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Das Leben ist ein Roadtrip

„Ein Road­t­rip? So wie Thelma und Louise?“ fragte ein Freund vor der Abreise. In Gedan­ken sah ich Lara und mich im Auto auf einer die­sen end­lo­sen, schnur­ge­ra­den Stra­ßen zur Musik mit­sin­gen. Mit Wind und Son­nen­brille im Haar. Und auch ein biss­chen auf der Flucht – zwar nicht vor der Poli­zei wie die Frauen in dem Film. Aber wer reist, ist doch immer auf der Flucht vor irgendwas.

Mit Hilde sicher ans Ziel

Diese Stra­ßen jeden­falls – sie sind genau so, wie ich sie mir vor­ge­stellt habe. Gleich am ers­ten Tag packe ich meine Fahr­angst am Kra­gen, zerre sie von der Rück­bank und schmeiße sie aus dem Auto. Fünf Jahre lang habe ich mich vorm Auto­fah­ren gedrückt, aber hier im Süden von Nevada kann nun wirk­lich nichts schief gehen. Auto­ma­tik, kaum Gegen­ver­kehr, links und rechts Steppe, am Hori­zont ein paar Berge und ansons­ten: gar nichts.

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Noch dazu haben wir Hilde. So heißt unser Navi. Hilde kann kein Eng­lisch, sie spricht die Stra­ßen- und Orts­na­men so aus, wie sie geschrie­ben ste­hen. In Rich­tung „Doofen­to­wen“ (Down­town) schickt sie uns und in den Natio­nal­parks zum „Ent­ranze“ (Ent­rance). Aber auf Hilde ist Ver­lass. 3000 Mei­len weit.

Zehn Uhr abends, irgendwo in Ari­zona. Die Kli­ma­an­lage pus­tet seit Stun­den tap­fer gegen die 38 Grad von drau­ßen an. Es ist längst dun­kel, als wir in der abge­le­ge­nen Wüs­ten­stadt Page ankom­men. Kei­nen Meter wei­ter wol­len wir fah­ren, nur ein Bett müs­sen wir noch fin­den. Wir klap­pern fünf Motels ab – alle aus­ge­bucht. Mit jedem „Nein“ mischt sich mehr Resi­gna­tion in meine Müdig­keit. Am sechs­ten Motel, ver­steckt in einer Sei­ten­straße, hängt ein Zet­tel mit einer Tele­fon­num­mer. Man möge anru­fen, es sei für heute noch was frei. Zehn Minu­ten spä­ter biegt ein Auto auf den Hof und ein Engel steigt aus. Mit nas­sen Haa­ren und rosa Plas­tik­lat­schen an den Füßen. Sie habe gerade unter der Dusche gestan­den, als das Tele­fon klin­gelte, ruft uns die kleine, rund­li­che Frau namens Shan­non fröh­lich zu. Eine Feri­en­woh­nung gebe es da noch.

Das Apart­ment ist viel zu groß und eigent­lich zu teuer. Aber so ver­lo­ckend gegen­über einer Nacht im Auto. Spä­ter decke ich mich im Queensize-Bett mit dem Gefühl von Sicher­heit zu: Mal wie­der alles gut gegan­gen. Mal wie­der umsonst die Laune ver­ha­geln lassen.

Staunend und neugierig wie Kinder

Am nächs­ten Tag ste­hen wir mit offe­nen Mün­dern im Ante­l­ope Can­yon. Ein begeh­ba­res Natur-Kunst­werk: Wind und Was­ser haben die Fel­sen um uns herum ange­spitzt und rund geschlif­fen, Licht lässt den Sand­stein gold­gelb bis kirsch­rot leuch­ten. Wir packen unsere Kame­ras gar nicht mehr weg. „Du bist nur ein­mal hier. Genieße es!“, denke ich bei jedem zwei­ten Klick. Eines der Fotos schi­cke ich spä­ter einem Freund. „Hast Du das selbst auf­ge­nom­men?“, fragt er. „Ja! Es sieht dort wirk­lich so aus!“, ant­worte ich.

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Diese wert­vol­len Hier-und-Jetzt-Momente. Es gibt reich­lich davon. In San Diego essen wir vom welt­bes­ten Chees­e­cake, bis uns schlecht wird. Im Yose­mite Park trot­tet ein jun­ger Schwarz­bär vor unse­rem Auto über die Straße, minu­ten­lang glot­zen wir ihm hin­ter­her. In der Stadt Flagstaff mer­ken wir nur zufäl­lig, dass wir auf der Route 66 unter­wegs sind.

