„If you need lovin‘, then hmm, mmm, I’ll tra­vel.“ (The Sonics – Have love, will travel)

Viele Men­schen suchen die Liebe auf Rei­sen. Andere hin­ge­gen gehen auf Reisen,um einer unglück­li­chen Liebe in der Hei­mat zu ent­flie­hen, oder ihr Herz nach einer Ent­täu­schung vom Kum­mer abzu­len­ken. Die Rei­se­li­te­ra­tur quillt über von Geschich­ten über amou­röse Begeg­nun­gen, die Rei­sen­den eine Rück­kehr in die Hei­mat ver­ei­telt haben. Selbst dubiose RTL2-Repor­ta­gen berich­ten heute über diese beson­dere Art der Part­ner­fin­dung. Und in jedem Musik-Genre lässt sich min­des­tens einer fin­den, der die Liebe zwi­schen Rei­sen­den besun­gen hat.

Als ich vor eini­gen Jah­ren meine lange Reise begann, wusste ich nicht, wie lange sie letzt­end­lich dau­ern würde. Ich war auf alles gefasst. Alle Ver­träge in Deutsch­land waren gekün­digt oder auf Eis gelegt, alle Rech­nun­gen bezahlt, alle Schul­den ein­ge­trie­ben, mein Stu­dium end­lich abge­schlos­sen. Mein Hab und Gut war in klo­bige Kar­tons ver­packt und im Kel­ler mei­ner Eltern ver­staut wor­den. Auch die Finan­zen waren geklärt. Ich hatte einen Bat­zen Geld gespart, die Reise begann zudem mit einem Job in den USA. Und so hatte ich, als ich den One-Way-Flug nach San Fran­cisco bestieg, wirk­lich nicht den gerings­ten Schim­mer, wohin es mich am Ende ver­schla­gen und wie lange ich von Zuhause wohl fort­blei­ben würde. Eine wilde Mischung von wider­sprüch­li­chen Gefüh­len über­kam mich, wenn ich genauer über meine außer­ge­wöhn­li­che Lebens­si­tua­tion nach­dachte: Frei­heit, Ein­sam­keit, Aben­teuer, Unge­wiss­heit, Offen­heit für alles.

Bild 1Wenn man nicht weiß, wohin die Reise geht…

 

Ich ver­ließ Deutsch­land mit einem Her­zen, das sich in einer Art Neu­tral­zu­stand befand. Eine Bezie­hung war in die Brü­che gegan­gen, nicht zuletzt, weil diese geplante Reise seit lan­ger Zeit zwi­schen uns gestan­den hatte. Doch die end­lo­sen Briefe vol­ler ent­täusch­ter Worte sowie die bit­te­ren Trä­nen am Tele­fon lagen schon eine Weile zurück. Ich war geläu­tert. „No hard fee­lings“, wie sich ein sol­cher Gemüts­zu­stand im Eng­li­schen viel prä­gnan­ter beschrei­ben lässt. Und gerade die­ser Zustand machte mich offen für alles, was da kom­men mochte.

Zwar hatte ich mein Leben zuhause gern. Und doch konnte ich mir damals auch wirk­lich gut vor­stel­len, woan­ders etwas völ­lig Neues auf­zu­bauen. Meine ganze Fami­lie ahnte, dass ich even­tu­ell gar nicht mehr von die­ser Reise zurück­keh­ren würde. Sie emp­fan­den die­sen mög­li­chen Aus­gang als lau­ernde Gefahr, ich selbst begriff ihn als große Chance. Alleine die Tat­sa­che, dass ein sol­cher Aus­gang über­haupt im Bereich des Mög­li­chen lag, ver­setzte mich bereits in einen ganz neuen Geis­tes­zu­stand. Ich hatte schon damals so ein Gefühl, dass es im Leben nicht viele Momente geben würde, zu denen man in jeder Hin­sicht so ohne Ver­pflich­tun­gen ist. Ich hatte zuhause nichts, wohin ich zurück­keh­ren musste – kei­nen Job, keine Part­ne­rin, keine Woh­nung, kei­nen Besitz, ja, nicht mal eine Idee, was ich eigent­lich mit mei­nem Leben anfan­gen wollte. Wann, wenn nicht jetzt!

