Die­ser Tag sollte der Letzte auf Caye Caul­ker wer­den. Die Insel, von der wir eigent­lich gar nicht weg woll­ten. Sin­gende Men­schen auf Fahr­rä­dern, offene Begeg­nun­gen mit­ten auf der Straße, inter­es­sante Men­schen mit inter­es­san­ten Lebens­ge­schich­ten, Gelas­sen­heit an jeder Ecke und die offi­zi­elle Anord­nung lang­sam zu gehen. Nicht nur auf, son­dern auch um die Insel gab es viel zu ent­de­cken: Ein beein­dru­cken­des Riff mit lau­ter wil­den Meerestieren.

1.Go Slow

Diese woll­ten wir an unse­rem letz­ten Tag ent­de­cken und hüpf­ten in ein klei­nes Boot mit einem klei­nen loka­len Mee­res­ken­ner: Popes. Popes hatte nicht nur viele lockere Sprü­che drauf, son­dern auch offen­sicht­lich Was­ser­rönt­ge­n­au­gen. Denn er fuhr im wei­ten Meer ziel­stre­big an Stel­len, wo sich die Tier­chen tum­mel­ten. Wir schwom­men mit einer See­kuh, die beein­dru­ckend groß und beein­dru­ckend ent­spannt mal hier, mal da durch’s Was­ser glei­tete. Ebenso mit Man­ta­ro­chen, Schild­krö­ten, Bar­ra­ku­das und etli­chen Fisch­schwär­men. Am inten­sivs­ten aber waren für mich die Haie, die ich sogar am Kopf strei­chelte. Bis dahin dachte ich, man strei­chelt nur nied­li­che Tiere. Sie füh­len sich nicht schlei­mig glatt, wie erwar­tet, son­dern run­ze­lig grob­kör­nig an.

1.Island_Magic

Spä­ter stran­de­ten wir mit all unse­ren klei­nen Beglei­tern – Boot, Popes, Mee­res­ehr­furcht – auf einer klei­nen Insel. Es gab zwei Hunde, einen Lager­feu­er­platz, einen Gas­ko­cher und einen Toi­let­ten­sitz über dem Meer, der Zivi­li­sa­tion vor­täuschte und gleich­zei­tig auf’s Korn nahm. Ansons­ten war die Insel wun­der­bar ein­sam. Im Son­nen­un­ter­gang fisch­ten und brie­ten wir unser Abend­essen. Wenn es auch etwas absurd war, dass wir die zuvor fas­zi­niert gefun­de­nen Fische nun ver­speis­ten – wir leb­ten den Robins­on­traum für einen Abend.

1.Hammock_Sunset

Da die Sonne um sechs Uhr unter­ging und der Wind uns den gan­zen Tag um die Nase gebla­sen hatte, fühlte sich die neun Uhr Rück­kehr bereits wie tiefe Nacht an. So tief, dass wir nicht mehr in der Lage waren, uns für die ein­zige Abrei­se­fähre am nächs­ten frü­hen Mor­gen zu orga­ni­sie­ren. Es wäre ein tol­ler letz­ter Tag gewe­sen – so toll, dass wir noch einen davon woll­ten. Aus Müdig­keit, aber noch viel mehr aus Abschieds­me­lan­cho­lie ent­schie­den wir uns, die Fähre sau­sen zu lassen.

Am nächs­ten Mor­gen waren wir froh, dass die Mee­res­luft-Über­do­sis uns zum Blei­ben bewegt hatte. Wir star­te­ten in den Tag, als wür­den wir schon ewig auf Caye Caul­ker woh­nen. Wir nah­men unser Ome­lett­früh­stück, füll­ten die Was­ser­fla­schen am Lieb­lings­was­ser­spen­der und taten auch sonst, was wir immer dort taten: Über die Insel strei­fen, Begeg­nun­gen an jeder Ecke haben, schwim­men, wenn wir schwim­men wol­len, essen, wenn wir essen wol­len. Bis wir am Abend kurz vor den Mücken flie­hen müs­sen – und anschlie­ßend wie­der losstreifen.

1.Kids

Gleich beim ers­ten Schwimm­stopp tra­fen wir auf Ben. Big Ben. Er hatte einen Man­ta­ro­chen gesich­tet und wollte sei­nen beein­dru­cken­den Mee­res­fund mit uns tei­len. Mit nur einem Schnor­che­le­quip­ment aus­ge­stat­tet, streif­ten wir in Enten­for­ma­tion zu dritt durch’s Was­ser auf der Suche nach ihm. Da wir im Was­ser eine ziem­lich gute Drei­er­kon­stel­la­tion abga­ben, ver­such­ten wir es anschlie­ßend auch an Land und streif­ten über die Insel. Big Ben konnte uns noch einige unent­deckte Ecken zei­gen. Dank unse­rer vor­an­ge­gan­ge­ner Streif­züge klappte das aber auch vice versa. Er fügte sich ohne­hin ohne Rei­bung wun­der­bar in unse­ren Streif­rhyth­mus ein – und wir schwom­men, wenn wir schwim­men woll­ten, aßen, wenn wir essen woll­ten und hat­ten nette Begeg­nun­gen an jeder Ecke.

