Die Liebe auf Reisen

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Die Liebe auf Reisen

»If you need lovin‹, then hmm, mmm, I’ll travel.« (The Sonics – Have love, will travel)

Viele Menschen suchen die Liebe auf Reisen. Andere hingegen gehen auf Reisen,um einer unglück­li­chen Liebe in der Heimat zu entfliehen, oder ihr Herz nach einer Enttäuschung vom Kummer abzulenken. Die Reiseliteratur quillt über von Geschichten über amouröse Begegnungen, die Reisenden eine Rückkehr in die Heimat verei­telt haben. Selbst dubiose RTL2-Reportagen berichten heute über diese beson­dere Art der Partnerfindung. Und in jedem Musik-Genre lässt sich mindes­tens einer finden, der die Liebe zwischen Reisenden besungen hat.

Als ich vor einigen Jahren meine lange Reise begann, wusste ich nicht, wie lange sie letzt­end­lich dauern würde. Ich war auf alles gefasst. Alle Verträge in Deutschland waren gekün­digt oder auf Eis gelegt, alle Rechnungen bezahlt, alle Schulden einge­trieben, mein Studium endlich abgeschlossen. Mein Hab und Gut war in klobige Kartons verpackt und im Keller meiner Eltern verstaut worden. Auch die Finanzen waren geklärt. Ich hatte einen Batzen Geld gespart, die Reise begann zudem mit einem Job in den USA. Und so hatte ich, als ich den One-Way-Flug nach San Francisco bestieg, wirklich nicht den geringsten Schimmer, wohin es mich am Ende verschlagen und wie lange ich von Zuhause wohl fortbleiben würde. Eine wilde Mischung von wider­sprüch­li­chen Gefühlen überkam mich, wenn ich genauer über meine außer­ge­wöhn­liche Lebenssituation nachdachte: Freiheit, Einsamkeit, Abenteuer, Ungewissheit, Offenheit für alles.

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Wenn man nicht weiß, wohin die Reise geht…

 

Ich verließ Deutschland mit einem Herzen, das sich in einer Art Neutralzustand befand. Eine Beziehung war in die Brüche gegangen, nicht zuletzt, weil diese geplante Reise seit langer Zeit zwischen uns gestanden hatte. Doch die endlosen Briefe voller enttäuschter Worte sowie die bitteren Tränen am Telefon lagen schon eine Weile zurück. Ich war geläu­tert. »No hard feelings«, wie sich ein solcher Gemütszustand im Englischen viel prägnanter beschreiben lässt. Und gerade dieser Zustand machte mich offen für alles, was da kommen mochte.

Zwar hatte ich mein Leben zuhause gern. Und doch konnte ich mir damals auch wirklich gut vorstellen, woanders etwas völlig Neues aufzu­bauen. Meine ganze Familie ahnte, dass ich eventuell gar nicht mehr von dieser Reise zurück­kehren würde. Sie empfanden diesen mögli­chen Ausgang als lauernde Gefahr, ich selbst begriff ihn als große Chance. Alleine die Tatsache, dass ein solcher Ausgang überhaupt im Bereich des Möglichen lag, versetzte mich bereits in einen ganz neuen Geisteszustand. Ich hatte schon damals so ein Gefühl, dass es im Leben nicht viele Momente geben würde, zu denen man in jeder Hinsicht so ohne Verpflichtungen ist. Ich hatte zuhause nichts, wohin ich zurück­kehren musste – keinen Job, keine Partnerin, keine Wohnung, keinen Besitz, ja, nicht mal eine Idee, was ich eigent­lich mit meinem Leben anfangen wollte. Wann, wenn nicht jetzt!

Natürlich hatte ich auch stets die Möglichkeit im Kopf, dass ich mich unter­wegs verlieben und mir mit dieser Frau vielleicht sogar eine Existenz aufbauen würde. Irgendwo. Irgendwas. Würde man dann ja sehen.