Natür­lich hatte ich auch stets die Mög­lich­keit im Kopf, dass ich mich unter­wegs ver­lie­ben und mir mit die­ser Frau viel­leicht sogar eine Exis­tenz auf­bauen würde. Irgendwo. Irgend­was. Würde man dann ja sehen.

Denn tief in mir drin bin ich ein gro­ßer Roman­ti­ker. Mit einer aus­ge­präg­ten Fan­ta­sie: Eine dun­kel­haa­rige Schön­heit in Mexiko, eine sari­be­wan­dete Inde­rin mit Man­del­au­gen, eine frei­heits­lie­bende Rei­sende aus irgendwo mit von der Sonne gebleich­ten Haa­ren… Als ich mir auf dem Flug all diese Mög­lich­kei­ten aus­malte, über­kam mich ein war­mer Schauer. Doch es sollte anders kommen.

Gebraucht man Liebe laut­ma­le­risch als Syn­onym für Sex, so liesse sich schnell behaup­ten, dass die Liebe auf Rei­sen an jeder Ecke war­tet. Denn, und das muss ich nie­man­dem erzäh­len, der schon mal für eine Weile unter­wegs war, ein amou­rö­ses Aben­teuer lässt sich ‚on the road‘ deut­lich leich­ter fin­den als zu Hause. Alle Rei­sen­den befin­den sich in einer Art Spe­zi­al­mo­dus, her­aus­ge­ris­sen aus ihren übli­chen Beschrän­kun­gen, gesell­schaft­li­chen Zwän­gen und Ängs­ten. Außer­dem sieht man ein­an­der ver­mut­lich eh nie wie­der, da gibt es auch weni­ger zu ver­lie­ren. Und so ist auch noch der Ver­klemm­teste am ande­ren Ende der Welt plötz­lich in der Lage, seine Sexua­li­tät auszuleben.

Und so reiste ich und gab mich der ‚Liebe‘ hin, so aus­gie­big wie die meis­ten Ande­ren, die ich unter­wegs traf. Mal tat man sich für ein paar Tage zusam­men, wenn die Rei­se­pläne über­ein­stimm­ten. Oft schwor man sich, ein­an­der zu einer ande­ren Zeit an einem ande­ren Ort wie­der­zu­se­hen. So weit, so gut.

Mein Herz jedoch blieb kühl. Manch­mal war ich kurz im Glau­ben, dass da mehr war, aber nach ein paar Tagen zog ich dann schließ­lich doch wie­der alleine wei­ter. So sehr ich es mir manch­mal gewünscht hätte, eine wirk­li­che Ver­liebt­heit wollte sich ein­fach nicht ein­stel­len. Viel­leicht war es auch der omni­prä­sente Drang, auf die­ser Reise noch so viel mehr Orte und Län­der zu sehen, noch so viel mehr Men­schen ken­nen­zu­ler­nen, der mei­nen Emo­tio­nen unter­be­wusst einen Rie­gel vor­schob. Ehe ich mich ver­sah, saß ich jeden­falls wie­der ganz alleine in einem alten Bus oder an einem neuen Ort und lernte auf die harte Tour, dass auch das Gefühl der Ein­sam­keit auf Rei­sen viel inten­si­ver sein kann als zu Hause.

Doch dann, auf Caye Caul­ker, einer male­ri­schen klei­nen Insel vor Belize, pas­sierte plötz­lich und unan­ge­kün­digt etwas, von dem ich sofort glaubte, dass es die ganze Reise ver­än­dern oder gar been­den konnte. Ich war mitt­ler­weile etwa seit einem hal­ben Jahr unterwegs.

