big, dann ent­rüs­tet – und flüch­te­ten schließlich.

In Skan­di­na­vien würde man wegen einer sol­chen Aktion wahr­schein­lich sofort des Lan­des ver­wie­sen, in der Schweiz ins Gefäng­nis gesteckt. Auch vom Deut­schen Alpen­ver­ein dürfte man keine Milde erwar­ten. Wir tra­fen Vik­tor und kon­fron­tier­ten ihn mit der ein­zig nahe­lie­gen­den Frage: Wie zur Hölle konnte so etwas sein?

Vik­tor lächelte etwas ver­le­gen. »It’s Rus­sian mentality.«

Wir muss­ten davon aus­ge­hen, dass Vik­tor Recht hatte. Über­all am Berg rund um die Lager hing der Müll zwi­schen den Fel­sen: Metall, hun­derte von ver­ros­te­ten Kon­ser­ven­do­sen, ver­reckte Maschi­nen, ver­rot­tete Fäs­ser. Nie­mand fühlte sich dazu beru­fen, die Hin­ter­las­sen­schaf­ten der Men­schen ins Tal zu brin­gen, die Hänge zu rei­ni­gen. Kei­ner war sich einer Schuld bewusst. Die Natur am Elbrus galt offen­bar nicht als allzu schützenswert.

Ich hatte mich als Kind nicht ein­mal getraut, beim Wan­dern ein benutz­tes Taschen­tuch in die Wäl­der zu schmei­ßen. Ich war bekümmert.

Müll nahe der Lager.

Der schuld­lose Vik­tor ver­söhnte uns, mit sei­nem ruhi­gen Wesen und sei­ner lako­ni­schen Art, die wohl auch Aus­druck rus­si­scher Men­ta­li­tät war.

Am Ruhe­tag absol­vier­ten wir ein Sicher­heits­trai­ning. Es ging darum, den Sturz auf einem ver­eis­ten Hang mög­lichst schnell mit­hilfe des Pickels zu brem­sen. Wir war­fen uns rück­wärts, vor­wärts und bäuch­lings auf einen kur­zen stei­len Hang und stu­dier­ten die Hand­griffe ein. Man hat nur wenige Sekun­den, sonst wird man zu schnell.

Vik­tor schaute sich die Tech­nik der Teil­neh­mer an. Von jedem wollte er in jeder Kör­per­hal­tung min­des­tens zehn Ver­su­che sehen. Nach andert­halb Stun­den waren wir durch. Erwar­tungs­volle Frage aus der Runde an unse­ren Berg­füh­rer: »So, how did we do it?« Hier ging es doch irgend­wie um Leben und Tod, oder nicht?

Vik­tor lächelte unter sei­nem schma­len Intel­lek­tu­el­len-Schnauz­bart her­vor wie der Schrift­stel­ler, der er auch hätte sein kön­nen. Kur­zes Schwei­gen, dann sagte er leicht amü­siert: »It’s your life.« Wir lach­ten herzlich.

Rus­sian men­ta­lity: Berg­füh­rer Vik­tor, ein ver­kann­ter Poet?

IV — A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD

Vor der Gip­fel­be­stei­gung schläft man schlecht. Oder über­haupt nicht. Wir haben um 18 Uhr zu Abend geges­sen und uns gleich danach artig in die Stock­bet­ten gelegt. Mein Herz pocht schnell und kräf­tig. Nicht weil ich schlecht akkli­ma­ti­siert bin, mehr vor Auf­re­gung. Die Minu­ten krie­chen vor­wärts, zwei­mal muss ich noch raus. Man hört, wie die ande­ren ver­su­chen zu schla­fen. Wäl­zen, Räus­pern. Wenigs­tens schnarcht nie­mand. Kurz nach zehn klin­gelt mein Wecker.

Die ande­ren bre­chen erst um 0.45 Uhr von der Hütte auf, weil sie die Pis­ten­raupe neh­men. Ich trage mei­nen Ruck­sack und die Stie­fel mög­lichst leise aus dem Con­tai­ner, um nie­mand zu wecken. Die Nacht ist mild, fünf Grad, viel­leicht mehr. Die Wol­ken vom, nun ja, Vor­abend (es ist ja immer noch der glei­che Abend) haben sich ver­zo­gen. Das ist gut.

Gran­dio­ses Abend­licht vor der Gipfelnacht.