Denn tief in mir drin bin ich ein großer Romantiker. Mit einer ausge­prägten Fantasie: Eine dunkel­haa­rige Schönheit in Mexiko, eine saribe­wan­dete Inderin mit Mandelaugen, eine freiheits­lie­bende Reisende aus irgendwo mit von der Sonne gebleichten Haaren… Als ich mir auf dem Flug all diese Möglichkeiten ausmalte, überkam mich ein warmer Schauer. Doch es sollte anders kommen.

Gebraucht man Liebe lautma­le­risch als Synonym für Sex, so liesse sich schnell behaupten, dass die Liebe auf Reisen an jeder Ecke wartet. Denn, und das muss ich niemandem erzählen, der schon mal für eine Weile unter­wegs war, ein amouröses Abenteuer lässt sich ›on the road‹ deutlich leichter finden als zu Hause. Alle Reisenden befinden sich in einer Art Spezialmodus, heraus­ge­rissen aus ihren üblichen Beschränkungen, gesell­schaft­li­chen Zwängen und Ängsten. Außerdem sieht man einander vermut­lich eh nie wieder, da gibt es auch weniger zu verlieren. Und so ist auch noch der Verklemmteste am anderen Ende der Welt plötz­lich in der Lage, seine Sexualität auszu­leben.

Und so reiste ich und gab mich der ›Liebe‹ hin, so ausgiebig wie die meisten Anderen, die ich unter­wegs traf. Mal tat man sich für ein paar Tage zusammen, wenn die Reisepläne überein­stimmten. Oft schwor man sich, einander zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort wieder­zu­sehen. So weit, so gut.

Mein Herz jedoch blieb kühl. Manchmal war ich kurz im Glauben, dass da mehr war, aber nach ein paar Tagen zog ich dann schließ­lich doch wieder alleine weiter. So sehr ich es mir manchmal gewünscht hätte, eine wirkliche Verliebtheit wollte sich einfach nicht einstellen. Vielleicht war es auch der omniprä­sente Drang, auf dieser Reise noch so viel mehr Orte und Länder zu sehen, noch so viel mehr Menschen kennen­zu­lernen, der meinen Emotionen unter­be­wusst einen Riegel vorschob. Ehe ich mich versah, saß ich jeden­falls wieder ganz alleine in einem alten Bus oder an einem neuen Ort und lernte auf die harte Tour, dass auch das Gefühl der Einsamkeit auf Reisen viel inten­siver sein kann als zu Hause.

Doch dann, auf Caye Caulker, einer maleri­schen kleinen Insel vor Belize, passierte plötz­lich und unange­kün­digt etwas, von dem ich sofort glaubte, dass es die ganze Reise verän­dern oder gar beenden konnte. Ich war mittler­weile etwa seit einem halben Jahr unter­wegs.

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Caye Caulker, Belize

 

Eines Morgens befand ich mich auf meinem obliga­to­ri­schen Rundgang um die entzü­ckende karibi­sche  Insel. Ich genoss die Sonnenstrahlen, die schwüle, salzige Luft und die Reggae-Schwaden, die immer mal wieder aus den simplen Hütten herüber­wehten. Wie jeden Morgen passierte ich den Imbisstand von Marla, um zu checken, ob es auch heute wieder den besten Hummer der Welt zum Lunch geben würde. Würde es.

 

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Doch kaum hatte ich den aus Treibholz impro­vi­sierten Stand passiert, blickte ich völlig unver­mit­telt in ein umwer­fendes, gebräuntes Gesicht mit grünen Augen, umweht von stroh­blonden Haaren. Sie lächelte mich an. Es war um mich geschehen. Instantly! Ich war so durch den Wind, dass ich es nicht mal fertig brachte irgend­etwas zu sagen. Stattdessen trabte ich einfach weiter, nun jedoch mit einem dümmli­chen Grinsen quer über dem Gesicht.