Bild 2Caye Caul­ker, Belize

 

Eines Mor­gens befand ich mich auf mei­nem obli­ga­to­ri­schen Rund­gang um die ent­zü­ckende kari­bi­sche  Insel. Ich genoss die Son­nen­strah­len, die schwüle, sal­zige Luft und die Reg­gae-Schwa­den, die immer mal wie­der aus den simp­len Hüt­ten her­über­weh­ten. Wie jeden Mor­gen pas­sierte ich den Imbis­stand von Marla, um zu che­cken, ob es auch heute wie­der den bes­ten Hum­mer der Welt zum Lunch geben würde. Würde es.

 

Bild 3

 

Doch kaum hatte ich den aus Treib­holz impro­vi­sier­ten Stand pas­siert, blickte ich völ­lig unver­mit­telt in ein umwer­fen­des, gebräun­tes Gesicht mit grü­nen Augen, umweht von stroh­blon­den Haa­ren. Sie lächelte mich an. Es war um mich gesche­hen. Instantly! Ich war so durch den Wind, dass ich es nicht mal fer­tig brachte irgend­et­was zu sagen. Statt­des­sen trabte ich ein­fach wei­ter, nun jedoch mit einem dümm­li­chen Grin­sen quer über dem Gesicht.

Nennt mich naiv. Aber ich glaube an die Liebe auf den ers­ten Blick. Ich hatte die­ses sagen­um­wo­bene Gefühl ein­mal als Teen­ager erlebt, und es war gegen­sei­ti­ger Natur gewe­sen. Ein emo­tio­na­les Feu­er­werk die­ser Inten­si­tät hatte ich danach nie wie­der gespürt. Doch das hier war nah dran!

In den nächs­ten Tagen dachte ich ein­zig und allein an sie, die mys­te­riöse Frau mei­ner Träume, an der ich vor­bei­ge­lau­fen war, ohne zu handeln:

Wer war sie? Wo kam sie her? Wie hiess sie? Und, vor allem: War sie noch immer auf der Insel?!

Stun­den­lang lief ich von nun an jeden Tag alle Wege des klei­nen Eilands ab, schaute in die Tra­vel­ler-Bars und die 2nd-Hand-Buch­lä­den, scannte die weni­gen Strände, und machte sogar unre­gel­mä­ßige  Stich­pro­ben am Fähr­ha­fen. Ein­mal lüf­tete ich gar einen Vor­hang zu einer der Hüt­ten, da ich glaubte, sie habe sich viel­leicht zu den kif­fen­den Ein­hei­mi­schen gesellt, die dort tag­ein, tag­aus im Schat­ten in ihre Hall­ge­räte toas­te­ten. Doch nichts! Weder sie, noch ihre unschein­bare Beglei­te­rin tauch­ten wie­der auf. Sie waren wie vom Erd­bo­den ver­schlun­gen. Meine Hoff­nung schwand, lang­sam aber zusehends.

Bild 4Super­markt mit Kunst­ba­sar auf Caye Caulker

 

Abends lag ich in der grob geweb­ten Hän­ge­matte mei­ner Ter­rasse und malte mir unser gemein­sa­mes Leben aus. Vor mei­nem geis­ti­gen Auge sah ich unsere Nach­kom­men durch den Gar­ten sprin­gen, sah sie und mich Hand in Hand, in weiß vor einem Pries­ter ste­hen, obwohl ich nicht mal getauft war. Um den ange­nehm-unan­ge­neh­men Schmerz mei­nes Lie­bes­kum­mers noch zu unter­füt­tern, zupfte ich die mexi­ka­ni­schen Lie­der auf der Gitarre, die ich an der Uni­ver­si­tät von Gua­da­la­jara gelernt hatte. In jedem ein­zel­nen von ihnen ging es nur um Liebe und Ent­täu­schung. Ein ein­zel­ner Gecko, ver­mut­lich in einer ähn­li­chen Situa­tion wie ich, lauschte gedul­dig mei­nen Klageliedern.