Oder der Beach Board­walk: Dass mit­ten am Strand von Santa Cruz Kali­for­ni­ens ältes­ter Ver­nü­gungs­park steht, erfah­ren wir erst, als wir in der Stadt süd­lich von San Fran­cisco ankom­men. Nur ein Park­platz trennt ihn von unse­rem Motel. Der Wind trägt die ver­gnüg­ten Schreie der Fahr­gäste in unser Zim­mer. Mit klop­fen­den Her­zen und neu­gie­rig wie Kin­der lau­fen wir los, kaum dass wir Kof­fer und Ruck­sack abge­stellt haben. Wir freu­gru­seln uns in der Geis­ter­bahn und noch mehr im „Giant Dip­per“, einer Holz­ach­ter­bahn von 1924, die viel schlim­mer ist, als sie aus­sieht. Und dann las­sen wir uns in der  Spiel­halle die Zukunft vor­her­sa­gen. Alles wird gut, steht – zusam­men­ge­fasst – auf dem Zet­tel, den der Auto­mat auf Knopf­druck ausspuckt.

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Dabei kann er uns eigent­lich gestoh­len blei­ben, der Gedanke an die Zukunft. So schwer hat er sich bis­lang abhän­gen las­sen. Sobald wir mal nicht mit jeder Faser mit Erle­ben beschäf­tigt sind, sobald wir wie­der nur stun­den­lang auf einer die­ser Stra­ßen gera­de­aus fah­ren, fläzt er sich frech in unsere Mitte und flüs­tert uns seine ner­vi­gen Fra­gen ins Ohr. Uns, den bei­den Sin­gles Anfang 30. Die bei jeder Gele­gen­heit die Tasche packen und abhauen – je wei­ter weg, umso bes­ser, scheint in letz­ter Zeit zu gelten.

Keiner sagt uns, wann wir ankommen

Andau­ernd will er wis­sen, ob wir rich­tig sind auf unse­rem Weg. Als sei das ganze Leben ein Road­t­rip. Nur einer ohne Navi eben. Kei­ner sagt uns, wann wir abbie­gen müs­sen. Oder dass wir viel zu schnell fah­ren. Oder dass wir gera­de­wegs auf einen Stau zuhal­ten. Oder wel­che Stre­cke die bes­sere ist. Und vor allem: Wann wir ankommen.

An einer roten Ampel, zurück in Nevada, fal­len uns die Glückskekse ein, die wir am Vor­abend zusam­men mit der Rech­nung beim Chi­ne­sen bekom­men haben.

„Was steht in Deinem?“
„Learn Chi­nese: Curry Chicken …“
„Hä? Dreh mal um.“
„Achso. Don’t worry. Pro­spe­rity will knock on your door soon. Und bei Dir?“
„Enjoy life! This is not a dress rehearsal.“

Vor uns taucht die Sky­line von Las Vegas auf.

Cate­go­riesUSA
  1. Enno says:

    Sehr cool! Bei „Noch dazu haben wir Hilde. So heißt unser Navi. Hilde kann kein Eng­lisch, sie spricht die Stra­ßen- und Orts­na­men so aus, wie sie geschrie­ben ste­hen. In Rich­tung „Doofen­to­wen“ (Down­town) schickt sie uns und in den Natio­nal­parks zum „Ent­ranze“ (Ent­rance). Aber auf Hilde ist Ver­lass. 3000 Mei­len weit.“ musste ich sehr lachen!

  2. Sebastian says:

    Das sind wun­der­bar beschrie­bene Ein­drü­cke. So ein Road­t­rip ist für mich das abso­lute Sinn­bild von Frei­heit und Seele bau­meln las­sen, ein­fach schön. Ich bekomme rich­tig lust, nur das Nötigste zu packen und direkt zu star­ten. Aber so ähn­lich habe ich mich auch beim Fischen in Öster­reich gefühlt: ein paar Tage allein in der freien Natur. Wunderbar.

  3. Nicki says:

    Ach, wie schön. Was für ein tol­ler Artikel.
    Mein Mann und ich, wir machen auch gerade einen Road­t­rip, aller­dings durch Aus­tra­lien. Doch Vie­les, was du geschrie­ben hast, kann ich tei­len. Ein Road­t­rip bringt so viele tolle, lus­tige, auf­re­gende und unwie­der­bring­li­che Momente!
    Ganz liebe Grüße, Nicki von Simplicity

    http://www.simplicity-leben-reisen-sein.de

  4. Thomas says:

    Hach, das liest sich wie ein Road­t­rip. *seufz*

    Diese Ein­drü­cke, wie Du sie hier so wun­der­bar geschil­dert hat, gehö­ren ein­fach dazu. Genau so wie das Trei­ben las­sen auf so einem Trip, ein­fach das Hier und Jetzt genies­sen und vol­ler Über­ra­schung die Ein­drü­cke aufsaugen.

    Jetzt könnte ich schon wie­der los fah­ren, toll hinbekommen. ;-)

    LG Tho­mas

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