Nennt mich naiv. Aber ich glaube an die Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte dieses sagen­um­wo­bene Gefühl einmal als Teenager erlebt, und es war gegen­sei­tiger Natur gewesen. Ein emotio­nales Feuerwerk dieser Intensität hatte ich danach nie wieder gespürt. Doch das hier war nah dran!

In den nächsten Tagen dachte ich einzig und allein an sie, die myste­riöse Frau meiner Träume, an der ich vorbei­ge­laufen war, ohne zu handeln:

Wer war sie? Wo kam sie her? Wie hiess sie? Und, vor allem: War sie noch immer auf der Insel?!

Stundenlang lief ich von nun an jeden Tag alle Wege des kleinen Eilands ab, schaute in die Traveller-Bars und die 2nd-Hand-Buchläden, scannte die wenigen Strände, und machte sogar unregel­mä­ßige  Stichproben am Fährhafen. Einmal lüftete ich gar einen Vorhang zu einer der Hütten, da ich glaubte, sie habe sich vielleicht zu den kiffenden Einheimischen gesellt, die dort tagein, tagaus im Schatten in ihre Hallgeräte toasteten. Doch nichts! Weder sie, noch ihre unschein­bare Begleiterin tauchten wieder auf. Sie waren wie vom Erdboden verschlungen. Meine Hoffnung schwand, langsam aber zusehends.

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Supermarkt mit Kunstbasar auf Caye Caulker

 

Abends lag ich in der grob gewebten Hängematte meiner Terrasse und malte mir unser gemein­sames Leben aus. Vor meinem geistigen Auge sah ich unsere Nachkommen durch den Garten springen, sah sie und mich Hand in Hand, in weiß vor einem Priester stehen, obwohl ich nicht mal getauft war. Um den angenehm-unange­nehmen Schmerz meines Liebeskummers noch zu unter­füt­tern, zupfte ich die mexika­ni­schen Lieder auf der Gitarre, die ich an der Universität von Guadalajara gelernt hatte. In jedem einzelnen von ihnen ging es nur um Liebe und Enttäuschung. Ein einzelner Gecko, vermut­lich in einer ähnli­chen Situation wie ich, lauschte geduldig meinen Klageliedern.

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Einsamer Begleiter in Stunden schweren Liebeskummers

 

So schwer mir die Entscheidung fiel, beschloss ich am dritten Tag der erfolg­losen Suche, die Insel zu verlassen. Ich wollte eigent­lich längst weg sein und Caye Caulker hatte mir wahrlich nichts mehr Neues zu bieten. Nicht mal Hummer mit Knoblauchbutter konnte ich mehr sehen… Nicht ganz frei von Zweifeln packte ich meine Habseligkeiten zusammen, in Gedanken versunken trug ich Rucksack und Gitarre zum kleinen Hafen, von dem aus die simplen Holzboote in Richtung Festland aufbra­chen. Als ich mein Ticket bezahlt hatte und bereits zusam­men­ge­kauert im Boot saß, wurden die Zweifel jedoch plötz­lich riesig. Was, wenn diese Frau der eigent­liche Grund für meine Reise war? Was, wenn sie vom Schicksal dafür vorge­sehen war, die Mutter meiner Kinder zu werden?

Als das Boot gerade abgelegt hatte und der Mann am Steuer schon im Begriff war, den Außenborder anzufeuern, hielt ich es nicht mehr aus. Ich sprang auf und rief »Alto! (Stop!)« Die anderen Reisenden betrach­teten mich mit einer Mischung aus Unverständnis und Genervtheit. Doch nun war mir alles egal. Ich nötigte den Fährmann, zum Pier zurück zu paddeln, dessen fragenden Gesichtsausdruck ich mit nur einem Wort quittierte: »Amor!« Wie erwartet besei­tigte das umgehend seinen ganzen Missmut und er vertäute das Boot sogar noch einmal sorgfältig, damit ich auch sicher an Land kam. Schulterzuckend blickte er als Entschuldigung kurz in die Runde der anderen Passagiere. Es war »Amor« im Spiel, was konnte er da schon ausrichten?! »Amor« (Liebe) und »Corazon« (Herz) – in diesem Teil der Welt konnte man mit diesen Begriffen nahezu alles recht­fer­tigen!