Bild 5Ein­sa­mer Beglei­ter in Stun­den schwe­ren Liebeskummers

 

So schwer mir die Ent­schei­dung fiel, beschloss ich am drit­ten Tag der erfolg­lo­sen Suche, die Insel zu ver­las­sen. Ich wollte eigent­lich längst weg sein und Caye Caul­ker hatte mir wahr­lich nichts mehr Neues zu bie­ten. Nicht mal Hum­mer mit Knob­lauch­but­ter konnte ich mehr sehen… Nicht ganz frei von Zwei­feln packte ich meine Hab­se­lig­kei­ten zusam­men, in Gedan­ken ver­sun­ken trug ich Ruck­sack und Gitarre zum klei­nen Hafen, von dem aus die simp­len Holz­boote in Rich­tung Fest­land auf­bra­chen. Als ich mein Ticket bezahlt hatte und bereits zusam­men­ge­kau­ert im Boot saß, wur­den die Zwei­fel jedoch plötz­lich rie­sig. Was, wenn diese Frau der eigent­li­che Grund für meine Reise war? Was, wenn sie vom Schick­sal dafür vor­ge­se­hen war, die Mut­ter mei­ner Kin­der zu werden?

Als das Boot gerade abge­legt hatte und der Mann am Steuer schon im Begriff war, den Außen­bor­der anzu­feu­ern, hielt ich es nicht mehr aus. Ich sprang auf und rief „Alto! (Stop!)“ Die ande­ren Rei­sen­den betrach­te­ten mich mit einer Mischung aus Unver­ständ­nis und Genervt­heit. Doch nun war mir alles egal. Ich nötigte den Fähr­mann, zum Pier zurück zu pad­deln, des­sen fra­gen­den Gesichts­aus­druck ich mit nur einem Wort quit­tierte: „Amor!“ Wie erwar­tet besei­tigte das umge­hend sei­nen gan­zen Miss­mut und er ver­täute das Boot sogar noch ein­mal sorg­fäl­tig, damit ich auch sicher an Land kam. Schul­ter­zu­ckend blickte er als Ent­schul­di­gung kurz in die Runde der ande­ren Pas­sa­giere. Es war „Amor“ im Spiel, was konnte er da schon aus­rich­ten?! „Amor“ (Liebe) und „Cora­zon“ (Herz) – in die­sem Teil der Welt konnte man mit die­sen Begrif­fen nahezu alles rechtfertigen!

Und dann lief ich noch ein­mal um die gesamte Insel, dies­mal mit mei­nem gan­zen Gepäck. Und einer mitt­ler­weile an Wahn­sinn gren­zen­den Ent­schlos­sen­heit. Ein ver­zwei­felt nach der Liebe Suchen­der. Ein von einer roman­ti­schen Idee Beses­se­ner. Ich hatte das Gefühl, jeder konnte mir anse­hen, was in mei­nem cora­zon vor sich ging. Men­schen mach­ten mir unge­fragt Platz, als ich jeden Qua­drat­zen­ti­me­ter der Insel nach mei­ner Traum­frau durch­kämmte. Doch ich fand sie nicht. Wie­der nicht.

Bild 6Caye Caul­ker

Eine Stunde spä­ter hatte ich mir ein neues Boot­s­ti­cket zum Fest­land gekauft und saß nie­der­ge­schla­gen auf mei­nem Ruck­sack. Dies­mal war ich ent­schlos­sen, die Insel zu ver­las­sen. Ich gab mich geschla­gen. Meine Ange­bete war weg, ver­mut­lich schon seit Tagen. Ich hatte die Chance schlicht und ein­fach ver­passt. Irgend­et­was wollte mir das Schick­sal ver­mut­lich damit sagen. Irgend­wann würde das sicher alles Sinn ergeben.