1.Split_Bar

1.Kiteman

Big Ben war sel­ber kein Insel­ur­ein­woh­ner, aber vor zwei Jah­ren nach Caye Caul­ker gezo­gen. Er bewohnt ein Haus in der hin­ters­ten Ecke der Insel. Es ist groß­zü­gig und offen geschnit­ten. Außer zum Bad gibt es keine Türen und aus jedem Zim­mer kann man das Meer sehen. Am Bes­ten geht das jedoch von den Hän­ge­mat­ten auf dem Dach.

1.Sea_Kids

Bens Lei­den­schaft sind Kokos­nüsse, denn einst heil­ten sie ihn von Den­gue­fie­ber, erzählt er uns. Des­we­gen gibt es in sei­nem Haus neben einem gro­ßen Vor­rat an fri­schen Kokos­nüs­sen Unmen­gen gekühl­tes Kokos­nuss­was­ser, gefro­re­nes Kokos­nuss­was­ser, den bes­ten Kokos­nuss­öff­nungs­ham­mer, denn ich je gese­hen habe, einen Kokos­nuss­fleisch­her­ausdüb­ler, Kokos­nuss­kör­per­creme, Kokos­nus­san­ti­mü­ckenöl und leere Scha­len über­all. In sei­nem Kokos­nuss­haus kann Big Ben für sich sein und seine aktu­elle Mis­sion ver­fol­gen: Ein Buch schrei­ben. Wenn er Gesell­schaft will geht er ein­fach auf die Straße. Hier kennt man sich – und Big Ben ist nicht zu übersehen.

1.Kokospalme

Wie wir so streif­ten, kannte er einige der Insel­be­woh­ner, denen wir begeg­ne­ten. Wir wur­den immer gleich als Freunde vor­ge­stellt und warm begrüßt, was uns das Gefühl loka­ler Zuge­hö­ri­ger anstatt frem­der Besu­cher gab. Das war ein tol­les Gefühl. Gerade auf die­ser wun­der­ba­ren Insel, auf der man ein­fach nur blei­ben möchte. Es war wie ein Gefühl auf Probe. Ein­mal aus­pro­bie­ren, wie es sich anfühlt, tat­säch­lich zu bleiben.

1.Tattoo

Es war ein Diens­tag – und auch wenn sich hier nichts nach All­tag anfühlt, tra­fen wir auf Men­schen mit­ten in ihrer All­tags­rou­tine. Sie fuh­ren gerade ein­kau­fen, arbei­te­ten in ihrem Laden­ge­schäft, mach­ten Mit­tags­pause, wer­kel­ten an ihrem Haus. Doch all das mit tie­fer Gelas­sen­heit und einem Sinn für’s Rou­ti­ne­bre­chen. Sie luden uns zu sich ein, erzähl­ten von sich, zeig­ten Ein­bli­cke in ihr Leben. Es schien, als sei sogar der all­täg­li­che Weg zum Müll hier ein Akt des Genuss’. Auch wenn es all­täg­li­che Not­wen­dig­kei­ten zu tun gibt, gibt es hier immer ein­mal mehr Zeit für Entspannung.

1.Gang_Sundown2

Eine Begeg­nung erzählte uns von den Kro­ko­di­len, die kurz vor Son­nen­un­ter­gang immer auf die Roll­bahn des Mini-Flug­plat­zes krie­chen. Also mach­ten wir an die­sem ein­fa­chen Diens­tag Nach­mit­tag noch eine Expe­di­tion zu den Kro­ko­di­len. Auch wenn alles klein ist und jeder alles und jeden kennt, gibt es hier immer noch etwas Neues zu entdecken.

1.Gang_Sundown

Gro­ßes Thema war über­all die Hal­lo­ween­feier, die vor der Tür stand. Alle über­leg­ten an ihrem Kos­tüm. Auch Big Ben hatte noch keine Idee und der nächste Kos­tüm­la­den war see­mei­len­weit ent­fernt – und hätte eh nicht seine Größe. Also bas­tel­ten wir ihm ein Kos­tüm aus einem Bett­la­ken, einem Papp­kar­ton – und zwei Kokos­nüs­sen. Er wurde zur Prin­zes­sin Leia. Was am wenig prin­zes­sin­nen­haf­ten Big Ben ange­zo­gen noch bes­ser als in der Theo­rie, weil vol­ler Selbst­iro­nie, war. Auch wenn es nicht viele Mög­lich­kei­ten gibt, gibt es hier immer noch Raum und Fan­ta­sie, sich diese sel­ber zu erdenken.

1.Plane

So flog der Tag vor sich hin, bis wir abends merk­ten, dass unser letz­ter Tag genau wie am vori­gen letz­ten Tag plötz­lich vor­bei ging. Da die Sonne um sechs Uhr unter­ging und wir so viel gestreift, geschwom­men, begeg­net waren, fühlte sich die neun Uhr Rück­kehr bereits wie tiefe Nacht an. So tief, dass wir nicht mehr in der Lage waren, uns für die ein­zige Abrei­se­fähre am nächs­ten frü­hen Mor­gen zu organisieren.

 

Genau so hät­ten wir jeden Tag wei­ter unse­ren letz­ten Tag ver­schie­ben kön­nen. Das Gefühl auf Probe hatte die Probe bestan­den. Doch wir hat­ten einen Anschluss­flug gebucht.

 

Cate­go­riesBelize Welt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.