Und dann lief ich noch einmal um die gesamte Insel, diesmal mit meinem ganzen Gepäck. Und einer mittler­weile an Wahnsinn grenzenden Entschlossenheit. Ein verzwei­felt nach der Liebe Suchender. Ein von einer roman­ti­schen Idee Besessener. Ich hatte das Gefühl, jeder konnte mir ansehen, was in meinem corazon vor sich ging. Menschen machten mir ungefragt Platz, als ich jeden Quadratzentimeter der Insel nach meiner Traumfrau durch­kämmte. Doch ich fand sie nicht. Wieder nicht.

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Caye Caulker

Eine Stunde später hatte ich mir ein neues Bootsticket zum Festland gekauft und saß nieder­ge­schlagen auf meinem Rucksack. Diesmal war ich entschlossen, die Insel zu verlassen. Ich gab mich geschlagen. Meine Angebete war weg, vermut­lich schon seit Tagen. Ich hatte die Chance schlicht und einfach verpasst. Irgendetwas wollte mir das Schicksal vermut­lich damit sagen. Irgendwann würde das sicher alles Sinn ergeben.

Noch immer konnte ich kaum glauben, dass mich dieser eine kurze Blick in ihr Gesicht so sehr aus der Bahn geworfen hatte. Doch nun war es vorbei. Aus und vorbei. Kein Grund, weiter darüber zu speku­lieren, was wohl aus uns geworden wäre. Ich würde mich nun einfach auf schnellstem Wege zurück aufs Festland begeben, dort ein paar Biere trinken und dann den ersten Bus in Richtung Honduras besteigen. Ein neues Land, um auf neue Gedanken zu kommen. Das war meine Geisteshaltung der Stunde.

Doch der Kapitän der Barke machte mir einen Strich durch die Rechnung. Während erneut knapp 15 Leute ungeduldig auf die Abfahrt warteten, fragte mich der Alte in aller Seelenruhe, was mit mir eigent­lich los sei:

»Aufs Boot drauf, vom Boot runter, wieder aufs Boot drauf…«

Mein Spanisch war mittler­weile gut genug, um ihm zumin­dest einen kurzen Abriss des inneren Zwiespalts zu geben, der mir das Herz zerriss. Die Wörter corazon und amor fielen unwei­ger­lich mehrere Male, ich kam gar nicht drumherum. Als ich zu Ende gespro­chen hatte, griff der betagte Mann sich meinen Rucksack und lud ihn höchst­per­sön­lich wieder aus dem Boot aus. Dann bat er mich, ihm mein Ticket zu übergeben und sagte, er würde es gut verwahren. Und jetzt sollte ich bitte endlich die Frau finden, die mich so verzau­bert hatte! Verstand ich ihn richtig, sagte der alte Insulaner mit dem faltigen Gesicht, dass man eine solche Chance nicht oft im Leben bekomme. Tauche sie aber auf, dürfe man sie unter keinen Umständen verstrei­chen lassen!

Und so machte ich mich ein weiteres Mal auf die Beine, und klapperte all die schmalen Sandpfade ab, die die Insel umrun­deten. So langsam nahm das alles absurde Züge an. Ein paar der wenigen Einwohner Caye Caulkers grüßten mich bereits mit einem spötti­schen Unterton. Und doch hatte ich diesmal ein unter­schwel­liges Gefühl, dass ich sie nun endlich treffen würde. Sie befand sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz doch noch immer auf der Insel. So esote­risch es vielleicht klingen mag, ich konnte spüren, dass sie ganz in meiner Nähe war.

