Geschichten aus Teheran

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Geschichten aus Teheran

In Teheran atmen wir den Dreck der Stadt. Volle Dröhnung Feinstaub. Die Straßen sind verstopft, die Abgase der Autos giftig, die Häuser unansehn­lich. Dennoch reizt uns die Stadt. Im riesigen Basarviertel, dem größten und wichtigsten Markt des Landes, treiben wir in einer gewal­tigen Menge durch die unend­lich schei­nenden Gassen, spülen durch die Perserteppichabteilung und landen auf dem turbu­lenten Vorplatz des Marktgebäudes mit seinen mobilen Händlern und Snackverkäufern.

Direkt neben dem großen Markt in Teheran befindet sich ein Gebäudekomplex, der weithin als Golestan Palast bekannt ist. Errichtet in den Übergangsjahren vom 18. zum 19. Jahrhundert, war er bis zur Islamischen Revolution 1979 offizi­elle Residenz der herrschenden Monarchen. Hier regelte die Herrscherdynastie der Kadscharen die Geschicke des Landes, bevor die Pahlavis unter König Reza als letzte persi­sche Königsfamilie übernahmen. Die Pahlavis, royale Machthaber in der konsti­tu­tio­nellen Monarchie im Iran, waren es auch, die viele Gebäude des Komplexes für ein neues Stadtviertel abreißen ließen. Doch auch wenn die Palastanlage einst um einiges größer war, so ist das Gelände noch immer beein­dru­ckend genug, um von der UNESCO seit 2013 als Weltkulturerbe gelistet zu werden. Die Gebäude, von verschie­denen Herrschern über die Jahre hinzu­ge­fügt, beher­bergen nun mehrere Museen.

Trotz eines für Paläste recht jugend­li­chen Alters ist der Golestan Palast mit etwas mehr als 200 Jahren eines der ältesten histo­ri­schen Monumente Teherans. Richtig einordnen lässt sich der Gebäudekomplex jedoch nicht, ist er doch stark von europäi­schen Baustilen geprägt und wurde immer wieder neu gestaltet und ergänzt.

Teheran, Iran
Golestan Palast in Teheran
Teheran, Iran

Als wir das Gelände betreten, trabt gerade eine Schulklasse an uns vorbei, die Zehnjährigen sind aber erst wirklich begeis­tert, als sie uns zu Gesicht bekommen. Laut durch­ein­ander schreiend stürmen sie auf uns zu. Ein Wortregen aus „Hello, how are you?“ und „What is your name?“ prasselt auf uns nieder. Wir wissen gar nicht, wem wir zuerst antworten sollen, was bei den gleich bleibenden Fragen aber auch kein wirkli­ches Problem ist. Die Lehrer der etwa 30 Kinder geben sich große Mühe ihre Schüler zur Ruhe zu bringen. Doch es gelingt erst, als wir bereits einige Meter weiter gegangen und unsere Aufmerksamkeit auf die Gebäude gelenkt haben.

Die Außenwände des Palastes sind ein Meisterwerk aus Farben und dekora­tiven Motiven. Riesige Kachelmotive zeigen stilvolle Blumenmuster. Sie referieren auf den Namen des Palastes, denn Golestan (persisch: گلستان) bedeutet nichts anderes als Ort der Blumen. Daneben zieren Vogeldarstellungen und Jagdszenen die Wände ebenso wie kunst­volle Landschaftsdarstellungen und Stadtbilder. Auch das Wappentier der Kadscharen – ein Löwe, der ein Schwert über seinem Kopf hält, mit der dahinter aufge­henden Sonne – ist ein immer wieder­keh­rendes Motiv. Doch die vollbrachte Handwerkskunst hat nicht mehr den Glanz früherer Zeiten. Noch inArdabil bewun­derten wir die Schönheit der Dekorationskunst der Safawiden aus der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Mit gebro­chenen, verschie­den­far­bigen Scherben bannten sie grandiose Muster an die Wände ihrer Moscheen und Gebäude.

Hier im Golestan Palast sind Motive und Darstellungen dagegen nicht mehr aus Einzelteilen zusam­men­ge­setzt, sondern ledig­lich auf die gekachelten Wände gemalt. Doch unsere Bewunderung beein­träch­tigt das nur gering­fügig.

