„Wer das Glück hat, mit einem Flugzeug über die Gletscher zu fliegen und die Massen an Eis aus der Luft zu sehen, der kann sich schlichtweg nicht vorstellen, dass es eines Tages tatsächlich so weit sein soll, dass das endlos scheinende Eis wegschmilzt …“ Ich lese diese Zeilen über Grönland in einem Reisemagazin, und zwar: Während. Ich. Mit. Einem. Flugzeug. Über. Grönland. Fliege.

Mein Herz geht auf. „80 Prozent von Grönland liegen unter einer Eisschicht, die bis zu 3400 Meter dick ist“, steht in der Zeitschrift in meinem Schoß, ich schaue aus dem Fenster, hinab auf Grönland, mache Fotos und bin dankbar, dass mein Sitznachbar mir gleich beim Boarding seinen Fensterplatz angeboten hat. Nein, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass all dieses Eis eines Tages wegschmilzt, und ja, ich habe hier und jetzt das Glück, das unbeschreibliche Glück, mit einem Flugzeug über die Gletscher zu fliegen.

Visum besorgt, Zweifel beseitigt

Und dann wird mir klar: Ich habe selbst dafür gesorgt. Indem ich mich entschieden habe, nach Kanada zu gehen. Indem ich über zwei Jahre lang Geld gespart habe. Indem ich mich um Visum, Zwischenmieterin, Arbeitserlaubnis, Flug und Krankenversicherung gekümmert habe. Indem ich meinem Chef im Februar mit hochrotem Kopf mitgeteilt habe, dass ich keinen neuen Vertrag unterschreibe. Indem ich die Zweifel, die Ängste beiseite geschoben und auf mein Herz gehört habe.

Das aufblasbare Nackenkissen bleibt in der Handtasche, ich bin zu aufgeregt zum Schlafen. Es wird ohnehin nicht Nacht auf meinem Flug, weil ich der Dunkelheit davonfliege. Ich denke an meine Mutter, die am Bahnsteig geweint hat und am Telefon auch. „Es geht mir gut, Mama“, will ich ihr sagen, „ich bin glücklich.“ Ich weiß genau, dass sie kein Auge zumacht, bis ich mich nach der Landung bei ihr melde. Ich denke an meine Freunde, mit denen ich gestern noch Scharade gespielt habe. Ich glaube, sie sind stolz auf mich.

Die Schulter schmerzt vom Rucksacktragen, die Knie auch, ich kann die Beine nicht ausstrecken. Aber das Herz, das tanzt, weil ich das Richtige getan habe, und als ich das begreife, im Flugzeug über Grönland, da könnte ich losheulen vor Glück.

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