Noch immer konnte ich kaum glau­ben, dass mich die­ser eine kurze Blick in ihr Gesicht so sehr aus der Bahn gewor­fen hatte. Doch nun war es vor­bei. Aus und vor­bei. Kein Grund, wei­ter dar­über zu spe­ku­lie­ren, was wohl aus uns gewor­den wäre. Ich würde mich nun ein­fach auf schnells­tem Wege zurück aufs Fest­land bege­ben, dort ein paar Biere trin­ken und dann den ers­ten Bus in Rich­tung Hon­du­ras bestei­gen. Ein neues Land, um auf neue Gedan­ken zu kom­men. Das war meine Geis­tes­hal­tung der Stunde.

Doch der Kapi­tän der Barke machte mir einen Strich durch die Rech­nung. Wäh­rend erneut knapp 15 Leute unge­dul­dig auf die Abfahrt war­te­ten, fragte mich der Alte in aller See­len­ruhe, was mit mir eigent­lich los sei:

„Aufs Boot drauf, vom Boot run­ter, wie­der aufs Boot drauf…“

Mein Spa­nisch war mitt­ler­weile gut genug, um ihm zumin­dest einen kur­zen Abriss des inne­ren Zwie­spalts zu geben, der mir das Herz zer­riss. Die Wör­ter cora­zon und amor fie­len unwei­ger­lich meh­rere Male, ich kam gar nicht drum­herum. Als ich zu Ende gespro­chen hatte, griff der betagte Mann sich mei­nen Ruck­sack und lud ihn höchst­per­sön­lich wie­der aus dem Boot aus. Dann bat er mich, ihm mein Ticket zu über­ge­ben und sagte, er würde es gut ver­wah­ren. Und jetzt sollte ich bitte end­lich die Frau fin­den, die mich so ver­zau­bert hatte! Ver­stand ich ihn rich­tig, sagte der alte Insu­la­ner mit dem fal­ti­gen Gesicht, dass man eine sol­che Chance nicht oft im Leben bekomme. Tau­che sie aber auf, dürfe man sie unter kei­nen Umstän­den ver­strei­chen lassen!

Und so machte ich mich ein wei­te­res Mal auf die Beine, und klap­perte all die schma­len Sand­pfade ab, die die Insel umrun­de­ten. So lang­sam nahm das alles absurde Züge an. Ein paar der weni­gen Ein­woh­ner Caye Caul­kers grüß­ten mich bereits mit einem spöt­ti­schen Unter­ton. Und doch hatte ich dies­mal ein unter­schwel­li­ges Gefühl, dass ich sie nun end­lich tref­fen würde. Sie befand sich aller Wahr­schein­lich­keit zum Trotz doch noch immer auf der Insel. So eso­te­risch es viel­leicht klin­gen mag, ich konnte spü­ren, dass sie ganz in mei­ner Nähe war.

Nach nur zehn Minu­ten Fuß­marsch erblickte ich sie von Wei­tem. Sie saß im Bikini auf einer Mauer am Strand und las ein Buch. Mir fiel das Herz in die Hose. Nicht nur ihr Gesicht, auch ihr Kör­per war so per­fekt, dass es fast weh­tat. Ich war kurz davor, ein­fach wie­der wort­los an ihr vor­bei­zu­lau­fen. Doch noch ein­mal durfte mir das nicht pas­sie­ren! Und so nahm ich all mei­nen Mut zusam­men, mar­schierte stram­men Schrit­tes zu ihr hin­über und sagte ent­schlos­sen Hallo. Ihre grü­nen Augen blick­ten mich schräg von unten an und wirk­ten auf mich so zau­ber­haft wie islän­di­sche Gey­sire. Ihr Mund, ganz offen­sicht­lich zum Küs­sen gemacht, formte ein Lächeln, das mich an den Rande einer Ohn­macht brachte. „Hi!“, strahlte sie mich an, als hätte sie den gan­zen Tag, ja, ihr gan­zes Leben nur auf mich gewar­tet. Ich hätte wei­nen mögen vor Glück.

Doch wie­der kam alles ganz anders.