Teheran, Iran
Blumen- und Rankendesign im Golestan Palast
Teheran, Iran
das Wappentier der Kadschardynastie aus dem 18. Jahrhundert
Teheran, Iran

kunst­volles Design

Im Inneren der Gebäude, in den Eingangs- und Empfangshallen, prangen wunder­volle Spiegelmosaike an den Wänden und Decken, die die Räume um ein Vielfaches größer wirken lassen. Es glitzert und funkelt aus allen Ecken. Der Prunk vergan­gener Jahrhunderte ist noch immer spürbar.

Teheran, Iran
einer von vielen Spiegelsälen im Golestan Palast

Wir wandern entlang der schönen Mauern und Wände, kommen vorbei an rankenden Blumen und farben­frohen Vogelmotiven, bis wir auf einem Absatz in einer der hinteren Ecken des Geländes einem älteren Herrn begegnen. Über eine Zeitung gebeugt, scheint er tief in seine Lektüre versunken zu sein. Immer wieder führt er einen kurzen Bleistift über die Zeilen, um dann ein paar Notizen in einen A4-Schreibblock zu übertragen.

Als wir uns nähern, blickt der Mann ruckartig auf. Kluge, braune Augen leuchten uns aus tiefen Höhlen entgegen. Ob wir deutsch sprechen könnten? Ja! – Ob wir fünf Minuten Zeit hätten ihm zu helfen? Warum nicht!?

Und schon hängen auch unsere Köpfe über der Zeitung, die sich nun als eine Ausgabe des Spiegels aus den ersten Jahren dieses Jahrtausends heraus­stellt. Unser neuer Freund ist eifrig dabei Deutsch zu lernen. Immer und immer wieder liest er die gleichen Artikel, markiert Worte, schreibt Übersetzungen und Synonyme an den Rand. Nur ein paar Sätze machen ihm Sorgen, deren Bedeutung er sich einfach nicht erschließen kann. Die Tücken der deutschen Sprache sind für ihn weder Kasus noch Genus, sondern Metaphorik und Anschaulichkeit. Sprachliche Bilder, die nichts mit dem Inhalt des Textes zu tun haben und deren Verständnis trotzdem unerläss­lich ist.

 

Am Abend sind wir zurück bei Ahad. Unser Gastgeber hat Freunde und Couchsurfer einge­laden und so lassen wir uns zunächst Reis, Gemüse und Kebab schme­cken, bevor frisch gebrautes Bier auf den Tisch kommt. Neben einer Handvoll Iraner machen wir es uns mit einigen Europäern gemüt­lich. Dank Ahads kleiner Instrumentensammlung haben wir eine ziemlich gute Zeit. Bald schon sind wir eine einge­spielte Band. Mit Gitarre, Rasseln und Mundtrommel lassen wir es krachen. Nur die Blockflöte bringt ein paar schiefe Töne in unser musika­li­sches Meisterwerk. Aber was will man von einer Blockflöte auch anderes erwarten.

Wir musizieren bis weit nach Mitternacht und Ahad lässt es sich nicht nehmen, auf den Schultern eines Freundes gestützt, das Tanzbein zu schwingen.

Teheran, Iran
Couchsurfing in Teheran

Hier in Teheran bekommen wir nur selten den Eindruck in einem der isolier­testen und dogma­tischsten Länder der Welt zu sein. Die Menschen, denen wir begegnen sind offen, freund­lich und liberal. Die Hauptstadt ist das Zentrum der Kreativen, das Wohnzimmer der Künstler. Hier toben sie sich aus – wenn auch gezwun­gener Maßen hinter verschlos­senen Türen und im Untergrund. Wir besuchen die Fotoausstellung eines schwulen Fotografen, essen die besten Burger und Pommes der Stadt, treffen bärtige Studenten mit hippen Brillengestellen in coolen Cafés und Teehäusern. Wir unter­halten uns viel, aber erstaun­lich wenig über Religion. Die meisten Teheraner, mit denen wir ins Gespräch kommen, bezeichnen sich selbst als unreli­giös, manche sogar ganz bewusst als Atheisten. Das Kopftuch ist allen lästig, aber unumgäng­lich. Trotzdem wollen sie uns von ihrem Land erzählen, von den Menschen, die weder Krieg noch Streit und auch kein religiöses Säbelrasseln mitma­chen wollen. Dennoch verzwei­feln viele unserer Gesprächspartner über die Zustände in ihrem Land. Fluchtgedanken werden mehr als einmal geäußert.

