Der Geschmack des alten Asiens

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Reisen beginnt mit Bildern und mit Worten. Saigon – was verbirgt sich hinter diesem Namen? Er klingt nostal­gisch in den Ohren, er liegt auf der Zunge wie der Geschmack eines alten Asiens, das man nie gesehen hat – man hat nur darüber gelesen in Büchern von Tiziano Terzani. Eine Schimäre also, eine alberne Spinnerei des Geistes. Garküchen und Köstlichkeiten sieht man vor sich, Gebratenes und Gedünstetes, ein Gewühl, ein Grundrauschen, das niemals aufhört, Tag und Nacht. Und wie ist Saigon, das niemand Ho-Chi-Minh-Stadt nennt, tatsäch­lich?

Es ist nicht schön im Sinne von: verwun­schen, provi­so­risch, energie­ge­laden. Das Halbfertige, Ärmliche, Verwinkelte kann pitto­resk sein für westliche Augen. Eine Ästhetik der Bedürftigkeit, der man sich nicht entziehen kann, obwohl alle ratio­nalen Gedanken sie als falsch deklas­sieren. Doch Saigon ist längst Zukunft. Motorbikes statt Rikschas, vierstö­ckige Wohnparzellen, Raummangel, wohin man auch schaut. Schnell geht es zum nächsten Geschäft. Die Werbetafeln der inter­na­tio­nalen Konzerne überragen die Straßen, bedroh­lich und verhei­ßungs­voll zugleich.

In der Pham Ngu Lao, wo es die Backpacker auswirft, die in Saigon aufschlagen, macht der Monsunregen am Abend sofort furchtbar melan­cho­lisch. Hier laufen sie umher, die Hedonisten aus Europa und Australien, in Tank Tops und Hotpants, als sei Asien ein einziger großer Strand. Die Prostituierten fragen: »Where are you going?« – und wer könnte schon sagen, dass er das wüsste?

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Worum es geht: einen Eindruck bekommen von der Stadt, sich den Weg bahnen durch Häuserschluchten und enge Gassen, die Erwartungen abglei­chen, die man von zu Hause mitbringt, immer. Über den Ben-Thanh-Markt nach Osten bis zur Le Loi, das franzö­si­sche Erbe bestaunen. Es ist nicht mehr so präsent, es wird unsichtbar in einer unüber­sicht­li­chen Moderne, die den Anspruch hat, wenig zu kosten und möglichst funktional zu sein. So sehen die meisten Straßen und Häuser in Saigon aus.

Gleichzeitig ist da die anregende Geschäftigkeit einer asiati­schen Millionenstadt, die einen gleich in diesen produk­tiven Optimismus versetzt. Man will am liebsten, gleich jetzt, mit etwas beginnen, das man sich schon lange vorge­nommen hat. Alle Zweifel zerstreuen sich in der lauten, rausch­haften Komposition der Metropole. Die Vereinigten Staaten haben ihr Geld in diese Stadt gesteckt, um Krieg führen zu können. Davor waren die Franzosen hier. Alte Renaults fahren unter Platanen, die etwas Schatten auf die feuchte Stirn werfen. Einkehr in den Cafés für die urbane Mittelschicht, bei Trung Nguyen Coffee zum Beispiel, wo der Raum brutal herun­ter­ge­kühlt ist, weil das fortschritt­lich sein soll.

Schwer zu sagen, ob die Menschen wirklich optimis­tisch sind. Man spürt aber diese Zuversicht, dass es einen Kuchen gibt, von dem jeder satt wird, der nur hart genug arbeitet (das alte Versprechen Amerikas). Der Tourismus: vorbild­lich durch­or­ga­ni­siert. Die Hostels können im Prinzip alles beschaffen – Bustickets, Ausflüge, Landeswährung, Dollars. Keine Zeit geht verloren, denn irgendwer verliert sonst Geld, und das ist nicht gut. Das Gefühl des Reisenden: Man ist mehr Produkt als Gast. Man muss sich der Inbesitznahme entziehen, aber das ist schwierig auf einer Reise durch Vietnam.

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Was diese Stadt mitge­macht hat: vor allem natür­lich den Vietnamkrieg, von dem Richard Nixon meinte, sein eigent­li­ches Ziel sei Frieden gewesen. Der Wiedervereinigungspalast ist heute ein harmloser Ort, altes kommu­nis­ti­scher Kriegsgerät steht in der Sonne herum. Am 30. April 1975 trieben nordviet­na­me­si­sche Truppen die Amerikaner aus dem Gebäude, der Krieg war verloren. Die große ameri­ka­ni­sche Psychose »Nam« war offiziell zu Ende, aber sie wirkte in der Gesellschaft weiter. Niemand ist unbesiegbar.

Wie muss es heute für einen Amerikaner sein, die Tunnel von Cu Chi zu besuchen? Durch die engen Röhren kroch der Vietcong, und noch heute kriegen die Touristen Platzangst, wenn sie sich durch die dunklen Gänge zwängen. Der Krieg im Dschungel war nicht zu gewinnen für den weißen Mann, der die Tropenkrankheiten mit dem Rauch seiner Marlboros vertreiben wollte. Ein Tagesausflug ist für den Preis eines Essens in einem gehobenen Saigoner Restaurant zu haben.

Tourguide Micky (was für ein Name für einen Vietnamesen) ist berufs­be­dingt gut aufge­legt. Er lobt das Verzeihen. Wenn ein Unrecht geschehen sei, dann könne man zwei Dinge tun: »Kiss or kill.« Das klingt großartig. Vietnam funktio­niert, wo der Markt funktio­niert. Halt in der Souvenirhalle, wo fabrik­ge­fer­tigtes Kunsthandwerk verkauft wird: vier Meter hohe Vasen, Porzellantiger in Originalgröße, lachende Buddhas aus Industriekunststoff, Schüsseln, Tischuntersetzer.

Vielleicht hat Amerika doch gewonnen.

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Kommentare

  1. Avatar von Jürgen
    Jürgen

    Danke für den nachdenklich/​ philo­so­phi­schen Bericht. Wir werden im April in Vietnam sein.

  2. Avatar von Barbara
    Barbara

    Wunderbare Artikel – Merci!

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