Drü­ben im ande­ren Con­tai­ner hat Nadeshda, die gute Seele unse­rer Unter­neh­mung, schon Por­ridge gemacht. Ich esse mit Appe­tit, die Müdig­keit klebt noch hin­ter den Lidern. Hei­ßer Tee wan­dert in mei­nen Becher und in meine Trink­fla­sche, ich kaufe außer­dem eine kleine Fla­sche Coca-Cola, weil ich sonst nur andert­halb Liter dabei hätte. Zu wenig.

Dann kommt mein per­sön­li­cher Berg­füh­rer Sascha in die Stube. Er musste ges­tern hoch zur Hütte kom­men, weil es eben doch einen Idio­ten gibt, der nicht die Raupe neh­men und statt­des­sen von der Hütte den gesam­ten Weg auf den Gip­fel lau­fen möchte. Sascha weicht mei­nem Blick aus, sagt prak­tisch nichts. Dann geht er wie­der raus. Wir wol­len um 23 Uhr aufbrechen.

Kurz vor­her schaue ich aus der Stube, nie­mand zu sehen. Als ich dann raus­komme, steht Sascha da und sagt: »I am wai­t­ing for you five minu­tes.« Mir wird klar: Er hat echt kei­nen Bock. Minimalkommunikation.

Wir lau­fen los, betont lang­sam. Ich kann durch die Nase atmen. Die Nacht beginne ich mit zwei lan­gär­me­li­gen Funk­ti­ons­shirts unter der Hards­hell-Jacke, das passt. Nach den ers­ten zwan­zig Minu­ten auf Schot­ter geht es auf den Glet­scher. Steig­ei­sen anle­gen, Fleece­hand­schuhe ebenso.

Der Weg wird nun meh­rere Stun­den der Glet­scher­piste fol­gen, die ich schon von den Akkli­ma­ti­sie­rungs­tou­ren kenne. Bis auf 4900 Meter geht es hin­auf, dort ist eine Pis­ten­raupe ver­reckt und ver­sinkt lang­sam im Schnee. Ich habe mir den Weg bis dort­hin in vier Mini-Ram­pen eingeteilt.

Die erste ist nur ein kur­zer Auf­schwung hin­auf zur Die­sel Hut auf 4100 Metern. Dann geht es über meh­rere Wel­len im Glet­scher hin­auf zum ers­ten Fels­rie­men, 4400 Meter. Der nächste Rie­men sind die Pas­tu­chov-Fel­sen auf 4700 Metern, Rampe drei. Num­mer vier führt zur Raupe. Das ist der Weg, den ich schon ein­mal gelau­fen bin.

Sascha hus­tet in die Nacht. Wir hal­ten nur zwei­mal kurz, um etwas zu trin­ken. In der Ferne zucken über der wei­ten Ebene nörd­lich des Kau­ka­sus Blitze durch die Dun­kel­heit. Meine Bli­cke gehen immer wie­der besorgt nach rechts. Zu oft musste ich an hohen Ber­gen schon umkeh­ren, um mir der Sache jetzt sicher zu sein. Auch wenn über uns Sterne sind.

Die Nächte vor dem Gip­fel­auf­stieg sind kurz oder nicht vorhanden.

Sascha bit­tet auf Rampe zwei um eine wei­tere Pause. Bald dar­auf um noch eine. Wenn wir anhal­ten, fange ich bald an zu frie­ren. Ich muss fest­stel­len, dass Sascha zu lang­sam für mein Tempo ist. Und der Weg ist ein­deu­tig. Immer mehr Stirn­lam­pen in der Nacht: Berg­stei­ger, die von ande­ren Stütz­punk­ten auf­ge­bro­chen sind. Die Spur ist breit und aus­ge­tre­ten, der Mond scheint hell. Ich beschließe, mein Tempo zu gehen. Sascha fällt zurück.

Kurz vor Rampe drei über­holt mich die Pis­ten­raupe, auf der mein Bru­der und unsere Truppe zum Pas­tu­chov-Fel­sen fah­ren. Ein lau­tes Unge­tüm in der stil­len Nacht. Sie sehen mich, ich winke mit mei­nem Trek­king­stock. Mir wird warm ums Herz.

Auf den stei­le­ren Pas­sa­gen des Glet­schers laufe ich kleine Ser­pen­ti­nen, das kos­tet weni­ger Kraft. Ich steige mit soli­dem Tempo, der Atem geht ruhig. Hin­ter dem Pas­tu­chov-Fel­sen lege ich ein drit­tes Funk­ti­ons­shirt an. Die Cola ist fast leer, nach gut vier Stun­den Aufstieg.