Teheran, Iran
mit dem Fotografen in seiner Ausstellung

Die Misere des Landes hängt eng mit dem größten politi­schen Widersacher, den USA und ihrem imperia­lis­ti­schen Wertesystem, zusammen. Der Iran verdankt die letzten 60 Jahre seiner Geschichte nämlich vorrangig den Bestrebungen US-ameri­ka­ni­scher Außenpolitik; sowohl der offizi­ellen als auch der geheimen.

Es sind die frühen 1950er Jahre, als sich die CIA im Keller der US-ameri­ka­ni­schen Botschaft in Teheran an die Ausführung ihres aller­ersten Staatsstreichs macht. Noch vor Lumumba im Kongo (1960), Sukarno in Indonesien (Mitte der 1960er) und Allende in Chile (1973) übte sich der Auslandsgeheimdienst der USA im Putschen und Entmachten von demokra­tisch gewählten Regierungen im Iran.

Bestimmt waren alle Akteure ein bisschen aufge­regt. So ein aller­erster Putsch ist ja auch etwas Besonderes. Im Iran, bereits seit 1906 eine konsti­tu­tio­nelle Monarchie mit eigener Verfassung, herrschen sowohl der König als auch ein gewähltes Parlament. Nun, in den begin­nenden 1950ern, bekleidet Mohammad Mossadegh das Amt des Premierministers. In seiner Position als Volksvertreter versucht Mossadegh einen gerech­teren Vertrag mit der Anglo-irani­schen Ölgesellschaft APOC auszu­han­deln, die sich an den reichen Ölfeldern des Landes bedient. Als die Briten das irani­sche Angebot ablehnen, verstaat­licht Mossadegh die Ölgesellschaft und weist briti­sche Diplomaten aus dem Land aus, denen er korrekter Weise unter­stellt, einen Umsturz zu planen.

Mit diesem Akt erlangt Mossadegh inter­na­tio­nale Berühmtheit. Das Time Magazine ernennt ihn zum Mann des Jahres 1951 für seinen beispiel­haften Einsatz gegen die koloniale Unterdrückung von Entwicklungsländern.

Teheran, Iran
Graffiti an der ehema­ligen US-Botschaft

Nur die Briten sind not amused und wollen „ihr“ Öl  zurück. Sie errichten eine Seeblockade, fordern einen inter­na­tio­nalen Boykott für irani­sches Öl und geben sich große Mühe Mossadegh in Misskredit  zu bringen. Schließlich gelingt es dem briti­schen Premierminister Churchill 1953 die USA, unter Präsident Eisenhower, davon zu überzeugen, dass Mossadegh nicht länger in seinem Amt bleiben solle. Was folgt ist die CIA-Operation Ajax.

Aus besagtem Keller unter der ameri­ka­ni­schen Botschaft in Teheran heraus macht die CIA 1953 Stimmung gegen Mossadegh. Zunächst umgarnt sie König Mohammad Reza Pahlavi, der bereits 1941 seinem Vater Reza Pahlavi auf den Thron folgte. Die Beweggründe des Königs sind nur noch schwer zu rekon­stru­ieren, aber letzt­end­lich erreicht die CIA ihr Ziel: Der Monarch spricht sich für eine Entmachtung Mossadeghs aus. Doch es bedarf weiterer zwei Millionen US-Dollar, die an Kleriker, Offiziere, Zeitungsverleger, Bazaris und Schlägertrupps gezahlt werden, um den Coup durch­zu­ziehen.

Mossadegh wird im zweiten Umsturzversuch aus dem Amt getrieben, unter Hausarrest gestellt und später inhaf­tiert. Derweil ernennt König Mohammad Reza den Abgeordneten Fazlollah Zahedi zum neuen Premierminister. Die Ölverträge zwischen den Briten und Vertretern der irani­schen Regierung werden neu ausge­han­delt. Am Ende fallen die wichtigsten irani­schen Ölfelder an die Briten zurück. Diese müssen nun aller­dings 40 Prozent ihrer Gewinne an die USA als Aufwandsentschädigung abtreten.