Nach nur zehn Minuten Fußmarsch erblickte ich sie von Weitem. Sie saß im Bikini auf einer Mauer am Strand und las ein Buch. Mir fiel das Herz in die Hose. Nicht nur ihr Gesicht, auch ihr Körper war so perfekt, dass es fast wehtat. Ich war kurz davor, einfach wieder wortlos an ihr vorbei­zu­laufen. Doch noch einmal durfte mir das nicht passieren! Und so nahm ich all meinen Mut zusammen, marschierte strammen Schrittes zu ihr hinüber und sagte entschlossen Hallo. Ihre grünen Augen blickten mich schräg von unten an und wirkten auf mich so zauber­haft wie islän­di­sche Geysire. Ihr Mund, ganz offen­sicht­lich zum Küssen gemacht, formte ein Lächeln, das mich an den Rande einer Ohnmacht brachte. »Hi!«, strahlte sie mich an, als hätte sie den ganzen Tag, ja, ihr ganzes Leben nur auf mich gewartet. Ich hätte weinen mögen vor Glück.

Doch wieder kam alles ganz anders.

Wir saßen auf der Mauer und quatschten. Ich hatte mich offenbar flink meines Gepäcks entle­digt, ohne es überhaupt mitzu­be­kommen. Ich hatte nur noch Augen für sie. Alles an ihr war zum Schreien schön. Ihre sonnen­ge­bleichten Haare flatterten ungezü­gelt in der lauen karibi­schen Brise, immer wieder fiel ihr eine der salzigen Strähnen in den rotglü­henden Mundwinkel. Ihren wunder­vollen Körper hatte sie so aufrecht auf der Mauer platziert, als gehöre ihr die ganze Insel. Auf ihren perfekten Wangen, bespannt mit der Haut einer Göttin, bildeten sich Krusten aus Meersalz. Symmetrische Krusten! Ihre Zehen, schöner als alle, die ich in meinem Leben je gesehen hatte, gruben spiele­risch im weißen Sand. Nicht einmal die Fliegen trauten sich an sie heran. Ihre Augen schienen alle Sonnen des Universums auf einmal wider­zu­spie­geln. Ihr makellos bezahnter Mund formte Worte. Und da war das Problem.

So sehr ich mich anfangs weigerte es einzu­ge­stehen, und so krampf­haft ich mich an der Illusion festklam­merte, die ich von ihr hatte, so musste ich doch nach nur zehn Minuten einsehen, dass wir nichts mitein­ander zu tun hatten. Gar nichts. Nicht einmal den Ansatz eines kleinsten gemein­samen Nenners. Ellin, diese unbeschreib­liche Schönheit aus Norwegen, verblasste zusehends mit jedem Satz, der über ihre karme­sinn­roten Lippen kam, die ich noch eben ohne Einleitung hatte küssen wollen. Meine Liebe zu ihr schmolz dahin wie Alteisen in einem schmut­zigen Hochofen. Selbst ihre Attraktivität war schon bald nur noch Mittelmaß. Ich konnte nichts dagegen tun. Nach nur wenigen Minuten war nichts davon übrig. Das Interessanteste war, dass sie weder von meiner anfäng­li­chen Zuneigung noch von meinem plötz­lich einset­zenden Gefühlswandel auch nur das Geringste mitzu­be­kommen schien. Am Ende unserer Unterhaltung war ich mir sicher, dass sie jeden Typen exakt so behan­delte wie mich gerade, auf welcher Mauer welchen Eilands auch immer sie gerade ihre Schönheit in die Welt hinaus­schrie.

Übrig blieb eine auf ein Stück Taschentuch gekrit­zelte email-Adresse sowie die Aussicht, Ellin in Honduras wieder­zu­treffen. Ich wusste schon jetzt, dass es dazu niemals kommen würde. Und war OK damit. Völlig OK. So wenig ich es mir auch erklären konnte, so hatte sich doch die komplette Verliebtheit ungefähr so schnell verflüch­tigt wie sie aufge­taucht war. Mein Herz war schlag­artig wieder frei und offen für die Abenteuer, die noch vor mir lagen. Von einem Moment zum nächsten. Ein Hauch von Traurigkeit darüber, dass die Liebe mich auf ein Neues nur gestreift hatte, wurde schnell abgelöst von einem Gefühl großer Erleichterung, dass ich das wenigs­tens noch hatte klären können, bevor ich die Insel verließ.