Nach der ver­reck­ten Raupe geht es noch einige Höhen­me­ter steil berg­auf, lot­recht zum Hang. Die Nacht­schwärze däm­mert lang­sam davon. Blick nach rechts: Es wird kein Gewit­ter mehr von Nor­den her­ein­zie­hen. Zum ers­ten Mal bin ich sicher, dass der Gip­fel­tag sta­bi­les Wet­ter bereit­hält. Diese Erkennt­nis lässt mich inner­lich jubeln, treibt mich an. Und es ist noch etwas ande­res: Ich weiß, ich werde bald mei­nen Bru­der einholen.

Nach dem stei­len Auf­schwung quert die Route nach links unter­halb des aus­la­den­den Ost­gip­fels vor­bei. Der Weg ist hier weni­ger steil. Ich mache schnelle und kon­zen­trierte Schritte. Mein Bru­der, ich will ihn ein­fach nur ein­ho­len und in den Arm nehmen.

Adre­na­lin steigt auf, ein Höhen­rausch setzt ein. Ich spüre, wie gut ich akkli­ma­ti­siert bin, könnte jauch­zen vor Freude. Bin erleich­tert über das gute Wet­ter, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mein Bru­der vor mir, mein guter lie­ber Bru­der. Ich bin so uner­klär­lich bewegt von all dem, dass mir Trä­nen in die Augen schie­ßen. Ich weine, und in mei­nem Rücken tou­chiert die Mor­gen­sonne die ers­ten Berg­spit­zen am Horizont.

Berg­stei­ger auf dem Weg zum Elbrus-Sat­tel gegen fünf Uhr morgens.

Kurz vor dem Sat­tel zwi­schen Ost- und West­gip­fel hole ich unsere Gruppe ein, es ist kurz nach fünf Uhr. Mein Bru­der und mein Kum­pel sehen schon ganz schön fer­tig aus. Ich spre­che ihnen Mut zu, laufe mit ihnen. Doch im Sat­tel merke ich, wie mein Kreis­lauf run­ter­fährt, wie es mich schüt­telt. Die Jungs sind in guten Hän­den, Vik­tor ist bei ihnen. Ich muss mein Tempo machen, sonst klappe ich hier zusam­men. Zeit für die Daunenjacke.

Vom Sat­tel aus folgt die Route einem stei­len Auf­schwung auf das Gip­fel­pla­teau, es sind noch drei­hun­dert wei­tere Höhen­me­ter. Hier oben ist das keine Klei­nig­keit. Erschöp­fung macht die Beine schwer. Ich kämpfe gegen die Stei­gung, Schritt für Schritt, es ist müh­sam. Doch end­lich laufe ich in die Mor­gen­sonne hin­ein, vom Schat­ten ins Licht.

Licht und Schat­ten im Elbrus-Sattel.

Auf dem Pla­teau sind schon einige Berg­stei­ger. Die Sonne strahlt so unschul­dig, dass man sich kaum vor­stel­len kann, dass an die­sem Berg regel­mä­ßig so viele Men­schen den Tod fin­den. Breit und wenig steil führt der Weg nun die letz­ten Meter hin­auf zur höchs­ten Firnspitze.

Auf dem Gip­fel wer­den Fah­nen aus­ge­rollt, auch ich muss Bil­der schie­ßen, für zwei hei­tere Kasa­chen. Den Gip­fel bezwun­gen, für Ruhm und Ehre und das Vater­land, so muss es wohl sein. Ich lasse meine Bli­cke von die­sem rie­si­gen Vul­kan­ke­gel umher wan­dern. Scho­ko­lade, Tee, ich sam­mele meine Kräfte. Es ist halb acht, ich bin acht­ein­halb Stun­den aufgestiegen.

Zwei Teil­neh­mer aus unse­rer Gruppe errei­chen den Gip­fel. Wir gra­tu­lie­ren uns gegen­sei­tig und machen Fotos. Die bei­den erzäh­len, dass mein Bru­der und mein Freund umge­kehrt seien. Dann beginne ich mit dem Abstieg. Schade, ich hätte es ihnen so gegönnt.

Kurz bevor das Gip­fel­pla­teau endet, tau­chen auf ein­mal zwei Men­schen vor mir auf – es sind mein Bru­der und mein Kum­pel! Sie sind offen­bar doch wei­ter­ge­gan­gen. Und nun­mehr völ­lig erschöpft. Aber sie haben es geschafft.

Ich ver­teile Scho­ko­lade und Tee, drehe noch ein­mal um. Wir gehen die letz­ten Meter zusam­men. Es ist das Schönste, gemein­sam hier oben zu sein.

Gip­fel­pla­teau und Gipfelaussicht.

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