Wir saßen auf der Mauer und quatsch­ten. Ich hatte mich offen­bar flink mei­nes Gepäcks ent­le­digt, ohne es über­haupt mit­zu­be­kom­men. Ich hatte nur noch Augen für sie. Alles an ihr war zum Schreien schön. Ihre son­nen­ge­bleich­ten Haare flat­ter­ten unge­zü­gelt in der lauen kari­bi­schen Brise, immer wie­der fiel ihr eine der sal­zi­gen Sträh­nen in den rot­glü­hen­den Mund­win­kel. Ihren wun­der­vol­len Kör­per hatte sie so auf­recht auf der Mauer plat­ziert, als gehöre ihr die ganze Insel. Auf ihren per­fek­ten Wan­gen, bespannt mit der Haut einer Göt­tin, bil­de­ten sich Krus­ten aus Meer­salz. Sym­me­tri­sche Krus­ten! Ihre Zehen, schö­ner als alle, die ich in mei­nem Leben je gese­hen hatte, gru­ben spie­le­risch im wei­ßen Sand. Nicht ein­mal die Flie­gen trau­ten sich an sie heran. Ihre Augen schie­nen alle Son­nen des Uni­ver­sums auf ein­mal wider­zu­spie­geln. Ihr makel­los bezahn­ter Mund formte Worte. Und da war das Problem.

So sehr ich mich anfangs wei­gerte es ein­zu­ge­ste­hen, und so krampf­haft ich mich an der Illu­sion fest­klam­merte, die ich von ihr hatte, so musste ich doch nach nur zehn Minu­ten ein­se­hen, dass wir nichts mit­ein­an­der zu tun hat­ten. Gar nichts. Nicht ein­mal den Ansatz eines kleins­ten gemein­sa­men Nen­ners. Ellin, diese unbe­schreib­li­che Schön­heit aus Nor­we­gen, ver­blasste zuse­hends mit jedem Satz, der über ihre kar­me­sinn­ro­ten Lip­pen kam, die ich noch eben ohne Ein­lei­tung hatte küs­sen wol­len. Meine Liebe zu ihr schmolz dahin wie Alt­ei­sen in einem schmut­zi­gen Hoch­ofen. Selbst ihre Attrak­ti­vi­tät war schon bald nur noch Mit­tel­maß. Ich konnte nichts dage­gen tun. Nach nur weni­gen Minu­ten war nichts davon übrig. Das Inter­es­san­teste war, dass sie weder von mei­ner anfäng­li­chen Zunei­gung noch von mei­nem plötz­lich ein­set­zen­den Gefühls­wan­del auch nur das Geringste mit­zu­be­kom­men schien. Am Ende unse­rer Unter­hal­tung war ich mir sicher, dass sie jeden Typen exakt so behan­delte wie mich gerade, auf wel­cher Mauer wel­chen Eilands auch immer sie gerade ihre Schön­heit in die Welt hinausschrie.

Übrig blieb eine auf ein Stück Taschen­tuch gekrit­zelte email-Adresse sowie die Aus­sicht, Ellin in Hon­du­ras wie­der­zu­tref­fen. Ich wusste schon jetzt, dass es dazu nie­mals kom­men würde. Und war OK damit. Völ­lig OK. So wenig ich es mir auch erklä­ren konnte, so hatte sich doch die kom­plette Ver­liebt­heit unge­fähr so schnell ver­flüch­tigt wie sie auf­ge­taucht war. Mein Herz war schlag­ar­tig wie­der frei und offen für die Aben­teuer, die noch vor mir lagen. Von einem Moment zum nächs­ten. Ein Hauch von Trau­rig­keit dar­über, dass die Liebe mich auf ein Neues nur gestreift hatte, wurde schnell abge­löst von einem Gefühl gro­ßer Erleich­te­rung, dass ich das wenigs­tens noch hatte klä­ren kön­nen, bevor ich die Insel verließ.