Teheran, Iran
Iran hinterm Stacheldraht

Auch nach dem Putsch gegen Mossadegh nehmen die USA weiterhin großen Einfluss auf die irani­sche Politik; nicht nur zum Vorteil der irani­schen Bevölkerung. Ebenso wie sein Vater Reza Pahlavi versucht sich Mohammad Reza zunächst als Reformer. In den begin­nenden 1960er Jahren verspricht er eine Landreform und eine Gewinnbeteiligungen für Arbeiter und Angestellte von Unternehmen. Gleichzeitig setzt er sich für das Frauenwahlrecht ein und bekämpft den Analphabetismus im Land, wofür er 1964 für den Friedensnobelpreis nominiert wird.

Jedoch regt sich Widerstand, der vor allem von den Klerikern geführt wird. Sie werfen dem König vor, eine Regierung gegen den Islam zu führen. Dabei ist es ein gewisser Ruhollah Khomeini, der beson­ders stark gegen König Mohammad Reza wettert und deshalb 1964 ins Exil verbannt wird. Jener Khomeini wird Jahre später maßgeb­lich das Schicksal des Irans mitbe­stimmen.

Doch mit der Verbannung Khomeinis ins Exil ist König Mohammad Reza noch lange nicht fertig mit seinen Kritikern. Der Reformer nimmt über die Jahre tyran­ni­sche Züge an. Die Opposition, vor allem linke und religiös-funda­men­ta­lis­ti­sche Parteien und Gruppierungen, werden syste­ma­tisch der Verschwörung verdäch­tigt und ihre Mitglieder verhaftet, gefol­tert und hinge­richtet. Eine Unschuldsvermutung gibt es nicht mehr. Wer nicht für die Regierung ist, muss gegen sie sein. Amnesty International schätzt, dass sich 1977 einige Tausend politi­sche Gefangene im Iran befinden.

Trotz zunächst erfolg­rei­cher Wirtschafts- und Sozialreformen wächst der Unmut in der Bevölkerung. Inflation, eine begin­nende Wirtschaftskrise und die eiserne Hand des Monarchen sorgen für soziale Spannungen. Die Menschen im Land lehnen sich gegen den König auf. Islamisten, Kommunisten und die Bürger der Mittelschicht verleihen ihrer Unzufriedenheit auf der Straße Ausdruck. Doch eint sie nichts weiter als die Abdankung des Königs. Als dies endlich geschieht, flieht Mohammad Reza 1979 ins Ausland und findet in den USA Zuflucht. Doch damit erhitzen sich die Gemüter im Iran weiter. Die funda­men­ta­lis­ti­sche Opposition verlangt die Auslieferung des ehema­ligen Königs und, um eine bessere Verhandlungsposition zu schaffen, stürmen irani­sche Studenten die US-ameri­ka­ni­sche Botschaft in Teheran. Sie nehmen 52 Diplomaten für 444 Tage als Geiseln.

Teheran, Iran

Es ist eine chaoti­sche Zeit aus dessen Durcheinander der Iran als Islamische Republik hervor geht. Die ehema­lige US-Botschaft gibt es nicht mehr. Das Gebäude ist heute ein Mahnmal des Antiamerikanismus. Die Außenmauern des Geländes sind auf jedem freien Zentimeter mit Botschaften gegen den Imperialismus versehen. Da ist vom „Great Satan“ die Rede und die Freiheitsstatue grüßt mit einem knochigen Totenkopflächeln in die Runde.

Dennoch ist Antiamerikanismus im Iran eher etwas für die regie­renden Kleriker. In der Bevölkerung hält sich die Verteufelung des Westens in Grenzen. Zwar gehört es beinahe zum guten Ton die USA für ihre politi­schen Machenschaften zu kriti­sieren, aber dennoch ist die sogenannte freie Welt das erklärte Ziel der meisten Iraner.

Teheran, Iran

Mittlerweile sind wir umgezogen. Wir haben Ahads kleine Wohnung gegen einen Partykeller getauscht. Mitten in Teheran ist unser neuer Host der unange­foch­tene Couchsurfing-König der Stadt, der selbst über sich sagt, noch nie eine Couch-Anfrage abgelehnt zu haben. Tatsächlich tummeln sich in der unter­ir­di­schen Behausung etwa zehn weitere Couchsurfer, als wir mit unserem Hab und Gut eintreffen. Hier begegnen wir auch dem Tschechen Jan wieder, den wir bereits auf Ahads kleiner Party kennen­lernten. Außerdem treffen wir Niederländer, Polen, Franzosen, Koreaner und Spanier. Es scheint dass alle, die eine Couch in Teheran suchen, früher oder später in diesem Keller landen. Wer recht­zeitig ankommt, dem steht ein Schlafplatz in einem der vier Doppelstockbetten im Hinterzimmer zur Verfügung. Wir schlafen hingegen auf unseren Isomatten neben der Tischtennisplatte im großen Vorraum.