Am Pier wartete bereits der alte Kapitän mit meinem Ticket in der Hand. Ich war ihm sehr dankbar. Ihm, und der generellen Obsession der Mittelamerikaner mit Gefühlsangelegenheiten. Überraschenderweise wollte er gar nicht viel von mir wissen, eigent­lich nur, ob ich nun endlich bereit sei, Caye Caulker zu verlassen. Ich bejahte entschlossen. Bevor er mit seiner wetter­ge­gerbten Hand das kleine Kassettenradio mit der Bachata-Compilation einschal­tete, lächelte er mit der Zigarette im Mund breit in meine  Richtung. Aus dem Mundwinkel nuschelte er vergnügt: »El amor – la mas grande aventura de la vida!« (Die Liebe – das größte Abenteuer des Lebens)

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Bye bye, Caye Caulker!


Kommentare

  1. Avatar von Joas Kotzsch
    Joas Kotzsch

    Angefangen zu lesen, reinge­zogen worden, zu Ende gelesen 🙂 Das war ein sehr schöner Einstieg in den Montag heute morgen.

    1. Avatar von Marco

      Das freut mich sehr, Joas! Danke und allzeit safe travels! Marco

  2. Avatar von Jennifer und Peter

    Wunderschön erzählt. Habe kräftig mitge­fühlt.
    Und danke für die Erinnerung an eine schöne Zeit auf Caye Caulker.
    »Go Slow!«

    1. Avatar von sylvia

      …go slow… there is no hospital on the island but two cemeteries? 😀

    2. Avatar von Marco

      Hah hah, ›Go slow‹! Die Schilder hatte ich ja ganz vergessen! Vielen lieben Dank für Dein Lob!
      Safe travels,
      Marco

  3. Avatar von sylvia

    Schön, wirklich sehr schön geschrieben.
    Ich mag beson­ders die Gedanken zu deiner Herangehensweise an die ganze Reise, die Schilderung deiner Eindrücke und Erlebnisse der ersten Monate und den plötz­li­chen Bruch… wahrschein­lich weil ich diesen Teil aus eigener Erfahrung sehr gut nachvoll­ziehen kann. Irgendwann gab es dann eine Begegnung und ich habe genau die Chance des Zurückgehens, Initiative-Ergreifens, die sich einmal ganz kurz ergeben hat, nicht ergriffen und mich wochen­lang darüber geärgert…
    Und dann gab es doch eine weitere Begegung, vier Monate später, auf einem anderen Kontinent.… und es alles ganz schnell ganz anders als erwartet: einfach wegge­blasen. Aber das angenehm-unange­nehme Gefühl in der Zwischenzeit hatte trotzdem seinen Reiz 🙂 – Danke dir für’s Erinnerungen aufleben lassen 😉

    1. Avatar von Marco

      Vielen Dank für Dein Lob, Sylvia! Schön, wenn ich mit meiner Geschichte Erinnerungen aufleben lassen konnte. Und witzi­ger­weise war ich mir gerade unsicher darüber, ob die ersten Absätze wirklich in die Geschichte mit reinmüssen. Jetzt bin ich beruhigt!
      Safe travels,
      Marco

  4. Avatar von Nicole Kositzki

    Ein wunder­schöner Bericht – auch ohne Liebes-happy-end. Die Liebe kommt – meistens wenn man gar nicht damit rechnet!
    Mein Kuba- Bericht ist jetzt fertig.
    Liebe Grüße

    Nic

    1. Avatar von Marco

      Danke, Nicole! Und ja: Das stimmt. Manchmal nämlich auch erst, wenn man wieder zu Hause ist. 😉
      Safe travels,
      Marco

