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Cordillera Blanca monochrom (2) – Chopicalqui

Der Mensch will immer höher hin­aus, das ist viel­leicht Teil sei­ner Natur, mög­li­cher­weise auch nur mei­ner Natur, in jedem Fall wollte ich nach dem statt­li­chen Glet­scher­berg Pisco und dem eher als Geröll­hau­fen zu klas­si­fi­zi­ern­den Chachani auf einen rich­tig alpi­nen Eis­rie­sen der Cor­dil­lera Blanca auf­stei­gen: den Cho­pi­cal­qui, 6354 Meter, weit­läu­fige Ver­glet­scherun­gen, steile Firngrate.

Vor allem die luf­tige Schluss­pas­sage ließ mich zuhause, in Deutsch­land, immer wie­der zwi­schen Begeis­te­rung und Ehr­furcht schwan­ken. Doch der Gip­fel soll mir am Ende ver­wehrt blei­ben, wir kön­nen kei­nen Weg durch den Glet­scher­bruch finden.

Immer­hin: Am Cho­pi­cal­qui gibt es dra­ma­ti­sche For­ma­tio­nen aus Fels und Eis zu bestau­nen. Das ist ein klei­ner Trost. Aber wirk­lich nur ein kleiner.

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Morä­nen­la­ger

Wir sind vom Basis­la­ger auf­ge­stie­gen und bauen auf etwa 4600 Metern unsere Zelte auf. Berg­füh­rer Car­los tanzt sport­lich über die Steine, unser schweig­sa­mer Koch Mar­cus macht Essen – alles wie immer.

Lei­der berei­tet das Wet­ter große Sor­gen: Nach­mit­tags geht ein ordent­li­cher Hagel über dem Lager nie­der, der Gip­fel des Cho­pi­cal­qui und seine ver­glet­scher­ten Hänge ver­schwin­den regel­mä­ßig im Nebel. Über­haupt: Wie das Eis wirr und gezackt am Berg zu kle­ben scheint. Zur Stunde erscheint es eini­ger­ma­ßen unrea­lis­tisch, über­haupt je die höhe­ren Sphä­ren des Ber­ges errei­chen zu können.

Der Laie ver­spürt Unsi­cher­heit, er will am liebs­ten ganz klar wis­sen, ob ein Auf­stieg zum Hoch­la­ger mor­gen mög­lich sein wird. Man muss an die Pro­fi­berg­stei­ger den­ken, die oft meh­rere Wochen im Basis­la­ger vor irgend­ei­nem Wand­fuß im Kara­ko­rum aus­har­ren, bevor es über­haupt ein Wet­ter­fens­ter für den Auf­stieg gibt. Diese Zeit haben wir: nicht.

Der Hagel hat – psy­cho­lo­gisch wich­tig – auf­ge­hört. Immer wie­der gehen Teile des Glet­schers vor uns als Eis­la­wi­nen ab, das Echo wird von der Fels­wand hin­ter dem Zelt zurück­ge­wor­fen. Glet­scher bewe­gen sich, das merkt man hier.

Der vor­aus­ah­nende Car­los: „We have to wait for tom­mor­row.“ Völ­lig klar.

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Im Glet­scher­bruch

Der nächste Mor­gen ist dann doch „hei­ter bis wol­kig“, so würde man das im Radio sagen. Wir machen uns auf den Weg ins Hoch­la­ger auf über 5000 Metern.

Lei­der gibt es keine Spur durch den Glet­scher­bruch, weil wir rela­tiv spät in der Sai­son unter­wegs ist: Es ist Anfang Okto­ber. Die letz­ten Berg­stei­ger, zwei Spa­nier, seien vor zwei Wochen am Berg gewe­sen, berich­tet Car­los – sie seien aber nicht bis auf den Gip­fel gegan­gen. Das heißt an die­sem Tag: selbst einen Weg finden.

Der immer kun­dige Car­los geht sou­ve­rän vor­aus, ich sichere ihn mit einem Seil. Wir lau­fen über Türme und Blö­cke aus Eis, die in nicht abseh­ba­rer Anord­nung durch­ein­an­der­ge­wür­felt zu sein schei­nen wie Häu­ser nach einem Erd­be­ben. Bis zu 80 Meter tiefe Spal­ten zie­hen sich durch das Eis, oft lie­gen sie unter Schnee ver­bor­gen. Man sieht dann nur eine leichte Delle im Boden.