Am Pier war­tete bereits der alte Kapi­tän mit mei­nem Ticket in der Hand. Ich war ihm sehr dank­bar. Ihm, und der gene­rel­len Obses­sion der Mit­tel­ame­ri­ka­ner mit Gefühls­an­ge­le­gen­hei­ten. Über­ra­schen­der­weise wollte er gar nicht viel von mir wis­sen, eigent­lich nur, ob ich nun end­lich bereit sei, Caye Caul­ker zu ver­las­sen. Ich bejahte ent­schlos­sen. Bevor er mit sei­ner wet­ter­ge­gerb­ten Hand das kleine Kas­set­ten­ra­dio mit der Bachata-Com­pi­la­tion ein­schal­tete, lächelte er mit der Ziga­rette im Mund breit in meine  Rich­tung. Aus dem Mund­win­kel nuschelte er ver­gnügt: „El amor – la mas grande aven­tura de la vida!“ (Die Liebe – das größte Aben­teuer des Lebens)

Bild 7Bye bye, Caye Caulker!

Cate­go­riesBelize
Marco Buch

Marco ist ein neugieriger Mensch und viel unterwegs. Er liebt es Erfahrungen zu sammeln und später Anderen davon zu erzählen. Mit seinem Blog www.life-is-a-trip.com versucht er die Tradition des Geschichtenerzählens am Lagerfeuer ins digitale Zeitalter hinüberzuretten.

  1. Joas Kotzsch says:

    Ange­fan­gen zu lesen, rein­ge­zo­gen wor­den, zu Ende gele­sen :) Das war ein sehr schö­ner Ein­stieg in den Mon­tag heute morgen.

    1. Marco says:

      Hah hah, ‚Go slow‘! Die Schil­der hatte ich ja ganz ver­ges­sen! Vie­len lie­ben Dank für Dein Lob!
      Safe travels,
      Marco

  2. sylvia says:

    Schön, wirk­lich sehr schön geschrieben.
    Ich mag beson­ders die Gedan­ken zu dei­ner Her­an­ge­hens­weise an die ganze Reise, die Schil­de­rung dei­ner Ein­drü­cke und Erleb­nisse der ers­ten Monate und den plötz­li­chen Bruch… wahr­schein­lich weil ich die­sen Teil aus eige­ner Erfah­rung sehr gut nach­voll­zie­hen kann. Irgend­wann gab es dann eine Begeg­nung und ich habe genau die Chance des Zurück­ge­hens, Initia­tive-Ergrei­fens, die sich ein­mal ganz kurz erge­ben hat, nicht ergrif­fen und mich wochen­lang dar­über geärgert…
    Und dann gab es doch eine wei­tere Bege­gung, vier Monate spä­ter, auf einem ande­ren Kon­ti­nent.… und es alles ganz schnell ganz anders als erwar­tet: ein­fach weg­ge­bla­sen. Aber das ange­nehm-unan­ge­nehme Gefühl in der Zwi­schen­zeit hatte trotz­dem sei­nen Reiz :) – Danke dir für’s Erin­ne­run­gen auf­le­ben lassen ;)

    1. Marco says:

      Vie­len Dank für Dein Lob, Syl­via! Schön, wenn ich mit mei­ner Geschichte Erin­ne­run­gen auf­le­ben las­sen konnte. Und wit­zi­ger­weise war ich mir gerade unsi­cher dar­über, ob die ers­ten Absätze wirk­lich in die Geschichte mit rein­müs­sen. Jetzt bin ich beruhigt!
      Safe travels,
      Marco

    1. Marco says:

      Danke, Nicole! Und ja: Das stimmt. Manch­mal näm­lich auch erst, wenn man wie­der zu Hause ist. ;-)
      Safe travels,
      Marco