  5. Avatar von Mandy // Movin'n'Groovin

    Sehr schön geschrieben, Marco! Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen, weil ich unbedingt das Ende wissen wollte. Dieses Gefühl, wenn man sich in jemanden verliebt/​verknallt und dann beim Kennenlernen merkt, dass man eigent­lich gar nicht viel gemeinsam hat, ist mir auch schon passiert. Die Erkenntnis ist erst mal doof, letzt­end­lich aber auch gut, dann kann man dieses Thema »abhaken« und quasi mit offenem Herzen weiter­ziehen… Oh man, aber Liebe auf den ersten Blick, so was ist mir noch nicht passiert – bin ein wenig neidisch. 😉

    1. Avatar von Marco

      Danke, Mandy! Genau so ist es. Hätte ich nicht noch heraus­ge­funden, dass sie nicht die Richtige für mich war, hätte mich diese ganze Geschichte sicher­lich noch ein paar Wochen beschäf­tigt. So war wenigs­tens alles wieder offen.
      Und was die Liebe auf den ersten Blick angeht: Du hast ja noch ne Menge Zeit! 😉
      Liebe Grüße,
      Marco

  6. Avatar von Krystian Be via Facebook
    Krystian Be via Facebook

    Bild: lazy lizard bar @ »the split« *seufz*

  7. Avatar von Oleander Auffarth

    Hallo Marco!
    Wunderbar erzählt, sehr leicht­füßig, konnte mich sehr gut in Dich hinein­ver­setzen und mitfühlen. Das hat mich sehr daran erinnert, wie ich verzwei­felt nach einer unbekannten Schönheit in Ubud gesucht habe; als wir uns begegnet waren, hatten wir beide nichts vernünf­tiges heraus­ge­bracht und wegen eines späteren Treffens so verpeilt anein­ander vorbei­ge­redet, dass sich das Wiederbegegnen am Ende als unmög­lich erwies. Bald kannte ich alle Transportunternehmer der Umgebung, rätselte mit ihnen über Variationen des Namens des Hotels/​Restarants, in dem wir uns wieder­treffen wollten. Die haben sich köstlich amüsiert, waren aber auch faszi­niert von meiner Hartnäckigkeit. Schön, dass ich nicht der letzte verblie­bene Romantiker mit Hardcore-Kopfkino (Hochzeitspläne vor dem zweiten Schritt…) bin 🙂 Für die Momente, in denen die Liebe auf beiden Seiten entstand, war es das mehr als wert! Und wird es immer sein…
    Liebe Grüße! Oleander

    1. Avatar von Marco

      Danke, Oleander! Wenn ein Attribut ein großes Kompliment ist, dann ist es wohl leicht­füßig! Ich bin ganz mit Dir, was die Romantik angeht. Auch wenn man sich noch so zum Affen macht, sollte man nie aus Scham davor eine Chance auf die Liebe verpassen!
      Wie ist denn Deine Gesichte letzt­end­lich ausge­gangen?
      Liebe Grüße,
      Marco

    2. Avatar von Oleander Auffarth

      so schauts aus; außerdem ist »sich zum Affenmachen« eine Spezialität von mir. Ich fand mich in Ubud in Hotels wieder, die überzeugt waren, ich wollte ein Zimmer mieten und mir eins schöner als das andere gezeigt haben, bis ich ihnen klar machen konnte, dass ich einen Gast suche und Einblick in das Gästebuch erhielt. Auch wenn ich meine rastlose Suche mir viele Sympathien eintrug und mir die Taxifahrer irgend­wann Helikopter zur Suche anboten, war alles erfolglos. Aber ich habs versucht und irgend­wann konnte ich herzlich über mich selbst lachen. Zur Liebe habe ich eine andere Geschichte verfasst, vielleicht findest Du Dich da wieder. Im Unterkapitel »die Sache mit dem Moskitonetz« habe ich mich richtig anständig zum Affen gemacht. Ach, die Liebe…
      http://reflexioneneinessuchenden.blogspot.de/2013/03/reisereportage-heaven.html

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