Die Wände und die Decke sind über und über mit Postern, Kalenderblättern, Fotografien und Bildern irani­scher Sehenswürdigkeiten versehen. Nicht ein Millimeter, der nicht von einem Stück Papier bedeckt ist. In diesem Keller befinden wir uns überall im Iran zur gleichen Zeit.

Von unserem Gastgeber fehlt jedoch jede Spur. Erst als wir Teheran verlassen, bekommen wir ihn kurzzeitig zu Gesicht. Viel Zeit inves­tiert er nicht (mehr) in seine Gäste, aber das ist auch nicht notwendig – immer ist jemand da, mit dem wir unsere Zeit verbringen können. Am liebsten machen wir das mit Jan, dem Tschechen und Lee, einem rothaa­rigen Punk aus Den Haag. Beide sind wie wir per Anhalter in den Iran gereist, und beide planen bis nach Indien zu trampen. Doch uns verbinden nicht nur eine ähnliche Reiseerfahrung, sondern auch gleicher Humor und Lebenseinstellungen. Wir sind uns vom ersten Moment an sympa­thisch.

Teheran, Iran
unsere Couch in einem Keller in Teheran

Die beiden Jungs lehren uns noch etwas mehr über den Iran und über die gesell­schaft­li­chen Eigenarten. Jan und Lee schwärmen von der vermeint­li­chen Unbekümmertheit und Unbefangenheit junger irani­scher Frauen. Natürlich geht es um Sex, der vorehe­lich unter Strafe steht. Doch um auf nichts verzichten zu müssen, flirten Iranerinnen offen­sicht­lich gerne mit Ausländern und schauen, was sich ergibt. Viele von ihnen bieten sich sogar erschre­ckend offen an, erklären uns die beiden jungen, vielge­reisten Männer. Auch uns bleiben diese Anbiederungsversuche nicht verborgen, die gelegent­lich Ähnlichkeiten mit einer Trophäenjagd aufweisen.

Doch manchmal scheinen Ausländer nicht nur als Sexobjekte verstanden zu werden. Sie verheißen Erlösung, zeigen sie doch einen mögli­chen Ausweg aus den stark religiösen Zwängen der irani­schen Gesellschaft und der mittler­weile katastro­phalen wirtschaft­li­chen Situation des Landes. Sowohl Frauen als auch Männer bieten sich auslän­di­schen Touristen mit eindeu­tigen Absichten an, die zunächst freund­schaft­lich sind, dann aber immer seriöser werden. Sie handeln in der Hoffnung nach einer Liaison den Iran in Richtung eines anderen, vermeint­lich besseren Landes verlassen zu können. Mit Liebe hat das wenig zu tun. Vielmehr opfern Iraner, die sich auf solche Spiele einlassen, ihre Körper und Emotionen. Traurig und verzwei­felt folgen sie dem unbedingten Wunsch in die westliche Welt zu gelangen. Der innere Konflikt mit der Lebenssituation im Iran drängt viele Einheimische an ihre psychi­sche Belastungsgrenze.

Teheran, Iran
Straßenbild in Teheran
Teheran, Iran

Als wir aus dem Couchsurfing-Keller zurück auf die Straße treten, machen wir uns auf den Weg zum Nationalen Juwelenmuseum. Hinter zenti­me­ter­di­cken Stahltüren, Panzerglas, Personenscannern und Sicherheitspersonal lagern Irans könig­liche Schätze. Vor allem die Safawiden und Kadscharen hatten es in ihren Wohnzimmern gerne prunk­voll. Bei so viel Glitzer und Glamour, bei so viel luxuriöser Dekadenz bleibt uns die Sprache weg.