  3. Sehr schön geschrie­ben, Marco! Ich konnte gar nicht auf­hö­ren zu lesen, weil ich unbe­dingt das Ende wis­sen wollte. Die­ses Gefühl, wenn man sich in jeman­den verliebt/verknallt und dann beim Ken­nen­ler­nen merkt, dass man eigent­lich gar nicht viel gemein­sam hat, ist mir auch schon pas­siert. Die Erkennt­nis ist erst mal doof, letzt­end­lich aber auch gut, dann kann man die­ses Thema „abha­ken“ und quasi mit offe­nem Her­zen wei­ter­zie­hen… Oh man, aber Liebe auf den ers­ten Blick, so was ist mir noch nicht pas­siert – bin ein wenig neidisch. ;)

    1. Marco says:

      Danke, Mandy! Genau so ist es. Hätte ich nicht noch her­aus­ge­fun­den, dass sie nicht die Rich­tige für mich war, hätte mich diese ganze Geschichte sicher­lich noch ein paar Wochen beschäf­tigt. So war wenigs­tens alles wie­der offen.
      Und was die Liebe auf den ers­ten Blick angeht: Du hast ja noch ne Menge Zeit! ;-)
      Liebe Grüße,
      Marco

  4. Hallo Marco!
    Wun­der­bar erzählt, sehr leicht­fü­ßig, konnte mich sehr gut in Dich hin­ein­ver­set­zen und mit­füh­len. Das hat mich sehr daran erin­nert, wie ich ver­zwei­felt nach einer unbe­kann­ten Schön­heit in Ubud gesucht habe; als wir uns begeg­net waren, hat­ten wir beide nichts ver­nünf­ti­ges her­aus­ge­bracht und wegen eines spä­te­ren Tref­fens so ver­peilt anein­an­der vor­bei­ge­re­det, dass sich das Wie­der­be­geg­nen am Ende als unmög­lich erwies. Bald kannte ich alle Trans­port­un­ter­neh­mer der Umge­bung, rät­selte mit ihnen über Varia­tio­nen des Namens des Hotels/Restarants, in dem wir uns wie­der­tref­fen woll­ten. Die haben sich köst­lich amü­siert, waren aber auch fas­zi­niert von mei­ner Hart­nä­ckig­keit. Schön, dass ich nicht der letzte ver­blie­bene Roman­ti­ker mit Hard­core-Kopf­kino (Hoch­zeits­pläne vor dem zwei­ten Schritt…) bin :-) Für die Momente, in denen die Liebe auf bei­den Sei­ten ent­stand, war es das mehr als wert! Und wird es immer sein…
    Liebe Grüße! Oleander

    1. Marco says:

      Danke, Ole­an­der! Wenn ein Attri­but ein gro­ßes Kom­pli­ment ist, dann ist es wohl leicht­fü­ßig! Ich bin ganz mit Dir, was die Roman­tik angeht. Auch wenn man sich noch so zum Affen macht, sollte man nie aus Scham davor eine Chance auf die Liebe verpassen!
      Wie ist denn Deine Gesichte letzt­end­lich ausgegangen?
      Liebe Grüße,
      Marco

    2. so schauts aus; außer­dem ist „sich zum Affen­ma­chen“ eine Spe­zia­li­tät von mir. Ich fand mich in Ubud in Hotels wie­der, die über­zeugt waren, ich wollte ein Zim­mer mie­ten und mir eins schö­ner als das andere gezeigt haben, bis ich ihnen klar machen konnte, dass ich einen Gast suche und Ein­blick in das Gäs­te­buch erhielt. Auch wenn ich meine rast­lose Suche mir viele Sym­pa­thien ein­trug und mir die Taxi­fah­rer irgend­wann Heli­ko­pter zur Suche anbo­ten, war alles erfolg­los. Aber ich habs ver­sucht und irgend­wann konnte ich herz­lich über mich selbst lachen. Zur Liebe habe ich eine andere Geschichte ver­fasst, viel­leicht fin­dest Du Dich da wie­der. Im Unter­ka­pi­tel „die Sache mit dem Mos­ki­to­netz“ habe ich mich rich­tig anstän­dig zum Affen gemacht. Ach, die Liebe…
      http://reflexioneneinessuchenden.blogspot.de/2013/03/reisereportage-heaven.html

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