Das Eis reflek­tiert die Sonne so stark, dass meine Iso­matte außen am Ruck­sack schmilzt.

Irgend­wann bleibt Car­los ste­hen und sagt: „We can­not go this way.“ Car­los steht auf einer Schnee­brü­cke, das hat er gemerkt, weil sein Eis­pi­ckel durch den Boden bis in einen Hohl­raum gehackt hat. Die Spalte sei beim letz­ten Mal noch nicht so breit gewe­sen, hier könne man nicht weitergehen.

Der Kunde schaut ungläu­big und denkt: Gut, der Car­los kennt den Berg, er wird sicher einen alter­na­ti­ven Weg fin­den. Wir fol­gen einer ande­ren Spalte, doch irgend­wann klafft wie­der nur ein rie­si­ger Abgrund auf. Viele Optio­nen gibt es nicht, und wir haben natür­lich keine Alu­mi­ni­um­lei­ter dabei.

Nach einer hal­ben Stunde ist klar: Wir fin­den kei­nen Weg durch den Gletscherbruch.

Lang­sam sackt die Ent­täu­schung ins Bewusst­sein. An die­ser Stelle ist offen­sicht­lich Schluss. Letz­ter Wider­wille, Frage an Car­los: Gibt es über­haupt einen Weg auf den Gip­fel? Ant­wort Car­los: Nein, vor­erst gibt es auf die­ser Route kei­nen siche­ren Weg auf den Gip­fel. Er werde das der Agen­tur in Hua­raz melden.

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Abstieg

Totale Resi­gna­tion im Morä­nen­la­ger. Das kann es doch jetzt nicht gewe­sen sein. Die Expe­di­tion ist ja kaum rich­tig losgegangen.

Ist es frus­trie­ren­der, 50 Meter unter­halb des Gip­fels in einem Schnee­sturm umkeh­ren zu müs­sen oder bereits auf dem Weg zum Hoch­la­ger wegen einer ein­zel­nen Glet­scher­spalte? Schwer zu sagen.

Der erfah­rene Berg­füh­rer Car­los sieht natür­lich die Ent­täu­schung sei­nes Kli­en­ten und ver­sucht ihn etwas auf­zu­hei­tern. Er selbst habe auch schon oft umkeh­ren müs­sen, zum Bei­spiel bei einem Acon­ca­gua-Spee­dascent vor drei Jah­ren. Da habe er natür­lich die 800 US-Dol­lar Ein­tritt für den Natio­nal­park schon gezahlt gehabt und dann: schlech­tes Wet­ter, Abbruch 400 Meter unter­halb des Gipfels.

Dann lächelt Car­los und sagt den ulti­ma­tiv wei­sen Satz: „That’s the mountains.“

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HuascaranDSC_2591HuascaranNevado Pisco

Cate­go­riesPeru
  1. Ute says:

    Tut mir sehr leid, dass ihr nicht zum Gip­fel gelan­gen konntet.
    Aber nach den atem­be­rau­ben­den Fotos, habt ihr etwas ganz beson­de­res gese­hen und dafür hat es sich sicher gelohnt. Beim nächs­ten Mal habt ihr dann viel­leicht mehr Gipfelglück.
    Ich drü­cke fest die Daumen! :-) 

    Die Fotos in Schwarz/Weiß sind übri­gens per­fekt und nichts wäre bes­ser geeig­net, als die Land­schaft darzustellen. 

    Danke für’s mitnehmen!

    1. Ich habe extra auf Schwarz-Weiß gesetzt, weil der Glet­scher, das Eis, der Him­mel und die Fel­sen ohne­hin kom­plett farb­los waren. Bei bes­tem Wet­ter und viel Sonne würde ich dir Recht geben.

  2. Timo Sommer says:

    Das tut mir sehr Leid, dass ihr es nicht bis zu Gip­fel geschafft hab aber die Bil­der sind trotz­dem spitze. Aber ich denke die Reise war den­noch nicht ganz umsonst. Manch­mal ist es ganz gut zu erfah­ren, das die Natur immer noch ein Wört­chen mit­zu­re­den hat. Auch wenn wir noch so mit der moderns­ten Tech­nik aus­ge­stat­tet sind, die Natur kön­nen wir nicht immer beherr­schen. Ich habe diese Erfah­rung unzäh­lige Male beim Segeln gemacht. Viel­leicht klappt es ja beim nächs­ten Mal. 

    Viele Grüße Timo
    http://www.headformylife.com

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