Die Sammlung an Edelsteinen, Gold- und Silberarbeiten und Schmuck ist so wertvoll, dass sie seit den 1930er Jahre als Reserve für die natio­nale Währung in der irani­schen Nationalbank lagert. Einige Ausstellungsstücke sind unbeschreib­lich: riesige Kronen, enorme Diamanten, ein mit 26.733 Juwelen besetzter Thron. Ziemlich viel Bling-Bling; doch das gewal­tigste, unglaub­lichste Stück der Sammlung ist ein 34 Kilo schwerer Globus aus dem Jahr 1869. Mehr als 51.000 Edelsteine formen Ozeane und Kontinente. Smaragde symbo­li­sieren das Wasser und Rubine die Landmassen. Nur Iran, England und Frankreich sind mit Diamanten auf den Globus gesetzt. Es ist eine ganz hübsche Dekoration, die ich auch gerne mein Eigen nennen würde.

Teheran faszi­niert uns. Die Stadt ist so ganz anders, als wir sie uns vorge­stellt hatten. An jeder Ecke, so scheint es, wartet eine Geschichte darauf erzählt zu werden. Die meisten von ihnen sind keine Märchen. Teheran ist keine schöne Stadt und sie verspricht auch kein Happy End. Doch die Geschichten der Stadt sind zuver­sicht­lich, vielschichtig, von Hoffnung beseelt und manchmal auch ein bisschen traurig. Sie spiegeln die Gesichter, die sie erzählen.

Vom Bam‑e Tehran, dem Dach Teherans, genießen wir den Blick über die Stadt. Am Fuß des Berges Tochal im Elbrusgebirge gelegen, bietet dieser Aussichtspunkt ein herrli­ches Panorama über eine Stadt, die dank der Smogwolke über ihr in ein mysti­sches Licht getaucht wird.

Teheran, Iran
Ausblick vom Bam‑e Tehran über die smogbe­las­tete Stadt

Hauptstädter kommen hier her zum Picknicken, Liebespaare suchen in versteckten Ecken etwas Abgeschiedenheit, die meisten kommen jedoch, um mit der vermut­lich längsten Gondel der Welt zu  fahren. Über eine Strecke von 7,5 km führt sie das Gebirge hinauf, bis sie im viert­höchsten Skigebiet der Welt auf 3.740 Höhenmetern angekommen, wieder hinab gleitet.

Wir ignorieren die Gondel, denn uns ist bereits auf 1.900 Höhenmetern ziemlich kalt. Der Wind bläst stetig und vor uns taucht Teheran zunächst in sanftes, abend­li­ches gelb, bevor in den Straßen ein Netz aus kleinen Lichtern erleuchtet. Dann wird es Nacht über einer Stadt voller Verfehlungen und zur Schau getra­genen Hässlichkeit. Es wird Nacht über einer Stadt, die nicht schön ist, aber in der man ohne Zweifel den Herzschlag des Landes spürt.

Teheran, Iran

 

Mehr Geschichten aus der irani­schen Hauptstadt findet ihr hier: Geschichten aus Teheran Teil 1


Kommentare

  1. Avatar von thomas

    Das erinnert mich an meine Reise nach Teheran vor drei Jahren. Danke für die Auffrischung der Erinnerungen. 🙂

    1. Avatar von Morten und Rochssare
      Morten und Rochssare

      Es ist uns eine Freude, deinen Erinnerungen neues Leben einzu­hau­chen. 😉

  2. Avatar von Ute
    Ute

    Vielen Dank für diesen Bericht und die beein­dru­ckenden Fotos! Viele meiner Fragen über das Leben im Iran, speziell in Teheran wurden mir genauso infor­mativ wie unter­haltsam beant­wortet! Seit einigen Wochen haben wir Kontakt zu einer Flüchtlingsfamilie aus Teheran. Der Mann hat in unserem ehema­ligen Schweinestall sein »Paradies« gefunden, er arbeitet dort an seinen Holzkunstwerken. Ein Freigeist – war immer wieder mein Gedanke, wenn er mir versuchte zu erklären, dass er aus dem Islam ausge­treten sei und Gott im Herzen habe, während er an einer Buddha-Statue arbeitet. Ich finde ihn in diesem Artikel wieder und freue mich, endlich mehr erfahren zu haben, als die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes!

    1. Avatar von Morten und Rochssare
      Morten und Rochssare

      Liebe Ute,

      wir freuen uns, dass dir unser Artikel gefallen hat. Teheran ist eine spannende Stadt und ihre Bewohner erzählen unglaub­lich inter­es­sante Geschichten. Vielen Dank, dass du auch deine Erfahrung mit uns teilst.

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